Der andere Blick – Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko



„Uns allen blüht der Tod“ – Der mexikanische „dia de los muertos“

30. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko, Termine, Theologische Bücher

“Uns allen blüht der Tod…” – Das mexikanische Totenfest. Siehe auch den Buchhinweis am Ende dieses Beitrags.

Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt.

Das mexikanische Totenfest (“Días de los Muertos”) ist das (fast)  wichtigste Volksfest des Jahres. Zuerst und vor allem ist es ein Familienfest. Fast so wie an Weihnachten wird das Wohnzimmer geschmückt mit Girlanden und es wird ein Altar gebaut: statt Geschenke für uns Lebende, werden die Verstorbenen empfangen und beschenkt mit all den Lieblingspeisen und –Getränken, die ihnen im Leben wichtig waren; so darf auch ein Tequila nicht fehlen. Und für jeden Lebenden und Toten der Familie steht auf dem Altar ein kleiner Totenschädel aus Schokolade oder Amaranto mit einem Zettel der den jeweiligen Namen angibt. Auf dem Altar sind zudem die Fotos der Verstorbenen, einige persönliche Erinnerungsstücke und symbolisch die vier Elemente: Blumen als Zeichen von Erde, Kerzen (zumindest vier für die Himmelsrichtungen) als Zeichen des Feuers, Weihrauch als Zeichen des Windes und dann ein Wasserglas. In einigen Regionen kommen schon am 31. Oktober abends die verstorbenen Kinder; in der Mehrzahl der Regionen kommen sie am 1. November abends und am 2. November dann die verstorbenen Erwachsenen. Damit sie den Weg zum Altar auch finden, streuen viele Familien einen Weg mit den gelben Blütenblättern der “Cempasúchil – Totenblume”: gelb ist die Farbe des Lebens und der Sonne: Himmel und Erde sind vereint. Es wird gebetet, gesungen, Erinnerungen erzählt und es wird miteinander gegessen: das süsse “Totenbrot” und heisser Kakao. Natürlich werden die Gräber auf den Friedhöfen mit diesen gelben Bumen üppig geschmückt. in vielen Orten ist des Brauch , abends im Dunkeln sich auf dem Friedhof zu treffen mit vielen Kerzenlichtern: Lebende und Tote besuchen sich und nachdenklich – dankbar werden Erinnerungen, Essen und Trinken miteinander geteilt.

Die Wurzeln dieser Festtage reichen weit zurück in die vorspanische Kultur und Religion. Über Jahrtausende erwuchs diese Kosmosvision einer integralen Welt, in der Natur und Menschen eine Einheit bilden. So wie die Pflanzen blühen, Frucht bringen und sterben und dann als Dünger neues Leben zu ermöglichen, so ist es auch mit dem menschlichen Lebenszyklus. Wir sind Teil eines sich immer erneuernden Ökosystems. Tod und Leben gehören zusammen.

In solchem Begreifen eines ewigen Austausches von Leben und Tod ist auch die indigene Religion einzuorden: Das Göttliche beseelt Alles: auch die Natur hat Seele. Jedes Ökosystem, einschlieslich menschliches Leben, macht das göttliche Leben und sein Geheimnis sichtbar. Die uralten Schöpfungsmythen der verschiedenen mesoamerikanischen Völker haben gemeinsam, dass die vier Elemente “Erde – Wasser – Feuer – Wind” alleine nicht den Bestand des Kosmos und des Lebens in ihm schaffen konnten. Deshalb war ein weiterer göttlicher Schöpfungsakt notwendig: um die Dunkelheit  zu erhellen, opfert sich die Gottheit der Kranken und Leidenden, wirft sich ins heilige Feuer und beim sich Verbrennen verwandelt er sich in die Sonne (= die fünfte Dimension), die Alles erhellt und belebt. Krankheit, Leiden und Tod verwandeln sich in Licht und Leben für den ganzen Kosmos und das immer neu!

Wir müssen deshalb keine Angst vor dem Tod haben: Wir sind weiter wichtig für die nach uns Lebenden und diese pflegen zugleich uns weiter! Und zugleich auch: Mensch und Natur sind verwoben: deshalb müssen wir die Umwelt pflegen und auch immer neu die Menschenwürde verteidigen! Genau das empfinden weiterhin ganz Viele, denn es lebt im Unbewussten als kulturelles Erbgut.

Als vor 500 Jahren, nach der politischen Eroberung durch Hernán Cortés, auch der iberische Katholizismus begann die indigene Religion zu erobern, hatten die ersten Missionare kein Problem mit solchen Totenbräuchen. Sie spürten Übereinstimmung mit der christliche Sicht: “Von der Erde sind wir genommen und zur Erde kehren wir zurück!”, so wird bei Beerdigungen gebetet  und am Aschermittwoch als Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet. Von sich selbst sagte Jesus: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht“ (Joh. 12, 24). Das “Gottesopfer” geschah am Kreuz und Ostern besiegte den Tod. Also Aschermittwoch und Allerseelen, Karfreitag  und Ostern zusammen! Auch bis heute wird das so im katholisch – kirchlichen Milieu ausgedrückt: jeder Kirchenraum hat seinen “Totenaltar”, reich geschmückt mit der Vielfalt indigener religiöser Symbole und keine kommt auf die Idee zu sagen: das ist aber heidnisch! Es ist ein kreativer Synkretismus! Ihn hat es immer schon in der Geschichte des Christentums gegeben, zum Beispiel bei den Weihnachtsbräuchen.

Weil es sich beim Totenfest um eine integrale Kosmosvision handelt, ist notwendigerweise die ganze Gesellschaft mit einbezogen. Jeder Kindergarten, jeder Schule, jedes Büro oder Geschäft hat seinen “Totenaltar” und überall dabei Girlanden und die “Totenblumen”. Jede Stadt und jeder Ortsteil hat auf seinem Hauptplatz einen Wettbewerb von “Totenaltäre” und dazu gibt’s Volksmusik und Essens- und Getränkestände: so etwas wie Weihnachtsmarkt – Stimmung, aber mit weniger Rummel und mehr Volkskultur, mit weniger Kommerz und mehr politisch satitrisch, insbesondere in den letzten Jahren.

Ich war mit meiner Familie auf dem Campus der UNAM der grössten Universtät in Lateinamerika mit rd. 250 tausend Studenten. Einige tausend Studenten und auch Professoren, Ehemalige usw. schlendern gelockert und nachdenklich über die riesige Grünfläche vor dem Rektorat  zwischen Hunderten von grossflächigen Totenaltären: Studenten und Mitarbeiten fast aller Fakultäten und Forschungsstätten haben Kreativen in wochenlanger Vorarbeit erarbeitet. Tema war in diesem Jahr die Erinnerung an das 25. Todesjahr von Jorge Luis Borges, einer der grössten lateinamerikanischen Dichter und tiefsinniger Denker des Lebensdramas. Medizinstudenten visualsieren dies scharf – kritisch mit der Darstellung von Opfern ärztlicher Fehldiagnosen, unterlegt mit Gedichten von Borges. Die Biologie hat natürlich den Tod der Umwelt zum Thema und die Fakultät der Rechtswisenschaften arbeitet das ab mit Beispielen der realen Ungerechtigkeit: die Gefängnisse von voll Kleindelinquenten, verurteilt zum sozialen Tod oder als Kanonenfutter des Drogenkrieges. Und die Täter mit weissen Kragen? Auch sie müssen sterben: der Tod ist gerecht. Uns allen blüht der Tod!

Ich sehe im Fernsehen die Übertragung der Totenfeier der neuen “Bewegung für Frieden mit Gerechtigkeit und Menschenwürde”: Tausende mit Lichtern in der Händen sind in der Dämmerung um die “Siegessäule” versammelt. Ihr Sprecher, der Poet Javier Sicilia, liest einen bewegenden Appell: Es gilt, sich heute zu erinnern insbesondere der Tausenden Opfern einer wilden Unmoral, die sich unseres Landes bemächtigt hat. Jedes Opfer hat einen Namen, ein Gesicht und seine ureigene Lebensgeschichte. Die Gesellschaft und der Staat sind tief verschuldet durch fehlende Gerechtigkeit den Opfern gegenüber und den Lebenden! Zugleich listet es einen hochpolitischen Forderungskatalog auf! Verschuldung beinhaltet auch Entschuldung und Aufbau eines gerechteren Gesellschaftsstuktur. Das mexikanische Totenfest in seiner familiären, sozialen, kulturellen und politischen Ausfächerung hat Zentrum, ein  Herz das klopft und so Herzen bewegt.

Ich höre dann in den Nachrichten vom “G 20 – Gipfel” die markante Aussage: “Der Euro ist das Herz von Europa!”. Ich werde betroffen und wütend: Geld ist zum Herzstück tausendjähriger abendländischer Kultur geworden?! Das darf doch nicht wahr sein: der brutal – orgiastische “Tanz um’s goldene Kalb” ist jetzt Herzenssache?! Genau deshalb erleiden wir eine herzlosen Zeit! So lese ich mit Genugtuung, dass sogar die FAZ (Mitherausgeber Schirrmacher, 4.11.2011) unterstreicht “…wie massiv gerade moralische Übereinkünfte der Nachkriegszeit im Namen einer höheren, einer finanzökonomischen Vernunft zerstört werden. Solche Prozesse laufen schleichend ab, sie tun ihr Werk im Halbbewussten, manchmal über Jahrzehnte, bis aus ihnen eine neue Ideologie entstanden ist. So war es immer in den Inkubationsphasen der großen autoritären Krisen des zwanzigsten Jahrhunderts. (…) Es ist gut, einen Schritt zurückzutreten, um klar zu sehen, was sich hier vor unser aller Augen abspielt. Es ist das Schauspiel einer Degeneration jener Werte und Überzeugungen, die einst in der Idee Europas verkörpert schienen”.

Gerade unsere kritisch – chaotische Zeit im Umbruch benötigt vor allem auch Zeiten – Erfahrungen, die uns ermöglichen, den tieferen Sinn der Existenz von Welt und Mensch zu entdecken und wieder ins Zentrum zu rücken. Immer dringlicher gilt es, tiefer und weiter zu denken, umzudenken und: anders leben und handeln!

Das neue Buch:
Alfons Vietmeier, 1942 in Emsdetten geboren, studierte inMünchen und Münster Theologie. Als katholischer Priester arbeitete er an der Basis in Cardonal, bei Tula, Mexiko. 1991 zog er nach Mexiko Stadt, um außerhalb des Amtspriestertums ökumenische Bildungsarbeit zu leisten, vor allem im Blick auf die zunehmende Urbanisierung. Er ist mit einer Anthropoligin und Historikerin verheiratet.
Seit seiner Pensionierung im Jahr 2005 engagiert er sich ehrenamtlich in der Gestaltung eines zivilgesellschaftlich relevanten Netzes von der Basis aus zugunsten einer gerechten, demokratischen Gesellschaft und zugunsten von christlichen Gemeinden, die ihre politisch – soziale Aufgabe neu entdecken, und dabei gerade die religiöse Dimension auch neu wahrnehmen.
Sein neues Buch hat den Titel „Mexiko tiefer verstehen“, es bietet einen kritischen Einblick die vielfältige Realität Mexikos.
Viele Menschen in diesem Land sind dem brutalen internationalen Drogenhandel ausgesetzt, Frauen werden abgeschlachtet (Ciudad Juarez), die Zivilgesellschaft wird tyrannisiert, aber sie wehrt sich und braucht Unterstützung weltweit: Denn der Bedarf an harten Drogen in den USA und der so genannten „reichen Welt“ wird geweckt durch eine tiefe Sinnkrise, um nicht zu sagen Sinnleere, in der Millionen reicher und weniger begüterter Menschen leben. Angesichts dieses massenhaften Bedarfs an berauschenden Mitteln bis hin zu total benebelnden Giften darf man sich fragen, was es bedeutet, wenn sich die USA eine christliche Nation nennen. In god we trust, diese und ähnliche Sprüche verdecken nur die Tatsache, dass das Christentum, die Kirchen, in den USA eben nicht wirksam und prägend geworden sind. Die große Sinnleere hat der Glaube eben nicht ausfüllen können. Das Christentum in der Drogen -Konsumenten – Nation USA ist, dürfen wir es sagen, weithin nichts als schöner Schein, als eine Blase, mit der Politik (auch Außenpolitik) gemacht werden kann und mit dem sich viel Geld in Gemeinden machen lässt… das dann aber unter den Hand wieder für harte Drogen ausgegeben wird. Dies sind Randbemerkungen von Christian Modehn.

Das Buch von Alfons Vietmeier „Mexiko tiefer verstehen“ ist im Herbst 2013 im Dialog Verlag Münster erschienen.
copyright: Religionsphilosophischer Salon.



Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt

30. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Befreiung, Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko, Theologische Bücher

Alfons Vietmeier hat im Herbst 2013 ein Buch veröffentlicht, das die Beiträge unserer Serie: „Der andere Blick – Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko“ enthält, aber auch weitere Aufsätze, die ein recht umfassendes Bild zur sozialen, politischen und vor allem religiösen Situation in Mexiko heute bieten. Das Buch „Mexiko tiefer verstehen“ ist im Dialog Verlag Münster erschienen, es hat 192 Seiten mit zahlreichen Fotos. Das Buch eignet sich gut als Einführung in die vielschichtige mexikanische Lebenswelt. Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko Stadt, er ist als Theologe und als Berater für neue kommunikative Formen in Großstädten vor allem.

Vor kurzem hat unser Freund Alfons Vietmeier regelmäßig für den religionsphilosophischen Salon aus Mexiko berichtet. Jetzt schickt er uns einen Vortrag, den er kürzlich in Emsdetten gehalten hat.

 

Gold und Silber lieb ich sehr: Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt.

Von Alfons Vietmeier,  Mexiko – Stadt

Es gibt keinen der zahlreichen Besucher aus Deutschland in Mexiko, der nicht nachdenklich auf das Thema der weltweiten Finanzkrise und konkret auf die Krise des Euro zu sprechen kommt. Auch die Medien sind voll davon, wenn ich im Internet Nachrichten aus Deutschland checke. Die Meinungen gehen weit auseinander über Ursachen und Konsequenzen. Bei den –zig Milliarden, die hin und her geschoben werden, wird es einfachen Menschen schwindelig, die schon wegen eines fehlenden Tausenders schlaflose Nächte haben. Sind solche Mega-Summen was für Zirkus – Jongleure, Spielmarken beim Monopoly oder Seifenblasen, die dann platzen? Allgemeine Ratlosigkeit und oft die Problemverschiebung auf Sündenböcke wie: “Die Griechen, die haben halt nur auf Pump gelebt!” Und wer von uns nicht auch? Mehr als Einer sagt dann, das Sicherste sei, in Gold und Silber anzulegen.

Bei diesem Punkt erzähle ich gerne etwas aus der Geschichte, das mich nachdenklich macht und lade ein, ebenfalls nach- und weiterzudenken.

Das mexikanische Füllhorn.

1803 war das Allroundgenie Alexander von Humboldt über ein Jahr in Mexiko. Er forschte wie wild, unter anderem über die vorhandenen und nicht ausgebeuteten Edelmetalle. Seine Erkenntnis: Mexiko ist wie ein Füllhorn, voll von Silber und Gold. Es muss nur mit moderner Technologie ausgebeutet werden.

In jener Zeit begann im südlichen Ruhrgebiet die deutsche Industrialisierung. Einige Industrielle lasen von Humboldts Forschungsbericht und waren fasziniert: In Mexiko ist schnell und leicht riesiger Gewinn zu machen; der vorhandene Bergbau muss nur modernisiert werden! Dazu werden Geld und damit Inversionisten benötigt! 1824 wurde in Elberfeld (jetzt Stadtteil von Wuppertal) eine “Deutsch – Mexikanische Bergwerksgesellschaft” gegründet, und Aktien wurden ausgegeben; unter anderem kaufte auch Goethe. Mit diesem Kapital wurden in Mexiko soweit wie möglich lokale Minen aufgekauft, die seit Jahrhunderten unter den Spaniern sehr rustikal etwas Bergbau betrieben und insbesondere Silber abbauten. Die anfängliche Euphorie war so groß, dass bis 1827 etwa 30 Silber- und Goldgruben, sowie drei Schmelzhütten erworben wurden, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Continue reading “Das mexikanische Füllhorn: Reichtum geht, Armut bleibt. Ein Beitrag von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt” »



Lebendige Spiritualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

7. Januar 2012 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Sprittualität in Mexiko: Hoffnung „mit Hand und Fuß“

Zur Jahreswende 2011-2012  – Rückblick und Ausblick von Alfons Vietmeier.  Anfang Januar 2012

Unser Gastautor, der Theologe Alfons Viermeier in Mexiko – Stadt, hat im vergangenen Jahr 2011 11 aktuelle Beiträge geschrieben  aus dem Umfeld Religionen – Politik – Spiritualitäten. Anfang Januar 2012 sandte er uns seinen – wir hoffen vorläufig ! – letzten Beitrag zum Thema:“Hoffen mit Hand und Fuß“. Herzlichen Dank Alfons für deine inspirierenden Beiträge! Selbst bei den Analysen von Gewalt und Elend wurden immer wieder Perspektiven der Hoffnung erschlossen! Die anderen Artikel von Alfons Vietmeier sind nach wie vor in der Rubrik „Der andere Blick“ zur Lektüre sehr zu empfehlen, die email Adresse zur Konktaufnahme mit Alfons Vietmeier ist am Ende dieses Beitrags angegeben.

Es sind ruhige Tage zur Jahreswende in Mexiko – Stadt. Viele sind auf dem Land bei Familienangehörigen, und atmen auf für einige Tage. Denn 2011 war ein äusserst schwieriges Jahr. Ich mache einen kleinen Spaziergang durch unser Wohnviertel und frage so Diesen und Jene, was ihnen Sorgen so sind. Es ist hier leichter als in Deutschland, “einfach so” ins Gespräch zu kommen.

Eine Taxifahrerin wartet auf Kunden. Sie klagt über die ständige Erhöhung des Benzinpreises  “…und insgesamt alles wird teurer und deshalb gibt’s auch weniger Kunden. Statt so 8 bis 10 Stunden bin ich jetzt mindestens 12 Stunden hinter dem Steuer; sonst reicht’s nicht!” Schlimm für sie ist dabei, dass sie fast nicht Zeit für ihre noch schulpflichtigen Kinder hat. “Aber meine Mutter kümmert sich um sie! Ich habe das Taxi vom meinen Mann übernommen. Der war stinkfaul und zu nicht’s nutze. Vor 4 Jahren habe ich ihn rausgeschmissen und nun muss ich alleine meine Familie durchziehen…”

Der Müllwagen hält; er kommt alle 7 Tage in der Woche. Zum Erstaunen vieler Besucher aus Deutschland sieht die Stadt erheblich sauberer aus als bei früheren Besuchen. Zudem ist seit einem halben Jahr  Mülltrennung vorgeschrieben zwischen “organisch” und “nichtorganisch”. “Das klappt inzwischen. Die Leute sind lernbereit.” So erzählt mir ein junger Müllarbeiter, während aus den Häusern die Leute in grossen Beuteln ihren Hausmüll zum Wagen bringen. An dessen Aussenwänden hängen riesige Säcke, denn sofort sortieren die drei Arbeiter Glas- und Plastikflaschen und Papier – Karton. Diese werden weiter verkauft zur Wiederverwertung. “Von diesen Einnahmen leben wir, und wir sind stolz, wie sauber unsere Stadt ist!”

Auf einer Bank vor einem Kaffeeausschank an der Hauptstrasse wärmen sich 5 ältere Männer, unter ihnen Don Memo, der gegenüber eine offene Garage als Uhrmacherwerkstatt hat und damit “so leidlich durchkommt”, wie er mir sagt. Wir kennen uns; er ist Sprecher des Komitees der Ortsteilfeste. Bei einem Capuchino beginnen wir zu philosophieren: “Natürlich ist ganz viel faul in unserer Gesellschaft und es ist schwieriger und schlimmer geworden. Sicher haben viele inzwischen materiell mehr zu Hause: Kühlschrank, ein neueres Auto, Breitbildfernseher, neueste Handys und ¡Pod, ein besseres Sofa. Aber sind sie deshalb glücklicher? Wer mehr hat, engagiert sich hier im Ortsteil weniger. Sie haben einen dickeren Wagen und mehr Schulden, mehr Arbeitsstunden und Hektik, fast keine Zeit mehr für Familie und Kinder. Wie sollen diese seelisch gesund erwachsen werden? Genau das macht uns Sorgen!” Und alle nicken und erzählen weitere Beispiele. Don Chuy, ebenfalls im Komitee, fügt hinzu: “Zu Viele sind nur hinter’m Geld her. Die uns regieren, lassen sich kaufen von den Mächtigen und diese saugen sich voll. So viel hier im Land funktioniert nicht,  wegen der Korruption. Die politischen Strukturen sind überfordert, die riesigen Probleme unserer Gesellschaft korrekt aufzugreifen!” – “Also viel Pessimismus bei Euch, wenn Ihr nach vorne schaut?” – “Nein! Wir hier sind und bleiben zuversichtlich. Als vor 25 Jahren das schreckliche Erdbeben hier ganze Stadtteile zerstörte, gab es zig – tausend Tote. Die Regierung war völlig unfähig zu handeln. Wir wurden wütend und halfen uns selbst. Wir organisierten uns nach Viertel im Ort.. So ist unser Komitee entstanden! Die guten Kräfte in uns und unter uns wurden wach.” Und Emilio ergänzt: “Mit uns Menschen ist das nicht einfach. Da  gibt’s schlimme Instinkte in uns. Aber es gibt auch die wunderbaren Solidaritätserfahrungen! Genau die müssen kultiviert werden! Schau, was dieser Poet Sicilia in wenigen Monaten mit der Friedensbewegung alles bewegt hat! Keiner hier will eine blutige Revolution! Vom Herzen her beginnt Erneuerung: ein radikaler Umbruch liegt an. Es tut sich was! Es grummelt weltweit!”

 

Eine Jahresbilanz ist nicht auf einen einzigen Nenner zu bringen. Die große Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung macht sich schwere Sorgen in vier vitalen Lebensbereichen. In Workshops haben wir sie erarbeitet und nennen es unser “Besorgnisviereck”. In verschiedenen Beiträgen dieser Serie sind sie genauer belegt.

Da ist vor allem die extreme gewachsende Gewaltkriminalität.  Dazu kommen weiterhin die Sorgen um Arbeit und Finanzen, prekärer geworden für die Bevölkerungsmehrheit. Die öffentlichen Institutionen mit zuviel Burokratie, Vetternwirtschaft und Korruption sind dabei immer weniger auf der Höhe der Herausforderungen. Und in all dem: ein im Altersschnitt ganz junges Mexiko tut sich unsäglich schwer, der Jugend reale Zukunftsperspektiven zu ermöglichen.

Dieses “Besorgnisviereck” ist zugleich durchsetzt mit konkreten Hoffnungen. Solche haben sicher alle Menschen überall auf der Welt. In Mexiko sind sie tief verwurzelt in drei Dimensionen Wir nennen es unser “Hoffnungsdreieck”.

Zuerst und vor allem ist es die geschichtlich gewachsene Weisheit: Wir können alleine und nach der Devise “alle gegen alle” nicht überleben und weiterkommen! So ist gelebte Alltagssolidarität immer noch ein real existierender kultureller Wert. Großfamiliäre Beziegungen, Nachbarschafts- und Kollegenhilfe, Landsleute reichen sich die Hand u.s.w. All das komplexe Miteinander von dem, was wir das “soziale Netz” nennen, funktioniert immer noch, insbesondere unter den einfachen Leuten und das ist die Bevölkerungsmehrheit. Ein Grundgefühl von Zuversicht herrscht vor: “Was auch immer kommen mag und was auch immer “die da oben” machen: Wir helfen uns und kommen durch!” Das nenne ich Hoffnung mit Hand und Fuß.

In der mexikanischen Seele hat dieser kulturelle Wert auch eine religiöse Tiefendimension. Wie in verschiedenen Beiträgen der letzten Monate erläutert, ist in der weiterhin gelebten Volksfrömmigkeit der Indio- und Mestizenbevölkerung (zugleich auch die verarmte Mehrheit Mexikos) Erhebliches der vorspanischen Indioreligion präsent. Diese hat sich mit Christlichem vermischt, aber nur sehr wenig (im Unterschied zu Europa) institutionalisiert im Sinne einer Amts- und Kleruskirche. Diese wird respektiert und einige Dienste benötigt, aber der religiöse Alltag ist sozial – kulturell selbstbestimmt. Zudem hat die Säkularisierung, verstanden als sozialer Bedeutungsverlust des Religiösen durch die aufklärerische Vernunft in den westlichen Gesellschaften, in Lateinamerika in der Bevölkerungsmehrheit nicht wirklich gegriffen. Weniger als 10 % bezeichnen sich als “Atheisten”, wenn auch  quasi – religiöse Formen in einer wachsenden Konsumgesellschaft zunehmen. Jedoch für die arme Bevölkerungsmehrheit gehören Glaube, Hoffnung und Liebe gehören als Lebensessenz einfach untrennbar zum Alltag. Sie müssen deshalb auch  gemeinschaftlich gelebt und auch gefeiert werden. Zu diferenzieren ist hierbei, ob “das Religiöse” darin eine Untertanenhaltung verstärkt, d.h. “domestiziert” (um einen Begriff des grossen brasilianischen Pädagogen Paulo Freire aufzugreifen) oder ob es “befreit”, weil es um “Gottesherrschaft und seine Gerechtigkeit” (Jesus) zu gehen hat,  hier mitten unter uns und zuerst und vor allem ausgehend von den immer Zu – Kurz  – Gekommenen. Genau hier ist der Motivationskern der befreienden Praxis ungezählter Christinnen und Christen in christlichen Basisgemeinden und in Sozialbewegungen, dann auch systematisiert in der weiterhin wichtigen und nach wie vor aktuellen Befreiungstheologie.

Beides, Alltagssolidarität und religiöse Tiefendimension, ist von zentraler Wichtigkeit, wenn es eine Krisensituation gibt wie die derzeitige, etwas erklärt im “Besorgnisviereck”. Das zuversichtliche “Wir kommen schon durch, Gott sei es gedankt!” transformiert sich in “Jetzt reicht’s! Veränderung ist notwendig!” Solch sozial – solidarischer Schmerz ist immer der Beginn von Sozialbewegungen, die Menschenwürde, Freiheit und Gerechtigkeit im Blick haben. So war es in den zwei mexikanischen Revolutionen vor 200 und 100 Jahren. Ähnliches ist geschehen in fast allen lateinamerischen Ländern. Es floss viel Blut und zu rasch etablierten sich neue Mächtige, neue Unterdrücker. Das ist im kollektiven Bewusstsein. Derzeit gibt es in Mexiko fast keine Strömung, die für eine erneute gewaltsame Revolution plädiert. Es geht um die Suche nach neuen und gewaltfreien Formen von Systemveränderungen. Wiederum sei hier als zentraler Denker und zugleich als pädagogischer Praktiker Paulo Freire erwähnt, er ist gerade in der derzeitigen Umbruchssituation von grosser Aktualität.

Konkret und im Blick auf’s neue Jahr: Die in früheren Artikeln erwähnte neue Friedensbewegung greift um sich und ist ein Hoffnungsträger. Es verstärken sich ökologische Bewegungen, derzeit konzentriert auf den Schutz der Wälder gegen exzessiven Holzabbau und gegen Mega- Ausbeutung von Gold, Silber und Zink durch offenen Bergbau. Neue Formen solidarischer Wirtschaft und urbaner Ökologie wachsen, vernetzen sich und werden zu sozialpolitischen  Bewegungen mit Agenda. Hoffnung auf Veränderung verstärken auch seit Jahren die Menschenrechtsbewegung und seit jüngerer Zeit vielfälige Initiativen gegen alle Art von Diskriminierung. Die mexikanische Gesellschaft bewegt sich, und das immer mehr.

 

Ein Wort zum Schluß:

Mit diesem Beitrag endet ein Versuch, mittels 12 monatlicher Vertiefungen in eine jeweils aktuelle mexikanische Realität eine andere Kultur zu bedenken, besser zu verstehen und vor allem auch religionsphilosophische Herausforderungen für unser okzidentales Denken und Handeln zu benennen. Ich hoffe, das Mitdenken war fruchtbar.

alfons.vietmeier@gmail.com

 

 

 



Guadelupe – Perspektiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Guadalupe, Persepktiven für eine mexikanische Lebensphilosophie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko-Stadt, im Dezember 2011

Vorweihnachtliches Marketing überschwemmt auch die  Strassen, Geschäfte und Massenmedien in den Großstädten Mexikos, dort leben inzwischen 80 % der Bevölkerung. Überall gibt es üppig geschmückte Weihnachtsbäume, Lichterketten, Nikolaus Figuren und die obligate europäische und nordamerikanische Weihnachtsmusik. Kaufen und Verkaufen ist oberstes Gebot. Besonders die Unterhaltungselektronik stellt sich riesig heraus mit verführerischen Sonderangeboten. Kreditmöglichkeiten werden gleich genannt: “Auch wenn Du es nicht (bezahlen) kannst, mit uns kannst Du doch alles!” Das ist “Kommerz – Philosophie”.

Insbesondere in der verarmten Bevölkerungsmehrheit hat deshalb ein beängstigender Stress begonnen. In Gesprächsrunden über “kritischer Konsum” versicherten mir in diesen Tagen verschiedene Eltern: Es gibt eine Art “affektive Erpressung” durch die heranwachsenden Kinder, die die neuesten Versionen von Videospielen, iPad, I Phone, MP3 Player mit Touchscreen u.s.w. nicht nur wünschen, sondern glasklar erwarten, mit Argumenten wie  “… meine Freundinnen bekommen auch und wie stehe ich dann da?” Bei den Eltern wächst zugleich das schlechte Gewissen. So erzählt eine Mutter von drei Heranwachsenden: “Wir Eltern, wir müssen beide arbeiten, sonst reicht’s nicht. So haben wir zu wenig Zeit für die Kinder… Zumindest mit diesen Geschenken können wir’s wieder gut machen, auch wenn wir uns weiter verschulden!” – Geht das wirklich so: Wieder gut machen?!

Beim weiteren Nachdenken über dieses “wieder gut machen”, kommen die beiden tieferen religiösen Wurzeln der Dezemberfeiern in Mexiko ins Gespräch. Das ist zuerst und vor allem das wohl wichtigste religiöse Fest des Jahres, das “Fest der Guadalupe”. Vorbereitet durch eine Novene (9 Tage) wird es am 12 Dezember bundesweit gefeiert. Und anschliessend beginnen die “Posadas” (Herbergssuche), wiederum eine Novene, um in der Weihnacht am 24. Dezember dann die “Menschwerdung Gottes” mitten unter den armen Menschen zu feiern.

Das Guadalupefest benötigt für Deutsche eine etwas ausführlichere Deutung. Die Eroberung Mexikos durch spanische Truppen, die mit den Fall der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan (jetzt Mexiko – Stadt) 1521 endete, war für die Bevölkerung wie eine Katastrophe, sie war traumatisch. Das seit undenkbaren Generationen geschaffene integrale Kultursystem, das dem Ganzen (= Kosmovision) wirtschaftlich, sozial, politisch und religiös Zusammenhalt und Sinn gegeben hatte, lag zerstört am Boden. Es war nicht nur ein verlorener Krieg, sicher schlimm genug, sondern tatsächlich “das Ende” einer Kultur, und zwar total!  In diesem “Chaos” erscheint das “göttliche Geheimnis” der zerstörten und verstörten Indio – Bevölkerung: eine weiblich – mütterliche Gestalt: “Unsere Frau von Guadalupe”, “Tonantzin” (in der Nahua – Sprache der Azteken), “la Morena” (unsere Dunkelhäuige, wie sie die einfachen Leute nennen).  Die Erscheinungslegende berichtet, dass “die Frau” dem Indio “Sprechender Adler”, getauft auf  “Juan Diego”,  Anfang Dezember 1531 ingesamt viermal begegnet. Diese Gestalt Juan Diego selbst ist eine Legende. Die Frau stellt sich ihm vor als “Eure erbarmungsreiche Mutter, die Mutter aller Menschen, all jener, die mich lieben, die zu mir rufen, die Vertrauen zu mir haben. Hier will ich ihr Weinen und ihre Sorgen hören und will ihre Leiden, ihre Nöte und ihr Unglück lindern und heilen!” Das ist das Herz der Botschaft, und es gibt fast keine Mexikanerin und keinen Mexikaner, der diese Worte nicht in seinem Herzen hat. Damit diese Zusage eine institutionelle “Dauererfahrung” werden kann, bittet sie Juan Diego, vom Bischof die Erlaubnis zu erwirken, genau an diesem Erscheinungsort eine “Begegnungsstätte” zu errichten, dort, wo ein (zerstörtes) Heiligtum der göttlichen “Mutter Erde” war. Gesagt, getan. Der misstrauische Bischof bittet jedoch den Indio um einen Beweis. In einer erneuten Erscheinung gibt die geheimnisvolle Dame ihm die Anweisung, auf dem nahen Hügel Rosen zu pflücken und seinen Umhang damit  zu füllen. Juan Diego findet sie dort unter großem Vogelgezwitscher: “Blumen und Gesang”, in der indigenen Symbolsprache bedeutet es “das ist wahr und gut!” Mit dieser Wahrheit als Beweis, kehrt Juan Diego zum Bischof zurück, berichtet die Legende. Als er seinen Umhang mit den Blumen öffnet, wird im Stoff das Bild der “Frau von Guadalupe” sichtbar. Der Bischof ist ergriffen, er kniet sich voller Ehrfurcht hin: Die Amts – Kirche bekehrt sich und muss anerkennen: Die gesamte indianische Religion ist nicht einfach nur Teufelswerk, das zerstört werden muss. Das göttliche Geheimnis offenbart sich inmitten der Besiegten, in deren Symbolsprache. Ein Neuanfang kann nun beginnen von den eigenen indigenen Wurzeln, der eigenen Kultur, Philosophie und Religion her. So erzählt es die Legende, aufgeschrieben im Nican Mopohua, es ist wohl eine der tiefsinnigsten poetisch – philosophisch – theologischenen Schriften in der damaligen Nahua – Sprache.

Wir wissen natürlich aus der Geschichte, dass dann doch die offizielle Religion iberischer Ausprägung auf die Indio – Religion draufgesetzt und durchgesetzt wurde mit all dem, was das schmerzvoll beinhaltete, nämlich die Zerstörung der alten Kultur, auch wenn diese in vielen Elementen bis heute weiter präsent ist .  Zugleich jedoch entstand ein komplexer Synkretismus, wie immer bei kultureller Mischung, ob friedlich oder gewaltsam. So war es schon beim Eindringen des ursprünglich jüdischen Christentums in die griechische, dann römische, dann germanische Welt. Immer ergibt sich ein Vermischen mit der jeweiligen Kultur, Religion und Philosophie. Unser Weihnachtsfest ist ein typisches Beispiel solchen Synkretismus. Aber immer gibt es dabei Sieger und Besiegte, auch in der Verschmelzung religiöser Traditionen.

In Mexiko wurde “Guadalupe” immer mehr zum Symbol der langsam wachsenden nationalen Identität: die indigenen Völker haben sie als die Ihrige angenommen und ebenso auch die wachsende Zahl der Mestizenbevölkerung. Mit dem Bild der Guadalupe als Standarte rief 1810 der Pfarrer Miguel Hidalgo zum Unabhängigkeitkrieg gegen die spanische Kolonialherrschaft auf: eine Offenbarungserfahrung des Trostes und der Ermutigung im brutalen Alltag wird Botschafterin politischer Befreiung! Diese beiden Elemente sind bleibend präsent. Heute gibt es in Mexiko sicher kein Dorf und keine Stadt, wo nicht zumindest eine Kapelle, ein Weiler oder ein Wohnviertel “Guadalupe” heisst und wo sie am Abend zum 12. Dezember gefeiert wird – besinnlich, gemeinschaftlich und herzlich-  als Fest des Trostes und der Ermutigung zum Neubeginn in allen Lebensdimensionen. “Guadalupe” als Wallfahrtsort inmitten der Riesenstadt Mexiko zählt jährich etwa 20 Millionen Pilger und ist somit mit Abstand der grösste Wallfahrtsort der Welt. An diesem 12. Dezember werden erneut mehr als 3 Millionen Pilger erwartet. “Mexiko ist sicher mehr guadalupanisch als katholisch”, urteilt ein bekannter mexikanischer Religionsforscher. “Wer Mexiko in seiner Tiefendimension verstehen will, muss zuerst und vor allem dieses “Guadalupe – Phänomen” begreifen versuchen”.

Aber nun zurück zum Weihnachtskommerz, dem Konsumkult als dem “Tanz um das goldene Kalb”. Da treffen zwei Welten konträr aufeinander: Zum einen ist es die materialistische Logik der Gewinnmaximierung als Motor von Fortschritt mit immer raffinierteren Verführungsinstrumenten (Symbolsprache) zu noch höherem Konsum, was auch immer er koste. Zum anderen ist es die kulturell – religiös gewachsene Wertewelt mit anderer Symbolsprache, die inmitten eines oft harten oder sogar brutalen Lebensalltag kollektive “himmlische” Begegnungen ermöglicht als Trost und Ermutigung, die auch befreiend werden kann. Genau hier ist der sensible “Ort” menschlicher Betroffenheit, wo “das tut weh” sich umformt in “wir machen es zusammen anders und besser”: Nachbarschaftsgruppen, Bürgerinitiativen, soziale, zivile oder kirchliche  Basisgemeinden praktizieren “anders besser leben” und das schließt Konsumkritik ein: Sich Befreien von Abhängigkeiten und sich neu solidarisch verknüpfen!

Es ist zudem sinnvoll, über weiteres nachzudenken: Alle Völker und Kulturen haben Mythen und Legenden, die Wesentliches ihrer Identität in Symbolsprache ausdrücken: für Israel war es die Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, für die Römer die Gründung Roms durch Romulus und Remus, für die Christen die Geburt von Jesus von Nazareth in Bethlehem. Ähnliches wäre anzugeben vom indischen Buddhismus oder dem arabischen Islam. Mythen und Legenden haben immer auch Historisches im Ursprung und darüber gibt es wissenschaftliche Forschungen. Dieses Besser- Verstehen erfasst jedoch nicht unbedingt das notwendige Begreifen der Herzensbotschaft, z.B. einer Ursprungslegende, die Millionen von Herzen bewegt. Denn diese tröstet und ermutigt und schafft damit reale Veränderung im Alltag: es sind Lebens- (verändernde) Philosophien.

Möglicherweise ist hier auch die derzeitige Krise eurozentrierter Logik einzuordnen: Eine einseitige, instrumentelle Rationalität mit technologischer Kapazität, die dem nicht mehr hinterfragbaren Fortschritt anhängt, hat unsere Welt an den Rand des Abgrunds gebracht. Die Bilanz ist erschreckend: Industrialisierung mit Ausbeutung der Arbeiter, 2 Weltkriege mit atomarer Zerstörung und Aufbau einer Vernichtungswaffenindustrie (sie hat z.B. in Mexiko in den Drogenkartellen finanzkräftige  Kunden der High – Tech Maschinengewehre), Zerstörung der Umwelt, genmanipulierte Lebensmittel usw.

Es gibt historisch gewachsene andere Logiken. Sie zu begreifen (Empathie), zu bedenken (Philosophie) und wertzuschätzen und dann zu bewerten (Ethik), ist die derzeitige und künftige Lernaufgabe für die okzidentale (westliche) Gesellschaft. Ich habe den Eindruck, dass immer mehr weltweit anerkannt wird, dass wir auf einem pluriökologischen und plurikulturellen Planeten leben. Alle Kulturen haben ihre Geschichte, einschließlich der Mythen und Religionsformen und alle haben darin auch ihre Weisheitsdeutungen, ihre je eigene Philosophie. Diese Vielfalt ist Reichtum und ihre wechselseitige Wertschätzung kann alle bereichern und ist damit eine nicht versiegende Quelle der Zukunftsfähigkeit der Menscheit. Solches Verständnis von Reichtum und Wertschätzung ist wie ein brutaler Widerspruch zu den “Werten”, die an Wertpapier – Börsen gehandelt werden und die Ratingagenturen “bewerten”. Genau darin wird der Kern der derzeitigen Zivilisationskrise sichtbar.

 

 

 

 

 



Der Kampf um Befreiung – und die Theologie

13. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Neue Herausforderungen und Perspektiven für die Befreiungstheologie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Mitte Oktober 2011

Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko, er beobachtet als Theologe die religiöse, soziale und polische Entwicklung in Mexiko und Lateinamerika. Als Gastautor schreibt er in der Rubrik „Der andere Blick“ über Themen, die sich im Zusammenhang von Befreiung und Unterdrückung stellen. Der religionsphilosophische Salon ist der philosophischen Aufklärung – und der Kritik der Religionen – verplichtet, deswegen haben Alfons Vietmeiers kritische Berichte zur Gegenwart Lateinamerikas ihren wichtigen Platz.

“Befreiende Hoffnung und Theologie”, so stand es groß auf der Leinwand im Versammlungszelt der Veranstaltung  “Theologische Tage” in Mexiko. Über 200 engagierte Christinnen und Christen waren Anfang Oktober dreieinhalb Tage zusammengekommen, um – endlich, so sagte eine ältere Teilnehmerin – die Impulse der lateinamerikaischen Befreiungstheologie im heutigen Kontext noch einmal grundlegend neu zu buchstabieren und zu “dynamisieren”, wie es hieß.

Es war kein akademischer Kongress. Natürlich haben auch einige akademisch in Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft Arbeitende teilgenommen, aber Mexiko hat fast keine universitäre Theologie, wegen der historisch gewachsenen scharfen Trennung von Kirche und Staat. Einstiegsreferate als persönliches Zeugnis haben eingebracht Enrique Dussel, seit vielen Jahren in Mexiko  lebender Historiker und Philosoph, und María Pilar Aquino, in den USA lehrende mexikanische Theologin. Es war auch kein Dialogforum mit Representanten  aus Kirche, Gesellschaft und Politik. Wohl gab es ein öffentliches Forum im überfüllten Auditorium der Menschrechtskommision über “Menschrechte und Friedensarbeit”, mit Zeugnissen des Koordinierungsteam der neuen mexikanischen Friedensbewegung, alle sind  engagierte Christinnen und Christen.  Das hatte Resonanz in den Medien, wobei man sehen muss: Das öffentliche, “mediale”  Kirchenbild ist fixiert auf amtskirchliche Äußerungen!

Es war ein seit Jahren immer erneut gefordertes und endlich gelungenes (Wieder-) Treffen der befreiungsttheologisch Motivierten im gesellschaflichen und kirchlichen Feld: sicher eine Minderheit, die sich jedoch bewegt. Wichtig war ein kreatives Miteinander dreier Generationen. Es brachten sich viele ältere “AktivistInnen” ein, insbesondere Ordensschwestern und Priester progressiver Provenienz, erfahren in ungezählten Auseinandersetzungen innerkirchlicher und außerkirchlicher Art, wenn sie sich bemühten die “Option für die Armen” und für eine gerechte Gesellschaft konkret, “vor Ort”, zu gestalten. Dann war dabei die Generation der 30- bis 50 Jährigen. Viele haben in den letzten 20 Jahren sogenannte “Zivilorganisationen” geschaffen, haben dort ihr Christsein gestaltet, weil das innerkirchliche Milieu zu erstickend für sie wurde. Und – das ist besonders erfreulich – war eine erstaunlich grosse Gruppe junger Leute unter 30 Jahren dabei, die  sich “frisch und munter”, möchte man sagen, in die Diskussionen einbrachten. Für Mexiko absolut neu war eine ökumenische Orientierung und zugleich ihre organisative Vernetzung mit einem progressiven Spektrum freikirchlicher Organisationen, insbesondere baptistischer, methodistischer und presbyterianischer Herkunft. Diese und andere prostestanische Kirchen haben in Mexiko – Stadt ein gemeinsames Aus- und Fortbildungsseminar; dort war auch der Tagungsort. Prägend war insbesondere die Teilnahme von Schlüsselleuten der mittlerer Führungsebene in Kirchen und Zivilgesellschaft, d.h. Multiplikadoren mit der Fähigkeit, sozialwissenschaflich und zugleich theologisch zu denken und zudem mit realem Einfluss in Prozessen vor Ort. Das brachte immer wieder frische Luft in den Erfahrungsaustausch und deren Vertiefung.

Das vitale, vieles umgreifende Thema war: “Gewalt und Spiritualität für den Frieden”. Befreiung geschieht immer im konkreten Kontext und dieser ist derzeit in Mexiko die schreckliche Realität von wachsender Gewalt und gleichzeitig ist der Schrei nach Gewaltlosigkeit, nach Frieden – Schalom, immer deutlicher zu vernehmen. Das Thema wurde vertieft in sechs Arbeitsforen: Ökonomie, Ökologie, Migration, Menschenrechte, Bürgerbeteiligung und kirchliche Praxis. Schon diese Auffächerung zeigt, wo es derzeit brennt und wo man sich bemüht um eine christlich befreiende Praxis und eine entsprechende theologische Vertiefung.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat ihre 40 – jährige Geschichte: Katholischerseits formulierte sie 1971 der Peruaner Gustavo Gutiérrez in seinem Buch “Theologie der Befreiung” , so wurde der Titel dieser neuen weltweiten theologischen Orientierung verbreitet. Seitens des Protestantismus hatte der Brasilianer Rubem Alves schon 1968 theologisch am Thema gearbeitet über “Theologie der menschlichen Hoffnung als Befreiung”.

Damals waren  autoritäre Regime, fast ausnahmslos von Militärdiktaturen, der gesellschaftliche Kontext in Lateinamerka. Davon galt es sich zu befreien. Das beinhaltete den Sturz der Diktaturen und das kostete auch ungezählte Opfer, Christen ließen ihr Leben, sie werden als Martyrer verehrt. Der kirchlich wohl bekannteste Martyrer ist Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador in Zentralamerika.

Aber leben wir seit dem Ende dieser grausigen Miilitärdiktaturen etwa im “gelobten Land” der formalen Demokratien und deshalb in Gerechtigkeit und Frieden?

Im bewährten befreiungstheologisch  – methodischen Dreischritt “Sehen – Urteilen – Handeln” ging es zuerst um eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse der derzeitigen und zu erwartenden und zu befürchtenden gesellschaftlichen Grundprobleme. Es gibt mehr Verarmte als vor 10 Jahren (siehe den neuen Welthungerbericht der UNO), diese Verarmten, arm gemachten Menschen, haben konkrete Gesichter und Leidensgeschichten. Das Ökosystem geht kaputt (grossflächige Abholzungen, zerstörerische Ausbeutung der Bodenschätze etc.). Die ländliche Räume bluten bevölkerungsmäßig weiter aus (Mais-, Kaffee- und andere Agrarrohstoffe werden an den Börsen hochspekuliert; die Gewinne bleiben im Agrobusiness). Das ist ein zentraler Grund für die Migration in die Megastädte (die chaotisch wachsen, sich mit Konsumtempeln füllen, wo alles mit immer mehr Pump finanziert wird und damit neue Elendsformen sich ergeben). Es gibt die Migration in den “Norden”, in die USA, dort sind die Latinos ohne Papiere wehrlos der Diskriminierung ausgesetzt. Aber auch dort ist Krise, z.B. in der Bauwirtschaft oder in der Hotelbranche: also Handlanger, Zimmermädchen und Kellner “raus”, heißt dort das Motto. Also zurück nach Mexiko! Und dort? Kanonenfutter der Drogenkartelle?! “Menschenrechte” verkommen dabei zu frommen Sprüchen und “Demokratie” wird zu einer leeren Worthülse, denn die wahre Macht haben einige Wenige , die minutenschnell mit Billionen “Wertpapiere” weltweit spekulieren, verzocken und vor allem ruinieren. Ein Teufelskreis wird sichtbar, zuerst einmal in konkreten Geschichten von Angehörigen und Bekannten in den eigenen Regionen.

Eine Systemkrise des “neoliberaler Spätkapitalismus” wird immer deutlicher: Ein sich immer schneller um Gewinnmaximierung drehendes Teufelsrad schmeisst immer mehr aus dem halbwegs menschlichen Leben “raus”: Riesige Bevölkerungsmehrheiten und nun auch ganze Länder. “Wir stecken im Sumpf.  Alle milliardenschwere Umschuldungen und Rettungsschirme sind wie der Versuch von Münchhausen, sich an den eigenen Haaren  aus dem Sumpf herauszuziehen!” merkte ein Teilnehmer an. Eine Teilnehmerin zitierte daraufhin Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind!” Und unter viel Zustimmung sagte sie energisch:  “Hier sind wir als Cristen eingefordert, Bekehrung voranzubringen in Gedanken, Worten und Werken! Schon Paulus ermahnte: Gleicht Euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt Euch!” Die Reflexion konzentrierte sich auf das, was “Wandel” konkret beinhaltet: er beginnt im eigenen Leben und in den Nahbeziehungen (= In Basisgemeinden und solidarischen Kollektiven schon praktizieren, was wir “nach aussen” als Gesellschaftsveränderung fordern.)  Zudem und zugleich beinhaltet der Wandel auch Vernetzung mit gesellschaftsverändernden Initiativen und deren Agenda.

Christsein ist befreiende Botschaft und befreiende Praxis. Diese ist natürlich verwoben mit Ökologie und Ökonomie, mit Migration, Menschenrechte und Bürgerbeteiligung. Gott ist nicht ausserhalb der realen Lebens mit ihrer Nöten und Hoffnungen. Dies ist keine Kopfgeburt einiger Theologen, sondern vitale Notwendigkeit der unter Sklaverei, Ausbeutung und Willkürherrschaft Leidenden. Diese Menschen sind weiterhin in vielen Teilen der Welt die absolute Bevölkerungsmehrheit.

Deshalb ist es auch für alle Religionen notwendig, klar zu sagen,wo konkret ihr Gott beheimatet ist: bei den Mächtigen oder bei den Ohnmächtigen? Gott verkörpert im ägyptischen Pharao? Nein! Jahwe hörte den Schrei der Sklaven und begleitete sie auf dem Weg der Befreiung! Gott verkörpert im römischen Kaiser? Nein, sagten die Christinnen und Christen, auch wenn es ungezählte Martyrer kostete. Macht darf nicht vergöttlicht werden. Gott selbst ist ein armer Machtloser geworden In Jesus von Nazareth. Wegen seiner Parteilichkeit (vgl. die Bergpredigt und sein Durchbrechen von Systemregeln) ist er selbst Opfer geworden. Ostern ist das neue Leben, trotz allem…  Von unten, von und mit den Verarmten und Opfern, wächst die andere Art von Sinn und Zukunft als Gerechtigkeit für alle!

Das seit etwa 20 Jahren sich immer mehr verschärfende “Gesetz der totalen Gewinnmaximierung” als Systemregel und Grundstruktur wirtschaftlichen Handeln ist Götzendienst. “En god we truth” steht auf der Dollarnote: “Nein, an diesen Götzen glauben wir nicht, davon müssen wir uns befreien!”, war einhellige Meinung. Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch: “Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld!”, sagte Jesus und praktizierte einen anderen, den solidarischen Weg. “Alle teilten untereinander was sie hatten und alle wurden satt”, so bei der Brotvermehrung., einer Geschichte aus dem Leben Jesu von Nazareth.

Die bei den “Theologische Tagen” Versammelten sahen genau hier die neuen Herausforderungen für “die befreiende Hoffnung und Theologie”. Ähnliche Treffen fanden in den letzten Monaten in anderen Regionen Lateinamerikas statt oder werden noch stattfinden. Das mündet im Oktober 2012 in einen lateinamerikanischen Kongress in Brasilien. “Die Befreiungstheologie ist nicht tot!”, unterstrich die Sprechergruppe  der Begegnungstage. “Die Herausforderungen sind heutzutage anders als vor 40 Jahren. Viele der damaligen Theologen sind alt geworden oder leben nicht mehr. Wir haben eine neue Generation, die befreiungstheologisch denkt und kämpft. Sie ist aktiv im solidarischen Teil unserer Kirchen, in Basisgemeinden und auch in  Bürgerinitiativen zugunsten der Zivillgeschaft, es gibt neue Vernetzungen, daraus erwächst eine neue Spiritualítät mit einer neuern  Agenda. Wir finden sie in fast allen Regionen Mexikos und über die Grenzen hinaus.”

Worum geht es in der neuen Agenda? Da ist zuerst und vor allem eine neue “Öko – Theologie”, die Ökologie, Ökonomie und Ökosysteme als integrales Ganze und göttliche Gabe begreift, daraus werden ökumenische Projekte: Befreiung von Ausbeutung der Natur und der Menschen, einfach Leben und gesund Leben und das in solidarischer Vernetzung (solidarische Wirtschaft). Das schließt ein, mit der Logik zu brechen von “Alles auf Pump” mittels Kreditkarten und dann mit lebenslanger Verschuldung. Deshalb gilt es, vor allem ein kritisches Konsumbewußstsein zu entwickeln, das sich emanzipert vom manipulierenden Marketing. So wie Drogenabhängige nicht mit gut gemeinten Ratschlägen, sondern nur einen Entziehungtherapie (“Entgiftung”) sich von dieser Abhängigkeit befreien können, benötigt auch ist unsere Konsum – (Kredit-, IPod-, Tabletten- etc.) Sucht viele Selbsterfahrungsgruppen, die diese “Entziehungskuren” einüben (“anders besser Leben”), wir brauchen therapeutische Begleitung. So wachsen und vernetzen sich immer mehr “Alternativ – Zellen”, die sich wiederum einsetzen für eine psycho – sozial gesundere Gesellschaft, die ihre plurikulturelle Vielfalt als Bereicherung annimmt und deshalb jegliche Diskriminierung  (aus sexuellen, rassischen, kulturellen, religiösen u.a. Gründen) überwindet. Das benötigt neue Sprach-, Aktions- und Organisationsformen, insbesondere in Vernetzung mit und inmitten der Vielfalt der Zivilgesellschaft.

Perspektiven und motivierte Leute sind da. Nun gilt es weiter machen.

 

 



Ein Grund zum Feiern? Der schwierige Umgang mit dem „Vaterland“ in Mexiko

6. September 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Ein Grund zum Feiern?
Der schwierige Umgang mit dem “Vaterland” in Mexiko
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt
In diesen Tagen werden in jeder Stadt Mexikos auf Plätzen und an Strassenecken Nationalfahnen in jeglicher Grösse verkauft, zudem Wimpel, Trompeten, Sombreros, Konfetti… Strassen und Hauptplätze sind voller Girlanden und Lichterketten. Nein, es steht keine Fussballweltmeisterschaft an, sondern es ist unser “Monat des Vaterlandes” und mittendrin, der Nationalfeiertag, am 16. September. Dieser beginnt am Abend des 15. September um 23 Uhr in allen Städten vor dem Rathaus, bundesweit eröffnet das Fest der Staatspräsidenten vom Balon des Nationalpalastes aus. Dreimal wird feierlich deklamiert: “Viva! Es leben die Helden, die uns das Vaterland gaben! Es lebe Mexiko!” Dann wird mit der Nationalfahne gewunken, die Freiheitsglocke (vom Ort Dolores; jede Stadt hat eine Kopie) geläutet und alle singen bewegt die Nationalhymne. Es gibt Feuerwerk und Tanz auf allen Plätzen bis in die späten Nachtstunden. Der 16. ist dann geprägt von Militärparaden und von Sport- und Folkloregruppen. Es ist wirklich ein Nationalfeiertag: überall und für alle!
Für die Gefühlswelt fast aller 112 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner gibt es keinen Zweifel: Mexiko ist unser Vaterland und unsere Mutter ist “Maria von Guadalupe”! Das gibt uns Heimat und Identität! So kenne ich das nicht von Deutschland.
Diese Zeremonie, “grito”, Aufschrei, Aufruf genannt, erinnert jährlich an Miguel Hidalgo, Pfarrer der kleinen Stadt Dolores im geographischen Zentrum des flächenmässig enormen Vizekönigsreichs, Mit dem Glockengeläut seiner Pfarrkirche in den frühen Morgenstunden des 16. September 1810 rief Hidalgo zum Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft auf. Er schrie dabei: “Es lebe die Muttergottes von Guadalupe! Nieder mit der schlechten Regierung!” Das Fass war überlaufen: es ging um Aufhebung der Sklaverei, um soziale Gerechtigkeit und um politische Freiheit, d.h. die Unabhängigheit von der spanischen Krone.
Rasch fand der bewaffnete Kampf erheblichen Zulauf, insbesondere in der verarmten ländlichen Bevölkerung. Die “Helden, die uns das Vaterland gaben”, insbesondere die Pfarrer Hidalgo und Morelos, (nach ihnen sind zwei Bundesländer benannt) wurden schon nach wenigen Monaten gefangen und hingerichtet. Es folgten ungezählte blutig – grausame regionale Auseinandersetzungen, die etwa einer halben Million Menschen (bei einer Bevölkerungszahl von 11 Millionen) das Leben kostete. Erst nach 11 Jahren (1821) endete dieser Krieg mit der faktischen Unabhängigkeit, wenn auch erst 1836 diese anerkannt wurde. Damit war jedoch nicht ein “neues Vaterland” geschaffen. Das wirtschaftliche und polítische Chaos setzte sich über Jahrzehnte fort. Der Weg, “ein schlimmes Machtsystem zu stürzen” hin zu dem Ziel “ein gerechteres aufbauen” ist lang und dornig!
1910 beispielsweise verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung über den Besitz und die Kontrolle von über 90 Prozent des Grundes und Bodens, sicher ein wesentlicher Grund für den Ausbruch einer neuen politisch-gesellschaftlichen Umbruchsphase, die als mexikanische Revolution (1910 – 1920) in die Geschichte einging und über eine Million Opfer forderte, Zuerst und vor allem ging es um “Land und Freiheit”, das ist der Schlachtruf der historischen Zapatistenbewegung, der es insbesondere um eine gerechte Landverteilung ging. Die Erhebung im Herbst 1910 gegen den Langzeitdiktator Porfirio Díaz war der Beginn einer vieljährigen Serie blutiger Kämpfe, die große Teile Mexikos erfassten. Das Land kam erst zur Ruhe mit der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas (1934 – 40), der ernsthaft die Grundprobleme des Landes aufgriff: Nationalisierung der Erdölwirtschaft, um eine Einnahmebasis zu schaffen, Agrarreform mit Enteignung vieler großer Haciendas und ihre Übertragung an die ehemaligen Knechte als Gemeinschaftsbesitz (Ejido), Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems u.a.m. Damit wurde zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht.
Was ist heute daraus geworden, nach 200 Jahren (Beginn des Unabhängigkeitskrieges) und dann erneut nach 100 Jahren (Beginn der bewaffneten Revolution)? Gibt es ernsthafte Gründe, so zu feiern, als hätten wir nach sovielem Leid und so vielen Toten in zwei langen Kriegen nun endlich ein “Vaterland”?
Natürlich ist Mexiko heute anders als vor 200 und vor 100 Jahren. Es gab und gibt das rasante Bevölkerungswachstum, weltweit die industrielle Revolution mit einem in Mexiko bedeutenden Ausbau der Infraestruktur, des Wohnbaus und vieler neuer Arbeitsplätze. Dann gibt es in den letzten Jahren die technologisch – kybernetische Revolution, insbesondere sichtbar in der Elektronik (fast jeder hat Handy) und mit einer mehr oder weniger funktionierenden Wahldemokratie. Mehr Wohlstand wird sichtbar, z. B. an den vielen Autos. Und das Wohlempfinden (Glücklichsein) des Bevölkerungsdurchschnitts, so die Umfragen, liegt oberhalb entsprechender Werte in Deutschland. Aber sind damit alle Probleme gelöst?
Die vitalen Probleme eines riesigen Gemeinwesens wie Mexiko haben andere Gesichter bekommen, aber sie sind weit entfernt von einer zufrieden stellenden Realität. Da ich schon in vorherigen Beiträgen das ausfühlicher dargestellt habe, jetzt nur einige kurze Blitzlichter:
Alexander von Humbolt, der 1803, d. h. 7 Jahre vor dem Beginn des Unabhängkeitskrieges, in Mexiko forschte, kam zum Urteil, dass er in all seinen Forschungsreisen nirgends auf der Welt eine Gesellschaft vorgefunden habe, die so markiert sei vom extremen Gegensatz zwischen Wenigen im überbordenen Luxus und den unendlich vielen in extremer Armut. So ist es heute noch: mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss unterhalb der Armutsschwelle irgendwie und irgendwo jobben, um das Lebensnotwendige zu verdienen. Neue Formen von Sklaverei nehmen zu, insbesondere mittels der Verschleppung und Ausbeutung von Migranten.
Deshalb wird immer mehr kritisch nachgefragt:
Welche Wirtschaft benötigen wie in Mexiko und weltweit , die für alle qualifizierte Ausbildung, adäquate Arbeit und “einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet” (Art 25) . Hierbei handelt es sich um universelle Menschenrechte, festgelegt im 3. Teil der UNO – Charta.
Welche politische Strukturen sind notwendig, die genau dies ermöglichen? Zu vieles ist hier obsolet oder gar verrottet. Wie ist es möglich, von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn bleibend Korruption ein Grundelement der politischen “Kultur” ist? Ein Justizsystem verdient nicht diesen Namen, wenn zwar die Gefängnisse überfüllt sind von den kleinen Leuten, die klauen oder dealen, aber über 95 % (!) der angezeigten Straftaten nicht zur Verurteilung führen. Solche reale Straflosigkeit führt leicht zur Versuchung: Warum nicht bei grossen Betrügereien, bei Geldwäsche von enormen Drogengewinnen oder bei Ermordungen mitmachen, wenn nur weniger als 5 % eine Verurteilung erwartet?!
Jedes Land hat seine eigene Geschichte, die Vieles erklärt über die Ursachen heutiger Dramatik. Die derzeitigen Vorgänge in der arabischen Ländern machen dies offensichtlich.
Die aktuelle spätkapitalistischen Strukturkrise macht zunehmend deutlich, dass wir weltweit gerechte Strukturen benötigen, das zukunftsträchtig ist, d.h. nachhaltig ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht. Der jetzt über 90 – jährige gebürtige Berliner Stéphane Hessel, Mitautor der Charta der Menschenrechte der UNO in 1948 und derzeit für Viele weltweit “das Gewissen der westlichen Welt” (FAZ) machte Furore mit seinem Aufruf “Empört Euch!”: gewaltloser Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, gegen die Diktatur des Finanzkapitals, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung unf unserem Planeten. Empörung ist ist wichtig und not-wendig, denn sie ist Ausdruck vitaler Verletzungen in ungezählten Menschenherzen in sozialer Vernetzung. Nun legt er nach: “Engagiert Euch!” Eine komplexer gewordene Welt, so Hessel, erfordert komplexe Strategien: “Widerstand darf aber nicht nur im Kopf passieren. Wir müssen handeln, und zwar mit den Mitteln der Demokratie. Dazu gehören die Beteiligung an Protesten, internationale Zusammenarbeit sowie persönliches Engagement im Kleinen. Aber vor allem brauchen wir eines: den Glauben daran, dass unser ziviles Engagement die Welt verändern kann”.
Unser Planet, ein “Vaterland für alle”, besteht aus seiner Fülle von miteinander vernetzten gleichberechtigten “Vaterländern”! Ohne nationalistische Gefühle! Ein solches Leitbild sich zu erträumen, über schlimme Mißstände sich zu empören und sich zu engagieren für eine gerechte Zukunft: Darin liegen die wirklichen Gründe zu feiern. Wir brauchen ein Fest des “Vaterlandes”, das die bessere Zukunft schon einen Moment erlebbar macht und für das Engagement Mut macht.



In den Händen der Leute. Wie sich der Katholizismus in Mexiko „modernisiert“

12. August 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Im religionsphilosophischen Salon wollen wir immer auch die Realität der Religionen weltweit wahrnehmen, die internen Fragen und Probleme, Entwicklungen und Aufbrüche studieren und kritisch bewerten.
Unser Korrespondent in Mexiko – Stadt, der Theologe Alfons Vietmeier, weist in seinem neuen Beitrag auf ein Thema hin, das etliche Beobachter der religiösen Szene in Deutschland interessieren kann; vor allem angesichts der Umstrukturierungen des Katholizismus, bedingt durch den Mangel an Priestern.

In den Händen der Leute
Über die Veränderungen von Glauben und Gemeinden in Mexiko
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, August 2011

In diesen Wochen bin ich zu verschiedenen Begegnungen und Vorträgen in Deutschland und stelle mit Freuden fest, dass endlich (!) hier die Bereitschaft wächst, auch vom lateinamerikanischen Kirchenalltag zu lernen. In der deutschen Mentalität ist (teilweise immer noch) tief internalisiert: Wir haben ´s und verschicken es dann! So wurden im kirchlichen Bereich jahrzehntelang exportiert: deutsche Ordensschwestern und Priester (das ist jedoch schon seit Jahren ausgelaufen), deutsche Philosophie und Theologie ( in mexikanischen Priesterseminaren schwitzen die Studenten über Kant, Hegel, Rahner usw.; studieren aber nicht die eigene Indio – Philosophie und Indio – Theologie; diese Materien gibt es fast noch nicht) und deutsche Technologie als Entwicklungshilfe. Ist das nicht Neo-Kolonialisierung?, so fragte provozierend schon vor 40 Jahren der Theologe und Kulturkritiker Ivan Illich im mexikanischen Cuernavaca.
Den in Deutschland überall spürbare große Kirchenfrust bekomme ich sehr deutlich mitgeteilt. Ich empfinde ihn jedoch auch als Chance, sich zu öffnen für das. was schon seit vielen Jahren in Lateinamerika anders und ermutigend praktiziert wird, vor allem in der christlich – kirchlichen Selbstorganisation. Ich mache das fest an den derzeitigen Strukturreformen vor Ort. Leider gibt es diese Strukturreformen nicht auf anderen Ebenen und nicht, z.B. in der dringend zu überwindenden Klerusfixierung. Die Gründungen neuer Großpfarreien haben Konfusionen, Irritationen und Verletzungen mit sich gebracht. So wird nachgehakt: Jetzt haben wir neue Strukturen: Und was dann? Aber: Wie macht Ihr das in Mexiko konkret? Können wir davon etwas lernen, bei uns anwenden?
Großpfarreien sind seit Jahrzehnten die typische Form einer Pfarrei in Mexiko. Denn im Vergleich zu Deutschland gab schon immer viel weniger Priester und damit auch größere Pfarreien. Denn nur Priester dürfen nach dem Kirchenrecht Pfarreien leiten. Hinzu gekommen ist in den letzten Jahrzehnten ein starkes Bevölkerungswachstum. Insofern haben die Pfarreien an Mitgliedern zugenommen, ohne dass entsprechend die Priesterzahl gewachsen ist. Ein typisches mexikanisches Bistum mit heute etwa einer Million Katholiken hat zwischen 50 bis 70 Priester. Die in der realen Pastoralarbeit vor Ort Eingespannten, einschließlich Generalvikar, Pastoralvikar, usw. sind alle Pfarrer in Pfarreien mit 20 – 30 Tausend oder noch mehr Katholiken.
Sicher gilt es, historisch gewachsene unterschiedliche Rahmenbedingen wahrzunehmen und nicht naiv Übertragungen vorzuschlagen. Auf deutschem Boden wachsen halt andere Bäume mit anderen Früchten. Unterschiedlich sind vor allem:
Die materielle Basis: Eine immer schon finanziell und personell (im Sinne der Anzahl hauptamtlicher Mitarbeiter) arme Kirche ist zugleich freier, kreative Veränderungen voranzubringen als eine reiche deutsche Diözese mit hunderten Hauptamtlichen im Generalvikariat und mit vielen Pfarreien, die oft zugleich die größten Anstellungsträger vor Ort sind.
Die Volksreligiösität und Selbstorganisation: Immer schon wenig Priester beinhaltet auch, dass die Leute es gelernt haben, selbst ihr Christ Sein zu leben und zu pflegen und die notwendigen kirchlichen Dienste vor Ort, d.h. in ihrer Kleingemeinde, soweit wie eben möglich selbst in die Hand zu nehmen. Deshalb ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Laie als Zelebrant oder Zelebrantin (so werden sie genannt) den Sonntagsgottesdienst (in Abwesenheit eines Priesters; das kommt sehr oft vor) oder die Beerdigungsfeier leitet. Dem steht kirchenrechtlich nichts im Weg und das allgemeine Priestertum hat so Hand und Fuß.
Kulturell verschiedener Umgang mit Ordnung und Normen: Aus vitaler Notwendigkeit heraus haben die Menschen gelernt, so weit wie möglich das Notwendige selbst zu regeln: Normen müssen dem Leben dienen und damit auch die kirchlichen Ordnungssysteme mit ihren Regeln: Was nicht verboten ist, ist zuerst einmal erlaubt, und was nicht so anwendbar ist vor Ort, wird mit natürlicher Freiheit gestaltet.
40 Jahre lateinamerikanischer Weg der Pfarreierneuerung: Die Bischofsversammlung von Medellin (Kolumbien, 1968) hat in Anwendung der Konzilsbeschlüsse für die ganze lateinamerikanische Kirche klare Orientierungen erarbeitet. Als Schlaglichter erwähne ich: Option für die Armen und für eine integrale Evangelisierung und deshalb die Option für Basisgemeinden, Laienmitarbeit und eine kreative Vielfalt von Diensten. Wenn auch über konfliktreiche Etappen hinweg, die letzte Bischofsversammlung in Aparecida (Brasilien, 2007) hat erneut und eindringlich unterstrichen: Weg von einer bewahrenden und hin zu einer missionarischen Pfarreipastoral; und „missionarisch Sein“ ist Aufgabe aller Getauften. Deshalb geht es nicht anders: Kirche in den Händen der Leute! Das benötigt vor allem eine ganz eigene Spiritualität christlicher Verantwortung, benötigt aber auch Leitbilder, Pastoraloptionen und – das ist der sensible Punkt – Pfarrer / Pastoralteams, die nicht Alles bestimmen wollen, sondern die loslassen und zulassen, die ermutigen und begleiten. Hierarchie ist nicht Monarchie; „wer der Erste sein will, soll der Diener Aller sein“, sagte schon Jesus.
Was so schon seit langem Praxis ist, nicht nur Folge von Priestermangel: Wir haben uns daran gewöhnt, von drei Kirchenebenen auszugehen: Weltkirche (Vatikan), Ortskirche (Diözese) und Pfarrei (Basiskirche). In den ersten drei Jahrhunderten des Beginns der Kirche war das nicht so. Die Basis bestand vielmehr aus einer Vielzahl von Hauskirchen / Kleingemeinden, dann gab es die Vernetzung dieser Basis auf Stadtebene und schließlich die universelle Kirche.
Das entscheidend Christlich – Kirchliche findet vor Ort statt, nicht als Kleinfamilie, sondern als Basisgemeinde. Sie kann territorial (Wohnviertel) sein oder auch ausdifferenzierter je nach Milieus und Lebenswelten. Entscheidend ist: das reale Leben mit Ängsten und Hoffnungen wird geteilt (Koinonie) und solidarisch verteilt (Diakonie), das „neue Leben in Christus“ wird bedacht und vertieft (Katechese) und dann gefeiert in vielfältigen Formen (Liturgie). In der Wichtigkeit steht nicht an erster Stelle „sie gingen zum Tempel“, sondern das Miteinander als Hauskirche – Kleingemeinde (vgl. die Berichte der Apostelgeschichte). Genau dies macht sie attraktiv. Es ist die Zeit gekommen, in den komplexen heutigen Umbrüchen („Epochenwechsel“ nennt es Aparecida) sich von dieser frühkirchlichen Praxis inspirieren zu lassen.
Das beinhaltet unter anderem die internalisierte Vorstellung zu überwinden, das “Pfarrei” gleich “Gemeinde” ist. Eine Pfarrei, der formal Tausende von Katholiken angehören, kann nicht direkt diese “Koinonie“ zwischen Allen leben und deshalb nicht wirklich „Gemeinde“ sein. Sie kann bestenfalls eine Gemeinschaft von vielen Gemeinden sein, von Gemeinschaften, Basisgruppen, Solidarkreisen, „Christseinsbiotopen“, ein möglicher neuer Begriff?
Es ist deshalb heutzutage auch notwendig, die historische Fixierung auf das vom Johannes Evangelium geprägte Pastoralmodell (Hirt und Herde:, der Pastor, der alle bei Namen kennt und dem Verlorenen nachgeht! Wie ist das möglich bei 20 Tausend?) zu überwinden. Wir haben doch vier Evangelien! Es gilt, den Übergang zu gestalten zu einem vom Apostel Paulus geprägten Evangelisierungsmodell: viele kleine Gemeinden (Christus –und nicht der Pfarrer- ist das Haupt und alle sind Glieder) mit unterschiedlichen Diensten und Ämtern.
Der Theologe José Comblin (Brasilien) drückte das so aus: „Wir müssen die Kirche in einer Stadt uns vorstellen wie ein Archipel mit vielen kleinen Inseln, d.h. Gemeinden, wo bei hohem Wellenschlag die Boote anlegen können“. Bei einem Workshop stellte ein ehrenamtlicher Gemeindeleiter seine Pfarrei wie folgt vor: „Wir verstehen uns wie einen großen Obstgarten. Jeder Gemeinde ist ein eigener Baum mit Ästen und den Früchten je nach Baumart; und es gibt Große und Kleine, Junge und Alte, Krumme und gerade Gewachsene. Alle zusammen sind wir unsere Pfarrei. Ein solcher Obstgarten muss natürlich kultiviert werden; da machen wir alle mit. Unser Pfarrer hilft auch mit, gibt Ratschläge, schult uns, erarbeitet mit uns zusammen den Jahresplan und steht uns zur Verfügung in Sorgen und Freuden.“
Genau diese Erfahrungen in Großpfarreien, die „mehr Christ sein und Kirche sein in den Händen der Gläubigen“ ermöglichen, können für die derzeitigen Bemühungen um Pastoralerneuerung in den neuen deutschen Großpfarreien zumindest inspirierend sein. in Mexiko geht es darum, dass die vielen kleinen Gemeinden den Menschen in der Stadt oder auf dem Land helfen, miteinander das Leben zu gestalten, Auswege aus der Gewalt zu suchen, Hilfsbereitschaft zu fördern, politisch sensibel zu werden. Denn für uns sind diese vielen kleinen Gemeinden kein Selbstzweck! Es geht ja nicht primär um die Kirche, nichr nur um Gottesdienste im engeren Sinne, schon gar nicht um den Ausbau der Macht der Kirche. Es geht einzig darum, in diesen Gemeinschaften den Menschen zu dienen und Schritte zu einer größeren Gerechtigkeit zu finden, die natürlich auch politisch Ausdruck finden muss.



Ist „das System“ reformierbar? Perspektiven aus Mexiko

10. Juli 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Mexikanische Friedensbewegung:
Wer kann das „System“ verändern?
Wenn die Opfer öffentlich sprechen und der Dialog beginnt.
Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko – Stadt im Juli 2011

Etwas für Mexiko bisher Undenkbares ereignete sich am Vormittag des 23. Juni. Im historischen Stadtschloss begannen Vertreter der neuen Friedensbewegung (“Bewegung für Frieden in Menschenwürde und Gerechtigkeit”) einen öffentlichen Dialog mit der Regierung. Er wurden die drei Stunden life im Fernsehen bundesweit übertragen. Beim Regierungsantritt vor dreieinhalb Jahren hatte die “öffentliche Gewalt” den Krieg erklärt dem “organisierten Verbrechen”. Letzteres ist inzwischen ein riesig gewachsener Wirtschaftszweig geworden mit Milliardenumsatz im Umfeld des Drogenhandels. Krieg beinhaltet Tote, inzwischen sin des über 40.000; viele wurden umgebracht in Kämpfen unter den Drogenkartellen, aber es gibt auch zu viele zivile Opfer. Sind diese Menschen bloß “unvermeidbare Nebenkosten”, wie sie im technokratischen Jargon genannt werden? Verzweifelte Mütter und Väter, Ehepartner, Verlobte, sie alle haben Ermordete zu beklagen. Ungezählte Opfer wurden zudem “irgendwo” verscharrt; immer neue Massengräber werden gefunden.
Wird der Schmerz der Angehörigen und die wachsende Empörung unter vielen einfach nur runtergeschluckt oder können und müssen sie rausgeschrien werden?! Genau hier ist der Auslöser der neuen Friedensbewegung zu sehen. Immer mehr Opfer geben Zeugnis, bewegen sich und schaffen eine Bewegung. An ihrer Spitze steht der Poet Javier Sicilia, der selbst einen Sohn verloren hat. Er ist glaubwürdig und kann Betroffenheit, Trauer und Wut in Worte fassen, die wiederum andere Opfer bewegen, ihren inneren Schmerz rauszulassen. Das bezieht inzwischen Tausende ein. Ein “dumpfes Empfinden” in der Gesellschaft, dass dieser Krieg eigentlich ein Wahnsinn ist, wird sprachfähig und dialogfähig: Vielleicht konnte nur ein Poet genau diese Veränderung bewirken.
Das machte den politischen Dialog einzigartig: Opfer gaben zuerst einmal ausführlich Zeugnis. Der Staats- und Regierungschef, mit Innen- und Sicherheitsminister und anderen hohen Beamten des Sicherheitskabinetts hörten zu und antworteten. Es stiessen extrem verschiedene Logiken aufeinander: Sachrationalität gegen Betroffenheit, Gemeinsinn – Argumente gegen Systemzwänge. Es wurde jedoch zumindest argumentiert, zugehört und vor allem eine weiterführende Agenda vereinbart. Damit ist noch keine Lösung da, aber es gab einen Beginn. Zugleich ist die Skepsis groß: Sind wirklich Veränderungswille und Veränderungsmöglichkeiten vorhanden?
Zu einen gibt es die äusseren Bedingungen. Die mexikanische Regierung hängt fast total vom “Big Brother” im Norden ab: 70 % der Drogen werden in den USA konsumiert. Wenn Bedarf ist, dann gibt es eben auch Produktion und Handel: Das entspricht der kapitalistischen Marktlogik. Und damit gibt es auch Gewinn: die Milliardenumsätze werden durch die dortigen Banken in den Finanzkreislauf gebracht. Zugleich beinhaltet ein Krieg auch Waffenhandel und damit erneut unglaublich viel Gewinn. Ein Nationalstaat ist in solchem Kontext schon lange nicht mehr souverän. Im Alleingang kann Mexiko dieses riesige Problem nicht lösen.
Bei dieser Erkenntnis werden jedoch schnell zentrale Mitursachen des Problems nicht genügend aufgegriffen. Im Dialogprozess haben das sehr deutlich Mütter und Väter von ermordeten Jugendlichen ausgedrückt: “Ist unser derzeitiger Staat mit seinen überforderten Strukturen überhaupt noch fähig, reale Zukunftsmöglichkeiten zu schaffen für Millionen von jungen Leuten?”
Mexiko ist ein Land voller junger Menschen: Mehr als die Hälfte der 112 Millionen Bevölkerung ist jünger als 30 Jahre und davon befinden sich 29 Millionen befinden im schulpflichtigen Alter. Jedoch dieses Schulsystem knirscht an allen Ecken. Ein wichtiger Faktor dabei ist die Lehrergewerkschaft im öffentlichen Schulsystem. Sie ist die zahlenmässig grösste und politisch mächtigste in Lateinamerika. In Mexiko ist sie Staat im Staate, ohne interne Demokratie und mit einer hochkorrupten Funktionärsklique. Diese bestimmt die Staatssekretäre im Erziehungsministerium, diese dann die Schulräte, diese dann Schulrektoren, etc. So schaffen sie es, Planstellen zu verschachern, Kontrollen der Lehrerqualität unterbinden, etc. Damit das funktioniert wurde eine eigene politische Partei geschaffen (“Nueva Alianza – Neue Alianz”). Sie ist der Verhandlungsarm mit der Regierung, die seit dem Beginn ihrer Amtszeit ohne Parlamentsmehrheit ist, und deshalb zur Regierungfägigkeit solche “Zünglein an der Waage” benötigte. Deshalb wurde das Erwähnte als “politischer Pakt” diskret vereinbart und durchgezogen. Durch gezielte Indiskretion kam er in diesen Tagen ans Licht der Öffentlichkeit. Und es gibt erneut Grund, dass immer mehr “…die Schnauze voll” haben.
Und was ist dann nach der Schulpflicht? In diesen Tagen suchen über eine Million junger Leute nach ihrem Schulabschluss einen Arbeitsplatz. An formaler Arbeitsmöglichkeit (mit Vertrag, Versicherung, etc.) sind jedoch nur weniger als ein Drittel des realen Bedarfs vorhanden und zumeist schon ausgehandelt unter Bekannten. Dabei hatte der jetzige Regierungschef im Wahlkampf sich als “Präsident der Arbeitsplätze” propagiert. Also zwei Drittel der Schulabgänger versuchen “irgendwie und irgendwo” zu jobben: im Millionenheer der Schattenwirtschaft als Schwarzarbeit in den Millionenstädten oder ohne Papiere als Gastarbeiter in die USA. Aber dort ist seit 2 Jahren wegen der Finanzkrise die Luft raus aus dem Arbeitsmarkt. Also, wohin und was?! Ein Teufelskreis wird sichtbar: warum nicht jobben in der organisierten Kriminalität?!
Das Schul- und Bildungssystem und vor allem auch das Wirtschaftssystem sind Schlüsselthemen im Dialogprozess über das Gewaltproblem. Wenn zur Gewalt neue Lösungen gefunden werden müssen, dürfen Systemveränderungen in Bildung und Wirtschaft nicht tabuisiert werden. Das ist kompliziert, denn es sind gewichtige Machtinteressen im Spiel. Genau deshalb ist die Skepsis auf allen Seiten groß.
Ernst gemeinte Dialogprozesse sind nicht einfach. In Deutschland wurde ein solcher in Stuttgart bezüglich “S 21” begonnen. Die deutsche Katholische Kirche hat jetzt ebenfalls einen Dialogprozeß eingeläutet. Systemveränderungen sind bitter notwendig! Sind sie jedoch auf dem Dialogweg möglich? Wird es Ergebnisse geben? Welche?
Wer über solche Zusammenhänge nachdenkt, dem kommt der Mythos vom Sisyphos im Sinn. Der Überhebliche, der es wagte ins “Göttersystem” sich einzumischen, wurde bestraft, einen Felsblock den Gipfel hoch zu rollen, ohne je es zu erreichen. Ist Gesellschaftserneuerung und damit verbundene Systemveränderung, ob Kirchen-, Gewerkschaft-, Verkehrs-, Wirtschafts-, Finanzssystem oder welches auch immer, solch eine Sisyphusarbeit und damit letztlich absurd?
Danach wurde der Poet und sozialer Kämpfer Sicilia in verschiedenen Interviews gefragt. Und er antwortete im folgendem Sinn: “Sicher denke ich manchmal so und die philosophischen Reflexionen von Albert Camus kommen mir in den Sinn. Aber dann kommt im Innern hoch: Nein! Als Mensch, Bürger und Christ mache ich nicht etwas letzlich Absurdes! Mich inspiriert dann Galilei mit seinem trotzigen: ‘Und sie bewegt sich doch!’ Unsere so fatale Realität ist bewegbar, wenn auch unser Weg lang ist und voller Steinbrocken, die beseite geschafft werden müssen. Dann spüre ich und weiss es immer klarer: Wir sind betroffen und empört und das sind immer mehr. Zudem vernetzen wir uns immer besser. Bei Gesprächen untereinander in unseren Friedensmärschen erinnern wir uns an eine afrikanische Weisheit, die seit langem unseren Basisgemeinden langem Atem schenkt: Viele kleine Leute, an vielen kleinen Orten, die viele kleine, aber vernünftige Dinge tun, werden das Antlitz dieser Welt verändern!”



Wie kann in Mexiko Veränderung gelingen?

2. Juni 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

“ÜBERDURCHSCHNITTLICH ZUFRIEDEN” UND ZUGLEICH “DIE SCHNAUZE VOLL!”
Wie kann in Mexiko Veränderung gelingen?
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Anfang Juni 2011

Viele Reisende aus Deutschland kommen nach Mexiko mit Informationen über ein landschaftlich und kulturell reiches Land, das aber zugleich in einer tiefen Krise steckt mit einem besorgniserregend hohem Armuts – und Gewaltindex. Beim Spaziergang durch die Straßen kleiner und großer Städte gibt es dann schnell ein Erstaunen: Überall herzlich – erfreuliches Leben! Es gibt viel mehr Kinder und Jugendliche als in Deutschland und die haben ihren Spass auf den Strassen und in den Park; in der Metro zwitschern verliebte junge Pärchen; ältere Menschen erklären höflich den Weg ;lachende junge Frauen stehen zusammen beim Schwatzen an der Tortilla-Bäckerei. Um nicht zu idealisieren: Natürlich fallen auch viele bekümmerte und müde Gesichter auf. Jedoch der Eindruck bleibt, auch nach Wochen und Jahren in Mexiko . Trotz all des Schlimmen, was tagtäglich passiert und wovon die Nachrichten voll sind: Die Stimmungslage der ganz großen Mehrheit der mexikanischen Bevölkerung ist “überdurchschnittlich zufrieden”.
Das ist erneut im internationalen Vergleich dokumentiert worden im jüngsten Zufriedenheitsindex der “Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung” (OECD). Das verwundert sogar die öffentlichen Medien. “Mexiko, GLÜCKLICH trotz schlechter Lebensqualität!”, so steht es groß als Titelzeile in einem Massenblatt. Und das trotz aller objektiven Daten, die eigentlich auf ein depressives und zugleich aggressives Grundempfinden der mexikanischen Gesellschaft schliessen müssten.
Wie erfasst man, wie lebenswert ein Land ist? Der klassische Ansatz fragt vor allem nach materiellen und politischen Eckpunkten: Beschäftigungindex, Einkommensniveau und Kaufkraft, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Bildungssystem, Rechtssicherheit usw. Laut dieser seit Jahren realisierten Studie der OECD befindet sich Mexiko unter den 34 Mitgliedsstaaten bezüglicher solcher Eckpunkte an vorletzter Stelle und Deutschland in der Spitzengruppe. Als Beispiele mögen folgende Daten dienen: Das durchschnittliche Jahreseinkommen in Mexiko beträgt 12.100 Dollar, im Vergleich zu 22.200 Dollar im OECD – Schnitt. Zugang zur Bildung: Im Mexiko haben nur 34 % der arbeitenden Bevölkerung einen Schulabschluss, während der OECD Standard bei 73 % liegt. Jedoch bei der Frage, wie zufrieden insgesamt die Befragten sich fühlen, liegt Mexiko deutlich über über Deutschland, ein “Volk notorischer Nörgler auf hohem Niveau” (Spiegel – Online, 26.05.2011).
Warum? Die Antwort ist nicht leicht, man muss sich differenzierter nachdenken.
Da sind zuerst und vor allem die sozialen Beziehungen, die weithin noch halten und als Sicherheitsnetz dienen, “trotz allem…” Fast jeder hat Onkel und Tanten, Cousinen und Vetter, Hochzeits- und Taufpaten; und diese haben wiederum… Aus vitaler Notwendigkeit über Jahrhunderte kultiviert, befindet sich fast jeder in einem Beziehungsgeflecht. Das heißt konkret: wir helfen uns gegenseitig! Und das macht zufrieden! Wer es akzeptiert z. B. eine Patin zu sein, rechnet damit, dass “irgendwann” auch dem Patenkind geholfen werden muss, einen Job zu finden oder… Das ist gleichsam eine kulturell – moralische Norm. Also, trotz Arbeitslosigkeit und eines schlechten Gesundheitssystems gilt: “Wir kriegen das schon hin, “irgendwie” einen Weg zu schaffen, der uns zufrieden macht und erhält”.
Von solcher Grundeinstellung her gibt es eigentlich nicht die Krise einer deutschen Mittelschichtsgesellschaft, die nach oben gekommen ist, Wohlstand geschaffen hat und dann immer in Angst lebt, das Erworbene zu verlieren. “Wir in Mexiko waren halt immer schon knapp dran. Aber meine Familie ist jetzt etwas besser dran als damals die Familie meiner Eltern. Wir haben eine kleine und dezente Wohnung und 2 Kinder studieren sogar!,” erzählt mir Josefina, die eine kleine kirchliche Basisgruppe leitet.
Soche Beziehungen müssen gepflegt werden. Im Laufe des Jahres gibt es immer Gelegenheiten miteinander zu feiern: Es vergeht kein Monat ohne irgendein soziales, ziviles oder religiöses Fest. Das ist immer Anlass, sich zu treffen, um miteinander zu essen, zu trinken, zu singen und zu tanzen… und –ganz wichtig- sich auszutauschen und konkrete Absprachen zu treffen. Das hat Kultur und ist Kultur.
Sicher hat solche positive Grundstimmung auch ihre erheblichen Schattenseiten: Beziehungsgeflecht beinhaltet auch Vetternwirtschaft, Seilschaften und “Klüngel”. Da ist Tür und Tor offen für Korruption (“der Pate regelt das schon…”) und für Kleptokratie (statt Demokatie): “Da sowieso die Institutionen schwach und korrupt sind, warum sollen wir nicht das für uns rausholen, was möglich ist…!”
Und hier wird dann konkret die tiefere Krise eines solchen “Systems”, das bisher es noch ermöglichte, “mehr oder weniger” zufrieden zu sein mittels solcher Umgangsformen und Absicherungsstrategien. Aber wie lange noch? Für wie viele ist ein solches Sichheitsnetz schon zerrissen? Die Millionen Migranten, die Drogenökonomie und die damit verbundene extrem schnell wachsende Gewaltszene machen das sehr deutlich.
Es geht dabei nicht darum, die soziale Beziehungskultur abzuwerten, sondern sie umzuformen und mit neuen Werten zu füllen. Zum Beispiel: Für Transparenz der öffentlichen Finanzen sich einzusetzen, auch wenn “Schmieren” eine übliche Alltagspraxis ist! Solidarisch sein mit den Opfern einer korrupten Wirtschaftspolitik (Betriebsschliessung mit Massenentlassung), auch wenn der politische “Pate” ein Teil der Ursache ist! Es geht um Menschenwürde und Menschenrechte, die höhere Werte sind als das Beziehungsgeflecht einer Vetternwirtschaft.
Solches Umformen ist nicht leicht, geschieht aber seit Jahren in einer großen Vielzahl von Sozialbewegungen und Organisationen der Zivilgesellschaft, von denen sehr viele christlich inspiriert sind. Oft waren es engagierte Leute in kirchlichen Basisgruppen, die dort gelernt haben die “Unterscheidung der Geister” zu praktizieren und denen dann irgendwann das “Pfarreimilieu” zu eng wurde: Einfach deshalb, weil der Kleriker immer gefragt werden will und Unterordnung erwartet und weil auch die grosse Mehrheit der pastoralen Ehenamtlichen religiös und politisch sehr konservativ ist. Die große Mehrheit der mexikanischen Solidar-, Öko- oder Menschenrechtsszene hat (im Auszug aus dem pfarrkirchlichen Milieu und bei bleibendem christlichen Engagement) hier ihren Ursprung. Seit Jahren wächst in diesem weiten Bereich eine “kritische Bewegung”, die gesellschaftsverändernde Dynamik voranbringt und gerade diesen Einsatz als erfüllend empfindet und deshalb “kritisch – zufrieden” ist: “Wir können noch ‘ne Menge bewegen! Fast ohne materielle Mittel, aber mit großer Kreativität kommen wir voran! Das macht Freude!”, meint Oscar, engagiert im Netzwerk “Alle Rechte für Alle!”
Eine solche “kritische Massenbewegung” hat ein enormes Potential in sich, das sich sozusagen entlädt, wenn “etwas ganz Ernstes” passiert. Das geschah in Mexiko z.B. 1985, als ein schlimmes Erdbeben ganze Straßenzüge, Kliniken usw. zerstörte. Es war zugleich auch ein soziales und politisches Erdbeben. Seit langer Zeit befindet sich Mexiko in einem zivilen Krieg (Drogenkrieg), in dem es in den letzten dreieinhalb Jahren über 40.000 Ermordete gegeben hat, allein im letzten April waren es 1 427 Tote. Am 8 März 2011 wurden in Cuernavaca (eine Autostunde von Mexiko – Stadt entfernt und “Stadt des ewigen Frühling” genannt; jetzt vom Volksmund umbenannt in “Stadt der ewigen Schiesserei”) 7 junge Erwachsene ermordet gefunden, unter ihnen der Sohn des Dichters und Schriftstellers Javier Sicilia, ein im ganzen Land bekannter Interlektueller aus dem Kreis um den berühmten Theologen und Gesellschaftskritiker Ivan Illich (1926 bis 2002): Jetzt war das “Fass übergelaufen”! Es bildete sich spontan eine Solidarbewegung, insbesondere christlicher Provenienz, wo Sicilia groß geworden war und weiterhin aktiv ist. Die Empörung war enorm! “…hasta la madre!” (so ungefähr wie “… die Schnautze voll!”), war das Poeten – Leitwort, das den Zorn orientierte. Es wurde ein viertägiger Marsch nach Mexiko – Stadt initiiert mit Schneeballefekt: Am Sonntagnachmittag füllten 150.000 Schweigende solidarisch den Hauptplatz: Das Motto: “Nicht mehr Blut!”. Es war die Stunde der Berichte und Zeugnisse der Mütter von Ermordeten und von Poeten, die besser als geübte Aktivisten oder Politiker in Worte und Zeichen fassen konnten, was viele Tausende im Innern bewegt hat. Ich habe sehr viele weinen gesehen und auch meine Augen wurden feucht. In Gesprächen wurde immer wieder betont: “Meine Tränen fließen aus Trauer und Wut über das, was passiert. Aber es sind auch auch Freudentränen: Endlich bewegt sich unsere Gesellschaft! Schaut, wie wir uns neu vernetzen !”
Dieser Nachmittag war zugleich die Geburtsstunde einer neuen mexikanischen Friedensbewegung: ein nationaler “Pakt für ein Mexiko in Frieden mit Gerechtigkeit und Menschenwürde” beginnt sich zu vernetzen. In diesen Tagen bricht eine Karavane auf nach Ciudad Juárez, dieser traurig – berühmten Millionenstadt an der Grenze zu den USA. Am Sonntag, dem 10. Juni, wird dort dieser Nationalpakt der Zivilgesellschaft vertieft. Dieses Datum hat auch symbolische Bedeutung. Vor genau 40 Jahres (es war das Fronleichnamsfest 1971) gab es in Mexiko – Stadt eine grosse Studentendemostration, die brutal von paramilitarischen Gruppen zusammengeschlagen wurde mit über 70 Toten (“Leichnamsfest”): Geschichte bleibt lebendig!
Der Pakt beinhaltet folgende 6 Forderungen, von denen jede wiederum eine Liste von Konkretisierungen beinhaltet:
Wir fordern:
1. Die Morde und das Verschwinden von Personen aufzuklären und diese Opfer auch namentlich bekannt zu geben…
2. Die Kriegsstrategie (gegen die Drogenkartelle) zu beenden und den Schwerpunkt auf die Sicherheit der Bürger zu setzen…
3. Die Korruption und das Straffreibleiben zu bekämpfen…
4. Die ökonomische Wurzel und die Gewinne der Verbrechensorganisationen zu bekämpfen…
5. Eine dringende Aufmerksamkeit auf die Situation der Jugend und effektive Aktionen zur Erneuerung des sozialen Netzes…
6. Eine Demokratie mit mehr Bürgerbeteiligung…

Die da einbezogen sind, sie stecken einander in ihrer Begeisterung an, machen Mut, man vernetzt sich… Die “kritische Massenbewegung” wirkt wie Sauerteig und die oben beschriebene Qualifizierung der mexikanischen Bevölkreung als “überdurchschnittlich zufrieden” erhält neue Motive und Aufgaben.



Arbeit: Eine Möglichkeit, menschenwürdig zu leben?

4. Mai 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

ARBEIT: Eine Möglichkeit, menschenwürdig zu leben?

Von Alfons Vietmeier. Der andere Blick aus Mexiko – Mai 2011

Enrique ist einer von etwa 30.000 Taxifahrern in Mexiko – Stadt. Sein Chef besitzt so etwa 20 Taxis. Er leiht ihm das Taxi aus und er muss dafür wöchentlich eine vereinbarte Summe zahlen. Das Weitere ist sein Problem. Eine Schramme am Auto? “Das muss ich regeln, d.h. bezahlen.” Benzín? “Das wird immer teurer! Wir haben jedoch einen Taxifestpreis. Also, anstelle von 10 Stunden im Taxi wie in den letzten Jahren, fahre ich derzeit so 12 – 14 Stunden. Denn die Kosten zu Hause sind erheblich gewachsen!” Arbeitsvertrag? Arbeitsrechte wie Unfall- oder Krankenversicherung? “Was ist das? Das gibt’s hier nicht!”
Dies ist hier in Mexiko die generelle Arbeitssituation. Mehr als 60 % der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter sind “irgendwie am Jobben” in Minibetrieben und Einzelhandel, im Strassenverkauf oder Baugewerbe… für Stunden-, Tages- oder Wochenlohn, bar in die Hand und ohne Verträge und damit auch ohne Rechte! In Deutschland heisst das “Schattenwirtschaft” oder auch “Schwarzarbeit”. Es gibt viel “Schatten” hier auf dem Arbeitsmarkt. Der ist sehr, sehr “schwarz”!
Es gibt natürlich auch die formelle Arbeit im öffentlichen Dienst und in der mittelgroßen und großen Privatwirtschaft. Hier gibt es eine erheblich Bandbreite an Gewerkschaften. Die mexikanische Revolution (1910 – 1917), war sozialradikal und im Industriesektor sozialistisch inspiriert. Nur, die Revolution wurde anschließend institutionalisiert, und die Gewerkschaften wurden eine wichtige Säule des politischen Systems. Im Laufe der Jahrzehnte wuchsen Bürokratisierung und Korruption und damit ein sich schamlos bereichernder “Apparat” (= die politische Klasse, einschließlich der Gewerkschaftsführer). Die Gewerkschaftsangehörigen zahlen Beiträge und treten gehaltlich immer kürzer, da die Inflationsrate höher ist als die Lohnerhöhungen. Zum Beispiel. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben zwei Jobs, da das Gehalt zu gering ist: entweder vormittags und nachmittags im Schuldienst, das bedeutet: eine doppelte Stelle zu haben oder eine Schicht in der Schule und dann eine andere als Taxifahrer. Dass deshalb die Unterrichtsqualität in öffentlichen Schulen oft schlecht ist, findet hier ihre Erklärung.
Was nachdenklich macht, ist jedoch nicht so sehr diese Arbeitsrealität. “So war das immer schon!” erklären mir viele. Es ist ein komplexes Netz von Hintergrundsproblemen, das diese “Welt der Arbeit” entmenschlicht. Und das macht betroffen!
Da gibt es zum Einen seit etwa 20 Jahren eine dramatische Umschichtung der öffentlichen Wirtschaft. Es wurde und wird privatisiert soweit es nur machbar ist: Finanzsystem (Stadtsparkassen sind unbekannt), Bildungssystem (es boomen die Privatschulen und Privatuniversitäten und es verschlechtern sich die öffentlichen Schulen), Sicherheitssystem (ein riesiges Heer an Privatpolizei wächst), etc.
Der “Faktor Arbeit” steht im Dienst der Gewinnmaximierung, die Arbeiter dürfen – um ein Bild zu verwenden – ausgepresst werden wie eine Orange. Die Zahlen sprechen für sich: 1993 gab es 3 mexikanische Milliardäre, die zusammen 1, 98 % des Brutosozialproduktes besaßen.
Knapp 20 Jahre später (März 2011) sind es 11 Milliardäre mit einem Anteil von 15, 23 % am großen “Kuchen” des gesamten Volkseinkommens. In diesen knapp 20 Jahren hat die Bevölkerung um 30 Millionen zugenommen und natürlich auch das gesamte Inlandseinkommen. Jedoch für jeden Mund ist das Stück “Kuchen” erheblich kleiner geworden. Das hat eine klare kapitalistische Systemlogik, die gemeinhin “Neoliberalismus” genannt wird.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: das wachsende Konsumbedürfnis. Es wird mehr ausgegeben insbesondere für Modisches und Elektronisches. Kindersendungen im Fernsehen sind voll solcher Werbespots. Handys für jedes Kind gehört schon zum Alltag der armen Bevölkerungsmehrheit und Digitales wie ¡Pod steht auf der Kinderwunschliste zu Weihnachten an erster Stelle. Nicht von ungefähr ist der Mexikaner Carlos Slim, mit seinem breit gefächerten Konsortium im elektronisch – digitalen Wirtschaftssektor, der reichste Mann der Welt. Immer mehr diese immer neuen Dinge haben zu wollen, dramatisiert den Familienalltrag und macht zugleich auch schlimme Konsequenzen zu mindest verständlich:
Zum einen ist hier ein Hauptgrund der dramatischen Zunahme der Migranten hin in die USA zu sehen. Die dort verdienten und an die mexikanische Familie überwiesenen Dollar gehen zu einem erheblichen Prozentsatz in diesen erwähnten Konsum. Zugleich hat die dramatische Finanzkrise in den USA die Verdienstmöglichkeiten fast aller Migranten geschmälert oder unmöglich gemacht. Die Folge: fast eineinhalb Millionen Migranten nach Mexiko zurückgekehrt. Aber wie hier zu Hause den gewohnten “Konsumlevel” halten? Das ist genau der Auffanghaken der Drogenkartelle. Sie bieten attraktive Verdienstmöglichkeiten an, mit allem, was das einschließt.
Ein weiterer Ausweg aus der Finanzklemme besteht darin, immer mehr Stunden zu arbeiten und zudem immer mehr Familienmitglieder in die Arbeitswelt einzubeziehen. In einer jüngsten Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) gehört Mexiko zu denjenigen Ländern, wo im Schnitt mehr als 10 Stunden täglich gearbeitet wird und in der informellen Wirtschaft sin des noch mehr Stunden! Zudem nimmt die Kinderarbeit wieder zu. Also, der “faule Mexikaner in der Dauersiesta im Schatten eines grossen Kaktus”: Das ist eine bekannte, aber völlig unzutreffende Karrikatur der mexikanischen Arbeitswelt!
In der christlich – solidarischen Szene, in der ich vernetzt bin, wird immer heftiger und radikal nachgefragt: Ist das eben Geschilderte nicht immer mehr und immer orgiastischer der “Tanz um’s goldene Kalb”? Jesus hat gesagt: “Sammelt keine materiellen Reichtümer hier auf Erden! (…) Euer Herz wird immer dort sein, wo Ihr Euren Reichtum habt! (…) Ihr könnt nicht zwei Herren dienen: Gott und dem Geld!” (Mt 6, 16-24).
Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch. Daran kommen auch die christlichen Kirchen nicht vorbei.
Wenn seit 110 Jahren die katholischen Sozialenzykliken deutlich die Priorität der Arbeit über das Kapital herausstellen: Wo und wie konkret wird dieses kritische Wertepotential aktiv?! Es geht heutzutage darum, persönlich, familiar, sozial und gesellschaftspolitisch sich zu befreien vom materiellen Bereicherungszwang. Ethischer und solidarischer Konsum ist not – wendig! Zwar leben wir weltweit inmitten dieses System und es gibt Systemzwänge aller Art. Jedoch engagiert christlich zu leben, beinhaltet auch, ernsthaft an einer Systemveränderung mitzuarbeiten.
Diese Aufgabe haben z.B. vor 10 Jahren diferenzierter herausgearbeitet der evangelische Theologe Ulrich Duchrow (Heidelberg) und der katholische Nationalökonom, Philosoph und Theologe Franz Hinkelammert (jetzt in Costa Rica) im Buch “Leben ist mehr als Kapital – Alternativen zur globalen Diktatur des Kapitals”. Inzwischen sind weltweit und auch hier in Mexiko die Basis – und Sozialbewegungen stärker geworden, die daran arbeiten, eine andere Welt und darin auch eine andere Ökonomie zu gestalten: solidarisch unter den Menschen und solidarisch mit der Natur. Und dieses Denken und Handeln existiert schon, und wir vernetzen uns immer mehr.
copyright: alfons vietmeier.



Die Energie indigener Kultur und Religion

4. April 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Die Energie indigener Kultur und Religion: Eine bedeutende Quelle des Widerstands und der Lebensgestaltung
Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko
„Der andere Blick“, Ausgabe April 2011

1.
Am Sonntagnachmittag des 20. März bewegen hunderttausende ihre Arme hin zur abendlichen Sonne: Diese Menschen bewegen und schütteln Hände und Arme, sie tanzen dabei in kleinen Kreisen im Reigen. Es ist genau die Stunde des Frühlingsbeginns. Zu Füßen der großen Sonnenpyramide von Teotihuacan (etwa eine Autostunde entfernt von der Megacity Mexiko) sind es etwa 50.000 Menschen nach Schätzungen der Medien und insgesamt eine halbe Million in den verschiedenen archeologischen Zonen. “Wir füllen uns mit kosmischer Energie. Diese braucht unsere Seele: Ich selbst und wir hier und unsere Gesellschaft. Denn wir alle sind schlimm entseelt”, erzählt eine junge Frau im Interview in den Abendnachrichten. “Ich bin Biologin. Unsere Gruppe hier arbeitet in der Universität und wir wissen was los ist. Überall Gewalt, unter uns Menschen und gegen die Natur! Schaut doch mal jetzt, was in Japan passiert ist! Und vor einem Jahr bei der Erdöltiefbohrung im Golf von Mexiko… Ist das Fortschritt, wenn wir Überfluss haben, immer mehr Milliardäre …sowie schädliche Energie, Katastophen …und vor allem immer mehr Müll produzieren? Der Krebs nimmt zu und vernichtet unsere Körperzellen. Auch unsere Gesellschaft insgesamt hat Krebs. Deshalb sind wir hier. Die Weisheit unserer Vorfahren, ihre Kultur und Religion erfüllt uns mit Energie!”
Wer sind diese Hunderttausende? Es ist ein buntes Gemisch aus vielen jungen Familien und Jugendlichen die eine “Event- Atmosphäre” geniessen, viele Anhänger neuer religiöser New-Age-Bewegungen sind dabei, viele Verunsichterte aus der großstädtischen Berufswelt, die “irgendwie” spüren, dass ihr Leben immer sinnloser wird. Sie finden keine reale affektiv – solidarische Alternative in ihren Kirchen; eine wachsende Szene der “Eine andere Welt ist möglich” – Bewegungen, unter ihnen auch viele Akademiker und dann natürlich auch traditionelle indigene, also “indianische” Organisationen. Und da fast alle hier zumindest “irgendwas” an “Indio – Blut” in sich haben, ist deren Kulturerbe und ihre Utopie das Verbindende.

2.
Nach den neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes gehören von den 112 Millionen Mexikanern etwa 15 %, d.h. über 18 Millionen Personen, zu den über 50 registrierten Indio – Volksgruppen. In Wirklichkeit ist der Prozentsatz erheblich höher, wenn kulturelle und religiöse Kriterien hinzugenommen werden. Die zahlenmäßig stärksten Volksgruppen sind beheimatet in den Bundesländern Yucatan (Maya Yucateco), Chiapas (Tzotzil, etc.), Oaxaca (Zapteken und Mixteken), Veracruz und Guerrero. In der Megacity Mexico wohnen mehr als doppelt so viele Indios wie es indianische Völker in ganz Brasilien gibt. Sie überleben und widerstehen. Ihre Zahl nimmt zu, sie haben mehr Kinder als andere. Mexiko hat also nicht nur eine reiche Indio – Vergangenheit, die in Museen zu bewundern ist, sondern eine gewichtige indigene Gegenwart. Und: Die Energie ihrer Kultur und Religion ist ganz wichtig, um die schwierigen Zeiten auszuhalten und persönliche, soziale und gesellschaftliche Zukunftsperspektiven zu vitalisieren.

3.
Worin besteht diese Energie? Die indigenen Völker in Lateinamerika haben sich über Jahrtausende, selbständig und ohne Fremdeinfluss, ihre Antworten erarbeitet auf die vitalen Grundfragen menschlicher Existenz:
Wie können wir überleben? Ökologie und Ökonomie gehen Hand in Hand, Gemeinwirtschaft gibt es ohne Privateigentum, Tauschwirtschaft ohne Gold und ohne Geld, etc.
Wie können wir zusammenleben? Es gibt ein komplexes Dienstsystem an der Gemeinschaft: Jeder ist irgendwann in jedem Dienst eingespannt; für jeden Dienst gibt es eine Feder und alle Dienste zusammen ergeben den großen Federschmuck und das Recht der Teilnahme am “Rat der Weisen”.
Wie können wir dies alles mit den kosmischen Kräften verknüpfen, die unsere Existenz ordnen? Alles, was wir sind und schaffen, ist verknüpft mit dem Ganzen und alles ist durchwoben von göttlicher Energie, die immer neu Leben schafft, erhält und erneuert.
Der Mond macht die weiblichen Dimension (Monatsregel) des Kosmos sichtbar, also alles, was mit Fruchtbarkeit, Geburt und Erhalt von neuem menschlichen Leben und dem Leben der Natur zu tun hat. Es gibt einen naturbedingten Rhythmus des Jahres und des Lebens. Es ist der Weg vom Süden (tropische Lebensfülle) in den Norden (Kälte und Tod). Deshalb gebührt der “Mutter Erde” Respekt und Pflege, denn sie erhält uns. Sie darf deshalb z.B. nicht in Privatbesitz zerstückelt oder genetisch manipuliert werden. Sie wird in einer religiösen Zeremonie um Erlaubnis gebeten, das Feld zu beackern… Das Leben von Natur und Mensch ist mittels eines Mondkalenders geordnet.
Dieser Naturrythmus wird täglich durchkreuzt von der Sonne, der männlichen Dimension des Lebens. Die Sonne geht auf (wird geboren) in Osten und geht unter (stirbt) in Westen. Die Sonne wird damit zum Ordnungssymbol für den täglichen Einsatz um ein gutes und gerechtes Miteinander. Das konkretistert sich dann im sozialen und politischen System, das das Gemeinwohl garantiert. Dies wird mittels eines Sonnenkalenders geordnet.
Beide Dynamiken durchkreuzen sich täglich und bilden das “Kreuz des Lebens”. Insofern ist die göttliche Energie immer fruchtbar in der Ergänzung zweier Kräfte: Frau und Mann, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Leben und Tod… Es gibt nur Leben – Sinn – Zukunft im Miteinander von beiden.
Die symbolische Synthese dieser Kosmovision – Philosophie / Theologie finden wir im Quetzalcoatl – Mythos die “gefiederte Schlange”: Als Schlange lebt sie in der Erde und verkörpert Leben und Tod. Und sie bekommt Federn, d.h. Himmel und Erde integrieren sich. Transzendenz in Immanenz, und umgekehrt. Wäre das nicht dialogfähig zum Thema “Christus”?

4.
Mir geht es hier keinesfalls darum, die indigene Kultur und Religion zu idealisieren. Im realen Geschichtsverlauf hat sich eine pyramidalen Mehrklassengesellschaft herausgebildet, es gab grausame Könige, Menschenopfer und Kriege.
Aber es gab vor allem auch die Eroberung durch die Spanier: Das war ein dramatischer Schock zweier Welten, Kulturen und Religionen mit brutalen Siegern und vergewaltigten Verlierern, ein noch heute andauerndes Trauma. Der große Anthropologe und Soziologe Tzvetan Todorov hat das in seiner Studie “Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen” differenziert herausgearbeitet bezüglich der Alterität, d.h. der Schwierigkeit bis Unfähigkeit, mit anderer Kultur und Religion adäquat umzugehen. Ein wirklicher interkultureller und interreligiöser Dialog auf Augenhöhe war tragischerweise damals unmöglich und ist bis heute nicht einfach. Um von Deutschland zu sprechen: Liegt hier nicht auch heute noch ein Schlüsselproblem im Umgang mit dem Islam?
“Die offene Adern Lateinamerikas”, das berühmte, beinahe klassische Buch von Eduardo Galeano ist weiterhin gültig in seiner Grundstruktur: Der Herrschaftskontext ist fast immer auf Ausbeutung orientiert: Die offenen Adern von Natur (Bodenschätze) und Menschen (Arbeitskräfte) bluten weiter aus…
Mir ist wichtig zu unterstreichen, dass in der mexikanischen Volksseele, d.h. in ihrem “kollektiven Unbewussten” (um einen Begriff von C.G. Jung aufzugreifen), die Grundelemente indigener Kultur und Religion weiterleben, aber unerklärt und ohne entsprechendes kritisch – erneuerndes Bewusstsein. Darüber gestülpt wurden die religiösen Gebräuche spanisch – katholischen Frömmigkeit des 16. Jahrhunderts und Katechismusnormen der Gegenreformation, Beides als das neue “Über – Ich”.
So entstand die typisch mexikanische Volkfrömmigkeit. Für die Menschen, insbesondere wenn sie arm, unterdrückt und ohne Schutz leben, sind religiöse Ausdrucksformen (Zeichen und Riten) notwendig, um so Vitales wie Geburt und Tod, Krankheit und Konflikten, die Freuden einer Hochzeit oder einer gelungenen Ernte mit dem Göttlichen zu verbinden und Gnade zu erfahren. Was als heilsam erfahren wurde von der ererbten Religion (und nicht direkt verboten bzw. verteufelt wurde), das wurde beibehalten. Und was von der neuen (christlichen) Religion nicht als Widerspruch zum Traditionellen erlebt wurde, das wurde integriert. Das Ergebnis ist viel Synkretistisches. Ich möchte das kurz erläutern an den beiden Ursymbolen “Mond” und “Kreuz”:
Das göttlich Weibliche als Urenergie hat sich in der Mariengestalt, der “Señora de Guadalupe” verdichtet. Sie ist “Gott und Mutter”, die immer hilft, wenn Not ist. Sie tröstet, heilt und ermutigt. Ihr Heiligtum steht auf einem vorspanischen Wallfahrtsort der “Mutter Erde” (Tonantzin). Es gibt kaum eine Familie, kaum ein Taxi, einen Markt oder oder ein Geschäft, beinahe alle verehren ihr Bild in einer Art “Herrgottswinkel”. In dieser Mariengestalt und mit ihr humanisiert sich unser familiärer und sozialer Alltag. Sicher hat das Tröstliche viel mit Verdrängung zu tun. Hier wird deshalb die Wichtigkeit der Basisgemeinden und der befreienden Erziehung (Paolo Freire) deutlich.
Das göttlich Männliche hat sich in verschiedenen Figuren des “Gekreuzigten” verdichtet: Er ist “Gott und solidarischer Bruder”. Sein Erleiden von Gewalt ist auch unsere brutale Alltagserfahrung. Er nimmt sie in sich auf und verwandelt sie in positive Energie. In ihm und mit ihm humanisiert sich unser gesellschaftliche Alltag und wächst die österliche Kraft des immer neuen und befreienden Auferstehens inmitten von Ungerechtigkeit aller Art.
5.
Die vitalen Grundfragen menschlicher Existenz bleiben, auch wenn sie neue Ausdruckformen bekommen und neue Organisationsformen benötigen.
Im Blick auf die großen ökologischen Katastrophen: Wir Menschen müssen begreifen, dass wir nicht über die Natur herrschen, um sie beliebig auszubeuten. Wir sind Teil eines umfassenderen Ökosystems und es ist dringend not-wendig, uns mit unserer “Mutter Erde” zu versöhnen.
Im Blick auf die wachsende Gewalt im alltäglichen Miteinander, unter den gesellschaftlichen Gruppen und in den soziopolitischen Strukturen: Wir Menschen müssen (statt immer mehr haben zu wollen und dies gegen alle anderen durchboxen zu müssen) erneut begreifen, dass nur im solidarischen Miteinander unsere Gesellschaft überlebenfähig ist.
Diese Neuorientierung beinhaltet radikale wirtschaftliche Umstrukturierungen und Veränderungen der entsprechenden politischen Rahmenbedingen. Diese sind nur möglich, wenn zugleich auch ein radikaler Bewusstseinswandel und damit ein Kulturwandel in der Bevölkerungsmehrheit sich vollzieht. Die verschiedenen Lebens- und Gesellschaftsbereiche müssen insgesamt und integral neu beseelt werden. Es geht dabei nicht um den in der griechischen Philosophie gestalteten Begriff “Seele”, sondern um Energie, die Natur mit Wirtschaft, Sozialkultur mit Politik, Kunst mit Religion, etc. wieder neu in positive Beziehungen bringt. Es geht um einen holistischen Neuansatz.
Wir in Mexiko besitzen sicher dafür nicht den “Stein der Weisen”. Wir erfahren jedoch einen Umschwung: Statt arrogant aufklärerisch auf die “armen, dummen, zurückgebliebenen, abergläubisch – frommen, naiven, … Indios” herabzuschauen, wird erneut deren Reichtum einer Spiritualität entdeckt, die verschiedenen Lebensdimensionen verbindenet. Sie ist für Millionen Menschen die reale Quelle, um den harten Alltag auszuhalten. Und sie ist zudem und immer mehr eine Art Vitalisierungskraft, um den Kulturwandel voranzubringen, der die reale Not wendet.
Copyright: Alfons Vietmeier, Mexiko.



Wenn die Institutionen überholt sind…Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

28. Februar 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

Der andere Blick: Anfang März 2011
Alfons Vietmeier berichtet aus Mexiko – Stadt.
Wenn die Institutionen überholt sind: Über die Fähigkeit, die Gesellschaft kreativ von unten neu zu organisieren

I.
“Mexiko ist krank. Fast alle sind wir einverstanden mit dieser schmerzhaften Diagnose.” So beginnt eine Presseerklärung der mexikanischen Bischofskonferenz am Montag, 21. Februar 2011.
Versuchen wir zuerst blitzlichtartig einige Symptome dieser Erkrankung sichtbar zu machen.
Das öffentliche Gesundheitssystem ist krank. Über meine Frau bin ich mitversichert im ISSTE, dem Nationalinstitut für Angestellte im Öffentlichen Dienst (in Mexiko gibt es nicht das deutsche Beamtensystem.). In der für uns zuständigen Klinik unseres Ortsteils in Mexiko – Stadt bin ich dem 18. Sprechzimmer der Nachmittagsschicht zugeordnet. Ich beantrage bei der Ärztin für den jährlichen Check eine kostenlose Blut- und Urinanalyse. Für die erste Untersuchung gibt es 3 Tage später einen Termin. Als ich um 7 Uhr ankomme, reihe ich mich in eine riesige Schlange ein: Nach 1 ½ Stunden bin ich dran, der 233-igste (!) an diesem Morgen. Für die Urinanalyse bekomme ich leider einen Termin erst in 6 (!) Wochen. So gehe ich zu einem Privatlabor, bin sofort dran, bezahle 30 Euros und hole abends das Ergebnis ab.
In den Nachrichten an diesem Abend gibt es einen längeren Bericht über die Krise im öffentlichen Gesundheitssystem: den Klinikenapotheken mangelt es an Medikamenten, es fehlen Kliniken, neuere Apparate, es fehlen Ärzte, sie werden schlecht bezahlt. Deswegen haben viele Ärzte noch eine zusätzliche Privatpraxis oder einen weiteren Job…
Aber vor allem, das System ist völlig überschuldet und für eine grundlegende integrale Sanierung und Modernisierung reichen nicht die im Haushaltsplan vorgesehen Mittel. Denn der Krieg gegen die organisierte Gewalt (sprich Drogenkartelle) hat Priorität. Konsequenz: Die beiden grossen öffentlichen Gesundheitsinstitutionen (es gibt noch das IMSS für die Angestellten der Privatwirtschaft) erweisen sich als unfähig und die Kranken suchen die Privatversorgung, falls sie zahlen können. Oder sie bleiben krank und sterben schneller. Zugleichzeitig ist es sehr interessant: Die Rückbesinnung auf die traditionelle Naturheilkunde boomt! “Gesundheit in den Händen der Leute!” ist zu einer wichtigen Sozialbewegung geworden. In Mexiko – Stadt hat z.B. das zivile Netzwerk “Gesundheit und Natur” in den letzten 12 Jahren etwa 10.000 Personen ausgebildet, die wiederum Selbsthilfegruppen gründen und inspirieren: Viele Kräuter haben Heilkräfte und reinigen Nieren, regulieren den Blutdruck usw. Dann gibt es eine Vielfalt von Massagen, wichtig für eine integrale Gesundheit.
Fast alle Systeme haben ähnliche, wenn nicht gleiche Krankheitssymtome: Das Bildungssystem mit Schulen und Hochschulen (laut PISA Studie befindet sich Mexiko an 30. Stelle der teilnehmenden Länder; Deutschland an 8. Stelle), das Wirtschaftssystem und die miserable Arbeitsmarktlage (deswegen wollen und müssen Millionen in die USA emigrieren), das Rechtssystem (98 % aller krimineller Handlungen führen nicht zu Verurteilungen; zugleich sind die Gefängnisse überfüllt vor allen von Kleintätern, die erst dort lernen “wie man’s macht”, um grösser einzusteigen und nicht erwischt zu werden), das Parteiensystem (“Formaldemokratie von politischer Elitegruppen, die sich bereichern mittels der öffentlichen Parteienfinanzierung” (so heute in einer wichtigen Tageszeitung), die öffentliche Verwaltung (mit rudimentärer Professisonalisierung,, denn alle 3 Jahre wird ein neuer Bürgermeister gewählt, der dann fast das gesamte Personal auswechselt und die ihm Vertrauten anstellt). Und es darf auch nicht übersehen werden: Die kirchlichen Institutionen werden ebenfalls den Herausforderungen der Realität absolut nicht mehr gerecht! Es wird ganz überwiegend eine “K3” – Pastoral praktiziert, die sich auf Kult, deshalb Klerus und deshalb Kirchenräume reduziert und ganz wenig zum wirklichen Christsein im Alltag beiträgt. Dieses nehmen dann die Leute selbst in die Hand, z.B mittels volksreligiöser Formen. Oder es werden Antworten auf vitale Notwendigkeiten in anderen Religionsorganisationen gesucht, wie z.B. die Pfingstkirchen sie anbieten.
Kürzlich zitierte ich in einem Podiumsgespräch über Gewalt und ihre Ursachen Hamlet: “Es ist etwas faul im Staate…”. Darauf sagte ein Teilnehmer: “Etwas? – Fast alles ist in einem dramatischen Verfaulungsprozess!”

II.
Die Analyse dieses “Verfaulungsprozesses” zeigt komplexe Ursachen:
Da ist zum einen das Gewicht der mexikanische Geschichte. Fast alle erwähnten öffentlichen Institutionen wurden in der postrevolutionären Etappe (nach 1917) geschaffen, als versucht wurde, die Revolution zu institutionalisieren. So wuchs ein sehr eigenes mexikanisches politisches System. Dieses hat sich durch den Druck der Zeitumstände etwas modernisiert und formal etwas besser demokratisiert. Aber es ist inzwischen überfordert und sehr viele Institutionen sind völlig obsolet, sie sind überholt. Eine radikale Neuorientierung wäre dringend notwendig, so wie sie in Bolivien und Ecuador vor kurzem erreicht wurde. Das ist derzeit und in absehbarer Zeit politisch jedoch nicht durchsetzbar.
In diesem Kontext spielt u.a. eine Schlüsselrolle die Korruption. Sie war ursprünglich und ist weiterhin eine Überlebens- und Aufstiegsstrategie durch Beziehungspflege und Seilschaften. Bei nicht vorhandenen oder schwachen, ungerechten oder obsoleten Institutionen braucht jede Familie oder gesellschaftliche Gruppe geeignete soziale Mechanismen um durchzukommen und weiterzukommen. Das geschieht dadurch, dass Beziehungen geschaffen werden: “compadrazgos” d.h. Patenschaften. Konkret sind das Hochzeits- und Taufpaten, Paten bei Haus- und Betriebssegungen und bei Anlässen aller möglichen Art. Solche “neufamiliären Beziehungen” helfen, z.B. eine Bauerlaubnis oder einen Studienplatz oder eine Arbeitstelle (schneller) zu bekommen. Und dabei wird natürlich auch Gegenleistung eingefordet. Der kritische Punkt ist dann überschritten, wenn eine solche Gegenleistung darin besteht, Wählerstimmen zu verpflichten, bei “schmutzigen Geschäften” zu schweigen oder kräftig finanziell dabei zu “schmieren”. Das ist Alltag geworden! Vieles läuft nur, wenn immer mehr und immer größere Summen dabei im Spiel sind. Laut jüngstem Bericht (Oktober 2010) von “Transparency International” befindet sich Mexiko auf dem 98. Platz bei der Länderbewertung über Korruption: diese verbreitet sich wie ein Strahlenkrebs und ist in allen Institutionen immer mehr präsent .
Dann ist seit etwa 20 Jahren der “neoliberale Zeitgeist” als Hegemonie und Herrschaft durchgesetzt. Der “big brother” im Norden und sein “american way of life” ist allgegenwärtig mit der Botschaft: Alles “Öffentliche” ist überholt, bürokratisch, ohne Effizienz und vor allem korrupt! Die einzige Lösung ist die Privatisierung, soweit es eben geht”. Also, deswegen soll das öffentliche Gesundheitssystem vermodern: Wer gesund werden will, soll halt die privaten Angebote nutzen (und bezahlen)! Private Kindergärten, Schulen, Universitäten: Das ist “in”! Autobahnen und Schnellstrassen mit Mautgebühren. Privatisierung der öffentlichen Sicherheit (Privatpolizei, geschlossene Wohnviertel mit Wächtern, etc): das ist ein blühender Wirtschaftsektor.
Nun benötigt die Privatwirtschaft natürlich “wohlgesonnene” gesetzliche Rahmenbedingungen, Erlaubnisse, öffentliche Aufträge, Steuererleichterungen etc. Und hier sind wiederum “Beziehungspflege und Seilschaften” grundlegend. So hat sich über viele Jahre ein “Klüngel – System” eingespielt von Komplizenschaft zwischen den politischen und wirtschaftlichen Eliten; sie sind die “faktischen Mächte”, die auf den drei Strukturebenen Stadt – Land – Bund herrschen, auch wenn es formaldemokratisch funktioniert. Aber wer bringt welche Abgeordnete in die jeweiligen Parlamente und Ministerien, sponsert Wahlkämpfe, unterstützt Präsenz in den Massenmedien (es gibt keine öffentlich – rechtlichen Radio- und Fernsehanstalten)?

III.
Er ist einfach nicht wahr, dieser Slogan: “öffentlich = schlecht” und “privat = gut”. Die Polarisierung in der Gesellschaft wächst erneut und immer dramatischer zwischen “die da oben” (die Wenigen, die die Systeme und deren Institutionen -öffentlich und privat- kontrolieren) und “die da unten” (inzwischen erneut ca. 60 % der Bevölkerung unterhalb der Armutsschwelle). Und wo Armut dominiert, funktioniert sehr schlecht die Demokratie.
In der solidarisch orientierten Szene in Mexiko und Lateinamerika (von Basisgruppen über soziale und zivile Netzwerke, der sozial orientierte Sektor der Kirchen und anderer Institutionen, auch unterstützt von einer wachsenden Zahl nicht – neoliberalen Akademiker) wird eine Neubesinnung auf die Prinzipien “Gerechtigkeit für alle und Solidarität” als konstitutiv für jegliche Gesellschaft eingeklagt und begründet; und nicht nur abstrakt “an sich”, sondern als konkrete Orientierungsvorgaben für Gesetzesrahmen, Institutionen und die praktische Politik bezüglich “öffentlich – privat – gesellschaftlich”. Die ethische und zugleich rechtliche Basis finden wir in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO, insbesondere im 3. Teil, wo u.a. festgeschrieben ist: “Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit (Art. 22). Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit (Art. 23). Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet, einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umstände (Art. 25). Menschenrechte müssen stets in ihrer Gesamtheit verwirklicht sein. Eine Umsetzung von Freiheitsrechten ist nicht möglich, wenn nicht gleichzeitig das Recht z.B auf Nahrung und Arbeit verwirklicht ist.
Wie weit entfernt sind wir noch in Mexiko und weltweit von dieser praktizierten Gültigkeit dieser neuen Weltgerechtigkeitordung! Aber auch kritisch nachgefragt: Setzt sich die deutsche Bundesregierung für die Gültigkeit dieser Rechte weltweit ein? Ist die neue Entwicklungspolitik ihres dafür zuständigen Ministeriums an diesem Pakt wirklich orientiert?
Aber währenddessen muss unsere Gesellschaft überleben und das mit Kreativität und mit Hand und Fuss. Insofern wachsen und vernetzten sich von unten nach oben ungezählte Selbsthilfeprozesse wie Gesundheit…, Sicherheit im Stadtviertel…, ethisch orientierter Konsum…, Rückgewinnung von öffentlichen Plätzen…, Kulturvielfalt…, Christsein in Basisgemeinden… und Vieles mehr…: Das alles in den Händen der Leute!. Solidarische Gesellschaft wächst von unten nach oben!
Solcher Standortwechsel benötigt auch einen Bewußtseinswechsel und viel Fähigkeit zur “Unterscheidung der Geister”: Wie befreien wir uns vom internalisierten korrupten Klüngelsystem und vernetzten uns horizontal? Wie schaffen wir dabei eine solidarische demokratische Kultur?
Das ist alles noch sehr bescheiden; aber es wächst und verbreitet sich wie aus “vitaler Notwendigkeit”. In einem Workshop von kirchlichen Basisgemeinden erklärte das ein junger Mann, engagiert in einer ökologischen Bewegung: “Was verfault, kann entweder vergiften, aber es kann auch zu Dünger werden!” Über diesen Impuls haben wir dann weitergearbeitet: Es geht darum, eine Vielfalt von Begegnungsformen zu ermöglichen und zu begleiten, in denen konkrete Alltagssorgen und Hoffnungen miteinander geteilt werden und Lebensmut und Solidarität wächst. Das sind dann „Biotope von Glaube, Hoffnung und Liebe“, das sind Zellen und Gruppen in Kleingemeinden. Darin zeigt sich eine Praxis, die mehr evangeliumsgemäss ist. Und diese Basisgruppen sind zudem so etwas wie „Sauerteig“ inmitten der immer komplexeren Gesellschaft, die sicher schlimm erkrankt ist, aber sie kann sich zugleich auch durch eigene Heilungskräfte erneuern.

Copyright: Alfons Vietmeier
Email: alfons.vietmeier@gmail.com



Angesichts der Gewalt – die Hoffnung kultivieren.

31. Januar 2011 | Von | Kategorie: Der andere Blick - Alfons Vietmeier schreibt aus Mexiko

In der neuen Rubrik „Der andere Blick“ wird ab 1. Februar 2011 der Theologe, Supervisor und Autor Alfons Vietmeier einmal im Monat aus Mexiko – Stadt (dort lebt er seit fast 30 Jahren) als Gastautor schreiben; er wird Themen aufgreifen aus den Bereichen Ethik, Soziales, Religionen in Mexiko und Lateinamerika. Dies ist eine wichtige Horizonterweiterung für den Religionsphilosophischen Salon. Der kulturelle Dialog über die europäischen Grenzen hinaus ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit philosophischer Dispute. Jetzt können wir damit starten und hoffen auf regen Austausch. Selbstverständlich können LeserInnen und TeilnehmerInnen des „Religionsphilosophischen Salons“ Themen-Vorschläge und Fragen zu dieser Rubrik mitteilen. Ein weiterführender Kommentar wurde am 4. 2. 2011 zugesandt, siehe am Ende des Beitrags von Alfons Vietmeier.

Angesichts der Gewalt: Die Hoffnung kultivieren

Von Alfons Vietmeier, Mexiko, im Januar 2011
I.
Mexiko – Stadt: Am Neujahrsvormittag spazieren wir durch den nahen Park. Unsere Töchter entdecken es zuerst: ein Schwarm von Raben verfolgt einen kleinen Wellensittich, wohl entkommen seinem häuslichen Käfig. Sie picken auf ihn ein und er flattert zu Boden. Wir laufen hin und vertreiben die Raben. Der Kleine lebt noch. So bringen wir ihn zu einer uns bekannten Tierärztin. “Wie heißt er?” Die Mädchen (12 und 16 Jahre) entscheiden: “Esperanza (Hoffnung) soll er heissen!” Eine kurze Behandlung ergibt: “Hoffnung” hat noch etwas Überlebenschance! Erfreut fahren wir nach Hause. Jedoch nach 5 Stunden finden wir ihn tot auf. Uns werden die Augen feucht. So traurig beginnt das Neue Jahr!
Beim Abendessen zünden wir eine Kerze an und erzählen… Wir kommen zu sprechen auf wachsende Aggressivität in den Schulen und auf der Strasse, auf Gewalt und Drogenkrieg: “2011, das wird ein Rabenjahr werden!”, meint bedrückt die Jüngste.
Das Dreikönigsfest ist in Mexiko der Tag der Geschenke. Die Töchter bekommen je einen neuen Wellensittich: Es darf doch nicht sein, dass Hoffnung stirbt! Aber, sie muss behutsam und kontinuierlich gepflegt werden. Und die Augen leuchten!
II.
Das neue Jahr begann mit dem Eingeständnis der mexikanischen Regierung, dass der “Krieg gegen die organisierte Kriminalität” im Jahr 2010 über 15 000 Tote gefordert hat, mehr als je zuvor. Zum Vergleich: im Krieg in Afganistan und Pakistan gab es 2010 zusammen über 6 800 Opfer. Konkret heisst das für Mexiko, dass einerseits diese fürchterliche Zahl sich zusammensetzt aus Opfern der verschiedenen Kriege unter den Drogenkartellen um die Kontrolle über ihrer Einflusszonen (Bundesstaaten, Grossstädte und Transportwege) und andererseits aus dem Krieg des mexikanischen Heeres gegen diese Kartelle. Die Hauptkampfgebiete sind in den nördlichen Bundesländern hin zur Grenze zu den USA. Zudem gewinnt an schlimmer Bedeutung das Kartell der “Zetas”, (gegründet von ehemaligen Spezialeinheitten des. guatemaltekischen Heeres und berüchtigt durch extreme Grausamkeit), mit seiner wachsenden Kontrolle über mehrere Millonen von Migranten aus den zentralamerkanischen Ländern auf dem Weg in die USA.
Das Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung im “Konfliktbarometer 2010” ordnet Mexiko unter die 6 Länder mit der größten Gewaltrealität weltweit ein, d.h. zusammen mit Somalia, Sudan, Irak, Afganistan und Pakistan. Ciudad Juárez, mexikanische Grenzstadt zu den USA hat den traurigen Rekord, sich weltweit an der Spitze der gewalttätigsten Städte zu befinden. Die Tendenz ist steigend, d.h. für weitere Jahre wird es mehr Leid und mehr Tote geben. Also, doch ein “Rabenjahr”?!
III.
Worum geht’s und was steckt dahinter?
Es geht zuerst einmal um Drogen und ihrem Konsum: Der Drogenkonsum wächst und wächst! Und da wachsender Bedarf ist, wird entsprechend produziert und kommerzialisiert. So ist die Marktlogik. Die USA sind das Land mit dem absolut höchsten Drogenkonsum. Sicher ist das Thema “Drogenkonsum” sehr komplex und es ist wichtig zu differenzieren: So ist Marihuana nicht gleich Kokain und auch Alkohol und Tabak sind Drogen. Wie auch immer, ein wachsender Drogenkonsum indiziert auf jeden Fall auch eine wachsende Krise des jeweiligen Gesellschaftssystems und dessen Werteskala. Der soziale Druck nach immer mehr Leistung, Gewinn und Vermögen beinhaltet zugleich auch mehr Stress mit wachsender Agressivität oder Depressivität. Da haben Drogen einen leichten Einstieg!
Es geht dann vor allem um’s Geld. Im Drogenhandel werden extrem hohe Gewinne erzielt. So kostet ein Gramm Kokain in der Herstellung ca. 1 US-Dollar, wird aber dem Konsumenten für etwa das 50- bis 100-fache verkauft. Der Umsatz von illegal verkauften Drogen wird weltweit derzeit ca. 500 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Das heist, dieses enorme Geschäft braucht Organisation, inzwischen gewachsen zu internationalen Wirtschaftskonzernen mit all dem was das beinhaltet: tausende hochspezialisierte Mitarbeiter, hightech Logistik, Optimierung der Geldanlagen, usw. Dieser “Wirtschaftssektor” hat seit Jahren zudem begonnen, ihre “Produktenpalette” zu diversifizieren: ist aktiv geworden im Waffenhandel, in der “Entführungsindustrie”, usw. Deshalb sprechen wir immer weniger von Drogenkartellen, sondern von “organisierter Kriminalität”. Diese braucht ihre spezialisierten Exekutivgruppen, z.B. zum brutalen Hinrichten von Kontrahenten im eigenen Herrschaftsbereich; und immer mehr Minderjährige sind bereit zu diesem Tötungsgeschäft.
All das verunsichert zutiefst: Warum? In wem und in ‘was können wir noch vertrauen?! Wie viel Wert hat überhaupt noch das menschliche Leben? Ist Leben ein Wegwerf – Produkt?
IV.
Schon vor über 50 Jahren ging Erich Fromm, der damals im mexikanischen Cuernavaca lebte, in einer sozialpsychologischen Studie der Frage nach: Gibt es nur psychisch erkrankte Individuen oder und vor allem kann nicht auch eine Gesellschaft psychisch erkranken? Sein Ergebnis: “Wege aus einer kranken Gesellschaft”.
Heute sollten wir uns fragen: Woran krankt unsere (westlich – nördlich – okzidentale) Gesellschaft? Das muss radikal (an die Wurzeln gehend) und interdisziplinär analysiert werden. Es tauchen dann wichtige Fragen auf: Welches Leitbild prägt unser Fühlen und Denken? Einzig: Wohlstandsvermehrung? Und das für immer weniger, weil die Mächtigeren sich durchsetzen? (“Ellbogengesellschaft”). Wäre es nicht wertvoller das Leitbild “Wohlleben für alle” voran zu stellen, wie es Bolivien und Ecuador in ihre neue Verfassung eingeschrieben haben? Deshalb “anders besser leben!” Welche persönliche, soziale, ökonomische, kulturelle und politische Konsequenzen beinhaltet das. Und für Christinnen und Christen: Für welche andere Sozialgestalt unserer Kirchen müssen wir uns deshalb einsetzen?
Beim “Sehen – Urteilen – Handeln” in Basisgruppen und Kleingemeinden der christlich – solidarischen Szene, in der ich mich in Mexiko bewege, kommen wir immer wieder genau auf diese Punkte. Und dann wird’s konkret: Wie können wir eine “aktive Hoffnung weben”? So heisst das Leitwort der diesjährigen Kampagne unseres Kollektivs “Mission Brüderlichkeit”, seit 15 Jahren präsent mit einfachem Arbeitsmaterial, Workshops und Solidarinitiativen in einigen tausend Basisgemeinden mit ihren Gruppen. Und wir sind vernetzt mit vielen Organisationen der mexikanischen Zivilgesellschaft und diese über Mexiko hinaus. In der Gesellschaft selbst erwachsen immer neu Lebenskräfte. Sie kommunizieren und organisieren sich, insbesondere wenn ein “kritischer Punkt” sich ergibt, der das Vitale des gesellschaftlichen Miteinanders gefährdet, wie derzeit wohl der Fall ist. So hat es sich beim riesigen Erdbeben 1985 erwiesen. Es gibt wachsend innovative Praktiken und komplexe Strategien gesellschaftlicher Transformationen, “…um auszureissen und niederzureissen, aufbauen und einpflanzen.”(Jer 10.10). Solche hoffnungsvolle Praxis einer gesünderen Gesellschaft gilt es zu kultivieren.
Copyright: alfons vietmeier.

Alfons Vietmeier, Diplomtheologe und Supervisor, lebt und arbeitet seit 1983 in Mexiko. Zuerst 7 Jahre pastoraler Mitarbeiter in einem integralen Entwicklungsprojekt unter Indiobevölkerung. Seit 1991 Bildungs-, Beratungs- und Vernetzungsarbeit in einem ökumenischen Studienzentrum, inmitten der Megacity Mexiko und auf Nationalebene. Seit 3 Jahren emeritiert und ehrenamtlich tätig in verschiedenen Netzwerken und Stiftungen im Übergang von Kirche, Zivilgesellschaft und alternativer Ökonomie. Mitbegründer des Nationalen Netzwerkes für Grossstadtpastoral.
Email: pasosalfonso@att.net.mx

Ein KOMMENTAR, zugesandt von Benedikt am 4. 2. 2011:
Lesenswert der Artikel von Alfons Vietmeier.
Mir fallen zu Mexiko immer gleich die
illegalen Waffenverkäufe von heckler & koch ein, in die
Nordprovinzen von Mexiko und die Schulungen von
Polizisten dort. In der Wikipedia tobte in den letzten
Wochen ein Kampf um den Umfang der Kritik an dieser
„feinen“ Firma, die im Wahlkreis von Herrn Kauder (CDU Politiker, ergänzt von CM)
liegt, hoch verschuldet ist und Waffen verkauft, wie andere Kokain…