Europa ohne Religionen. Zu einem neuen Europa-Atlas, hg. u.a. von der Böll-Stiftung

Europa ohne Religionen?

Zum neuen Europa Atlas, hg. von der Heinrich Böll Stiftung u.a.

Von Christian Modehn

Pünktlich zum „Europatag der Europäischen Union“ am 9. Mai 2014 ist ein interessanter „Europa-Atlas“ erschienen mit kurzen, prägnanten Informationen zum weiten Spektrum des Kontinents: Es  werden in 20 Kapiteln u.a. Informationen geboten zur Euro-Krise, zur zunehmenden Bedeutung der Europa-Gegner. Auch die Außen- und Sicherheitspolitik fehlt natürlich nicht, genauso wenig die (immer anschaulichen) Informationen zum Thema Frauen, Asyl, Energie, usw. Selbst der Eurovision-Song-Contest wird in eigenem Kapitel kritisch untersucht! Dabei freuen wir uns über den “Sieg” von Conchita Wurst aus Österreich im Eurovision Song Contest 2014, vor allem, weil dadurch erneut weitere Einsichten zur schönen Vielfalt sexueller Orientierungen angestoßen werden. Wir finden es zudem erstaunlich und überraschend, dass Conchita Wurst die meisten Stimmen aus den katholischen (!?) Ländern Italien, Spanien und Irland erhielt.

Trotzdem: Wir fragen uns im „Religionsphilosophischen Salon Berlin“: Wenn schon dieses merkwürdige Massenspektakel der globalen Unterhaltungsindustrie kritisch in dem Europa Atlas besprochen wird, vielleicht verstecken sich da tatsächlich auch spirituelle Dimensionen: Warum fehlt aber jegliche Information zu einem sehr viel wichtigeren europäischen Thema, das uns besonders interessiert: Wenn schon nichts dokumentiert wird über die Rolle der Philosophie und des Philosophie-Unterrichts in den verschiedenen europäischen Ländern: Warum kann man im Ernst darauf verzichten, wenigstens einige grundlegende Informationen zum Wandel der Bedeutung von Religionen in Europa zu bieten? Wir halten, offen gesagt, diesen Mangel an Informationen über den „Zustand“ der Kirchen, Religionen und Weltanschauungen in Europa für schlimm in einer ambitionierten Publikation.

Nur ein aktuelles Beispiel, das zeigt, wie das Thema Religionen in Europa voller Überraschungen steckt: Gerade jetzt erscheint (Anfang Mai 2014) in Italien eine große Studie über den „religiösen Analphabetismus in Italien“ (so der Titel aus dem Verlag il Mulino, Bologna)  in dem angeblich so „tief katholischen“ Land. Prof. Alberto Melloni und sein Team bringen alle Vorurteile ins Wanken, über die angebliche Vorbild Funktion des italienischen Katholizismus, etwa wenn ihre Umfragen zeigen: Jeder Fünfte Italiener ist überzeugt, dass Jesus von Nazareth selbst die Bibel verfasst hat, nur einer von hundert Italienern kann die Zehn Gebote vollständig aufzählen: Nebenbei: Ist diese Unkenntnis  der Zehn Gebote Wirkung oder Ursache für die heftige Bedeutung der Mafia und der Korruption in dem angeblich ur-katholischen Land. Die elementare Kenntnis des Christentums ist in Italien mangelhaft, trotz (oder wegen?) der allgegenwärtigen Bilder von Pater Pio und dem Heiligen Franz von Assisi oder der Heiligen Rita usw…

Schon dieses Beispiel zeigt, welche spannenden Themen dem Europa Atlas entgehen, wenn er das Thema Religionen in Europa ausblendet und vielleicht uneingestanden so tut, als wäre das Thema Religionen eigentlich für aufgeklärte Leute hierzulande nicht mehr relevant. Das Gegenteil ist der Fall!

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat unsere Kritik der Böll Stiftung, die u.a. für den sonst ja empfehlenswerten Europa Atlas mit- verantwortlich ist,  mitgeteilt. Wir erhielten darauf hin diese Antwort, die wir vollständig dokumentieren:

„Ihre Frage zum Thema Religionen ist berechtigt. Der Atlas ist auf 20 Themenseiten beschränkt, so dass wir priorisieren und leider auf viele relevante und wichtige Themen verzichten mussten. Unsere Priorität lag im Hinblick auf die Europawahl auf der Frage, was Solidarität in Europa bedeutet und wie die EU in ausgesuchten Feldern Politik gestaltet. Dabei ging es uns vor allem um Europa als Friedensprojekt und Solidargemeinschaft. Mit dem Europa-Atlas wollen wir Kenntnisse vermitteln und Zusammenhänge verdeutlichen, wollen Europa anschaulich machen, vor allem aber wollen wir motivieren, sich für dieses historische Projekt zu engagieren.

Ich hoffe, sie haben Verständnis für diese Auswahl.

Beste Grüße, Christine Pütz

Heinrich-Böll-Stiftung e.V.

Dr. Christine Pütz, Referat Europäische Union/Nordamerika| Referentin Europäische Union“

Wir danken für die Antwort, auch wenn wir sie nicht „verstehen“, hoffen aber auf einen weiteren, neuen Atlas, der sich kritisch mit den Religionen (und Atheismen usw.) in Europa befasst. Eine utopische Hoffnung? Vielleicht. In Frankreich jedenfalls hat man den Mut zu solchen Publikationen…Deutschland verpasst da Wichtiges!

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ wird jedenfalls mit seinen eher bescheidenen (auch in finanzieller Hinsicht als private Basisinitiative) versuchen, immer wieder und weiter über Religionen (und Philosophien) in Europa zu berichten. In Kürze folgt eine ausführliche Besprechung von „Rapporto sull’analfabetismo religioso in Italia“ (2014) A cura di Alberto Melloni, Il Molino, Bologna 2014.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der oben genannte Europa-Atlas und die darin enthaltenen Grafiken stehen zum Download zur Verfügung: www.boell.de/europa-atlas

Er liegt zudem der Freitagausgabe der taz (9. Mai 2014) und der Maiausgabevon Le Monde diplomatique (10. Mai) bei.