Philosophisches Denken könnte die vielen verfeindeten Religionen versöhnen

Philosophische Hinweise zum „Welttag der Religionen“ am 20.1.2019

Von Christian Modehn

Der Welttag der Religionen fand 1950 zum ersten Mal statt, auf Initiative der Bahaii Religion. Mit gutem Grund setz(t)en sich die Bahaiis für diesen „Welttag“ ein, ist doch ihre aus dem Iran stammende Konfession immer wieder Verfolgungen und Diskriminierungen durch andere Religionen ausgesetzt (gewesen).

Am 20. Januar 2019 wird nun wieder der Weltreligionen „gedacht“.

Aber was sollte gedacht und in Gruppen besprochen werden im Jahr 2019, in einer Zeit, in der sich viele tausend Menschen unterschiedlicher Religionen bekämpfen und ermorden? Tatsache ist: Der jeweilige „Gott“, der dieses ewige Gemetzel angeblich „will“, ist nichts als ein Tyrann, der keinerlei Anspruch hat, als Gott verehrt zu werden. Ist das religiöse Gemetzel religiös bedingt oder auch (oder nur) sozial und politisch, wäre ein schönes Thema. Sind die Selbstmordattentäter wirklich so sehnsüchtig nach den „Jungfrauen“ im Paradies? Oder ist das alles nur ideologisch verbrämter Vorwand?

Religionen als etablierte Institutionen zeigen heute immer mehr ihr machtvolles Gesicht, jede Religion will stärker sein als die andere, die meisten Mitglieder vorweisen (Milliarden Christen contra viele Millionen Muslime). Fast alle Religionen und Konfessionen sind auch heute noch dogmatisch oder ultradogmatisch fixiert und klammern sich an so genannte Offenbarungen Gottes, die nur ihnen der himmlische Vater  zukommen ließ. Was ist da alles bloße Behauptung, Willkür, Wahn? Manche glauben, in einem bestimmten Buch spreche Gott selbst und direkt und so nehmen sie jeden Vers wörtlich wie einen Zeitungsbericht im Jahr 2019. Könnte der Bruch zwischen Moderne und diesen Religionen sichtbarer sein? Die meisten Religionen bekennen sich zu alten Weltbildern, die heute für Erleben der Menschen bedeutungslos geworden sind, man denke an die religiöse Einschätzung der Frauen, an die exklusive Hochschätzung des Klerus usw.

Der allgemeine Religionsfriede als friedliches Miteinander oder wenigstens Nebeneinander der Religionen bleibt ein fernes Ideal. Wer hofft, dass die weitesten Kreise des Islams eine umfassende Reformation ihrer Lehren wirklich vollziehen? Wer kann ihnen dabei helfen? Ist die langsam voranschreitende Säkularisierung des Bewusstsein auch in muslimischen Kreisen eine Lösung des Problems? Werden die Evangelikalen und Pfingstler noch einmal zur theologischen Vernunft kommen und nicht länger rechtsextreme Politiker wie in Brasilien unterstützen? Aber der Religionsfriede sollte ein Ideal bleiben, eine orientierende Idee für alle Zukunft. Wir können doch nicht im Ernst den verblendeten Fundamentalisten in allen Religionen das (Schlacht)Feld überlassen. Die Fundamentalisten haben gebildeten Menschen jedes tiefere, persönliche Interesse an Religionen genommen. 

Dringender ist, immer wieder auch in politischen Zusammenhängen und in internationalen Organisationen die völlige Religionsfreiheit (selbstverständlich auch Freiheit zum Atheismus) in jedem Staat als völlig normal zu fordern und bei allen Gelegenheiten fundamentalistische Führer mit dieser Erkenntnis zu konfrontieren. Schließlich leben viele arabische Herrscher auch von den geistigen Errungenschaften Europas, die nur möglich wurden in einer pluralistischen Gesellschaft der Religionsfreiheit. Wer in der arabischen Welt zum Beispiel Zeitschriften und Bücher nutzt, profitiert von der Entwicklung des Buchdrucks in einem konfessionell pluralistischen christlichen Europa… Religionsfreiheit „lohnt“ sich also, ein sehr „pragmatisches“ Argument.

Die wichtigste Frage ist: Wo liegen die Reform-„Ressourcen“ einer jeden Religion? Kann sie sich umfassend reformieren und entwickeln, wenn sie selbst nur auf ihre eigenen Traditionen schaut, die zudem noch von einem herrschenden „Klerus“ definitiv interpretiert werden.

Philosophisch ist klar: Reformen und sinnvolle „Modernisierungen“ einer jeden Religion können nur von philosophischen Maximen und Einsichten gefördert und inszeniert werden. Philosophisches Denken hat den Überblick, steht förmlich über den Religionen, erkennt ihre Strukturen, den Sinn und Unsinn ihrer Lehren. Philosophisches Denken tritt für die Menschenrechte ein als Maßstab und Kriterium auch dogmatischer Lehren: Wie sollen Religionen etwa jemals aus der dummen Befangenheit herauskommen, wenn sie rigoros die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen und deren Normalität ablehnen? Wer nur ein paar anti-homosexuelle Bibelverse oder Koranverse hin und herdreht, wird zu keiner Klarheit kommen. Einzig das philosophische Denken als Instanz der allgemeinen und universalen Menschenrechte kann hier (und in vielen anderen dogmatischen Fragen) weiter helfen.

Wie werden etwa die christlichen Kirchen sich jemals von der Last der uralten Dogmen befreien und viele(s) beiseite lassen, wenn sie nicht historisch-kritisch, also auch philosophisch, die Genese dieser alten, aber heute unbrauchbaren, irrelevant gewordenen, versteinerten Dogmen und Formulierungen anerkennen. Und die Philosophie führt auf den Boden des modernen Bewussteins zurück: Welcher Katholik versteht schon im Ernst das Dogma und Bekenntnis, dass „der Heilige Geist vom Vater und vom Sohne ausgeht“?

Philosophie wird sozusagen zum Advokaten des modernen Bewussteins auch beim Thema Religionen; Philosophie klagt das Recht des einzelnen, heute und hier lebenden Frommen ein. Denn der will das Wesentliche jetzt glauben, etwas, das ihm nachvollziehbar in einfachen Wort Lebens-Sinn eröffnet in dieser verrückten Welt.

Sind die Religionen, so wie sich jetzt als dogmatische Burgen zeigen, also eine Last für die Menschheit? So, wie sie jetzt sind, bestimmt. Dennoch sollte man nicht auf Religionen (oder den atheistischen Glauben) verzichten: Denn in ihnen drückt sich eine tiefe Sehnsucht des menschlichen Geistes nach einer letzten Geborgenheit, einem tragenden Sinn, aus.

Das suchen meines Erachtens auch die angeblich so wenig frommen jungen Menschen in Europa: Sie wollen eine einfachen, eine humanen Glauben und nicht so viel „Brimborium“ in Kultus, Dogma, Institution.

Mit anderen Worten: Religionsfriede und Kooperation der verschiedenen Religionen kann es wirksam nur dann geben, wenn übergeordnete Instanzen, wie die Philosophie, die Religionen an einem Tisch oder an vielen Tischen versammeln. Und sich vernünftig austauschen und sich vernünftig korrigieren. Die jeweilige Theologie der jeweiligen Religionen ist viel zu sehr institutionell gebunden und begrenzt, um diese Aufgabe der Versöhnung der Religionen zu leisten. Es ist also in gewisser Weise die Welt, das weltliche selbstkritische vernünftige Denken, das über den Religionen steht. Wobei sich dieses weltliche, also philosophische Denken stets selbstkritisch erneuert und entwickelt.

Unter diesen Bedingungen kann dann jeder Fromme jeder Religion seinen Glauben leben, aber immer in dem Bewusstsein: Ich habe mit meiner Religion nicht „die“ Wahrheit, denn alle Religionen sind irgendwie Ausdrucksformen des menschlichen Geistes. Und alle heiligen Bücher sind ebenfalls Ausdruck des religiösen Bewusstseins bestimmter Menschen. Vom göttlichen Himmel heruntergefallen ist ja bekanntlich noch kein religiöses Buch.

Das einzige WUNDER, das es in philosophischer Sicht wohl gibt, ist die Frage: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts? Alle anderen so genannten Wunder sind in vernünftiger Sicht frommer Wahn und psychologisch gesehen vielleicht sogar nachvollziehbare Wünsche.

Copyright: Christian Modehn, www.re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er-salon.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.