Nicaragua: 40 Jahre nach dem Sieg der Sandinisten (am 19. Juli 1979)

Das Scheitern der Revolutionäre, die Diktatur des Ex-Revolutionärs und die katholische Kirche
Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Erinnerung an die Revolution in Nicaragua vor 40 Jahren ist für religionsphilosophisch Interessierte wichtig: Weil zum ersten Mal im 20.Jahrhundert, wenn nicht überhaupt, kirchlich gebundene Katholiken, darunter auch prominente Priester, Revolutionäre waren. Und weil zu beobachten ist, dass für das Scheitern der Revolutionsregierung nach 10 Jahren unter anderen auch konservative katholische Kräfte (Hierarchen) verantwortlich sind. Und weil der neue Machthaber, jetzt Diktator, Daniel Ortega, seine Macht als Präsident 2007 nur gewinnen konnte, weil die katholische Hierarchie ihn mit einem Deal unterstützte: Kardinal Obando Bravo (Managua) forderte als Preis seiner Unterstützung für Ortega das strengste Anti-Abtreibungsgesetz. Und das erhielt er von dem einstigen sozialistischen Revolutionär, jetzt Diktator, Daniel Ortega.

1. Die Revolution
Am 17.Juli 1979 war der Diktator von Nicaragua, Anastasio Somoza, zusammen mit seiner Familie und dem Generalstab der Nationalgarde zu seinen us-amerikanischen Freunden nach Florida geflohen. Der Kampf gegen die Diktatur Somozas hatte vielen tausend Menschen im Widerstand das Leben gekostet. Im Bistum Esteli an der Grenze zu Honduras war die Bereitschaft zum Widerstand gegen Somoza besonders groß. „Kirchliche Gruppen und Sandinisten arbeiteten arbeiteten Hand in Hand“, so Horst Goldstein in „Befreiung findet hier und jetzt statt“, Edition Nahua, 1982, S. 30. Pater Gaspar Garcia Laviana z.B. gehörte zu den Priestern, die „mit dem Gewehr in der Hand“, wie er 1977 schrieb, für die Gerechtigkeit kämpften. Er starb im Kamof gegen die Truppen Somozas.
Am 19.Juli 1979 feierten die Sandinisten ihren Sieg über das Gewaltregime der Somoza-Clique. Ihr Sieg, immer attackiert von Contras und den USA, dauerte nur 10 Jahre.
Einer der führenden Köpfe der Revolutionären FSLN ist damals Daniel Ortega. Er wurde von 1985 bis 1990 Staatspräsident. Über die taktischen Wandlungen des Revolutionärs zum heutigen Diktator wäre viel zu schreiben.
Von den materiellen Vorzügen politischer Macht besessen, strebte er weiter das Amt des Staatspräsidenten an.
Er zeigte sich deswegen unterwürfig gegenüber der mächtigen katholischen Hierarchie: Sie war in den Jahren der Sandinisten-Herrschaft der FSLN weithin feindlich gesinnt, darin in gehorsamer Übereinstimmung mit Papst Johannes Paul II.. Der polnische Papst sah wie die US Regierung in der sandinistischen Revolution nur den Ungeist des Kommunismus. Und entsprechend wurden die Sandinisten bekämpft. Dieses undifferenzierte Denken des polnischen Papstes war geradezu tödlich für die sandinistische Revolution.In Polen durften Priester aktiv politisch sein, in Nicaragua und anderen lateinamerikanischen Staaten nicht….

2. ORTEGA – plötzlich ein Freund der Hierarchie
Als geschickter Machtmensch biederte sich im Jahr 2004 Ortega der katholischen Hierarchie an: Ausgerechnet seinen einst ärgsten Feind, den Kardinal Miguel Obando Bravo, bittet er um Vergebung für angeblich kirchenfeindliche Aktionen in der Zeit der Sandinisten. Der konservative Kardinal ist gerührt, er verspricht, Ortega zu unterstützen: Unter der einen Bedingung: Dass in Nicaragua ein Gesetz realisiert wird, das radikal und rigoros jeglichen Schwangerschaftsabbruch verbietet. Bekanntlich ist ja für die katholische Hierarchie weltweit, so auch in Lateinamerika, das absolute Verbot von Abtreibung Teil des obersten Glaubensbekenntnis. Das ungeborene Leben zu schützen ist genauso wichtig wie das Bekenntnis zu Gott. Und dies im vollen Wissen all der leidvollen Konsequenzen für das Leben der betroffenen Frauen. Aber das ist der Macho-Gesellschaft und der klerikalen Macho – Kultur egal.
Also wird Ortega am 5. November 2006 Staatspräsident Nicaraguas. Der Klerus hat dafür Wesentliches getan: Schließlich hat er das absolute Verbot der Abtreibung als Gesetz erhalten… und der Ex-Revolutionär Ortega kann nun seine umfassenden Machtansprüche entfalten.

Der extrem konservative Kardinal Obando Bravo unterstützte sogar noch einmal 2012 den Präsidentschaftswahlkampf von Ortega. Voller Dankbarkeit sorgte der Herrscher Ortega dafür, dass der Kardinal den höchsten staatlichen Orden Nicarguas erhält, er wird zum „Helden des Friedens“ ernannt. Obando Bravo sorgte noch im Jahr 2003 dafür, dass alle Helfer eines Schwangerschaftsabbruches bei einem 9 Jahre alten Mädchen exkommuniziert wurden. Quelle: http://news.bbc.co.uk/hi/spanish/latin_america/newsid_2796000/2796003.stm
Das Mädchen war vergewaltigt worden.
Für das Anti-Abtreibungsgesetz hatten sich gleichermaßen die evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen dort eingesetzt.
Der Lateinamerika – Kenner und Autor Hans Christoph Buch schreibt: „Ausschlaggebend für den Wahlsieg der Sandinisten (Ortegas) war das Bündnis Ortegas mit seinem früheren Erzfeind, Erzbischof Obando y Bravo“. (in: „Das rollende R und die Revolution“).
Bischof Leopoldo José Brenes Solorzano von Matagalpa hatte damals den Vorsitz eines Regierungsbeirates für Familienpolitik inne. Er setzte als eine der ersten Maßnahmen sogar ein Verbot therapeutischer Abtreibung bei Todesgefahr für die Mutter oder bei Schwangerschaft nach Vergewaltigung durch“. (Ludger Weckel, Nicaragua, in : Kirche und Katholizismus seit 1945, Band 6, Lateinamerika und Karibik, 2009, Paderborn, Seite 182.)
Kardinal Obando Bravo ist 2018 gestorben. Der „Held des Friedens“ übersah damals wohl, wie Ortega das Land ins Elend einer Diktatur stürzt. Ortega ist ein Diktator, das ist heute Überzeugung aller Demokraten. Die Menschen, die nicht zur Clique rund um Ortega gehören, leiden an allem, materiell sowieso, vor allem am Ausschluss von allen Menschenrechten. Aber weil Nicaragua weit entfernt ist, ein kleines Land, ohne Rohstoffe, kümmern sich Europäer, auch Deutsche, auch deutsche Medien, lieber um Autobahn–Maut, um Brexit oder das Zittern der Kanzlerin. Dritte Welt bleibt dritte Welt. Die Rettung der Menschenwürde in „der Ferne“ der „anderen“, der Armgemachten, ist hier kein Thema.Bestenfalls über Spenden versucht man sein Gewissen zu beruhigen.

Es ist jedoch paradox und bemerkenswert, dass jetzt einige Bischöfe der katholischen Kirche Nicaraguas als Opposition gegen den Diktator Ortega aktiv geworden sind. Sie wissen genau, dass es doch vor allem die katholische Hierarchie war, allen voran Kardinal Obando Bravo, die den verbrecherischen Politiker Ortega an die Macht gebracht hat. Die Kirche hat den Diktator mit erzeugt, wie so oft in der Geschichte, man denke an Franco….
Bei Protesten gegen Ortegas Regime, eine Verschmelzung von Partei und Staat, sind einige hundert Menschen ums Leben gekommen, viele tausend haben als Flüchtlinge das land verlassen.

3. Die Hierarchie will Abtreibung gesetzlich verbieten
„Mehr als 100 Jahre war in Nicaragua eine Abtreibung möglich, wenn Leben und Gesundheit der Mutter bedroht war – die so genannte medizinische Indikation (aborto terapeútico). Selbst während der Diktatur Somozas wurde dieses Gesetz nicht angetastet. Am 26. Oktober 2006, zehn Tage vor den Präsidentschaftswahlen in Nicaragua, stimmte das Parlament für ein neues Gesetz – eingeführt unter dem Druck der katholischen Kirchenhierarchie und einiger evangelischer Kirchen, unterstützt aus wahltaktischen Gründen von der FSLN. Am 13. September 2007 wurde das neue Strafgesetzbuch unter Beibehaltung des Verbots der Abtreibung bei medizinischer Indikation im nicaraguanischen Parlament verabschiedet. Quelle: http://www.informationsbuero-nicaragua.org/neu/index.php/rundschreiben/rundschreiben-12008/234-der-kampf-geht-weiter-gegen-das-totale-abtreibungsverbot-in-nicaragua

Siehe auch: https://ilga.org/nicaragua-defender-derechos-de-las-mujeres-constituye-asumir-el-riesgo-de-perder-la-vida-o-la-libertad-individual

4.ERNESTO CARDENAL
Eine führende Gestalt der Sandinistischen Revolution ist der zweifelfrei berühmteste Dichter des Landes, international geschätzt, der Priester Ernesto Cardenal. Er war als Sozialist Kulturminister Nicaraguas zu Zeiten der Sandinisten und ein entschiedener Verteidiger der Befreiungstheologie. Deswegen hatte im Jahr 1985 Papst Johannes Paul II. ihm untersagt, seine Funktionen als Priester auszuüben. Als Ernesto Cardenal im Februar 2019 ernsthaft erkrankt, er ist 94 Jahre alt und einige mit seinem Tod rechneten, erlaubt Papst Franziskus großzügig, dass der Rebellen-Priester-Poet Ernesto Cardenal wieder die Messe lesen darf.

Ernesto Cardenal hat sich von seinem einstigen „Companero“ Daniel Ortega ausdrücklich distanziert, er sei ein mieser Diktator.

Ich biete hier einen Beitrag an, den ich 2004, jetzt leicht gekürtzt, nach einer Begegnung mit Ernesto Cardenal für die Zeitschrift PUBLIK FORUM geschrieben habe. Der Beitrag ist „aus redaktionellen Gründen“, wie es damals hieß, nicht gedruckt worden. Treffend und aktuell ist der Bericht über Ernesto Cardenal und sein reiches literarisches Werk natürlich bis heute.

„Die Revolution in Nikaragua ist verloren gegangen“. Ernesto Cardenal gibt sich Mühe, in einem nüchternen Ton die politische Entwicklung in seiner Heimat zu beschreiben. Wer ihm nach einigen Jahren wieder begegnet, glaubt nicht, einem Achtzigjährigem gegenüber zu sitzen. Die Vitalität ist geblieben. Heftig wird er nur, wenn er seinen Glauben verteidigt: „Das Reich Gottes ist etwas Revolutionäres, es soll hier auf Erden Wirklichkeit werden“. Die Farbe seines Bartes ist inzwischen von grau in weiß übergegangen. Die Baskenmütze ist nach wie vor sein „ständiges Erkennungszeichen“.
Als Mönch von Solentiname wurde er in den sechziger Jahre weltbekannt, in viele Sprachen wurden seine Gedichte übersetzt. Er ist ein Freund des Mystikers Thomas Merton. Schließlich war Cardenal im Trappistenkloster von Kentucky einmal Novize, und der Novizenmeister hieß Thomas Merton. Mit ihm hat er später über die Rechtmäßigkeit revolutionärer Gewalt gestritten.
Auf Kirchentagen der siebziger und achtziger Jahren war Cardenal förmlich ein Star. Er erhielt 1980 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, die Laudatio hielt der „politische Theologe“ Johann Baptist Metz…
Nach dem Sieg der sandinistischen Revolutionäre gegen den Diktator Somoza wurde Ernesto Cardenal („Ich bin Revolutionär“) bis 1987 Kulturminister Nikaraguas. Mit viel Phantasie und Elan kümmerte er sich z.B. um den Aufbau von Literaturwerkstätten und Zentren der Malerei, er lebte auf der Insel Solentiname. „Die Unterschiede zwischen der Kunst der Reichen und der Armen wurden aufgegeben“. Zusammen mit seinem Bruder Fernando konnte er in kürzester Zeit eine erfolgreiche Kampagne der Alphabetisierung starten, unterstützt von Freunden aus aller Welt. Nikaragua, das war in den achtziger Jahren sozusagen das Traumziel aller, die an den Sieg einer von Christen geprägten Sozial-Revolution glaubten. Sie erlebten die Vertreibung des Diktators Somoza als ein Geschenk des Himmels, als einen Augenblick, in dem Nicaragua zum ersten Mal zu einer kulturellen Blüte fand, „zu einer nationalen Identität“, wie Cardenal sagt.
Nun ist der Traum vorbei. „Als ich am Tag nach der Wahl 1990 vom Sieg der Contras hörte, war dies für mich die dunkle Nacht. Es war die dunkelste Nacht meines Lebens. Ich lag in meiner Hängematte und konnte den Willen Gottes nicht verstehen. Wie war es möglich, dass sich das Volk sich gegen uns gewandt hatte, dass es die Revolution ablehnte. Ich spürte auch, dass meine Poesie an ihr Ende gelangte. Der Himmel blieb mir verschlossen. Viele meiner Freunde hatten einen unbezähmbaren Weinkrampf. Auch ausländische Journalisten weinten, als die Nachricht vom Sieg der Contras hörten“.
Die Korruption hat nun unvorstellbare Ausmaße angenommen, gerichtliche Kontroll-Instanzen werden in gutem Einvernehmen von den Führern der Liberalen und der (einstmals revolutionären, jetzt oppositionell, aber genauso korrupten) „Sandinisten“ ins Abseits gedrängt. Verteidiger der Menschenrechte sehen sich ständigen Übergriffen und Drohungen ausgesetzt. Die Arbeitslosigkeit nimmt stetig zu, die Quote der Analphabeten erreicht wieder eine Höhe (35 %) wie unter Somoza. Die Menschen hungern in einem Land, das noch von 1979 bis 1990 als Vorbild für eine Kultur der Armen gepriesen wurde. „Die Revolution der Sandinisten ist gescheitert. Das Handelsembargo der USA war erfolgreich, die ständigen Attacken der Contras in den achtziger Jahre haben ihr Ziel erreicht. Aber auch etliche verantwortliche Leute der Sandinistischen Revolution bei uns hatten jedes Gespür für Moral und Ehrlichkeit verloren. Sie hatten sich bereichert. Auch diese Sandinisten haben die Revolution zerstört“.
Ernesto Cardenal hat sich nie als „Berufs – Politiker“ bezeichnet. Er ist immer Mönch geblieben, auf der Suche nach den Spuren Gottes in der Welt. „Die Bücher des Alten und des Neuen Testaments sind für mich die einzigen religiösen Texte, die sich gegen die politische Verzweiflung wehren. Die Propheten, auch Jesus, wollen eine Religion, die vor allem Gerechtigkeit schafft. Sie wehren sich gegen die kultische Religion, gegen das institutionelle religiöse Machtgefüge. Sie wollen nur eins: Gerechtigkeit für alle. Die christliche Religion ist und bleibt subversiv, auch wenn Revolutionen scheitern. Diese Vision hat mich geprägt, sie bestimmt mich noch heute“.
Papst Johannes Paul II. hat sich immer gegen diese Überzeugung gewehrt, er hat Ernesto Cardenal bei seinem Besuch in Nikaragua (1983) geradezu gedemütigt. „Der Papst war massiv gegen unsere Revolution, die zum ersten Mal in der Welt massiv von Christen unterstützt wurde. Zusammen mit dem US-Präsidenten Reagan hat er =das Böse=, wie Reagan auch schon sagte, in unserem Land bekämpft!“ Trotzdem: Von Resignation oder Verzweiflung ist heute bei Cardenal nichts mehr zu spüren. Inzwischen hat er die poetische Sprache wieder gefunden, 1994 veröffentlichte er sein Opus Magnum „Cántico Cósmico“, „Gesänge des Universums…Ich bin ein Dichter, ein kontemplativer Mensch. Aber ich kann niemals bei den politischen Kämpfen nicht abseits stehen“.
Darum fühlt er sich immer mit der offiziell manchmal totgesagten Befreiungstheologie verbunden. Und darum glaubt er jetzt, dass die marxistische Analyse der bestehenden Klassengesellschaft bleibenden Wert hat, auch wenn das so wenige im Augenblick hören wollen „im Rausch des Kapitalismus. Aber der Kapitalismus geht langfristig gesehen vorüber, da bin ich sicher“, sagte Cardenal zu Beginn des 21. Jahrhunderts!
Was ihn heute am Leben hält, ist der mystische Glaube, auf den er immer wieder zurückkommt, ein Glaube, der sich konzentriert auf ein biblisches Symbol, das Reich Gottes: „Es ist doch mehr als ewiger Traum: Das Reich Gottes der Gerechtigkeit für alle will ewig Realität werden“.
Ein frommer Traum – angesichts des Diktators Daniel Ortega, den Ernesto Cardenal mit offenen Worten verabscheut.

Siehe auch: Ernesto Cardenal, „Im Herzen der Revolution“. Der dritte Band seiner „Erinnerungen“. Erschienen im Peter Hamm Verlag, Wuppertal. 2004. 303 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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