Poesie – Worte der Transzendenz

Über Yves Bonnefoy
Ein Hinweis von Christian Modehn (siehe auch den Hinweis auf Baudelaire, LINK)

1.
In seiner Aufsatzsammlung mit dem Titel „Le siècle de Baudelaire“ (Paris 2014) spricht der Poet, Poetologe und Philosoph Yves Bonnefoy (1923 – 2016) ausdrücklich von der herausragenden Bedeutung der Poesie für die Frage der „Transzendenz“. Sie sollte nicht im fernen Jenseits gesucht werden, sondern als Anwesenheit, als présence, im Hier und Heute des Daseins. Dabei ist für Bonnefoy auch die Auseinandersetzung mit dem Dichter und Poeten Baudelaire wichtig, ihn nennt er „den stärksten und tiefsten Geist“ im 19. Jahrhundert. Baudelaire stellte die Frage nach der Existenz Gottes… „Aber er musste sich eingestehen, dass er nicht glaubt (S. 8).“

2.
Für Bonnefoy als Poeten und gleichzeitig Philosophen der Poesie erhalten Gedichte eine neue Bedeutung für die Spiritualitäten heute. Transzendenz wird nicht mehr in den überlieferten, alles einordnenden und übersichtlichen (dogmatischen) Begriffen gedacht und ausgesprochen, sondern in der Offenheit poetischer Worte. Dabei geht es um ein Verstehen der alltäglichen Wirklichkeit in ihrer Tiefendimension: „Es ist wichtig, die Wirklichkeit, die einfache Wirklichkeit, von dem Schleier zu befreien, der diese Wirklichkeit verdeckte (S. 11)“.
„Poesie ist nicht Literatur (etwa ein Roman), sie ist nicht Ausdruck des (nur Allgemeines fassenden) begrifflichen Denkens“ (S. 57). „Die Poesie unterscheidet sich von Literatur wie das Begehren zu sein von der Verwaltung des Habens“, betont Bonnefoy (S. 58).
Poesie ist keine Rede in fixierten Begriffen, sie ist Klang, wie Musik, die sich der geschlossenen Bedeutungen entledigt, Poesie will das EINE als das allen Gemeinsame sagen.
Die Sprache der Poesie, das ist für Bonnefoy also entscheidend, lebt wie die Musik vom Rhythmus und dem Klang. Musik und Poesie sind „nächste Verwandte“.

3.
Entscheidend bleibt für Bonnefoy: Die Présence, die Gegenwart, soll bewusst erlebt werden: Dann zeigt sich die Ganzheit des Daseins als begrenztes, endliches, sterbliches. Aber kann sich das Dasein darin einschließen?
In der Poesie wird dem widersprochen: Das wahre „Wesen“ des Transzendenten ist immanent, also im Menschen, vor allem für Bonnefoy auch in der Natur anwesend. Dort wird das Entgrenzte, vielleicht damit auch das Grenzenlose erlebt. Der moderne Mensch kann entdecken: In der Poesie ist das Unendliche mit der gewöhnlichen Existenz verbunden ist.

4.
Wenn also das Religiöse im 19.Jahrhundert aus weiten Bereichen der Kultur schwindet, sollte die besondere Bedeutung des poetischen Wortes erkannt werden. Aber mit der Poesie wird dann doch ein schwieriger Weg des Verstehens eröffnet. Aber: Bonnefoy hat auch „leichter zugängliche“ Poesie geschrieben. Man denke etwa an das Gedicht „L Arbre de la rue Descartes“ aus dem Buch „L Heure présente“:

« Passant,
Regarde ce grand arbre et à travers lui,
Il peut suffire.
Car même déchiré, souillé, l’arbre des rues,
C’est toute la nature, tout le ciel,
L’oiseau s’y pose, le vent y bouge, le soleil
Y dit le même espoir, malgré la mort.
Philosophe,
As-tu la chance d’avoir l’arbre dans ta rue,
Tes pensées seront moins ardues, tes yeux plus libres,
Tes mains plus désireuses de moins de nuit. »

„Passant,
betrachte diesen großen Baum und seinetwegen
Kann es genug sein.
Denn sogar gespalten, beschmutzt, ist der Straßenbaum
Die ganze Natur, der ganze Himmel,
der Vogel setzt sich dort nieder, der Wind dort sich bewegt und die Sonne dort
spricht dieselbe Hoffnung, trotz des Todes.
Philosoph,
hast du das Glück einen Baum in deiner Straße zu haben
dann werden deine Gedanken weniger schroff, deine Augen freier sein,
deine Hände werden gieriger sein nach weniger Nacht“. (Übersetzung: Christian Modehn)

5.
Das Gedicht ist eine deutliche Kritik Bonnefoys an der begrifflichen Fixierung des Philosophen.
Es wendet sich direkt an den Passanten, Spaziergänger … aber auch an den Philosophen. Der Titel ist auf eine Rue Descartes bezogen. In der Pariser Rue Descartes befindet sich das berühmte „Collège International de Philosophie“.

6.
Hat die Theologie, hat die Religion, haben die Kirchen die Poesie (im emphatischen Sinne – auch im Sinne Bonnefoys -) verstanden? Haben sie ihr fixierendes Begriffs-Denken, ihre Herrschaft der klaren Definitionen, korrigiert oder wenigstens eingesehen? Diese Grenzziehungen, die sie mit den Definitionen, den Dogmen, schaffen, Grenzen, die ausschließen, die Menschen zu den „anderen“, den Fremden“ machen.
Ich denke: Theologien und Kirchen haben den Geist der Poesie überhaupt nicht erkannt und auch nicht rezipiert. Sie lieben nicht den freien Geist der Poesie. Sie lieben nach wie vor die banalen Gedichte und Gebete und Lieder, die einzig nach dem Prinzip des Reims gebaut sind und deswegen als populär und „tauglich“ erachtet werden. Ästhetische Bildung war nie Sache der Kirchen.

7.
In Europa ist die einzige mir bekannte Ausnahme der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis (Amsterdam), aber dessen Poesie ist in den katholischen Kirchen der Niederlande offiziell im Gottesdienst verboten.in Deutschland ist seine Poesie nur marginal vertreten.
Meine Forderung also wäre, die aber angesichts der Verhärtungen im Katholizismus ziemlich sinnlos ist und angesichts des banalen Trallalas in evangelikalen Veranstaltungen ebenso sinnlos ist… aber diese Forderung soll wenigstens noch einmal genannt werden: Die Kirche sollte poetisch werden, also sanft, suchend, offen, mit Sinn für das Schöne als das Überraschende und Befremdliche. Wir bräuchten also poetische Kirchen und poetisch denkende und vor allem poetisch fühlende Herren der (römischen) Kirche.
Weniger Kirchenrecht, mehr Poesie könnte eine selbstverständlich utopische Forderung heißen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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