Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich

13. Mai 2009 | von | Themenbereich: Gott in Frankreich, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Gegen den Trend

Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise

Von Christian Modehn.

Ergänzung im November 2016: Die Gemeinden in Frankreich sterben aus, weil der Klerus ausstirbt. So einfach ist das. Und so schlimm, wenn man an den Tod der Kommunikation dadurch in den Dörfern und den möglichen Verlust an Spiritualität denkt. Über jüngste (2016) Entwicklungen, zum Thema, im Bistum Tulle (Corrèze) klicken Sie hier.

Die Vergangenheit wirkt so beruhigend, weil sie tot ist.« Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers im Westen Frankreichs, liebt klare Worte, wenn er von der »Pfarrgemeinde« als Organisationsform kirchlichen Lebens spricht: Sie ist für ihn überholt. »Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.«

Bis zum Jahr 2017 wird es noch vierzig Priester im Erzbistum Poitiers geben, die jünger als 65 Jahre sind. Etwa 750 000 Menschen leben im Gebiet des Erzbistums, die Zahl der Katholiken dürfte bei 670 000 liegen. Genaue Statistiken gibt es nicht. Wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat in Frankreich werden exakte Daten zur Konfessionszugehörigkeit nicht ermittelt. Erzbischof Rouet und mit ihm ein großer Kreis von Laien und Priestern weisen die inzwischen in allen anderen Bistümern – in Frankreich wie in Deutschland – üblichen »Struktur-Anpassungen« zurück, denen zufolge ein Priester eine Gemeinde nach der anderen übernimmt. »Wir wollen nicht, dass Pfarreien ihre Eigenständigkeit verlieren und plötzlich zu Anhängseln immer größer Einheiten werden«, betont Erzbischof Rouet. Nach ausführlichen Beratungen auf zwei Diözesansynoden hat man entschieden, von der Basis aus das kirchliche Leben grundlegend neu zu gestalten. Mit ausdrücklichem Hinweis auf Lateinamerika stehen »Basisgemeinden« nun schon seit zwölf Jahren im Mittelpunkt. Aus Pfarreien werden zahlreiche »Communautés locales«. Über 300 sind es bisher. Sie werden jeweils von einem Team von fünf Laien geleitet. Zwei Mitglieder, Frauen oder Männer, werden vor Ort gewählt, drei weitere von einer Bistumskommission je nach Fähigkeiten und Interessen berufen. Die Amtszeit dauert drei Jahre. Es ist nur eine Wiederwahl beziehungsweise Berufung möglich. Dadurch soll ein breiter Kreis von Interessierten die Chance haben, Verantwortung zu übernehmen. Das Wort »Laie« liebt man nicht in Poitiers. Man spricht lieber vom »Volk Gottes«, in dem alle Getauften gleiche Rechte und Pflichten haben. Die Spezialisierung in Ämtern kommt erst an zweiter Stelle.

Erzbischof Rouet will mit seinem »Volk Gottes« ein bislang in Europa einmaliges Modell verwirklichen: Laien übernehmen vor Ort Verantwortung für ihre Gemeinde. »Das ganze Projekt hat eine entscheidende Voraussetzung: Wir vertrauen den Laien, dass sie imstande sind, ihr allgemeines Priestertum, empfangen durch die Taufe, kreativ zu leben. Jeder Mann und jede Frau sollen erfahren: Ich bin etwas wert, man rechnet mit mir, man braucht meine ganz besondere Begabung.« Übernimmt ein Team die Verantwortung, zum Beispiel für eine Dorfgemeinde, dann wird es offiziell vom Bischof entsandt. Denn die fünf Gemeindeleiterinnen und -leiter üben nun ein »anerkanntes Dienstamt« aus. Bei dem Sendungsgottesdienst in der Kathedrale umfassen sie gemeinsam mit ihrem Erzbischof den Bischofsstab: ein Symbol dafür, dass sie nun Anteil haben an der Verantwortung für ihre Kirche.

Die Auswirkungen dieser Belebung der Kirche von der Basis aus sind deutlich zu sehen: Sehr viele Kinder interessieren sich für den Religionsunterricht im Gemeindehaus, es gibt viele Gesprächskreise, karitative Hilfen, Bestattungsfeiern – alles organisiert vom Leitungsteam zusammen mit anderen »Ehrenamtlichen«.

Und: Es wird an jedem Sonntag ein Wortgottesdienst gefeiert. Die Dorfkirche muss also nicht geschlossen werden mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt in der »Zentralkirche« statt. Die Kirchengemeinde bleibt vor Ort ansprechbar, sie ist ein guter Nachbar.

Alle zwei bis drei Wochen kommt der zuständige Pfarrer zur Eucharistiefeier. Er lebt im größten Ort der Umgebung: Von dort werden die Basisgemeinden zu einem größeren »Sektor« zusammengeführt. Die verschiedenen Sektoren bilden dann ein »Territorium«.

So ganz ohne Verwaltungsbegriffe kommt man also selbst in Poitiers nicht aus. Aber Strukturen haben dort den einzigen Zweck, dass immer neue Basisgemeinden entstehen, auch in den Städten. Die Universitätsstadt Poitiers selbst hat 85 000 Einwohner. Auch dort hütet man sich, eine Kirche zu schließen. Es bilden sich in den früheren Pfarrgemeinden vielmehr zahlreiche kleinere Basisgemeinden, die sich auch in den Wohnungen treffen. Der Priester ist nicht in erster Linie der »Spezialist für Kultus und Sakramente«, sondern auch der kompetente Theologe. Er kümmert sich um die Fortbildung der Basisgemeinden, er ist der Seelsorger, er unterstützt spirituell und organisatorisch bei der Vernetzung der Basisgemeinden mit dem Bistum und der Weltkirche.

Die Kirche von der Basis aus zu gestalten hat Auswirkungen auf das soziale Leben in den Dörfern und Städten. Denn über die Frage, wie armen und alten Menschen am besten geholfen werden kann, kommt das Pastoralteam in engeren Kontakt mit sozialen Organisationen und Hilfswerken am Ort oder in der Region. Und wenn die Dorfkirchen regelmäßig offengehalten werden, taucht immer wieder die Frage auf: Lässt sich die Kirche nicht auch anderweitig nutzen? Für Konzerte etwa, für Ausstellungen? Am meisten freut sich Erzbischof Rouet darüber, dass auch »Kirchendistanzierte« hin und wieder Interesse haben, einem Leitungsteam anzugehören: »Sie spüren: Da gibt es in der Kirche einen freien Raum der Gestaltung, wo sie sich auf ihre Art einbringen können.«

Bis jetzt ist kein anderes französisches Bistum den guten Erfahrungen von Poitiers gefolgt. Denn dieses Modell macht tatsächlich viel Arbeit und erfordert zudem den Mut, alte Strukturen abzuschaffen. Dabei ist es keine Frage, dass Poitiers den Weg in die Zukunft weist: Denn innerhalb der nächsten zehn Jahre wird die Zahl einsatzfähiger Priester erheblich kleiner werden. Im Bistum Belfort wird es 2017 noch sieben (!) Priester im Alter unter 65 Jahren geben, im Bistum Verdun werden es noch neun sein, in Le Havre fünfzehn. Die einst allmächtige Kleruskirche gelangt in Frankreich definitiv an ihr Ende. Kirchenrechtlich haben sich die Katholiken in Poitiers gegen römische Vorbehalte abgesichert: Sie erinnern an Kanon 516, Paragraf 2 des Kirchenrechts. Dort steht: »Wenn irgendwelche Gemeinschaften nicht als Pfarrei errichtet werden können, dann kann für deren Seelsorge auf andere Weise gesorgt werden.«

Ob die kirchenrechtliche Unterstützung für dieses durchaus revolutionäre Unternehmen ausreicht, wird sich zeigen, wenn Erzbischof Rouet in zwei Jahren pensioniert wird. Ein Nachfolger kann ja bekanntlich das Werk seines Vorgängers mit einem Handgriff zerschlagen. Dafür gibt es zahllose Beispiele weltweit. Aber die Basis in Poitiers gibt sich selbstbewusst. Sie will den neuen Weg fortsetzen.

Siehe: Albert Rouet, Un nouveau visage d Eglise, Paris 2005 und Albert Rouet, Un gout d espérance, Paris, 2008.

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