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Guadelupe – Perspektiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Guadalupe, Persepktiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko-Stadt, im Dezember 2011

Vorweihnachtliches Marketing überschwemmt auch die  Strassen, Geschäfte und Massenmedien in den Großstädten Mexikos, dort leben inzwischen 80 % der Bevölkerung. Überall gibt es üppig geschmückte Weihnachtsbäume, Lichterketten, Nikolaus Figuren und die obligate europäische und nordamerikanische Weihnachtsmusik. Kaufen und Verkaufen ist oberstes Gebot. Besonders die Unterhaltungselektronik stellt sich riesig heraus mit verführerischen Sonderangeboten. Kreditmöglichkeiten werden gleich genannt: “Auch wenn Du es nicht (bezahlen) kannst, mit uns kannst Du doch alles!” Das ist “Kommerz – Philosophie”.

Insbesondere in der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat deshalb ein beängstigender Stress begonnen. In Gesprächsrunden über “kritischer Konsum” versicherten mir in diesen Tagen verschiedene Eltern: Es gibt eine Art “affektive Erpressung” durch die heranwachsenden Kinder, die die neuesten Versionen von Videospielen, iPad, I Phone, MP3 Player mit Touchscreen u.s.w. nicht nur wünschen, sondern glasklar erwarten, mit Argumenten wie  “… meine Freundinnen bekommen auch und wie stehe ich dann da?” Bei den Eltern wächst zugleich das schlechte Gewissen. So erzählt eine Mutter von drei Heranwachsenden: “Wir Eltern, wir müssen beide arbeiten, sonst reicht’s nicht. So haben wir zu wenig Zeit für die Kinder… Zumindest mit diesen Geschenken können wir’s wieder gut machen, auch wenn wir uns weiter verschulden!” – Geht das wirklich so: Wieder gut machen?!

Beim weiteren Nachdenken über dieses “wieder gut machen”, kommen die beiden tieferen religiösen Wurzeln der Dezemberfeiern in Mexiko ins Gespräch. Das ist zuerst und vor allem das wohl wichtigste religiöse Fest des Jahres, das “Fest der Guadalupe”. Vorbereitet durch eine Novene (9 Tage) wird es am 12 Dezember bundesweit gefeiert. Und anschliessend beginnen die “Posadas” (Herbergssuche), wiederum eine Novene, um in der Weihnacht am 24. Dezember dann die “Menschwerdung Gottes” mitten unter den armen Menschen zu feiern.

Das Guadalupefest benötigt für Deutsche eine etwas ausführlichere Deutung. Die Eroberung Mexikos durch spanische Truppen, die mit den Fall der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan (jetzt Mexiko – Stadt) 1521 endete, war für die Bevölkerung wie eine Katastrophe, sie war traumatisch. Das seit undenkbaren Generationen geschaffene integrale Kultursystem, das dem Ganzen (= Kosmovision) wirtschaftlich, sozial, politisch und religiös Zusammenhalt und Sinn gegeben hatte, lag zerstört am Boden. Es war nicht nur ein verlorener Krieg, sicher schlimm genug, sondern tatsächlich “das Ende” einer Kultur, und zwar total!  In diesem “Chaos” erscheint das “göttliche Geheimnis” der zerstörten und verstörten Indio – Bevölkerung: eine weiblich – mütterliche Gestalt: “Unsere Frau von Guadalupe”, “Tonantzin” (in der Nahua – Sprache der Azteken), “la Morena” (unsere Dunkelhäuige, wie sie die einfachen Leute nennen).  Die Erscheinungslegende berichtet, dass “die Frau” dem Indio “Sprechender Adler”, getauft auf  “Juan Diego”,  Anfang Dezember 1531 ingesamt viermal begegnet. Diese Gestalt Juan Diego selbst ist eine Legende. Die Frau stellt sich ihm vor als “Eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen!” Das ist das Herz der Botschaft, und es gibt fast keine Mexikanerin und keinen Mexikaner, der diese Worte nicht in seinem Herzen hat. Damit diese Zusage eine institutionelle “Dauererfahrung” werden kann, bittet sie Juan Diego, vom Bischof die Erlaubnis zu erwirken, genau an diesem Erscheinungsort eine “Begegnungsstätte” zu errichten, dort, wo ein (zerstörtes) Heiligtum der göttlichen “Mutter Erde” war. Gesagt, getan. Der misstrauische Bischof bittet jedoch den Indio um einen Beweis. In einer erneuten Erscheinung gibt die geheimnisvolle Dame ihm die Anweisung, auf dem nahen Hügel Rosen zu pflücken und seinen Umhang damit  zu füllen. Juan Diego findet sie dort unter großem Vogelgezwitscher: “Blumen und Gesang”, in der indigenen Symbolsprache bedeutet es “das ist wahr und gut!” Mit dieser Wahrheit als Beweis, kehrt Juan Diego zum Bischof zurück, berichtet die Legende. Als er seinen Umhang mit den Blumen öffnet, wird im Stoff das Bild der “Frau von Guadalupe” sichtbar. Der Bischof ist ergriffen, er kniet sich voller Ehrfurcht hin: Die Amts – Kirche bekehrt sich und muss anerkennen: Die gesamte indianische Religion ist nicht einfach nur Teufelswerk, das zerstört werden muss. Das göttliche Geheimnis offenbart sich inmitten der Besiegten, in deren Symbolsprache. Ein Neuanfang kann nun beginnen von den eigenen indigenen Wurzeln, der eigenen Kultur, Philosophie und Religion her. So erzählt es die Legende, aufgeschrieben im Nican Mopohua, es ist wohl eine der tiefsinnigsten poetisch – philosophisch – theologischenen Schriften in der damaligen Nahua – Sprache.

Wir wissen natürlich aus der Geschichte, dass dann doch die offizielle Religion iberischer Ausprägung auf die Indio – Religion draufgesetzt und durchgesetzt wurde mit all dem, was das schmerzvoll beinhaltete, nämlich die Zerstörung der alten Kultur, auch wenn diese in vielen Elementen bis heute weiter präsent ist .  Zugleich jedoch entstand ein komplexer Synkretismus, wie immer bei kultureller Mischung, ob friedlich oder gewaltsam. So war es schon beim Eindringen des ursprünglich jüdischen Christentums in die griechische, dann römische, dann germanische Welt. Immer ergibt sich ein Vermischen mit der jeweiligen Kultur, Religion und Philosophie. Unser Weihnachtsfest ist ein typisches Beispiel solchen Synkretismus. Aber immer gibt es dabei Sieger und Besiegte, auch in der Verschmelzung religiöser Traditionen.

In Mexiko wurde “Guadalupe” immer mehr zum Symbol der langsam wachsenden nationalen Identität: die indigenen Völker haben sie als die Ihrige angenommen und ebenso auch die wachsende Zahl der Mestizenbevölkerung. Mit dem Bild der Guadalupe als Standarte rief 1810 der Pfarrer Miguel Hidalgo zum Unabhängigkeitkrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft auf: eine Offenbarungserfahrung des Trostes und der Ermutigung im brutalen Alltag wird Botschafterin politischer Befreiung! Diese beiden Elemente sind bleibend präsent. Heute gibt es in Mexiko sicher kein Dorf und keine Stadt, wo nicht zumindest eine Kapelle, ein Weiler oder ein Wohnviertel “Guadalupe” heisst und wo sie am Abend zum 12. Dezember gefeiert wird – besinnlich, gemeinschaftlich und herzlich-  als Fest des Trostes und der Ermutigung zum Neubeginn in allen Lebensdimensionen. “Guadalupe” als Wallfahrtsort inmitten der Riesenstadt Mexiko zählt jährich etwa 20 Millionen Pilger und ist somit mit Abstand der grösste Wallfahrtsort der Welt. An diesem 12. Dezember werden erneut mehr als 3 Millionen Pilger erwartet. “Mexiko ist sicher mehr guadalupanisch als katholisch”, urteilt ein bekannter mexikanischer Religionsforscher. “Wer Mexiko in seiner Tiefendimension verstehen will, muss zuerst und vor allem dieses “Guadalupe – Phänomen” begreifen versuchen”.

Aber nun zurück zum Weihnachtskommerz, dem Konsumkult als dem “Tanz um das goldene Kalb”. Da treffen zwei Welten konträr aufeinander: Zum einen ist es die materialistische Logik der Gewinnmaximierung als Motor von Fortschritt mit immer raffinierteren Verführungsinstrumenten (Symbolsprache) zu noch höherem Konsum, was auch immer er koste. Zum anderen ist es die kulturell – religiös gewachsene Wertewelt mit anderer Symbolsprache, die inmitten eines oft harten oder sogar brutalen Lebensalltag kollektive “himmlische” Begegnungen ermöglicht als Trost und Ermutigung, die auch befreiend werden kann. Genau hier ist der sensible “Ort” menschlicher Betroffenheit, wo “das tut weh” sich umformt in “wir machen es zusammen anders und besser”: Nachbarschaftsgruppen, Bürgerinitiativen, soziale, zivile oder kirchliche  Basisgemeinden praktizieren “anders besser leben” und das schließt Konsumkritik ein: Sich Befreien von Abhängigkeiten und sich neu solidarisch verknüpfen!

Es ist zudem sinnvoll, über weiteres nachzudenken: Alle Völker und Kulturen haben Mythen und Legenden, die Wesentliches ihrer Identität in Symbolsprache ausdrücken: für Israel war es die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für die Römer die Gründung Roms durch Romulus und Remus, für die Christen die Geburt von Jesus von Nazareth in Bethlehem. Ähnliches wäre anzugeben vom indischen Buddhismus oder dem arabischen Islam. Mythen und Legenden haben immer auch Historisches im Ursprung und darüber gibt es wissenschaftliche Forschungen. Dieses Besser- Verstehen erfasst jedoch nicht unbedingt das notwendige Begreifen der Herzensbotschaft, z.B. einer Ursprungslegende, die Millionen von Herzen bewegt. Denn diese tröstet und ermutigt und schafft damit reale Veränderung im Alltag: es sind Lebens- (verändernde) Philosophien.

Möglicherweise ist hier auch die derzeitige Krise eurozentrierter Logik einzuordnen: Eine einseitige, instrumentelle Rationalität mit technologischer Kapazität, die dem nicht mehr hinterfragbaren Fortschritt anhängt, hat unsere Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Bilanz ist erschreckend: Industrialisierung mit Ausbeutung der Arbeiter, 2 Weltkriege mit atomarer Zerstörung und Aufbau einer Vernichtungswaffenindustrie (sie hat z.B. in Mexiko in den Drogenkartellen finanzkräftige  Kunden der High – Tech Maschinengewehre), Zerstörung der Umwelt, genmanipulierte Lebensmittel usw.

Es gibt historisch gewachsene andere Logiken. Sie zu begreifen (Empathie), zu bedenken (Philosophie) und wertzuschätzen und dann zu bewerten (Ethik), ist die derzeitige und künftige Lernaufgabe für die okzidentale (westliche) Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr weltweit anerkannt wird, dass wir auf einem pluriökologischen und plurikulturellen Planeten leben. Alle Kulturen haben ihre Geschichte, einschließlich der Mythen und Religionsformen und alle haben darin auch ihre Weisheitsdeutungen, ihre je eigene Philosophie. Diese Vielfalt ist Reichtum und ihre wechselseitige Wertschätzung kann alle bereichern und ist damit eine nicht versiegende Quelle der Zukunftsfähigkeit der Menscheit. Solches Verständnis von Reichtum und Wertschätzung ist wie ein brutaler Widerspruch zu den “Werten”, die an Wertpapier – Börsen gehandelt werden und die Ratingagenturen “bewerten”. Genau darin wird der Kern der derzeitigen Zivilisationskrise sichtbar.

 

 

 

 

 



Wie kann in Mexiko Veränderung gelingen?

2. Juni 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

“ÜBERDURCHSCHNITTLICH ZUFRIEDEN” UND ZUGLEICH “DIE SCHNAUZE VOLL!”
Wie kann in Mexiko Veränderung gelingen?
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Anfang Juni 2011

Viele Reisende aus Deutschland kommen nach Mexiko mit Informationen über ein landschaftlich und kulturell reiches Land, das aber zugleich in einer tiefen Krise steckt mit einem besorgniserregend hohem Armuts – und Gewaltindex. Beim Spaziergang durch die Straßen kleiner und großer Städte gibt es dann schnell ein Erstaunen: Überall herzlich – erfreuliches Leben! Es gibt viel mehr Kinder und Jugendliche als in Deutschland und die haben ihren Spass auf den Strassen und in den Park; in der Metro zwitschern verliebte junge Pärchen; ältere Menschen erklären höflich den Weg ;lachende junge Frauen stehen zusammen beim Schwatzen an der Tortilla-Bäckerei. Um nicht zu idealisieren: Natürlich fallen auch viele bekümmerte und müde Gesichter auf. Jedoch der Eindruck bleibt, auch nach Wochen und Jahren in Mexiko . Trotz all des Schlimmen, was tagtäglich passiert und wovon die Nachrichten voll sind: Die Stimmungslage der ganz großen Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung ist “überdurchschnittlich zufrieden”.
Das ist erneut im internationalen Vergleich dokumentiert worden im jüngsten Zufriedenheitsindex der “Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung” (OECD). Das verwundert sogar die öffentlichen Medien. “Mexiko, GLÜCKLICH trotz schlechter Lebensqualität!”, so steht es groß als Titelzeile in einem Massenblatt. Und das trotz aller objektiven Daten, die eigentlich auf ein depressives und zugleich aggressives Grundempfinden der mexikanischen Gesellschaft schliessen müssten.
Wie erfasst man, wie lebenswert ein Land ist? Der klassische Ansatz fragt vor allem nach materiellen und politischen Eckpunkten: Beschäftigungindex, Einkommensniveau und Kaufkraft, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Bildungssystem, Rechtssicherheit usw. Laut dieser seit Jahren realisierten Studie der OECD befindet sich Mexiko unter den 34 Mitgliedsstaaten bezüglicher solcher Eckpunkte an vorletzter Stelle und Deutschland in der Spitzengruppe. Als Beispiele mögen folgende Daten dienen: Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Mexiko beträgt 12.100 Dollar, im Vergleich zu 22.200 Dollar im OECD – Schnitt. Zugang zur Bildung: Im Mexiko haben nur 34 % der arbeitenden Bevölkerung einen Schulabschluss, während der OECD Standard bei 73 % liegt. Jedoch bei der Frage, wie zufrieden insgesamt die Befragten sich fühlen, liegt Mexiko deutlich über über Deutschland, ein “Volk notorischer Nörgler auf hohem Niveau” (Spiegel – Online, 26.05.2011).
Warum? Die Antwort ist nicht leicht, man muss sich differenzierter nachdenken.
Da sind zuerst und vor allem die sozialen Beziehungen, die weithin noch halten und als Sicherheitsnetz dienen, “trotz allem…” Fast jeder hat Onkel und Tanten, Cousinen und Vetter, Hochzeits- und Taufpaten; und diese haben wiederum… Aus vitaler Notwendigkeit über Jahrhunderte kultiviert, befindet sich fast jeder in einem Beziehungsgeflecht. Das heißt konkret: wir helfen uns gegenseitig! Und das macht zufrieden! Wer es akzeptiert z. B. eine Patin zu sein, rechnet damit, dass “irgendwann” auch dem Patenkind geholfen werden muss, einen Job zu finden oder… Das ist gleichsam eine kulturell – moralische Norm. Also, trotz Arbeitslosigkeit und eines schlechten Gesundheitssystems gilt: “Wir kriegen das schon hin, “irgendwie” einen Weg zu schaffen, der uns zufrieden macht und erhält”.
Von solcher Grundeinstellung her gibt es eigentlich nicht die Krise einer deutschen Mittelschichtsgesellschaft, die nach oben gekommen ist, Wohlstand geschaffen hat und dann immer in Angst lebt, das Erworbene zu verlieren. “Wir in Mexiko waren halt immer schon knapp dran. Aber meine Familie ist jetzt etwas besser dran als damals die Familie meiner Eltern. Wir haben eine kleine und dezente Wohnung und 2 Kinder studieren sogar!,” erzählt mir Josefina, die eine kleine kirchliche Basisgruppe leitet.
Soche Beziehungen müssen gepflegt werden. Im Laufe des Jahres gibt es immer Gelegenheiten miteinander zu feiern: Es vergeht kein Monat ohne irgendein soziales, ziviles oder religiöses Fest. Das ist immer Anlass, sich zu treffen, um miteinander zu essen, zu trinken, zu singen und zu tanzen… und –ganz wichtig- sich auszutauschen und konkrete Absprachen zu treffen. Das hat Kultur und ist Kultur.
Sicher hat solche positive Grundstimmung auch ihre erheblichen Schattenseiten: Beziehungsgeflecht beinhaltet auch Vetternwirtschaft, Seilschaften und “Klüngel”. Da ist Tür und Tor offen für Korruption (“der Pate regelt das schon…”) und für Kleptokratie (statt Demokatie): “Da sowieso die Institutionen schwach und korrupt sind, warum sollen wir nicht das für uns rausholen, was möglich ist…!”
Und hier wird dann konkret die tiefere Krise eines solchen “Systems”, das bisher es noch ermöglichte, “mehr oder weniger” zufrieden zu sein mittels solcher Umgangsformen und Absicherungsstrategien. Aber wie lange noch? Für wie viele ist ein solches Sichheitsnetz schon zerrissen? Die Millionen Migranten, die Drogenökonomie und die damit verbundene extrem schnell wachsende Gewaltszene machen das sehr deutlich.
Es geht dabei nicht darum, die soziale Beziehungskultur abzuwerten, sondern sie umzuformen und mit neuen Werten zu füllen. Zum Beispiel: Für Transparenz der öffentlichen Finanzen sich einzusetzen, auch wenn “Schmieren” eine übliche Alltagspraxis ist! Solidarisch sein mit den Opfern einer korrupten Wirtschaftspolitik (Betriebsschliessung mit Massenentlassung), auch wenn der politische “Pate” ein Teil der Ursache ist! Es geht um Menschenwürde und Menschenrechte, die höhere Werte sind als das Beziehungsgeflecht einer Vetternwirtschaft.
Solches Umformen ist nicht leicht, geschieht aber seit Jahren in einer großen Vielzahl von Sozialbewegungen und Organisationen der Zivilgesellschaft, von denen sehr viele christlich inspiriert sind. Oft waren es engagierte Leute in kirchlichen Basisgruppen, die dort gelernt haben die “Unterscheidung der Geister” zu praktizieren und denen dann irgendwann das “Pfarreimilieu” zu eng wurde: Einfach deshalb, weil der Kleriker immer gefragt werden will und Unterordnung erwartet und weil auch die grosse Mehrheit der pastoralen Ehenamtlichen religiös und politisch sehr konservativ ist. Die große Mehrheit der mexikanischen Solidar-, Öko- oder Menschenrechtsszene hat (im Auszug aus dem pfarrkirchlichen Milieu und bei bleibendem christlichen Engagement) hier ihren Ursprung. Seit Jahren wächst in diesem weiten Bereich eine “kritische Bewegung”, die gesellschaftsverändernde Dynamik voranbringt und gerade diesen Einsatz als erfüllend empfindet und deshalb “kritisch – zufrieden” ist: “Wir können noch ‘ne Menge bewegen! Fast ohne materielle Mittel, aber mit großer Kreativität kommen wir voran! Das macht Freude!”, meint Oscar, engagiert im Netzwerk “Alle Rechte für Alle!”
Eine solche “kritische Massenbewegung” hat ein enormes Potential in sich, das sich sozusagen entlädt, wenn “etwas ganz Ernstes” passiert. Das geschah in Mexiko z.B. 1985, als ein schlimmes Erdbeben ganze Straßenzüge, Kliniken usw. zerstörte. Es war zugleich auch ein soziales und politisches Erdbeben. Seit langer Zeit befindet sich Mexiko in einem zivilen Krieg (Drogenkrieg), in dem es in den letzten dreieinhalb Jahren über 40.000 Ermordete gegeben hat, allein im letzten April waren es 1 427 Tote. Am 8 März 2011 wurden in Cuernavaca (eine Autostunde von Mexiko – Stadt entfernt und “Stadt des ewigen Frühling” genannt; jetzt vom Volksmund umbenannt in “Stadt der ewigen Schiesserei”) 7 junge Erwachsene ermordet gefunden, unter ihnen der Sohn des Dichters und Schriftstellers Javier Sicilia, ein im ganzen Land bekannter Interlektueller aus dem Kreis um den berühmten Theologen und Gesellschaftskritiker Ivan Illich (1926 bis 2002): Jetzt war das “Fass übergelaufen”! Es bildete sich spontan eine Solidarbewegung, insbesondere christlicher Provenienz, wo Sicilia groß geworden war und weiterhin aktiv ist. Die Empörung war enorm! “…hasta la madre!” (so ungefähr wie “… die Schnautze voll!”), war das Poeten – Leitwort, das den Zorn orientierte. Es wurde ein viertägiger Marsch nach Mexiko – Stadt initiiert mit Schneeballefekt: Am Sonntagnachmittag füllten 150.000 Schweigende solidarisch den Hauptplatz: Das Motto: “Nicht mehr Blut!”. Es war die Stunde der Berichte und Zeugnisse der Mütter von Ermordeten und von Poeten, die besser als geübte Aktivisten oder Politiker in Worte und Zeichen fassen konnten, was viele Tausende im Innern bewegt hat. Ich habe sehr viele weinen gesehen und auch meine Augen wurden feucht. In Gesprächen wurde immer wieder betont: “Meine Tränen fließen aus Trauer und Wut über das, was passiert. Aber es sind auch auch Freudentränen: Endlich bewegt sich unsere Gesellschaft! Schaut, wie wir uns neu vernetzen !”
Dieser Nachmittag war zugleich die Geburtsstunde einer neuen mexikanischen Friedensbewegung: ein nationaler “Pakt für ein Mexiko in Frieden mit Gerechtigkeit und Menschenwürde” beginnt sich zu vernetzen. In diesen Tagen bricht eine Karavane auf nach Ciudad Juárez, dieser traurig – berühmten Millionenstadt an der Grenze zu den USA. Am Sonntag, dem 10. Juni, wird dort dieser Nationalpakt der Zivilgesellschaft vertieft. Dieses Datum hat auch symbolische Bedeutung. Vor genau 40 Jahres (es war das Fronleichnamsfest 1971) gab es in Mexiko – Stadt eine grosse Studentendemostration, die brutal von paramilitarischen Gruppen zusammengeschlagen wurde mit über 70 Toten (“Leichnamsfest”): Geschichte bleibt lebendig!
Der Pakt beinhaltet folgende 6 Forderungen, von denen jede wiederum eine Liste von Konkretisierungen beinhaltet:
Wir fordern:
1. Die Morde und das Verschwinden von Personen aufzuklären und diese Opfer auch namentlich bekannt zu geben…
2. Die Kriegsstrategie (gegen die Drogenkartelle) zu beenden und den Schwerpunkt auf die Sicherheit der Bürger zu setzen…
3. Die Korruption und das Straffreibleiben zu bekämpfen…
4. Die ökonomische Wurzel und die Gewinne der Verbrechensorganisationen zu bekämpfen…
5. Eine dringende Aufmerksamkeit auf die Situation der Jugend und effektive Aktionen zur Erneuerung des sozialen Netzes…
6. Eine Demokratie mit mehr Bürgerbeteiligung…

Die da einbezogen sind, sie stecken einander in ihrer Begeisterung an, machen Mut, man vernetzt sich… Die “kritische Massenbewegung” wirkt wie Sauerteig und die oben beschriebene Qualifizierung der mexikanischen Bevölkreung als “überdurchschnittlich zufrieden” erhält neue Motive und Aufgaben.



Angesichts der Gewalt – die Hoffnung kultivieren.

31. Januar 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

In der neuen Rubrik „Der andere Blick“ wird ab 1. Februar 2011 der Theologe, Supervisor und Autor Alfons Vietmeier einmal im Monat aus Mexiko – Stadt (dort lebt er seit fast 30 Jahren) als Gastautor schreiben; er wird Themen aufgreifen aus den Bereichen Ethik, Soziales, Religionen in Mexiko und Lateinamerika. Dies ist eine wichtige Horizonterweiterung für den Religionsphilosophischen Salon. Der kulturelle Dialog über die europäischen Grenzen hinaus ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit philosophischer Dispute. Jetzt können wir damit starten und hoffen auf regen Austausch. Selbstverständlich können LeserInnen und TeilnehmerInnen des „Religionsphilosophischen Salons“ Themen-Vorschläge und Fragen zu dieser Rubrik mitteilen. Ein weiterführender Kommentar wurde am 4. 2. 2011 zugesandt, siehe am Ende des Beitrags von Alfons Vietmeier.

Angesichts der Gewalt: Die Hoffnung kultivieren

Von Alfons Vietmeier, Mexiko, im Januar 2011
I.
Mexiko – Stadt: Am Neujahrsvormittag spazieren wir durch den nahen Park. Unsere Töchter entdecken es zuerst: ein Schwarm von Raben verfolgt einen kleinen Wellensittich, wohl entkommen seinem häuslichen Käfig. Sie picken auf ihn ein und er flattert zu Boden. Wir laufen hin und vertreiben die Raben. Der Kleine lebt noch. So bringen wir ihn zu einer uns bekannten Tierärztin. “Wie heißt er?” Die Mädchen (12 und 16 Jahre) entscheiden: “Esperanza (Hoffnung) soll er heissen!” Eine kurze Behandlung ergibt: “Hoffnung” hat noch etwas Überlebenschance! Erfreut fahren wir nach Hause. Jedoch nach 5 Stunden finden wir ihn tot auf. Uns werden die Augen feucht. So traurig beginnt das Neue Jahr!
Beim Abendessen zünden wir eine Kerze an und erzählen… Wir kommen zu sprechen auf wachsende Aggressivität in den Schulen und auf der Strasse, auf Gewalt und Drogenkrieg: “2011, das wird ein Rabenjahr werden!”, meint bedrückt die Jüngste.
Das Dreikönigsfest ist in Mexiko der Tag der Geschenke. Die Töchter bekommen je einen neuen Wellensittich: Es darf doch nicht sein, dass Hoffnung stirbt! Aber, sie muss behutsam und kontinuierlich gepflegt werden. Und die Augen leuchten!
II.
Das neue Jahr begann mit dem Eingeständnis der mexikanischen Regierung, dass der “Krieg gegen die organisierte Kriminalität” im Jahr 2010 über 15 000 Tote gefordert hat, mehr als je zuvor. Zum Vergleich: im Krieg in Afganistan und Pakistan gab es 2010 zusammen über 6 800 Opfer. Konkret heisst das für Mexiko, dass einerseits diese fürchterliche Zahl sich zusammensetzt aus Opfern der verschiedenen Kriege unter den Drogenkartellen um die Kontrolle über ihrer Einflusszonen (Bundesstaaten, Grossstädte und Transportwege) und andererseits aus dem Krieg des mexikanischen Heeres gegen diese Kartelle. Die Hauptkampfgebiete sind in den nördlichen Bundesländern hin zur Grenze zu den USA. Zudem gewinnt an schlimmer Bedeutung das Kartell der “Zetas”, (gegründet von ehemaligen Spezialeinheitten des. guatemaltekischen Heeres und berüchtigt durch extreme Grausamkeit), mit seiner wachsenden Kontrolle über mehrere Millonen von Migranten aus den zentralamerkanischen Ländern auf dem Weg in die USA.
Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung im “Konfliktbarometer 2010” ordnet Mexiko unter die 6 Länder mit der größten Gewaltrealität weltweit ein, d.h. zusammen mit Somalia, Sudan, Irak, Afganistan und Pakistan. Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt zu den USA hat den traurigen Rekord, sich weltweit an der Spitze der gewalttätigsten Städte zu befinden. Die Tendenz ist steigend, d.h. für weitere Jahre wird es mehr Leid und mehr Tote geben. Also, doch ein “Rabenjahr”?!
III.
Worum geht’s und was steckt dahinter?
Es geht zuerst einmal um Drogen und ihrem Konsum: Der Drogenkonsum wächst und wächst! Und da wachsender Bedarf ist, wird entsprechend produziert und kommerzialisiert. So ist die Marktlogik. Die USA sind das Land mit dem absolut höchsten Drogenkonsum. Sicher ist das Thema “Drogenkonsum” sehr komplex und es ist wichtig zu differenzieren: So ist Marihuana nicht gleich Kokain und auch Alkohol und Tabak sind Drogen. Wie auch immer, ein wachsender Drogenkonsum indiziert auf jeden Fall auch eine wachsende Krise des jeweiligen Gesellschaftssystems und dessen Werteskala. Der soziale Druck nach immer mehr Leistung, Gewinn und Vermögen beinhaltet zugleich auch mehr Stress mit wachsender Agressivität oder Depressivität. Da haben Drogen einen leichten Einstieg!
Es geht dann vor allem um’s Geld. Im Drogenhandel werden extrem hohe Gewinne erzielt. So kostet ein Gramm Kokain in der Herstellung ca. 1 US-Dollar, wird aber dem Konsumenten für etwa das 50- bis 100-fache verkauft. Der Umsatz von illegal verkauften Drogen wird weltweit derzeit ca. 500 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Das heist, dieses enorme Geschäft braucht Organisation, inzwischen gewachsen zu internationalen Wirtschaftskonzernen mit all dem was das beinhaltet: tausende hochspezialisierte Mitarbeiter, hightech Logistik, Optimierung der Geldanlagen, usw. Dieser “Wirtschaftssektor” hat seit Jahren zudem begonnen, ihre “Produktenpalette” zu diversifizieren: ist aktiv geworden im Waffenhandel, in der “Entführungsindustrie”, usw. Deshalb sprechen wir immer weniger von Drogenkartellen, sondern von “organisierter Kriminalität”. Diese braucht ihre spezialisierten Exekutivgruppen, z.B. zum brutalen Hinrichten von Kontrahenten im eigenen Herrschaftsbereich; und immer mehr Minderjährige sind bereit zu diesem Tötungsgeschäft.
All das verunsichert zutiefst: Warum? In wem und in ‘was können wir noch vertrauen?! Wie viel Wert hat überhaupt noch das menschliche Leben? Ist Leben ein Wegwerf – Produkt?
IV.
Schon vor über 50 Jahren ging Erich Fromm, der damals im mexikanischen Cuernavaca lebte, in einer sozialpsychologischen Studie der Frage nach: Gibt es nur psychisch erkrankte Individuen oder und vor allem kann nicht auch eine Gesellschaft psychisch erkranken? Sein Ergebnis: “Wege aus einer kranken Gesellschaft”.
Heute sollten wir uns fragen: Woran krankt unsere (westlich – nördlich – okzidentale) Gesellschaft? Das muss radikal (an die Wurzeln gehend) und interdisziplinär analysiert werden. Es tauchen dann wichtige Fragen auf: Welches Leitbild prägt unser Fühlen und Denken? Einzig: Wohlstandsvermehrung? Und das für immer weniger, weil die Mächtigeren sich durchsetzen? (“Ellbogengesellschaft”). Wäre es nicht wertvoller das Leitbild “Wohlleben für alle” voran zu stellen, wie es Bolivien und Ecuador in ihre neue Verfassung eingeschrieben haben? Deshalb “anders besser leben!” Welche persönliche, soziale, ökonomische, kulturelle und politische Konsequenzen beinhaltet das. Und für Christinnen und Christen: Für welche andere Sozialgestalt unserer Kirchen müssen wir uns deshalb einsetzen?
Beim “Sehen – Urteilen – Handeln” in Basisgruppen und Kleingemeinden der christlich – solidarischen Szene, in der ich mich in Mexiko bewege, kommen wir immer wieder genau auf diese Punkte. Und dann wird’s konkret: Wie können wir eine “aktive Hoffnung weben”? So heisst das Leitwort der diesjährigen Kampagne unseres Kollektivs “Mission Brüderlichkeit”, seit 15 Jahren präsent mit einfachem Arbeitsmaterial, Workshops und Solidarinitiativen in einigen tausend Basisgemeinden mit ihren Gruppen. Und wir sind vernetzt mit vielen Organisationen der mexikanischen Zivilgesellschaft und diese über Mexiko hinaus. In der Gesellschaft selbst erwachsen immer neu Lebenskräfte. Sie kommunizieren und organisieren sich, insbesondere wenn ein “kritischer Punkt” sich ergibt, der das Vitale des gesellschaftlichen Miteinanders gefährdet, wie derzeit wohl der Fall ist. So hat es sich beim riesigen Erdbeben 1985 erwiesen. Es gibt wachsend innovative Praktiken und komplexe Strategien gesellschaftlicher Transformationen, “…um auszureissen und niederzureissen, aufbauen und einpflanzen.”(Jer 10.10). Solche hoffnungsvolle Praxis einer gesünderen Gesellschaft gilt es zu kultivieren.
Copyright: alfons vietmeier.

Alfons Vietmeier, Diplomtheologe und Supervisor, lebt und arbeitet seit 1983 in Mexiko. Zuerst 7 Jahre pastoraler Mitarbeiter in einem integralen Entwicklungsprojekt unter Indiobevölkerung. Seit 1991 Bildungs-, Beratungs- und Vernetzungsarbeit in einem ökumenischen Studienzentrum, inmitten der Megacity Mexiko und auf Nationalebene. Seit 3 Jahren emeritiert und ehrenamtlich tätig in verschiedenen Netzwerken und Stiftungen im Übergang von Kirche, Zivilgesellschaft und alternativer Ökonomie. Mitbegründer des Nationalen Netzwerkes für Grossstadtpastoral.
Email: pasosalfonso@att.net.mx

Ein KOMMENTAR, zugesandt von Benedikt am 4. 2. 2011:
Lesenswert der Artikel von Alfons Vietmeier.
Mir fallen zu Mexiko immer gleich die
illegalen Waffenverkäufe von heckler & koch ein, in die
Nordprovinzen von Mexiko und die Schulungen von
Polizisten dort. In der Wikipedia tobte in den letzten
Wochen ein Kampf um den Umfang der Kritik an dieser
„feinen“ Firma, die im Wahlkreis von Herrn Kauder (CDU Politiker, ergänzt von CM)
liegt, hoch verschuldet ist und Waffen verkauft, wie andere Kokain…