Wer hat Zukunftsperspektiven für Berlin? Etwa die katholischen Kirche?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und
auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“.

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritasist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es ihm ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche über die Sekretärinnen dort nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK : https://katholisch.de/artikel/24363-so-leben-die-glaeubigen-in-deutschlands-flaechengroesster-pfarrei

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/19099_hedwigskathedrale-neu-eroeffnet-jetzt-noch-schoener_berlin-katholisch-erinnerungen-fakten

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK: http://www.orientierung.ch/pdf/1979/JG%2043_HEFT%2002_DATUM%2019790131.PDF
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK https://www.deutschlandfunk.de/erste-missbrauchsstudie-des-erzbistums-berlin-viel-leid-100.html

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK: https://www.salzburger-hochschulwochen.at/aktuelles/417/theologischer-preis-2026-an-martha-zechmeister-verliehen

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK Quelle: https://katholisch.de/artikel/70159-erzbischof-koch-kirche-muss-risiko-eingehen-afd-waehler-zu-verlieren)

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: https://religionsphilosophischer-salon.de/stichwort/christian-modehn-ist-gruender-des-religionsphilosophischen-salon

 

 

 

 

 

 

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