Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie – über die Grenzen des Menschen hinaus.

Hinweise von Christian Modehn. Hier werden einige Elemente einer Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie vorgestellt, die sich in der Praxis des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berliner zeigten.
Und in einem zweiten Beitrag, weiter unten, noch einmal eine Erklärung zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels geboten.

1.
Der Titel und die „Sache“ „philosophischer Salon“ sind alles andere als verstaubt. Das Interesse an philosophischen Gesprächen und Debatten in überschaubarem Kreis, in angenehmer Atmosphäre (also in einem „Salon“), ist evident.
(Frontal-)Vorträge – etwa in Akademien – vor zahlreichem, weithin bloß zuhörendem Publikum sind Ausdruck autoritären Belehrens.
2.
In unserem religionsphilosophischen Salon soll das Philosophieren geübt werden, also das selbstkritische, systematische Nachdenken. Das Thema Religion wird auch in den heutigen Philosophien ernst genommen. Philosophische Religionskritik hat nicht mehr Sinn zu beweisen, dass Religion bedeutungslos ist, im Gegenteil: Philosophische Religionskritik zeigt, welche Form einer vernünftigen Religion bzw. Spiritualität heute zur Lebensgestaltung gehören kann.
3.
Unser religionsphilosophischer Salon ist wichtig angesichts des tiefgreifenden religiösen Umbruchs in Deutschland /Europa. Die Bindung an die Kirchen lässt bekanntlich immer mehr nach. Die Säkularisierung nimmt zu. Aber Säkularisierung des Denkens bedeutet gerade nicht automatisch Zunahme des Atheismus. Religionsphilosophische Salons können die Themen der Religionen und das subjektive Bewegtsein durch religiöse Fragen angesichts der Kirchenkrise vernünftig weiterführen, in der Freiheit des Geistes… über den Klerikalismus oder den vielfältigen religiösen Fundamentalismus hinaus.
4.
Immer schon ist die Kritik der Religionen ein Schwerpunkt der Philosophie. Unser Projekt ist besonders den Grundideen der philosophischen Aufklärung (Voltaires Religionskritik, Kants Begründung der Religion in der Ethik) verpflichtet. Etwa die Hinweise von Jürgen Habermas auf den eigenen, bleibenden Wert religiöser Aussagen gegenüber einer engeren Vernunft-Philosophie müssen weiter geklärt werden.
5.
Religionen und Kirchen können von sich aus, auch durch die Theologie, nicht den gebotenen kritischen Abstand zur eigenen Praxis und Lehre finden. Erneuerung der Religion, Reformation, auch der religiösen Praxis der einzelnen, kann ohne Philosophie nicht gelingen.
6.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt es nur im Plural, die (Religions-) Philosophien in Afrika, Asien und Lateinamerika dürfen nicht länger als „zweitrangig“ behandelt werden. In welcher Weise Religion dort zum „Opium“ wird angesichts des Elends so vieler Menschen, ist eine besonders relevante Frage, auch angesichts der Zunahme christlicher und muslimischer Fundamentalismen.
7.
Religions Philosophien bieten also in ihren vielfältigen Entwürfen unterschiedliche Hinweise zur Fähigkeit der Menschen, ihre engen Grenzen zu überschreiten und sich dem im Denken zu nähern, was die Tradition Gott oder Transzendenz nennt. Dabei treten diese unterschiedlichen Entwürfe in einen lernbereiten Dialog. In unserem religionsphilosophischen Salon gibt es z.B. ein starkes Interesse am (Zen-) Buddhismus.
8.
Uns ist es wichtig uns zu zeigen, dass Menschen im philosophischen Bedenken ihrer tieferen Lebenserfahrungen das Endliche überschreiten können und sollen und das Göttliche, das Transzendente erreichen können. Das Göttliche als das Gründende und Ewige zeigt sich dabei im Denken als bereits anwesend. Es ist sozusagen unthematisch gegenwärtig im Geist des Menschen.
Wenn der Mensch nach dem Göttlichen fragt, hat er also notwendigerweise „immer schon“ ein gewisses Vorverständnis vom Göttlichen. Dieses „Vorwissen“ gilt, nebenbei, für alles Fragen und Suchen.
9.
Insofern ist Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie auch eine subjektive Form der Lebensgestaltung, d.h. eine bestimmte Weise zu denken und zu handeln.
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie kennt keine Dogmen, sicher ist nur das eine Dogma: Umfassend selbstkritisch zu denken und alle Grenzen zu prüfen, in die wir uns selbst einsperren oder in die wir durch andere, etwa durch politische Propaganda, durch Konsum und Werbung im Neoliberalismus, eingeschlossen werden. In dieser Offenheit, Grenzen zu überschreiten, zeigt sich die Lebendigkeit der Religions-Philosophie. Philosophieren ist etwas Lebendiges, im Unterschied zu vielen klerikalen Konfessionen ist sie nichts Erstarrtes voller Verbotsschilder
10..
Diese „Entdeckungsreisen“ der Re¬li¬gi¬ons¬phi¬lo¬so¬phien können angestoßen werden durch explizit philosophische Texte, aber auch durch Poesie und Literatur, Kunst und Musik, durch eine Phänomenologie des alltäglichen Lebens, durch die politische Analyse der vielfachen Formen von Unterdrückung, Rassismus, Fundamentalismus. Mit anderen Worten: Re¬li¬gi¬ons¬phi¬lo¬so¬phie findet eigentlich in allen Lebensbereichen statt, kann sich von allen „Produkten des Geistes“ (Hegel) bewegen lassen. Wer die Gesprächsthemen anschaut, die wir seit 2007 in den meist monatlichen Veranstaltungen („Salon-Abende“) in den Mittelpunkt stellen, wird von der großen Vielfalt überrascht sein. Bisher fanden ca. 100 Salon-Gespräche statt.

Ein Hinweis zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels

„Es ist ein Faktum, dass Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie in derjenigen Epoche der Philosophiegeschichte – oder gar der allgemeinen Bewußtseinsgeschichte – entsteht, in der die Einsicht ausgesprochen und weithin geteilt wird, dass Gott nicht erkannt werden könne.“ (Walter Jaeschke, „Über die Bedingungen der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nach der Aufklärung“, in: Hegels Philosophie, Meiner Verlag, 2020, S. 349).

Das bedeutet für die meisten Philosophen in der Zeit der Aufklärung: Gott als Gott, abstrakt als solcher, kann nicht erkannt werden:
1. Weil als (wissenschaftliche) Erkenntnis nur gelten kann, wenn sie an sinnliche Gegenstände gebunden ist.
2. Weil die alten metaphysischen Wesensbeschreibungen Gottes (im Rahmen einer philosophischen Theologie der Scholastik etwa) so widersprüchlich sind, dass diese alte Metaphysik obsolet wurde. Und damit auch die Lehre der metaphysischen Gottesbeweise.

Der Gegenstand der nun von Hegel gestalteten Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist also nicht das abstrakte Objekt „Gott“ oder „die Götter“, sondern Gegenstand der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie sind die Religionen. Und diese sind zu verstehen als je unterschiedliche kulturelle Vollzüge des geistgeprägten, vernünftigen Menschen: Die geistigen Strukturen des Menschen also müssen freigelegt werden, will man Religion im Menschen und damit das Bewusstsein von Gott im Geist des Menschen aufweisen und erklären.

Dabei, so Walter Jaeschke, kommt es der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie im Sinne Hegels darauf an, „zu sagen, was Religion eigentlich ist“ (S. 350). Diesen normativen Anspruch hat besonders Hegel deutlich gemacht und in seinem umfangreichen Werk erörtert, das im ganzen, weil Geist – Philosophie, als Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie verstanden werden kann. Denn die Religion kann als solche nur deswegen „Objekt“ der Philosophie werden, weil sie als Religion und Vollzug der Religion selbst schon in sich Vernunft enthält, eben weil sie Ausdruck der geistigen Kraft des Menschen ist. „Nur wenn Vernunft in der Religion ist, kann Philosophie – als Vernunftwissenschaft par excellence – Religion zum Gegenstand machen“ (S. 354 f.) das hat die Konsequenz: „Ist aber Vernunft in der Religion- so MUSS die Philosophie die Religion zum Gegenstand machen – sonst wäre sie nicht das vollständige System der Vernunft, das sowohl Kant als auch seine Nachföger anstreben“ (S. 355).

Für weitere Hinweise, mehr zur Praxis unseres religionsphilosophischen Salons, siehe die Startseite unserer Website!LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin