Hans Blumenberg schätzt die Matthäuspassion

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des Todestages des Philosophen Hans Blumenberg am 28. März 1996

Hans Blumenberg (1920 bis 1996) ist ein sehr „vielschichtiger“, gerade darin aber ein anregender Philosoph. Auch wenn er in einer Distanz zur christlichen Religion und den Kirchen lebte: Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach war ihm wichtig. Gerade in diesen Tagen vor Ostern ist dies eine interessante Beobachtung. Der Text der Matthäuspassion, das Gottesbild, das da erscheint, ist Blumenberg befremdlich. Darüber hat er 1988 ein recht umfangreiches Buch, eine Art „Meditation“, veröffentlicht (bei Suhrkamp). Die Bibel Sprüche und Arientexte usw. der ursprünglichen Bachgemeinde sind ihm, dem heutigen Hörer, entschwunden. ABER: Der heutige Hörer Blumenberg kann, sozusagen dogmatisch leer geworden, die Matthäuspassion wieder neu hören und schätzen lernen. Er kann die Texte als Metaphern verstehen. Und allein durch die Musik wird der Hörer bewegt. Er kommt selbst z.B. in eine eigene Stimmung des eigenen Leidens und Mitleidens. Er wird in eine Schwebesituation geführt. Musik bringt etwas zum Tönen, was Blumenberg ergreifend findet. Es gibt diese transzendierende Erfahrung. Was für eine Perspektive! Zu diesen Einsichten kommt aber Blumenberg, indem er die historisch kritische Bibelwissenschaft eigentlich ablehnt und in der unmittelbaren Reflexion auf die Bibeltexte seine Einsichten gewinnt. Eine ungewöhnliche Bibellektüre, die eigene Fragen aufwirft…

Aber es bleibt wohl dabei: Über die Ästhetik der Musik finde ich auch Halt, selbst in einer Musik, deren Texte fremd erscheinen.   Nebenbei gefragt: Wie viele Gläubige und Ungläubige weinen beim Hören der Matthäuspassion oder der Johannespassion? Entsprechende „Geständnisse“ sind bekannt. Was bedeutet diese Sprache der Tränen? Sollen Gläubige und Ungläubige sich der Tränen schämen? Bitte nicht! Oder ist das (gemeinsame) Weinen eine sonderbare Form eines momenthaften „Halt gefunden haben“? Darüber wird kaum gesprochen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin