Artikel mit Stichwort ‘ Atheistische Spiritualität ’



Was ist „ein Hauch von Transzendenz“? Die Sunday assemblies, die atheistischen Gottesdienste“

9. Mai 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

„Ein Hauch von Transzendenz“: Die Sonntagsfeiern ohne Gott

Von Christian Modehn. (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK-Forum, am 8.5.2015,  in einer etwas kürzeren Fassung.)

In den Song „99 Luftballons“ stimmt die Gemeinde voller Inbrunst ein: Mit diesem (etwas angestaubten) „Hit“ der achtziger Jahre wird die „Sunday Assembly“ in Berlin eröffnet. 60 TeilnehmerInnen, auch jüngere Menschen, sind zusammen gekommen, interessiert, in dieser Gruppe „das Leben zu feiern“, wie es im Programm heißt. Die meisten nennen sich „nicht-religiös“ oder „konfessionslos“. Aber sie brauchen – wie die Frommen – das Gemeinschaftserlebnis, das „zwecklose Miteinander“, eine Art Sonntagsgottesdienst ohne Gott, zur ausgeschlafenen Zeit, um 14 Uhr.

Zu Beginn erheben sich alle von ihren Plätzen. Einige strecken enthusiastisch ihre Arme in die Höhe, dankbar, dass man hier gemeinsam singen darf. Wie in einer Kirche blicken alle nach vorn. Dort befinden sich weder Altar noch Kerzen oder Bilder, sondern nur ein Tisch, ohne Decke, ohne Blumen sowie ein Pult mit dem Mikro. Von hier aus werden die Ansprachen gehalten, heute über den „Weg der weißen Wolken“ und „Die Reise des Helden“. Die Vorträge werden wie in einer liturgischen Ordnung von Songs umrahmt, dafür tut eine Vorsängerin ihr Bestes.

Wir befinden uns in dem schlichten Sitzungssaal des „Akademischen Verein Hütte“ in Charlottenburg. Hier hat die „Sonntagsversammlung Berlin“ – zur Miete – Unterschlupf gefunden. Sie ist eine Filiale der inzwischen weltweiten Bewegung der „Sunday Assemblies“: Von London aus gesteuert, werden sie in 86 Städten angeboten. Auf dem Flyer der Londoner Zentrale werden die für alle Assemblies gültigen „atheistischen Glaubensprinzipien“ formuliert. Man will „keine Doktrin verbreiten“ und auf „kämpferischen Atheismus“ verzichten, um offen „für alle“ zu sein. Aber sind die „Prinzipien“ kohärent? „Wir glauben nicht an Übernatürliches“. Trotzdem soll auch „ein Hauch von Transzendenz“ in den Alltag wehen“.

Wo kommt dieser „Hauch“ von Transzendenz zum Wehen, fragt sich der Besucher angesichts der vielen bloß gut gemeinten, meist englischen Songs und der eher nüchternen (Volkshochschul-)Vorträge. In der Feierstunde selbst findet die „Pflege der Gemeinschaft“ kaum statt. Das Gespräch etwa mit den Sitznachbarn ist kurz und knapp. Die Teilnehmer dürfen auch nicht spontan zum Mikro gehen. Wie in der Kirche bestimmen einzig die „Liturgen“ das Geschehen. Muss eine Lebensfeier also reglementiert sein?

Schließlich wird auch die Kollekte eingesammelt. Denn die Gemeinde arbeitet ehrenamtlich, erhält von der offenbar finanziell gut ausgestatteten Londoner Zentrale keine Zuschüsse. In den „Vermeldungen“ wird auf weitere Veranstaltungen hingewiesen, etwa einen philosophischen Gesprächskreis und eine Meditationsrunde.

Nach der Feierstunde bleiben einige im Nebenraum bei Kaffee und Kuchen beisammen. Etliche Teilnehmer betonen, unbedingt diese Gemeinschaft zu brauchen und eine gewisse Feierlichkeit außerhalb der Kirchen erleben zu wollen. Einige finden das Motto der Assemblies hübsch: „Lebe besser, hilf öfter, staune mehr“. Was diese Prinzipien im Berliner Alltag bedeuten, wird nicht erläutert. Was nützen sie den Obdachlosen oder den Flüchtlingen?

Um die Organisation kümmert sich in Berlin die Autorin Sue Schwerin von Kroswig. Sie hatte sogar zur „Wintersonnenwende“ eine eigene Veranstaltung vorbereitet. Im Katholizismus groß geworden, hat sie, wie sie sagt, für Rituelles eine gewisse Sensibilität. Von daher wird die Vorliebe für ein rituelles Gerüst, aus der katholischen Messe bekannt, verständlich.

Im September 2014 fanden in Berlin die ersten nicht-religiösen Feierstunden statt; auch in Hamburg ist man erfolgreich. „Wir stehen finanziell ganz gut da“, berichtet der dortige Leiter Rainer Sax. Über seine Gemeinde sagt er: „Unter den Nichtreligiösen sind erstaunlich viele Esoteriker. Wir wissen noch nicht so recht, wie wir damit umgehen“. Wie weit sind rituelle Erweiterungen im Angebot dieser „Gottlosen Kirche“ möglich? Wird es Namensfeiern geben, die den christlichen Taufen nachempfunden sind? Oder Hochzeitsfeiern? In dem Bereich haben die Humanisten schon ihre rituellen Angebote. Der „Humanistische Verband Deutschland“ steht den assemblies wohlwollend, aber nicht gerade enthusiastisch gegenüber.

Die assemblies wurden in London im Januar 2013 von beiden Komikern Sanderson Jones und Pippa Evans gegründet. Jones hat eine schlichte Antwort auf die Frage, nach der inhaltlichen Konzeption: „Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen, und lassen Gott einfach weg“. „Aber das ist doch so, als könne man eine Oper aufführen, und die Arien einfach weglassen oder zum Steak Essen einladen und aufs Fleisch verzichten“, sagt ein kritischer Beobachter schmunzelnd, „aber einigen gefällt das“.

Selbst in den so christlichen Vereinigten Staaten kommt die Assembly Idee gut an. Dort gibt es aber die ersten Abspaltungen vom „Mutterhaus“ in London: Viele Gottlose dort sind nicht bereit, den offenbar universal vorgeschriebenen Weisungen des Gründer-Pärchens zu folgen.

Werden die assemblies trotz ihrer doch eher oberflächlichen Botschaft bzw Inhalte und trotz ihrer doch äußerst bescheidenen „Riten“ erfolgreich sein? Die Sehnsucht nach Kontakten ist wohl so groß, dass sich viele Menschen zumal in den Großstädten auf diese unverbindlichen Feiern einlassen werden. Für theologisch und philosophisch Interessierte bleibt die Frage: Ist dies wirklich eine auf der Höhe der Reflexion sich bewegende „atheistische“ Botschaft? Wird über die permanente Verklammerung von Theismus und Atheismus überhaupt nachgedacht, so dass eigentlich Atheismus nur die andere Seite des Theismus ist, also „heillos“ mit diesem verbunden bleibt. Gäbe es denn eine Position jenseits von Theismus UND Atheismus? Wäre dies nicht ein dringendes Thema auch für die assemblies? Oder ist dieses Thema vielleicht zu anspruchsvoll? Es führt in die Mystik, in eine Ebene des Unanschaulichen, des Geheimnisses (das, allen philosophischen Laien sei dies gesagt, selbstredend etwas ganz anderes ist als das Rätsel). Anders gesagt: Müssen diese assemblies so intellektuell bescheiden, so anspruchslos, volkshochschulmäßig bleiben? Das frage ich als Theist, der den Theismus auf eine höhere, mystische Ebene, wenn man so will, überwinden will.

Die andere Frage ist: Warum haben die assembly Teilnehmer keinerlei Erwartungen mehr an die Kirchen? Sollten die Kirche nicht interessiert sein, Näheres von diesen Menschen zu erfahren? Und die Kirchen? Sollten sie sich nicht herausgefordert sehen, endlich zur Gemeinschaft für alle zu werden und jeden Menschen in der Gemeinde, in jeder Gemeinde, vorbehaltlos zu akzeptieren, auch im Gottesdienst, und selbstverständlich auch beim Abendmahl. Sind die Chrisen etwa die verfügenden „Herren“ des Abendmahls? Die Kirchen sollten sich bemühen, eine von jeglicher esoterischer Sondersprache befreite, also eine möglichst vielen verständliche Sprache zu sprechen. Dann könnten sie auch neu Gottesdienste feiern, warum sollten die nicht „Feiern des Lebens“ heißen? Eine neue „liberale Theologie“ könnte dabei hilfreich sein.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon

 



Glauben ohne Gott: Begegnungen mit Atheisten. Zu einem Film der ARD

18. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Glauben ohne Gott: So der Titel eines Films von Christian Modehn im Ersten (ARD) 2007.

Es werden immer häufiger Zeitungs-Berichte und Bücher publiziert, die der Frage nachgehen: Wie sieht eigentlich ein Glaube ohne Gott aus, d.h. wie sieht eine Spiritualität aus bei Menschen, die konfessionell nicht gebunden sind und/oder an eine göttliche „Wirklichkeit“ nicht glauben können/wollen. Es gibt jetzt auch Versuche von Atheisten, in „Sunday Assemblies“ sozusagen „Gottesdienste“, Feierstunden ohne Gott zu gestalten. TIP Berlin berichtet z.B. darüber in seiner Ausgabe vom 18.12.2014. Clemens Niedenthal, der Autor des Beitrags „Nicht zu glauben“ über die Suday Assembly in Berlin, schreibt am Ende seiner Reportage die sehr bedenkenswerten Worte: Nachdem er die Sonntagsversammlung der Atheisten verlassen hat, „beschleicht einen das Gefühl, dass ein Phänomen wie die Sunday Assembly vielleicht gar nicht mal nur von der Krise des Religiösen erzählt. Sondern umgekehrt auch eine Krise des Atheismus beschreibt. Offensichtlich ist es doch gar nicht so einfach, auf Gott zu verzichten. Dafür braucht es zumindest eine pseudoreligiöse Choreographie. Eben einen Gottes-, Verzeihungs-, Gutesdienst“ (S. 33 TIP, 18.12. 2014).

Der religionsphilosophische Salon Berlin hat zu dem Thema „Atheistische Spiritualität“ in den letzten Jahren etliche Beiträge publiziert. Auch einige Salonabende haben sich mit dem Thema befasst. Wir halten es für dringend wichtig und inspirierend, der Frage einer atheistischen Spiritualität nachzugehen, selbst wenn die Initiatoren des Religionsphilosophischen Salons sich als religiös sehr interessiert und mit christlichen (z.B. liberal-theologischen) Traditionen verbunden wissen. Christen können aus der Begegnung mit Atheisten durchaus lernen;  jegliche feindliche Abwehr oder gar bloß Desinteresse sollte ausgeschlossen sein. Da gibt es unserer Meinung nach in kirchlichen Kreisen Berlins noch einen enormen Nachholbedarf.

In dem Zusammenhang fragen jetzt einige Leser unserer website, ob das Interview mit Christian Modehn (Autor des Films 2007) und der Protagonistin Gita Neumann vom Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) noch einmal zum Nachlesen zur Verfügung gestellt werden kann. Wir stellen das Interview, veröffentlicht im Humanistischen Pressedienst im Jahr 2007, noch einmal zur Lektüre bereit:

Humanisten im Fernsehen – was für eine Überraschung! Am kommenden Sonntag, am 25. Februar 2007 um 17.30 Uhr, zeigt die ARD in ihrem Ersten Programm die Reportage „Glauben ohne Gott“. Der RBB-Autor Christian Modehn begleitete dafür Gita Neumann, Referentin für Lebenshilfe beim HVD Berlin, über mehrere Monate zu verschiedenen Wirkungsstätten ihrer <Arbeit>.

Christian Modehn ist in dem Stoff, von dem der Film handelt, sehr umtriebig und unterhält dazu eine eigene <Homepage> als „Denkbar“ mit Themen wie „Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?“ und „Was hat Philosophie mit Religion zu tun?“ Gita Neumann ist wegen ihres Engagements für <Patientenverfügungen und humanes Sterben> bekannt.

Frau Neumann, Herr Modehn, herzlichen Dank für die Zeit, die Sie diesem Interview widmen. Herr Modehn, die erste Frage geht an Sie.

hpd: Was hat Sie bewogen, einen Film über ein Projekt des Humanistischen Verbandes hier in Berlin zu drehen?

Modehn: Am Anfang des TV-Projekts stand die Frage: Welche Lebensphilosophie haben Menschen, die sich atheistisch, agnostisch oder weltlich-humanistisch nennen? Den Begriff Lebensphilosophie könnte man auch in einer religionswissenschaftlich orientierten Sprache „Spiritualität“ nennen. Ich bin als Journalist lebhaft interessiert, die Spiritualität(en) von Atheisten, Skeptikern, Agnostikern und Humanisten zu dokumentieren. Denn „Spiritualität“ betrachten ja auch die Kirchen und die anderen Religionen nicht mehr als ihr Monopol.
JEDER Mensch hat seine eigene Spiritualität, seinen persönlichen Lebenssinn, seine persönlichen Werte und Normen. Bei dieser journalistischen Frage bin ich auch wieder an den Humanistischen Verband erinnert worden.
Vom Format des Halbstundenfilms wurde redaktionell im RBB die Konzentrierung auf eine Person, eine Protagonistin, vorgegeben. In einem Programm, das um 17.30 am Sonntagnachmittag gesendet wird, wollen die Zuschauer eher Menschen begegnen als einem Sachthema. Darum bin ich sehr dankbar, dass sich Gita Neumann vom Humanistischen Verband zur Mitarbeit bereit erklärt hat.
Frau Neumann kannte ich von Ihren aktuellen Aktivitäten wie von einem früheren Film für den SFB schon. Die Zusammenarbeit habe ich wieder als sehr angenehm empfunden.

hpd:Wie sind Sie auf den Titel gekommen?

Modehn: Ich denke, das war ein längeres gemeinsames Suchen. Entscheidend war die Frage: Wie kann ein Dokumentarfilm mit dem Thema möglichst weite Zuschauerkreise erreichen und konstruktive Diskussionen in Gang setzen.

hpd: Frau Neumann, was hat Sie bewogen, in diesem Film „mitzuwirken“? Einer Aussage in „diesseits“ entnehme ich, dass Sie Wert darauf legen, sozusagen „dienstverpflichtet“ worden zu sein?

Neumann: Nun ja, ich wollte erstens den Eindruck vermeiden, meine Person in den Mittelpunkt gerückt zu haben, wo es doch um weltanschauliche Fragen geht, die den Humanistischen Verband betreffen.
Zweitens war mir schon im Vorgespräch klar, wie viel Arbeit und Zeit da auf mich zukommen, auch organisatorischer Art. Es ging ja nicht nur um die neun Drehtage, dafür bestimmte Szenen aus einem schier unerschöpflichen humanistischen Umfeld auszuwählen und mit den Betroffenen abzustimmen. Sondern, nur ein winziges Beispiel, musste für alle Bewohnerinnen unserer Demenz-WG eine offizielle Einverständniserklärung der jeweiligen Betreuerin eingeholt werden – hätte eine einzige gefehlt, hätten wir nicht drehen können.

hpd: Nun liegt der Film vor, wird er Ihnen und den Kolleginnen (es kommen ja sehr viele Frauen vor) gerecht?

Neumann: Denen, die gezeigt werden, denke ich schon. Schade ist natürlich immer, wer und was alles fehlt. Ja, die Beratungs-, Sozial- und Betreuungsarbeit „direkt an den Menschen“ wird natürlich auch im HVD im Wesentlichen von Frauen geleistet.

hpd: Wie war die Arbeit mit Herrn Modehn? Meinen Sie, er hat Sie zu sehr „gelenkt“?

Neumann: Das Verhältnis war gut und angenehm – sonst wäre das ja auch gar nicht auszuhalten gewesen. Es musste oft mehrfach derselbe Gang in ein Haus o. ä. gedreht, dann sehr oft die gleiche oder ähnliche Frage beantwortet werden – v. a. zu den „humanistisch-seelsorgerischen“ und „spirituellen“ Aspekten, die ihm besonders am Herzen lagen. Da muss man einfach Vertrauen haben und authentisch sein können – sich verstellen, aufpassen oder jedes Wort auf die Goldwaage legen, das geht da einfach auf die Dauer nicht. Weniger das „Lenken“ als später die Auswahl, der Schnitt macht dann den Film aus.

hpd: In diesem Film wird viel über Spiritualität gesprochen. Meinen Sie, es gibt eine humanistische Spiritualität oder eine Spiritualität der Humanisten. Ist das Identisch und vor allem: Was ist das?

Modehn: Ich vermute, dass jeder Humanist seine eigene Lebensphilosophie, also Spiritualität hat. Da gibt es dann aber auch wieder vieles Gemeinsames. Also dann doch eine Spiritualität „der“ weltlichen Humanisten. Das Thema ist ziemlich neu, darum ist es nicht einfach, Genaues zu beschreiben. Sicher wird humanistische Spiritualität eine große Liebe zu den Menschen haben, vor allem zu denen, die leiden, die Unrecht erfahren, die ausgegrenzt werden. Humanistische Spiritualität wird sich gegen allen Missbrauch des Wortes Gott in der Öffentlichkeit wehren: Etwa, wenn Gott benutzt wird, um Gewalt, Kriege, Ausgrenzung und Intoleranz zu verbreiten. Humanistische Spiritualität hat diesen kritischen Charakter, hat aber auch eine „innere“, meinetwegen seelische Dimension: die Liebe zur Stille, zur Meditation, zur Poesie, zur Musik, zum Miteinander, zur Erotik, zur inneren Freiheit ohne Tabus und Ängste.

hpd: Gab es einhellige Freude in ihrem Team bei dem Thema „Glauben ohne Gott“? Hatten Sie auf das Thema Einfluss?

Neumann: Mein direktes kleines Team von einem halben Dutzend Kolleginnen macht bei diesem Thema fantastisch mit. Es ist ja so, dass die Krankenkassen bei den Qualitätskriterien für die Finanzierung der ambulanten Hospizarbeit als vierte Säule die „spirituellen Bedürfnisse“ sterbender Menschen – zusammen mit den körperlichen, sozialen und psychischen – von uns befriedigt sehen wollen. Deshalb haben wir uns zwangsläufig schon immer fragen müssen, was das – etwa im Sinne von Epikur – für konfessions- oder religionsfreie Menschen eigentlich ausmacht.
Der Kern der Antwort: Es ist die Sinnfrage. Was wir für gut und richtig halten, daran kann man eben nur glauben (das hat rein gar nichts mit Gottesglauben oder Frömmigkeit zu tun), das entzieht sich dem rationalen Zugang. Der Film wurde von manchen Kolleginnen als „zu todeslastig“ angesehen. Dabei wird m.E. nicht verstanden, dass die Sinnfrage im humanistischen Sinn für die gilt, die mitten im Leben stehen. Vielleicht nach dem Motto: Lebe so, wie du, wenn du sterben musst, wünschen wirst, gelebt zu haben.

hpd: Was halten Sie von dem Motto: „Glaubst du noch oder denkst du schon“?

Modehn: Hinter dieser etwas saloppen Formulierung verbirgt sich ein wichtiges Problem. Ich hätte fast Lust, mit Gegenfragen zu antworten: „Kann man vom Denken her zu einer vernünftigen Form des Glaubens kommen?“ „Wer nichts glaubt, denkt der das oder glaubt er das?“ „Wie weit und wie tief will das Denken selbst verstanden werden, damit nicht schon der technische Verstand als Höchstform des Denkens gedacht wird?“
Aber zurück zu Ihrer Frage – Sofern diese Frage unterstellt: Religiöser Glaube ist etwas Magisches, Irrationales, Spinöses, Wundersames, Bigottes, Hinterweltlerisches, Autoritäres (z.B. Frauen und Homosexuelle Ausgrenzendes) und gar Gewalttätiges usw., dann hat dieses Motto recht: Dieser „Glaube“ muss angesichts des kritischen Denkens überwunden werden. Er hat menschlich und philosophisch gesehen keinen Wert, so sehr sich ein einzelner darin subjektiv wohlfühlen mag. Aber objektiv verdient ein solcher „Glaube“ alle Religionskritik!
So halte ich dieses Motto auf den ersten Blick für vernünftig, weil sich ja tatsächlich alles Tun der Menschen vor dem Denken (und damit vor dem Argument) rechtfertigen muss. Wir haben kein anderes Maß für ein vernünftiges Miteinander in einer pluralen Gesellschaft als die Vernunft – eben das Denken – die in Gesprächen immer mehr geklärt wird.

Dennoch meine ich: Das Denken selbst weist immer wieder in Bereiche, die mit naturwissenschaftlichem Verstand nicht erreicht werden. Im Denken selbst (!) zeigt sich, dass wir Menschen mehr sind als „Denken“: Wir haben Emotionen, Triebe, Gefühle usw., die vom Denken gesteuert werden (können, sollten). Aber diese Emotionen, z. B. Vertrauen, haben eben auch einen eigenen Stellenwert. Darauf wollen und sollen wir nicht verzichten.
Wir „glauben“ dem anderen Menschen, dass er sein Wort hält. Wir glauben dem Partner, der Partnerin, dass wir gemeinsam durchs Leben gehen wollen usw. Wir können innerlich bewegt sein von Musik, Natur, Kunst und glauben dann: Da wurde in mir eine neue Stimmung wachgerufen.
In einer solchen Erfahrung, die ich bereits Glauben nenne, wird Tiefes berührt. Manche sagen, da werden Erfahrungen gemacht, die über das Alltägliche hinausgehen. Manche sprechen vom Erstaunlichen, vom Erhabenen. Manche nennen es Göttliches, manche nennen es Gott. In diesen Erfahrungen, über die man selbstverständlich reden und deswegen auch bedenken muss, sehe ich die eigentliche und wahre Basis all dessen, was ich Glauben nennen würde. Die Konfessionen und Religionen haben der Pflege dieser individuell je verschiedenen Erfahrung des Erstaunlichen und meinetwegen Göttlichen zu dienen.

Ich sehe den Begriff Glauben in dem beschriebenen Sinne also sehr tief verbunden mit den Vollzügen menschlichen, geistigen Lebens. Ich könnte also begründet sozusagen als Alternative sagen: „Ich glaube, weil ich denke. Aber ich lasse meinen Glauben immer vom Denken kritisieren“.

hpd: Kommt der Film zu richtigen Zeit, vom Thema her gesehen?

Neumann: Ja, aber in einem andern Sinn, als Sie vielleicht meinen. Es ist die richtige Zeit sich die Frage zu stellen: Kann und will auch eine humanistische Lebensphilosophie der Selbstbestimmung versuchen, Antworten zu finden auf das menschliche Bedürfnis nach Spiritualität und Halt, den z. B. ritualisierte Umgangsformen zu bieten vermögen? Dabei sind wir in der glücklichen Lage, auf ein Spezifikum unserer Tradition, nämlich die feierliche Gestaltung von Namens-, Jugend-. Hochzeits- und Trauerfeiern anknüpfen zu können.
Wollen wir schließlich einen neuen humanistischen Lebensstil entwickeln, der Anerkennungsstreben, Kritik, Vernunft und Realismus versöhnt mit Glauben, Hoffnung, Achtsamkeit und Liebe? Ohne letztere Dimension kann heute leicht die Gefahr bestehen, dass Unsentimentalität in Zynismus oder Gleichgültigkeit abgleitet.

Ich halte es gern mit Erich Fromm, der sich auf Marx, Freud und Buddha gleichzeitig beruft. Er spricht von „Transzendenz“ im Sinne des Heraustretens „aus dem Gefängnis“ des Egozentrismus und des „Haben-Wollens“ im Sinne von Überwindung des Waren- und Konsumfetischismus. Das heißt natürlich, dass wir für unsere Überzeugungen eintreten, auch in den politischen Diskurs, dass wir uns nicht lieb und nett auf den „großen Dialog“ mit allen Gutwilligen beschränken. Der Kampf um Selbstbestimmung, die schonungslose Kritik von entmündigenden Verhältnissen war immer unverzichtbarer Bestandteil unserer humanistisch-freigeistigen Tradition.

hpd: Entdecken nun auch die Humanistinnen und Humanisten den Glauben?

Modehn: Könnte ja sein, dass sie einen Glauben längst entdeckt haben: Immer wenn Vertrauen, Solidarität, Hilfsbereitschaft gelebt werden, spielt ja, denke ich, der Glaube eine Rolle: Der engagierte Atheist glaubt eben auch, dass es gut und richtig ist, gut zu sein, solidarisch zu sein. Dass Gutsein eben gut und vernünftig ist, lässt sich doch nicht mathematisch demonstrieren! Die traditionelle (und historisch gesehen sehr verständliche) Abwehr des kirchlichen Glaubens durch die Atheisten und weltlichen Humanisten darf ja nicht blind machen. Ich denke deswegen manchmal: Auch Atheisten „glauben“ in dem beschriebenen menschlichen Sinne wie alle anderen Menschen auch. Dass sie sich aber einem konfessionellen Glauben, etwa einer Kirche, nicht anschließen, ist ohne jede Frage ihr gutes Recht. Glauben ist an keine bestimmte Institution gebunden!

hpd: Haben Sie hier Unterschiede zu Christen in Ihren früheren Filmen festgestellt? Worin sehen Sie die?

Modehn: Ich denke, alle Menschen, die ernsthaft und authentisch humanistisch sind, also auch glaubende Humanisten, etwa Christen, leben von diesem Impuls, dem leidenden Menschen beizustehen.
Ich möchte aber an das Beispiel von Gita Neumann erinnern, an ihre Fürsorge für Menschen, die am Leben leiden und nicht vor Schmerzen krepieren wollen. Dieses Verständnis und Einfühlen, das habe ich sicher auch unter Christen gefunden. Nur: Sind die Christen nicht oft ängstlicher, irgendwie bei den kirchlichen Autoritäten anzuecken: Etwa, wenn es darum geht, über konsequente Selbstbestimmung zu sprechen auch gegenüber meinem eigenen Tod? Ich finde auch, der Einsatz für eine konsequente Durchsetzung der Patientenrechte durch Gita Neumann ist natürlich sehr anerkennenswert.

hpd: Sind Sie Christ, wenn man so was fragen darf?

Modehn: Darf man gelegentlich mal fragen. Nur haben es Christen schwerer als Atheisten, mit einem klaren Ja oder klaren Nein zu antworten. Denn Christentum ist eine äußerst vielfältige Bewegung. Ich persönlich fühle mich mit den katholischen mystischen Traditionen (z.B. Meister Eckart oder dem Karmel) sowie mit der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung verbunden. Besonders nahe fühle ich mich als Theologe und Philosoph den Freisinnigen protestantischen Kirchen der Niederlande.
Sie sind übrigens gern gesehene Gesprächspartner der niederländischen Humanisten. Leider in Deutschland nahezu unbekannt!

hpd: Sie sind die „Bundesbeauftragte des HVD für Patientenverfügungen und humanes Sterben“ und werden ganz persönlich, teilweise mit Ihrem Mann, dem Künstler Rudolf Valenta, porträtiert. Wo würden Sie, nachdem der Film fertig ist, wenigstens hier per Interview, Korrekturen, wenigstens leise, anmerken wollen?

Neumann: Das überlasse ich gern anderen, es gibt ja genug Kritiker/innen, die den Beitrag entweder als zu sentimental oder auch zu kulturell empfunden haben und sich mit ihrem Realismus hier gar nicht wiederfinden. Nun ja, Herr Modehn hat mir vielleicht ein wenig zuviel „Naturmystik“ angedichtet – mir geht es eigentlich um das nicht erklärbare Wunder, wie überhaupt Leben entstanden ist – die Evolutionsgesetze können wir ja wissenschaftlich gut beschreiben.
Dann hätten einige Angaben bezüglich des Humanistischen Verbandes präziser sein können. Etwa, dass es sich bei der gezeigten Uraufführung der tschechischen Komponistin Sylvi Smejkalova um ein von einer unabhängigen Jury preisgekröntes Musikstück handelt, und zwar aus Anlass der 100jährigen Jubiläumsfeier des Humanistischen Verbandes (mit Eröffnungsrede des Berliner Regierenden Bürgermeisters). Also ein bisschen mehr (verbands-) politische Aspekte und ein Hinweis auf unsere bundesweiten Erfolge, z. B. mit der Patientenverfügung in den Verbrauchermagazinen an oberster Bewertungsstelle zu stehen, hätten dem Film gut getan. Auch fehlt auf meine Person bezogen vollständig das Aktivistische, z. B. im Bereich Patientenrechte, und das Intellektuelle, was mich eigentlich auch stark macht.

hpd: Nun handelt der Film viel von Sterbehilfe und Patientenverfügungen. Und Sie haben das Team (des HVD) beobachtet. Was würden Sie jetzt, rückblickend zu dem Thema sagen?

Modehn: In dem Film wird Sterbehilfe eigentlich nicht thematisiert! Frau Neumann begleitet einen schwerstkranken Menschen, der sich nach einem würdigen Abschied ohne Schmerzen sehnt. Humanistische Seelsorge, nicht Sterbehilfe, ist eines der Themen des Films!
Ich persönlich meine darüber hinaus und abgesehen von diesem Film, dass es doch viel Anerkennung verlangen sollte, wenn immer wieder laut Umfragen 80 Prozent der Bundesbürger aktive Sterbehilfe in Ausnahmesituationen richtig und ethisch akzeptabel finden. In den meisten „Fällen“ sind Hospize das richtige Angebot.
Ich habe bisher leider nur in den Niederlanden Christen, Protestanten wie Katholiken, getroffen, die offen für eine aktive Sterbehilfe eintreten. Der neue Leiter des dortigen Verbandes NVVE (Verband für Freiwillige Euthanasie) in Amsterdam ist ein „praktizierender Katholik“. Diese Christen wissen von ihrem kirchlichen Glauben her: Der schwerstkranke leidende Mensch, der um aktive Sterbehilfe bittet und ein würdiges Ende im Kreise seiner Lieben will, der kehrt ja endlich – seinem Glauben gemäß – in seine himmlische Heimat, zu Gott, zurück. „Unsere wahre Heimat ist der Himmel“, sagt der Apostel Paulus. Was können kirchliche Instanzen eigentlich dagegen haben?

hpd: Bei dieser Gelegenheit eine Sachfrage: Wie viele Patientenverfügungen hat der HVD in den letzten Jahren abgeschlossen?

Neumann: Wir fassen in unserem interdisziplinären Team in Berlin täglich gut fünf individuelle Patientenverfügungen ab, im Jahr etwa 1250, und das seit Anfang der neunziger Jahre, allerdings waren es vor 1999 deutlich weniger. Dazu täglich unzählige Beratungen von Hilfesuchenden telefonischer, persönlicher oder auch elektronischer Art. Unsere Internetseite wird von über einer halben Millionen Menschen jährlich besucht und für Downloads genutzt. Darüber hinaus wurden im letzten Jahr etwa 35.000 Broschüren mit Vorsorgeformularen und Textbausteine für so genannte Standard-Patientenverfügungen postalisch bei uns bestellt oder abgeholt.

hpd: Was ist hier Ihre wichtigste Erfahrung?

Neumann: Selbstbestimmung und Fürsorge gehören eng zusammen, beides ist von Verantwortlichkeit getragen. Und: Aufklärung muss meist leider immer wieder bei Null anfangen.

hpd: Was würden Sie in der jetzigen Debatte um ein „Patientenverfügungsgesetz“ Politikerinnen und Politikern unbedingt mit auf den Weg geben?

Neumann: Die Politik kann und soll kein generelles Misstrauen gegen die (Eigen-) Verantwortlichkeit der beteiligten Akteure, vor allem der Familien haben, diese nicht mit Überreglementierungen und überflüssigen amtsrichterlichen Kontrollverfahren drangsalieren. Lebensende, Sterben und die Einwilligung in körperinvasive Eingriffe müssen dem Bereich des Persönlichen überantwortet bleiben.
Die einfachste und praktikabelste Rahmenregelung ist die Beste. Und die lautet: Eine valide Patientenverfügung gilt – unabhängig von Krankheitsstadien oder gar Krankheitsarten – verbindlich, wenn sie nur hinreichend konkret auf die dann eingetretene Situation beziehbar ist. Alle anderen Detailüberlegungen schaden nur, weil sich der Einzelfall der gesetzlichen Normierung entzieht. Jeder Politiker und jede Politikerin sollte sich fragen: Wer bin ich denn, für einen anderen Menschen einen Katalog aufstellen zu wollen, ab wann dessen Leben nicht mehr oder immer noch lebenswert ist. Da ist die Tür zur aufgezwungenen Intensivmedizin oder auch zur Diskriminierung weit offen

hpd: Noch mal zur Eingangsfrage: Sie kennen den HVD seit einigen Jahren. Wie beurteilen Sie ihn gesellschaftspolitisch? Was würden Sie den Leuten im HVD unbedingt noch sagen wollen?

Modehn: Mir steht es nicht zu, als beobachtender Journalist als Lehrmeister aufzutreten. Aber, wenn die Frage schon gestellt wird: Ich denke, der HVD könnte noch mehr das Gespräch mit religiösen Humanisten suchen. Ich denke oft daran, dass der bekennende Atheist, der Publizist Alfred Grosser, Paris, seit vielen Jahren gern gesehener Kommentator der katholischen Tageszeitung LA CROIX (Paris) ist. Warum gibt es ähnliches nicht in Deutschland?
Der HVD könnte sich doch auch Menschen öffnen, die sich vom (fundamentalistischen Bereich) des Islam lösen. Warum gibt es kein Gespräch mit der philosophischen Tradition der Aleviten? Warum ist so wenig zu spüren von einem Gespräch mit Buddhisten, die ja eine gott-lose Religion praktizieren? Warum gibt es keine kleinen offenen Gesprächs- und Begegnungsorte der Humanisten mitten in der Stadt, wie diese „Zentren der Offenen Tür“, die etwa den Humanisten in Belgien so wichtig sind. Da könnten offene humanistische Seelsorge und philosophische Kurse angeboten werden und warum nicht auch humanistische Meditationen in Zusammenarbeit mit Buddhisten. Solche humanistischen Zentren könnten doch die Seelsorge der Kirche beleben.

Die Fragen stellte Gabriele Groschopp

 

 

 



André Comte Sponville. Atheistische Spiritualität

7. April 2009 | Von | Kategorie: Interkultureller Dialog

ANDRE COMTE SPONVILLE

Eingetaucht in die Leere des Kosmos
Mystik ohne Gott: Der Philosoph André Comte-Sponville hat sich vom Christentum abgewandt.
Er vertritt eine atheistische Spiritualität – ohne Militanz Continue reading “André Comte Sponville. Atheistische Spiritualität” »