Wer hat Auschwitz möglich gemacht? Zum Auschwitz-Gedenken am 27.1.2020

Hinweise zu damals und Hinweise zu heute
Von Christian Modehn

Erinnern an Auschwitz ist und bleibt unbedingt eine Notwendigkeit. Angesichts der massiven Wiederkehr rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Deutschland und anderen Ländern Europas um so mehr.
Die Frage bleibt nach all den Jahren des z. T. offiziellen Erinnerns: Wird das Er-Innern ins Innere der Seele und der Vernunft der Menschen dringen und wirken?

Das KZ Auschwitz steht für alle KZs, für Orte der bürokratisch perfekt geplanten, industriellen Vernichtung der europäischen Juden, für Orte des Ungeheuren, Monströsen, des absolut Grausamen. Orte, errichtet von Deutschen, von Nazis und den vielen Mitläufern.
Ermordet wurden in den KZs auch Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas usw.

Auschwitz ist gewisser Weise das Symbol der Verachtung, der Entmenschlichung und dann entsprechend der totalen Ausrottung der „anderen“, also der Menschen, die den Wahnvorstellungen der Herren-Menschen nicht entsprachen. Sie wollten totale Identität, fixiert auf Vorstellungen von einer Herren-Rasse.

Historiker sehen deutlich: Die KZs der Nazis haben „Vorläufer-Modelle“. Damit wird die Totalität des Vernichtens der Nazis nicht relativiert, werden deren KZs nicht eingeordnet oder dadurch „eingeebnet“ in eine allgemeine „KZ-Geschichte“ der Menschheit. Es wird auch nicht eine Reflexion angestrengt über das „allgemeine Böse“ der Menschen überhaupt, das sich immer wieder in KZs austobte. Und von den sichtbaren Folgen der angeblichen „Erbsünde“ soll auch keine Rede sein. Es soll nur auf die freien Handlungen der Menschen aufmerksam gemacht und zu denken gegeben werden: Dass Menschen Taten geplant und selbstbewusst vollbringen, um andere Menschen, durch die ideologische Ausgrenzung zuerst, dann systematisch quälen und töten.

Dabei soll hier nur an den kolonialistischen Imperialismus der Herrenmenschen in allen Teilen Europas erinnert werden, an einen Imperialismus, der zur Erniedrigung und Auslöschung in den schon damals eingerichteten Lagern, „KZs“, für Afrikaner („Schwarze“, „Einheimische“, Sklaven) führte. Man denke an die Grausamkeit König Leopolds II. von Belgien. Man denke an die Afrika – Konferenz in Berlin (1884 – 1885) unter Kaiser Wilhelm I. und an den Völkermord in der Kolonie Südwestafrika, heute Namibia, zu dem sich die Regierung der BRD endlich offiziell bekennt.
Nebenbei: Und man bedenke dabei, dass die zentrale Kirche in Berlin am Kurfürsten Damm immer noch den Namen dieses Kolonial Herren, Kaiser Wilhelm I., trägt. Und kein Pfarrer, kein Bischof usw. ändert diesen Namen…Dies eine Schande zu nennen, ist selbstverständlich.

Dieser grausame Ausschluss der anderen, dieses Einsperren in Lager, Gulags usw. hat kein Ende: Man denke jetzt an die Lager in Libyen, in denen sich viele hunderttausend Afrikaner auf der Flucht nach Europa aufhalten, dort gequält werden, vegetieren. Diese Lager werden von kompetenten Kennern immer wieder „heutige Formen von KZs“ genannt.
Die Erinnerung an Auschwitz führt also in die Gegenwart des Grausamen, die eine Gegenwart der grausamen Herrscher ist, die sich Politiker nennen dürfen. Von all den unmenschlichen, grausamen Politikern mit verursachten „Zuständen“ weltweit, nur wenige Beispiele: das Leiden der Menschen in Yemen, in Zentralafrika und Haiti. Diese Länder haben imperialistische, ökonomisch gut dastehende Länder in ihrer Nähe, deren Bewohner oft vor Geld förmlich stinken, etwa in Saudi-Arabien, Europa oder in den USA. Aber die imperialen Menschen in diesen Imperien haben kein Interesse, gezielt das Elend ihrer MIT-Menschen in den genannten Ländern zu beseitigen. Diese reichen Staaten brauchen auch aus geostrategischen Interessen das Elend der anderen, auch für die eigene Waffenproduktion … oder um irgendwann billige Arbeitskräfte (Flüchtlinge) ausbeuten zu können.

Nur wer diese aktuellen Stätten des zugelassenen Krepierens von Menschen also in gewisser Hinsicht diese „KZs“ berücksichtigt, erreicht das heute erforderliche Niveau der Erinnerung.

Dabei wird nicht behauptet, die Geschichte von damals (Nazi-Zeit) wiederhole sich so ohne weiteres in Deutschland wieder.
Aber Rassismus und Antisemitismus sind in Deutschland heute weit verbreiteter alltäglicher Wahn voller Gewalt, verursacht, durch die Propaganda rechtsextremer Parteien und die Hass-Tiraden von meist anonym bleibenden Leuten, die im Netz ihre eigene Widerwärtigkeit verbreiten und dafür vom demokratischen Rechtsstaat meist gar nicht bestraft werden.
Die Macht rund Gewalt rechtsextremen Wahns heute sind Resultat einer oberflächlichen Auseinandersetzung mit der Nazi-Ideologie, auch unter den vielen sich harmlos fühlenden und von den konservativen umworbenen Mitläufern…

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einige Hinweise gegeben zu den geistigen, philosophischen Voraussetzungen und Denkmodellen, die zu Auschwitz und den anderen Stätten des Mordens führten. Man darf sich nicht an dem immer wieder zitierten Satz Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (in „Minima Moralia“, Aphorismus 18) festbeißen. Und den Satz dann falsch interpretieren und meinen: Alles ist falsch, etwa die Welt von Auschwitz und die Welt danach: Also kann es heute kein richtiges Leben mehr geben.

Diese Interpretation des Adorno Zitates ist falsch: Denn: Nur weil wir erkennend das falsche Leben als falsches betrachten und es ablehnen, zeigen wir: Dass wir einen Maßstab des guten Lebens in uns haben, wir sind also schon über das falsche Leben hinaus. Adorno will also vorsichtig eine Möglichkeit des guten Lebens „trotz allem“ eröffnen. Es gibt zwar versteinerte, erstorbene Lebensverhältnisse, aber ein schwaches Licht der Hoffnung ist doch nicht totzukriegen. Und dafür bietet Adorno eine grundlegende Analyse des menschlichen Selbstverständnisses, wie es sich in der Philosophie artikulierte.

Wie konnte es zu Auschwitz kommen? Dafür gibt es viele unterschiedliche Ursachen, die man allein schon deswegen benennen muss, um Klarheit zu haben. Damit ein neues totales Auschwitz verhindert wird. Die vielen Auschwitz heute gibt es ja bereits! Wer das historische Auschwitz zu einer Art „Mysterium“ des Unerklärlichen erklärt und verklärt, entzieht sich der Chance, ein neues totales Auschwitz zu verhindern.

Adorno weist zunächst innerhalb der neuzeitlichen Philosophie auf die beinahe selbstverständlich gelebte Selbsterhöhung des Subjekts hin.
Das Subjekt sieht sich so erhaben im Weltzusammenhang, dass es sogar das absolut Erste, das Ursprüngliche, zu erkennen meint. Dies ist Ausdruck einer irrationalen Herrschafts-Ideologie … und der tödlichen Ideologie des Nationalismus. Nationalismus ist Krieg. Dies ist eine allgemeine, immer gültige Aussage.

Wenn sich das Subjekt als Herr der Wirklichkeit sieht: Ist es dabei ganz in sich selbst befangen. Es kreist in sich selbst. Diese Ego-Struktur ist in der heutigen Kultur allgemein.
Das Subjekt glaubt, alle Wirklichkeit mit seinem Denken in die eigene Begriffswelt zwingen zu können, also letztlich alle Wirklichkeit in eine Allgemeinheit, vor allem in eine grundlegende Identität zu pressen.

Und das ist entscheidend: Das sich selbst ermächtigte Denken kann den anderen, das andere, den Fremden, das Fremden als solchen und als solches nicht denken. Dieses Herrscher – Subjekt kann das andere als anderes, den anderen als anderen, nicht gelten lassen. Es muss das andere auf das eigene Niveau zwingen oder andernfalls vernichten.

Die Vernichtung der anderen, der Minderheit, der Befremdlichen, der Herabgestuften, etwa der Juden, entsteht also in einem Denken, das keine gleichberechtigte Vielfalt innerhalb der Menschheit zulassen kann. Dieses Denken kann sich Ruhe, Glück, Frieden nur in der totalen Identität denken. Oder eine Welt mit Untermenschen, die schon gar nicht mehr gleichwertige Andere sind, sondern auf einer tierischen Stufe stehend eingeschätzt werden und dann wie Tiere getötet werden.

Was ist eine Utopie der Versöhnung und des Friedens, an der es unbedingt – um der Humanität willen – festzuhalten gilt? Utopie ist dabei kein naiver Wunschtraum, sondern ein wirkender Impuls, die gerechte Welt zu gestalten.

Versöhnung ist das Miteinander des Verschiedenen, Kommunikation des Unterschiedenen, wie Adorno sagt.
In einer Zeit, in der sehr viele Menschen in Europa Zuflucht suchen, formulierte Adorno gültige Grundsätze der Menschlichkeit. Ob sich Menschen finden, die diese Perspektiven einklagen unter den allzu oft schon selbst nationalistisch bornierten Politikern Europas?

Es kommt also auf „nicht-vereinnahmende Nähe“ an, also auf die Akzeptanz des Besonderen, schreibt Rolf Wiggershaus in seiner Studie „Wittgenstein und Adorno“, Basel 2012, S. 67.

Notwendig wäre auch heute, allen Menschen, „Rechtsextremen“ zumal, reale Möglichkeiten zu bieten, Sympathie, Liebe, mit und zu den anderen, den verschiedenen, zu erfahren und davon zu lernen. In der Begegnung, in der Toleranz und im Respekt der „anderen“, der Fremden, wird das eigene Leben selbst erst umfassend menschlich, befreit sich von dem Wahn der Ego-Fixierung, die den Menschen nur ins Alleinsein führt. Dieses ist tödlich. Seelisch. Geistig.

In meiner Sicht wären eigentlich christliche Gemeinden zum Beispiel solche Orte des Lernens von anderen, auch der Freude, mit „den Fremden“ zusammen zu sein. Nun verschwinden aber in Deutschland und in Europa immer mehr christliche Gemeinden, weil das Personal (der Klerus) fehlt usw…Die Kirchen haben zudem selbst dafür gesorgt, dass ihr Ruf, ihre Akzeptanz, miserabel ist (sexueller Missbrauch, dogmatische Fixierung auf nicht mehr nachvollziehbare Glaubenssätze und Glaubensbilder usw.).

Um eine menschliche Gesellschaft, also um die Überwindung von Rassismus und Antisemitismus, um das Abschaffen heutiger KZs, bemühen sich jetzt zivilgesellschaftliche Gruppen, NGOs, Aktionskreise, Widerstandgruppen zugunsten der Rechtsstaatlichkeit usw.

Man möchte sagen: Der Glaube an das Bessere im Menschen, an die universale Gerechtigkeit, vielleicht auch der Glaube an Gott, als dem schöpferischen, liebenden „Urgrund“ von allem, lebt heute „woanders“. Außerhalb der Kirchen als Bürokratien. Schade eigentlich, vieles hatte doch einmal so human, so schön, da und dort, begonnen…

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

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