Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen: Ein neues Buch von Eva von Redecker

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Eva von Redecker, die als junge Philosophin durch Publikationen über Judith Butler und Hannah Arendt bekannt ist und die nicht nur an der Humboldt – Universität lehrte, sondern auch in Cambridge (UK) und New York, erörtert in ihrem neuen Buch in vielen Aspekten die Erkenntnis: Der Kapitalismus ist zerstörerisch und tödlich, nicht nur für die Natur, auch für die von ihm beherrschten, leidenden Menschen. Moderner Kapitalismus ist geprägt, so betont die Autorin, von der „Sachherrschaft“, die eine absolute Verfügungsgewalt des Eigentümers über seine eigenen Dinge bedeutet, bis hin zu dem Recht, diese eigenen Dinge (selbst Wasser, Wälder, Tiere, auch Menschen als Abhängige, als Sklaven usw.) nach eigenem Belieben zu vernichten.
Und diese Erkenntnis beweist sie in einer Sprache, die eine gewisse Eleganz hat und andererseits immer auch mit (eigenen) alltäglichen Lebenserfahrungen verbunden ist. Manchmal fühle ich mich an Walter Benjamin erinnert, etwa wenn Eva von Redecker vom „Sturm der Verwertung“ spricht, der „aus der Zukunft zurückbläst (S. 57): Man lese etwa Benjamins Text „Über den Begriff der Geschichte“, IX. Kapitel.
2.
Von Redeckers hat einen zentralen Focus: Der jetzt wieder lebhafte Widerstand gegen die kapitalistische Allmacht muss auch philosophisch ernst genommen werden. Könnte dies argumentativ gelingen, dann könnten sich viel mehr Menschen diesem Widerstand, also der „Revolution für das Leben“, anschließen, aus Einsicht und Denk- Notwendigkeit. Genauer gewürdigt werden etwa Aktionen wie die „Die-Ins“ etwa von „Extinction Rebellion“ (XR), oder die „Friday for future“. Eine große Bedeutung haben für die Autorin die Widerstandsformen indigener Völker, etwa in Nordamerika (269), dabei werden auch spirituelle Dimensionen des Widerstands deutlich. Indigene Völker, so von Redecker, treten in ihrem uraltem Wissen ein für die Weltbewahrung, sie kämpfen gegen den Profit, den Verbrauch und Verkauf der Natur, pflegen die „Gezeiten“, wie sie oft betont (etwa 284). Ein Begriff, der ausführlicher hätte erläutert werden sollen! In den letzten Kapiteln ihres Buch spricht die Autorin von der Utopie eines „umsichtigen Kommunismus“ (284), auch hier hätte der Leser sich gern weitere Erläuterungen und Differenzierungen gewünscht. Jedenfalls will die Philosophin keine esoterischen Erleuchtungen verbreiten, sondern argumentativ für eine neue Interpretation der alten Formel „Omnia sunt communia“ eintreten, was ja nicht heißt „Alles soll allen gehören“, sondern, wie sie betont: „Alles ist allen anvertraut. Alle sind einander anvertraut“ (282).
3.
Viele Erläuterungen im Buch zur Zerstörungswut des Kapitalismus sind bekannt (der Reale Sozialismus war bekanntlich auch in der Hinsicht des Umgangs mit der Natur zerstörerisch, dies wird leider von der Philosophin nicht ausführlich beschrieben). Aber in der Zusammenfassung und Deutlichkeit sollten diese Analysen immer wieder Beachtung finden: Die umfassende Zerstörungswut des Kapitalismus geschieht um des Profits willen und der Vermehrung des Eigentums einiger weniger. Bekanntlich haben Millionäre und Milliardäre an ihren täglich neu gewonnen Millionen kein vorrangiges Interesse, es geht um die Lust des Vermehrens als solcher. Dies wäre eher ein Fall für die Psychotherapie und vor allem für eine neue, gerechte Gesetzgebung, die Grenzen des Privateigentums setzen kann…Und dieser Kapitalismus ist kein neutrales, sozusagen naturwüchsiges Ungeheuer, sondern es sind Menschen, meist Männer, die um des „schnellen, konkurrenzgejagten Profits“ (S. 64) willen die lebendige Natur zerstören … und dabei noch unüberschaubare Berge von Schutt, Bruch, Schlamm, Überreste produzieren.„Die Erde wird als Schutthalde hinterlassen“. „Alles, worum es (der kapitalistischen Wirtschaft) geht, ist der Profit von ein paar Konzernen“ (S.238). Es droht so, Hannah Arendt folgend, der „Weltverlust“: „Alles wird in die (zerstörerische) Logik des Massenkonsums hineingezogen“ (S. 110).
4.
Ich finde den Titel des neuen Buches von Redeckers sehr treffend, weil er den wirklichen elementaren, also den politischen und ökonomischen Kampf um das Leben zeigt, und damit alle blamiert, die mit ihrem fundamentalistisch verdorbenen Tunnel-Blick nur auf das ungeborene Leben starren und förmlich im Schutz des ungeborenen Lebens ihren neuen Gott sehen, dem sie alles opfern, vor allem den eigenen, alle Güter abwägenden Verstand. Dieser neue Gott „Ungeborenes Leben Schützen“ ist die esoterische Inspirationsquelle aller reaktionären Leute in den USA, Polen, in ganz Lateinamerika und anderswo. Sie nehmen den Tod junger Frauen in Kauf, wenn diese ohne kompetente ärztliche Hilfe abtreiben müssen. Diese fundamentalistischen Pro-Life Fanatiker sehen in dieser brutalen Gesetzgebung, von Kirchen und Christen und Bischöfen und Päpsten unterstützt, den obersten Willen Gottes. Von einer Geburtenkontrolle spricht ohnehin niemand mehr. Und alle Pro Life-Leute meinen, die klassische Hetero-Familie sei für die Kinder und die Frauen ein heiler Ort wunderschöner Geborgenheit, was evident Unsinn ist…Aber dieses Thema wird leider in dem neuen Buch von Eva von Redecker nicht entfaltet!
5.
Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin interessieren wir uns besonders für die Religionskritik auch in diesem Zusammenhang. Dazu bietet die Autorin knappe Hinweise. Dadurch dass christliche Institutionen (also Kirchen) „nur noch als Phantombesitz der Leitkultur fungieren, liefert die Esoterik der Bevölkerung diverse Opiate“ (S. 103). Esoterik also als Ersatz konfessioneller Kirchlichkeit…Unter „Phantombesitz“ versteht die Autorin „gegenstandslose Herrschaftsansprüche“ (S. 34), also den Glauben von Institutionen, sie hätten noch Besitz, wo dieser doch längst faktisch entschwunden ist. Für die Kirchen in Deutschland oder in weiten Teilen Europas mag das zutreffen: Die Kirchen haben keine – wie einst – „Verfügungsgewalt“ mehr über ihre Mitglieder, die zwar in Deutschland noch das enorme kirchlichen Eigentum und die Unsummen von Kirchensteuern erzeugen. Aber die meisten Kirchen-Mitglieder verhalten sich überhaupt nicht konform den Gesetzen „ihrer“ Institution gegenüber. Insofern ist die religiöse, die kirchliche Situation in Europa durchaus mit dem Stichwort „Phantom“ zu beschreiben.
6.
Das Buch „Revolution für das Leben“ passt gut in diese Corona-Zeiten. Es zeigt, dass es heute die -dringendste Aufgabe gibt, für die Rettung des Lebens der Menschen und der Natur im ganzen einzutreten. Was nützt eine hoffentlich bald Corona – freie Welt, wenn sehr viele Menschen keine saubere Luft mehr atmen und kein sauberes Wasser mehr trinken können, wenn ArbeiterInnen in den großen neoliberal gesteuerten Firmen nicht als Menschen, sondern wie ausrangierbare, wegwerfbare Dinge behandelt werden und so weiter und so weiter….
7.
Die Überwindung dieses undemokratischen Systems, das diese Unmenschlichkeit erzeugt und fortsetzt, ist, ganz elementar gesprochen, ein ethisches Gebot. Ein kategorischer Imperativ! Dem soll der einzelne mit viel frustrierender Mühe und viel intelligenter Menschlichkeit entsprechen und dabei die Schönheit der Gruppen erleben, die sich nicht unterkriegen lassen und die die universalen Menschenrechte als ihr vernünftiges Glaubensbekenntnis betrachten. Ob sich dafür die meisten nun erschöpften und sowieso ausgehungerten Menschen weltweit noch einsetzen (wollen/können), ist eine Frage. Aber die Hoffnung darf nicht getötet werden.

Eva von Redecker, Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main. 2020, 316 Seiten, 23 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jesus oder Christus? Eine Dialektik, die zu denken gibt.

Eine Dialektik, die zu denken gibt … und eine vernünftige Spiritualität fördert
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Jesus oder Christus? Ein Titel, der provozieren will, der also ein neues Nachdenken fördern möchte. Es geht um eine kritische Reflexion auf ein selbstverständlich daher gesprochenes Bekenntnis, der Einheit von Jesus (von Nazareth) und Christus in einer zusammen geschlossenen Formel „Jesus Christus“.
Dieses Thema sollte nicht nur spirituelle Menschen interessieren. Es bestimmt unsere europäische Kultur/Religions-Geschichte, es ist daher von grundlegender Bedeutung.
Es muss also diese übliche, aber oft gedankenlos gesprochene Synthese „Jesus Christus“ auseinandergenommen werden. Denn diese von den Kirchen schon in frühesten Zeiten definierte Formel „Jesus Christus“ führt letztlich, im Ganzen betrachtet, zur Bevorzugung der Christus-Gestalt und des Christus-Bildes. Dabei ist „Christus“ nur ein Titel! „Christus“ ist als solcher keine bestimmte Person, sondern ein Ehren-Titel, der dann mit der besonderen Qualität dieses Menschen Jesus von Nazareth in eins gesetzt wurde. Später hat die Kirche offiziell Jesus z.B. auch den Titel „König“ gegeben und von „Christ – König“ gesprochen. Abstrakt und nur allein für sich verwendet ist also eigentlich „Christus“ sinnvoll gar nicht sagbar. Aber das geschieht indirekt und unbewusst ständig. Damit ist eine inhaltliche Fixierung auf diesen Titel Christus
Gegeben. Und dann wird doch im zweiten Schritt ein „Christus“ auch inhaltlich konstruiert, der die unabweisbare Bindung an den einmaligen Menschen Jesus von Nazareth (und seine Lebensform, seine humane Praxis etc.) verdeckt. Dieser sozusagen dann halbierte Christus ist in der kirchlichen Dogmatik der Herrscher, der Thronende (siehe die entsprechende Ikonographie, Ravenna et.), der Gott, der logos, die Zweite Person der Trinität usw. Konsequent wird auch dies als Dogma gelehrt: Christus als Gott, man denke an die Gebete in der offiziellen Liturgie etwa der katholischen Kirche, in denen von Christus als „unserem Herrn und Gott“ immer wieder die Rede ist.
Bei der Freilegung dieser Dimension wird erneut bewusst, dass das Christentum als Christus-Religion – trotz aller internen Pluralität – eine ganz und gar eigene Religion ist, die aus dem Judentum herausgewachsen ist. Darum ist die häufige Verwendung des Begriffspaares „christlich-jüdisch“ in christlichen Kreisen eher eine Verschleierung; die tatsächliche Nähe und Verbundenheit mit der jüdischen Religion ist bei dieser Christus-Religion fraglich. Aber das ist ein Thema, das eigens diskutiert werden müsste. Jüdische Theologen sind da deutlicher, sie wissen von der tiefen Differenz von Judentum und Christentum als zwei verwandter, aber verschiedener Religionen….
Nur dies noch: Wenn Christus, sozusagen abstrakt als solcher im Mittelpunkt steht, dann wird auch aus Jesu Mutter Maria folgerichtig die „Gottes-Mutter“ oder die „Mutter Gottes“ in der dogmatischen Welt der Orthodoxie und des Katholizismus genannt. Natürlich wurde den Dogmatikern, die den Christus – Herrscher seit der frühen Kirche verteidigten, etwas blümerant zumute, wenn sie im Rahmen ihrer Definiersucht von Christus „einfach so“ als Gott und von Maria als der Gottes Mutter sprachen. Und sie haben deswegen leichte Nuancen eingeführt, etwa die Lehre von den zwei Naturen Christi, einer menschlichen und einer göttlichen usw.
Aber es ist nicht zu leugnen: Letztlich hat sich in den meisten hierarchischen Kirchen und Staatskirchen die Vorstellung von Christus durchgesetzt, also von Christus ohne Jesus von Nazareth, das gilt für die Sprache, die Liturgie, die Volksfrömmigkeit. Kunsthistoriker könnten zeigen, wie in der Darstellung Jesu Christi sehr deutlich die Christus – Gestalt herausgestellt wurde. Wenn moderne Künstler sehr deutlich die Jesus von Nazareth Person in den Mittepunkt stellten, wurden sie kirchlicherseits ignoriert oder diffamiert.
Aber ist einmal die übliche Verbindung Jesus Christus auseinander genommen, dann eröffnen sich weite und neue Perspektiven: Sie führen in die (Geschichte der) Philosophie, der Literatur, der Kunst usw. Da wird eine Bevorzugung des Menschen Jesus von Nazareth deutlich. Die kann bis heute inspirieren.
Auch die persönliche Lebensgestaltung ist davon berührt: Welches Vorbild ist maßgeblich? Klar ist auch: Über Jesus von Nazareth wissen wir historisch wirklich einiges, selbst wenn einzelne seiner Denkformen wenig inspirierend sind, wie das alsbaldige Ende der Welt und seine „Wiederkunft“. Diese Vorstellung ist nur aufgrund von Jesu Einbindung als Mensch in die damaligen religiösen Vorstellungen zu verstehen.
2.
Wer als spirituell interessierter Mensch Jesus von Nazareth als zentrale „Bezugsperson“ verteidigt, setzt auf persönliche Freiheit in seinem Glauben, auf Pluralität der Deutungen und Haltungen im Umgang mit dem Initiator des Christentums. Wer hingegen Christus gewisser Weise als Mittelpunkt sieht, bevorzugt die dogmatische Fixierung, das Starre, das Herrschende. Man denke nur an die Christus-Darstellungen der Basiliken. Oder, als Gegensatz: Man denke an die frühen Jesus Darstellungen in den Katakomben in Rom, die „Jesus als guter Hirt“ zeigen. Die Tradition der Kreuzweg-Andachten oder die Tradition der „semana santa“ in Spanien sind extrem populäre Beispiele für eine Bevorzugung Jesu im „Volk“. Und man bedenke vor allem: Die Päpste nennen sich bis heute bezeichnenderweise „Stellvertreter Christi“, dieser anspruchsvolle Hoheits – Titel wird in dieser Formulierung im offiziellen römischen Katechismus von 1993 mit Bezug auf das 2. Vatikanische Konzil bis heute verbreitet. Päpste vertreten Christus, den Herrscher, selbst wenn ein Papst Jesuit (Mitglied des Jesuitenordens) ist. Aber auch dieser Orden (der sich als einziger Männerorden in seinem Titel direkt auf Jesus bezieht und nicht bloß etwa nur auf sein heiliges „Herz“) hat im Laufe seiner Geschichte entschieden nur aufseiten der Stellvertreter Christi gestanden und die Inquisition (und die Ausarbeitung des Index der verbotenen Bücher) unterstützt. Der jesuanische Geist setzt sich erst in neuester Zeit durch, etwa in den Aktivitäten des Ordens zugunsten der Flüchtlinge…
3.
Das ist schon komisch: Ein Papst, der sich „Nachfolger des armen Jesus von Nazareth“ nennen würde, ist eigentlich undenkbar. Er müsste sofort seine Allmacht, Unfehlbarkeit, aufgeben und den Vatikan mit seinen Palästen verlassen. Und sich mit einem schlichten Anzug bekleiden. Es wäre historisch sehr reizvoll zu fragen: Inwiefern die große Hochschätzung der Päpste für den eigenen Kirchen – Staat (bis heute) auch in einer einseitigen Christus- (König) Bindung zu tun hatte und hat. Ein Papst als Stellvertreter Jesu von Nazareth, wenn denn diese Formel überhaupt noch Sinn macht, bräuchte keinen Vatikan – Staat. Wenn er sachlich kompetent wäre, würde er wohl trotzdem zur UNO oder ins Europaparlament eingeladen werden. Ob dieser Papst noch Nuntien in allen Ländern bräuchte, die sozusagen auch Spione der jeweiligen Ortskirchen arbeiten, ist noch mal eine andere Frage.
4.
Noch einmal: Es gibt die Bekenntnis-Formel „Jesus Christus“, sie ist weit verbreitet. Aber der rebellische Jesus hatte bei dieser Formel keine Chance, inhaltlich bestimmend zu werden, also nicht der Jesus als Freund der Frauen oder als Freund der Armen, auch nicht der Jesus, der mit einer Anzahl von Geschwistern bescheiden in Nazareth als Tischler lebte (übrigens ein damals hoch angesehener Beruf, der große intellektuelle Fähigkeiten verlangte.) Wer Jesus in den Mittelpunkt stellt, muss immer an Jesus als den Juden denken. An einen Lehrer und Propheten im damals schon pluralen Judentum, der tätiges Tun der Liebe, Praxis, viel wichtiger fand als das bekennende, aber gedankenlos plappernde „Herr – Herr – Sagen“, das Jesus von Nazareth verachtete.
Christus ist immer der in die griechische Philosophie eingerückte „logos“…und auch eine Art Objekt, das man katholischerseits kniend in der Hostie anbetet und diese Anbetung eines Stückchens Brot als Christus in einer goldenen Monstranz dann als wichtige Glaubenspraxis versteht. Unvorstellbar, dass man in diesen goldenen Rahmen irgendein Stückchen des armen Jesus von Nazareth, den Propheten, setzen würde.
5.
Jesus oder Christus ist also alles andere als eine harmlose Alternative: Sie berührt den Anspruch der Kirche(n), machtvoll als Institutionen zu bestehen mit einem aller heiligsten „Objekt“, Christus, das nur entfernt mit Jesus, dem aus dem Judentum stammenden Initiator der christlichen „Bewegung“, zu tun hat. Man bedenke ferner, dass die aktuellen caritativen und diakonischen Hilfen der Kirchen/Christen sich auf Ereignisse, Taten, Erzählungen Jesu von Nazareth beziehen, man denke nur an die Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“. Auf den Christus – Imperator, Christ – König, können sich bestenfalls Imperatoren, Kaiser, Könige beziehen.
Eine „Jesus-Kirche“ wäre ganz anders als die übliche machtvoll herrschende Christus-Kirche. Das gilt natürlich nicht nur für die römisch-katholische Kirche, sondern auch für die durch und durch institutionalisierte und damit bürokratisierte evangelische Kirche in Deutschland. Man zähle einmal, wie viele Kirchenräte und Oberkirchenräte es in Deutschland gibt und frage ich, wofür so viele Leiter von Behörden gebraucht werden.Bei den Milliarden-Kirchensteuer – Aufkommen immer noch ist dies kein Wunder. Das gilt auch für die Orthodoxie, die in ihrer, so wörtlich, göttlichen Liturgie eben eine Christus-Liturgie absolviert (in unverständlichen, uralten Sprachen zudem auch die Metropoliten und Patriarchen, etwa der in Moskau, sind eher bestens finanziell ausgestattete Herrscher (und Putin-Ideologen) als Nachfolger des armen Jesus von Nazareth. Das hat in anderer Form schon Tolstoi geschrieben…
6.
Die Tradition der „Jesuaner“ ist keineswegs etwas „Sektiererisches“, abgesehen davon, dass immer die Herrschenden definieren, wer Sektierer ist und wer nicht. Niemals werden sich die machtbesessenen Verwalter der reinen Lehre selbst Sektierer nennen, obwohl sie – theoretisch wie praktisch oft – weit entfernt sind von dem, was Jesus etwa in seiner Bergpredigt lehrte. In der Hinsicht sind also diese Herren Sektierer, Abweichler. Aber das ist ein anderes Thema.
7.
Mir geht es hier vor allem nur darum, an einige Personen, Philosophen, Theologen, Literaten zu erinnern, die in dem Christus geprägten Kirchensystem immer wieder an Jesus von Nazareth erinnerten. Dieses Vorhaben ist naturgemäß umfassend und ist nur interdisziplinär zu leisten, also unter Literaturwissenschaftlern, Religionswissenschaftlern, Philosophen, spirituellen Meistern, ob auch katholische Theologen dazu gehören können, wage ich angesichts der immer noch gegebenen Gehorsams-Bindung dieser Theologen an das offizielle Lehramt zu bezweifeln.
8.
Zunächst nenne ich – vielleicht als „aufmunternden“ Impuls zum Thema – Friedrich Nietzsche, und zwar sein letztes, noch bei geistiger Gesundheit verfasstes Buch „Der Antichrist“. Das Manuskript wurde von seiner Schwester dann verfälscht herausgegeben, und erst in den neunzehnhundertfünfziger Jahren korrekt ediert.
Es fällt auf, dass Nietzsche in dem „Antichrist“ ab Kapitel 27 sehr viel Zuneigung zu Jesu von Nazareth zeigt, in früheren Werken hat sich Nietzsche nie so positiv über Jesus geäußert. „Nietzsche jahrelange Verwerfung Jesu als der Verkörperung alles Hassenswerten am Christentum zerfällt lautlos“, schreibt Heinrich Detering in seiner Studie „Der Antichrist und der Gekreuzigte“, Göttingen 2020, S. 95. Detering hat sehr ausführlich diese in weiten Kreisen eher unbekannte späte Jesus- Zuneigung Nietzsche interpretiert. Es ist immer typisch für den Umgang mit der Jesus – Gestalt, dass jeder und jede sich berechtigterweise die Freiheit, seinen/ihren Jesus zu zeichnen, oft ist dabei die Auseinandersetzung mit den Quellen im Neuen Testament gründlich oder nicht. Nietzsche jedenfalls setzt sich von dem damals populären Jesusbild des französischen Religionsphilosophen Ernest Renans ab. Nietzsche sieht Jesus als einen Menschen, der ganz in der Gegenwart, der dauernden Gegenwart, lebt, jeder Augenblick ist ihm heilig, die innere Regung für das Menschliche…Der Gedanke an die Zukunft spielt keine entscheidende Rolle in Nietzsches Jesus – Deutung. Nietzsche geht soweit, Jesus einen freien Geist zu nennen, „die höchste Auszeichnung, die Nietzsche für einen Menschen zu vergeben hat“ (Detering, S. 52). Aber: Dieser Jesus stirbt am Kreuz und mit ihm stirbt seine Botschaft, das Evangelium. Es folgt nämlich, so Nietzsche, die Kirche, die alles daransetzt, diesen „freien Geist Jesus“ auszulöschen. In dieser spirituellen Lehre danach wird Raum geschaffen für den Antichristen, der eine neue Wertordnung setzt, die leider von den humanen Impulsen Jesu nichts mehr übriglässt. Es wäre darum, Nietzsche folgend, zu diskutieren, wie gerade die Kirche als Institution nicht nur Jesus und sein Evangelium verrät und fallenlässt, sondern auch: Wie die Kirche indirekt dadurch schuld ist an der Durchsetzung des Antichristen….
9.
Genau an dieser Stelle wäre von Leo Tolstoi zu sprechen und seiner Bindung an Jesus von Nazareth, an die Vorliebe des russischen Dichters für die Bergpredigt und die heftigste Kritik an der offiziellen russisch-orthodoxen Kirche und ihrer machtvollen Hierarchie. Es ist der Jesus – Impuls, der das Werk Tolstois bestimmt. „Die kirchlichen Riten etwa die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, wurden in Tolstois Beschreibung zur Farce, zu einer Lüge, auf der das gesamte, so wörtlich, menschenfressende System gründete . Deswegen wurde er im Jahr 1901 von dieser Kirche exkommuniziert. Tolstoi schrieb in dem Zusammenhang einen sehr viel beachteten Text: “Ich glaube, dass Gottes Wille ganz klar und verständlich ausgedrückt ist in den Lehren des Menschen Jesus, den als Gott zu betrachten und anzubeten ich für die größte Gotteslästerung halte…“ Der Kampf Tolstois gegen das verbrecherische Regime des Zaren ist bestimmt von seiner Vorliebe für den vorbildlichen Menschen Jesus von Nazareth. (https://www.grundrisse.net/grundrisse44/Anarchismus_und_Christentum.htm).
Selbst in seinen letzten Stunden wünschte Tolstoi keine Versöhnung mit dieser allmächtigen, Christus und nicht Jesus feiernden Staatskirche (Leo Tolstoi, Rowohlt Monographie, Reinbek 2010, S.111 und 136)
10.
Und dieser Jesus – Impuls bricht auf unter marxistischen Intellektuellen, etwa Karl Kautsky oder Ernst Bloch und später dann Milan Machovec oder Leszek Kolakowski bis zu den anarchistischen Philosophen wie Fürst Peter Kropotkin (1842 – 1921). „Peter Kropotkin – einer der wichtigsten Vertreter des kommunistischen Anarchismus und sicher weit davon entfernt ein christlicher Anarchist zu sein – gesteht dem Christentum zum Beispiel zu, dass es erst durch die Institutionalisierung korrumpiert worden ist, wenn er das Christentum als „die Empörung gegen das kaiserliche Rom“ beschreibt, das „durch dasselbe Rom“ besiegt wurde, indem es „dessen Maximen, Sitten und Sprache an[nahm]“ und so „römisches Recht“ wurde. Er ging sogar noch weiter und schrieb, dass es „in der christlichen Bewegung […] zweifellos ernstzunehmende anarchistische Elemente“ gegeben habe. Der „anarchistische[.] Gehalt“, den er in den „Anfängen“ des Christentums verortete, verschwand für ihn aber, als „diese Bewegung [allmählich] zu einer Kirche [entartete]“.
Diese Argumentation unterscheidet ihn von vielen christlich-anarchistischen TheoretikerInnen de facto nicht. Kropotkin war es auch, der in seinem Anarchismus-Artikel für die Encyclopædia Britannica (eleventh ed.) die frühen Hussiten, die Anabaptisten (Wiedertäufer) und den Theologen Hans Denck im positiven Sinne für erwähnenswert erachtete“.(Aus einem Beitrag von Sebastian Kalicha: https://www.grundrisse.net/grundrisse44/Anarchismus_und_Christentum.htm
11.
Von Albert Camus und Jesu wäre zu sprechen: Für Camus ist Jesus eine Art Verleiblichung des Dramas der Menschheit: „Er ist nicht der Gott – Mensch, sondern der „Mensch-Gott“, schreibt Camus. Er ist begeistert von einem Gott mit menschlichem Antlitz, ein Gott, der in Jesus sichtbar wird. In dem Roman Die Pest erscheint dieses Gesicht des Menschen-Gottes im Bild des unschuldig Leidenden, in dem Kind, das im Sterben liegt. Camus nimmt sich natürlich alle Freiheit, seinen Jesus zu zeichnen, der als Gottverlassener am Kreuz eine absurde Erfahrung macht, der sich aber vorher gegen Unrecht aufgelehnt hat.
Erst wenn Menschen frei und unzensiert ihr Jesus – Bild beschreiben können und selbstverständlich auch bei ihrer Position bleiben dürfen, wird der spirituelle Dialog reicher.
12.
Bei unserem Thema kann man auf einen Blick auf Hegel nicht verzichten: In der Philosophie seiner früheren Jahre hat er sich deutlich auf die Gestalt Jesu von Nazareth bezogen. Später, vor allem in Berlin, in den Vorlesungen über die Philosophie der Religion spricht er nur von Christus. Aber dies ist nicht die Herrscher – Gestalt, sondern die Person, die allen Menschen deutlich macht: Jeder Mensch ist mit dem göttlichen Geist begabt. Dies ist keine fromme Behauptung, sondern im Rahmen seiner Logik eine Erkenntnis, die hier nicht weiter erläutert werden kann. Wichtig ist nur: Wenn der Mensch mit göttlichem Geist ausgestattet ist, dann bedeutet dies: Göttlicher Geist ist Vernunft, und dieser verlangt die vernünftige Gestaltung der Wirklichkeit, selbstverständlich der politischen. Wenn also Hegel Christus in den Mittelpunkt stellt und diesen umfassend und adäquat nur in der Philosophie verstehen kann, dann ist damit auch ein praktisches Lebensverhältnis eröffnet, ein politisches, die Forderung zur vernünftigen Umgestaltung der Welt ist in dieser Christus – Bindung Hegels offensichtlich. Christus wird förmlich zum philosophischen Symbol einer humanen Gestaltung der Wirklichkeit. Hegel sah in diesem vernünftigen Christus-Bild eine Chance für die Moderne, weil dadurch auf religiösen Fundamentalismus verzichtet wird zugunsten der Frage: Wie kann die Wirklichkeit vernünftig (und eben nicht den Geboten einer Religion entsprechend) gestaltet werden
Nicht alle Beziehungen zu Christus sind also von dogmatischer Starre geprägt.
13.
Wo also lebt der jesuanische Geist – heute?
Ich möchte eine Dialektik vorschlagen: Der jesuanische Geist als Idee und Tat, inspiriert von der Weisheit des Propheten Jesus von Nazareth, lebt heute vor allem bei vielen Mitgliedern der NGOs, der „Ärzte ohne Grenzen“, der „Reporter ohne Grenzen“, also der Menschenrechtsbewegungen, der feministischen Bewegungen, der „friday for future“, der Anti-Atom-Bewegungen usw. In der Erinnerung lebt Jesus weiter in den „Samariter-Hilfsdiensten“, bekanntlich bezogen auf Jesu Erzählung vom „barmherzigen Samariter“.
Und Christus? Der gilt sehr viel bei den Dogmatikern, den Menschen, die (nur) schöne lateinische Liturgien lieben, aber Ungläubige verachten, Homosexuelle verfolgen (siehe Polen usw.) und Frauen keine Gleichberechtigung in der Kirche geben, weil eben „ihr“ Jesus als ihr Christus nur Männer als Apostel wollte oder: die Protestanten vom Abendmahl ausschließen usw.
Die Dialektik ist klar: Lebendigkeit, Pluralität, Kritik und Selbstkritik, letztlich demokratische Mentalität, sind bei den direkt oder anonym sich auf Jesus beziehenden Menschen zu finden. Die andere Seite der Dialektik ist klar…
Ob sich noch einmal eine wahrhafte Synthese von „Jesus (von Nazareth) Christus“ finden lässt? Ich bezweifle das. Die Wege der Dialektik haben sich getrennt. Das heißt ja nicht, dass innerhalb der „Christus“ – Kirche einige jesuanische Menschen leben. Aber sie haben keine prägende Stimme in der Institution, sie sind Außenseiter, bestenfalls geduldet. Man denke, um nur drei aktuelle Beispiele zu nennen, an Bischof Casaldaliga (Brasilien) oder Bischof Gaillot (Frankreich) oder auch an Abbé Pierre (Frankreich)…
14.
Ich bin mir bewusst, dass man heute von Jesus von Nazareth nicht naiv fundamentalistisch sprechen darf. Das will ich überhaupt nicht. Ich meine nur, dass heute durchaus einige Kennzeichen des Mannes aus Nazareth ziemlich deutlich sind. Und die allein genügen schon, eine Dialektik gegenüber dem machtvollen Herrscher Christus aufzubauen.
Dialektik strebt für Hegel bekanntlich immer zu einer Versöhnung. Diese kann nur daran bestehen: Immer genau zu sagen: Wir meinen den „Jesus von Nazareth als Christus“. Und dieser Jesus ist, noch einmal, bei aller nun einmal geschichtlichen Begrenztheit seines individuellen Lebens, nicht nur der Menschenfreund, sondern der Verteidiger der Armen, der Zukurzgekommenen, der von Gesetzen Unterdrückten. „Brüderlichkeit“, also „Geschwisterlichkeit“, ist nur mit Jesus von Nazareth erreichbar, nicht mit Christus als dem Symbol der Herrschenden. Es wäre ausführlich zu zeigen, wie etwa die ersten Revolutionäre ab 1789 in Frankreich sich auf Jesus (!) bezogen haben und welche Rolle Jesus spielte 1848 oder in der Pariser Kommune 1871.
15.
Wenn man also noch einmal die kirchlichen Welten betrachtet, dann gilt: Die übliche Formel „Jesus Christus“ weiterhin zu sprechen, reicht nicht mehr! Und diese Formel ist eine ideologische Irreführung. Meines Erachtens kommt eine wirkliche spirituelle und damit menschliche Lebendigkeit erst dann, wenn darauf verzichtet wird, an erster Stelle den Christus (das Herrschaftssymbol) zu verehren, selbst wenn dann noch das Beiwort Jesus gedankenlos mitgesagt wird.
Dieser Christus ist der Gott der Herrschenden und Dogmatiker (Päpste, Patriarchen, Metropoliten, Oberkirchenräte usw.). Christus verlangt Anbetung, Jesus humane Praxis!
16.
Jesus von Nazareth ist ein freier Geist, wie Nietzsche richtig sagte, an ihm kann man sich orientieren, wenn man auch religiös frei, vernünftig und human leben will. Und wenn man als Mensch solidarisch und mit Empathie leben will, ob man nun konfessionell ist oder nicht. Das ist „im Sinne Jesu“ wahrlich egal (vgl. Matthäus, 25, 31-46). Jesus verlangt keine Anbetung, er lehrt, so fragmentarisch auch immer seine Lehre wirkt, eine Philosophie des Lebens als der praktischen Lebensgestaltung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die neue Enzyklika: Fratelli tutti. Kritik ohne Selbstkritik

Ein Hinweis von Christian Modehn (Siehe auch den Beitrag über die Brüderlichkeit vom 24.9.2020 (https://religionsphilosophischer-salon.de/13017_die-bruederlichkeit-geschwisterlichkeit-eine-politische-tugend-und-eine-weltliche-spiritualitaet_denkbar)

1.
Bei längeren „Abhandlungen“ oder „Lehrschreiben“, wie einer päpstlichen Enzyklika, empfiehlt es sich manchmal, zuerst auf die letzten Seiten zu schauen. Auf die Seiten der Fußnoten. Das habe ich bei der jüngsten Enzyklika von Papst Franziskus probiert. Und siehe da: Der Text enthält 288 Fußnoten! Man möchte meinen, jeder zehnte Satz ist sozusagen „belegt“, also bezogen auf die aktuellen wissenschaftlichen und historischen Auseinandersetzungen zum Thema der Enzyklika, der Brüderlichkeit bzw. wie der Autor, Papst Franziskus, dann öfter doch treffender sagt: der Geschwisterlichkeit. Aber wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema werden nicht zitiert. Es werden fast nur die geistlichen katholischen Brüder, die Kleriker, als inspirierende Quellen erwähnt, und zwar „zuhauf“. Kann man solch ein sicher „gut – gemeintes“ Schreiben in einer wissenschaftlich geprägten Welt ernst nehmen? Als nette Predigt ja, aber sonst eher nicht….
2.
Der Titel seines Lehrschreibens ist ohnehin maskulin: Die Brüder bleiben unter sich…

Also: Es sind 288 Fußnoten, also Quellenverweise. Noch einmal: Man glaubt zu träumen: Von den 288 Fußnoten beziehen sich ca. 80 Prozent auf päpstliche Äußerungen, meist von Papst Franziskus selbst, oft auch auf Texte des EX-Papstes Benedikt oder auf so genannte „Kirchenväter“. Einige Fußnoten verweisen auf den mittelalterlichen Thomas von Aquin oder den heiligen Augustinus. Einmal wird der Soziologe Georg Simmel (Fußnote 130) zitiert, der einzige moderne, nicht-klerikale Denker. Manchmal auch eher unbekannte Theologen der sechziger Jahre wie René Voillaume oder Charles de Foucauld.
Der heilige Franziskus wird ganz am Anfang erwähnt: Von daher stellt sich diese doch wohl politisch gemeinte Enzyklika in den Rahmen von Heiligengeschichten. Dabei verschweigt der Papst, dass einst seine päpstlichen Vorgänger die radikalen Lebensregeln des Franz von Assisi verboten hatten und aus der radikalen Laien-Bewegung der Armen einen klerikalen, also päpstlich überprüften Orden aus Priestern machte. Insofern ist Franz von Assisi gescheitert bzw. er wurde ausgebremst.
3.
Ich will diese „Quellen-Studien“ nicht fortführen: Einwandfrei steht fest: Auch Papst Franziskus zitiert sich selbst furchtbar oft und furchtbar gern oder eben seine Vorgänger. Wer die Texte der ZKs entsprechender Parteien in Moskau, Prag oder Ost-Berlin kennt und deren Selbstbezogenheit und „Selbstzitiersucht“ mag, wird jubeln.
Aber auch Päpste werden nicht umfassend zitiert: Denn was wäre dringender gewesen bei dem Thema Brüderlichkeit, auch auf die Päpste Gregor XVI. oder Pius IX. zu verweisen: Diese sind bekanntlich im 19. Jahrhundert immer noch (!) die heftigsten Feinde der Menschenrechte und damit der Brüderlichkeit gewesen. Diese sagen wir es ehrlich, üblen reaktionären Vorgänger übersieht Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben. So wird bei Unkundigen heute der Eindruck geweckt, DIE Kirche und die DIE Päpste seien die heftigsten Verteidiger der Brüderlichkeit und damit der Menschenrechte immer schon gewesen. Was historisch gesehen Unsinn ist.
4.
Insofern ist diese Enzyklika nicht nur päpstlich-egozentrisch in der Auswahl der Zitate; sie ist verwirrend, weil sie die Schuld der Kirche im Zusammenhang der Brüderlichkeit nicht eingesteht. Dieses Schuldbekenntnis wäre aber die Voraussetzung für einen Papst-Text, sich überhaupt noch heute für die Brüderlichkeit stark zu machen.
Das heißt ja nicht, dass einzelne Forderungen dieses langen Textes nicht irgendwie wichtig und irgendwie richtungsweisend sind, wie das Plädoyer für Solidarität, für das Eintreten für die Armen usw. Aber es sind Sonntagsreden halt. Besonders interessant scheint mir dann noch der Text unter Nr.119 zu sein, in der der Papst sehr deutlich an die sozialen Funktionen des Privateigentums erinnert! (ZITAT: Nr. 119: „In den ersten Jahrhunderten des Christentums haben einige verständige Menschen in ihrem Nachdenken über die gemeinsame Bestimmung der geschaffenen Güter ein universales Bewusstsein entwickelt.[91] Man gelangte zu folgender Auffassung: Wenn jemand nicht das Notwendige zu einem Leben in Würde hat, liegt das daran, dass ein anderer sich dessen bemächtigt hat. Der heilige Johannes Chrysostomus fasst dies mit den Worten zusammen: »Den Armen nicht einen Teil seiner Güter zu geben bedeutet, von den Armen zu stehlen, es bedeutet, sie ihres Lebens zu berauben; und was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern ihnen«.[92] Ähnlich drückt sich der heilige Gregor der Große aus: »Wenn wir den Armen etwas geben, geben wir nicht etwas von uns, sondern wir geben ihnen zurück, was ihnen gehört«. [93] [91] Vgl. Basilius, Homilia 21. Quod rebus mundanis adhaerendum non sit, 3.5: PG 31, 545-549; Regulae brevius tractatae, 92: PG 31, 1145-1148; Petrus Chrysologus, Sermo 123: PL 52, 536-540; Ambrosius, De Nabuthe, 27.52: PL 14, 738s; Augustinus, In Iohannis Evangelium, 6, 25: PL 35, 1436s. [92]De Lazaro Concio, II, 6: PG 48, 992D. [93] Regula pastoralis, III, 21: PL 77, 87)

Von der Verteilung des kirchlichen (!) Privateigentums von Europa in die Regionen der Armut und des Elends ist allerdings keine Rede. Warum soll eigentlich eine Gemeinde in Kongo oder am Amazonas so erbärmlich und ohne brüderliche Gleichberechtigung leben und eine in Köln oder New York förmlich in finanziellem Saus und Braus! Davon ist keine Rede. Der Text will etwas bewegen, aber bitte nicht zu sehr, nicht zu konkret, schon gar nicht für die eigene Kirche!
5.
Das 8. Kapitel ist der größte Skandal dieses schönen frommen Textes: Unter dem Titel „Religionen im Dienst an der Geschwisterlichkeit…“ hätte man ja als heutiger Mensch ein bisschen vermutet, dass da auch von der Geschwisterlichkeit in der katholischen Kirche sehr wegweisend die Rede ist. Also, konkret, was denn sonst, von den gleichen Rechten der Frauen in dieser Kirche. Und von der Abwehr jeglicher Verachtung und Diskriminierung von Homosexuellen und Transgender in dieser Kirche hätte man ein brüderliches Wort erwartet, von einem Papst, der sich nun plötzlich auf die Geschwisterlichkeit besinnt, aber entsprechende weiterführende Forderungen nur an andere stellt. Das hätte -um nur ein Beispiel zu nennen – den vielen drangsalierten Homosexuellen in dem so genannten katholischen Polen so gut getan. Etwa: Dass der angeblich so progressive Papst sagt: Diesen Antisemiten und Homo-Feind, den rechtsextremen Propagandisten Pater T. Rydzyk aus dem Redemptoristenorden mit seinem Medienimperium Radio Marya in Torun/Polen schicken wir sofort als Gärtner in die Vatikanischen Gärten … um der Brüderlichkeit und der Menschenrechte in Polen willen. Denn: Hassredner gegen die Brüderlichkeit in der Kirche haben keinen Platz, hätte der Papst doch sagen könne, macht er aber nicht…Er hätte ja auch ein Wort gegen etliche in dieser Hinsicht auch etwas verkalkten polnische Bischöfe sagen können…Aber diese Oberhirten sind ja „Mit-Brüder“ in dieser klerikalen Kirche. Mitbrüder untereinander schonen sich, „decken sich“, da wissen wir aus den vielen klerikalen Fällen sexuellen „Missbrauchs“…
6.
So ist also wieder viel Papier mit vielen überflüssigen selbstbezogenen Fußnoten entstanden.
Politisch – sozial – kirchlich bewirken werden diese frommen Worte wahrscheinlich nichts. Weil eben nicht gesagt wird: „Liebe Leute, wir als römische Kirche springen nun endlich über unseren Schatten und nehmen die Frauen als völlig gleichberechtigte Partner an. Frauen können selbstverständlich Priesterinnen werden. Der Klerikalismus, dieses unbrüderliche Verhalten, hat ein Ende. Und auch die Homosexuellen sind absolut als solche willkommen. Die vielen schwulen Priester brauchen sich nicht mehr zu verstecken….
Und selbstverständlich feiern wir gemeinsam mit unseren protestantischen Brüdern ab sofort gemeinsam Abendmahl und so weiter“.
7.
Aber solche einzig noch interessanten Worte werden nicht gesagt! Und es wird auch nicht gesagt: Ab morgen unterzeichnet der Staat Vatikan-Stadt als letzter Staat der Erde auch die Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte von 1948. „Dieser Winzling von Staat, der Vatikan-Staat, wird in seiner Verfassung nun endlich „brüderlich“, d.h. ja nichts anderes als: den Menschenrechten entsprechend, also demokratisch“.
8.
Solange die katholische Kirche nicht in sich selbst die universalen Menschenrechte als gültig anerkennt, sind alle Enzykliken, auch ein Lehrschreiben zur Brüderlichkeit, überflüssig und sowieso unglaubwürdig.
9.
Es mag ja sein, dass der Papst in seiner neuen Enzyklika von universeller Liebe spricht, von einer humanen Welt, die mehr ist als ein Jenseits-Traum; wichtig sind die beinahe üblichen Forderungen auch an Politiker, im Dialog zu bleiben und Aggressivität aufzugeben, de Papst denkt da wohl an Mr. Trump. Aber diese Forderungen bleiben abstrakt, kein Name wird genannt, nicht Bolsonaro, der Vernichter des Regenwaldes, und nicht Trump, auch nicht die katholischen Politiker in Polen oder der sich christlich nennende in Ungarn. Nicht die sich katholisch nennenden Politiker in Afrika oder etwa auf den Philippinen. Der Papst will wohl als Staatschef diplomatisch bleiben und nicht „anecken“..So bleibt der Gesamteindruck: Viele fromme, zum Teil ja richtige Wort bei diesen ewigen Forderungen…
10.
Darum der Gesamteindruck: Diese Enzyklika bringt keinen Erkenntnisgewinn; sie fördert keine ökologische Umkehr; sie fördert nicht die politische Rebellion zugunsten der Gerechtigkeit; sie bringt für die Kirche selbst keine Reformation, denn um kleinteilige Reförmchen geht es doch längst nicht mehr. So ist es alles andere als arrogant zu sagen: Diese Enzyklika ist überflüssig. Wer wird sie lesen?
Warum sagt der Papst dieses alles nicht in 10 knappen Thesen auf einer DIN A 4 Seite? Diese würden wenigstens viele Leute lesen… und vielleicht ein Tagesgespräch auslösen und heftige Debatten…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der „Meister“ der Zerstörung von Natur und Menschen: Der rechtsextreme Politiker Bolsonaro.

Über das Buch von Andreas Nöthen „Bulldozer Bolsonaro. Wie ein Populist Brasilien ruiniert“

Von Christian Modehn

Brasilien ist definitiv nicht weit weg von Europa. Das wissen nun hoffentlich alle in Deutschland, in Europa, wenn sie (mit ihren ebenso hilflos wirkenden Politikern) wie gelähmt zusehen müssen, dass ein rechtsextremer Präsident die „Lunge der Menschheit“ und den Lebensraum indigener Völker, die Wälder der Amazonas-Region, abfackelt, niederbrennt, Leben zerstört, Klimakatastrophen beschleunigt…
Diesen Umgang mit der Natur haben vor ihm brasilianische Präsidenten, immer irgendwie geldgierig und korrupt, zugelassen, aber nicht in diesem totalen Umfang wie jetzt.
Nebenbei: Das auswärtige Amt in Berlin meldet noch immer in seinem Internet-Beitrag vom 16.3.2020 von den guten bilateralen und multilateralen Beziehungen zu Brasilien, also zu einem Politiker, dessen „Politik“ inzwischen von kompetenten Beobachtern und vom kritischen Teil der brasilianischen Bevölkerung als mörderisch bezeichnet wird…

Es gehört insofern zur Allgemeinbildung heute, über Bolsonaro und sein Brasilien genau Bescheid zu wissen. Das kann gut tun in Zeiten von Corona, in denen alle Hauptinteressen aller eher national gefärbt sind, den kritischen Blick zu weiten.

Andreas Nöthen bietet in dem vor wenigen Wochen (Juli 2020) erschienen Buch „Bulldozer Bolsonaro“ aus dem Ch. Links Verlag wesentliche Erkenntnisse zum Aufstieg und zur Machteroberung Bolsonaros. Bei dem Titel denkt man eher an polemische Zuspitzungen, aber die unterbleiben: In dem gebotenen sachlichen Ton wird dokumentiert und mit vielen Quellenangaben deutlich, welche politische Gefahr dieser Herr bedeutet, selbst wenn er, nach einem sehr schmutzigen Wahlkampf mit 55 % der Stimmen gewählt wurde. Wichtig ist zu wissen: Der Anteil der Nichtwähler und derer, die ungültige Stimmen abgaben, war extrem hoch: Es waren fast 31 % der Bevölkerung, die weder für den Populisten noch für den Kandidaten der Arbeiterpartei (PT), Fernando Haddad, ihre Stimme gaben. Bolsonaro fand mit seinen dummen rassistischen und sexistischen Sprüchen viel Begeisterung im Milieu der Ungebildeten, der Frommen und der Machos. Es war – wie im Falle Trumps – eine Wahl, die Bolsonaro mit Falschinformationen über alle nur möglichen „sozialen“ Netzwerke gewonnen hat, weil Millionen Menschen auf diese Sprüche reinfielen. Der Autor schreibt: „Weite Teile der Bevölkerung muss man als digital unmündig bezeichnen, diesen digitalen Analphabetismus nutzte Bolsonaro geschickt aus“ (S. 107) … und zwar im totalen Einsatz von Whatsapp. „Auch in den anderen sozialen Netzwerken war er seinen Konkurrenten meilenweit voraus“ (ebd.).
Angesichts seiner Ignoranz in der Corona-Pandemie hat er jetzt zwar an Zustimmung verloren, weil einfach zu viele Patienten unversorgt sterben … und die Wirtschaft daniederliegt. Aber auch heute findet er noch im Mittelstrand unter den Frommen, den immer Bolsonaro-treuen Evangelikalen, und den Reichen viel Zustimmung.

Bolsonaro hat mächtige Freunde, das ist der erste wichtige Punkt. Zu dem ebenfalls rechtspopulistischen Trump gibt es gute Beziehungen. Wichtig und für mich neu sind die Hinweise auf die Verbindungen Bolsonaros zu dem in den USA lebenden Brasilianer Olavo de Carvalhos, „einem der geistigen Väter der neuen Rechten in Brasilien“ und so wörtlich, „Guru“ des Präsidenten Bolsonaro“ (S. 176). … Dieser Guru verbreitet die krudesten Thesen, „etwa: dass Pepsi Cola seinen Süßstoff aus abgetriebenen Föten hestellt…. dass der Klimawandel eine marxistische Verschwörung sei“ usw (S. 104). Dieser Herr de Carvalho gehörte auch zum engeren Zirkel der Regierungsdelegation, als sich Bolsonaro im März 2019 bei Mister Trump vorstellte. De Carvalho wiederum ist mit Stephen Bannon verbandelt, einst engster Berater von Trump, bis jetzt eher im Hintergrund für die globale rechtsradikale Bewegung The Movement tätig. Bolsonaros Sohn Eduardo arbeitet mit dieser Bannon – Bewegung eng zusammen (S. 105). Wie diese freundschaftliche Zusammenarbeit weitergeht, nachdem nun Bannon verhaftet wurde (20.8.2020), wird sich zeigen…

Eng befreundet ist Bolsonaro, wen wundert es, auch mit dem ungarischen Populisten – Präsidenten Viktor Orban (S. 141). Mit ihm hat Bolsonaro einen gleich gesinnten Bündnispartner in der EU.

Zweitens ist wichtig, dass der Autor detailliert zeigt, wie Bolsonaro seine Söhne (auch seine dritte Gattin) ins Regieren mit einbezieht und mit hohen politischen Posten ausstattet. Beobachter, die von der Herrschaft seiner drei erwachsenen Söhne sprechen, schaffen dafür ein neues Stichwort: Die Herrschaft der Söhne, die „Filhocracia“…Das Magazin „Carta Capital vom 27.2.2019 zeigt den Höllenhund Zerberus mit den drei Köpfen der drei Söhne Carlos, Flavio und Eduardo. (S. 110). Die ausführliche Biographie zeigt, wie Jair Bolsonaro als Angehöriger des Militärs zielstrebig und raffiniert das höchste politische Amt anstrebte und sogar noch persönliche Katastrophen, wie eine schwere Verletzung durch ein Attentat, zu seinem eigenen politischen Vorteil erfolgreich vom Krankenhaus nutzte (S.89).

Wichtig ist, dass das Buch auch die brutale Form seines Regierens dokumentiert, den scheußlichen Worten lässt Bolsonaro scheußliche Taten folgen. Dabei ist er so gerissen, dass er als Täter „nur“ das mörderische Milieu pflegt und befeuert, in dem dann rechtsradikale Gewalt real wird. Der Autor erinnert an die gezielte Tötung der bekannten kritischen linken Politikerin Marielle Franco. „Es war ein politischer Mord“, sagt die Frau von Marielle, Monica Benizio (S. 135) „Die Politikerin wurde zum Symbol für die vielen tausend meist schwarzen Brasilianer, die jährlich durch (Polizei-) Gewalt ums Leben kommen“ (ebd.)

Zum Aufstieg gelangte Bolsonaro durch die Macht evangelikaler Pastoren und deren Bewegungen sowie der ebenso einflussreichen Pfingstprediger und deren Gemeinden. Die Bindungen Bolsonaros an diese zahlenmäßig immer stärker werdenden Kirchen (inzwischen ca. 30% der Bevölkerung) beschreibt Andreas Nöthen an verschiedenen Stellen etwas ausführlicher. Pastoren und Bischöfe dieser Kirchen sind oft steinreich, weil sie gleichzeitig als Unternehmer, etwa als Medienbosse, agieren und dadurch konnten sie auch Bolsonaros Wahl unterstützten. Raffiniert wie er ist, ließ er sich als Katholik dann noch einmal im Jordan (Israel) evangelikal taufen, „die Präsidentschaft ist eine weitere Taufe wert“, könnte man sagen. Diese evangelikalen/pfingstlerischen Kirchen sind wirklich von einem so schlichtem intellektuellen Niveau, dass sie etwa verkündeten: “Nicht Krankenhäuser würden in dieser Pandemie die Menschen heilen, sondern die Religionen (vgl. S 175). Theologisch treffend sollte man sagen: Die evangelikalen Kirchen sind weithin eher eine Schande für ein Christentum, das den absolut gültigen Ansprüchen der kritischen und demokratischen Vernunft gerecht werden will. Diese Kirchen sind leider oft Opium des Volkes…

Vernünftige Wissenschaftler hingegen werden von Bolsonaro entweder abgesetzt oder, wenn schon verstorben, nachträglich zu Unpersonen und wie immer üblich in diesem rechtsextremen Kreisen, zu „Marxisten“ erklärt, wie der große international hoch geschätzte brasilianische Pädagoge Paulo Freire (S. 148 f). Freires Bücher dürfen nicht mehr im Unterricht vorkommen, verfügte der Bildungsminister Weintraub (149).

Die Liste der Beleidigungen von Frauen und Homosexuellen, Journalisten, Wissenschaftlern und Künstlern und Schwarzen, die Bolsonaro, öffentlich äußert, ist lang. „Anzumerken bleibt an dieser Stelle, dass bei der aktuellen Regierung Brasiliens Anspielungen auf den Nationalsozialismus (etwa Joseph Goebbels) ziemlich regelmäßig vorkommen, selbst der Minister Abraham Weintraub, der selbst jüdischen Ursprung ist“, schreibt Nöthen, „bedient sich dieser Anspielungen“ (S. 158). Man fragt sich, wie so viele Leute auf Dauer diese Niederknüppelung des Geistes und der Vernunft ertragen können. Sie sind aber leider durch die Massen-Medien derart anspruchslos geworden, dass sie ihren Zustand gar nicht mehr bemerken, das gilt selbstverständlich nicht nur für Brasilien. Die rassistischen Entgleisungen werden sogar von den Schwarzen übersehen: “Viele Schwarze Brasilianer sind empfänglich für die Heilsversprechen der evangelikalen Kirchen. Und hält ihre Kirche Bolsonaro für wählbar, sehen viele über seinen Rassismus hinweg“, schreibt Andreas Nöthen (S. 99)

Was ich in dem Buch vermisse, ist wenigstens der Ansatz einer Analyse zur Bedeutung des Katholizismus in Brasilien in diesem Zusammenhang. Es ist doch bekannt, dass z.B. der Kardinal von Rio de Janeiro ein Freund Bolsonaros ist. Die katholische Kirche wird zahlenmäßig immer schwächer, aber noch ist sie die stärkste Konfession. Am Niedergang hat die Hierarchie selbst schuld, das ist theologisch eindeutig: Das Festhalten am Zölibatsgesetz macht es den Basisgemeinden unmöglich, in eigener Verantwortung durch Laien Eucharistie zu feiern. Und Bischöfe mit richtigen Ideen, wie damals Dom Helder Camara, wurden ignoriert und mundtot gemacht. ABER: Es gibt heute noch immer Befreiungstheologen, es gibt noch immer progressive Bischöfe, die sich öffentlich gegen Bolsonaro wehren, siehe das Schreiben der über 150 brasilianischen Bischöfe vom Juli 2020 gegen Bolsonaro. Aber da war das Buch schon gedruckt. Es gibt jedoch seit vielen (!) Jahren schon gut funktionierende katholische Hilfswerke zugunsten der indianischen Völker und der Landlosen, sie stehen ja im Focus der Bolsonaro – Attacken, der selbst Katholik ist oder war, angesichts seiner Doppeltaufe, wie gesagt, ist auch die religiöse Bindung unklar. …
Sehr schade also, dass gerade diese gerade im Bolsonaro – Zusammenhang wichtigen und „spannenden“ Informationen nicht vermittelt werden. Aber vielleicht plant der Verlag ein Buch eines Lateinamerika Spezialisten über den Wandel des Katholizismus in Lateinamerika (nicht nur Brasilien) heute, so dass man also nicht vorgreifen wollte…

Wenn es zu einer 2. Auflage dieses dennoch empfehlenswerten Buches von Andreas Nöthen kommen sollte: Dann bitte ein eigenes Kapitel über den Katholizismus in Brasilien, in den Zeiten vor und mit und hoffentlich dann auch schon „nach“ Bolsonaro.

Andreas Nöthen, Bulldozer Bolsonaro, Wie ein Populist Brasilien ruiniert. Ch. Links Verlag, Berlin, 2020, 240 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Freund der Unterdrückten, ein Mystiker, ein Bischof. Über den ungewöhnlichen Pedro Casaldáliga

Ein Hinweis von Christian Modehn
Unter Position 10 dieses Beitrags werden einige Gedichte von Pedro Casaldáliga vorgestellt.

Casaldáligas Lebens-Motto, seine Maxime: „Nichts besitzen, nichts mit sich tragen, nichts verlangen, nichts verschweigen und, vor allem, nichts töten“.

1.
Warum erinnern so wenige Medien, in Deutschland fast keine, an Pedro Casaldaliga? Verstorben am 8. August 2020 in Brasilien? An einen Mann, der zugleich sein ganzes Leben für Unterdrückte, für Arme, einsetzte und es deswegen immer wieder der Gewalt der Herrschenden aussetzte… und ZUGLEICH ein Mystiker, ein Poet, war? Und er war, man glaubt es kaum, auch noch Bischof der römisch-katholischen Kirche! Warum wird dieser Bischof/Menschenrechtler/Poet/Mystiker nicht erwähnt in den frommen Worten der vielen Bischöfe heute? Sie schwadronieren lieber zum hundertsten Male über die „Himmelfahrt Mariens“ am 15. August und ähnliche Geschichten bzw. Wunder. Dabei ist es ein großes Wunder ganz realer Art, dass es einen Mann wie Pedro Casaldaliga gab.
Meine Vermutung: Es ist diesen Exzellenzen und Eminenzen, so nennen sich ja die Oberhirten, peinlich, sich an ihren Mitbruder Pedro Casaldaliga zu erinnern, der als Bischofspalast eine Hütte hatte, weil er so leben wollte, wie seine Mitmenschen in der ärmsten Region, der Hungerregion, Brasiliens.
2.
Hinzukommt: Corona macht Deutsche, macht Europäer, noch mehr zu Deutschen, noch mehr zu Europäern. Corona fixiert noch mehr als bisher auf Deutschland, auf Europa: Wenn die wirkliche globale Welt heute in den „großen Medien“ „vorkommt“, dann eher als Corona-Statistik in Indien, Brasilien oder Peru. Ist ja verständlich, aber darf nicht fast alles sein.
Auch wegen dieses Corona-bedingten Nationalismus haben „wir“ jetzt den Tod eines Menschen übersehen, der von denen, die ihn in Lateinamerika kannten, und das sind sehr viele, sehr zu recht als Prophet bezeichnet wurde. Als Prophet der Menschenfreundlichkeit, der Solidarität; als Prophet, der nicht etwa Zukunft voraussagt, sondern der, wie die Propheten der hebräischen Bibel, sein prophetisches Amt als kritische Anklage versteht. Und entsprechend auch lebt! Und zwar so, dass er selbst sich auf die Seite der Rechtlosen gestellt hat. Entschieden, radikal, politisch präzise.
3.
Die Rede muss also von Pedro Casaldáliga sein. Er war ein Mensch, ich möchte sagen „hingegeben“ für die Armen, auch für die indigenen Völker in Brasilien. Wo wagt man sonst noch dieses so menschliche Wort der Hingabe zu verwenden? Bestensfalls noch im erotischen Zusammenhang des Privaten. Casaldaliga war aber politisch hingegeben den anderen, weil er sie liebte, diese Vergessenen, diese für minderwertig Erklärten durch die politischen wie ökonomischen Gewalttäter, die als Verbrecher einfach so diese Armen auch abknallen können, wenn es um Landraub geht in Brasilien oder Rodungen des Waldes oder Tötung der Indigenen.
4.
Leider sind Bücher in deutscher Sprache von und über Pedro Casaldaliga nur noch antiquarisch zu haben, für ein paar Groschen möchte man sagen, werden sie verramscht, so, als wären ihr Inhalt, passé, unbrauchbar. Kein Verlag eines dieser vor Geld förmlich stinkenden Klöster in Deutschland oder Österreich bringt Bücher von und über Casaldaliga neu und aktualisiert heraus. Man veröffentlicht lieber zum hundertsten Male Bücher und Broschüren über Engel, nenen wir überspitzt einige künftige Titel: „Wie Engel den Schlaf schützen“ oder „Wie Engel helfen, das Privateigentum zu bewahren“. Mit Engeln verdienen Klöster sehr viel Geld, das weiß Anselm Grün, mit Casaldaliga Büchern oder Befreiungstheologie wohl nicht. Also: Lieber erfolgreich über Esoterik schreiben als politisch-theologische Analysen bieten. Gefühl contra Aufklärung, das ist auch „typisch“ katholisch.
5.
Pedro Casaldáliga, der Katalane, geboren 1928, kam 1968 als Priester des „Claretiner – Ordens“ nach Brasilien, in die entlegene und ärmste Gegend des Landes, nach Mato Grosso am Amazonas. Weil der Vatikan eine Art Struktur dort brauchte, wurde er 1971 zum Bischof einer „Prälatur“, also einer Kirchenprovinz schlichter Art, ernannt. Sein „Bischofssitz“ wurde der Ort Sao Felix de Araguaia.
Seinen „Bischofspalast“ hätten sich seine begüterten Kollegen in den reichen Städten Brasiliens ansehen sollen oder auch einmal eine Delegation aus Köln oder München: Das Palais war schlicht und einfach eine Hütte. Und die Tür stand offen, natürlich waren es die Armen der Umgebung, die da kamen und Rat suchten und Hilfe fanden. Der Bischof, eine „Exzellenz“ (das bedeutet ja „hervorragend“) als Mensch, nicht als Kirchenchef, empfing (immer schlank, fast erbärmlich dünn) alle in Jeans, T-Shirt und oft nur Plastiklatschen.
6.
Bischof Casaldaliga wollte nicht mit seiner Armut kokettieren, er meinte es ernst: Er war einer wie die Leute seiner Gegend. Er kämpfte mit den landlosen Bauern um die gerechte Verteilung der Ländereien gegen die Latifundien-Besitzer, die multinationalen Gesellschaften, die Beherrscher des Bergbaus, die Holz – Spekulanten usw. Und: Casaldáliga unterstützte die indigenen, „indianischen“ Völker in der Nachbarschaft, er förderte die Bildung, die Kultur, kümmerte sich um die Gesundheit der Armen. Für ihn konnte Predigt nur möglich sein, wenn sie zugleich für ein würdevolles materielles Leben sorgte. Die praktische und deswegen immer politische Sorge um die Überwindung des Hungers IST Predigt, ist Realisierung des Evangeliums. Insofern war Casaldáliga ein leiblicher, man möchte sagen „materialistisch“ engagierter „Seelsorger“. Dieses abstrakte Wort hat er nie verwendet. Er war kein „Seelsorger“, sondern schlicht Bruder seiner Mitmenschen dort, in der entlegenen, aber ausgebeuteten Ecke Brasiliens. Wegen dieser „materialistischen“ Seelsorge wurde er als Befreiungstheologe selbstverständlich von vielen sich nur „vergeistigt“ fühlenden Katholiken und Bischöfen verachtet und angeklagt; und von der Militärdiktatur verfolgt, die Brasilien terrorisierte und beherrschte, von 1964 – 1985. Seelsorger klassischer Art hat das Regime nie verfolgt, sondern begünstigt, man denke unter anderen klerikalen Kollborateuren etwa an den reaktionären Erzbischof Geraldo Sigaud svd von Dimantina und seine reaktionäre „Bewegung zur Verteidigung der Tradition, der Familie und des Privateigentums“…Die Diktatoren wollten Casaldáliga des Landes verweisen, mehrfach wurde er mit dem Tode bedroht, seine engsten Mitarbeiter erschossen… „In diesem Land Brasilien ist es leicht geboren werden und zu sterben, aber schwer zu leben“, erklärte 2012 gegenüber AFP anläßlich des TV – Programms „Nackte Füße auf der roten Erde“, von Francisco Escribano.
7.
Seine Erfahrungen im Kampf um die Menschenrechte konnte Casaldaliga in zwei landesweite Gremien übertragen, die er innerhalb der brasilianischen Kirche für die Landlosen und für den Schutz der indigenen Völkern mit anderen einrichten konnte.
Aber Casaldáliga ließ sich nicht beirren: Er blieb Befreiungstheologe. Das heißt: Für das materielle, das leibliche und kulturelle Leben der ausgehungerten Armen zusorgen, ist zentraler Auftrag der Kirche. Genauso wichtig wie die Liturgie. Und diese neue gerechte Gemeinschaft der Menschen wurde ansatzweise realisiert in den Basisgemeinden, für die er immer eintrat.
8.
Niemand wird sich wundern, wenn Casaldáliga erhebliche Schwierigkeiten mit dem Vatikan hatte, auch mit Kardinal Ratzinger damals, der von seinem barocken „grünen Tisch“ in den behüteten Palästen des Vatikans aus meinte, den spirituellen und theologischen Lebenskampf Bischof Pedro Casaldáligas beurteilen und möglicherweise verurteilen zu dürfen. Was für eine Unverschämtheit einer bestens versorgten Eminenz in ihrem Palazzo. Und erstaunlich, wie es ein offenbar leidenschaftlicher Katholik wie Casaldáliga aushielt, alle diese Erniedrigungen durch die römischen Behörden und Bürokratien zu ertragen. Vielleicht brauchte er so viel Wut oder Enttäuschung über alle diese Eminenzen und klerikalen Schreibtischtäter, um Wut und Enttäuschung seinen Kampf für die Armen umzusetzen. Nach einem dieser für ihn so enttäuschenden Aufenthalte im Vatikan, auch beim polnischen Papst, sagte er doch leicht ironisch: „Der Heilige Geist hat zwei Flügel, aber die Kirche hat stets Freude daran, eher den linken zu stutzen“. Johannes Paul II. war ja immer politisch, aber immer zugunsten der rechten Seite, siehe seine Freundschaft mit Reagan, seine Nähe zu Pinochet usw…Selbst die Gewerkschaft Solidarnosc war für ihn eine „rechte“ Bewegung..
Zurück zu den gestutzten linken Flügeln des römischen Katholizismus:
Und die wurden bekanntlich auch bei den wenigen anderen linken Bischöfen gestutzt, so dass der heilige Geist heute, nicht nur in Lateinamerika, so zusagen nur mit einem rechten Flügel herumstolpert, fliegen kann der heilige Geist ja ohne den linken Flügel nicht mehr, um im Bild zu bleiben: Man sieht in diesem treffenden Bild von Casaldáliga das für Kirche und Gesellschaft insgesamt Tödliche dieser ganzen administrativen „Maßnahmen“ der römischen Bürokraten bis heute.
9.
Und genauso bemerkenswert ist, dass dieser ausgemergelte und verfolgte Christ als Bischof so reich an spiritueller Erfahrung war und an poetischer Begabung. Casaldáliga war ein Poet. Wann wird man seine Poesie noch einmal entdecken? Wann wird man fragen: Wie konnte dieser Mann in seiner Bischofs – Hütte oder in als Gast in den Hütten der Atmen Poesie schreiben? Ist Poesie der Unterdrückten schon ein Forschungsprojekt in Deutschland?
Man lese also die noch greifbaren Casaldáliga Gedichte, die oft auch Poesie als Gebete sind. Wer Geduld hat, kann die Texte antiquarisch finden oder aus dem Spanischen, Porugiesischen oder Französischen sich übersetzen. Es könnte ja auch ein Bischof oder Kardinal hierzulande auf die Idee kommen, eine „Pedro Casaldáliga Stiftung“ zu gründen, mit der Herausgabe von Büchern zu beginnen und Konferenzen in den katholischen Akademien. Etwas Geld würden die Kardinäle schon abzweigen können von ihrem Monatsgehalt, das sich in Deutschland zwischen 10.000 und 12.000 Euro bewegt. Allein wenn man sich diese „ökonomische“ Differenz hinsichtlich des Geldvermögens von Bischöfen hier und in Sao Felix, Brasilien, zu Zeiten Casaldáligas ansieht: Man glaubt nicht, dass diese Bischöfe einer und derselben Kirche angehören. Für Casaldáliga wurde immer etwas gebettelt, über die Hilfswerke. Er war wirklich ein Bettler gegenüber seinen „Kollegen“ in Köln oder München. Aber: Casaldáliga wollte arm bleiben. Dafür nahm er die Gestalt Jesu von Nazareth zu ernst.
10.
Was bleibt? Es bleiben die Erinnerungen an seinen Lebenseinsatz, an seine Gedichte, Gebete, Erinnerungen an die Poesie von Pedro Casaldáliga:

Unsere Stunde

Es ist spät
Aber es ist unsere Stunde.

Es ist spät
Aber es ist die ganze Zeit
Die wir in Händen haben
Um die Zukunft zu gestalten.

Es ist spät
Aber es sind wirklich wir:
Diese späte Stunde.

Es ist spät
Aber es ist früher Morgen
Wenn wir darauf bestehen!

(in: Pedro Casaldáliga, „Hermano de los sin tierra“, Von J.L.Vázquez Borau, 2018, S. 98 f, Übersetzung von Christian Modehn.)

……..

Das Wort zähmen

Das Wort zu zähmen
Ist die schwierige Aufgabe
Der Stille,
des Hinhörens,
des Erwartens,
des Empfangens.

Man lernt nur sprechen,
wenn man schweigen lernt mit dem Volk.
Das Wort wird Fleisch
In der erlittenen Stille.

(zit. In Concilium, Dezember 2017, S. 612 in einem Beitrag von Emerson Sbardelotti).

……………

Die Stimme des Volkes, der Armen.

Die Stimme des Volkes,
Die Stimmen Gottes
Sie wurden verdammt.
Die Skalvenlager, sie werden beschützt,
vom Schweigen
Von Zustimmung
Vom Kartell.
Riesige Viehherden
Reiche Ackerböden
Große Straßen:
Die prächtige Zukunft Brasiliens
Wurde erbaut auf den Knochen der Tagelöhner
Vom Revolver der Ausbeuter niedergemetzelt
Vom Hunger ausgemergelt und den ständigen Lügen.

Ihr Sänger schreit,
Scheit zu Gott ihr Toten
Und heult vor Scham
Ihr armseligen Feiglinge

(Dieses Gedicht hat den Titel „Sehr eiliges Nachwort. Gegen die Sklavengesellschaft und gegen alle Großgrundbesitzer. Mit großer Wut. Aber mit noch größerer Liebe“. Aus: Pedro Casaldalga, Fleuve libre, o mon peuple, Paris 1978. Dieses Gedicht hatte ich 1979 in meinem Aufsatz für das Buch „Volksreligion“ verfasst, veröffentlicht, das von Christian Modehn zusammen mit Karl Rahner und Michael Göpfert herausgegeben wurde. Stuttgart 1979. Das Gedicht auf S. 23 f.).
……………….

Bischof Casaldáliga hat das Vater Unser neu formuliert, inspiriert von seinen Freunden, den Armen, den Menschen seines Landes rund um Sao Felix:
Vater unser der Armen.
Vater unser der Märtyrer und Folteropfer.
Geheiligt werde dein Name durch die, die im Kampf für das Leben sterben.
Geheiligt werde dein Name,
wenn die Gerechtigkeit das Maß der Dinge wird.
Dein Reich ist ein Reich der Freiheit, der Brüderlichkeit und des Friedens.
Bewahre uns vor der Gewalt, die das Leben verschlingt.
Wir werden deinen Willen tun.
Du bist Gott, der Befreier.
Wir weisen ein Denken zurück, das durch Macht korrumpiert ist.
Gib uns das Brot des Lebens, das Sicherheit schenkt,
das Brot für alle,
das Menschlichkeit bringt und die Waffen ächtet.
Verzeih uns, wenn wir voller Angst schweigen angesichts des Todes.
Lass nicht zu, dass die Korruption das Gesetz verdrängt.
Schütz uns vor der Brutalität und den Todesschwadronen.
Du bist auf der Seite der Armen.
du bist ein Gott der Unterdrückten.
Dein ist das Reich und die Herrlichkeit.
In Ewigkeit. Amen.
(Quelle: http://gebetssuche.de/vater-unser-der-armen/)
………………………….
11.
Bischof Casaldáliga hat viele Jahre unter der Parkinson – Krankheit gelitten, er hat versucht, diese Krankheit in sein Leben zu integrieren. Deswegen sprach er von „Bruder Parkinson“. Unter Schmerzen har er sich immer wieder noch zu Wort gemeldet, er hatte einen Freundeskreis weltweit, Menschen, Laien, einfache Leute, Ordensleute, die ihn schätzen, mit denen er korresponiderte. Am 8. August 2020 ist er in der Nähe von Sao Paulo, Brasilien, gestorben.
Aber noch Ende Juli 2020 unterzeichnete Casaldáliga mit 151 anderen brasilianischen Bischöfen einen kritischen Brief, bestimmt für den rechtsextremen, gleichzeitig katholischen wie evangelikalen Präsidenten Bolsonaro. Ihm wird „Unfähigkeit vorgeworfen, auf die gegenwärtige Corona-Katastrophe in Brasilien vernünftig und vor allem menschlich zu reagieren. Und vor allem die Indigenas mit seiner dummen Gesundheitspolitik zu gefährden.
12.
Die Filmsgesellschaft VERBO FILMS (geleitet von der Ordensgemeinschaft „Gesellschaft vom göttlichen Wort“, SVD) hat in Brasilien mehrere Filme über Bischof Casaldáliga realisiert und zugänglich gemacht:

Am 13., 20. und 27. Dezember 2014, also noch „vor“ Bolsonaro, strahlte TV Brasil in Partnerschaft mit dem spanischen Sender TVE und dem katalanischen Sender TVC eine dreiteilige Dokumentation (jeweils 52 Minuten) über Pedro Casaldáliga aus. Der Titel: „Barfuß über roter Erde“.
Für alle, die Spanisch lesen können, empfehle ich: „Pedro Casaldáliga, Hermano de Los Sin Tierra“. Von J.L. Vázquez Borau. 3. Auflage 2018, „independently published“. 115 Seiten. 9 Euro.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes wird abgeschafft!“

Als sich die katholische Kirche dogmatisch von der Moderne verabschiedete: Dies geschah im Jahr 1870, am 18. Juli, durch die Entscheidung von Papst Pius IX.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Papsttum „zerbröselt“ offensichtlich:
Am 14.7.2020 habe ich ein Vorwort zu dem Text unten geschrieben. Ich will auf die jüngste Publikation „The next Pope“ des bekannten sehr konservativen US-amerikanischen Autors George Weigel hinweisen, der schon jetzt, obwohl Papst Franziskus ja wohl noch lebt, das Profl des künftigen Papstes beschreibt. Dieses Buch wurde von dem New Yorker Kardinal Timothy Nolan allen Kardinälen sozusagen zur Einstimmung geschickt. Das Buch ist zudem in einem Verlag erschienen, das dem Jesuitenorden nahesteht, der „Ignatius Press“.

Das Papsttum, das sollten alle an dem Thema noch Interessierten wahrnehmen, löst sich heute zwar noch nicht von selbst ganz auf, aber es zerbröselt so langsam und systematisch. Das wird vor allem sichtbar in den bekannten, öffentlich ausgetragenen Attacken gegen den regierenden Papst Franziskus. Diese vielen polemischen Stellungnahmen aus höchstem kardinalen Munde sind bekannt. Bezeichnend ist, dass Papst Franziskus, wann immer er kann, öffentlich darum bittet, für ihn zu beten. Das ist keine fromme Floskel, sondern Ausdruck der Angst vor den allmächtigen Kurien-Leuten und Kardinälen und reaktionären Theologen. Kaum einer von denen würde offen sagen: Ich bin gegen Papst Franziskus. Aber wer auch zwischen den Zeilen lesen kann, etwa in den Druckerzeugnissen von Kardinal Müller und Co., weiß Bescheid.
Um diesen Auflösungsprozess des Papsttums heute zu begreifen, muss man an die Tatsache erinnern, dass sich der einstige Papst Benedikt XVI. nach seiner selbst gewollten Emeritierung 2013 keineswegs als zurückgezogener, vielleicht Buße tuenden Emeritus verhält, sondern wie eine Art zweiter Papst! Er wird, und das erwartet er wohl, von „seinen Kreisen“, den konservativen Katholiken, verehrt, die er dann seinerseits mit seinen Schriften und Interviews bestens bedient. „Unser Papst ist Benedikt“, man lese die entsprechenden Jubel- Beiträge seiner Fans…
Man sollte also, wenn man den Mut der klaren Analyse hätte, wirklich von einem Gegenpapst Benedikt XVI. sprechen mit seiner starken militanten Lobby um ihn herum. Zwei Päpste also, das ist total gegen die klassische Lehre vom Papsttum.
Und dieses Papsttum zerbröselt, weil die Pluralität der theologischen Meinungen selbst unter den Kardinälen nicht mehr wie einst „unter einem Deckel“ gewaltsam unterdrückt werden kann: Einst, das heißt wohl bis zum polnischen Papst Johannes Paul II., war der Papst und das Amt des Papstes wie eine Art monolithisches Imperium noch zusammengehalten. Heute ist es so weit gekommen, dass der Kardinal von New York Timothy Dolan vor kurzem das Buch eines bekannten, sehr konservativen Autors, George Weigel, an alle Kardinäle schickte. Sozusagen zur Einstimmung für die nächste Konklave, fehlt bloß noch, dass man für ein alsbaldiges friedliches Ende von Papst Franziskus betet. Der Titel des Buches von Mr. Weigel ist „The Next Pope“. Damit wird unverschämterweise, möchte man sagen, gegen das ausdrückliche Verbot des regierenden Papstes Franziskus agiert, schon „ante mortem“ ein Profil des künftigen Papstes zu beschreiben.
Selbstverständlich, Weigel nennt dabei keinen Namen. Aber der Grundtenor ist klar: So, wie unter Papst Franziskus, darf es nicht weiter gehen. Es ist sozusagen eine besondere „Feinheit“, dass dieses Buch im Verlag „Ignatius Press“ erscheint, also in einem Verlag in San Francisco, der mit dem Jesuitenorden eng verbunden ist. Der Gründer des Verlages ist ein Jesuit. Dadurch wird deutlich, dass auch innerhalb des Jesuitenordens Abstand genommen wird von dem Jesuiten – Papst Franziskus.

Diese Details zeigen, dass das Papsttum als Imperium und als monolithischer Block heute de facto nicht mehr besteht und wohl nie mehr bestehen kann: Die theologische Pluralität und die kulturelle Differenz in einer Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern vernichtet alle Uniformität und Einheitlichkeit. Und schon allein diese Tatsache der 1,3 Milliarden Mitglieder lässt doch jeden nachdenklichen Menschen meinen: Wie kann ein einziger sehr alter Herr (Papst Franziskus ist jetzt 83 Jahre alt), eine Organisation mit 1,3 Milliarden Mitgliedern „leiten“. Auch ein jüngerer Papst kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Darum: Nicht einen Papst, sondern mindestens fünf auf allen Kontinenten könnte diese Kirche gebrauchen. Aber könnten fünf Päpste auf verschiedenen Kontinenten (gemeinsam) „unfehlbar“ sein? Wohl kaum.So könnte sich das „Unfehlbarkeitsdogma“ von 1870 von selbst erledigen…
(Siehe: https://www.ncronline.org/news/people/exclusive-dolan-sends-book-next-pope-cardinals-around-world)

Man vergesse auch nicht, dass bereits Kant in seinem Text von 1793 „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ eine Regierung als „despotisch“ ablehnt, in der sich der Herrscher als ein Vater verhält, der(möglicherweise, je nach Laune) wohlwollend gegenüber seinen Bürgern ist. Diese Bürger aber werden als passive, duldsame Kinder gegenüber dem Vater verstanden. Kant sagt: „Dies ist der größte denkbare Despotismus“. Diese Äußerung Kants gilt es auf die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes zu beziehen. Papa heißt „Vater“. Die Gläubigen sind also seine „Kinder“…(Siehe: Kant, „Zum ewigen Frieden und andere Schriften“, Fischer Taschenbuch, 2008, Seite 99). Aber hätte Papst Pius IX. auf das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verzichtet, wenn er Kant gelesen hätte? Eher nicht, er wie alle Päpste wollte ja die Gläubigen als gehorsame „Kinder“. Bis heute.

Und man vergesse auch nicht, dass schon 1819, also 50 Jahre vor der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit, der reaktionäre Philosoph Joseph de Maistre in seinem Buch „du Pape“ ausdrücklich die Unfehlbarkeit des Papstes forderte. Nur mit dieser Unfehbarkeit, meine er, könnte die alte in seinem Sinne richtige feudalistische Ordnung wieder hergestellt werden… Pius IX. hatte daran geglaubt, ein treuer Schüler de Maistres…

1.
Unter den vielen Dogmen der katholischen Kirche (Dogma bedeutet: „Was ein Katholik glauben muss“) ist die „definitive und unumstößliche Lehre“ der „Unfehlbarkeit des Papstes“ eines der besonders problematischen und abstoßenden Dogmen. Vor 150 Jahren, am 18. Juli 1870, hat Papst Pius IX. diese Verfügung durchgesetzt, bekanntermaßen gegen den Widerstand vieler Bischöfe während des Ersten Vatikanischen Konzils. Pius IX. ist – gerade in höherem Alter – als ein Reaktionär in jeder Hinsicht bekannt: Als ein Feind der Moderne, also der Demokratie, der Menschenrechte, ein Gegner der freien Meinungsäußerung usw. Das kann hier nur angedeutet werden, ist aber ein Hinweis auf den absolutistischen Geist dieses obersten „Brückenbauers“, denn das bedeutet die Selbstbezeichnung der Päpste „Pontifex maximus“. Pius IX. hat keine Brücken gebaut, sondern den Katholizismus auf Dauer von der Moderne und der Aufklärung abgekoppelt. Er ist also faktisch ein Widerspruch zu seinem Auftrag.
Genauso bezeichnend ist die Tatsache: Der ebenfalls theologisch extrem konservative polnische Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 Papst Pius IX. selig gesprochen: Er darf also, zumindest regional, verehrt und als Fürsprecher im Himmel angesprochen werden, so die offizielle Lehre zu „Seliggesprochenen“. „Seliger Papst Pius IX. hilf uns, die Demokrartie zu zerstören“, könnte eine fromme Bitte heißen, vielleicht ist dies ein Tipp für katholische Rechtsextreme?
2.
Mir geht es nur um die ganz einfache, aber von katholischen Theologen in dieser präzisen Form meines Wissens nie gestellten Frage: Warum kann die katholische Kirche dieses unerträgliche Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht schlicht und einfach heute und zwar sofort abschaffen?
Als besonderes Geschenk für die Welt und die Katholiken an dem Gedenktag? Dazu wäre ja rechtlich gesehen ein Papst in der Lage. Die Abschaffung dieses Dogmas wäre dann die letzte Tat eines unfehlbar agierenden Papstes. Dann müsste der Papst erklären: „Entschuldigung, was dieser Pius IX. da mit aller Bravour und Einschüchterungen auch gegen die Bischöfe durchsetzte, ist falsch, in heutiger fortgeschrittener Theologie sowieso. Der Katholizismus ist inzwischen geistig doch etwas lebendiger geworden, so dass er sich von diesen überlebten Vorstellungen Pius IX. trennt“.
Der Papst wäre also ab sofort nicht mehr unfehlbar „in Fragen des Glaubens und der Sitten“, wie es einst hieß. Der Papst wäre dann ein Mitglied der Bischöfe unter anderen, er wäre zu einem Lernenden und Suchenden unter anderen geworden.
3.
Selbst wenn immer wieder von herrschenden klerikalen Kreisen gesagt wird: So oft haben die Päpste ja bisher gar nicht Gebrauch gemacht von dieser ihrer dogmatischen „Unfehlbarkeit in Glaubensfragen“. Dann muss man freilich nur an Tatsachen erinnern: Es gibt nämlich eine „schleichende Unfehlbarkeitstendenz in den Aussagen späterer Päpste“, vor allem bei Johannes Paul II. und seinem Chef-Theologen Kardinal Ratzinger. Der katholische Theologe Professor Norbert Scholl schreibt sehr treffend in den „Stimmen der Zeit“ 2018, wenn er sich auf die vielen anderen päpstlichen Verlautbarungen bezieht, die den Katholiken als offizielle Lehre irgendwie ständig aufgedrängt werden: „Ob Enzyklika, Motu proprio, Apostolisches Schreiben, vom Papst approbierte Erklärungen der Glaubenskongregation oder Katechismus der Katholischen Kirche: Immer wird die „willige Annahme der Lehren und Weisungen durch die Gläubigen, die ihnen ihre Hirten in verschiedenen Formen geben“, verlangt, also „religiöser Gehorsam“, „Folgsamkeit in Liebe“ oder „endgültiges Festhalten an diese Entscheidung“. Also genau die gleiche Haltung, die auch gegenüber einem Dogma gefordert wird.
4.
Die Tendenz des Papstes, diese versteckteren Formen der Unfehlbarkeit und damit der autoritäre Rechthaberei in Glaubens – und Moralfragen auszuüben, ist also auf vielfache Weise präsent und ungebrochen bis heute. Papst Franziskus hat dem heftigen Kritiker der Unfehlbarkeit, dem katholischen Theologen Hans Küng diesbezüglich auf einen Brief freundlich geantwortet, aber keine präzisen Aussagen zu einer „Abmilderung dieses Dogmas“ gemacht. Wie immer ist Papst Franziskus in einem freundlichen Ja und Nein befangen, wie es Franziskus als „Jongleur“ so liebt, weil er –diplomatisch gesehen wahrscheinlich klug – ums eigene Überleben im Vatikan besorgt ist und niemanden unter den Kardinälen dort sehr oft stark verärgern will. Das wäre vielleicht die Summe des Pontifikates von Papst Franziskus: „Weil er es allen recht machen wollte, hat er nichts so richtig recht gemacht“. Aber das ist ein anderes Thema…post mortem zu bearbeiten.
5.
Zurück zu unserer eigentlich ganz einfachen Frage: Wird dieser Papst oder einmal ein anderer Papst das Unfehlbarkeitsdogma abschaffen? Es erscheint wie ein hoher unüberwindlicher Berg, der allen Menschen die Sicht nimmt, wenn es um das Suchen nach einem vielleicht doch möglicherweise Vernunft-affinen Katholizismus geht. Aber die katholisch theologische Antwort muss LEIDER nein heißen. Es kann systembedingt keine Abschaffung eines Dogmas geben. Das System lässt dies nicht zu! Denn die katholische Theologie kann und will die über alle und alles herausragende und alles bestimmende Macht des Klerus, also auch des Papstes, nicht aufgeben. Und zu dieser Macht – Ideologie gehört auch die selbst geschaffene Überzeugung: Was wir Kleriker einmal als Dogma, als Wahrheit, definiert haben, gilt ewig. „Denn wir sind“, so behaupten sie, „die einzigen autoritativen Lehrmeister der Kirche“. Es gibt für diese sich so fühlenden Herren, was die Dogmen angeht, eine ewige Kontinuität der Lehre, keine Brüche und keine Abschiede. Diese gibt es nur sehr gelegentlich bei großen wissenschaftlichen Irrtümern, wie zum „Fall Galilei“, der Wissenschaftler wurde bekanntlich (erst) 1992 offiziell rehabilitiert. Der Trick dabei ist: Die Kleriker behaupten, über die Dogmen alles genau zu wissen: So behaupten sie: Es war ja Gott selbst, sein Geist, der – durch päpstlichen Mund – die Dogmen geschaffen hat. Und weil in diesem Denken Gott nur ewig und unveränderlich gedacht werden kann, können auch die von Gott selbst geschaffenen Dogmen nicht von Menschen abgeschafft werden. Sie können bestenfalls neu interpretiert, also in anderen Worten einen anderen Akzent setzen. Aber die einmal behauptete dogmatische Lehre muss erhalten bleiben.
6.
Es würde mich reizen, den Satz des katholischen Theologen Hans Küng zu variieren, der einmal sagte: „Die katholische Kirche hat immer mehr Parallelen zu Diktaturen. Der römischen Kurie sei es gelungen, die Bischöfe weltweit durch eine enge Beaufsichtigung und mit Hilfe von Denunzianten zu einem fügsamen Apparat zu formen, so der 84-jährige.Dieser Apparat erinnere „in seiner Machtstruktur an Leitungskader in totalitären und diktatorischen Systemen, wo auch niemand eine abweichende Meinung zu äußern wagt“. Das berichtet der ORF im Jahr 2012: (http://begegnungunddialog.blogspot.com/2012/05/kung-katholische-kirche-erinnert.html)
Man müsste dann Parallelen ziehen zu den Herrschaftsformen der Kommunistischen Parteien und ihrer Führer, die bekanntlich auch vom Glauben geleitet waren, die Wahrheit zu „haben“ und diese anderen aufzudrängen. Wer nicht spurte, wurde verbannt und hingerichtet. Der Umgang mit Andersdenkenden ist ja auch unter Pius IX. sowie vorher und nachher in der römischen Kirche nicht sanft, human oder gar jesuanisch“ gewesen. Aber diesen Vergleich totalitärer Systeme, KP und Vatikan, will ich anderen überlassen. Hans Küng ist 2012 übrigens auch nicht ins Detail gegangen. Zu viel Ärger mit Rom wollte sich der mutige Unfehlbarkeitskritiker dann doch nicht antun. Zumal er als letztlich doch strammer Katholik eben doch wohl immer noch glaubt, dass diese römische Kirche „letztlich“ eine göttliche Stiftung ist. Also etwas „Heiliges“ ist.
7.
Erst wenn sich die Überzeugung durchsetzt: Auch die katholische Kirche, auch das Papsttum selbstverständlich, ist eine Stiftung religiöser Menschen, also nicht mit einem göttlichen Glanz eines göttlichen Stifters versehen, wird sich die Unfehlbarkeitsdebatte erübrigen. Dann werden auch Kleriker, selbst Päpste, wieder „nur“ Menschen sein, Suchende, Fragende, Fehlbare.
8.
Wie wäre es also mit dem (zeitlich gesehen) letzten Dogma der katholischen Kirche, dem Dogma von der Fehlbarkeit der Päpste in Glaubens- und Sittenfragen?
Nebenbei: In Sittenfragen waren sie ja, was ihre eigene Praxis angeht, immer sehr „fehlbar“.

9.
Manchmal werden einige wenige Katholiken von Träumen erfreut. Sie sehen einen vatikanischen Günter Schabowski vor sich, der auf die Frage „Wann wird das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes abgeschafft?“, ganz einfach sagt: „Ich glaube, nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Bolsonaro treibt Menschen in den Tod“ – also ist er ein (Massen-) Mörder!

Die indigenen Völker Brasiliens werden mit den „Corona Maßnahmen“ des Präsidenen ermordet … und die Welt schaut zu.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Scharfe und klare, auch politisch radikale Worte hört man aus katholischen Kreisen Deutschlands eher selten. Nun erklärt einer der leitenden Mitarbeiter des katholischen Hilfswerkes ADVENIAT (Zentrale in Essen), Thomas Wieland, am 9.7.2020: „Mit dem Stopp der Corona-Maßnahmen in Brasiliens Indigenengebieten treibt Bolsonaro die Indigenen in den Tod. Ohne den Zugang zu Trinkwasser, Hygieneprodukten und einer angemessenen Gesundheitsversorgung sind ganze indigene Völker vom Aussterben bedroht.“
Damit schließt sich ADVENIAT der Überzeugung des weltweit bekannten Theologen und Philosophen Leonardo Boff an. Er hatte am 6.6.2020 erklärt: „Präsident Jair Messias Bolsonaro ist angesichts der rasch steigenden Corona-Opferzahlen ein Völkermörder“. Leonardo Boff rief zum Sturz Bolsonaros auf. Über diese Erkenntnisse wird man mindestens debattieren müssen.

Zweierlei ist wichtig in dieser Erkenntnis:

Wie nennt man jemanden, der andere in den Tod treibt? Nach meiner Kenntnis nennt man ihn einen Mörder. Also muss man – der treffenden Einschätzung des Lateinamerika Spezialisten – den Präsidenten Bolsonaro einen Mörder nennen, den letztlich Verantwortlichen für ein mörderisches System. Und diese Einschätzung ist seit längerer Zeit bekannt. Nur wird Bolsonaro in der internationalen Politik – auch aus ökonomischen Gründen, wegen der Holz – Spekulanten usw. – immer noch höflich, verlogen als Präsident angesprochen. Und nicht als Mörder. Wann beginnen sich die großen internationalen Konzerne sich von diesem Mörder und seinem auch ökologisch tödlichen Regime zu distanzieren? Es ist soweit gekommen, dass ich höre: Viele fromme, aber kritische Leute beten für den Tod dieses Herrn Bolsonaro. Sie üben sich förmlich in einer spirituellen Variante der alten katholisch – ethischen Lehre vom Tyrannen – Mord, vorgeschlagen u.a. von dem großen Thomas von Aquin. Aber würde „dann“ das mörderische Regime aufhören? Wohl nur, wenn seine Freunde, die evangelikalen Gemeinden mit ihren Pastoren /d.h. Millionären aufhören, solche rassistischen Typen wie Bolonaro zu wählen.
Und rein jurisisch betrachtet: Was tun Demokratien und Rechtsstaaten mit Mördern? Sie werden bestraft und eingesperrt. Geschieht aber nicht im Fall Bolsonaros, weil Brasilien – wieder mal – kein Rechtsstaat ist!

Zweitens: Ein Mord an vielen hilflosen indigenen, „indianischen“ Völkern geschieht vor unser aller Augen. Ein neuer Holokaust hat begonnen: Der erste große lateinamerikanische Holocaust startete 1492 mit der Eroberung und Plünderung der „amerikanischen Länder“, als viele „Ureinwohner“, viele Millionen „Indianer“, von den katholischen Kolonisten ermordet wurden. Nun also scheint die letzte Phase des Holocausts in Brasilien zu beginnen: Wieder sind es Christen, sehr heftige sogar, fundamentalistische, ewig Lobpreisungen und Halleluja grölende Christen. Auch konservative Katholiken, auch Erzbischöfe Brasiliens, gehören bekanntlich zu Bolsonaros, des Mörders, Freunden.

Aber zurück zu der wichtigen Presserklärung von ADVENIAT vom 9.7.2020:

„Im Amazonasgebiet haben sich bereits haben sich bereits 519.465 Menschen (nicht ausschließlich indigene Menschen) infiziert, 15.939 sind daran gestorben (Stand: 8. Juli 2020, Quelle: redamazonica.org). In Brasilien sterben Indigene doppelt so häufig an Covid-19 wie der Rest der Bevölkerung. Es wird immer wieder deutlich, dass das Immunsystem der Indigenen nicht auf einen solchen Virus vorbereitet ist und die Indigenen aufgrund der schlechten Gesundheitsversorgung deutlich häufiger an den Folgen der Infizierung mit dem Covid-19-Virus sterben“, sagt Thomas Wieland von ADVENIAT. Gleichzeitig sei die Abholzung im brasilianischen Regenwald im Schatten der Corona-Pandemie im April um 171 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gestiegen. Der rechtsextreme Präsident Jair Messias Bolsonaro hatte am 8. Juli ein Veto gegen 16 Maßnahmen eines von Parlament und Senat beschlossenen Gesetzesvorhabens (PL 1142/2020) zur Bekämpfung der Verbreitung von Covid-19 in Territorien der Ureinwohner eingelegt. Dazu gehört die Verpflichtung der Regierung, den Indigenen Trinkwasser, Hygieneprodukte sowie Krankenhausbetten zur Verfügung zu stellen. Auch gegen den erleichterten Zugang zu Sozialhilfe und gegen Hilfsgelder für die Landwirtschaft legte Bolsonaro sein Veto ein.
Bolsonaros Stopp der Corona-Maßnahmen ist auch für den Adveniat-Projektpartner Cimi, den Rat der Katholischen Kirche für die Indigenen Conselho Indigenista Missionário, fatal: „Die Vetos des Präsidenten bekräftigen die Vorurteile, den Hass und die Gewalt der gegenwärtigen Regierung gegenüber indigenen Völkern, Quilombolas und traditionellen Bevölkerungsgruppen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Cimi. Ein alarmierendes Zeichen in Zeiten der Corona-Pandemie, da Grundrechte und Garantien für das Leben traditioneller Völker verweigert würden. Der Präsident missachtet laut Cimi auch den Nationalkongress, indem er ein Gesetz stoppt, das bereits fast einstimmig verabschiedet wurde. „Diese Haltung des Präsidenten zeigt völlige Unempfindlichkeit gegenüber der gefährdeten Situation Tausender indigener und Quilombola-Familien und traditioneller Gemeinschaften auf dem gesamten Staatsgebiet in dieser schweren, lebensbedrohlichen Krise“, kritisiert der Cimi. Die ausschließlich finanzielle Rechtfertigung Bolsonaros sei aufgrund des bereits genehmigten „Kriegshaushaltes“ zur Bekämpfung der Corona-Pandemie nicht nachvollziehbar“.

(Die Presseerklärung von Adveniat fährt fort:
Gemeinsam mit seinen Projektpartnern hat Adveniat bereits mehr als 4 Millionen Euro Corona-Nothilfe geleistet – davon ging über eine Million Euro nach Brasilien. Mit dem Geld wurde zum Beispiel der Kauf von auf Essgewohnheiten und Mangelerscheinungen abgestimmte Lebensmittelpakete für die Madihadeni unterstützt. Das indigene Volk lebt am Rio Cuniuá im westlichen Amazonasgebiet. Auch für Indigene in Manaus sind mehr als 2.000 Lebensmittelpakete und Hygienekids mit Desinfektionsmitteln und Seife bereitgestellt worden.
Adveniat, das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche in Deutschland, steht für kirchliches Engagement an den Rändern der Gesellschaft und an der Seite der Armen.

Weitere Informationen zur Corona-Pandemie sowie Berichte aus den Ländern Lateinamerikas finden Sie unter: www.adveniat.de/corona.)

Christian Modehn schreibt: Man bedenke bitte: Es werden jetzt viele Milliarden ausgegeben, damit die reichen Europäer, die wohlhabenden Deutschen vor allem, auch nach der Corona-Pandemie reich und wohlhabend bleiben, dass die großen Konzerne uns bitte bestens privilegiert bleiben usw. Natürlich müssen sich Politiker um die eigenen Leute kümmern. Aber wir leben in einer WELT-Gesellschaft. Da muss ökonomischer Egoismus als Problem dargestellt werden.

Die geringe Bedeutung christlicher Solidarität für die sich doch immer noch ein bisschen christlich fühlenden Staaten der westlichen Welt wird an den lächerlichen „Milliönchen“ sichtbar, die dem Holocaust an den Indigenas in Brasilien trotzen sollen. Gegen die Macht der Konzerne in Brasilien sind europäische Politiker offenbar hilflos oder bleiben gern hilflos. Ich möchte einmal wissen, wie viele Millionen Euro die ultrakatholische PIS – Regierung in Polen zum Beispiel für Brasiliens Indigenas in Brasilien zur Verfügung stellt.

Wer eher eine Analyse zum Thema auf Englisch bevorzugt, dem empfehle ich einen Beitrag von Eduardo Campos Lima, entnommen der us-amerikanischen, kritisch-katholischen zeitschrift „National Catholic Reporter“ vom 9.7.2020:

Brazil’s Indigenous communities are being devastated by COVID-19
Amazonian region is an epicenter of pandemic

By Eduardo Campos Lima

A young Yanomami is examined by a member of a medical team with the Brazilian army in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
SAO PAULO, Brazil — Since the beginning of the COVID-19 pandemic in Brazil, Catholic organizations have warned that protective measures should be taken to keep the virus away from the country’s Indigenous population — or the consequences would be disastrous.
The surge in the number of cases among Indigenous since the end of May appears to demonstrate that the worst has happened.
With at least 367,180 cases of infection and 12,685 deaths, the Amazonian region is one of the epicenters of Brazil’s COVID-19 pandemic. The disease is not only impacting large cities such as Manaus and Belém but has also infiltrated many communities in the countryside, including the villages of traditional peoples that live in the rainforest.
The coronavirus has infected at least 6,626 members of Indigenous groups in the region and killed 157 of them. In the whole country, there are at least 9,500 cases involving Indigenous persons, with about 380 deaths, according to the Association of the Indigenous Peoples of Brazil.

The spread of COVID-19 among Indigenous groups reflects a general lack of governmental protection of their rights, said Antônio Cerqueira de Oliveira, executive secretary of the Brazilian bishops‘ Indigenous Missionary Council (known by its Portuguese acronym CIMI).
„In previous administrations, Indigenous rights were not fully secure … but at least there was some kind of dialogue with those peoples,“ Oliveira told NCR. „President Jair Bolsonaro has closed all doors and established an anti-Indigenous policy.“
Since his 2018 presidential campaign, Bolsonaro has repeatedly criticized the policy of establishing land reservations for Indigenous groups that are able to prove their historic ties with the territory they are claiming. Although it’s mandated by the constitution, Bolsonaro has claimed that Indigenous peoples already have too much land in Brazil, and promised that he wouldn’t grant any new territory to them.
At the same time, Bolsonaro has declared on various occasions that he would loosen the environmental and legal restrictions for economic activities in the country — especially in the Amazon.
Since he took office in January 2019, there has been an intensification of land invasions and destruction of the rainforest, perpetrated by illegal loggers and miners and by ranchers who want to expand their farming areas. The process often involves violence against Amazonian laborers and Indigenous.
Bolsonaro has also downplayed the severity of COVID-19, even as Brazil has the second-highest number of cases, nearly 1.7 million as of July 8, after the U.S. He tested positive for the disease July 6.

„With the pandemic, the already insufficient number of monitoring agents in the Amazon almost disappeared and invasions quickly increased,“ said Oliveira. „The intruders are not only destroying the forest and threatening the Indigenous peoples, but they’re also taking the virus with them.“
Porto Velho Archbishop Roque Paloschi, CIMI’s president, said that wildfires set by invaders also have the potential to increase the dissemination of respiratory diseases. „The removal of such intruders from the Indigenous lands is urgent,“ he told NCR.
But the governmental agency for Indigenous affairs, the National Indian Foundation, seems to be going in the wrong direction. According to Oliveira, the foundation has removed its agents from Indigenous lands that are awaiting official recognition from the government, leaving many peoples unassisted.

Young Yanomami try on protective masks as members of a medical team with the Brazilian army examine members of the tribe in the state of Roraima July 1, 2020. (CNS/Reuters/Adriano Machado)
The protection for isolated Indigenous groups — which live in the rainforest and avoid any contact with non-Indigenous people — has also been severely weakened, said Oliveira. „The doors are wide open for invaders,“ he said.
Catholic missionaries — at least the ones connected to CIMI — stopped visiting the rural villages at the beginning of the outbreak. They advised Indigenous groups to avoid contact with people from the outside and to remain in their reservations as much as possible.
But eventually, some of the members of the communities go into the city in order to receive their salaries or governmental assistance and to buy groceries. That’s when spread of the virus might occur.

„People have not been properly oriented to use hand sanitizers after leaving a store, for instance, or to always wear face masks, at least when they leave their villages,“ said Fr. Aquilino Tsiruia, a member of the Xavante people in Mato Grosso State.
„The healthcare authorities should have told the Indigenous peoples about it, but they failed to do it,“ said Tsiruia.
At least 32 Xavante people died from COVID-19, most of them in June. „The local healthcare system is very precarious, with only a handful of ICU beds available,“ said Tsiruia. „Our people has a considerable population of elders, many of whom with diabetes. Everybody is very frightened.“
Reports of a lack of physicians and equipped hospitals abound among the Amazonian Indigenous peoples. According to Oliveira, the healthcare situation has deteriorated since Bolsonaro canceled an agreement with Cuba that allowed hundreds of Cuban doctors to work in remote areas in Brazil.
The program had been created during the administration of left-wing former President Dilma Rousseff and was ideologically targeted by the far-right Bolsonaro.
„In many Indigenous reservations, the Cuban doctors were the only professionals available. Now, there’s a total absence of healthcare specialists,“ said Oliveira.
This is one of the reasons why many Indigenous people report that they have been treating COVID-19 cases with traditional healing herbs and teas.
„If we only count on regular medicines, there won’t be enough for everybody,“ said Fr. Justino Rezende, a member of the Tuyuka people who lives in the city of Santa Isabel do Rio Negro, in Amazonas state.

Rezende came down with COVID-19 in June. „The number of cases here is going up,“ he said. „Many elderly people are dying.“
Given that most villages are near small cities, the most serious cases are often taken to the state capitals, where the hospitals are a little better. Deaths occurring so far away from patients‘ families lead to other complications.
„The disease is disrupting millennium-long life systems, given that it impedes the practice of very important rituals — especially the funereal ones,“ explained Sr. Laura Vicuña Manso, a CIMI missionary. „The Indigenous groups feel deeply like they are doing something wrong when they can’t perform their traditional rites.“
Manso described the despair of a few leaders of the Karitiana people from Rondonia State when the first COVID-19 victim of their village died.
„The healthcare authorities wanted to bury the body in the city,“ she said. „In the end, after much discussion, we were able to take the body to the village, but they couldn’t perform the whole traditional ritual.“

Yanomami follow members of Brazil’s environmental agency during an operation against illegal gold mining on indigenous land in the heart of the Amazon rainforest. (CNS/Reuters/Bruno Kelly)
Alberto Brazão Góes, a member of the Yanomami people from the village of Maturacá, in the city of São Gabriel da Cachoeira, said that more than 60 people of his community have shown signs of COVID-19, but only two people have died.
„The health professionals told the families not to take the bodies to the village, but they insisted,“ said Góes. „I persuaded them to break the tradition and do a quick burial. We usually would cry for at least two days and then do a cremation. Fortunately, they agreed.“
Paloschi said the impossibility of performing their cultural rites generates serious unbalances in Indigenous societies. „It’s a turmoil in their cultural universe,“ said the archbishop. „This is a situation of real violence against them.“
Besides CIMI, local dioceses and parishes have been active in providing help to the Indigenous villages. In São Gabriel da Cachoeira, the diocese is part of a committee to deal with the disease, and one of its buildings is being used to shelter patients during treatment.
„Luckily our region began to fight the pandemic from the start,“ said Fr. Geraldo Baniwa, who lives in Assunção, an area away from the city center.
„When there’s a serious case in my community, the patient can be taken to the city and undergo treatment,“ he said. „About 80 families live here, and nobody died until now.“
Despite the growing numbers of the pandemic in the Amazon, the major cities in the region started to reactivate the economy and to loosen social distancing measures.
„There’s a considerable circulation of Indigenous peoples in the cities,“ said Oliveira. „Such an irresponsible reopening will certainly worsen the situation.“
[Eduardo Campos Lima holds a degree in journalism and a doctorate in literature from the University of São Paulo, Brazil. Between 2016 and 2017, he was a Fulbright visiting research student at Columbia University. His work appears in Reuters and the Brazilian newspaper Folha de S. Paulo.]

Quelle: Pressedienst des „National Catholic Reporter“, 9.7.2020

Dieser Beitrag wurde zusammengestellt von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kirchenmitglied sein – ohne Kirchensteuer zu zahlen

Die Kirchen in Deutschland müssen sich neu erfinden
Ein Vorschlag von Christian Modehn

1.
Noch länger sollten die Kirchen die immer höher werdenden Austrittszahlen nicht ignorieren oder nur mutlos kommentieren in immer denselben üblichen Floskeln. Radikale Reformen, die ein Überleben und vielleicht wieder lebendiges Leben der Kirchen sichern könnten, sind notwendig. Ob diese Reformationen (also nicht bloß oberflächliche „Reformen“ oder „Reförmchen“) getan werden, ist bei der Behäbigkeit der Kirchenbürokraten unwahrscheinlich. Dennoch kann ja noch einmal von den Reformationen gesprochen werden. Sozusagen als Übungen derer, die sich dem heiligen Sisyphus verpflichtet wissen.
2.
Es könnte ja sein, dass die Kirchen als Orte der Kommunikation und einer vernünftigen, reflektierten christlichen Spiritualität weiter bestehen wollen: Dann gibt es nur eine Chance, dies wurde schon hundertmal von Theologen und Soziologen gesagt, dann gibt es nur eine Chance: Ein radikaler Wandel nicht nur der Strukturen, sondern auch der klerikalen Mentalitäten und vor allem: Eine Entrümpelung der Kirchenlehre, also der Dogmatik und der Ethik, und damit eng verbunden: Eine heutige, nachvollziehbare Sprache, auch in Gottesdiensten ist die Konsequenz. „Der Herr sei mit euch“ als Grußwort in Gottesdiensten versteht heute nur noch ein gebildeter Theologe oder Historiker. „Welcher Herr denn“, fragte mich kürzlich ein Freund, „soll denn mit mir sein?“ Mit anderen Worten: Die Kirchensprache sollte nicht länger esoterisch sein bzw. mit einer frühmittelalterlichen Sprachwelt verbunden bleiben.
3.
Die Zahlen, eine Erinnerung:
Immer mehr Christen in Deutschland geben ihre Kirchenmitgliedschaft auf: Im Jahr 2019 sind mehr als eine halbe Million Mitglieder der evangelischen und katholischen Kirche aus den Kirchen ausgetreten. Sie sind in die Amtsstuben staatlicher Behörden gegangen und haben dort in einem gar nicht spirituellen, sondern sehr nüchternen, wenn nicht banalen Akt gegen eine Gebühr ihren Kirchenaustritt erklärt. Basta. Kirchenaustritt und Aufkündigung, die Kirchensteuer zu bezahlen, sind bekanntlich identisch. Und keine Kirchengemeinde oder gar ein Bischof interessiert sich für den „Ausgetretenen“, kein Kleriker fragt nach. Ist ja auch egal, noch geht es den Kirchen (materiell) sehr gut… Und eine Nachfrage, ein Interesse, wäre bei der hohen Anzahl der Ausgetretenen auch zu viel verlangt?
4.
Mehr als eine halbe Million Kirchenmitglieder allein im Jahr 2019 weniger: Wenn dieser Trend anhält, und alles spricht dafür, werden in 10 Jahren die Kirchen mindestens 5 Millionen Mitglieder durch Austritt verloren haben, ganz abgesehen von den „Sterbefällen“ der ohnehin älteren Mitglieder. Natürlich werden einige Beobachter zurecht froh sein, wenn die bestens ausgestatteten Kirchen in Deutschland mit ihren prächtig bezahlten Bischöfen (z.B.: Monatsgehalt von Kardinal Marx, München: 11.500 Euro) dann auf Macht, Privilegien und Einfluss wohl verzichten müssen. Das wäre theologisch gesehen auch eine gute Entwicklung, wenn die Kirchen sich wieder etwas dem Vorbild, dem armen Jesus von Nazareth annähern, den auch die Bischöfe bekanntlich als „Kirchengründer“ verehren.
Andererseits gibt es auch einige Soziologen und Theologen, die den allgemeinen und prinzipiellen menschlichen Wert von Kirchen-Gemeinden als Orten des Zusammenseins unterschiedlicher Menschen hoch einschätzen. Und den Zusammenbruch solcher kommunikativen Orte (schon heute) sehr bedauern. Dass Kirchengemeinden auch Räume einer kritischen, reflektierten Spiritualität sein sollten, ist für mich selbstverständlich, aber eben einer kritisch – reflektierten christlichen Spiritualität, jeglicher christliche Fundamentalismus, jegliches charismatisch-naive Verhalten ist für mich ausgeschlossen.
5.
Der zentrale Vorschlag: „Du brauchst keine Kirchensteuer mehr bezahlen und trotzdem Mitglied der Kirche bleiben!“
Also: Jeder und jede kann Kirchenmitglied bleiben, auch wenn sie keine Kirchensteuern mehr zahlen wollen. Und die Kirchen und ihre Gemeinden freuen sich darüber. Weil ihnen das Dabeisein spirituell interessierter Menschen wichtiger ist als die Tatsache, dass diese als Christen auch die staatlich eingezogene Kirchensteuer bezahlen. Auf den Geist, die Gemeinschaft, kommt es dann den Kirchen an, nicht aufs Geld. Welch ein Kontrastprogramm inmitten der kapitalistischen Gier. Die Gemeinden und Kirchenleitungen freuen sich also über diese endlich vollzogene Entkoppelung von Kirchenmitgliedschaft und Kirchensteuer, weil sie eben wirklich gern finanziell ärmer ausgestattet sind, aber menschlich und spirituell eine große Weite und Großzügigkeit leben.
6.
Es muss also jetzt in dieser Zeit eines beginnenden Untergangs der so genannten Volkskirchen die Möglichkeit gegeben werden, eine Variante zur bisherigen absoluten Verklammerung von Mitgliedschaft und Kirchensteuer-Zahlung zu realisieren. Und zwar sehr schnell, alsbald, weil es sich ja in der Sicht der Kirchenleute selbst um die Einschränkung einer „Katastrophe“ handelt. Davon sprach etwa Gabriele Höfling am 19.7.2019 auf der (offiziell katholischen) website katholisch.de bezogen auf die Ergebnisse Austritte im Jahr 2018. Verwendet wurde neben „Katastrophe“ treffend auch die Qualifizierung „Desaster“.
7.
Es wäre dann im Laufe der Zeit zu prüfen, ob diese Möglichkeit einer alternativen Kirchenmitgliedschaft (ohne Kirchensteuerzahlung !) von den „Austrittswilligen“ angenommen und entwickelt wird. Es muss damit gerechnet werden, dass sogar viele, die nicht an einen Kirchenaustritt direkt dachten, dann doch diese Variante „Kirchenmitglied ohne Kirchensteuer-Zahlung“ bevorzugen. Wäre das schlimm? Spirituell gesehen auf keinen Fall!
7.
Mit diesem „alternativen Modell“ der Kirchenmitgliedschaft wird sich selbstverständlich ein Umbau der Strukturen der Kirchen wie von selbst vollziehen müssen: Die Gehälter der Pfarrer werden sinken, die großen Apartments und Dienstwohnungen der Bischöfe, Kirchenräte, Ordinariatsräte usw. werden aufgegeben müssen zugunsten kleinerer billigerer Wohnungen. Die alten schönen Behausungen, Paläste, werden teuer vermietet. Es wird also ein ganz anderes Finanzierungs-System der deutschen Kirchen realisiert. Das finanzielle Niveau der Kirchen in Deutschland wird sich etwas dem Niveau anderer europäischer Kirchen anpassen. In Frankreich erhält ein Bischof ein Monatsgehalt von 1.300 Euro. Europäische Kirchensolidarität könnte so real werden.
8.
Noch wichtiger: Die Gemeinden, nun freiwillig etwas verarmt, bieten nun, im Geiste aber erneuert, reformiert, viel Raum für Initiativen verschiedener Art, spirituell, sozial, politisch usw. Wenn es so ist, dass viele der „Ausgetretenen“ auch mit den dogmatischen Lehren und ethischen Weisungen der Kirchenführung nicht einverstanden waren, dann wird man als Gemeinde und Kirche dies respektieren und sie einladen, wo sie nun in der Kirche bleiben wollen, dass sie ihre eigenen Ideen gestalten und durchsetzen. So kann gemeinsam auch eine reformierte, „verschlankte“, auf das Wesentliche begrenzte Theologie und Dogmatik entwickelt werden.
9.
Keine Gräben ziehen zwischen Glaubenden und Atheisten
Dies scheint mir dringend zu sein, dass die Christen endlich aufhören, sich gegenüber den so genannten Atheisten, Skeptikern, Humanisten, „Ausgetretenen“ abzugrenzen. Wichtiger ist: Alle Menschen, was sie auch immer glauben, (auch Atheisten glauben ja an etwas, an das Nichtvorhandensein Gottes z.B.), sind zuerst Menschen. Sie haben die Humanität gemeinsam, sicher auch eine gemeinsame philosophische Haltung des Humanismus.
10.
Christliche Gemeinden sollten darum auch offene Gesprächsforen sein für Atheisten, Skeptiker usw. Christen sollen entdecken, was sie von diesen Menschen lernen können. Vielleicht sind sie „Fremd-Propheten“, wie der katholische Theologe Edward Schillebeeckx sagte, also „Propheten“ für die Christen, die eine neue Fraglichkeit erzeugen, und damit eine neue Lebendigkeit.
11.
Eine Zusammenfassung: Sie wurde angeregt durch die Ausführungen von Malte Lehming im „Tagesspiegel“ vom 5.7.2020, Seite 4.
Fromme Christen stehen nicht automatisch frommen (was heißt das schon) Muslimen näher als etwa den Atheisten, wie Malte Lehming vermutet. Nein: Alle Menschen stehen als Menschen einander nahe und schätzen sich als Menschen, wenn sie denn die Menschenrechte als die oberste Norm für ihr Leben anerkennen.
12.
Entscheidend ist also: Was den Zusammenhalt einer Gesellschaft und eines Staates leistet, ist nicht zuerst die unterschiedliche religiöse Überzeugung. Entscheidend und an oberster Stelle stehen die universal geltenden Menscherechte, die Vernunft und der Respekt des demokratischen Rechtsstaates. Erst danach, an zweiter Stelle der Relevanz, kommt, förmlich als private Überzeugung, der je unterschiedliche religiöse Glaube. Und der kann nur so lange öffentliche Geltung beanspruchen, als er eben die universal geltenden Menschenrechte und den demokratischen Rechtsstaat respektiert.
13.
Ökumene unter Christen, Juden, Muslimen ist theologisch interessant, weil da Unterschiede deutlich werden in den Dogmen usw.. Aber diese Ökumene hat vor allem Sinn, wenn alle drei Religionen erkennen: Nicht unser unterschiedlicher Glaube, sondern unser Menschsein im Sinne der Menschenrechte verbindet uns. Und die Vernunfterkenntnis befreit uns alle von Glaubenstraditionen, die dem heutigen Empfinden von Menschlichkeit widersprechen…Eine Ökumene von drei fundamentalistischen Religionen wäre ein Horror. Erst müssen Religionen sich durch Vernunfterkenntnis vom Fundamentalismus befreien, dann können sie miteinander beten und plaudern.
13.
Insofern haben diese Kirchensteuer/Kirchenaustritts-Debatten auch zu einer tieferen Erkenntnis der Rolle der Kirchen, Weltanschauungsgemeinschaft und Religionen im Staat gebracht: Religionen stehen gegenüber den Menschenrechten an zweiter Stelle. Das heißt: Keine religiöse Weisheit, kein religiöses Prinzip, kann beanspruchen, unmittelbar als solche politische und gesetzliche Geltung zu haben.
14.
Am wichtigsten ist: Wer aus der Kirche austritt, nimmt nicht unbedingt „Abschied von Gott“, wie der Titel von Malte Lehming suggeriert. Im Gegenteil: Wer aus der Kirche austritt, sucht seinen eigenen Gott, weil der offiziell verkündete und von den Kirchen gelebte „Gott“ leider irgendwie „passé“ ist. Vielleicht aber findet er ihn in den Kirchen doch wieder, wenn Kirchen Orte der Freiheit des Geistes werden.

Copyright: Chrisian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophie und der Rassismus: Perspektiven zum akuellen Aufstand für die Würde aller Menschen!

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der Mord an George Floyd durch den (weißen) Polizisten Derek Chauvin (und seine Kollegen beobachten) bewegt Menschen weltweit, versetzt sie in Trauer und Wut. Auch viele Weiße demonstrieren gegen den weit verbreiteten Rassismus und damit gegen Rassisten. Wer protestiert, fühlt sich mit den seit Jahrhunderten verachteten und unterdrückten Schwarzen in den USA (und nicht nur dort) verbunden.
Präsident Trump zeigt keine Empathie für die Familie des Opfers und wohl auch für die Schwarzen insgesamt. Sie werden von vielen Weißen, vor allem in der Polizei, immer noch a priori eher als potentielle Verbrecher, als „Minderwertige“, verdächtigt und so behandelt. Sie geraten eher in den „Würgegriff“ der Polizisten, die sich dabei wie die „Herrenmenschen“ benehmen … und von Richtern (auch sie „Herrenmenschen“?) trotz aller Untaten freigesprochen werden… Diese Tatsachen sind seit Jahren bekannt und sie werden nun ausführlich in der kritischen Presse dokumentiert. Wird die us-amerikanische Gesellschaft, werden der Staat, die Gerichte, nun „Rassismus – frei“? Das hängt auch davon ab, ob Mister Trump Ende des Jahres in Pension geschickt wird.

2.
Welchen Sinn haben philosophische Überlegungen in dieser Zeit eines immer noch aktiven Rassismus und einer neuen anti-rassistischen Bewegung?
Philosophische Überlegungen sind gegenüber der Faktenfülle anderer Wissenschaften an allgemeinen Erkenntnissen interessiert. Diese sind alles andere als überflüssig oder bloßer Luxus, weil Menschen immer auch als einzelne sich allgemeine Erkenntnisse zunutzemachen. Weil eben jeder einzelne „Teil“ eines Allgemeinen, eines allgemein- menschlichen Zusammenhangs ist, eben des allgemeinen Geistes, um eine Erkenntnis von Hegel zu variieren…
Die anti-rassistische Bewegung jetzt und früher zielt auf strengen Respekt für die universal geltenden Menschenrechte; auf scharfe Kontrollen, z.B. welche Leute überhaupt in den Polizeidienst eintreten dürfen; zielt auf bessere Bildung in den Schulen über die Wurzeln des Rassismus,; vor allem auf Begegnungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Die – auch ökonomische – Spaltung der Gesellschaft in Weiße und Schwarze, in Weiße, Asiaten und Latinos, etwa in den USA aber auch weltweit, ist eine Schande der Menschheit im 21. Jahrhundert. Dieses Nebeneinander ist de facto von der herrschenden weißen Führung gewollt, das Nebeneinander ist längst zu einem – internationalen – sozialen, menschlichen Gegeneinander geworden.

3.
Und wenn man auch an die Religionen und Kirchen, etwa in den USA denkt: Da ist es doch sehr problematisch, dass es explizit Kirchen für Schwarze (etwa Baptisten in den Südstaaten) und Weiße (vor allem bei Lutheranern, Evangelikalen etc) gibt bzw. wegen der immer noch tiefsitzenden „Rassentrennung“ geben muss. Indem die Kirchen ihrerseits in gewisser Weise die Rassentrennung noch heute praktizieren, zeigen sie mindestens indirekt, dass diese Trennung sozusagen auch unabwendbar, „gottgewollt“ ist. Man wird wohl sagen müssen, dass in den USA am ehesten die katholischen Gemeinden Orte „rassenübergreifenden“ Glaubens sind. Dabei sollte man nicht vergessen, wie tief in die Religions- bzw. Kirchengeschichte die Wurzeln des Rassismus reichen. Man denke an die Verteufelung von Juden und Muslims in Spanien, aber auch an die Degradierung von Christen in muslimischen Ländern. Man denke an den Teufelsglauben und damit an Menschen, vom Teufel besessen, ein Wahn, der heute noch praktiziert wird. Man denke an die vielen Teufelspredigten von Papst Franziskus; an die ständigen Kurse für Exorzisten an päpstlichen Universitäten, etwa durch den Orden der Legionäre Christi usw.): Der Teufel ist jenes Wesen, das Feinde definiert, die am besten ausgelöscht werden sollten…etwa Hexen, Häretiker, Juden…

4.
Hier geht es um eine, wie für Philosophien übliche, grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich im menschlichen Geist, also im „Innersten“ des Menschen selbst, die „Basis“ für ein Verhalten, das sich auch rassistisch äußert:
Philosophisch ist zunächst klar: Geistige Orientierungen drücken sich in Gesetzen aus, in Wirtschaftsformen usw. So sehr ökonomische Bedingungen das Zusammenleben auch prägen, so sehr muss elementar anerkannt werden: Diese ökonomischen Bedingungen in ihrer Konkretheit sind Werk und Ausdruck menschlichen Geistes, menschlicher Vernunft bzw. sehr oft der Unvernunft. Insofern sollte die geistige Orientierung in ihrer Notwendigkeit, diese sichtbar, „materiell“, gesellschaftlich auszudrücken, sehr hoch eingeschätzt werden. Die kapitalistische Gesellschaft ist also wie jede Gesellschaft, wie jedes gesellschaftliche „Produkt“, Ausdruck und „Resultat“ geistiger Prozesse. Das scheint mir philosophisch evident zu sein. Das gilt auch, um den Rassismus zu verstehen.

5.
Rassismus sollte als ein Oberbegriff für vielfältiges Verhalten wahrgenommen werden: Rassismus zeigt sich nicht nur als Degradierung der Schwarzen; sondern auch als Antisemitismus, als Homophobie und als Anti-Islam-Haltung, Anti-Sinti/Roma-Haltung, als gewollten Ausschluss der Armen und Obdachlosen aus der Gesellschaft und so weiter.
Mit anderen Worten: Es muss also angesichts der Fülle dieser ANTI-Haltungen gefragt werden: Warum ist unter Menschen die Bereitschaft so stark, andere Menschen auf die Ebene des Feindes, des „Unmenschen“, herabzusetzen, anstatt den anderen und die anderen als gleichberechtigte Partner zu sehen und zu respektieren.
Warum wird der andere nicht als Teil des Eigenen gesehen, warum wird so selten gesagt und entsprechend gelebt: Der andere, er, sie, gehören zu mir, in gewisser Hinsicht: Sie sind wie ich. Warum werden „andere“ aus der eigenen Welt ausgeschlossen, verachtet, diskriminiert, getötet. Warum fühlen sich einige Menschen als Herrenmenschen und machen aus den anderen noch immer nicht nur die „Untergebenen“, sondern die Sklaven, selbst wenn dieser Begriff nicht mehr verwendet wird, der Sache nach aber gilt…

Hegel hat darauf eine Antwort, den Hinweis eines Auswegs, einer Befreiung vom Rassismus: Wir Menschen alle sind in gewisser Hinsicht (ich betone mit Hegel: in gewisser Hinsicht !) identisch. Wir sind insofern „alle“ untereinander und mit einander verbunden und darin identisch, weil wir alle mit dem Geist, der Vernunft „ausgestattet“ sind. Das macht den „unendlichen Wert“ des Menschen als Menschen aus. Diese allen gemeinsame Vernunft kann uns in kritischer Reflexion, auch in selbstkritischer Reflexion, orientieren und gerechte Gesetze hervorbringen.

6.
Unser Thema betrifft natürlich auch die psychologische und die soziologische Forschung.
Aber eben auch die Philosophie. Da könnte man ausführlich rassistische Vorurteile bei „berühmten“ Philosophen besprechen, bei Kant oder bei Hegel, bei Nietzsche oder Heidegger. Das ist eine wichtige Arbeit, die z.T. bereits geleistet wird. Etwa wenn an John Locke erinnert wird, der sagte: „Der Mensch ist eine weißes, rationales Lebewesen“(zit. in „Enzyklopädie Philosophie“, III, S. 2194). Kant meinte gar, „die Weißen seien die einzigen, die immer in Vollkommenheit fortschreiten“ (ebd., S. 2196). Wird wegen dieser kulturell begrenzten falschen Aussage aber Kants Erkenntnis zum „Kategorischen Imperativ“ hinfällig? Ich denke: Ganz und gar nicht. Irgendwo muss die Begrenzung eines Lebens in der Welt Königsbergs im 18. Jahrhundert (!) deutlich werden. Nietzsche betrachtete „die Neger als Repräsentanten des vorgeschichtlichen Menschen“ (ebd. 2198). Inwieweit dieses Zitat in Nietzsches Lehre vom „Übermenschen“ passt, kann hier nicht weiter diskutiert werden.

7.
Philosophen haben also in ihrer Zeit zu unserem Thema viel Unsinn gesagt. Soll man sie entschuldigen, dass sie eben zu sehr in ihre Zeit, in ihre herrschende Kultur, eingebunden waren? Aber es gab doch einige Denker, die den imperialen, tötenden Wahn der Rassisten erkannten, anklagten und z.T. überwanden: Wie der Theologe Bartolomé de las Casas, der sich für Menschenwürde der indigenen Völker einsetzte. Das heißt, die rassitische Welt war damals schon (im 16. Jahrhundert) „gebrochen“, keineswegs selbstverständlich. Wer wollte, und bereit war, seine Karriere in dieser Welt zu beschädigen, konnte mutig ein Anti-Rassist sein. Es gab einige, die befreiten sich langsam vom Rassismus, selbst wenn etwa Las Casas den Fehler machte, Schwarze aus Afrika auf die amerikanischen Planatagen zu bringen. Ein Fehler, den er später ausdrücklich bedauerte…

8.
Mir scheint ein anderes, grundlegenderes philosophisches Thema noch wichtiger. Die Beziehung eines Menschen zum anderen Menschen, zum „Anderen“, ist die Basis, von der aus das weite Feld des sich sehr vielfältig äußernden Rassismus zu verstehen ist?
Der Mensch ist immer schon und vornherein Beziehung und damit auch Kooperation. Nur in der Beziehung und ALS Beziehung entwickelt sich das Individuum. An die „Genese“ des einzelnen Menschen müsste jetzt erinnert werden: Er entstammt immer einer Beziehung von zwei Personen, selbst der anonyme Samenspender ist als anonymer Vater immer noch Ausdruck für eine minimale Beziehung. Von der Beziehung zur Mutter, zu den Eltern, den Verwandten wäre zu sprechen, von der Schule als einem Ort beziehungsreicher Bildung usw. Ein total isolierter Mensch ohne irgendeine Verbundenheit mit anderen Menschen ist absolut unmöglich. Der Mensch als Beziehung: Das wäre, wenn man so will, eine Definition „des“ Menschen…Und weil jeder Mensch nur in Beziehung lebt, ist es tödlich für Geist und Seele des Menschen, diese Beziehung als Herrschaftsform mit „Herrenmenschen“ zu pervertieren. Rassismus ist insofern eine Art Suizid der Herren: Sie töten die „anderen“ und zerstören sich selbst. Der Rassist tötet sich selbst, tötet seine Seele, sein Menschsein.

9.
Da können kluge Kritiker nichts mehr einwenden, wenn sie auch in dem Fall den alt bekannten, viel zitierten Spruch sagen: „Aus einem Faktum (also: Bindung des einzelnen an die anderen von vornherein) folgt kein Sollen, also kein ethischer Impuls“.
ABER: Dieses beschriebene unverzichtbare Hineingestelltsein jedes einzelnen in ein notwendiges (auch biologisches) Beziehungsgeschehen ist tatsächlich zunächst als Faktum weder gut noch böse. Es ist der neutrale, faktische Ausgangspunkt jeglichen individuellen Lebens: Wir sind automatisch und unausweichlich in die Beziehung zu anderen hineingestellt. Aber wir müssen diese Beziehung im Laufe des Lebens gestalten. Und dann beginnen die Fragen: Ist diese Gestaltung der Beziehung zu anderen gut oder böse? Diese normativen Fragen können gar nicht ausbleiben. Sie haben ihren zentralen Platz, ganz aktuell, in der Erkenntnis, dass die meisten Menschen die Ermordung (etwa von George Floyd) als ein abscheuliches Verbrechen betrachten.
Wer diesen normativen Aspekt nicht einsieht, dem empfehle ich den kategorischen Imperativ von Kant anzuwenden und dann beispielsweise konkret zu behaupten: „Meine Maxime im Leben ist, dass Menschen im Würgegriff ermordet werden dürfen: Also auch ich darf im Würgegriff ermordet werden von der Polizei, auch der Polizist Chauvin darf auf diese Weise ermordet werden. Dass aus dieser meiner Lebens-Maxime als Haltung ein permanenter Bürgerkrieg entsteht, nehme ich in Kauf“.
Wer will im Ernst eine solche Maxime unterstützen, die aus der Reflexion auf die normative Ablehnung des Mordes an George Floyd folgt… Rassisten leben selbst-widersprüchlich. Sie sind insofern geistig verwirrt. Und krank.
Man sieht: Die Abwehr gegen das Töten von George Floyd ist vernünftig und allgemeingültig für eine Menschheit, die sich noch als human betrachtet. Antirassismus ist vernünftig und ein evidentes Gut der Menschheit. Antirassismus ist also alles andere als eine Laune bestimmter Kreise. Antirassismus ist gut.

10.
Philosophisch genauso wichtig ist die Erkenntnis: Jeder Mensch wird in eine bestimmte Sprache hinein geboren. Dabei zeigt sich auch die Grenze der viel besprochenen Autonomie: Ich werde – ohne meine Entscheidung – in die deutsche Sprachwelt hineingeboren, auch wenn ich möglicherweise parallel – z.B. durch einen französischen Vater – zugleich noch Französisch lernen kann: Mit dem notwendigen und gar nicht mehr abzuwerfenden Hineingestelltsein in eine Sprache werde ich sozusagen automatisch mit der Welt der anderen verbunden. Wir teilen uns diese gemeinsame Sprache, leben in den gleichen Begriffen, die ja auch von einem gemeinsamen „Inhalt“ bestimmt sind.
Diese „von uns“ geteilte Sprachwelt kann aber missbraucht werden, wenn bestimmte Leute beanspruchen, nur sie allein können die Inhalte der gemeinsamen Sprachwelt und der mit ihr vermittelten Werte definieren und als Werte durchsetzen. Das gelingt um so eher, als diese Leute ihren ökonomischen Vorteil ausnützen, wenn sie sich besser und umfassender bilden können als andere. Und dann diese „ungebildeten“ Anderen zu den „Untergebenen“, „Zweitklassigen“ machen.
Das heißt: Rassismus wird nur in einer Gesellschaft überwunden werden, die keine tiefen Spaltungen von ökonomischen Klassen kennt. Die Debatte über ökonomische Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist die notwendige Konsequenz aller antirassistischen Demonstrationen. Und diese Debatten werden mehr Mühe kosten als das Demonstrieren jetzt.

11.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass die reichen Länder des Nordens schon durch ihre Wirtschaftspolitik und „Entwicklungspolitik“ arme Länder im Süden auch heute eher als zweitklassig, wenn nicht als minderwertig betrachten. Man denke nur daran, welche Milliarden Euro deutsche Firmen etc. vom Staat erhalten. Einer internationalen, menschlichen Gemeinschaft hätte es gut angestanden, auch einige Milliarden den Ärmsten in Afrika zur Verfügung zu stellen…
Man denkt in Europa immer noch: Im Süden leben Menschen, die eigentlich eine gerechte humane Situation, wie die Menschen im Norden sie erleben, gar nicht „brauchen“. Sie seien mit so wenigem zufrieden, brauchen keine gründliche Bildung, keine würdigen Wohnungen, kein sauberes Wasser und so weiter. Die Armen im Süden seien schon mit einer Schale Reis pro Tag zufrieden. Mit diesem Bild haben Solidaritätsbewegungen auch der Kirchen jahrelang Spenden sammeln wollen. Dieses herablassende Denken und Handeln gegenüber den Armen im Süden kann durchaus auch rassistisch genannt werden. So wie früher viele Westdeutsche den Ostdeutschen, den Verwandten „drüben“, oft nur Minderwertiges in ihre Pakete aus dem Westen steckten: Nach dem Motto: „Na ja, für die da drüben ist das noch gut genug“.
An diesen stillen Rassismus auch im Verhalten des reichen Nordens gegenüber dem meist armen Süden haben sich so viele in dieser verrückten Welt-Un-Ordnung gewöhnt; er verdient genauso viel Aufmerksamkeit wie der spektakuläre mörderische Rassismus jetzt wieder in den USA.

12.
So verbirgt sich Rassismus in unterschiedlichen, z.T. verdeckten Formen im Umgang der Menschen untereinander. Erst wenn sich bestimmte herrschende Individuen von der Ideologie befreien bzw. sich befreien lassen und von anderen befreit werden, sie seien „die Herrenmenschen“, kann eine humane Welt mit weniger Rassismus entstehen.
Wer denkt übrigens daran, bestimmten Männern, die sich Politiker nennen, wie Trump, Bolsonaro usw. eine Psychotherapie dringend zu empfehlen? Solange sie an ihr teilnehmen, sind sie von ihren Ämtern befreit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Korruption im Katholizismus – verursacht von der katholischen Moral, den Kirchengesetzen und der Dogmatik.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich lasse mich von einem berühmten Titel von Max Weber inspirieren: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Dazu hat sich Weber bekanntlich in viel-beachteten Studien geäußert. Wichtig ist ihm dabei die Freilegung eines Begründungszusammenhangs: Protestantische Ethik (von Calvin inspiriert) ist eine der Ursachen für die Entwicklung und Herrschaft des „Geistes des modernen Kapitalismus“ .

Es wird die These zur Diskussion gestellt: Die Führung der Katholischen Kirche ist durch ihre Moral, Gesetzgebung und Dogmatik so tief mit dem Geist des Kapitalismus und dessen Praktiken verbunden, dass sie sich der Korruption kaum entziehen kann. Dabei wird impliziert, dass Korruption im kapitalistischen Wirtschaften in gewisser Hinsicht (sehr) oft „üblich“ ist. Und diesen üblichen Verhältnissen im Kapitalismus können sich (und wollen sich) selbst Kleriker, die oft das Gelübde der Armut „abgelegt“ haben oder sich als spirituelle Vorbilder präsentieren, kaum entziehen. Wer eine mächtige, starke, gesellschaftliche einflussreiche katholische Kirche will, mit tausenden, bestens ausgestatteten Behörden, Schulen, Ämtern usw. braucht viel Geld, wissen diese Kirchenführer, und zu diesem „sehr vielen“ Geld kommen sie oft nur auf dem Wege korrupten Verhaltens.

In der DDR sprachen führende Repräsentanten der Evangelischen Kirche dort von „Kirche im Sozialismus“. Sie meinten dies vor allem als Ortsbeschreibung, nicht als Hinweis auf eine Verquickung der Kirche mit dem Sozialismus à la DDR.

Jetzt ist also die Rede von „Kirche im Kapitalismus“, der Titel meint anderes: Gemeint ist eine Kirche, die sich den Gepflogenheiten des Kapitalismus nicht entziehen kann und will, sie ist „eingebunden“ in die Korruption, die auch den Kapitalismus beherrscht.

Damit wird auch ein anderes Thema berührt: Wie könnte – sozusagen utopisch betrachtet – eine Kirche aussehen, die sich den jesuanischen Geboten der Einfachheit, Schlichtheit, der Armut und des „Machtverzichtes“ verpflichtet wüsste. Wer dieses Thema anspricht, beginnt zu ahnen, wie weit auch heute Kirchen entfernt sind von einer Gemeinschaftsidee, „Kirche“, die Jesus von Nazareth mit seinem Kreis lebte und die vielleicht noch im 1. und 2. Jahrhundert für die ersten Gemeinden gültig war …und dann später nur noch gebrochen, marginal, in einigen Gestalten (Franz von Assisi, Petrus Valdes, Jan Hus) gelebt wurde. Diese Genannten, Heiligen, wurden bezeichnenderweise von der Kirchenführung eingeschränkt bzw. verfolgt und getötet.
Der Katholizismus ist bei diesem Thema kein Einzelfall: Alle Religionen heute lassen sich als „Religionen im Kapitalismus“ definieren. Man denke im christlichen Bereich nur an die evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen weltweit, man denke nur an korrupte evangelikale Gründergestalten und Führer von Pfingstgemeinden: Sie haben ihre oft armen Gemeindemitglieder zu maßlosem Spenden aufgefordert und sind dabei zu Millionären geworden. Dies wird sichtbar in den schon längst dokumentierten evangelikalen bzw. pfingstlerischen Kirchen etwa in Nigeria oder Brasilien.

Und es wird nicht behauptet, dass schlechterdings alle Verantwortlichen im Katholizismus von der Korruption betroffen sind.
Hier werden „nur“ katholisch geprägte Mentalitäten freigelegt, die die Korruption unter Katholiken, vor allem im herrschenden Klerus, fördern und bewirken.

Meine Hinweise haben zwei Teile:

Erstens: Die tatsächliche Korruption im heutigen Katholizismus, aufgezeigt an nur einigen wenigen zentralen Erfahrungen und Personen.

Zweitens geht es um eine inhaltliche Erhellung der Tatsache, dass Korruption im Katholizismus einen spezifischen spirituellen und theologischen Grund hat: In diesen Hinweisen zeigen sich sozusagen die Anregungen von Max Weber. Da muss also von der traditionellen katholischern Moral und Dogmatik sowie vom Rechtssystem, wie sie von der Kirchenführung vertreten werden, die Rede sein. Es muss sozusagen die entscheidende „innere“ Voraussetzung der Korruption in der katholischen „Lehre“, „Theorie“ bzw. Ideologie freigelegt werden.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn dieses Thema, auch von Soziologen und Religionswissenschaftlern ausführlicher untersucht werden könnte. Den Theologen selbst traue ich diese kritische Leistung nicht zu, weil sie immer noch zu stark gebunden und abhängig sind von der Kirchenführung. Ob durch diese Bindung der Theologie an die letztlich alles bestimmende Hierarchie (Bischöfe, Papst) diese Theologen selbst schon korrumpiert werden, indem sie bestimmte „gefährliche“ Themen gar nicht erst öffentlich diskutieren aus Angst vor Entlassungen und finanzieller Not, ist eine weitere grundlegende Frage.

1.Einige Fakten

In allgemeinen Korruptionsstudien, etwa auch von NGOs, werden die Kirchen als Organisationen der Korruption nicht eigens dokumentiert. Das ist bedauerlich! Auch in einem der wenigen Aufsätze in katholischen Zeitschriften zum Thema kommt Korruption in der katholischen Kirche nicht vor, so in dem Aufsatz in „Stimmen der Zeit“ 2014. (https://www.herder.de/stz/hefte/archiv/139-2014/2-2014/integritaet-wider-dunkle-geschaefte-transparency-international-und-der-kampf-gegen-korruption/).
„Transparency International“ (T.I.) nennt auf seiner deutschen Website 20 so genannte “Risikofelder“ für Korruption, darunter sehr richtig auch den Sport,. T.I. nennt aber nicht die Kirchen. Dass damit die Kirchen von Korruption in der Sicht von T.I. freigesprochen werden, ist natürlich ausgeschlossen.

Ich übernehme von „Transparency International“ die allgemeine knappe Definition: „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“.

Nun sind in den letzten Jahren viele aktuelle korrupte Verhaltensweisen von katholischen „Würdenträgern“ („Hochwürden“) bekannt geworden. Historiker wissen viele andere Beispiele aus früheren Zeiten, ich nenne nur eine Studie über einen – zumindest kurzzeitig – korrupten Orden: „Fallen Order“ von Karen Liebreich, New York 2004, über die frühe Geschichte des Ordens der Piaristen (Schulpriester). Aber historische Studien zum Thema sind noch einmal eine andere Herausforderung.

Zur Gegenwart:
Während ich diese Hinweise schreibe, am 5. Juni 2020, meldet die offizielle vatikanische Nachrichten-Agentur einen, so wörtlich, einen „Skandal“ in höchsten Kreisen des Vatikans wegen des Kaufs einer Luxusimmobilie durch das „Vatikanische Staatssekretariat“. Der internationale katholische Nachrichtendienst CNA (aus den USA) spricht, so wörtlich, von einem „Fall von Veruntreuung, schwerem Betrug und Geldwäsche“ im Vatikan. Hier können gar nicht alle Details dieses aktuellen, zweifelsfrei ziemlich ungeheuerlichen Vorgangs beschrieben werden.
Nur so viel: Das Vatikanische Gericht hat jetzt den entscheidenden Vermittler dieses riesigen Deals, den Geschäftsmann Gianluigi Torzi, in Untersuchungshaft genommen. (Der Vatikan besitzt tatsächlich ein eigenes Gericht und ein Gefängnis!). Es geht um ein komplexes Geschehen, um den Kauf einer Luxus – Immobilie in London – Chelsea an der Sloane Avenue durch den Vatikan zum Preis von 300 Millionen US Dollar. (https://www.vaticannews.va/de/vatikan/news/2020-06/vatikan-torzi-immobilie-london-staatssekretariat-anlage-betrug.html)
Das päpstliche „Staatssekretariat“ war seit Februar 2014 mit diesem Kauf befasst, berichtet Vatikan News: „Vor sechs Jahren, am 28. Februar 2014, steckte das Staatssekretariat zweihundert Millionen fünfhunderttausend Dollar in den „Athena Capital Global Opportunities Fund“ – eigene Gelder, wie jetzt betont wird, „die der Unterstützung der Aktivitäten des Heiligen Vaters galten“. Gemeint ist die Kollekte des „Peterspfennig“, C.M.
„Diese Mittel wurden durch eine komplexe Finanzarchitektur gewonnen: Durch die Gewährung von Kreditlinien des Crédit Suisse und einer weiteren Bank, gegen die Verpfändung von Vermögenswerten in Höhe von 454 Millionen Euro, die sich im Besitz des Staatssekretariats befanden und aus Spenden stammten. Die mehr als 200 Millionen Euro waren zum Teil für den Kauf von 45% des Eigentums und zum Teil für bewegliche Investitionen bestimmt“. CNA meldet: „Im Raum stehen dabei auch Vorwürfe, dass Verantwortliche im Vatikan sich unter anderem des „Peterspfennigs“ – Spendengelder von Katholiken für karitative Anliegen des Papstes – bedient haben könnten, um sich Gelder auf Kredit für fragwürdige Investitionen zu leihen: Deals, an denen sich dann „Geschäftsmänner“ bereicherten, und mit denen der Vatikan Verlust machte“ (https://de.catholicnewsagency.com/story/veruntreuung-schwerer-betrug-und-geldwasche-festnahme-im-finanzskandal-des-vatikans-6373).
Es wird von vatikanischen (!) Richtern geprüft, in welcher Weise hochrangige Kardinäle, wie Pietro Parolin, Chef des Staatssekretariates, verwickelt sind und vor allem Bischof Angelo Becciu steht im Visier der Untersuchungen. Zur Zeit des Deals war Becciu hoher Mitarbeiter im Vatikanischen Staatssekretariat. Papst Franziskus ernannte ihn, offensichtlich den Initiator dieses Deals, im Jahr 2018 zum Kardinal und – auch das – zum „Präfekten“ der „Kongregation für die Heiligsprechungsverfahren der Kirche“. Dieser Spekulant, Kardinal Becciu, soll sich nun auch noch im Auftrag des Papstes darum kümmern, den „Malteser Orden“ spirituell und moralisch zu erneuern“. Auch diese Form des Versetzens und Beförderns von mutmaßlichen „Tätern“ ist also nach wie vor üblich und sie wurde nicht, wie oft behauptet, durch die vielen Skandale sexuellen Missbrauchs durch Priester „abgeschafft“…Man kann diese Form des Versetzens und Beförderns auch bereits Korruption nennen…

WIKIPEDIA berichtet: „Gegen Becciu wird seit 2019 durch die vatikanische Staatsanwaltschaft ermittelt. Becciu soll 2014 und 2018 Investitionen in ein Londoner Immobilienprojekt in Höhe von insgesamt 250 Millionen Euro genehmigt haben. Demnach handelte es sich um Luxus-Wohnungen, an denen der Vatikan über einen Luxemburger Investment-Fond beteiligt war. Diese Investitionen hätten zu hohen finanziellen Verlusten des Kirchenstaates geführt, deswegen ermitteln vatikanische Behörden gegen diesen Kardinal“. Weitere Infiormationen siehe auch: https://www.katholisch.de/artikel/23266-vatikan-finanz-ermittlungen-gegen-kurienkardinal)
Interessant ist aber, dass trotz der Ermittlungen gegen Kardinal Becciu zunächst einmal ein Laie, Gianluigi Torsi, in Untersuchungshaft sitzt.
CNA zitiert zu dem aktuellen Fall von Korruption auch Papst Franziskus: „Auf einer Pressekonferenz im November vergangenen Jahres (also 2019) wurde Papst Franziskus zu den Investitionen in London direkt befragt. Er bestätigte zwar, dass er persönlich die Razzien vom Oktober (im Staatssekretariat) genehmigt hatte, betonte aber, dass die Beweise für korrupte oder illegale Aktivitäten „noch nicht klar“ seien, bevor er zu dem Schluss kam, dass „passierte, was passierte: ein Skandal“…Sie haben Dinge getan, die nicht sauber erscheinen, sagte der Papst“.
Schon 2012 hat Kardinal Rainer Maria Woelki, der seinen theologischen Doktor an der Opus Dei-Universität in Rom erworben hatte, ganz offen die Korruption im Vatikan im allgemeinen beklagt. Er hat die Geldwäsche und die Vorteilsnahme im Papst-Staat angeprangert. Der Wochenzeitung die ZEIT sagte er im Juni 2012: „Korruption bleibt ein Problem, in der Kirche arbeiten wir so gut wie möglich an seiner Überwindung… Vorteilsnahme oder gar Korruption sind ohne Zweifel ein Problem, das schwer wiegt, auch bei uns in Deutschland.“ Woelki fügte hinzu: „Vor dem Hintergrund müssen wir uns bekennen und sagen, dass es Schuld und Schuldige gibt.“ Namen nannte er nicht.
Mit dieser allgemeinen Anerkenntnis von Korruption in der Kirche befindet sich Woelki in bester Gesellschaft: Der SWR berichtete am 27.11. 2019, dass Papst Franziskus einmal mehr die Korruption in der Kirche im allgemeinen angesprochen hatte. Dabei verwies er u.a. auf die Finanzskandale im Vatikan, der Papst sprach ausdrücklich von „Fällen der Korruption“, Verantwortliche hätten Sachen gemacht, „die“, so der Papst, noch vorsichtig, „nicht sauber zu sein scheinen“. Siehe die Hinweise oben. Tatsächlich wurden im Zuge des Immobilienskandals fünf Mitarbeiter des Staatssekretariats und der Finanzaufsicht von ihrem Dienst suspendiert usw…

Um die Dimensionen der Korruption etwas konkreter an Führungspersonen im Vatikan aufzuzeigen, nur einige Beispiele: Da sollte an den süditalienischen Bischof Nunzio Scarano erinnert werden, der im vatikanischen Finanzwesen eine Rolle spielte, gegen den im Jahr 2012 wegen Betrug und Korruption ermittelt wurde. Laut der Zeitung „La Repubblica“ soll der Bischof einen Geheimdienstmitarbeiter gebeten haben, mehrere Millionen Euro in bar aus der Schweiz in einem Privatjet zu transportieren. Dafür soll ihm der Geistliche demnach Geld gezahlt haben. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Scarano bereits vor einigen Wochen vom Dienst suspendiert wurde, nachdem er ins Visier der Ermittler geraten war. Demnach wird ihm vorgeworfen, insgesamt 600.000 Euro in bar von einem Konto der Vatikanbank genommen und an Freunde verteilt zu haben. Im Austausch hätte er Schecks erhalten, die er dann auf ein italienisches Konto einzahlte – angeblich, um eine Hypothek abzuzahlen.

Auch Kardinal Tarcisio Bertone, Mitglied im Salesianer Orden Don Boscos, sollte hier erwähnt werden, er war die so genannte „Nummer zwei“ nach dem Papst im Vatikan, ein Vertrauter Papst Benedikt XVI. Bertone ist ein weiteres Beispiel für exzessive Korruption. Die katholische Kirchenzeitung „Kirche und Leben“ in Münster (15.10. 2017) berichtete: „Bis zuletzt blieb die Geschichte verwickelt und rätselhaft. Tarcisio Bertone, ab 2006 Kardinalstaatssekretär, sollte 2013 seinen Alterssitz im Palazzo San Carlo im Vatikan beziehen und sah Renovierungsbedarf. Sein Anwalt sprach von einer „Bruchbude“ von 150 Quadratmetern, nach anderer Darstellung soll es sich um eine geräumige Dachwohnung von 300 bis 425 Quadratmetern handeln, Gartenblick, feiner Marmor, eine 19.000-Euro-Stereoanlage. Für die Arbeiten hatte Bertone einen alten Freund an der Hand, Gianantonio Bandera. Dieser taxierte die Kosten für seine Baufirma Castelli Re zunächst angeblich auf 616.000 Euro, gewährte dann aber großzügig Rabatt. Als verbrieft gilt, dass Bertone 300.000 Euro aus eigener Tasche zahlte und 422.000 Euro, die er nie angefordert haben will, aus der Kasse der Kinderklinik „Bambini Gesu“ flossen. Im Gegenzug dafür sollte der Kardinal ab und zu großzügige Wohltäter in seinen Räumen bewirten. Inzwischen ist die Baufirma Castelli Re bankrott, das Geld der Klinikstiftung mutmaßlich bei einem anderen Unternehmen Banderas in London gelandet. Als die neue Präsidentin des Bambino Gesu, Mariella Enoc, von Bertone die 422.000 Euro zurückforderte, ließ der Kardinal erklären, er schulde dem Krankenhaus nichts; als „Zeichen der Großzügigkeit“ überwies er aber 150.000 Euro…“ Zur Vertiefung(auch über Bertone) empfehle ich die Studie (254 Seiten) zur Korruption im Vatikan: „Avaricia. Los documentos que revelan las fortunas, los escandalos y secretos del Vaticano de Francisco“, („Habsucht. Die Dokumente, die das Geld-vermögen, die Skandale und die Geheimnisse des Vatikans freilegen unter past Franziskus“). Verfasst hat das Buch der bekannte italienische investigative Journalist (u.a. bei „Corriere della Sera“) Emiliano Fittipaldi, die genannte spanische Ausgabe erschien 2015).

Fittipaldi erwähnt übrigens auch (S. 150f.) den Reichtum und die vielen Spenden bis heute, die der angeblich stigmatisierte Pater Pio der Kirche und seinem Kapuzinerorden in Süditalien eingebracht hat. Dass Pater Pios „Wundmale, Stigmata, Christi“ an den eigenen Händen von ihm selbst herbeigeführt und dann auch als solche „gepflegt“ wurden, wird heute allgemein festgestellt. Mit anderen Worten: Die zum Heiligen gemachte Gestalt Pater Pios wurde und wird inszeniert, sie sollte viel Geld bringen…

Erinnert werden muss hier an die tiefe Verstrickung in die Korruption des Gründers der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, der sich Schein-Identitäten (etwa US- Manager) zulegte, um bei reichen Witwen Millionen – nach vollzogenem Liebesakt – finanziell „abzusahnen“, wobei er es sich nicht „verkneifen“ konnte, die Söhne der Damen sexuell zu missbrauchen. Der Orden der Legionäre wurde durch dieses betrügerische „Finanzgenie“ in der Spanisch sprechenden Welt treffend und ohne Widerspruch von den Beschuldigten „Orden der Millionarios Christ“ genannt…Alle diese und viele weitere Tatsachen über Pater Maciel sind inzwischen weltweit bekannt; genauso, dass dieser pädophile Verbrecher und Erbschleicher ein enger Freund von Papst Johannes Paul II. war. Dieser von einem korrupten Pädophilen gegründete Orden der Legionäre Christi besteht immer noch weiter. Die Fotos des nun verstorbenen (aber niemals von staatlichen Gerichten bestraften) Ordensgründers wurden in den Legionärs-Klöstern einfach abgehängt (eine Art „Entstalinisierung“) und sein Name verschwand auf den Websites des Ordens. So kann man auch mit heftigster Korruption in der „heiligen römischen Kirche“ umgehen.

Zur Korruption in der obersten Leitung von katholischen Ordensgemeinschaften:

Der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, musste Ende 2014 zugeben: Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom ist pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, „verspekuliert“ hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen. (Dazu in dem genannten Buch von Emiliano Fittipaldi, S. 200). Sowie: https://www.washingtonpost.com/national/religion/franciscan-order-on-verge-of-bankruptcy-after-financial-fraud-is-uncovered/2014/12/19/9d4675c8-87a7-11e4-abcf-5a3d7b3b20b8_story.html

Zum Orden der Kamillianer, der: Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagte, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden, um das Projekt mit seinem „Partner“ zu realisieren. Nebenbei: Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Seine Ordenskarriere beendete Padre Renato Salvatore 2013 mit seiner Verhaftung. (Quelle: https://roma.corriere.it/notizie/cronaca/13_novembre_06/intrigo-nell-ordine-camilliani-f753ad88-46ee-11e3-a177-8913f7fc280b.shtml)
https://www.theguardian.com/world/2013/nov/07/italian-religious-order-leader-arrested-camillians

Unter den hochrangigen und einflussreichen Kardinälen sollte an den kolumbianischen Kardinal Alfonso Lopez Trujillo erinnert werden, was seine lukrativen Verbindungen zu den kolumbianischen Drogenkartellen angeht? Siehe dazu u.a. : https://caracol.com.co/radio/2006/02/11/judicial/1139656560_248075.html)
Zudem war der Kardinal öffentlich, nach außen hin, ein heftigster Feind der Homosexualität und der Homosexuellen. Er selbst, privat, aber engagierte in Kolumbien wie später auch in Rom sehr häufig Stricher. Und, parallel dazu, für die fromme Öffentlichkeit verfasste er als Chef der päpstlichen Familienbehörde hübsche Texte über den Wert der katholischen Familie. Man lese über diese korrupte Gestalt an der Spitze des Vatikans das ausführliche Buch des Journalisten Frédéric Martel, „Sodom“, S. 362 ff., erschienen 2019 im Fischer Verlag. Ein kolumbianischer Insider, der Schriftsteller Fernando Vallejo, geboren in Medellin, berichtet in seinem Roman „Die Madonna der Mörder“, Wien 2000, S. 91 oder 94f. von Kardinal Lopez Trujillo: „Es ist ihnen (Kardinal Lopez Trujillo und anderen Bischöfen) das Natürlichste von der Welt, sich die Taschen mit öffentlichen Reichtümern zu füllen“. Auch andere kolumbianische Autoren sprechen sehr kritisch über diese Gestalt (wie der Autor Hector Abad, „Brief an einen Schatten“)
Schon in seiner berühmten Weihnachtsansprache an die Kardinäle im Vatikan, im Jahr 2014, hat Papst Franziskus heftig diese klerikalen Herrschaften an seinem päpstlichen Hof attackiert und dabei, so wörtlich, auf diese Männer bezogen von „mentaler und spiritueller Versteinerung“, „existentieller Schizophrenie“, „Gleichgültigkeit gegenüber anderen“, „Vergöttlichung der Oberen“, und auch dies: von „Anhäufung materieller Güter“ sowie von der „Sucht nach weltlichem Profit“ gesprochen. Diese Weihnachtsansprache 2014 für die Kardinäle ist ein absolut wichtiger, zentraler Text, um die ganze Feindschaft der Kurie gegen Papst Franziskus von Anfang an bis heute zu verstehen! Weil der Papst die Wahrheit sagte, wird er verfolgt.
Ich breche hier diese Dokumentation von korrupten Gestalten im heutigen Katholizismus ab. Sie ist förmlich – auch aktuell – eine unendliche Geschichte.

2.Die Ethik, die Dogmatik und die Gesetze der katholischen Kirche und der Geist der Korruption:

Die katholische Kirche zeigte sich in ihrer klassischen Gestalt bis 1970 als Organisation, die explizit gegen die Gültigkeit der Menschenrechte in der Politik argumentierte und in ihren eigenen Reihen die Menschenrechte nicht respektierte. So wurde auch die UNO – Menschenrechtserklärung vom Vatikan nicht unterzeichnet. Die Katholische Nachrichten Agentur schreibt am 10.12.2018: „Dafür gibt es viele Gründe: Der Vatikan ist kein normaler Staat und auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen. Und er bezieht sich auf eine grundsätzlich andere, von Gott her definierte Rechtsgrundlage. So gelten auf dem kleinen vatikanischem Staatsgebiet bis heute auch weder die Religionsfreiheit noch die Rechte-Gleichheit von Mann und Frau“.(https://www.katholisch.de/artikel/19912-warum-die-kirche-gegen-die-menschenrechtserklaerung-war)

Das heißt: Aufgrund dieser offiziell vertretenen Mentalität wurde das demokratische Rechtsempfinden den Katholiken weltweit nicht als grundlegend gelehrt und vermittelt. Die Kirche und ihre Hierarchie wurde in den Mittelpunkt gestellt, der Eindruck einer „heiligen Kirche“ sollte unter allen Umständen zentral sein. So wurden kirchliche Praktiken wichtiger als die Pflege der demokratischen Tugenden und der praktische Respekt für die unversalen Menschenrechte. Wallfahrten, Heiligenverehrung, Teilnahme an Messen, Wunderglaube und Magie, Reliquienverehrung, Hochschätzung des Klerus als der „Hochwürden“ usw. galten hingegen als zentrale Leistungen, als äußere und äußerlich leicht zu vollziehende Leistungen für einen „normalen“ katholischen Gläubigen. Ihm wurde in der Lehre, im Unterricht, in der Predigt vermittelt: Diese religiösen Äußerlichkeiten „als Glauben“ zu pflegen!

Das heißt: Der Respekt der Menschenrechte wurde unter den Katholiken nicht als absolut maßgebend für die eigene Lebensführung empfunden! So entstand die prägende Mentalität: Menschenrechte und katholischer Glauben haben nichts miteinander zu tun. Die Demokratie wurde bis noch in die Mitte des 20. Jahrhunderts von Päpsten verteufelt.

Damit wurde ideologisch und auch spirituell förmlich der Boden vorbereitet, auf dem Korruption gedeihen und sich entwickeln konnte, also Gesetzlosigkeit, Recht des Stärkeren, Entsolidarisierung, totaler, auch ökonomischer Egoismus. Diese Entwicklung kann man besonders in den bis 2000 noch ganz überwiegend katholisch geprägten Ländern Lateinamerikas beobachten: Diese Länder haben mit ganz wenigen Ausnahmen nie zur dauerhaften Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, nie zum dauerhaften Respekt der Menschenrechte, gefunden.
Die von der katholischen Kirche propagierte Mentalität unter den Katholiken war und ist: Man kann – zumindest nach außen hin – gut katholisch sein und gleichzeitig ein politischer Verbrecher, Diktator, oder Ausbeuter oder Krimineller sein, etwa als Mafia-Boss oder Drogen -“Boss“. Man kann nach außen hin fromm sein, also als ein braver Bürger gelten, tatsächlich aber auch als Politiker ausschließlich an dem eigenen finanziellen Profit mir allen krummen Touren interessiert sein. Der Katholizismus in Lateinamerika ist ein weites Forschungsfeld für Studien über die Frömmigkeit von Politikern und ihrem korrupten Agieren. Dass diese Korruption jetzt in Brasilien von einem verbrecherischen evangelikalen Präsidenten, Bolsonaro, betrieben wird, ist ein neues Thema in der „Ökumene“ christlicher korrupter Politiker…
Diese Missachtung demokratischer Werte und der Menschenrechte bewies der Vatikan, als er mit politischen Verbrechern, Tyrannen, wie Trujillo oder Franco Konkordate abgeschlossen hat. Diese Verbrecher wurden päpstlich also hochgeschätzt. Aber die Kirche und der Klerus profitierte, auch finanziell, die Kirche wurde privilegierte Staatskirche, katholische Schulen wurden vom Staat bezahlt usw.

Noch tiefer führt eine Analyse der Beichtpraxis: Sie erlaubte es, dass sich Verbrecher, etwa Mafia – Bosse, nach der Beichte, wieder „katholisch, also gesellschaftlich akzeptiert wohl fühlen“ konnten. So konnte auch der Klerus Teil des Mafia- Systems werden und „profitieren“. Der Ort San Luca in Kalabrien galt im August/September sogar ganz offiziell als Wallfahrtsort de Mafiosi, der Ndrangheta… Das duldsame Verhalten der katholischen Priester gegenüber der Mafia hat sich allmählich zugunsten einer kritischen Distanz verändert.

Papst Franziskus hat am 13.November 2015 in einem Vortrag in Rom für die Mitglieder der Guardini-Stiftung deutlich erklärt: Es käme im Falle eines schweren Vergehens, eines Verbrechens, wie der Ermordung des zwar gewaltätigen Gatten durch dessen Ehe-Frau, einzig auf die Reue an:

Dabei bezieht sich der Papst auf einen Text von Dostojewski: „Der Starez (der russische Mönch) sieht, dass die Frau in ihrem verzweifelten Schuldbewusstsein ganz in sich verschlossen ist und dass jede Reflexion, jeder Trost, jeder Rat wie an einer Mauer abgleiten würde. Die Frau ist überzeugt, verworfen zu sein.
Der Priester (Mönch) zeigt ihr aber einen Ausweg: Ihr Dasein hat einen Sinn, weil Gott sie annimmt im Moment der Reue. „Fürchte nichts, und fürchte dich niemals“, sagt der Starez. „Wenn nur die Reue in dir nicht verarmt, wird Gott dir alles verzeihen. (…) Kann doch der Mensch nie und nimmer eine so große Sünde begehen, dass sie die endlose Liebe Gottes ganz erschöpfte“. In der Beichte wird diese Frau verwandelt und erhält wieder Hoffnung“. Dem stimmt der Papst also ganz offen zu!

Das heißt: Selbst im Falle von Mord genügt allein die Beichte und die sprachlich geleistete Reue, der dann die Lossprechung von der Todsünde durch den Priester folgt. Der Mörder wird vom Priester nicht den staatlichen Justizbehörden übergeben. Dies kann und darf der Priester ja auch gar ncht aufgrund des absolut geltenden Beichtgeheimnisses. Selbst wenn der Priester keine Absolution erteilt, darf er den Täter nicht den Justiz-Behörden melden.
(zu der Ansprache von Papst Franziskus: https://w2.vatican.va/content/francesco/de/speeches/2015/november/documents/papa-francesco_20151113_romano-guardini-stiftung.html)

Aber noch eine weitere religiöse Praxis kann die Korruption fördern: Es ist der typisch katholische Umgang mit „Ausnahmen“ für einzelne, die Liebe zu dem „Besonderen“ für besondere Menschen: Für sie werden Kirchengesetzte hin und her gedehnt. Die Hierarchie gewährt – wie einst die absolutistischen Herrscher in Frankreich – Ausnahmen, auch Ausnahmen in der Bindung an (gerechte) Gesetze. Man denke auch an die übliche Möglichkeit der Eheannullierungen (katholische „Ehescheidung“) für Katholiken, bei denen die Priester ganz offen dem einen Partner sagten: „Diese Ehescheidung, Annullierung genannt, kriegen wir schon hin: Da soll die Braut doch zum Beispiel nur – den Fakten zwar widersprechend – behaupten, ihr Gatte hätte ein Kind für diese Ehe ausgeschlossen, und schon ist die sakramental geschlossene Ehe aufgehoben, annulliert…“ Wie oft habe ich das selbst gehört… Und der „vermittelnde, liberale“ Priester wurde bei Erfolg der Annullierung selbstverständlich reichlich beschenkt und dann zur 2. Hochzeit eingeladen…Also, es ist dieser laxe Umgang mit eigenen Gesetzen und Geboten, die förmlich die Lust gefördert hat, auch noch sehr viel wichtigere (gerechte) Gesetze guten Gewissens zu übertreten…

Es gab und gibt ein Dulden seitens der Hierarchie von Vergehen und Verbrechen des Klerus, etwa beim sexuellen Missbrauch, wenn denn dieses Dulden und Wegsehen dem guten, selbstverständlich nur äußerlich „guten Ruf“ der Kirche als Institution förderlich war und ist. Diese Zusammenhänge wurden jetzt allerorten freigelegt in der Verfolgung des sexuellen Missbrauchs durch Priester oder des sexuellen Missbrauchs von Ordensfrauen durch katholische Priester etwa in Afrika und Indien usw. Korrupt ist das Nicht-Freilegen von Untaten, um die eigene Institution (und damit immer auch die Spendenbereitschaft für diese Institution!) zu schützen. Und dieses korrupte System bestand weltweit viele Jahre. Es wurde erst seit 2010 langsam freigelegt.

Noch immer ist der Ablass eine Selbstverständlichkeit. Natürlich hat er nicht mehr die krassen Dimensionen („für viele Geldspenden in den Himmel) wie zur Zeit Martin Luthers. Aber der Gedanke ist vorherrschend: Der Priester kann es möglich machen, dass ich mit gutem Willen – und einer Spende für die Kirche – meinen Aufenthalt in der Vorhölle verkürze. Die Vorstellung, auch mit Gott in einer Art Handel eintreten zu können, ihn „zu kaufen“, ist eine Variante der katholischen Korruption, passend in diese Zeiten des Kapitalismus. Der Theologe Norbert Reck hat in der Zeitschrift CONCILIUM (2014) über eine ähnliche religiöse Praxis berichtet: „Theologinnen und Theologen lächeln meist milde über die Menschen, die (beim Priester) „Messen bestellen”, um etwas dafür zu tun, dass verstorbene Angehörige in den Himmel kommen. Sie lächeln über Menschen, die täglich Kerzen in den Kirchen anzünden,, um Gott oder die Heiligen auf ihre Probleme aufmerksam zu machen usw. Diese Verhaltensweisen haben ja in der Tat etwas rührend Frommes. Doch das Lächeln darüber belässt die Menschen in einer Untertanenreligion, in einer Einübung in die alltägliche Korruption, gegen die in der Bibel auf vielen Seiten protestiert wird.“

Eine Kirche ohne Korruption – wird es sie geben? Wahrscheinlich nicht, weil in der Kirche wie überall Menschen tätig sind, die zuerst an den eigenen finanziellen Vorteil denken und spirituelle Bindungen, religiöse Versprechen oder sogar Gelübde nur nach außen hin „zelebrieren“, um aufzufallen und Karriere zu machen. Und wenn dann Kritiker dieses scheinheiligen Systems auftreten, und seien es Heilige, wie Franziskus von Assisi oder wie Jan Hus, werden sie vom herrschenden System bedroht, wenn nicht „ausgeschaltet“.

Wer die Korruption pflegt und lebt, hat immer etwas „Mörderisches“, im Sinne. Darunter leiden die vielen Journalisten, die, etwa in Mexiko, als investigative Journalisten ermordet wurden, weil sie die Korruption auch innerhalb der Polizei freilegten. Und auch an die wenigen Priester und Nonnen muss erinnert werden, die etwa in Brasilien ihr Leben lassen mussten, weil sie die nach außen hin katholischen, aber zutiefst korrupten Großgrundbesitzer anklagten in ihrer Gier nach Land und Wald. Während diese mutigen Katholiken von Killern der Großgrundbesitzer bedrängt, beleidigt und oft erschossen wurden, reichte der Kardinal von Rio de Janeiro, Dom Orani Tempesta, dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro unterstützend und freundschaftlich verbunden die Hand…Dieser Kardinal wurde nun (2019) beschuldigt, in Korruptionsaffären katholischer Krankenhäuser verwickelt zu sein (https://www.domradio.de/themen/weltkirche/2019-02-27/katholische-krankenhaeuser-schmiergeldaffaere-verstrickt-erzbistum-rio-weist-korruptionsvorwuerfe) ….

Unser Thema – eine endlose Geschichte! Zweifellos ist die Erkenntnis: Korruption ist eine feste, kaum zu überwindende Struktur der Kirche. Weil die Lehre, die Dogmatik, die Moral wie auch die spirituelle Mentalität der Kirche Korruption nicht verhindert, sondern oft – zumindest indirekt – fördert. Die Kirche, das heißt der an der Macht sitzende Klerus, der sich seiner Privilegien erfreut, hat sich entschieden, Teil der kapitalistischen Welt – UN-Ordnung zu sein und zu bleiben und deswegen alle Spielchen des Kapitalismus mitzumachen, um die eigene äußere Macht zu bewahren.
Dabei hat die spirituelle Bedeutung des katholischen, des offiziellen Glaubens selbst bei Katholiken – zumindest in Europa und Amerika – längst rapide abgenommen.
Mit ihrer Einbindung in den Kapitalissmus und damit in die „Unkultur“/das Verbrechen der Korruption hält also die Kirche heute mindestens in Europa und Amerika nur ein äußeres, allmählich wackliges Gerüst am Überleben.
„Der Katholizismus und der Geist der Korruption“ bleibt ein dringendes Thema, um die Religionen in der heutigen Welt zu verstehen. Von verändern… sprechen nur noch Optimisten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Bürgerkrieg in den USA ? Er wurde schon in den ersten Wochen des Jahres 2017 befürchtet! JETZT erklärt Trump den Krieg innerhalb der USA.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Erneut bearbeitet am 2.6.2020 (Einer von vielen Hinweisen zur Kriegserklärung von Trump, siehe etwa: https://www.sueddeutsche.de/politik/trump-militaer-washington-floyd-1.4924335)

Die Arbeit an dem Beitrag begann am Dienstag, den 31. Januar 2017.

Was ist die Erkenntnis? Schon wenige Tage nach dem Amtsantritt von Trump wussten viele kritische Beobachter: Dieser Mister Trump als Präsident der USA führt das Land, führt die Welt, in eine tiefe Krise, vielleicht in einen Krieg, einen Bürgerkrieg in den USA. Das wurde so deutlich und öffentlich schon in den ersten Wochen des Jahres 2017 geschrieben!
Und jetzt, im Juni 2020, ist zweifelsfrei: Mister Trump will die Feindschaft innerhalb der Bevölkerung der USA. Er spricht vom Einsatz des Militärs gegen „aufständische Bürger“, er ergreift Partei für rassistische Gesinnung usw.

Den antidemokratischen Charakter eines ohnehin stark von Unvernunft geleiteten Trump erkannten viele Beobachter schon in den ersten Wochen des Jahres 2017. Das habe ich in den ersten Wochen 2017 dokumentiert. Jetzt sollte auch die Frage gestellt werden: Welchen Fehler im Umgang mit diesem Typen, der Präsident der USA wurde, obwohl er gar nicht die meisten Wählerstimmen erhalten hatte, welchen Fehler im Umgang mit diesem Typen also haben demokratische Politiker aus Europa, aus Deutschland, seit 2017 begangen: Haben Sie den Eindruck hinterlassen, sie würden ihn ernst nehmen? Haben sie sich mit den demokratisch gesinnten Bürgern in den USA verbunden gefühlt, diese unterstützt usw. Oder haben sich demokratische Politiker aus Europa diplomatisch aus der Affäre gezogen und letztlich nichts dazu beigetragen, den Wahn des Mister Trump zu stoppen?

Zu meiner Dokumentation seit Januar 2017:
Das Recherche – Team der Wochenzeitung „Die Zeit“, vom 9. 2. 2017 (Seiten 13 – 15), veröffentlichte also schoin wenige nach der Amtseinführung von Trump das sehr lesenswerte Dossier mit dem Titel „Kalter Bürgerkrieg„, darin hießt es. „Mit dem Wort Krieg muss man vorsichtig sein….Aber … die Vereinigten Staaten von Amerika sind in diesen Tagen ziemlich nah an einem kalten Bürgerkrieg: einem Konflikt voller Feindseligkeit und Hass, in dem es nur deswegen kein Blutvergißen gibt, weil beide Seiten vor dem letzten Schritt zurückschrecken – zu den Waffen zu greifen. Zumindest vorerst“.

Am 2.6.2020 ergänze ich: „Zumindest vorerst“, wie am 9.2.2017 geschrieben, bleibt eine vage Hoffnung heute. Zettelt der von vielen kompetenten und noch nachdenklichen Beobachtern für wahnsinnig gehaltene Mister Trump nun mehr als einen kalten Bürgerkrieg an?

Am 31.1. 2027 habe ich auf ein bemerkenswertes Zitat hingewiesen: Vielleicht wird „Trump als politischer Verlierer kurzerhand aus dem Weißen Haus geworfen werden“, wie Prof. Neal Rosendorf, Politologe in New Mexico im „Tagesspiegel vom 29.4.2017 (S. 6) schreibt … und wohl auch hofft.
Die andere, stärkere Möglichkeit heißt: Mister Trump regiert weiter: „Die düstere Macht der Vereinigten Staaten wird dann anderen Staaten als Schutzschild für Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus dienen. Diese düstere TRUMP – US Macht wird etwa als Vorbild für Übergriffe auf die Presse dienen und zeigen, wie effizient Desiniformation sein kann…Sie wird den Zerfall der europäischen Union, der Nato und der Welthandelsorganisation anleiten….“, so noch einmal Neal Rosendorf, Professor für Internationale Politik an der New Mexico State University. Man vergesse auch nicht: Mister Trump hat seine Bewunderung für Madame Le Pen ausgesprochen. Er gratulierte Mister Erdogan nach dem Referendum. Und der österreichische Rechts-Außen-Politiker, Harald Vilimsky, FPÖ Gneeralsekretär, begeistere sich nach der Wahl von Trump, dass nun die weiteren Gewinner Marine Le Pen und Geert Wilders (NL) heißen werden. Wilders Partei PVV hat ja bekanntlich bei den Wahlen im März 2017 stark „zugelegt“.

Nun die wichtige Dokumentation aus den ersten Tagen der Herrschaft von Mister Trump:

Am 6.2.2017: Peter von Becker fragt im „Tagesspiegel“ ernsthaft: Was tun, wenn Mister Trump nicht zurechnungsfähig, also verrückt ist?

Am 6.2.2017 zeigt die „Süddeutsche Zeitung“ auf Seite 3: Der gefährlichste und einflußreichte Mann in der Trump-Truppe ist Mister Steve Bannon: Er sei ein Nihilist, der den Untergang ersehnt.

TAZ Autor Bernd Pickert schreibt am 4.2.2017 in einem ausführlichen, analytischen Beitrag zur Frage „Wer kann Trump noch stoppen“: „Historisch gesehen ist Mord am wirksamsten. Vier der 45 US-Präsidenten fielen Attentaten zum Opfer, zuletzt John F. Kennedy 1963″.

Am 7.2.2017: Timothy Snyder, Prof. an Yale-University, in der SZ am 7.2.2017: „Wir müssen uns selbst Mut machen, denn es gibt keine positiven Signale aus dem Weißen Haus oder von den Republikanern. Die Konservativen müssten helfen, die Republik zu verteidigen, aber nur wenige scheinen dazu bereit. Die Amerikaner haben schneller reagiert als ich dachte. Wenn die Proteste anhalten, hört Trump vielleicht zu. Sie haben nach etwas Positivem gefragt, aber die Lage hat sich verschärft. Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Quelle  SZ: Klicken Sie hier:  Spiegel ONLINE berichtet am 8.2. 2017 von Leaks im Weißen Haus und zitiert die Washington Post, die Trumps Berater mit einem ahnungslosen Kind vergleicht. Wie schon so oft geschrieben: Impulsiv und ignorant sei der Präsident, hier klicken.

Am 19.2.2017 äußerte sich Senator McCain zur Verurteilung eines herausragenden Teils der freien Presse in den USA durch Mister Trump: Eine freie Presse sei für den Bestand der Demokratie nötig, ihre Einschränkung weise darauf hin, „wie Diktatoren anfangen“, so McCain. Womit er aber nicht sagen wolle, Präsident sei ein Diktator – nur „das dies die Lehren aus der Geschichte seien“ (Spiegel Online am 19.2.2017).

Am 23. 2. 2017 berichtet Spiegel Online: „Der US-Kongress hat Pause, auch viele republikanische Volksvertreter besuchen ihre Wahlbezirke – und treffen dort auf wütende Bürger. Bei den Townhall-Meetings herrscht vielerorts eine explosive Anti-Trump-Stimmung“. Am 27.2.2017, ein erneuter Hinweis auf den Charakter von Mister Trump als Präsident: „Sein Verhaltensmuster besteht aus Geltungsdrang, Schwindeleien, Ablenkung und Drohungen auch im Weißen Haus“(Tagesspiegel, 27.2.2017, Seite 6, auf Seite 5 heißt es: „Trump beschimpft die Presse als Volksfeind“.

Am 27.2.2017: Mister Trump will die Ausgaben fürs Militär um 54 Milliarden US Dollar erhöhen, Kürzungen soll es – wie üblich – im Umweltschutz, in der Entwicklungshilfe und im sozialen Bereich geben. Trump sagt: „Damit Amerika mal wieder einen Krieg gewinnt“. Es geht also nicht mehr nur um die „Ankündigung eines angekündigten Bürgerkrieges“, so der Titel dieser Dokumentation. Die einzige relevante Frage für Menschen, die noch bei Verstand sind: Wer stoppt diesen Wahnsinn?

Am 5. März 2017 wird zu unserem Titel notiert: Laurie Anderson, zweifellos eine der einflußreichsten Künstlerinnen heute, sagt im „Tagesspiegel“ vom 4.3. 2017, Seite 27 im Blick auf die politische Situation jetzt in den USA:“Wir sehen das Unheil auf uns zukommen, können es aber nicht abwenden…Die Realität ist bereits so düster, dass man sie gar nicht absurder machen kann…Wir leben in der Zeit des geplanten Chaos. Das ist nicht bloßes Dilettantentum seitens der Regierung, sondern Vorsatz. Wer die Presse als Feind der Nation bezeichnet, lässt daran keinen Zweifel„.

Aus dem BEITRAG, verfasst am 31.1.2017:

Wie kann Mister Trump wieder verschwinden? Wer sagt das offen, auch in Europa?

Mister Trump, so der Tenor vieler Kommentare, ist also ein Typ, der aus seinem Amt so schnell wie möglich vertrieben werden sollte. „Eine Regierung, die gegen die verfassungsmäßige Selbstverwirklichung verstößt, auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, „darf gestürzt werden. Was in normalen Zeiten radikal klingt, liest sich plötzlich wie eine Verheißung“, schreibt Malte Lehming, USA Kenner, im „Tagesspiegel“ vom 31. 1.2017, Seite 19.

Wann haben wir das zum letzten Mal gelesen? In einer guten bürgerlichen Zeitung, dass eine Regierung in den USA gestürzt werden sollte? Und dann wird der Sturz der Regierung Trump eine Verheißung genannt: Ungewöhnliche, aber großartige Worte. Wer denkt das nicht?

Vor allem aber: Wie soll dieser alsbaldige Regierungswechsel möglich sein, ohne dass ein Bürgerkrieg entsteht? Und führt die tiefe Spaltung der US – Gesellschaft nicht schon jetzt langsam auf gewalttätige Auseinandersetzungen hin? Inszeniert Mister Trump und sein Club nicht langsam aber sicher einen Bürgerkrieg? Will ihn Mister Trump vielleicht sogar, als eine Art Reinigung der Mentalitäten? Von Reinigung des Denkens durch Gewalt, durch Krieg, sprechen ja faschistoide Führergestalten immer wieder.

Sollte man diese Gefahr „eines angekündigten Bürgerkrieges“ nicht ständig im Auge behalten und alles tun, um den Frieden und vor allem die Demokratie wiederherzustellen?

Obamas Sprecher Kevin Lewis teilte mit: Präsident Obama sei (10 Tage nach dem Ende seiner Regierungszeit) „ermutigt“ durch das politische Engagement, das sich jetzt im Land zeige. „Bürger, die ihr Grundrecht wahrnehmen, sich zu versammeln und sich zu organisieren: Das ist genau das, was wir in Zeiten erwarten, in denen amerikanische Werte auf dem Spiel stehen„, zitiert das Magazin „Politico“ Obamas Sprecher. Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/barack-obama-nimmt-stellung-zu-trumps-einreise-dekret-a-1132414.html

Copyight: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Räume, wo wir SCHREIEN können

Ein Vorschlag von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 17.1.2018. Mit einem Vorwort erneut veröffentlicht am 29.4.2020.

Angesichts der Corona-Pandemie sind Menschen verzweifelt: Weil sie ihre Angehörigen, ihre Freunde in den letzten Stunden nicht sehen, nicht begleiten durften. Die Schwerkranken selbst: Weil sie wissen, wie viele Schmerzen sie erwarten. Die „abgewiesenen“ „zu“ alten Patienten, die dann zugunsten der Jungen und angeblich Kräftigen sanft eingeschläfert wurden. Die total hilflosen Menschen in Afrika oder in den Slums von Brasilien: Sie sind empört über ihre Regierungen UND die Hartherzigkeit, den Nationalismus, der reichen Länder, die fast nur für sich selbst sorgen und jeden menschlichen Anstand als umfassende Sorge um die Fernen(Nächsten) verraten.
Kurzum: Es entsteht weltweit ein Bedürfnis, wahrscheinlich objektiv hilflos, tatsächlich subjektiv aber hilfreich, zu schreien. Dafür braucht man Räume. Eine Spiritualität des Schreiens wurde – im Unterschied zur Psychologie – noch nicht entwickelt. Leere Kirchen als Orte des Schreiens? Warum nicht! (Nebenbei: Ein Freund sagte mir leicht zynisch: „Die Kirchen SIND ja oft nur noch zum Schreien“) Diesem eher vernachlässigten Thema „Schreien können“ gilt dieser Hinweis, der zuerst im Januar 2018 publiziert wurde.

Zu diesem Vorschlag hat Clara F. Janning am 19.1.2018 einen Kommentar geschickt, den Sie unten lesen können. CM.
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„Räume des Schreiens“ habe ich in San Francisco (USA) Mitte der neunzehnhundertachtziger Jahre erlebt. Sie waren in Kliniken und Hospizen eingerichtet worden. Hier konnten Menschen laut schreien und heulen und klagen in ihrer seelischen Qual, in den Stunden, wo sie gerade Freunde verloren hatten. Sie waren als Schwule an AIDS gestorben. Da kann wohl niemand stumm bleiben. Diese Räume waren „ehrlich“, das heißt: Sie hatten nichts von der vornehmen Verschwiegenheit der Abschiedsräume in Krematorien und auf Friedhöfen. Wer schreit denn da schon? „Darf man doch nicht“. In den Schrei-Räumen von San Francisco durfte wirklich gebrüllt werden. Schreien ist auch die Sprache der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit. Und die Sprache des Gebets, man lese bitte mal wieder die allgemein zugängliche Poesie der Psalmen.

Diese Räume des Schreiens hatten gepolsterte Wände, so dass die Außenwelt nicht gestört wurde. Sie hätte ruhig gestört werden können, aber die USA sind nun mal so. Die Schreienden blieben meist unter sich, wenn nicht einige mitfühlende Freunde das Schwererträgliche mit ertragen und mit hören wollten.

Immer wieder, wenn ich in den letzten Monaten Nachrichten vom niemals verhinderten Abschlachten in Syrien, von den Mörderbanden dort, die sich Politiker nennen, sowie vom Morden im Iran, im Irak, auf dem Mittelmeer mit den krepierenden Afrikanern, in Libyen, in Nordkorea und in fast allen Ländern dieser Welt höre und im Fernsehen sehe: Dann ist doch evident und bedarf keiner Diskussion: Eigentlich sind alle Länder dieser Welt mörderische Länder. Das möge bitte einmal der „Fischer Weltalmanach“ als allgemeine Dimension berücksichtigen. Und die Bewohner aller dieser Länder sind entweder direkt oder indirekt Mörder (wir sind irgendwie Mörder) und Opfer. Die so genannten Demokratien des Westens lassen es gern zu, dass ihre Waffen an die Mörderbanden weltweit geliefert werden. Schließlich sichern Rüstungskonzerne auch Arbeitsplätze, wie diese wahnhafte Entschuldigung der dummen Politiker heißt. In solchen Momenten einer entsetzlichen Erkenntnis möchte ich oft schreien. Brüllen. Heulen. Dabei hilflos in unermesslicher Wut. Revolutionen gibt es ja nicht mehr. Will auch kaum noch einer. Alle haben Angst davor. Man sagt: Revolutionen verändern auch nichts. Mag sein, zumal: Wer an den verbrecherischen Stalinismus denkt. ABER: Der Kapitalismus ist auch verbrecherisch. Weil tödlich für so viele Arm-Gemachte. Siehe Welthandel usw.

Zurück: Das Schreien ist wohl in einem Mietshaus mitten in der Stadt kaum möglich. Da rufen dann Nachbarn die Feuerwehr oder den Rettungsdienst. Aber wer könnte die vielen Schreienden retten?

Ich empfehle daher, in allen Städten, möglichst in Parkanlagen, Häuser des Schreiens einzurichten. Vielleicht kleine Rundbauten, kahl die Wände, eher dunkel der Raum. Ohne Schmuck. Eher ein Raum des Nichts. Und da können die Menschen, die das Unerträgliche der Politik, den Hass in der Welt, nicht länger runterschlucken können, nicht länger ersaufen können, wenigstens laut schreien. Das kann ohne Worte, sozusagen musikalisch, geschehen, vielleicht schreit  man nur „Hilfe“ oder „Es ist genug“ oder „Ihr verdammten Mörder“ oder nur das flehentliche Gebet „Hört auf“. Psychotherapeuten werden den heilenden Sinn dieses Vorhabens bestätigen!

Der Raum sollte so groß sein, dass mehrere Menschen, selbstverständlich in unterschiedlichen Sprachen, dort schreien können. Vielleicht treffen sich diese schreienden Rebellen danach, seelisch ein wenig erleichtert, vor dem Haus des Schreiens wieder und verabreden sich zum Gespräch. Vielleicht auch zu einer kleinen Aktion zugunsten der besonders Leidenden. Zugunsten der Menscherechte. Dieser einzigen vernünftigen Religion der Menschheit. Auch wenn Menschenrechte tausendmal missbraucht werden von verlogenen Politikern…

Vielleicht sollte ein Bild, als schöne große Kopie, in diesem sonst bildlosen Schrei – Raum hängen: Ein Gemälde, das Francis Bacon geschaffen hat und das in verschiedenen Formen Papst Innozenz den Zehnten (gestorben 1655) zeigt, nach einem Vorbild von Velasquez gemalt. Dieser Papst sitzt wie gefesselt auf einem Stuhl und brüllt. So wie,  Papst Franziskus in seinen so prophetischen Weihnachtsansprachen vor den Kardinälen der Kurie auch am liebsten brüllen würde. … Natürlich war Innozenz der X. wie so viele Kirchenfürsten und Vatikan-Prälaten damals völlig haltlos. Also jähzornig brüllend. Aber dieses großartige Gemälde eines brüllenden Papstes geht tiefer: Weil selbst der so genannte Stellvertreter Christi und die Kirchen insgesamt absolut hilflos sind, bestenfalls noch schreien und brüllen: Sie können den Mörderbanden weltweit keinen Einhalt gebieten. Der Glaube ist absolut schwach. Ein Nichts? Den Päpsten und den Kirchen gelingt es nicht, mit Ethos und Glauben die Mörderbanden zu besiegen. Da können die einzelnen nur noch schreien … und danach, seelisch erleichtert, auf die eigene Art Gutes tun. Vielleicht werden nur in kleinen Schritten Revolutionen vorbereitet.

Diese „Räume des Schreiens“ wären in gewisser Weise eine christliche Variante zu der Klagemauer der Juden in Jerusalem. Da gibt es ja bekanntlich sehr sehr vieles zu beklagen. Auch von den geschundenen Palästinensern.

„Räume des Schreiens“ sind überall möglich. Vielleicht könnten viele in Europa leer stehende Kirchen als Orte des Schreiens und des schreienden Betens eingerichtet werden. Eine Aufgabe für Architekten. Die Kirchenbürokraten werden das nicht verstehen…

Copyright: CHRISTIAN MODEHN, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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Clara F. Janning schreibt:

Der Text „Räume wo wir schreien können“ ist mir aus dem Herzen gesprochen! Und dann wäre da ja, zur gedanklich-therapeutischen Unterfütterung, auch noch Arthur Janov mit seiner „Urschrei“-Therapie zu lesen – wobei ich meine, dass ein solches Zu-seinem-Schmerz-Gehen der professionellen, zumindest aber emotional intelligenten bzw. kompetenten Begleitung bedarf.

Goethes Tasso begnügt sich übrigens mit Wort und Träne, dank der von „einem Gott“ gegebenen Gabe, „zu  s a g e n, was [er] leide[t.

Das sei mit Dank für Ihre inspirierenden Gedanken (das utopische Denkmodell) hier zur Sache noch zitiert, mit besten Grüßen an den und in den Philosophischen Salon von Clara F. Janning

Ja, du erinnerst mich zur rechten Zeit! –

Hilft denn kein Beispiel der Geschichte mehr?

Stellt sich kein edler Mann mir vor die Augen,

Der mehr gelitten als ich jemals litt,

Damit ich mich mit ihm vergleichend fasse?

Nein, alles ist dahin! – Nur eines bleibt:

Die Träne hat uns die Natur verliehen,

Den Schrei des Schmerzens, wenn der Mensch [im Original: Mann] zuletzt

Es nicht mehr trägt – Und mir noch über alles –

Sie ließ im Schmerz mir Melodie und Rede,

Die tiefste Fülle meiner Not zu klagen:

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,

Gab mir ein Gott zu sagen, wie ich leide.

 

Ostern: Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen!

Ein Essay von Christian Modehn, Karfreitag 2020

Ein Motto vorweg: Selbst wer sich strikt weigert, wegen seiner religiösen Gefühle die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen zu wollen, also vernünftig zur Sprache zu bringen, versteht sie in der Abwehr des Gebrauches der eigenen Vernunft immer noch! So ist selbst die fromme Äußerung „Die Auferstehung Jesu ist ein total einmaliges Wunder“, Ausdruck eines (begrenzten) Nachdenkens.

Warum auch für die Auferstehung die „Schöpfung“ der Welt und der Menschen die Basis ist

1.
Über die Auferstehung Jesu von Nazareth haben die Kirchen eine bunte Welt von Bildern, Symbolen, Metaphern, Mythen und Erzählungen erzeugt sowie, damit eng verbunden, über das „ewige Leben“ der Menschen … im „Himmel“. Bei allem Respekt, auch für die Leistungen der Künstler und Schriftsteller zum Thema in all den Jahrhunderten: Es wurden viel zu viele Glaubensinhalte, auch viel zu viele Dogmen, verbreitet, sie setzten sich förmlich als Bilder durch. Aber zeigen sie das Wesentliche?
Ich denke: Sie verdecken vielmehr den klaren, den einfachen und vernünftigen Gedanken zur Bedeutung der Auferstehung Jesu von Nazareth. Warum soll denn bei dem Thema das klare, vernünftige Denken ausgeschaltet werden? Selbst wer noch an allerhand Wunder und mysteriöse Dinge glaubt, denkt ja noch, auch begrifflich, in gewisser, aber eher diffuser und willkürlicher Weise.
Hier also wird zur Auferstehung ein einfacher Gedanke vorgestellt, der aber gerade weil er einfach ist, ausführlicher erläutert werden muss. Er ist nachvollziehbar.
Hier gilt nur eine Überzeugung als Voraussetzung: Wenn die Welt mit ihren Menschen im schöpferischen Handeln einer unendlichen Energie (Gott genannt) ihren Grund hat, dann ist diese Welt, sind die Menschen, mit dieser Energie (Gott) bleibend – geistig – verbunden. Wenn man einen schöpferischen Gott annimmt, kann seine Welt nicht von ihm getrennt sein. Deswegen haben auch die Menschen Anteil am Ewigen. Das Ewige lebt im Geist, als Geist. Dieses ist die Voraussetzung dafür, dass es die Auferstehung Jesu von Nazareth gibt wie auch die von allen anderen Menschen.
Dass es Welt und Menschen gibt als Geschaffene, ist das eine und einzige Wunder sozusagen. Diese Einsicht kann sich dem naturwissenschaftlichen Wissen gar nicht erschließen. Weil es sozusagen um den Grund des Ganzen der Wirklichkeit geht.
Nebenbei: Selbst Atheisten sagen zurecht: Auch wir können nicht wissen, sondern können nur glauben, dass es eine „Schöpfung“ einer „göttlichen Wirklichkeit“ eben nicht gibt. Das heißt: Alle Menschen, gleich welcher Weltanschauung, sind also bei der letzten Frage nach dem Grund der Wirklichkeit Glaubende. Wir bilden bei aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinschaft der Glaubenden. Und diese Tatsache wissen wir.

2.
Jeder Mensch hat seine eigene Meinung über Sterben und Tod nicht nur im allgemeinen, sondern auch eine Meinung über das eigene Sterben und den eigenen Tod. Zur Gestaltung eines menschenwürdigen Sterbens gibt es Argumente. Beim Thema Tod (und der oft gestellten Frage „Was ist danach“) sind wir auf Überzeugungen angewiesen. Aber diese Überzeugungen drängen sich beim Menschen als einem geistvollen Wesen auf. Epikurs bekannte und viel zitierte radikale Abwehr dieser Frage hat kein philosophisches Niveau. Er verdrängt nur den Tod im Leben, empfiehlt förmlich den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenigen wird das gefallen.
Heute sagen die einen: „Mit dem Tod, ist alle zu Ende, Basta“, „Ich falle ins Nichts“. Oder die anderen: „Eine Form des Danach wird es geben“. Jeder wird sich letztlich einer dieser Meinungen anschließen und sie im Laufe seines Lebens vielleicht auch ändern. Man ist als Mensch förmlich von eigenen Fragen gezwungen, zur Bedeutung des Todes, des eigenen Todes, Stellung zu. nehmen! Auch die Abwehr dieser sich aufdrängenden Frage ist eine Antwort.

3.
Die traditionellen christlichen Lehren über den Tod und das mögliche „Danach“ sind gebunden an die Erzählungen von der Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth. Aber diese Erzählungen in den vier Evangelien des Neuen Testamentes waren über all die Jahrhunderte förmlich fixiert auf die Wiederholung, also die Nacherzählung der äußeren Ereignisse. Und wie viele Predigten, wie viele Aufsätze selbst nachdenklicher Theologen tun das noch heute. Tatsächlich berichten die Evangelisten sehr bunt und sehr phantasievoll vom sonderbaren leibhaftigen Auftreten des Auferstandenen unter seinen Freundinnen, Freunden und Aposteln. Aber bei dieser „bunten Bilderwelt“ kann man nicht stehen bleiben!

4.
In diesem Essay wird der Versuch gemacht, die vielen zweifellos auch poetisch schönen, anrührenden Erzählungen von der Auferstehung Jesu von Nazareth ganz von den inneren Erfahrungen der Hinterbliebenen zu begründen!
Das heißt: Es soll gezeigt werden mit Argumenten, die plausibel sein können: Es ist die Gemeinde der Hinterbliebenen, der Freunde Jesu, die nach einer tiefen Depression über den Verlust des Geliebten zu der Überzeugung kommt: Der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazareth wurde in eine bleibende, ewige geistige Präsenz setzt. Die Freunde, Freundinnen Jesu, seine ersten kleinen Gemeinschaften, haben also die Überzeugung förmlich „gesetzt“: Unser „Meister“ und „Lehrer“ und innig geliebte Freund lebt geistig! Er ist nach seinem Tod unter uns, aber ganz anders: Als eine bleibende geistige Präsenz.

5.
Diese Erweckung Jesu aus dem Tod geschieht kraft des Geistes, des göttlichen, der in der Welt, in den Menschen, in der Gemeinde wirkt. Deswegen kann die Gemeinde der Hinterbliebenen auch die Überzeugung aussprechen: Diese Erweckung Jesu zu einer bleibenden, ewigen geistigen Präsenz gilt nicht nur ihm, sie gilt nicht nur der Gemeinde, sie gilt allen anderen Menschen.

6.
Warum diese ausführliche Hinführung zum Thema Auferstehung Jesu von Nazareth? Weil diese argumentierende Erklärung viele übliche, eingeschliffene Bilder, wunderbare Erzählungen und alte Dogmen beiseite setzen muss. Denn nur wenn unsere menschliche Vernunft und die Auferstehung Jesu von Nazareth nicht in einem tiefen Widerspruch zu einander stehen, hat das Osterfest tatsächlich auch eine Bedeutung „für uns“ heute. Nur dann kann Ostern unser Leben orientieren!
Nebenbei: Wer dieses Thema präsentiert, will überhaupt keine Propaganda machen für Jenseits-Vertröstungen.

Die Gemeinde setzt den Glauben an den auferstandenen Jesus

7.
Wer also Sterben, Tod und Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen will, muss auf die Hinterbliebenen schauen, auf Jesu Angehörige, Freundinnen und Freunde. Sie haben sich nach seinem Tod wieder gefasst, aus der Verzweiflung befreit und aufgerafft, neuen Lebenssinn, auch ohne den leibhaftig anwesenden Jesus zu entdecken. Sie fragen inmitten der langen Trauer: „Inwiefern bedeutet Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus, uns und anderen Menschen etwas für unser eigenes Leben und Sterben“?
Die Antworten der Freunde Jesu, der Gemeinde, sind dokumentiert: Die erste uns vorliegende Antwort hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ gegeben. Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Im Kapitel 1, Vers 10, schreibt Paulus ganz lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreisst“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu befreit von der Angst vor dem definitiven Ende, vor dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth war schon ca. 17 Jahre nach seinem Tod selbstverständlich für die Gemeinde, sie wurde vor allem mündlich verbreitet. Darauf bezieht sich Paulus. Und gleichzeitig betont er schon: Das Auferstehen betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“. Ein paar Jahre später werden Paulus und die 4 Evangelisten ausführlicher ihre Überzeugungen von der Auferstehung beschreiben.

8.
Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind keine Reportagen, keine objektiven Berichte über einen historischen Vorgang, den Zeitzeugen beobachteten. Die Auferstehung Jesu ist eine Überzeugung, also als ein innerer, geistiger, seelischer Prozess, der sich langsam bildet. Für eine innere Überzeugung von Menschen gibt es kein allgemeines fixes Datum. In den Texten spiegelt sich diese innere Überzeugung. Und die heißt: Unser lieber Freund Jesus von Nazareth ist unter uns nach seinem Tod am Kreuz geistig präsent. Und weil der Geist eine lebendige Wirklichkeit ist, kann man sagen: Jesus „lebt“, er ist geistig präsent.

9.
Die historisch – kritische, die wissenschaftliche Erforschung der Bibel erhellt auch die Texte, die von Jesu Tod und Auferstehung sprechen. Diese Forschung wird intensiv mindestens schon seit 100 Jahren an den Universitäten gelehrt. Aber viele Kirchenführer haben diesen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Bibel verteufelt. So haben sich viele Leute geistig eingemauert in eine fundamentalistische Lektüre und sich allzu bescheiden auf ein bloßes Nachsprechen der Auferstehungstexte im NT begrenzt. Im Nacherzählen der Mythen von Jesu wunderbarer Auferstehung aus dem Grab, von den Engeln, den leibhaftigen Erscheinungen des Auferstandenen usw. ist ein gar nicht mehr zu bremsender, unkontrollierter Wunder-Glaube entstanden. Er hält schlechterdings alles für möglich: Etwa auch „das leere Grab“. Es wird als das größte aller Wunder gepriesen. Dabei ist das leere Grab völlig bedeutungslos für den Glauben an den Auferstanden und für den Glauben an die allgemeine Auferstehung: Der katholische Theologe Hans Kessler betont: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu. Das leere Grab ist ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet, dass Jesus von Nazareth auch ganz Mensch war, also körperlich sterben musste“.
Zur Erinnerung: In den Gebeten am Grab auf den Friedhöfen wird unter Christen immer schon betont: Auch wenn dieser Mensch nun als Leichnam im Sarg oder in der Urne ruht, so ist er dennoch auferstanden.

10.
Was bedeutet nun Auferstehung Jesu in einer vernünftigen, argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und auch Theologie: Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in gewisser Hinsicht eine Tat, eine Handlung der Gemeinde, seiner Freunde. Sie rufen kraft ihres Geistes, der am göttlichen Geist Anteil hat, den verstorbenen Jesus ins Leben und in ihr Leben. Unbeholfen können die Freunde Jesu diese Erfahrungen nur als äußere Ereignisse aussprechen und in ihren Evangelien darstellen: Da läuft der Auferstandene in den Mythen der Evangelisten wieder in der Welt herum, er tritt in die Wohnungen der Gemeinde ein, verschwindet aber wieder schnell, lässt sogar seine Wunden berühren. Dies alles sind poetische Bilder, aber eben nur Bilder, um die geistige Präsenz darzustellen.
Diese starke, lebendig, präsent machende Energie der Freunde Jesu zu betonen, hat nichts mit einer Form von menschlicher Hybris zu tun. Denn das Setzen der Auferstehung durch die Gemeinde ist nur ermöglicht durch den göttlichen Geist, der in der Gemeinde lebt, aufgrund der göttlichen Schöpfung dieser Welt, wie ich oben sagte.
Noch einmal: Indem die Gemeinde den gekreuzigten Jesus als „präsent“, also geistig lebendig erlebt und denkt und spricht, wird die Kraft, die Energie des Geistes Gottes lebendig. Klassisch theologisch gesprochen: Es wirkt in der Gemeinde der lebendig machende Geist des Unendlichen und Ewigen. An ihm haben die Freunde Jesu wie alle Menschen Anteil. Was also im Hinblick auf die nun ewige Präsenz Jesu wie eine menschliche Tat erscheint, ist sie doch auch gleichzeitig Gottes Tat. Insofern wird man sagen: Gott hat bildlich gesprochen „zusammen“ mit den Freunden Jesu, diesen Jesus von den Toten auferweckt, das heißt: In die bleibende geistige Präsenz gesetzt.
Diese Überzeugung von der Kraft des Glaubens, der förmlich die Auferstehung in der ersten Gemeinde setzt, steht in gutem Einvernehmen mit Erkenntnissen des Apostels Paulus, dies sei allen „Bibelfesten“ und „verbal Bibeltreuen“ gesagt: Paulus schreibt in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth (2, 10 ff): „Denn uns hat die verborgene Weisheit Gott enthüllt durch seinen Geist. Der Geist ergründet nämlich auch die Tiefen Gottes…. Wir (Christen) haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt. Damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“. Der Philosoph Hegel wird später diese Weisheit der ersten Christen und des Apostels Paulus philosophisch begründen.

11.
Wenn hier das alte klassische Wort Gott verwendet wird, dann nur, um der schöpferischen Dimension dieses Unendlichen, „Ewigen“, einen halbwegs noch vertrauten Namen zu geben. So soll die Vorstellung plausibel werden, dass die Welt und die Menschen „geschaffen“ wurden, als Schöpfung von einer ewigen „Energie“, Gott genannt. Diese Erkenntnis ist alles andere als spinös, sie wird von heute von vielen Philosophen geteilt. Naturwissenschaftler können ohnehin nichts zu dem Thema sagen: Sie setzen in ihrer Forschung die „Gegebenheit der Welt“ voraus.

Wie Karfreitag verstehen?

12.
Karfreitag, den Todestag Jesu von Nazareth, kann man nur von Jesu Lebensgeschichte her verstehen. Jesus ist keine mythische Gestalt ohne reales, weltliches, gesellschaftliches Leben. Er ist – trotz der eher geringen historischen, faktischen Überlieferungen – keine Konstruktion frommer Phantasie.
Karfreitag ist das brutale, von anderen, den religiösen wie politischen Machthabern, verfügte Ende dieses Mannes, der sich ganz der Menschlichkeit, der Menschenwürde, verpflichtet wusste. Der die Menschlichkeit als den besten Ausdruck eine Verbundenseins mit dem Unendlichen, mit Gott, ansah. Und der dies auch laut sagte gegen fromme Leute, die auf die Einhaltung religiöser Gesetze absolut allen Wert legten.
Diese wenigen Worte können nur summarisch die Lebensmitte Jesu, sein „Projekt“, andeuten. Dabei wird von mir nicht geleugnet, dass einzelne Sätze der Evangelisten, die sich als Zitate Jesu ausgeben, durchaus irritieren und weitere Fragen aufwerfen. Hier aber kommt es jetzt nur auf die große Linie an im Leben des Jesus von Nazareth. Als gläubiger Jude hatte Jesus radikal neue, man möchte sagen rebellische Auffassungen von dem, was er Gott und den richtigen Glauben als Lebenspraxis nannte. Seine Verurteilung und sein Tod am Kreuz sind kein blindes Schicksal, sondern Konsequenz seines in vielerlei Hinsicht rebellischen Lebens.
Jesus wird vom römischen Besatzungsregime verhaftet. Dann wird er von seinen Landsleuten, also etlichen führenden Theologen, verklagt. Und nach römischem Recht von Pontius Pilatus verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Elend. Furchtbar. Auf den manchmal schon üblich gewordenen Hinweis auf viel schlimmere Erlebnisse beim Sterben und Hinrichtungen will ich mich hier nicht einlassen. Jesu Tod war in damaligen Zeiten grausam. Was nützen Vergleiche?

13.
Wir wissen heute dank der historisch – kritischen Bibel-Wissenschaft: Jesus von Nazareth will mit seinem ungerechten Tod, mit seinem Leiden, seiner Qual, nicht irgendwelche Schuld der Menschen, gar der ganzen Menschheit seit der so genannten „Erbsünde“ bei Gott wieder gut machen, also wie ein Bild sagt, mit seinem Blut auslöschen. Er will sich also nicht aufopfern für ein imaginäres, der Phantasie entsprungenes Projekt eines Gottes, den Jesus doch bekanntlich voller Vertrauen Vater, lieber Vater, nannte. Das Bild von Jesus als dem Lamm, das sich opfert, führt in die Irre, auch wenn es sich leider populär durchgesetzt hat. Und wie viele Karfreitagslieder besingen noch immer dieses „Lämmlein“, das sich opfert. Ist Kirche im 21. Jahrhundert unfähig, oder nicht willens, wenigstens unsinnige, irrige Kirchenlieder beiseite zu legen? Sie verderben das religiöse Bewusstsein.
Diese verstörende „Sühne-Opfertheologie“ hat sich seit dem Mittelalter durchgesetzt. So geistert in den Köpfen der noch verbliebenen orthodox, also kirchenoffiziell korrekt Glaubenden die Idee herum: Gott ist grausam, so brutal, dass er seinen Sohn dahinschlachtet. Was für ein Wahn. Er hat mit Karfreitag nichts zu tun.
Die Wahrheit für den Menschen Jesus von Nazareth ist doch: Er weiß bei seinem Prozess, bei seiner Hinrichtung, er weiß am Kreuze hängend nur: „Mein Leben bricht ab, es wird beendet“. Und mit letzter Kraft schreit er in den für ihn leeren Himmel: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus spürte also, wie der Philosoph und Theologe Gonsalv Mainberger treffend sagte, dass nun alles „umsonst“ ist, vergeblich, vorbei. Nur ein letztes Vertrauen in einen Sinngrund bleibt ihm, er nennt ihn nach wie vor Gott, nennt ihn Vater.
Aber Jesus will seine Lehre, seine Menschenfreundlichkeit, nicht verraten, er will sich nicht aus der Affäre ziehen. Er weiß: Was ich tat und was ich lehrte, war und ist richtig, ist human, ist wahr auch im religiösen Sinne. Nicht auf religiösen Kultus kommt es ihm an, sondern auf Menschlichkeit. Und genau daran erinnern sich später seine Hinterbliebenen, seine Freunde und Freundinnen, seine Jünger.

Von der Auferstehung Jesu von Nazareth

14.
Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist ein Geschehen des Geistes, ist die bleibende Präsenz des Geistes bzw. der Seele. Gott ist auch nach offizieller, „orthodoxer“ Lehre Geist, nur Geist. In Jesu von Nazareth wurde diese Überzeugung sichtbar, er lehrte sie. Man lese in dem Zusammenhang die Texte des Johannes Evangeliums. Insofern muss man sich fragen, warum eigentlich das „klassische“, „offizielle“ Auferstehungsverständnis so viele Irrwege gehen konne. Es ist der Zwang in der Kirche, alte einmal formulierte Dogmen ad aeternum zu bewahren und wie eine tote Last mit sich zu schleppen. Anstatt sie beiseite zu stellen. Erich Fromm würde sagen: Diese Haltung hat etwas morbides.

15.
Die offizielle Lehre hat sich förmlich versteift auf die Lehre von einer „Auferstehung des Fleisches“. Mit dieser immer noch – auch in der Kunst – verbreiteten Vorstellung ist gemeint: Das „Fleisch“ ist ein Bild für die individuelle leibhaftige Person, sozusagen für ihre einmalige Identität. Und dieser präzisen Person wird eine Auferstehung verheißen. Mit allen Konsequenzen, die sich die Frömmigkeit dann ausmalte: Der Mensch muss leibhaftig vor Gottes Richterstuhl treten, muss erleben, wie der Gerichtsspruch lautet: Man denke an die schrecklichen Endgerichts – und Höllenbilder… Aber das sind Bilder, mehr nicht. Von dem Bild der leibhaftigen individuellen Auferstehung muss sich eine vernünftige Theologie verabschieden. Denn da weiß die alte Theologie einfach viel zu viel, dass es peinlich wird: Wie viele Milliarden Leibhaftiger werden sich dann im Himmel oder der Hölle tummeln? Den privaten Glauben vieler frommer Leute wird man natürlich respektieren, wenn sie etwa auf Todesanzeigen schreiben: „X.Y. ist gestorben. Wir freuen uns auf ein frohes Wiedersehen mit ihm im Himmel“. Das ist für mich Ausdruck einer hilflosen Spekulation., man könnte auch sagen eines diffusen Wunderglaubens.
Es ist schon genug und anspruchsvoll genug, von der Auferstehung als einer bleibenden (!) geistigen Präsenz zu sprechen. Dabei kann sich – nach dem Tod – das individuell Geistige mit dem allgemeinen Geist, dem ewigen Geist, also Gott, vereinen. Aber auch das ist auch schon wieder eine sehr weit reichende Überlegung, weiter sollte man eigentlich bei einer intellektuellen Redlichkeit nicht gehen.
16.
Die erste Gemeinde, die Jesus förmlich als den Auferstandenen „setzte“, wusste: Seine Auferstehung ist nicht auf ihn allein begrenzt. Vielmehr macht Jesus bewusst, dass alle Menschen „Kinder“ des „göttlichen Vaters“ sind, also im Geist mit dem Göttlichen verbunden sind. Insofern ist etwa schon für den Apostel Paulus klar, dass die Auferstehung eine universale Bedeutung hat, allen Menschen gilt. An der Gestalt Jesu wird diese universale Auferstehung „nur“ für andere deutlich. In seinem Ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und noch einmal: Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden“. Und Giuseppe Barbaglio, Theologe an der Universität Mailand, setzt diesen Gedanken fort: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
17.
Wie gesagt: Tatsächlich ist jeder Mensch, mit dem Geist, verstanden als Geist Gottes ausgestattet und damit sozusagen von vornherein mit dem „Ewigen“ verbunden. Insofern können Menschen, deren überragende Menschlichkeit allgemein geschätzt wird, wie Gandhi oder Martin Luther King oder Oscar Romero oder Helder Camara, einen ausgezeichneten Platz haben, wenn es um die Erkenntnis der Auferstehung geht. Sie können durchaus auch erlösend wirken, wenn sich Menschen von ihnen inspirieren lassen zu einem humanen Leben. Jeder wird da seine eigenen Beispiele nennen können. Diese Überlegungen verdanken sich der Einsicht in die Auferstehung Jesu von Nazareth. Sie zeigt: Auferstehung und Auferstandene gibt es immer, weltweit. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Seele, auch ihren göttlichen Geist in sich selbst offenbar abtöteten … und zu Lebzeiten wie in einer „Hölle“ lebten. Weiteres wird sich zur „Hölle“ religionsphilosophisch und kritisch-theologisch nicht sagen lassen.

18.
Diese Überlegungen sind alles andere als eine spielerische Spekulation, sie sind keine Form der „l art pour l art“. Sie haben auch politische Bedeutung. Um dies wahrzunehmen, sind auch (zeitgenössische) Dichter hilfreich. Ich denke etwa an Kurt Martis viel zitiertes Auferstehungsgedicht:

„Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht….“ (dann folgt eine Reihe an Versen mit dem Kontinuum: ich weiß es nicht….und zum Schluss schreibt Marti)
„Ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt“. (Kurt Marti, Leichenreden, 1976, S. 25)
In einem anderen Gedicht sagt Kurt Marti:
„Das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt ein auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren“

19.
Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie und damit eine bestimmte Lebenspraxis. Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel scheibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.
20.
Die aufgrund der Schöpfung Gottes von göttlichem Geist erfüllte Gemeinde setzt förmlich also die Auferstehung Jesu von Nazareth. Dadurch wird auch ein neues, anspruchsvolles „Bild“ vom Menschen in die Welt gesetzt: Dass es Ewiges im Menschen gibt, Göttliches könnte man sagen. Meister Eckart, der viel zitierte Philosoph, spricht bildhaft vom „göttlichen Funken in der Seele“ eines jeden Menschen. Wie viele Philosophen haben diesen Satz zurecht wiederholt, interpretiert. An Hegels Philosophie muss erneut erinnert werden.
21.
„Der göttliche, der ewige Funken im Menschen“: Mehr brauchen wir zum Verständnis des Osterfestes eigentlich gar nicht zu wissen. Dies ist eine Erkenntnis, die tröstet, aber nicht vertröstet. Die alten Osterlieder mit ihren klassischen Bildern wie „Das Grab ist leer“ usw. kann man ja noch singen. Wenn man denn weiß, sie enthalten hübsche, aber unwesentliche Bilder. Gern singe ich das uralte Lied „Christ ist erstanden“. Und weiß: Jesus liegt wie alle anderen Menschen im Grab. Und ist auferstanden. Kraft des Geistes.

22.
An zwei Beispielen heutiger Theologie zeige ich, wie sehr sich prominente Theologen heute immer noch scheuen, ein nachvollziehbares, vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu von Nazareth öffentlich zu vertreten.
Joseph Ratzinger, also der spätere Benedikt XVI., widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) einem vernünftigen Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht einen von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so weiß Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös –aber orthodox, wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Theologie. Aber so wurde und wird Theologie leider immer noch betrieben, von den entsprechenden ahnungslosen Predigten einmal angesehen.

Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.

Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche. Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und den einen Kern der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.

Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Er beteuert erneut: Das Grab Jesu war leer. Und daraus folgert er wie üblich: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, den Evangelien folgend ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre bloß erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert. Da wenden sich viele eben ab. Sie gelten dann als „Kirchenfern“ oder sogar als Atheisten“.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es gelten, wie immer auf dieser website, die Regeln des Copyright. Der privaten Verwendung auch dieses Textes steht nichts im Wege. Eine Stellungnahme zu diesem kurzen Essay würde mich freuen. Christian Modehn, Karfreitag 2020.
LITERATURHINWEISE:

Stefan Alkier, Die Realität der Auferstehung. Tübingen 2009.

Albert Boime, Vincent van Gogh, Die Sternennacht. Fischer Taschenbuch, 1989.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Eugen Drewermann, Das Markus Evangelium, Zweiter Teil, Walter Verlag, 1988.

Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. C.H.Beck Verlag 2013.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag 2014.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit, 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Horst Schwebel, Die Kunst und das Christentum, Geschichte eines Konflikts. Verlag C.H.Beck, München 2002.

Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben.1992, DTV.

Christoph Türcke, Kassensturz. Zur Lage der Theologie, darin der Beitrag Tod, Fischer Taschenbuch 1992.

Wer tötete Erzbischof Romero? Über die Mitschuld des Vatikans.

Wer tötete Erzbischof Oscar Romero? Über die Mitschuld des Vatikans.

Einige Hinweise und kritische Fragen von Christian Modehn. Erneut publiziert anläßlich des 40. Todestages von Oscar Romero (am 24.3.1980)

Ein Vorwort, geschrieben am 21.3. 2020:
Schon wieder ein Gedenktag, also ein Tag des expliziten Denkens an einen Menschen, einen wegweisenden, vorbildlichen. Am 24. März 1980 ist Erzbischof Oscar Romero in San Salvador, im zentralamerikanischen Staat El Salvador, von rechtsextremen Militärs, Angehörigen der ebenso rechtsextremen, von den USA unterstützten Regierung, erschossen worden, am Altar, während der Messe. Oscar Romero war die wichtigste Stimme der vielen Armen und Unterdrückten in seinem Land. Er stand ihnen tatkräftig, man darf sagen aufopfernd zur Seite. All das ist noch bekannt? Wahrscheinlich noch in Lateinamerika, in seiner Heimat San Salvador. Es hat sehr lange gedauert, ehe sich der Vatikan und die Päpste entscheiden konnten, diesen vorbildlichen, schon Lebzeiten wie einen Heiligen verehrten Oscar Romero, tatsächlich öffentlich zu ehren und heilig zu sprechen. Denn dies ist ein politischer Akt!
Und vergessen wir nicht die bleibende, fundamentale Erkenntnis Erzbischof Romeros: Es ist die maßlose Gier der Herrschenden, also der (Super-)Reichen, nach „immer mehr“, nach immer mehr Geld, nach immer mehr Eigentum, nach immer mehr Privilegien, die tödlich ist für die Menschen. Diese Gier der „kalten Herzen“ hat ein menschenwürdiges Leben der meisten Menschen in El Salvador unmöglich gemacht. Diese Gier hat Erzbischof Romero getötet. Und: Diese maßlose Gier der „kalten Herzen“ wurde nicht überwunden, sie regiert weltweit. Das ist ein Thema des Gedenktages!

In diesen Zeiten der Corona-Pandemie haben „wir“ andere Sorgen, als an einen heiligen Befreiungstheologen in El Salvador zu denken, könnte man meinen. Aber vielleicht ist es gerade eine sinnvolle Erweiterung unseres Denkens und Fühlens in diesen Tagen, mal längere Zeit „etwas anderes“ zu denken und auch anderes zu lesen als die vielen erschütternden Neuigkeiten rund um die Pandemie. Ich empfele also die Lektüre nicht nur meines kritischen Hinweises, sondern auch die Lektüre des Buches von James R. Brockman „Oscar Romero. Anwalt der Armen“. Erschienen im TOPOS Verlag! Brockman war Jesuit (gestorben 1996); er kannte Oscar Romero persönlich; konnte auch dessen Tagebuchaufzeichnungen lesen, daraus ist eine umfangreiche Biographie entstanden, alles andere als eine übliche kirchenfromme „Heiligenlegende“! Sondern eine Art politischer Biographie eines Mannes, der sich von einem „klassisch Konservativen“ zu einem Befeiungstheologen und Verteidiger der Armen entwickelte. Ich möchte auch noch auf meinen Beitrag hinweisen: Erzbischof Romero und das Opus Dei.
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Für ausführliche biographische Informationen über Oscar Romero kann jetzt online ein neu erschienenes Buch gelesen werden:“Oscar Romero und die Kirche der Armen“.

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Zur Einstimmung ein allgemeiner Hinweis aus der Ethik: Wenn dort von Verantwortung und Verantwortlichkeit gesprochen wird, ist nicht nur die „responsability“, sondern auch die „accountability“ gemeint. Im Englischen wird diese Unterscheidung gern gemacht. „Accountabilty“ meint dabei vor allem die „soziale Verantwortung“, also das Verantwortlichsein dafür, was in einem bestimmten Umfeld durch das eigene Tun (oder durch das eigene Unterlassen) geschieht oder nicht geschieht. Der Berliner katholische Ethiker, Prof. Andreas Loib Hüdepohl, schreibt: „Verantwortlich ist der, der durch sein Handeln und Verhalten einen beklagenswerten Zustand selbst herbeigeführt oder zumindest zugelassen und nicht verhindert hat, obwohl es in seiner Macht gestanden hätte“ (Zitat in: „Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie“, Herder 2015, S. 296). Diese allgemeinen Hinweise haben ihre Gültigkeit auch im Umgang des Vatikans und vieler Bischöfe, auch in El Salvador, mit dem mutigen Menschenrechtskämpfer und Befreiungstheologen, dem „Märtytrer wegen seines befreidenden Glaubens“, Erzbischof Oscar Romero.

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Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch mit Religionskritik. Deswegen werden manchmal auch Hinweise publiziert und dabei Fragen gestellt, die in der eigentlich dafür zuständigen kritischen Theologie und deren Publikationen einen Platz haben sollten, aber leider nicht haben. Offenbar sind den immer noch kirchenamtlich-gebundenen katholischen Theologen diese Themen „zu heiß“, also zu gefährlich (auch für die eigene Karriere). Zur politischen „Neutralisierung“  Oscar Romeros durch das Opus Dei (in Rom) jetzt klicken Sie bitte hier zur Lektüre des umfangreichen Beitrags.

Die folgenden Hinweise beziehen sich auf ein wichtiges, bisher kaum diskutiertes Thema: Auf die Mit-Schuld des Vatikans und des heiligen Papstes Johannes Paul II. an der Ermordung von Erzbischof Oscar Romero am 24. März 1980. Leitend ist dabei die allgemein bekannte und unumstrittene Erkenntnis, dass Ideologien und religiöse Propaganda das reale politische Handeln der Menschen prägen, inspirieren, anfeuern und auch bestimmen. Dafür gibt es zahlreiche historische Beweise, etwa im Zusammenhang der Kreuzzüge, der missionarisch-kolonialistischen Eroberung Amerikas oder jetzt der Niederschlagung von Menschenrechtsbewegungen in den Ländern, die islamistisch beherrscht, d.h. tyrannisiert werden.

Es geht also um die indirekt wirkende, sicherlich schwer zu „fixierende“, aber doch faktische Mitschuld der „offiziellen Kirche“ an der Ermordung Erzbischof Romeros. Anlässlich seiner (35 Jahre ! nach seinem Tod erreichten) Seligsprechung am 23. Mai 2015 in San Salvador wird diese Frage sicher vermehrt öffentlich diskutiert: Wer tötete – eigentlich- den Erzbischof, also den frommen Priester, den Verteidiger der Armen, den Kritiker des rechtsextremen Militärregimes, den Befreiungstheologen? Diese Frage bleibt auch nach seiner offiziellen Heiligsprechung im Jahr 2018 durch Papst Franziskus.

Über die tatsächlichen Mörder als Individuen kann man sich umfassend informieren, etwa schon auf wikipedia: „Am 23. September 2004 wurde Álvaro Saravia, Leiter des Sicherheitsstabs von D’Aubuisson und Kommandeur der Todesschwadronen, in einem Zivilprozess in Kalifornien in Abwesenheit als einer der Drahtzieher des Mordes an Romero von Richter Oliver Wanger schuldig gesprochen. Danach müsste er 10 Millionen US-$ an einen anonymen Hinterbliebenen Romeros zahlen. Es ist international das erste Mal, dass im Fall Romero irgendjemand verurteilt wurde.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%93scar_Romero#Hergang_und_T.C3.A4ter). Hingegen: Das Parlament El Salvadors erließ 1993 eine Generalamnestie für die Verbrecher des Bürgerkrieges….

Es ist dort aber auch weithin unstrittig, dass Oscar Romero auf Veranlassung des Mayors des El Salvadorianischen Heeres, Roberto d Aubuisson, durch einen Scharfschützen am Altar während der Messe getötet wurde. D Aubuisson ist der spätere Gründer der rechtsextremen ARENA Partei, die noch heute, 2015, eine sehr starke politische Kraft (in der Opposition) ist. Sie vertrat und vertritt eindeutig die Interessen der wenigen etablierten Herrschenden, die sich im Bürgerkrieg gewaltsam gegen alle Respektierung der Menschenrechte für die armen Indígenas durchsetzten; diese Clique ist mitverantwortlich, dass mindestens 75.000 El Salvadorianer im Bürgerkrieg – auf bestialische Art – getötet wurden, darunter auch viele Priester, Gemeindemitarbeiter und zuerst und vor allem: sehr viele Arme… und Erzbischof Romero.

D Aubuisson (1944-1992) ist Katholik gewesen; er hat, für Mitglieder der gehobenen Klassen wie überall üblich, katholische Privat-Schulen (der Maristen und Jesuiten) besucht. Außerdem hat er im Jahr 1972 an der berüchtigten us – amerikanische „School of the Americas“ studiert; dort wurden rechtsextreme Militärs aus ganz Lateinamerika für den Krieg gegen die Kommunisten in Lateinamerika ausgebildet. Für die USA gab es seit dem Sieg Castros auf Kuba und dem Sieg der Sandinisten in Nicaragua und später dann dem Sieg Allendes in Chile nur eine Idee: Den Kommunismus, wo immer er sich (angeblich) versteckte mit brutaler Gewalt auszulöschen, also Menschen zu töten. Jegliche Forderung nach sozialer Gerechtigkeit wurde als kommunistisch diffamiert und Menschen, die diese Forderungen vertraten, ausradiert. Weite Kreise der offiziellen Kirche haben dieser Ideologie den theologischen Segen gegeben. Sie haben sozusagen den blinden Wahn der USA religiös-ideologisch befeiert. Das hatte Auswirkungen: Oscar Romero war als Erzbischof von San Salvador weitgehend von seinen bischöflichen Kollegen im Land isoliert, auch sie betrachteten sein Engagement als marxistisch und diffamierten ihn sogar im Vatikan.

Wer die Frage „Wer tötete Erzbischof Romero?“ umfassend beantworten will, kann also, das ist evident, nicht nur punktuell auf die Tat des Scharfschützen schauen oder nur die individuelle Gestalt Romeros sozusagen als jetzt „seliges“ bzw. heiliges Individuum betrachten. „Wer tötete Erzbischof Romero?“ Das kann nur beantwortet werden, wenn das extrem ideologisierte und religiös aufgeladene politische – geistige Klima in El Salvador und Lateinamerika insgesamt in den Jahren zwischen 1970 und 1980 (dem Todesjahr Romeros) und darüber kritisch analysiert wird.

Solche kritischen Fragen müssen gestellt werden, weil bei allem Jubel über den „seligen Oscar Romero“ das kritische Denken nicht eingeschläfert werden kann. Und spannend bleibt, wie die reaktionäre ARENA Partei sich am Tag der Seligsprechung verhalten wird und wie das Opus Dei reagieren wird, das neuerdings die absurde These weltweit verbreitet, Erzbischof Romero sei eigentlich einer vom Opus Die gewesen. Damit will diese rechte katholische Geheimorganisation den bleibenden politischen Anspruch Romeros neutralisieren, sie will den Befreiungstheologen Romero zu einem braven, frommen Bischof herabsetzen. Lesen Sie dazu einen ausführlicheren Beitrag und klicken Sie hier.

Papst Johannes Paul II. (seit 1978 Papst) aus dem kommunistisch regierten Polen stammend, erklärte zumal in den ersten Jahren seiner Herrschaft, den Anti-Kommunismus zu einer Art Dogma für die ganze Kirche. Den Antikommunismus (so, wie er ihn verstand) zu bekämpfen war für ihn eine völlige Selbstverständlichkeit, die er später bei seinen Besuchen bei den rechtsradikalen Diktatoren in Chile, Argentinien und in Paraguay (General Stroessner) usw. dokumentierte.

Das bedeutete: Es gab für Johannes Paul II. – zumal zu Beginn seiner Herrschaft – nur „den“ (einen), eben den teuflischen Marxismus als Kommunismus. Linke Positionen, die an die tatsächliche, bereits immer schon tötende Gewalt der bestehenden (diktatorischen) Regierungen erinnerten, konnte er nicht akzeptieren. Der polnische Papst glaubte: Wenn eine rechte/rechtsextreme Militärregierung sich fromm-katholisch und der rechten päpstlichen Lehre nach außen hin folgsam zeigt, ist das in Ordnung und unterstützenswert. Der Diktator Pinochet in Chile war ja bekanntlich ein fleißiger Kirchgänger, ihm reichte der Papst bei seinem Besuch in Chile gern die Kommunion… Deswegen sprach der polnische Papst auch den bekanntermaßen äußerst rechtslastigen Franco-Freund und Opus Dei Gründer Josemaria Escriva in kürzester Zeit, entgegen allen Regeln und kirchlichen Gesetzen, nach dessen Tod heilig.

Diese offizielle pauschale, deswegen unkritische antikommunistische „Stimmung“ im Vatikan und damit die offizielle römische Befürwortung bzw. kirchliche Unterstützung alles Antikommunistischen bekam Erzbischof Romero im Vatikan selbst 1979 ausdrücklich zu spüren. Der damals schon von rechtsradikalen Militärs und Paramilitärs (Todesschwadronen) bedrohte Erzbischof Romero wollte 1979 dringend dem Papst vom Bürgerkrieg in diesem katholischen Staat berichten. Aber er wurde nicht zum Gespräch mit Johannes Paul II. vorgelassen. Erst als sich Romero wie ein einfacher Gläubiger in die Gruppe der Wartenden bei einer so genannten Generalaudienz einreihte und dabei dann den Papst direkt um ein persönliches Gespräch bat, wurde er gnädigerweise danach zum Papst vorgelassen. Der Theologe und Lateinamerika-Spezialist Dr. theol. Willi Knecht hat diese Situation dokumentiert: „während der Generalaudienz, als Romero die Hand des Papstes ergriff und sich vorstellte. Ehe Romero mehr sagen konnte, warnte ihn der Papst: „Hüten Sie sich vor dem Kommunismus“! „Aber (wollte Romero sagen) …“ Und der Papst sagte erneut: „Hüten Sie sich vor dem Kommunismus!“ Über die würdelose Umgangsform des Papstes mit Erzbischof Romero am folgenden Tag kann die Journalistin María López Vigil, (in: „Piezas para un retrato“, UCA Editores, San Salvador 1993) berichten, weil sich ihr Erzbischof Romero kurz danach anvertraut hat; ein Zitat aus dem längeren Beitrag, den Willi Knecht dokumentiert: „Während sie sich gegenüber sitzen, beharrt der Papst auf einer einzigen Idee: „Sie, Herr Erzbischof, müssen sich um eine bessere Beziehung zur Regierung ihres Landes bemühen!“ (Der Papst hält also die regierenden Mörderbanden in El Salvador für eine legitime Regierung, CM). Monseñor Romero hört ihm zu und seine Gedanken schweifen nach El Salvador und er denkt daran, was die Regierung seines Landes mit dem Volk seines Landes anstellt. Die Stimme des Papstes bringt ihn zur Wirklichkeit zurück. “Eine Harmonie zwischen Ihnen und der Regierung von El Salvador ist das, was Christen in dieser Zeit der Krise am meisten befolgen müssen“. Bischof Romero hört weiter zu. Es sind Argumente, mit denen er bis zum Überdruss schon von anderen kirchlichen Würdenträgern angegriffen worden war. (Quelle: http://williknecht.de/index.php/kirche/kirche-3/81-en-memoriam-oscar-romero-seine-audienz-beim-papst-1979-16)

Der Lateinamerika – Spezialist Dr. theol. Willi Knecht kommentiert diese unglaublich arrogante Belehrung des heiligen Papstes: „In der vom Militär kontrollierten Presse von El Salvador (und von Lateinamerika) wurde diese Zurechtweisung Oscar Romeros durch den Papst als „grünes Licht“ (als Erlaubnis) interpretiert, Oscar Romero nun endlich zum Schweigen bringen zu können – ohne dass der Vatikan deshalb intervenieren würde. Auch Regierungskreise der USA haben dies als Bestätigung bzw. Rechtfertigung aufgefasst, nun mit allen Mitteln gegen die von Oscar Romero geführte Kirche in El Salvador vorgehen zu dürfen“. (Quelle ebd,). Der Slogan „Sei ein Patriot und töte einen Priester“ hatte sich inzwischen in den Köpfen der Todesschwadronen festgesetzt…

Mit anderen Worten: Der blinde Antikommunismus des polnischen Papstes, artikuliert wie ein Dogma, hat das gesellschaftliche Klima in El Salvador soweit mit-bestimmen können, dass Erzbischof Romero am 24. März 1980 erschossen wurde. Die Täter fühlten sich subjektiv als Wohltäter des Vaterlandes, als Hüter der rechten (katholischen) Ordnung, ja als treue Nachahmer päpstlicher Weisungen.

Noch einmal: Innerhalb katholisch-theologischer Reflexionen ist diese Erkenntnis bisher nicht verbreitet worden, weil sie peinlich ist: Die Erkenntnis heißt: Das vom Vatikan und Papst Johannes Paul II. erzeugte pauschale antikommunistische Klima mit dem Verdacht des Marxismus und Kommunismus bei angeblich „linken“ Priestern und Theologen, ist, mitschuldig und mitverantwortlich für die Ermordung Erzbischof Romeros und später dann (1989) für die Ermordung von Romeros Freunden, der Jesuiten an der katholischen Universität San Salvador. Am 23. Mai 2015 wird also ein Erzbischof von der Kirche selig gesprochen, als Märtyrer, als Glaubenszeuge, der einer blinden Ideologie der Kirche selbst seinen grausamen Tod zu „verdanken“ hat. Dass der Vatikan niemals Erzbischof Romero und seiner Theologie und seiner Pastoral traute (etwa die Einrichtung eines Büros für Menschenrechtsfragen), zeigt sich daran, dass 1995 ein spanischer Priester des Opus Dei Erzbischof von San Salvador wurde. Er hat, das sagen alle Historiker, das Werk Romeros im Erzbistum vernichtet.

Werden diese Perspektiven am 23. Mai 2015 in San Salvador von dem päpstlichen Delegaten angesprochen? Wird sich die römische Kirche zu einem Schuldbekenntnis aufraffen und sagen: Ja, auch wir, im Vatikan und den vatikanischen Behörden, wir sind zumindest indirekt mitschuldig am Tod Oscar Romeros, weil wir die tödliche ideologische Verblendung mit gefördert und wie ein Glaubensbekenntnis verbreitet haben?

In dem Zusammenhang ist ein Beitrag eines anderen Lateinamerika-Spezialisten wichtig, des Theologen aus dem Dominikanerorden, Pater Ignace Berten. Er schreibt in seinem Beitrag „La théologie de la libération: Est-elle encore d actualité?  (in „Lumiere et vie, heft 273, 2007, Seite 97), aus dem ich übersetze: „Die Befreiungstheologie stört vor allem die Machthaber vor Ort, die sie als subversiv denunzieren. Die Regierung der USA, der CIA und die =Schule der Americas=, die lateinamerikanische Militärs in ihrem subversiven Kampf ausbilden, realisieren Strategien des Kampfes gegen die Befreiungstheologie… Es gibt eine gewaltige Repression …selbst gegen Bischöfe, die dann ermordet werden. Bischof Romero ist wahrscheinlich das stärkste Symbol dieser Generation von Märtyrern“. Und der Theologe Pater Berten fährt fort.“Aber die Theologie der Befreiung hat auch zu kämpfen mit dem Mißtrauen und der Repression (sic!) aufseiten der Kirche, vor allem in den sehr konservativen Flügeln, bei denen Msgr. Lopez Trujillo die markanteste und aktivste Gestalt ist. In Rom ist man besorgt über die Gefahr des Kommunismus, und in dieser Sorge verbündet sich der Vatikan mit der Sorge der USA: Gemeinsam glaubt man, dass die Theologie der Befreiung eine Art Umschlagstelle sein könnte, um kommunistische Regime in Lateinamerika zu etablieren…“   An dieser Stelle wäre weiter über die politische Naivität des Vatikans im allgemeinen nachzudenken, man könnte an Pius XII. erinnern (der den Nazi-Faschismus weniger schlimm fand als den Stalinismus) oder an die heutige ideologisch geformte Zurückweisung der Gender-Theorien.  Indem der Vatikan und die meisten Bischöfe eine rechtslastige-konservative Schlagseite hatten und haben, werden sie Bündnispartnern von Systemen, bei denen sie christlichen Glauben vermuten, wie den USA, die aber nichts als Machtpolitik, sagen wir für die damaligen USA durchaus Imperialismus im Sinn haben. Auf die so genannten theologischen Forschungszentren, die in den USA seit 1970 entstanden waren, weist Franz Hinkelammert hin: Es entstand das „Department of theology“ im „American Enterprise Institute“, Leitung Michael Novak: „Sein Ziel war die Bekämpfung der Befreiungstheologien Lateinamerika“. Dann wurde das „Institute for Religion und Democracy“ geschaffen, geleitet von Peter Berger mit demselben Ziel. /in: Theologies de laliberation, L Harmattan, Paris, 2000). Die Bücher von Micheel Novak wurde ins Spanische übersetzt und fanden weite Verbreitung auch in kirchlichen Kreisen…

Zurück zu Erzbischof Romero: In diesem Sinne, also einer Mitschuld des polnischen Papstes an der Ermordung Romeros, schreibt der Lateinamerika Spezialist Dr. theol. Willi Knecht sehr treffend persönliche Gedanken anlässlich des Todes von Papst Johannes Paul II.: „Auch der Papst wird sich nun vor seinem Gott verantworten müssen – wie jeder von uns. Und er wird diesem Gott, dem Gott von Abraham und von Jesus, erklären müssen, warum er Menschen wie Bischof Romero seinen Mördern überließ und warum er einen Befürworter von Massenmorden – Josemaría Escrivá – zum Heiligen erhebt. (gemeint ist der Gründer der katholischen Geheimorganisation Opus Dei, CM). Menschen wie Oscar Romero und alle Ausgestoßenen dieser Welt mögen bei Gott dann Fürsprache für Karol Wojtyla einlegen. Möge Gott ihm seine Gnade erweisen und ihn bei sich aufnehmen!“

Quelle: http://williknecht.de/index.php/kirche/kirche-3/81-en-memoriam-oscar-romero-seine-audienz-beim-papst-1979-16

Diese Erkenntnis einer Mitschuld führender vatikanischer und bischöflicher Kreise, an der Niederschlagung und Ausgrenzung von Befreiungstheologen wäre natürlich noch viel weiter zu dokumentieren und auszuführen. Es wäre an den kolumbianischen Kardinal Lopez Trujillo zu erinnern: „Er sagte in einer Gruppe, er werde mit den Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez, Leonardo Boff und Jon Sobrino ein Ende machen“ (so Jon Sobrino SJ, in „Die Freiheit der Theologie“ (Mainz 2008, S. 29). Der kolumbianische Kardinal hat nie die Vorwürfe einer engen Zusammenarbeit mit kolumbianischen Drogen-Bossen wirksam entkräften können, er war später organisatorisch für die gesamte lateinamerikanische Bischofskonferenz CELAM zuständig und schließlich in Rom als oberster Kardinals-Beamter für Familienfragen verantwortlich; zudem war er ein Freund des polnischen Papstes usw.

An den damaligen ADVENIAT Chef, Bischof und Kardinal und Opus Dei Mitglied Franz Hengsbach (Essen) wäre zu erinnern, vor allem an seinen politisch äußerst rechtslastigen Studienkreis „Kirche und Befreiung“, der ebenfalls den blinden Antikommunismus wie ein Dogma propagierte und als Kampfmittel gegen die Befreiungstheologie einsetzte. Engster Mitarbeiter des sogen. Studienkreises war der Lopez Trujillo Intimus Pater Roger Vekemans SJ. Es gab eine widerliche Nähe zu den Militärdiktaturen Bischof Hengsbachs, die meines Wissens von ADVENIAT bis heute nicht öffentlich in Publikationen von dort aufgearbeitet wird bzw. aufgebarbeitet werden darf: Hengsbach empfing von dem damaligen bolivianischen Diktator Banzer eine hohe staatliche Auszeichnung. Dieser Adveniat-Chef Hengsbach sagte 1977: „Die so genannte Befreiungstheologie führt ins Nichts“ (siehe, „Konflikt um die Theologie der Befreiung“, Benziger, 1985, Seite 55). Wenn diese Befreiungs-Theologie und damit die Theologen ins Nichts führen, dann kann man sie doch auslöschen, wäre die ungesagte Konsequenz. Sozusagen als geistlicher Kampf gegen den Nihilismus. Ist das nicht die Konsequenz solcher Behauptungen?

Vor allem wäre auf die enge Verquickung des Vatikans und der antikommunistischen Militär-Zentralen in den USA zu verweisen, auf die enge Freundschaft Johannes Paul II und Staatspräsident Reagans. Erwähnt werden muss hier das berühmte „Dokument von Santa Fé“ (USA), es enthält Empfehlungen an die Reagan-Administration, wie mit US-Waffen die lateinamerikanischen Militärs am besten die Befreiungstheologie bekämpfen und auslöschen können.

In seiner Studie „Johannes Paulus II., de onfeilbare“ (Johannes Paul II., der Unfehlbare) schreibt der belgische Vatikanspezialist und Theologe André Truyman (sein Buch erschien 2003 in Leuven): „Am wichtigsten ist, dass der konservative Katholik Wojtyla und der konservative Protestant Reagan einander fanden in ihrem Hass gegen den verwerflichen atheistischen Kommunismus. Das war für beide in den Worten Reagans das „das teuflische Reich“ ( S. 129). Demgegenüber schrieb noch Erzbischof Romero an den damaligen us amerikanischen Präsidenten Carter, „er solle doch damit aufhören, weiterhin Waffen und militärische Berater nach El Salvador zu senden“.

In dem Buch „El Salvador-Massaker im Namen der Freiheit“ (Rowohlt Verlag, 1982, hg. u.a. von Helmut Frenz) wird von Eliteeinheiten des el salvadorianischen Militärs berichtet, die die blutrünstigen Massaker an den Armen verursachen. „Solche Massaker sind nicht zufällig, sondern das konsequente Ergebnis der Anti-Guerilla-Ausbildung in den USA, dort werden zur Zeit (also 1981) 1.500 salvadorianische Soldaten ausgebildet… Präsident Reagan hat erklärt, er werde einen Sieg der Befreiungsbewegung in El Salvador niemals zulassen. Wenn er dieses Versprechen erfüllen will, muss er zum Mittel des Völkermordes greifen“ (S. 32).

Die Seligsprechung bzw. dann auch die Heiligesprechung von Erzbischof Oscar Romero ist also überhaupt kein Endpunkt, kein feierliches Halleluja, dem dann ein begeisterter Heiligen-Kult folgen kann! Die Seligsprechung bzw. Heiligsprechung ist vielmehr der Beginn einer umfassenden historisch-kritischen Aufarbeitung der jüngsten Kirchen- und Papstgeschichte, unter Einbezug aller Verblendungen, die im Vatikan als Dogma ausgegeben wurden. Ob diese Arbeit wohl geleistet wird? Gibt es dazu den Willen und den Mut?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die neuen geistlichen Gemeinschaften in der katholischen Kirche. Und ihre seelisch kranken Gründer.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Pfingstfest 2020

Es nimmt kein Ende: Der sexuelle Missbrauch vielfältigster Art begangen und verheimlicht von den Gründern der so viel gerühmten neuen charismatischen Gemeinschaften in Frankreich ist grenzenlos. Der Ruf dieser angeblich vom heiligen Geist gesteuerten Gemeinschaften ist dahin. Hoffentlich. Aber die vielen enttäuschten verbliebenen Getreuen glauben immer noch, wie üblich, an „Einzelfälle“. Die katholische Wochenzeitung LA VIE (Paris) nennt Mitte Mai 2020 wieder nur einige prominente Namen prominenter charismatischer Gemeinschaften.
Ich zitiere wörtlich: „Thierry de Roucy (Gemeinschaft „Points-Cœur“), Ephraïm et Philippe Madre (Gemeinschaft „Béatitudes“), Thomas et Marie-Dominique Philippe (Gemeinschaft „Frères de Saint Jean“), et leurs « enfants spirituels », Jean Vanier (internationale Behinderten-Gemeinschaft „Arche“)… et maintenant Georges Finet (Gemeinschaft „Foyers de Charité“)“. Vergessen wurde Père Pierre-Marie, Gründer und Chef von „Saint Gervais“ in Paris mit seiner seiner „Mönchs (Nonnen) Gemeinschaft „Jerusalem“ usw. usw. Diese Gemeinschaften sind auch im deutschsprachigen Raum vertreten!

1.
Warum sollte sich eine breitere, kulturell und religiös interessierte Öffentlichkeit ausgerechnet für „neue geistliche Gemeinschaften“ in der römisch-katholischen Kirche interessieren? Weil diese so genannten „neuen geistlichen Gemeinschaften“ im Unterschied zu den klassischen Orden (Benediktiner, Franziskaner, Jesuiten etc.) auch heute noch viele junge Leute als Mitglieder haben, also den real existierenden Katholizismus stärken. Weil sie auch oft als Ordensgemeinschaften organisiert sind, immer aber, um einen progressiven Anschein zu erwecken, auch Laien in ihrer klerikal bestimmten Gemeinschaft haben, wie das Opus Dei, die Legionäre Christi, die Neokatechumenalen usw.
Und diese streng reglementierten Organisationen sind nicht nur wegen ihrer beträchtlichen Anzahl weltweit der ganze große Stolz der Führer dieser Kirche. Sie gelten auch als die Hoffnung überhaupt für die Kirchenführer, Papst, Bischöfe etc. Denn diese wissen unausgesprochen: Mit dem Katholizismus in bisheriger Gestalt geht es eigentlich zu Ende. Diese alte klerikale Struktur des Katholizismus sollen die sich „neu“ nennenden geistlichen Gemeinschaften retten. Denn sie zeigen in ihren Aktivitäten, die nur neu dem Scheine nach qualitativ theologisch „neu“ sind, de facto aber das alte klerikale System fortschreiben: Dass diese alte und eigentlich starre Kirche noch lebt im Sinne des puren offiziellen Vorhandenseins. Die Bischöfe sind stolz, dass diese „treuen“ Katholiken sich noch für dieses ihrige System der dogmatischen Kirche vorbehaltlos engagieren.
2,
Und diese „neuen geistlichen Gemeinschaften“ der katholischen Kirche sind eigentlich ein großes Problem, manche sagen wertend eine Schande.
Ich nenne nur einige wenige Beispiele:
Die Johannes – Brüder, eine international verbreitete Priestergemeinschaft, auch in Deutschland und Österreich tätig, kam angesichts des Verhaltens ihres Gründers, des Dominikanerpaters Marie Dominique Philippe, in solche Turbulenzen, dass sie eine Art „Neugründung“ ihrer Gemeinschaft forderte. Pater Philippe hatte u.a seinen Bruder, ebenfalls einen Dominikanermönch, also Pater Thomas Philippe, hinsichtlich dessen sexuellen Missbrauchs Jahre gedeckt, wenn nicht unterstützt.
Pater Thomas Philippe OP war als Täter des sexuellen Missbrauchs auch dem Gründer der berühmten ARCHE – Gemeinschaften, JeanVanier, als solcher gut bekannt. Der so heilig wirkende, milde und sanfte und hoch verehrte Buch-Autor Jean Vanier aber schwieg zum Missbrauch seines Freundes Pater Philippe, weil er selbst, Vanier, seinen eigenen Missbrauch pflegte, diesmal, zur Abwechslung möchte man fast sagen, mit etlichen Damen aus seiner berühmten katholischen Gemeinschaft für geistig Behinderte und dabei allerhand sexuelle Abhängigkeiten praktizierte, die wiederum sein Freund Pater Thomas Philippe deckte. Die französische Presse hat darüber ausführlich berichtet!

Die charismatische Gemeinschaft „Pain de Vie“, Brot des Lebens, auch in Deutschland, auch in Berlin vertreten, wurde schon 2015 wegen allerhand korrupter Vorkommnisse es Gründerehepaares von den französischen Bischöfen aufgelöst.

In dem international verbreiteten charismatisch –reaktionären Orden aus Argentinien, von Papst Benedikt XVI. stark gefördert, mit dem Namen „Institut des fleischgewordenen Wortes“ /Abkürzung: IVG/, auch im Bistum Berlin tätig, sind seit 2020 viele „Fälle“ von sexuellem Missbrauch bekannt geworden. Auch durch den Gründer Carlos Miguel Buela.

Diese Liste ließe sich fortsetzen. Die neuen geistlichen Gemeinschaften sind, wenn man nur mal ehrlich wäre, eine Katastrophe für den freien Glauben der Katholiken. Man denke auch an die theologisch äußerst begrenzte Gemeinschaft Neokatechumenat und deren spirituelle und finanzielle Herrschaft über die Mitglieder….
3.
Diese offiziell so viel geliebten, und klerikal hofierten neuen geistlichen Gemeinschaften geraten also in die wirksame kirchenunabhängige Kritik. Die Erkenntnis der wenigen Journalisten, die ihre Recherche noch diesen einflussreichen Gemeinschaften widmen, betonen: Diese Gemeinschaften sind eigentlich, wertend, theologisch betrachtet, eine öffentliche Schande: Denn etliche ihrer Gründer, schon zu Lebzeiten von Päpsten wie Heilige verehrte Gestalten, sind des sexuellen Missbrauchs, des geistlichen Missbrauchs, der Übergriffigkeit in jeder Hinsicht, der finanziellen Manipulation, der moralischen Verworfenheit überführt: Man denke an den Gründer des Ordens Legionäre Christi, Pater Maciel: Er hatte sich mehrere Liebhaberinnen „zugelegt“, er missbrauchte seine Novizen und Seminaristen wie auch die eigenen unehelichen Kinder, übernahm gern Millionenbeträge der steinreichen Gattinnen usw.
4.
Das heißt: Die neuen Helden des Katholizismus aus diesen neuen geistlichen Gemeinschaften sind eigentlich sehr traurige, sehr abstoßende Gestalten, wenn nicht Verbrecher, wie der Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel. Dieser von einem Verbrecher begründete Orden besteht übrigens nach wie vor… sicher auch, weil er viel Geld und viele Beziehungen in der Hierarchie hat…

5.
Der religionsphilosophische Salon Berlin musste sich förmlich notgedrungen im Rahmen der philosophisch und theologisch immer notwendigen AKTUELLEN Kritik der Religionen befassen, also auch der Kirchen, also auch der römisch katholischen Kirche.
Bekannt und weit verbreitet sind ja die gründlichen Hinweise des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ zum Orden der Legionäre Christi, zu den Neokatechumenalen oder zu diversen reaktionären neuen Ordensgemeinschaften.
6.
Aus aktuelle Anlass: Auf eine andere neue geistliche Gemeinschaft, international verbreitet, aber vorwiegend in Lateinamerika tätig, muss nun hingewiesen werden: „Sodalicium“ („Kameradschaft) ist der Name. Denn da ist nun einmal Sensationelles passiert: Der peruanische Kardinal Pedro Barreto Jimeno fordert jetzt, dass die in Peru und in vielen lateinamerikanischen Ländern sehr starke Gemeinschaft SODALICIUM aufgelöst, aufgehoben und damit verboten wird. Diese 1971 in Peru gegründete Priester – und Laiengemeinschaft ist nicht nur theologisch reaktionär, etwa in der Verachtung der Glaubenswelten der indigenen Völker in Peru auch kulturell gefährlich. Der Gründer dieser Gemeinschaft, der Laie Luis Figari, wurde der häufigen sexuellen und spirituellen und körperlichen Gewalt gegen seine eigenen Mitglieder überführt. Figari leitete lange Jahre diese Gemeinschaft, 2015 wurde er sogar von seinem eigenen Nachfolger als untragbar empfunden. Und – wie üblich – wurde ihm angesichts der Verbrechen an Kindern in Zukunft ein Leben des Gebets nahe gelegt. Wie üblich damals in der Kirche, wurde der Täter nicht den Justiz-Behörden übergeben. Das wurde später selbst dem Vatikan zu viel, er setzte einen vom Papst bestimmten Leiter dieses Clubs ein. 2017 hat sogar die peruanische Justiz eine Untersuchung eingeleitet „wegen sexuellen, physischen und psychischen Missbrauchs“.
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Kardinal Barreto SJ (Huancayo, Peru) spricht Klartext: „Der Gründer des Sodaliciums ist ein perverse Person und eine solche Person kann nicht die Heiligkeit des Lebens vermitteln“, bekanntlich ein zentrales Ziel der Kirche. Darum fordert Kardinal Barreto: Dieses Sodalicium, diese Ordens – und Laiengemeinschaft soll aufgelöst werden. Und Barreto betont: Darin ist er sich mit Papst Franziskus einig. Mit dem neuen Erzbischof von Lima, Carlos Castillo Mattasoglio, habe der Papst dieses Thema im Vatikan besprochen.
Man muss wissen: Dieser katholisch reaktionöre „Club“ Sodalicium hatte lange Jahre bezeichnenderweise die Unterstützung des expliziten Opus – Dei Kardinals von Lima, Cipriani, gehabt, der als reaktionärer Kirchenfürst einer der heftigsten und förmlich unerträglichen Feinde der Befreiungstheologie und der Basisgemeinden war. Man darf sagen: Auch seinetwegen ist der Gründer der Befreiungstheologie, der peruanische Welt-Priester Gustavo Gutierrez, in den Dominikaner Orden eingetreten, um sich dadurch vor den Attacken Ciprianis zu schützen. Dieser Cipriani wurde, wie zu erwarten, vom polnischen Papst und Opus Dei Freund, Johannes Paul II. zum Erzbischof von Lima ernannt. Ciprinai durfte trotz heftigster Kritik an seiner Theologie bis zur altersbedingten Pensionierung in Perus Kirche herrschen.
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Wird nun wird also in Peru „aufgeräumt“? Wird die einflussreiche Organisation Sodalicium aufgelöst? Das wäre ein Wunder!
Denn die Macht dieser Gemeinschaft ist groß. Kann sie sich doch rühmen, dass kein geringerer als der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Kardinal Bergoglio, heute Papst Franziskus, sie im Jahr 2004 in Argentinien zugelassen habe. Warum wohl? Weil diese Gemeinschaft noch junge Priester hat! Und nichts ist wertvoller im klerikal verfassten Katholizismus: Als Priester zur Verfügung stellen zu können. Die Qualität dieser geistlichen Herren ist dann erst mal egal. Siehe: https://sodalitium.org/the-sodalitium-in-argentina/
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Wer noch weitere Informationen wünscht über das Sodalicium und seinen perversen Ordensgründer, der kann hier noch Hinweise finden. Schon im Jahr 2015 hat Pedro Salinas, ein ehemaliges Mitglied der Gemeinschaft Sodalicium sein Buch veröffentlicht: „Mitad Monjes, Mitad Soldados“ (Halb Mönche, halb Soldaten). Darin spricht er als Insider ausführlich von der unmenschlichen Herrschaft im Orden, er berichtet vom sexuellen Missbrauch durch den Gründer Luis Fernando Figari usw. Salinas, Pedro, 2015. „Mitad Monjes, Mitad Soldados“, 324 Seiten. ISBN 978-612-319-028-6.
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Der Sozialwissenschaftler und Theologe in Mainz, Veit Strassner, hat in der Herder Korrespondenz http://www.con-spiration.de/texte/2007/strassner.html 2007 u.a. geschrieben: „Das Sodalitium hatte 1971 der peruanische Laientheologe Luis Fernando Figari als Reaktion auf die entstehende Befreiungstheologie gegründet; es wurde 1997 von Johannes Paul II. als Gesellschaft Apostolischen Lebens für Laien und Priester approbiert. Es wird oft als peruanische Parallele zum Opus Dei gesehen und spricht vor allem Katholiken der Mittel- und Oberschicht an. Das mittlerweile in neun Ländern vertretene Sodalitium ist in Peru besonders stark. Es unterhält die kirchliche Nachrichtenagentur ACI Prensa, durch die es versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen; es trägt so zur weiteren Polarisierung bei. So versäumt es ACI Prensa beispielsweise selten, von der „Teología Marxista de la Liberación“ zu sprechen, wenn von der Befreiungstheologie die Rede ist.“
Das Sodalicium hat gemeinsam mit dem Opus Dei die religiöse und kulturelle Arbeit im Süd-Anden-Raum zerstört, also den Versuch, die Religiosität und Menschenwürde der dort lebenden Indigenas zu respektieren und zu fördern. Veit Strassner schreibt: „Im Jahr 2006 nahm die Entwicklung eine dramatische Wende: In den Prälaturen Juli und Ayaviri wurden Bischöfe des Opus Dei beziehungsweise des Sodalitium eingesetzt. Beide sind davon überzeugt, dass sich die Kirche in dieser Region in den vergangenen Jahrzehnten zu sehr um soziale Belange gekümmert und darüber die Evangelisierung vernachlässigt habe. Der Inkulturation kritisch gegenüberstehend, bezeichnen sie die indigene Bevölkerung der Südanden mit ihren ihr eigenen, traditionellen Frömmigkeitsformen als „heidnisch“, „götzendienerisch“ und „sündig“ und deshalb einer neuen, wahrhaftigen Evangelisierung bedürftig…
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Vor knapp einem Jahr hat die in Peru lebende Journalistin Hildegard Willer geschrieben: „Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio – Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden“. (Zit. von der bewährten und gründlichen Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau: http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/. Hildegard Willer scheibt weiter: Bischof Reinhold Nann von Caraveli, Peru, betont: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru“.
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Über Luis Figari informiert das spanische WIKIPEDIA kritisch, das us- amerikanische WIKIPEDIA ausführlich. Google bietet zu Luis Figari 2,6 Millionen Einträge.
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Eine zusammenfassende Würdigung: Etliche dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften im Katholizismus wurden von seelisch Kranken, Exzentrikern, Egomanen, Geldgierigsten etc. gegründet. Sie haben ihre ahnungslosen naiv-gläubigen Mitglieder an diese Mentalität gewöhnt und an ihre Organisation gebunden.

Eine lebendige Kirche, also eine, die den Menschen dient und alle Starrheit überwindet, kann von diesen Kreisen mit ihren kranken Gründern nicht aufgebaut werden.
Manche kritischen Beobachter sagen: „Diese arroganten, aber theologisch meist ungebildeten Leute in diesen neuen geistlichen Gemeinschaften vertreiben durch ihre Aktvitäten noch die letzten progressiven Katholiken. Aber vielleicht ist das so gewollt für eine Kirche auf dem Weg zu einer Sekte“. Das ist wohl so. Man sehe sich nur die Entwicklung Kirchenstatistiken der letzten Jahrzehnte in Europa und Lateinamerika an.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin