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Und wozu Denken in dürftiger Zeit: Wie kann Vernunft in der gegenwärtigen Welt wirksam werden?

19. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denkbar

Und wozu Denken in dürftiger Zeit:

Wie kann Vernunft in der gegenwärtigen Welt wirksam werden?

Ein Impuls – Referat von Prof. Petra von Morstein anlässlich des Welttages der Philosophie 2011

Mein Ausgangspunkt ist: Wir befinden uns auf diesem Globus in einer Krise. Und wir wissen mehr oder weniger, was deren Inhalt ist. In einer Krise sind die Denksysteme und die Formen zu leben zutiefst erschüttert. Wir werden dann auf uns zurückgeworfen und wollen uns neu orientieren. D.h. wir sind uns selbst ganz akut zum Problem geworden. Das hat nun damit zu tun, dass wir als Personen des Selbstbewusstseins fähig sind, ganz im wörtlichen Sinne. D.h. wir sind fähig, uns selbst zum Gegenstand unseres Bewusstseins zu machen und darüber zu reflektieren, wie wir in der Welt leben und leben wollen. Und diese Reflexion wird überwältigend notwendig, wenn wir in einer Krise desorientiert sind. Das hat auch in der Philosophiegeschichte einen ganz prägnanten Hintergrund: Descartes ist z.B. ein Philosoph, der in einer ganz anderen Art von Krise, nämlich der Krise, die die kopernikanische Revolution verursacht hat, ganz von vorne anfängt zu denken, alle bisherigen Voraussetzungen für nichtig erklärte und von Grund auf neu zu denken anfängt. Dieses „neu denken“ will ich hier fokussieren.

Neu-Denken ist deshalb möglich, weil eine Person, also im Prinzip jeder Mensch, zugleich Subjekt und Objekt ist. Das bedeutet nicht: Wir sind  zwei verschiedene Dinge, sondern wir sind eine Einheit, die einen subjektiven und einen objektiven Aspekt hat. Als Subjekt sind wir imstande, neu zu beginnen, willentlich etwas ganz Neues zu tun. Deswegen weist die Philosophin Hannah Arendt sehr deutlich darauf hin, dass wir mit unserer „Gebürtlichkeit“, mit der Tatsache, dass wir geboren werden, neues Potential in die Welt bringen; dass wir damit die Möglichkeit von Weltveränderung in die Welt bringen, wenn wir denn zu denken anfangen. Ein Mensch fängt zu denken an, wenn er sich seiner selbst bewusst wird.

Mir meiner selbst bewusst werden, bedeutet ja, dass ich mir, in meiner Welt , in meinem Verhältnis zu meiner Welt, meiner selbst bewusst werde. Da kann ich auf den Philosophen Kierkegaard verweisen, der davon spricht, dass der Mensch Geist ist.  Das ist nichts etwas Abstraktes.  Vielmehr bedeutet es ganz konkret: Der Mensch findet sich unmittelbar in einer Lebenswelt, wir finden uns IN der Welt. D.h. wir be-finden uns in einem Verhältnis zur Wirklichkeit, wie sie uns umgibt, zu der  kulturellen, der physischen, der klimatischen, zur historischen Wirklichkeit. Über dieses Verhältnis, in dem wir uns finden, können wir nachdenken, d.h. wir können fragen: Wie verhalte ich mich in meiner schöpferischen Subjektivität als Ich authentisch zu dem Verhältnis, in dem ich mich in der Welt befinde. Will ich es so? Will ich es anders? Als Subjekt bin  ich schöpferisch, und kann gestalten, wie ich mit dem, was der Fall ist, lebe. Geist besteht also im Nachdenken über mich in meiner Lebenswelt und der schöpferischen Gestaltung meines Verhältnisses zu meiner Lebenswelt. Gestaltung impliziert Handeln, Ausübung meines ‚gebürtlichen’ Potentials. Sie sehen schon, dass Denken und Handeln eng verbunden sind.

Ich reflektiere also über mein Verhalten,  über mein Denken, über mein Handeln, über mein Fühlen in der Welt. Das heißt, dass ich nach Selbsterkenntnis strebe, wobei aber Selbsterkenntnis zugleich und unabtrennbar auch Wirklichkeitserkenntnis bedeutet, da ich mich ja erkennen will als jemand, der sich schon immer unmittelbar verhält zur Wirklichkeit. Mein aktualer Lebensbereich hat keine festen (raum-zeitlichen und begrifflichen) Grenzen, er hat vielmehr einen Horizont, der schwinden  oder wachsen kann, der unbestimmbar ist. Sein Schwinden und Wachsen hat zu tun mit mir als Geist im eben besprochenen Sinne, mit meiner reflektierenden und handelnden Gestaltung meines Lebens mit dem was, der Fall ist.

Wenn ich derart denke, dann bedeutet das ja, dass ich mich in der Welt verstehen will. Das gilt für jede Person. Wir alle leben in gewissen Sinne in derselben Welt und jeweils im Zentrum verschiedener konzentrischer Kreise, die in einander übergehen wie Wellen auf dem See, wenn Regentropfen darauf fallen,  und  jeder Tropfen verursacht konzentrische Kreise und  die konzentrischen Kreise erweitern, vernetzen sich, verschmelzen sozusagen in einander.

Wenn ich derart denke, denke ich über etwas nach, was ich noch gar nicht verstehe. Das ist besonders akut in Krisenzeiten, also gerade auch in unserer Zeit   –  und natürlich  in persönlichen Krisen, z. B. wenn man von einer schlimmen Krankheit befallen wird oder wenn ein geliebter Mensch stirbt. Es sind Krisen, die einen ontologischen Schock, einen Schock in der Seinsweise von Menschen, verursachen. Und dann ist es ganz wichtig, zu denken anzufangen, weil ich verstehen will, wie ich jetzt lebe und was die Welt, mein Leben in der Welt im Innersten zusammenhält.

Das Denken ist etwas, das keinen endgültigen Schluss anvisieren kann, sondern es ist ein Lebensvorgang. Ich verweise noch mal auf Hannah Arendt, denn sie hat emphatisch immer wieder betont, dass es ihr ums Verstehen-Wollen geht, mit allem Nachdruck auf dem Wollen. Das erfordert aber auch eine gewisse Demut. Denn ich kann nicht damit rechnen, dass ich zu einem endgültigen oder auch nur lange gültigen Verständnis komme. Sondern dass das Verstehen, das Denken im Leben, ein immer wieder zu erneuernder Vorgang ist, der nicht aufhört und der keinen definitiven Anfang und kein definitives Ende hat.

Infolge dessen will ich betonen, dass das Subjektsein in jeder Person auch etwas Mysteriöses ist; es gibt natürlich objektive Identitätskriterien in Bezug auf unsere raumzeitlichen Koordinaten, genetischen Faktoren, etc. Aber in Bezug auf das Subjektsein und der Fähigkeit etwas Neues zu beginnen, sozusagen aus der Kausalkette auszubrechen, gilt: Diese Fähigkeit beruht in unserem Subjektsein.

Jetzt möchte ich einen logischen Punkt zu bedenken geben, was mein Subjektsein angeht und was Ihr Subjektsein angeht: In dieser Hinsicht und nur in dieser Hinsicht sind wir nicht objektiv voneinander zu unterscheiden. Das Subjektive ist nicht objektivierbar. Das heißt aber nicht, wir sind in dieser Hinsicht genau dieselben. Vielmehr sind wir im Subjektsein untrennbar miteinander verbunden, so dass jeder einzelne Mensch dieses Subjektsein, in dem wir miteinander verbunden sind, auf jeweils einzige, nicht zu verallgemeinernde Weise manifestiert. Das bedeutet, dass jede Person zugleich aus Einzigkeit,  aus völliger Unverallgemeinerbarkeit, Singularität einerseits und Pluralität, Gemeinschaft,  andererseits besteht. Also eine Person ist singulär, einzig und gemeinschaftsfähig. Das „und“ betone ich.

Innerhalb dieser conditio humana, innerhalb dieser Gegebenheit,  findet das Denken statt. D.h. ich denke immer mit vom Subjekt her und denke nie nur das rein von mir getrennte,  empfindungslose Objektive. Diese Art des Denkens setzt voraus, dass wir das Subjektsein in uns wahr-nehmen und wahr-haben und nicht verneinen, nicht verstecken.

Es gibt aber viele Tendenzen von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts bis in unsere jetzige Zeit in verschiedenen Strömungen, wo das Denken, das vernünftige Denken, ganz sachlich, kühl, empfindungslos war, nur regelgebunden und logisch sein sollte.

Mit diesen Überlegungen will ich nun im Hinblick auf die Tatsache, dass wir Vernunftwesen sind, vier Arten von Denken unterscheiden. Ich skizziere im Folgenden vier Arten (der Ausübung) von Vernunft:

1.   Die erste Art ist die reine, nur auf den logischen Gesetzen der Kohärenz basierende Vernunft. Sie wissen von Kants berühmtem Werk Die Kritik der reinen Vernunft. Da kritisiert er die reine Vernunft, –  nicht, indem er sie verwirft, sondern indem er sie für allenfalls spekulativ hält, d.h. für unfähig, Erfahrung in irgendeinem Sinne verständlich zu machen. Also die reine  Vernunft sagt nichts aus über unser Leben in der Welt, über uns selbst und über Wirklichkeit.

2.   Zweitens vollzieht sich Vernunft nach Regeln, so, dass die Regeln abgeleitet sind von unleugbaren Tatsachen, die Erfahrung betreffen, d.h. von grundlegenden Erfahrungsmustern. Damit meine ich: Obwohl wir immer als Subjekt gegenwärtig sind, sind wir imstande, zwischen wahr und falsch innerhalb unseres Subjekt – und Objektseins zu unterscheiden. Das Wichtige ist, dass diese Vernunft, deren Regeln logisch von Erfahrungen, von Grunderfahrungsmustern, abgeleitet sind, das Subjektsein in uns allen einbezieht. Doch das einzelne Subjekt kann diese Art von Vernunft nicht in Betracht ziehen. Auch sie kann deshalb keine vollständigen Ergebnisse erlangen.

3.   Drittens gibt es Vernunft, die ganz auf bestimmte definitive Zwecke hin fokussiert ist, etwa auf den Zweck wirtschaftlichen Wachstums, auf den Zweck beherrschender Macht, wo eine Gruppe von Menschen unterworfen und beherrscht werden soll. Dies ist die ganz zweckgebundene Vernunft, die in unserer gegenwärtigen Gesellschaft sehr weit verbreitet und vorherrschend ist. Und das ist eine empfindungslose, rein an objektive Zwecke gebundene Vernunft, derart, dass diese Zwecke von dem gemeinschaftlichen Lebens- und Erfahrungskontext von Menschen und der Mitmenschlichkeit getrennt sind und nur dem Individuum als definitivem Objekt dienlich sein können. Es ist also eine Vernunft, die moralisch nicht viel bringen kann.

4.   Viertens geht es um die Vernunft, die ausgeübt wird im Erleben und untrennbar ist vom Erleben und Erfahrung. Das bedeutet, jedes Erleben, jede Erfahrung, die wir aktual machen, ist unablösbar verbunden mit Empfindung, mit Wahrnehmung mit emotionalen Empfindungen. Es gibt keine Erfahrung, die nicht eine Gefühlskomponente unablösbar mit sich führt, so dass die Vernunft im Denken diese Empfindung immer mitnehmen muss. Daraus folgt, dass die vierte Art der Vernunft nie nur durch Regeln erschöpft werden kann. Diese Vernunft nenne ich empfindungsträchtig, erfahrungsträchtig. Ich nenne sie auch leidempfindlich, weil Leidempfindungen besonders in Krisenzeiten häufig und unvermeidlich sind, so wie Desorientierung, Nichtweiterwissen, Nichtverstehen.

Diese vierte Vernunft muss also not-wendig ihre regelgebundenen Grenzen überschreiten. Sie ist daher mitmenschliche Vernunft, die sich u.a. am undeterminierbaren Subjektsein aller Personen orientiert und somit das Einzige und Singuläre eines jeden Erlebens mit ein- bezieht. Wenn ich mit der empfindungsträchtigen Vernunft über etwas, was Sie mir aus Ihrem Leben erzähle, nachzudenken beginne, dann denke ich aus dem Subjektsein heraus, was uns alle verbindet und versuche mich hineinzudenken in den Raum Ihrer singulären Erlebens und sozusagen darin mit ihnen herumzugehen, um gemeinsam mit Ihnen für Sie lebbare Perspektiven zu entwickeln.

Das heißt aber auch, dass diese Vernunft kohärent sein muss, Plausibilität erzielen muss, einsehbare Zusammenhänge erbringen muss, aber dies kann nie nur nach Regeln geschehen, sondern es muss immer das Element der Intuition aktiv sein. Das ist mir wichtig zu betonen, denn das ist die eigentliche mitmenschliche Vernunft, und es ist genau diese Vernunft, die für einige Philosophen, etwa Spinoza, Nietzsche, Hannah Arendt auf ganz verschiedene Weise die eigentliche politische Vernunft ist. Hannah Arendt bringt das ganz deutlich heraus, indem sie sagt, dass diese Art des Denkens auf dem Grund und Boden lebt, der selbst keinen Grund mehr hat, und dies ist unsere Freiheit, unsere Fähigkeit zum Neubeginn.

Das in uns allen gegebene Subjektsein ist der Ort der menschlichen Freiheit. Freiheit ist also im Mitsein – und nicht im durch Zwecke objektivierten und gefangenen Individuum. Daraus folgt, dass Freiheit und Gerechtigkeit von Grund auf zusammengehören. Also ist die empfindungsträchtige Vernunft die, wenn sie denn idealerweise von allen ausgeübt würde, die auch in Krisen hilfreich ist, denn wer sich an sie hält, könnte sogar Kriege vermeiden helfen.

Wir sollten die Vernunft nicht nur retten, sondern auch darauf bestehen, dass sie unbedingt notwendig ist. Dabei ist immer zu erinnern: Das regelgebundene Denken ist notwendig, um an die Grenzen eben dieses regelgebundenen Denkens zu gelangen, diese zu überschreiten und gewahr zu werden, was darüber hinaus in der Realität konstitutiv ist, so dass wir auf den Grund kommen, auf dem wir eigentlich schon immer stehen. Es ist der Grund der Freiheit und damit der Gerechtigkeit.

(Gesprochener Text, transskribiert und korrigiert)

© Petra von Morstein, Dezember 2011

 

 



Ein leidenschaftlicher Theologe. Zur Aktualität von Paul Tillich

27. August 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Der protestantische Theologe Paul Tillich hat nach wie vor interessante Vorschläge zu machen: Wo kann der Mensch das Unbedingte erfahren? Welche Bedeutung hat die Kultur/haben die Kulturen, wenn es um die Entdeckung des Göttlichen geht? Welche Rolle spielt dabei die Kirche? Welche Bedeutung hat die Philosophie für das vernünftige Reden von Gott? Der folgende Text ist eine längere Fassung eines Beitrags für das Kulturradio des RBB am 21. 8. 2011.

Ein leidenschaftlicher Theologe
Erinnerungen an Paul Tillich
Von Christian Modehn
…Die kürzere Fassung dieses Beitrags wurde im im RBB Kulturradio am 21.8.2011 gesendet…
Copyright: christian modehn

Musikal. Zusp.,

O TON, Christian DANZ,
Grundlegend muss man auch sehen, dass Tillich sehr stark auf moderne Fragestellungen sich bezieht, so dass er relativ breit religiöse Phänomene auch über die Kirchengrenzen und Christentumsgrenzen hinaus identifizieren kann.

1. Musikal. Zusp.,

O TON, Werner Schüssler
Er will dem säkularen Menschen deutlich machen: Wenn er in seine Tiefe vorstößt, dann findet er vielleicht, was man Religiosität nennen könnte.

Musikal. Zusp.,

O TON, Wilhelm Gräb
Er war ein Weltmann, man könnte dann auch sagen, ein Lebemann, der alle frommen Zirkel und bestimmte rigide Normen, die für besonders christlich gehalten werden, sich nicht hat gefallen lassen.

Musikal. Zusp.,

O TON, Gräb, 0 39“
Die große Leistung von Paul Tillich war, und womit er für uns auch heute noch Maßstäbe setzt: Er hat Gott in der Kultur entdeckt. Gott ist nicht nur in der Kirche zu Hause, er ist in erster Linie gerade nicht in der Kirche zuhause, sondern in der Kunst, in der Literatur, in der Musik. Natürlich ist das Kunstwerk nicht selber eine religiöse Wirklichkeit. Aber es bringt mich in Kontakt mit der transzendenten Wirklichkeit, mit einem Sinnzusammenhang, und wo das
geschieht, dort ist für Menschen auch ein gottesdienstliches Geschehen da, das ist gerade nicht an den Ort der Kirche gebunden.

1. SPR.:
Professor Wilhelm Gräb von der Humboldt Universität zu Berlin berichtet über Paul Tillich, einen der außergewöhnlichen Theologen des 20. Jahrhunderts. Er wurde vor 125 Jahren, am 20. August 1886, in Starzeddel geboren, einem Dorf in der Nähe von Guben; es gehörte damals zur „Provinz Brandenburg“. Sein Vater war dort Pfarrer, ein begabter Theologe, der sich nicht nur mit der Bibel befasste. Er weckte bei seinem Sohn sehr früh schon die Begeisterung für die Philosophie. Im Jahr 1900 zog die Familie nach Berlin. Nach dem Abitur studierte Paul Tillich in Berlin, Tübingen und Halle. An der Philosophie schätzte er die Weite des Denkens und das unablässige Fragen. Nur auf dieser Basis wollte er Theologe sein und den Glauben an Jesus Christus interpretieren. Denken und Glauben sollten nicht länger als Konkurrenten gelten. Tillich wollte Grenzen überschreiten, Getrenntes verbinden. Daran erinnerte er noch 1962, als er in Frankfurt mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt wurde.

O TON, Tillich, 0 44“
Das Dasein auf der Grenze, die Grenzsituation, ist voller Spannung und Bewegung. Sie ist in Wirklichkeit kein Stehen, sondern ein Überschreiten, ein Zurückkehren, ein Wiederzurückkehren, ein Wieder Überschreiten, ein Hin und Her, dessen Ziel es ist, ein Drittes, jenseits der begrenzten Gebiete zu schaffen, etwas, auf dem man für eine Zeit stehen kann, ohne in einem fest Begrenzten eingeschlossen zu sein.

1. SPR.:
Wenn sich Denken und Glauben gegenseitig anregen, entsteht ein „Drittes“, wie Tillich sagt, eine neue, eine moderne Religiosität. Sie lässt sich nicht in enge Mauern der Kirchen einschließen. Mit unverbrauchten Worten will Tillich den Glauben ausdrücken: Anstelle von Sünde spricht er von Seinsverfehlung. Christus nennt er das „neue Sein“; Gott wird zum Namen für das, „was die Menschen unbedingt angeht“.

1. SPR.:
Paul Tillich wird in Theologie und Philosophie promoviert, auch seine Habilitationen sind erfolgreich. 1912 wird er zum Pfarrer der „Brandenburgischen Landeskirche“ ordiniert. Unmittelbar danach beginnt er seinen Dienst als „Hilfsprediger“ in der Erlösergemeinde in Berlin – Moabit. Der dortige Pfarrer Wolfgang Massalsky hat nach den Spuren seines bedeutenden Kollegen geforscht:

O TON, Wolfgang Massalsky, 1 18“.
Es sind wohl ungefähr 20 Predigten in Moabit hier in der Erlöserkirche von ihm gehalten worden. Und diese Predigten konnte ich in einer Abschrift nur in Marburg einsehen. Und diese Predigten haben wir dann auch in einem Arbeitskreis behandelt. Es gibt immer einen Bezug zur Erfahrungswelt der Menschen damals. Dogmatische Fragen, Lehrfragen im eigentlichen Sinne spielten anscheinend gar nicht die große Rolle für ihn. Wichtig war ihm, das Leben in der Gesellschaft, das Leben im privaten Bereich vor allem auch, und sicher auch ein Stückweit das Leben in der Arbeitswelt. Er versucht die biblischen Sätze, die er als Predigttext benutzt, in den Horizont seiner Hörer herein zu bekommen; er versucht aber nicht durch eine Art Indoktrination sie zu gewinnen und sozusagen voll zustopfen mit christlicher Botschaft, sondern aus ihrer Erfahrungswelt heraus einen Zugang zu schaffen zu diesem Gott, der für ihn Jesus Christus greifbar und erlebbar geworden ist.

1. SPR.:
In Moabit gründet Tillich seine „offenen Salonabende“, Gesprächskreise, an denen Gläubige, Atheisten oder auch Anhänger esoterischer Zirkel teilnehmen. 1914 zieht er als Feldprediger an die vorderste Front. Er muss zusehen, wie Soldaten, Freunde wie Feinde, hingeschlachtet werden oder als Krüppel schwerste Verletzungen überlebten. In einem Brief schreibt er:

2. SPR..
Das Erleben des Krieges riss den Abgrund für mich so tief auf, dass er sich nie mehr schließen konnte. Mir wurde klar: Wenn es eine neue Theologie geben kann, dann muss sie dieser Erfahrung des Abgrundes unserer Existenz gerecht werden. Es ist ein Abgrund der Sinnlosigkeit.

1. SPR.:
Was ist das Leben? Was ist der Tod? Wie ist Frieden möglich? Fragen, die den Theologen und Philosophen sein Leben lang begleiten. In der Weimarer Republik ist er als Dozent und Professor in Berlin, Marburg und Dresden tätig, schließlich wird der nach Frankfurt am Main auf den angesehenen Lehrstuhl für Philosophie berufen. Theodor W. Adorno gehört dort zu seinen Doktoranden. Das Interesse an seinen Vorlesungen ist überwältigend. Tillich gelingt es, mit den Studenten gemeinsam nach dem Sinn des Lebens zu fragen.

O TON TILLICH , 0 22“
Der Mensch unserer Tage ist sich seiner Endlichkeit bewusst. Er kann nicht vergessen, dass er vom Nichts kommt und zum Nichts geht. Auch wenn er zugleich zu einer ewigen Dimension des Seins gehört. Die Angst vor dem Nichts mischt sich in ihm mit dem Mut, Ja zu sagen zum Dasein.

1. SPR.:
Viele Menschen schreiben ihm, berichten von ihrem seelischen Leid, der Suche nach einem tragfähigen Lebenssinn. Tillich, der Vielbeschäftigte, nimmt sich Zeit, auf jeden Brief persönlich zu antworten:

2. SPR.:
Man kann den Sinn finden in kleinsten und größten Dingen. Der Sinn kann niemals definiert, fest umschrieben oder gar griffig gehandhabt werden. Für mich ist Gott das grundlegende Symbol für den Sinn des Lebens. Er ist die Kraft des Seins. Daran glauben wir, wenn wir den Mut haben, Ja zu unserem Leben zu sagen, selbst wenn wir in unseren Worten die so genannte „Existenz Gottes“ verneinen.

1.SPR.:
Ob sich jemand gläubig oder ungläubig nennt, ist zweitrangig. Entscheidend ist, dass jeder Mensch das „Unbedingte“ mitten im Leben erfahren kann, betont Tillich:

O TON, Tillich. 0 21“
Es die Dimension, die sich zeigt, wenn die Fragen gestellt werden: Wofür bin ich da, warum ist irgendetwas da? Was ist der Grund, der Sinn allen Seins, was ist der Sinn meines Seins?

1. SPR.:
Tillich erinnert an das Licht, das sich noch in der Dunkelheit von Sinnlosigkeit und Angst zeigt. Und er fragt: Warum treten wir nicht aus dem Dunkel heraus, wechseln die Perspektive? Dann kann Religiosität entstehen. Über das besondere Glaubensverständnis Tillichs berichtet der evangelische Theologe Wilhelm Gräb von der Humboldt Universität :

O TON, Gräb, 0 55“.
Die Glaubenssprache redet nicht von einer anderen Wirklichkeit, sondern sie wirft einen anderen Blick auf diese Wirklichkeit, die wir hier und heute haben und leben. Sie lässt uns unsere Erfahrungen, die wir so oder so machen, anders deuten; sie bringt sie in eine andere Interpretationsperspektive. Das ist es, was die Sprache des Glaubens leistet. Sie lässt uns eben unsere Erfahrungen, die wir im Scheitern machen, die Erfahrungen, die wir in der Nichtstimmigkeit unserer Beziehung zu uns selbst wie zu anderen Menschen machen, als etwas sehen, das nicht was nicht unbedingt so sein muss, worin wir nicht aufgehen, sondern dass es da etwas gibt, was uns gleichwohl im Innersten zusammenhält, ja was diese Ganze im Innersten zusammenhält.

1.SPR.:
Aber Tillich weiß genau, dass Missgunst und Hass, Krieg und Gewalt „das Geheimnis allen Seins“ auch verdunkeln können. Der Sinn des Lebens muss immer neu errungen werden. Es sind vor allem Künstler, die dazu inspirieren, erläutert Wilhelm Gräb:

O TON, GRÄB, 0 26
Für Tillich waren das insbesondere die expressionistischen Maler, ein Ernst Ludwig Kirchner, Otto Dix, vor allen Dingen diejenigen expressionistischen Maler, die die Katastrophe des 1. Weltkriegs zu verarbeiten unternommen haben. Und eben dieser Appell ergeht, dass es so nicht weitergehen kann wie bisher, sondern Neues geschaffen werden muss.

1. SPR.:
Die neue, die gerechte Welt ist mehr als ein Traum, heißt Tillichs politische Überzeugung. Er fordert: Gerechtigkeit muss jetzt geschaffen werden! Mitstreiter findet er in der „Gruppe religiöser Sozialisten“:

O TON, Tillich, 0 37“
Der deutsche religiöse Sozialismus hatte gegen zwei Fronten zu kämpfen: Einerseits gegen die pessimistische Beurteilung der Geschichte durch das konservativ orthodoxe Luthertum der deutschen Kirche und seine damit zusammenhängende rein jenseitige Gerichtetheit. Andererseits hatte er zu kämpfen gegen die optimistische Beurteilung der Geschichte durch den Sozialismus und seine damit zusammenhängende utopische Diesseitigkeit.

1. SPR.:
Vor allem Pfarrer und Mitglieder der Kirchenleitung reagieren empört, als der religiöse Sozialist Tillich auch die traditionelle Diakonie und Fürsorge in Frage stellt:

2. SPR.:
Wir lehnen jede Form des Christentums ab, die an einer Innerlichkeit festhalten will. Es entspricht dem Geist der Liebe mehr, das Übel selbst auszurotten, als die Leiden, die es immer wieder bringt, durch bestimmte Regeln mildern zu wollen. Es ist ein höheres Ziel, die Voraussetzungen des Almosengebens aufzuheben als die Armut durch Almosen zu lindern.

1. SPR.:
Worte, die lateinamerikanische Befreiungstheologen heute genauso formulieren. Und als die große Wirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre zum Crash der Banken führte, schreibt Tillich:

2. SPR.:
Es ist ein höheres Ziel, die Möglichkeit des wirtschaftlichen Egoismus zu unterbinden, als diesen wirtschaftlichen Egoismus durch den Appell an die Pflicht patriarchalischer Fürsorge bloß einzuschränken.

1. SPR.:
Die Nazis werden auf Tillich, den sozialistischen Professor aufmerksam, sie machen ihm das Leben schwer; schließlich entfernen sie ihn gleich nach de sogenannten „Machtübernahme“ von der Universität.

1. SPR.:
Aber schon bald zeigt sich für Tillich ein Ausweg: Er wird eingeladen, an der Columbia University in New York zu lehren. Tillich lässt sich darauf ein, obwohl er kaum Englisch spricht. Im Herbst 1933 wandert er mit seiner Familie aus.

musikal. Zuspielung,

1.SPR.:
Bis zu seinem Tod am 22. Oktober 1965 lehrt Tillich in den USA, viel beachtet und hoch geschätzt, lehrt er an verschiedenen Elite – Universitäten in New York und Chicago. Das Magazine TIMES widmet ihm eine Titelgeschichte. Er gilt als DER moderne Theologe. Zu seinen Predigten strömen die Menschen in Scharen. Ein Bestseller wird sein Buch „Der Mut zum Sein“. Nach dem Krieg kommt er regelmäßig zu Vorträgen nach Deutschland. Auch hier bemüht er sich, einem möglichst breiten Publikum Wege zur Gotteserfahrung zu weisen. Seine Hörer und Leser wissen, dass ihnen gedankliche Arbeit zugemutet wird:

2. SPR.:
Wir Menschen entkommen niemals der Notwendigkeit, uns auf die Wahrheit zu beziehen. Auch der Lügner beansprucht noch für sich und die anderen, Wahres zu behaupten. Im Gewissen jedes Menschen meldet sich die Verpflichtung, das Gute zu tun. Dieser Aufforderung können wir niemals entkommen. Noch der größte Bösewicht, glaubt noch in seinen Untaten für sich oder für eine bestimmte Ideologie, Gutes und Richtiges zu tun. Der Mensch ist in seinem Geist gebunden an etwas unbedingt Geltendes, an etwas, das nicht der Verfügung des einzelnen unterliegt. Dieses Unbedingte kennt keine Bedingungen, es lebt von sich aus. Es ist das, was die Tradition Gott nennt.

Musikal. Zuspielung

1. SPR.:
Von Gott als dem Unbedingten kann nur sprechen, wer achtsam mit der Sprache umgeht. Alltägliche Worte und Begriffe können niemals den „ganz anderen“ Gott treffend beschreibend. An diese Erkenntnis Tillichs sollte man sich halten, meint die Berliner Philosophin Petra von Morstein:

O TON, Petra von Morstein, 0 40“
Was sich unserer objektiven Erkenntnis entzieht, das erleben wir ja auf eine gewisse Weise. Und wir drängen danach, was wir auf diese Weise über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus erleben, zu artikulieren. Wie artikulieren wir es? Natürlich nicht in Begriffen. Aber wir drücken es symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre Gott der Vater ein Symbol, aber nicht wörtlich zu nehmen. D.h. Gott ist nicht eine Entität, eine Person ganz besonderer Art, deren Kinder wir alle wörtlich sind, aber diese Symbolik trägt uns natürlich.

1.SPR.:
Wer aber Gott festlegt und in Definitionen einfangen will, gelangt schnell zu fundamentalistische Überzeugungen:

O TON, Petra von Morstein, 0 31“
Deswegen wehre ich immer wieder dagegen, wenn Menschen sagen, das Leid und die Kriege der gegenwärtigen Welt liegen an der Religion oder an den Religionen. Die liegen an Dogmen, an fanatisch gestalteten Dogmen, aber nicht an Religiosität. Religiosität führt dazu, die Freiheit in sich selbst und im anderen immer mit einzubeziehen, was ja logischerweise dann Diskriminierung und Unterdrückung unmöglich macht.

1. SPR.:
Tillich hat großen Respekt vor Menschen, die sich Atheisten nennen, weil sie weder den naiven Kinderglauben noch den kämpferischen Fundamentalismus akzeptieren. Er kennt viele Menschen ohne konfessionelle Bindung, die sich für Gerechtigkeit in dieser Welt leidenschaftlich einsetzen. Sie haben die „bessere Welt“ zu ihrem „Unbedingten“, zu ihrem „Lebensprojekt“, erklärt. Sind dann diese Menschen wirklich noch gottlos? Der Tillich Spezialist Werner Schüssler von der Universität Trier:

O TON, Schüssler: 0 30“
Atheismus wäre dann in seinem Verständnis der Versuch, jedes unbedingte Anliegen abzulehnen. Und es ist zu recht die Frage, ob das möglich ist. So wie der Gläubige vom Zweifel bedrängt ist, so wird der Ungläubige auch vom Zweifel bedrängt. Was Tillich sagen will: Atheismus ist vielleicht nur intentional möglich, weil wir immer in der Hand Gottes leben quasi. Er will dem säkularen Menschen deutlich machen, wenn er in seine Tiefe vorstößt, dann findet er vielleicht, was man Religiosität nennen könnte.

1.SPR.:
Gott, die kaum beschreibbare Tiefe im Leben eines Menschen, geheimnisvoll entzogen und doch gegenwärtig. In diesen Worten aus der mystischen Tradition spricht Tillich von Gott. Und er ist empört, wenn das Unendliche und Unbedingte von frommen Christen wie ein bezahlbares Produkt der Warenwelt, etwa als die beste Medizin, angepriesen wird:

O TON, TILLICH, 1 01“
Das Wort Glaubensheilung verbindet das Religiöse mit dem Medizinischen. Aber es ist ein gefährliches Wort. Es kann für eine Praxis stehen, in der die Religion als Quelle für magische Heilungszwecke benutzt wird. Der Glaube wird als Medizin angepriesen und von religiösen Propagandisten verkauft. Solche Methoden haben gewisse Erfolge und gewinnen dadurch Anhänger, aber sie widersprechen dem Sinn des Religiösen, nämlich der Erhebung zu Gott um Gottes willen. Und sie widersprechen den Forderungen ärztlichen und psychotherapeutischen Heilens.
Glaubens – Heilung im unverzerrten Sinn des Wortes, ist Aufnahme des Heils im Akt des Glaubens, nämlich in der Hingabe an etwas, was uns unbedingt angehrt, an das Heilige, das nie in unseren Dienst gezwungen werden kann.

musikalische Zuspielung

1. SPR.:
Paul Tillich hat unmittelbar bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahr 1965 über eine unerschöpfliche Energie verfügt. Es hatte Lust am Leben. Und die war – wie sollte es auch anders sein? – immer auch erotisch geprägt. Der Publizist Eike Christian Hirsch schreibt:

3. SPR.:
Tillich war ein Genie der Freundschaft, der Freundschaft mit Männern und mit Frauen, wobei die Beziehung zu Frauen fast immer einen stark erotischen Charakter hatte. Er ist bis in sein hohes Alter von dieser =Liebeslust= nicht losgekommen…

1. SPR.:
Schon als junger Dozent in Dresden konnte er seine Sehnsucht nach erotischer Nähe ausleben. Zusammen mit seiner Frau Hanna hat er manche Nacht in Tanzlokalen verbracht, erinnert sich eine Freundin von damals:

3. SPR.:
Wenn es ans Tanzen ging, war Tillich in seinem Element. Er wirkte wie elektrisiert. Er tanzte aus Freude an der Bewegung, an Rhythmus und Melodie. Dabei erfand er stets neue Variationen und überraschte durch lustige Einfälle.

1. SPR.:
Später, in reiferen Jahren, war er überzeugt, niemanden in seiner Liebe ausschließen zu dürfen, hat Eike Christian Hirsch beobachtet:

3. SPR.:
Treue bedeutet für ihn, dass man den Partner und die Partnerin nicht als Eigentum behandeln dürfe. Er bezweifelte überdies, dass ein absolutes Gelöbnis der Treue überhaupt möglich sei.

1. SPR.:
Seine Frau Hanna veröffentlichte nach dem Tod ihres Gatten ein Buch, das von erotischen Eskapaden des berühmten Theologen freimütig erzählt. Professor Werner Schüssler hält diesen Bericht nicht für sehr zuverlässig:

O TON: Schüssler , 0 28“
1973 erscheint auch eine kleine Biographie von Rollo May, einem bekannten humanistischen Psychologen in Amerika: „Paulus. A personal portrait of Paul Tillich“. Und Rollo May sagt ausdrücklich, dass Tillich Liebhaber unzähliger Frauen gewesen soll, das stimmt nicht, sagt er. Und dann spricht er davon, dass wir also das große Bedürfnis haben, wichtige Persönlichkeiten zu skandalisieren.

1.SPR.:
Dabei hatte ihn doch seine Frau Hanna hatte in jungen Jahren einen Magier des Herzens genannt. Er sei eine kosmische Macht gewesen, der sich niemand entziehen konnte. Aber offenbar konnte sie sich im Alter ihrer Eifersucht nicht erwehren. Wie dem auch sei: Grundsätzlich darf doch wohl gefragt werden: Warum soll es ehrenrührig sein, wenn Tillich, der weltberühmte Theologe, auch ein leidenschaftlicher Freund der Erotik war? Professor Wilhelm Gräb betont:

O TON, Gräb, 0 42“
Ich sehe darin eigentlich eher auch eine Bestätigung eben dieser Weltzugewandtheit und Offenheit. Er war ein Weltmann, man könnte dann auch sagen, ein Lebemann, der alle frommen Zirkel und bestimmte rigide Normen, die für besonders christlich gehalten werden, nicht hat gefallen lassen. Das sind alles menschliche Versuche, letztendlich Gott in die eigene Tasche zu stecken, ihn klein zu machen, gefügig zu machen, den eigenen engen Moralvorstellungen anzupassen. Und ihn als Hüter eben einer verklemmten Sexual Moral und einer engen kirchentümlichen Welt werden zu lassen.

1. SPR.:
Tillich hat über seine erotische Lebenslust nicht öffentlich gesprochen; zur Überraschung vieler Beobachter hat er aber in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche im Jahr 1962 vehement die nicht gerade erotisch aufgeschlossene Welt des Kleinbürgertums offen kritisiert:

O TON, Tillich, 0 49“.
Der Spießer, er kann geradezu charakterisiert werden als jemand, der sich durch die Angst, an seine eigene Grenze zu geraten, nie über das Gewohnte, Anerkannte und Festgelegte zu erheben wagte. Möglichkeiten, die jedem Menschen dann und wann gegeben sind, über sich hinauszukommen, ließ er unverwirklicht; ob es ein Mensch war, der ihn aus seiner Enge hätte herausreißen können oder ein ungewohntes Werk der Kunst, das ihn hätte erschüttern können. Um sich herum aber sieht er Menschen, die über die Grenzen gegangen sind, die er nicht überschreiten konnte, und der heimliche Neid wird zum Hass.

musikal. Zuspielung

1. SPR.:
Paul Tillich, der Grenzgänger zwischen Leidenschaft und Liebe, Glaube und Zweifel, Philosophie und Theologie. Im hohen Alter wollte er noch die Grenzen der christlichen Welt überwinden:

O TON, Tillich, 1 06“
Ich war in Japan, wo ich 10 Wochen mit Buddhisten debattiert habe.
Wie beurteilt man eine fremde Religion, wenn man einen solchen Dialog haben will. Man muss verstehen, dass in jeder aktuellen Religion Elemente von dem enthalten sind, was auch in jeder anderen aktuellen Religion vorkommt.
Wenn man darum mit einem Buddhisten spricht, dann spricht man immer zugleich mit sich selbst. Jedes Gespräch, das ich mit buddhistischen Priestern, Philosophen, Theoretikern, Theologen usw. hatte, war zugleich ein Gespräch mit mir selbst. Weil das, was im Buddhismus radikal durchgeführt ist, auch ein Teil meines eigenen protestantischer Christsein, dass das auch in mir war.

1. SPR.:
Denn die letzte Wirklichkeit ist Geheimnis, unsagbar und heilig. In dieser Überzeugung sind Christen und Buddhisten verbunden. Kirchliche Mission im Sinne von Werbung und Bekehrung hat dann keinen Sinn:

O TON, Tillich, 0 33“.
Der, wer bekehren will, nimmt den anderen im Grunde nicht ernst. Der, der von ihm lernen und ihm geben will, aber so, dass er selber auch bereit ist, verändert zu werden, das ist ein echter Dialog. Wo der Dialog in diesem Sinne fehlt, da ist es besser ihn gar nicht anzufangen. Wo er aber da ist, da muss ehrliche Kritik gesagt und angenommen werden.

1. SPR.:
Unter Theologen ist Tillichs Denken immer noch lebendig. Der anglikanische Bischof John Sprong z.B. verweist auf Tillich, wenn er in seinen Büchern Gott die „Quelle der Liebe“ nennt. Pastor Klaas Hendrikse aus Holland ist von Tillich inspiriert, wenn er seinem inzwischen viel beachteten Buch den Titel gab: „Vom Glauben an einen Gott, der nicht besteht“. Dabei will er im Sinne Tillichs Verständnis wecken für den wahrhaften, den „göttlichen Gott“. Selbst in Lateinamerika wird Tillich heute entdeckt. Und im deutschsprachigen Raum? Die Kirchenleitungen wollen Tillich jedenfalls nicht zu einem ihrer Haustheologen erklären, sie sind von der Weite und Großzügigkeit seines Denkens irritiert, betont Christian Danz, Theologieprofessor in Wien und Vorsitzender der Paul Tillich Gesellschaft:

O TON, Christian Danz, 0 27“.
Der Protestantismus kultiviert weiterhin eine hohe Kirchlichkeit, die den Realitäten wohl kaum noch gerecht wird. Das ist das Problem, dass man angesichts von beschleunigter Modernisierung gewissermaßen auf Besitzstandswahrung setzt und dadurch natürlich wichtigen Einsichten kaum Raum gibt. Tillich selbst war stark enttäuscht eigentlich darüber, aber die Kirchen sind an ihm vorbei gegangen, ja.

musikal. Zuspielung

1.SPR.:
Paul Tillichs Urne wurde 1965 auf dem Friedhof von New Harmony, im Bundesstaat Indiana, beigesetzt. In dieser kleinen Stadt hatten sich im 19. Jahrhundert sozialistische und humanistische Gruppen niedergelassen, mit denen Tillich eng verbunden war. Auf seinen Gedenkstein aus rotem Granit ohne Kreuz wurden Worte aus dem 1. Psalm eingemeißelt:

2. SPR.:
Und er soll sein wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und dessen Blätter nicht verwelken, und alles, was er tut, gerät ihm wohl.

musikal. Zuspielung noch mal freistehen lassen.

Einige Buchhinweise:
– Werner Schüssler und Erdmann Sturm, Paul Tillich. Leben – Werk – Wirkung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2007. 278 Seiten.

– Werner Schüssler, Paul Tillich, Becksche Reihe, München 1997.

– Von Paul Tillich selbst ist als Einführung geeignet:
Der Mut zum Sein, de Gruyter, Berlin 1991.

– Eike Christian Hirsch, Mein Wort in Gottes Ohr. Ein Glaube, der Vernunft annimmt. Hoffman und Campe verlag Hamburg 1995, das Tillich Kapitel auf den Seiten 93 ff.

– Die deutsche Paul Tillich Gesellschaft ist erreichbar über: http://www.theo.uni-trier.de/tillich/tillich.html



Wie viel Denken braucht der Mensch?

24. Oktober 2010 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO –
Wie viel Denken braucht der Mensch?

Eine Veranstaltung im AFRIKA – HAUS Bochumer Str. 25
in Berlin – Tiergarten
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr.

– Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“

– Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein
– Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn
– Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski
– Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in
Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn

– Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?

– Intermezzo, Speisen und Getränke

– Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen

– Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.

Das AFRIKA HAUS
Bochumer Straße 25 in
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit, gut zu erreichen.

Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski