Ernesto Cardenal gestorben: Der Poet, Mönch, Priester, Politiker ist am 1.3. 2020 in Managua, Nicaragua, gestorben.

Hinweise von Christian Modehn

In die sich auch in Deutschland bildende Trauergemeinde reiht sich auch der „Haupt-Geschäftsführer“ des katholischen Hilfswerkes für Lateinamerika „ADVENIAT“ (Essen) ein.
Pater Michael Heinz svd schreibt in einer knappen offiziellen Erklärung: „Mit dem Tod von Ernesto Cardenal verlieren wir einen bedeutenden Fürsprecher und Anwalt der Armen. Mit ihm ist eine einflussreiche Stimme für Frieden und Gerechtigkeit in Lateinamerika verstummt.“ „Völlig verstummt“ ist Cardenal, wie alle großen Poeten, sicher nicht; seine Werke, seine Bücher, stehen nach wie vor zur Lektüre auch auf Deutsch bereit.
Bedenklicher, wenn nicht gar zynisch, ist die Formulierung von Pater Heinz: „…verlieren wir“… Wer ist dieses „Wir“: Offenbar auch das katholische Hilfswerk Adveniat? Es ist wohl so, dass die heutigen Verantwortlichen von „Adveniat“ jetzt Ernesto Cardenal als einen der „ihren“ betrachten.
Aber bei so viel Vereinnahmung des Dichters, Priesters, Kulturministers und Befreiungstheologen durch „Adveniat“ heute wäre es dringend geboten gewesen: Zu erinnern, wie dieses Hilfswerk für Lateinamerika früher den Aufstand, die Revolution in Nikaragua gegen den Diktator Somoza bewertet hat. Vor allem, wie Adveniat“ dann mit seinem tatsächlich hoch umstrittenen „Studienkreis Kirche und Befreiung“ unter der Leitung des Adveniat-Chefs damals, Bischof Franz Hengsbach, Befreiungstheologen wie Ernsto Cardenal pauschal und dumm als „Kommunisten“ schlecht zu machen versuchte und mit allen Mitteln der Medien (auch dann mit Hilfe der Reagan-Regierung) verteufelte. Das ist alles bekannt und wissenschaftlich nachgewiesen und dokumentiert worden!

Man lese etwa in der Zeitschrift der Jesuiten „ORIENTIERUNG“ (Zürich) von Ende Dezember 1977 nach, LINK, wie es heftige, aber wirkungslose Proteste vonseiten prominenter Theologen in Deutschland gegen diese Verbindung von „Adveniat“ mit den reaktionären katholischen Kräften in Lateinamerika gab. Bischof Hengsbach, Adveniat-Chef, ließ es bekanntlich auch nicht nehmen, vom bolivianischen Diktator Banzer eine hohe Ehrung entgegen zu nehmen usw…

Es hätte anlässlich des Todes von Ernsto Cardenal den „Geschäftsführern“ und „Hauptgeschäftsführern“ von Adveniat gut getan, sich für diese mit viel Spenden-Geldern betriebene Campagne gegen die Befreiungstheologen – auch gegen Ernesto Cardenal – zu entschuldigen. Dass dem Priester Ernesto Cardenal 1985 die Ausübung des priesterlichen Amtes verboten wurde in einer gemeinsamen Aktion von Papst Johannes Paul II. mit dem erklärten Gegner der Befreiungstheologen Kardinal Joseph Ratzinger (Chef der Glaubenskongregation) ist bekannt. Priester, die in Polen das kommunistische Regime kritisierten, wurden auch finanziell kirchlich sehr deutlich unterstützt. Priester, die das Elend des armen Volkes in Nicaragua endlich beseitigen halfen, wie Ernsto Crdenal, wurden vom Vatikan bestraft, lächerlich gemacht und verunglimpft, isoliert.

Heute ist es allen katholischen Führern in Nicaragua peinlich, dass ausgerechnet der damals größte Feind Cardenals, Erzbischof Obando von Managua, den heutigen Diktator Daniel Ortega ins Präsidentenamt gehieft hat. Warum? Weil Daniel Ortega dem Kardinal im Falle seiner Wahl versprach, ein totales Verbot der Abtreibung in Nicaragua zu betreiben. Das tat dann Ortega auch als Präsident sofort. Nebenbei: Bekanntlich ist der absolute Schutz des ungeborenen Lebens vielen katholischen Führern bis heute absolut wichtiger als der Schutz des geborenen Lebens.

Dass sich Cardenal von dem einstigen revolutionären Führer und heutigen Diktator Ortega deutlich distanzierte, hat sich allgemein herumgesprochen.
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal, sind viele Werke Cardenals noch zu „haben“. Dass Cardenal eng mit dem Mystiker Thomas MERTON verbunden war, kann hier nur erwähnt werden. LINK.
Kurzum: Etwaa mehr Selbstkritik hätte den Geschäftsführern von Adveniat jetzt gut getan, haben sie Angst vor Spenden-Einbußen?

Ein Lektüre-Tipp in dem Zusammenhang: „Wer tötete Erzbischof Romero? Klicken Sie hier.

PS.: Ich habe am 23. 11. 1975, S. 373, einen etwas längeren Beitrag über Ernesto Cardenal „Mönch – Dichter – Revolutionär“ in der katholischen Wochenzeitung des Herder Verlages „Christ in der Gegenwart“ veröffentlichen „können“, muss ich sagen, dank der eher „liberalen“ Haltung des Chefredakteurs Manfred Plate.
Und dann noch am 25.2.1979 einen zweiten Beitrag „Den Stacheldraht zerschneiden“, ebenfalls in „Christ in der Gegenwart“, S. 65 f. Freiburg i.Br.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der unterlegene, aber siegreiche Knecht: Eine Christus-Interpretation auf Anregung Hegels

Von Christian Modehn

Es sollte versucht werden, philosophische Denkmodelle mit religiösen, christlichen Inhalten nicht nur zu konfrontieren, sondern diese christlichen Inhalte, etwa aus dem Neuen Testament, hineinzutragen in philosophischen Denk-„Modelle“. Um möglicherweise einen neuen Blick auf religiöse Traditionen zu gewinnen.

Dies gilt für die Erzählung von „Herr und Knecht“ bei Hegel („Phänomenologie des Geistes“ und „Enzyklopädie“).

Im Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Kapitel 2, Vers 7) wird Jesus Christus erstaunlicherweise als KNECHT bezeichnet. Von dem Himmelsherrn – siehe die Mosaike der Basiliken – ist da noch keine Rede!
Die Aussage des Theologen Paulus: Der eigentlich (himmlische, ewige) „Gott-gleiche“ Christus, (der „Logos“ im johanneischen Sinne), hat sich in die Welt der Menschen begeben, hat sich ent – äußert. Er wurde hier zum Knecht, genauso, wie andere Menschen in den Verhältnissen dieser Welt auch Knechte sind. Paulus selbst verwendet in seinem Philipper – Brief das altgriechische Wort „doulos“: Das ist präzise der Knecht, sogar der Sklave. Ins Lateinische übersetzt ist dann die Rede von „servus“, Knecht und Diener.

Christen sind also Freunde eines „Knechts“, der gegen die Herren kämpft. Wer hat diese Definition Jesu Christi jemals in einem Gottesdiest gehört? In welcher Bischofskirche? In welcher Kirche in Rom=

Wenn man diesen Knecht Jesus Christus hineinschreibt in die Konstellation „Herr und Knecht“ im Sinne Hegels, ergeben sich diese Erkenntnisse:

Auch der Knecht Jesus Christus steht in seinem Leben in Judäa/Galilea, selbstverständlich, wie in der Erzählung Hegels, dem Herren bzw. historisch-konkret den Herren gegenüber. Diese sind die Mächtigen in Religion und Politik. Ihm, dem ungewöhnlichen Propheten, dem Interpreten dessen, was gottgefällig und Gesetz ist, setzen diese Herren zu, misstrauen ihm, verfolgen ihn, machen ihm den Prozess, morden ihn schließlich am Kreuz.
Dieser Knecht Jesus Christus ist ein sonderbarer Knecht, er hat – im Unterschied zu Hegels Erzählung – nicht den Willen, ein Herr zu werden oder den Herrn, bzw. die Herren, siegend zu überwältigen. Er will überzeugen, aber die Herren sind verblendet. Dem Knecht genügt es dann, die Herren in ihrer Macht zu blamieren und dadurch in ihrem „guten Ruf“ etwas zu erschüttern. Die Herren verändern sich allerdings nicht in ihrem Herr-Sein.

Jesus Christus siegt zwar nicht über diese Herren. Aber er zeigt überragende geistige und seelische Größe, er lässt sich nicht verführen hin auf die Seite der Mächtigen und deren Ideologien. Dies macht ihn in den Augen seiner Freunde dann doch zu einem (ganz anderen) „Herrn“, zu einem gewaltlosen, machtfreien Herrn.
Der Kampf zwischen Herr und Knecht endet also in der Sicht des Neuen Testaments zwar mit einem politischen Sieg der Herren dieser Welt. Jesus Christus stirbt, politisch betrachtet, als religiöser Aufrührer, als Kritiker, als Umstürzler, dann als Verfolgter, im Elend der Kreuzigung.

Aber es gibt einen dialektischen „Umschlag“: Denn Jesus hat in seiner Menschenfreundlichkeit zugunsten der Kleinen, der Vernachlässigten, der Armen, der Verachteten, eine Gemeinde der Freunde hinterlassen, einen Kreis von Frauen und Männern, die man ApostelInnen und JüngerInnen nennt. Der gescheiterte Knecht hat also förmlich eine kleine Widerstands – Bewegung der Schwachen bewirkt; sie steht den Herren ebenfalls prinzipiell kritisch gegenüber. Später ämderte sich das und da stand die Kirche aufseiten de Herrscher, bis heute, aber das ist ein anderes Thema…

Die Gemeinde der „Freunde des Knechtes Jesus Christus“ überlebt trotz Verzweiflung auch geistig den Tod ihres Vorbildes und Meisters.

Der gescheiterte Knecht Jesus Christus stirbt zwar elend. Aber seine Gemeinde, die treuen FreundInnen, wissen nach seinem Tod: Solch ein „Knecht“ kann nicht sterben. Diesen Menschen wird also die Einsicht geschenkt: Dieser gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Er ist stärker als die tötende Macht der Herren. Er ist also kein unterlegener Knecht mehr. Er ist –letztlich – der Sieger. Das sind keine Wahnvorstellungen „Gestörter“. Vielmehr die Konsequenzen einer sinnvollen Lebensphilosophie, Glaube genannt.

Genau dies ist die Erfahrung, die man Ostern nennt: Der gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Und zwar anders als eine „irdische“ Gestalt, anders als ein leiblicher Mensch dieser Welt. Man nennt dieses andere Leben über den Tod hinaus ein ewiges Leben, in das Jesus eingetreten ist. Denn in ihm, Jesus Christus, wirkt und lebt, wie in den Menschen, seinen Freunden auch, der göttliche Geist. Dieser ist, weil göttlicher Geist auch der ewige Geist, nicht tot zu kriegen in dieser Welt. Mit anderen Worten: Der tote Jesus liegt im Grab – und lebt … auf ewig. Daran hält sich die Gemeinde, weil sie weiß: Auch wir Menschen haben – wie Jesus – Anteil am ewigen Geist Gottes.

Die Herr-Knecht-Beziehung am Beispiel Jesu Christi hat eine allgemeine Bedeutung: Sie zeigt: Die Niederlage, das Scheitern des Knechtes, letztlich jedes menschlichen Knechtes, ist nicht definitiv das Ende. Mit anderen Worten: Es ist sinnvoll, gegen die Herren der Welt den Kampf der Menschlichkeit (und Demokratie) zu führen. Selbst die furchtbare Form der Todesstrafe, die Kreuzigung, ist kein Beweis für den definitiven Sieges der Herren dieser Welt.

Es ist das Ewige, als das Göttliche, das sich im Scheitern des Knechtes, aller Knechte, im Kampf gegen die brutalen Herren sozusagen „durchhält“ und letztlich nicht zum Verschwinden gebracht werden kann.

Diese Erkenntnis ist kein Opium der Vertröstung auf ein ewiges „Jenseits“. Diese Erkenntnis drängt sich auf, wenn man die Anwesenheit göttlichen Lebens in der von Gott „geschaffenen“ Welt trotz aller irritierender Fakten sieht. Die Welt als die von einer göttlichen Lebendigkeit „geschaffene“ Wirklichkeit mit ihrer Natur und ihren Menschen kann gar nicht anders gedacht werden, als: dass Göttliches eben auch in der Welt und den Menschen anwesend ist und lebt. Dies ist ein Bereich, in dem alle, auch die festesten „Naturalisten“ und/oder militanten Atheisten insgesamt auch eher andeutend, suchend, fragend, im „Vielleicht“ sprechen.

Die innere Verbindung der “geschaffenen“ Welt mit dem schöpferischen Gott ist der zentrale Gedanke der Philosophie Hegels, die bekanntlich insgesamt Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist, wie der große Philosoph Michael Theunissen gezeigt hat.

Aber die anderen, die Freunde Jesu, wissen: Wenn sie jene Menschen ehren und feiern und im Gedächtnis bewahren, die, wie Jesus Christus, den Weg der Konfrontation mit den Herren der Welt wagten und dabei ihr Leben lassen mussten: Dann sind diese mutigen Menschen über ihr Martyrium hinaus bleibend lebendig, auch inmitten der Gemeinde: Man denke an Bischof Oscar Romero (El Salvador) oder Dietrich Bonhoeffer und einige andere.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die geistigen Brandstifter der heutigen Rechtsextremen

Ein Buchtipp: “Das alte Denken der neuen Rechten“. Herausgegeben vom „Zentrum liberale Moderne“, Berlin
Von Christian Modehn

1.
Revolutionen beginnen im Denken. So war es mit der Französischen Revolution. So war es mit dem faschistischen Umsturz bzw. der Katastrophe, gewollt und betrieben von Hitler, seiner Partei, den Mitläufern. So ist es mit den de facto rechtsextremen Parteien, die heute mitverantwortlich sind für Mord und Totschlag in Deutschland, sie wollen die Demokratie letztlich zugrunde richten. Die Täter (und die Politiker im Hintergrund mit ihrer Hetze) folgen dabei nicht nur ihrem privat entwickelten Hass auf Fremde, Flüchtlinge, Minderheiten, Menschen also, die nicht zu ihrem völkischen „Volk“ gehören dürfen. Sie folgen auch den versteckten und direkten Anregungen, wenn nicht Weisungen von etablierten, manchmal Intellektuelle genannten rechtsextremen „Meisterdenkern“.
2.
Deren letztlich immer antidemokratischen Ideologien kann man nun in einer Neuerscheinung studieren. Das der Bewahrung von Demokratie verpflichtete, leider noch viel zu wenig bekannte „Zentrum liberale Moderne“ in Berlin hat den Sammelband „Das alte Denken der neuen Rechten“ herausgegeben. Das Buch trägt den Untertitel „Die langen Linien der antiliberalen Revolte“. Das Buch, 166 Seiten stark, mit vielen Literaturangaben verdient weiteste Beachtung. Für viele könnte es wohl eine Art Start sein, um den Background der heutigen Rechten und Rechtsextremen zu verstehen und zu studieren. Das Buch wird kostenfrei versandt, Bestellungen an das „Zentrum liberale Demokratie“, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin. Per e-mail bestellen: info@libmod.de www.libmod.de
3.
Die Einleitung hat Ralf Fücks verfasst: Er ist „geschäftsführender Gesellschafter des Zentrum Liberale Moderne“, wo bei das Wort „liberal“ hier nicht auf eine bestimmte Partei (etwa die FDP) bezogen ist, sondern liberal identisch gesetzt wird mit demokratisch und den Menschenrechten verpflichtet.
Fücks weist schon in seinem Vorwort auf die aktuelle Präsenz der rechtsextremen „Meisterdenker“ hin, etwa in der Zeitung „Junge Freiheit“ oder des „Instituts für Staatspolitik“. 16 prominent gewordene eher „alte Denker“ der „neuen Rechten heute“ werden vorgestellt, von Autoren, die als Politologen und Recherche-Journalisten in demokratischen Kreisen anerkannt und bestens bekannt sind. Das Spektrum der alten rechten Ideologen ist breit angelegt: Richard Wagner, der Antisemit, gehört dazu wie der Philosoph Arnold Gehlen, der Dichter Ernst Jünger oder der Biologe Konrad Lorenz. Auch an den frühen Thomas Mann wird erinnert oder den heutigen Autor Botho Strauß. Selbstverständlich fehlt nicht der zwiespältige Anti-Demokrat zu Hitlers Zeiten Carl Schmitt und auch an Martin Heidegger wird zurecht erinnert: Bei ihm legt der Autor Micha Brumlik den Akzent nicht etwa auf die „Schwarzen Hefte“, sondern schon auf das frühe Heidegger Werk „Sein und Zeit“. Sehr wirksam in Kreisen der AFD ist der rechtsextreme Autor Armin Mohler. Über ihn hat der bekannte Politologe Hajo Funke eine wichtige Studie verfasst. Bei Mohler (1920 – 2003) holen sich die AFD Führer sozusagen ihr ideologisches Futter. Er stand schon Franz Josef Strauß nahe, dann aber besonders Franz Schönhuber und seinen Republikanern. Er hatte eine „beispiellose Karriere eines Rechtsradikalen“, ab 1961 hatte er den „Chefposten der gerade gegründeten Siemensstiftung“ (S. 93) „Von den Neuen Rechten um die Zeitung Junge Freiheit, Karl Heinz Weißmann und Götz Kubitschek vielfach verehrt und verlegt…“ (S. 90). Der Begriff „Konservative Revolution“ wurde von Mohler gern verwendet.
Über den Begründer der Bewegung „Neue Rechte“ bzw. „la Nouvelle Droite“, den französischen Autor Alain de Benoist, hat Ellen Daniel einen Beitrag verfasst. Er gehört zu den Ideologen, die diplomatisch geschickt hin und her larvieren, vieles im Unklaren lassen, ob sie nun für ein neues Heidentum oder einen konservativen Katholizismus eintreten, tatsächlich aber massiv gegen die „égalite“, die prinzipielle Gleichheit aller Menschen polemisieren. Dieses verschlüsselte, nur Kennern schnell verständliche rechtsextreme Geraune zeichnete ja auch den „fein schreibenden“ Schriftsteller Ernst Jünger aus. Klaus Mann, ältester Sohn von Thomas Mann, schrieb sehr treffend: „Dass er (Ernst Jünger) schreiben konnte, erst das macht ihn gefährlich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns…Aber ein Geist von der finsteren Glut kann Unheil stiften. Eine geheimnisvolle Perversion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrieben,wo notorische Böswilligkeit und Menschenfeindlichkeit sich alsTugend blähen“ (S. 16).
Über die philosophischen und religiösen Hintergründe der französischen Neuen Rechte in Frankreich habe ich schon 1982 zwei Beiträge in der Orientierung (Zürich) publiziert, sie sind noch im Archiv der „Orientierung“ erreichbar, klicken Sie hier.
4.
Interessant ist, dass Oswald Spengler und sein Hauptwerk „Der Untergang der Abendlandes“ immer noch in den Köpfen heutiger Rechtsradikaler wirkt. Spengler verehrte ja bekanntermaßen Mussolini, er proklamierte einen „nationalen Sozialismus“, sein Antisemitismus ist bekannt. „Der neurechte Redner Götz Kubitschek schöpfte z.B. aus Spengler Fundus… und der Idee der kulturellen Schicksalsgemeinschaften, als er im Januar 2015 vor 15.000 Teilnehmern bei einer Legida-Demonstration sprach“ (S. 48). Wichtig ist auch der Hinweis des Politologen Lars Rensmann auf die Präsenz von Spengler im Denken des sehr rechten Parteiführers Thierry Baudet vom „Forum voor Democratie“ in den Niederlanden (S. 48). Eher in weiten Kreisen unbekannte rechtsextreme Denker werden in dem Buch vorgestellt: Etwa der Inspirator der „Muslimbrüder“ Sayyid Qutb oder die „antiliberale Vordenkerin“ Sigrid Hunke.
Wichtig erscheint mir der Beitrag über den russischen und russisch-orthodoxen „Antiwestler“ Alexander Dugin, einen vielseitigen Publizisten, rhttps://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Was-Horst-Seehofers-zur-Fluechtlingskrise-schon-alles-gesagt-hat-id36919252.html ist Putin-Freund und Ideologe eines machtvollen russisch bestimmten Reiches. „Dugin strebt die Schaffung eines vollkommen neuen Reiches, ja einer noch nie dagewesenen Weltordnung an“ (S. 111 in dem Beitrag von Andreas Umland). Dugin verschweigt nicht seine Sympthien für Hitler, er hat sogar die „Auferstehung Heinrich Himmlers gepriesen“ (S. 112). Auch mit Heidegger hat sich Dugin intensiv befasst und ihn in sein rechtsextremes Phantasieren eingebaut.Der international bekannte Heidegger – Interpret Friedrich-Wilhelm von Herrmann (Freiburg) war sich nicht zu schade, sich von Dugin mehr als eine Stunde für seinen TV Kanal in Russland befragen zu lassen. Leider wird diese Verbindung des Heidegger- Spezialisten von Herrmann mit Dugin nicht erwähnt. Wichtiger noch die Nachweise des Autors, wie eng die Verbindungen einiger AFD Führer und deren Ideologen mit Dugin sind, aber auch mit FPÖ Leuten und „Identitären“ so wie Burschenschaften besteht regelmäßig Kontakt. Der AFD Abgeordnete Thomas Rudy in Thüringen gründete etwa 2016 im Sinne Dugins ein „Deutsches Zentrum für eurasische Studien“.
Dugin ist sicher eine sehr wichtige rechtsextreme Figur im Hintergrund nicht nur russischer Politik.
5.
Ich hätte mir gewünscht, dass auch dem Philosophen Friedrich Nietzsche als einem „Denker der alten wie der neuen Rechten“ ein Kapitel in dem Buch gewidmet worden wäre. Über die Wirkungsgeschichte einiger zentralen Nietzsche – Thesen im Nazi-Milieu gibt es ja keine Diskussion, und zwar gilt das nicht nur für die heftigen Passagen in „Der Wille zur Macht“. Dieses posthume Werk ist ja eher ein Machwerk von Nietzsches Schwester Elisabeth! Der Philosoph Vittorio Hösle schreibt im Blick auf Haupttendenzen von Nietzsches eigenen Veröffentlichungen: “Eine Synthese von Nietzsches antichristlichem Machtkult und Wagnerscher Wiederbelebung altgermanischer Mythologeme im Namen eines aggressiv-antisemitischen Nationalismus war in der Tat das kollektive Experiment, das das deutsche Volk unter der Regie Adolf Hitlers unternahm“ (in: „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S. 207). Und noch einmal Vittorio Hösle: „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus des Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt…Nietzsche schreibt: Leben heißt grausam und unerbittlich sein gegen alles, was schwach wird“ (ebd., S 199f. ).
6.
Der zentrale Vorwurf der Rechtsextremen, in Deutschland, ja in Europa insgesamt, finde durch den Zuzug der muslimischen Bevölkerung eine „Umvolkung“ statt, wird in dem genannten Buch des Zentrums liberale Demokratie mehrfach angesprochen. Dabei fehlt mir ein Kapitel über die „Urheberin“ dieser „Umvolkungs“ – Ideologie“: Es ist die Autorin Bat Ye Or, sie stammt aus einer jüdischen Familie in Ägypten und lebt seit langer Zeit in England. Ich habe über sie und ihre anti-muslimischen Thesen einige Hinweise publiziert, klicken Sie hier.
7.
Der Hass der vielen Rechtsextremen heute auf „andere“, Fremde, Flüchtlinge usw. wurde durch einen nachlässigen Umgang vor allem der konservativen CDU/CSU – Politiker zumindest indirekt mit-gefördert. Die Sprache vieler so genannter Spitzen-Politiker bürgerlicher Parteien hat den demokratischen Geist vergiftet, etwa die Rede von der „Flut der Ausländer“, von der „Bedrohung durch Flüchtlinge“ usw. Die „Augsburger Allgemeine“ hat schon im Februar 2016 einige heftige polemische Zitate Seehofers (CSU) zu den Flüchtlings“strömen“ gesammelt, die im Duktus an AFD Sprüche heute erinnern. Mir ist nicht bekannt, dass sich Seehofer für die Tatsache entschuldigt hat, dass er der AFD als Stichwortgeber diente. Dies ist doch eine Tatsache, und sie gilt nicht nur für Herrn Seehofer…Klicken Sie hier.
„Man denke auch daran, wie über Jahrzehnte hindurch Nazis in führenden Positionen der BRD selbstverständlich das Sagen hatten.
Konservative und sich christlich nennende Parteien waren schon immer anfällig für eine Toleranz gegenüber Rechtsaußen. Das ist ein eigenes Thema, das jetzt nur wenig Aufmerksamkeit findet.
8.
Das Buch „Das alte Denken der neuen Rechten“ ist eine Sammlung historischer und politologischer gut lesbarer Essays. Es macht den Demokraten deutlich, in welchen geistigen, d.h.ideologischen Sphären sich die Rechtsradikalen, auch die AFD Führer, bewegen. Den politischen Kampf gegen die Feinde der Demokratie kann das Buch natürlich nicht ersetzen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es ist vorbei – Die katholische Kirche in Europa

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ein Vortrag, anlässlich des definitiven Nein von Papst Franziskus zur Aufhebung des Zölibates und des erneuten Nein zur Zulassung von Frauen zum Priesteramt im Februar 2020).

Das Motto für diesen Beitrag, treffend im Hegel-Gedenken 2020: „Denkende Menschen als Laien zu behandeln, ist das Härteste“ (bezogen auf die katholische Kirche) In: „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ III, Frankfurt 1971, S. 297).

Ich wurde nach der Publikation dieses Beitrags gefragt: Welche Quellen, welche Studien, denn besonders wichtig sind in diesem Zusammenhang.
Ich möchte auf den bekannten französischen Historiker, Soziologen und Philosophen Marcel Gauchet hinweisen, besonders auf dessen viel beachtetes, grundlegendes Buch „Le Désenchantement du monde“ (1985).Darin zeigt er: Es gibt eine Art „Sortie de la religion“, einen massenhaften Auszug aus der institutionellen Religion, besonders der Kirchen. Die religiösen Strukturen, Organisationen, finden keine Akzeptanz mehr (zumindest in Europa), hingegen wird der persönliche, der eigene religiöse Glaube bewahrt und gepflegt!
„Es gibt überhaupt keinen Gegensatz zwischen dem „Verlassen der religiösen Strukturen“ (sortie de la religion), und dem Fortbestehen der persönlichen religiösen Gläubigkeit“ (in: Philosophie Magazine, Paris, September 2009, Seite 54).

Mein Vortrag:

Die zentrale Erkenntnis: Eine religiöse Epoche geht zu Ende durch das sehr vielfältige, sehr zahlreiche innere wie äußere Abstandnehmen etwa vom Katholizismus. Diese Erkenntnis wird auch von Marcel Gauchet unterstützt und ausführlich dargestellt. Dieses Ende einer religiösen Epoche ist noch nicht „angekommen“ bei den meisten Theologen, geschweige denn bei den Herren der Kirchenleitungen, etwa in Deutschland oder Rom. Dies zu sagen bedeutet: Eine Tatsache sagen. Und das hat mit Polemik absolut NICHTS zu tun.

1.
Eine Epoche geht jetzt zu Ende. Das spüren viele, das wissen einige: Religionssoziologen, Theologen Philosophen: Ein Umbruch, ein Epochenwandel, geschieht: Die Zeit der über Jahrhunderte dauernden, weithin machtvollen Präsenz der katholischen Kirche in den allermeisten Ländern Europas (und Nordamerikas und sogar Lateinamerikas) ist vorbei. Auf „Wunder“ eines „Rückschritts zu alten Zeiten“ sollte man auch in dem Zusammenhang eher nicht setzen… Der Katholizismus ist in den genannten Regionen vielleicht institutionell und finanziell noch stark, wie ein Gerüst noch vorhanden. Aber der Katholizismus, so wie er sich heute offiziell darstellt, bewegt nicht mehr das Leben der Menschen. Die Vitalität und Kreativität ist dahin. Das ist eine auch soziologisch bewiesene Aussage. Denn nur noch explizit konservative bzw. reaktionäre Kreise stützen mit aller Polemik das alte katholische System, das entscheidend vom Klerus beherrscht wird. Nur autoritätshörige Menschen fühlen sich in einem autoritären System wohl.
Es gibt sie noch, die katholischen Gruppen und Organisationen, die, selbst autoritär strukturiert, gerade das Autoritäre, das Erstarrte, das Unwandelbare des klerikalen Katholizismus lieben und es mit allen (auch finanziellen) Mitteln verteidigen. Sie haben oft im Zusammenhang mit rechten/rechtsextremen Politikern die Netzwerke bis in den Vatikan ausgebaut. Sie verteufeln auf unverschämte Weise die letzten noch progressiven, d.h. auf lebendigen Wandel setzenden Katholiken, wie den Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer. Er wird von dem reaktionären Organ kath.net als Wolf im Schafspelz dargestellt. Das ist sozusagen katholisch-reaktionäres AFD Niveau….Aber: Abgesehen von diesem einen Beispiel: Auf sie, als die „Treuen“, hören die Päpstes, die höchsten Kardinäle, die Bischöfe etc. Diese Kreise sind die leidenschaftlichen Apologeten des „ewigen Gestern“: Opus Dei, neokatechumenale Gemeinschaften, katholische Charismatiker, Legionäre Christi, Freunde Fatimas, Freunde Pater Pios, die betuchten Kreise um Fürstin Thurn und Taxis in Regensburg etc. Sie vertreiben auf ihre Art die wenigen Katholiken, die noch -naiv – an eine demokratisch strukturierte Kirche glaub(t)en.
Diese Apologeten des Autoritären sorgen also dafür, dass es mit der katholischen Kirche in Europa zu Ende geht. Selbst wenn diese Apologeten noch kleinere Massenveranstaltungen organisieren, weiß jeder Beobachter: Es sind nur noch die engen Kreise der „Treuen“, die sich da versammeln. Sie sorgen dafür, dass die klerikal-katholische Kirche auf den Stand einer Sekte geführt wurde und wird: In sich abgeschlossen und fern vom modernen Geist. Ohne kulturelle Relevanz. Das Schlimme für diese Kreise ist nur: Ihre heiligmäßigen Stars, wie der „Vorbild Katholik“ Jean Vanier, Gründer der Arche-Gemeinschaften, wird als sexueller Mißbrauchstäter post mortem entdeckt und als Beschützer eines „pädophilen“ Täters aus dem Dominikaner-Orden. Zuvor wurde der Gründer der „berühmten“ Mönchsgemeinschaften „Jerusalem“ in Paris, Père Pierre-Marie, ebenfalls wegen heftiger „Übergriffigkeiten“ belastet, abgesehen von den Mißbrauchsfällen in charismatischen Gemeinschaften wie den weltweit verbreiteten „Johannes-Brüdern“ und so weiter. Von den Finanzskandalen im Vatikan und anderswo soll hier gar nicht erst die Rede sein. Genauso wenig von der Verlogenheit höchster Vatikan-Mitarbeiter, etwa Kardinäle, die selbst homosoexuell, aber allen noch katholischen Homosexuellen mit ihrer verlogen-rigiden Moral das Leben schwermachen, die international verbreitete soziologische Studie zu dem Thema, Titel des Buches „Sodom,“ von Frédéric Martel, ist ja bekannt.
Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ist also bei Lichte und klarem Verstande besehen dahin. Was kann für eine Glaubens-Gemeinschaft aber dramatischer sein als der Verlust der Glaub-Würdigkeit?
Die folgenden Hinweise sind nicht Ausdruck von Polemik. Sie beschreiben „nur“ das Ende einer „katholischen Welt“ in Europa und in Amerika.

2.
Erinnerung an einige Fakten: Es gibt immer weniger das alles entscheidende „Personal“, also den zölibatären Klerus, der im Sinne der dogmatischen Lehre der Kirche für die Leitung der Gemeinden Verantwortung übernehmen will. Der zölibatäre Klerus verschwindet, stirbt aus. Damit zusammenhängend: Der Niedergang der Gemeinden. Es gibt keine „Seelsorge“ mehr, falls sie jemals von Klerikern qualifiziert, therapeutisch, geleistet wurde…Die Priester sind „Messe-Leser“ geworden. Sie hetzen von einer Kirche zu anderen, um Messen zu lesen. Zu Luthers Zeiten sprach man von „Leut-Priestern“…Auch die Orden verschwinden. Das ist evident. Deren Klöster sind sehr oft Altersheime für greise Mönche und Nonnen. Und leerstehende Klöster werden verkauft, oft gewinnbringend in Luxus-Hotels umgebaut, wie in Rom, Prag, Gent und vielen anderen anderen Städten. Die sterbenden Mönche und Nonnen werden so noch einmal steinreich. Das sind evidente Tatsachen.

3.
Eine Epoche geht zu Ende: Das kann eine Form von Melancholie wecken, sozusagen als „Verlust der Kindheit“. Entscheidender ist wahrscheinlich das langsame Verschwinden kommunikativer Orte: Gemeinden hätten ja eigentlich Treffpunkte für spirituelle und nicht-spirituelle Menschen sein können. Die Gesellschaft wird ärmer an kommunikativen Möglichkeiten.

4.
Das Ende der Epoche ist vor allem von der Kirchenführung selbst verursacht worden. Es ist also keineswegs der viel beschworene Ungeist der Moderne, der die Kirche „bedroht“. Es ist die Unfähigkeit der Klerus-Kirche selbst in ihrer rigiden Bindung an die Dogmen und Gesetze, die die Kirche insgesamt ins Abseits geführt hat.

5.
Es wird viel zu wenig beachtet, vor allem in den noch verbliebenen, minoritären „Reform-Gruppen“ zugunsten eines „modernen Katholizismus“: Der Niedergang des Katholizismus ist bedingt nicht zuerst durch die klerikale Abwehr von Struktur – Reformen! Sondern durch die Sturheit des Klerus, auch tief greifende Änderungen bzw. Abschiede von irgendwann einmal fixierten Dogmen (und Traditionen) zu leisten. Die ganze Last der alten Formulierungen uralter Dogmen wird mitgeschleppt, sie bestimmt das Glaubensbekenntnis und die Sprache der Gottesdienste. Denn die Messen in „Landessprache“ verwenden ja nur unverständliche Übersetzungen aus dem lange Zeit für die meisten ebenso unverständlichen Latein. So entsteht die treffende Überzeugung, dass dem Katholizismus jegliche geistvolle Lebendigkeit, d.h. jegliche Kreativität und jeglicher Raum für Freiheit, auch des Experimentes, fehlt. Wenn man von „Synoden“ oder „synodalem Weg“ im offiziellen Katholizismus spricht, meint man ja nicht etwa demokratisch entscheidende Gremien, sondern tatsächlich nette Beratungszirkel, die die Letztentscheidung dem Klerus bzw. dem Papst in Rom überlassen muss. Der Begriff Synode in katholischen Zusammenhang ist also eine bewusste Irreführung und Täuschung, auf die einige gutwillige bzw. naive Laien immer noch reinfallen. Der in Deutschland begonnene, förmlich aus Verzweiflung geborene „synodale Weg“ ist eine solche letztlich wirkungslose Beschäftigungstherapie zum Frust-Abbau. Dabei wird er wieder nur neuer Frust erzeugen. Man denke an den rabiaten Umgang von Papst Franziskus mit den Voten der so genannten Amazonas Synode: Da war den meisten TeilnehmerInnen völlig klar: Wenigstens im Amazonas Raum sollte es sofort verheiratete Priester geben. Aber nein: Der angebliche Reformpapst Franziskus nimmt Rücksicht auf die Reaktionären im Vatikan und sagt: NEIN!

6.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Dafür ist vor allem verantwortlich die völlig unzeitgemäße Ablehnung von allen kirchlichen Ämtern für FRAUEN. Diese Ignoranz den Frauen gegenüber ist in der katholischen Kirche seit Bestehen dieser Organisation das größte Übel. Fünfzig Prozent der Menschheit sind ausgeschlossen von leitenden kirchlichen Ämtern. Wenn der Klerus auch heute noch behauptet: Jesus habe nur Männer als Apostel berufen, ist das eine Lüge, eine Ideologie, ein Fundamentalismus, ein Biblizismus, Thesen also, die keiner wissenschaftlichen historisch-kritischen Bibelwissenschaft standhalteb. Das weiß der Teil des gebildeten Klerus. Aber er verteidigt wider besseren Wissens seine Männer – Macht. Der Ausschluss von Frauen vom kirchlichen Priester – und Bischofsamt ist Ausdruck der Männerherrschaft, bzw. Greisenherrschaft, die kein gebildeter Mensch in Europa auch nur im entferntesten akzeptieren kann. Wie spirituell reich wäre die Kirche, wenn Frauen auch mitbestimmen könnten. Die offizielle Ideologie lässt sich auch nicht mit poetischen Formulierungen schön reden, Frauen seien doch so mütterlich, so zärtlich etc. in der Kirche und sie könnten doch auch sonst so viele nette Dinge in der Kirche FÜR den Klerus tun, „haus halten“, Blumen schmücken, kochen und beten.
Damit zusammenhängend: Diese Kirche hat die Lernbereitschaft von der Gender – Debatte versäumt. Und genauso hat die Kirche die umfassende Akzeptanz der homosexuellen Liebe und des homosexuellen Lebens verpasst. Auch in der Frage wird es keine definitive Meinungsänderung des ja mehrheitlich selbst homosexuellen Klerus geben. Diese Herren müssen nach außen hin immer brav heterosexuell erscheinen…Je homophober, desto schwuler ist der Typ selbst, heißt eine psychologische Erkenntnis.

7.
Eine katholische Epoche geht zu Ende: Beschleunigend hat der tausendfach belegte und dokumentierte sexuelle Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Priester gewirkt. Ein Ende der Freilegungen ist ja noch nicht in Sicht, man denke an Polen, Italien, Spanien, da melden sich eher zaghaft die Opfer, deren wahrhaftige Aussagen vom dortigen Klerus noch einmal bezweifelt werden.
Aber der sexuelle Missbrauch durch den Klerus hat viele Bistümern an den finanziellen Ruin geführt. Und in Deutschland haben laut repräsentativer Umfrage nur 17 % der Bevölkerung noch ein Vertrauen in die römisch-katholische Kirche. Also: Es ist vorbei…

8.
Die „religiöse Landschaft“ verändert sich. Wird Spiritualität, Frömmigkeit, Verbindung mit dem Göttlichen, wenn überhaupt nur in der privaten Sphäre gelebt? Das wäre ja prinzipiell kein Nachteil, weil dadurch wirklich jeder und jede seine eigene Spiritualität entfalten könnte. Andererseits: Der Austausch mit anderen, also eine Form der Gemeinde, bleibt wichtig. Es können sich interessierte Menschen zur „Feier von Brot und Wein“, also zur Eucharistie, außerhalb der Kirchengebäude treffen, privat oder in angemieteten Salons, Galerien, Cafés…Der Geist des Evangeliums, der Geist der Bergrpredigt, darf nicht ausgelöscht werden im Abschied von der Kirche als Organisation.

9.
Und warum sollte das Ende der Epoche des Katholizismus nicht auch eine Stunde der Ökumene sein? Vielleicht könnten sich Katholiken in protestantischen Gemeinden wohl fühlen und dort das Gemeindeleben mitprägen? Ich denke dabei nicht an die evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen, denn dann käme man von einem Dogmatismus in einen anderen. Das darf um der seelischen Gesundheit der Glaubenden nicht sein. Aber es gibt sie ja noch, die liberal-theologischen Gemeinden oder liberal-theologischen protestantischen Kirchen.

10.
Eine katholische Epoche geht zu Ende. Das könnte man und sollte man auch positiv wenden: Die Menschen, die Katholiken zumal, bekommen wieder ihre Köpfe frei für die wirklich dringendsten Fragen der Menschheit heute: Öko – und Klimakrise; Rassismus, Antisemitismus, Abwehr des Neofaschismus, Aufbau einer gerechten Weltwirtschaftsordnung, Gerechtigkeit für die Ärmsten der Armen etc. Das sind ja die dringenden Frage, und nicht: Ob der Papst unfehlbar ist oder nicht. Diese Themen sind „vorbei“….Gegenüber den Herausforderungen unserer bedrohten Welt sind klerikal angerichtete Probleme eher doch nur „Kinkerlitzchen“. Die man solche behandeln sollte. Oder theologisch formuliert: Zuerst geht es um das Reich Gottes, als Symbol für eine gerechte und friedliche Welt humaner Menschen. Und dann, an 2. Stelle, geht es um Fragen der Kirche. Aber wie sagte der Theologe Alfred Loisy so treffend: „Jesus verkündete das Reich Gottes. Und gekommen ist die Kirche“. Fromm gesprochen: Geben wir wieder Jesus den Vorrang, dem Lehrer der Weisheit, dem Propheten und dem Lehrer einer von Gott gegebenen Vernunft.

11.
In Afrika und einigen Ländern Asiens wird der römische Katholizismus sicher nich als übliche Instutution überleben. Die dortigen Menschen wurden im 19. Jahrhundert von konservativen Missionaren „bekehrt“, sie halten an der alten Theologie und vor allem den Kirchengesetzen weithin fest, bestes Beispiel ist der reaktionäre Kardinal Sarah aus Guinea, ein Freund von Ex-Papst Benedikt XVI. So wird der Vatikan noch die Zentrale der Macht des Katholizismus bleiben, aber die vielen Millionen treu römisch-katholischen Mitglieder werden in Afrika und Asien und vielleicht noch in Lateinamerika leben. Für junge Männer und Frauen etwa in Indien oder auf den Philippinen ist die Klerus/Nonnen – Karriere immer auch noch interessant: Sie bedeutet ja auch sozialen Aufstieg. In einen katholischen Kloster in Indien oer auf den Philippinen oder in Indonesien verhungert man als Mitglied bekanntermapen nicht, hingegen auf den entlegenen Dörfern. Dieser Klerus, die Mönche und Nonnen dort geloben zwar offiziel die Armut, sie sind aber selber vergleichsweise reich..Das Klerus/Kloster – System wird alo außerhalb Europas überleben. Man denke daran, dass heute viele Ordensgemeinschaften die Hälfte ihrer – nicht greisen – Mitglieder bereits in Asien haben; etwa die in Deutschland entstandene Gesellschaft vom Göttlichen Wort (SVD). Insofern können die Herren der Kirche im Vatikan sich doch nach gewohnter Art ruhig zurücklehnen und sich sagen: Es bleibt alles beim alten, es geht weiter wie bisher. Europa wird dann eine „quantité négligeable“. Aber spätestens in 30 – 40 Jahren (wenn das ökonomische Wachstum anhält) werden sich für den Katholizismus in Asien oder Afrika die gleichen Probleme stellen, die heute in Europa das Ende der katholischen Epoche bewirkt haben.

12.
Es ist vorbei … mit dem römischen Klerus-Katholizismus:Dies ist als wissenschaftlich begründete Überzeugung auch ein Weg ins Offene. In eine andere Zukunft. Das sollte man nicht vergessen. Die schönen Messen von Mozart, Haydn und anderen, die Barockkirchen, die Welt religiöser (katholischer) Kunst, sicher auch einige schöne Gebäude von Klöstern usw. … alles das bleibt ja, befeit von kirchlichem Zugriff. Auch das kann insgesamt eine Befreiung sein … für die Suche nach der eigenen, nach „meiner“ Spiritualität. Für den einen können es Wallfahrten sein, für die andere kürzere Aufenthalte in christlichen oder buddhistischen Klöstern, für andere der soziale Einsatz für Benachteiligte, für andere die Teilnahme in einem Chor für religiöse Musik, für andere die Debatte über Mystik und so weiter. Diese Wahl neuer, je eigener Spiritualität ist alles andere als „Ersatz“ für die alte vorgeschriebene religiöse Praxis. Sie kann zur Freiheit führen, auch zur Freiheit eines je eigenen Verhälnisses zum Göttlichen.

PS: Die empirischen Belege aus religionssoziologischen bzw. theologischen Studien sind bekannt: Zum ständigen Rückgang der sich als katholisch bekennenden Bevölkerung, zum ständigen Rückgang der Teilnahme an der Sonntagsmesse oder der Beichte, zum ständigen Rückgang der Zahlen der Taufen, dem ständigen Rückgang der Priesterweihen, der ständigen Zunahme der Kirchenaustritte etwa in Deutschland oder Österreich, das hohe Durchschnittsalter des noch „aktiven“ Klerus wärezu bedenken; oder die ständige Aufgabe von Klöstern und so weiter.
Dass die Katholiken, die in Europa die römische Kirche verlassen und die übliche vorgeschriebene religiöse Praxis aufgeben, sagt ja keineswegs, dass sie militante „Atheisten“ sind. Über diese neuen Kreise der frei „schwebenden“ ausgetretenen Katholiken müssten eigene Thesen verfasst werden. Für sie und mit ihnen zusammen gibt es bisher noch keine eigenen spirituellen Orte. Ein religionsphilosophischer Salon ist ein solcher Ort!

Ich habe schon früher einige Fakten und Interpretationen zum Thema vorgestellt: Etwa zur katholischen Kirche in Frankreich, klicken Sie hier. Oder zum Zustand der Kirche angesichts eines überholten Weltbildes, bitte hier klicken.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 15. März 2020 durch CM

Ein Atheist versteht religiöse Menschen und kritisiert die militanten Neu-Atheisten

Über das Buch von Tim Crane „Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Der britische Philosoph Tim Crane wurde „katholisch erzogen“ (S. 91), er versteht sich aber, offenbar seit längerer Zeit, (Details nennt er nicht), „als Atheist“. Und ihm liegt sogar daran, „den Atheismus voranzubringen“ (174). Aber in seinem neuen Buch wirbt er nicht stolz und besserwisserisch für den „Nichtglauben an Gott“ (28). Ganz anders als die bekanntermaßen heftig missionarisch agierenden „neuen Atheisten“, bzw. „Anti-Theisten“, wie die internationalen Erfolgsautoren Dawkins, Dennett, Sam Harris usw. Tim Crane hat gar nichts übrig für diese Herren. Er spricht etwa von „Dennett und Konsorten“ (24). Der Autor will die Atheisten aller Art belehren, was Glaube religiösen Menschen bedeutet, wer sie eigentlich sind. Dabei betont er, den Atheismus nur „beschreiben“ (28), nicht verteidigen zu wollen. So sollen förmlich Bildungslücken gefüllt werden, die gerade viele Atheisten gegenüber gläubigen Menschen haben. Dies ist das Thema des Buches. Dass dabei auch religiöse Menschen Anregungen erhalten, über ihren eigenen Glauben aus der Sicht eines toleranten Atheisten nachzudenken, ist auch klar. Mit seiner manchmal doch mühsam zu lesenden Studie möchte er als „Minimalziel für Toleranz“ sorgen zwischen Religiösen und Atheisten. Als „Maximalziel“ geht es ihm um einen „Dialog“ der Menschen verschiedener Weltanschauungen in einer demokratischen Gesellschaft (176). Ein gewisses missionarisches Ziel im Sinne eines toleranten und humanen Miteinander hat er also doch!
Die Hauptvorwürfe gegen seine philosophisch-atheistischen Gegner, ausschließlich im Englisch sprechenden Raum, sind seit längerem auch aus anderen Studien anderer kritischer Philosophen bekannt. Crane formuliert die bekannte Kritik in seinem Schlusskapitel: Diese militanten Atheisten haben eine grundlegend falsche Konzeption von Religion. Denn die monotheistischen Religionen haben gar nichts zu tun mit (natur)wissenschaftlichen Hypothesen. Sie sind keine Konkurrenz zu Naturwissenschaften. Religiöse Menschen glauben an die schöpferische Kraft eines „göttlichen Wesens“ (mangels eines besseren Wortes), ohne sich dabei auf alle Details der Naturwissenschaften einzulassen. Diese wissen nämlich auch nicht sehr viel Exaktes und definitiv Genaues über den Ursprung des Kosmos und das Leben.
Religionen sind vielmehr eine eigene, philosophisch berechtigte und insofern auch anzuerkennende Form von Überzeugungen, sie haben ihre eigene Vernunft. Denn ihnen geht es um die notwendige Suche nach einem letzten gründenden Sinn. Über dieses nicht „Greifbare“ muss gesprochen werden, denn es gibt das „kaum Greifbare“ auf andere Weise als die Objekte in dieser Welt. Wer würde es denn wagen, etwa die Liebe mit naturwissenschaftlichen Maßstäben „messen“ zu wollen? Dieses Beispiel bringt Crane leider nicht, denn es könnte eine Brücke sein zu der eigenständigen Kenntnis und absolut gar nicht naturwissenschaftlichen Lebensdeutung, die Religionen verbreiten. Aber auch das wurde schon mehrfach gegen diese Neoatheisten gesagt. Die meisten Leser haben diese richtige Kritik kaum zur Kenntnis genommen, sie halten Dawkins „und Konsorten“ für das Non-plus-Ultra. Dass Religionen in ihrer Vielfalt auch viel Unsinn erzeugen, etwa in Form der Magie etwa, ist Crane auch klar…
Der jetzt in Ungarn („Central European University“, Budapest) lehrende britische Philosoph legt allen Wert darauf, nur die Bedeutung des religiösen Glaubens, nicht aber seine Wahrheit, zu erklären. Ob beides so getrennt werden kann, ist die Frage. Denn was ist schon „Wahrheit“ einer Religion? Doch wohl ihre Lehre, ihre Dogmen. Und davon muss man ja wohl in einer Auseinandersetzung sprechen…
Problematisch in meiner Sicht ist auch das letztlich doch enge Verständnis dessen, was Crane Religion nennt. Warum ist es denn nicht eine Art religiöser Bindung, wenn sich Menschen ihren wichtigsten Mittelpunkt in ihrem Leben wählen (Geld, Sex, Sport, Körper, Arbeit usw…)? Und diesen zentralen Sinn – Mittelpunkt, um dessen willen sie leben, dann auch verehren und ihm auch alles andere opfern: Warum sollte man diesen Mittelpunkt (der kann im Laufe eines Lebens variieren) nicht ihren Gott nennen? Darauf hat ja Luther zurecht schon hingewiesen. Dadurch, dass Crane diese offene Definition der Religionen, die bekanntlich auch von dem bekannten Soziologen Thomas Luckmann unterstützt wird, abweist: Wird eben auch Kommunismus oder der Faschismus oder der Kapitalismus und jede allumfassende Ideologie nicht mehr als religiöse Angelegenheit ganz eigener Art wahrgenommen. Dabei gibt es viele Studien, etwa von „Sowjetologen“, die den Kommunismus als Religion deutlich erklären. Man denke an die Arbeiten des Philosophen Michael Ryklin, Moskau-Berlin.
Crane vertritt also meines Erachtens einen sehr begrenzten, man möchte sagen fast kirchlich geprägten religiösen Glaubensbegriff. Dabei definiert Crane ja „den“ Atheismus selbst als einen Glauben: „Atheismus ist der Nichtglaube an Gott“ (28).
So bleiben also am Ende der Lektüre doch, global gesehen, zwei Glaubensformen als menschliche Daseinsmöglichkeiten: Religiöser Glaube und/oder atheistischer Glaube. Und für Crane sind beide letztlich im Sinne eines offenen Humanismus berechtigt. In seinen manchmal mühsamen Erläuterungen zum Relativismus wird zwar nicht gesagt: Beide Glaubensformen sind relativ wahr. Aber die Tendenz der Aussage geht meines Erachtens doch dahin. Relativ wahr will sagen: In der HINSICHT der Bindung eines einzelnen Menschen an seine (augenblickliche) Wahrheit.
Crane weist ausdrücklich die These der Neuatheisten zurück, alle brutale Gewalt auf Erden sei immer schon vor allem, wenn nicht einzig und allein, der Religion bzw. dem Glauben dieser Übeltäter geschuldet. „Die eigentliche Frage lautet, was genau religiöse Gewalt ist und worin das Potential der Religion besteht, Gewalt in häufig extremer Form zu schüren“ (134). Es muss also differenzierter gedacht werden. Und es gilt auch: Religiöse Gewalt ist bekanntlich nicht nur tötende, brutale, körperliche Gewalt. Sehr viel häufiger ist religiöse Gewalt die Umsetzung einer fundamentalistisch verstandenen religiösen Moral: Etwa die Verachtung, Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen in allen monotheistischen Religionen, die Degradierung der Frauen, das Bemühen um Missionierung der “anderen“. Mit anderen Worten: So ganz überzeugt diese Apologie von Tim Crane zugunsten der Religion doch nicht! Er hat für Gläubige mehr Sympathien als für Atheisten. Ist er also ein „unzufriedener Atheist“? Vielleicht.
Nebenbei: Crane hat seine Mühe, Versuche der Atheisten (der atheistischen „Humanisten“ in England) zu akzeptieren, wenn diese sich religiöse Feierlichkeiten konstruieren. Man denke etwa an die auch in Deutschland gescheiterten „Sunday-Assemblies“, dieser Melange aus transzendenzfreiem Ritus, Pop -Songs und lebenskundlichen Vorträgen. Mit Kollekten!

Und noch ein Hinweis: Wenn Crane sagt, die säkularen, areligiösen demokratischen Staaten sollten doch bitte religiöses Verhalten inkorporieren (68), dann ist er sehr eng mit entsprechenden Überlegungen von Jürgen Habermas verbunden. Dieser betont ja ständig, die säkularen Menschen in säkularen Demokratien sollten lernbereit auch auf das hören, was religiöse Menschen an Einsichten und Werten vorzutragen haben. Habermas wird von Crane nicht zitiert. Indirekt aber sind seine Themen vorhanden, wenn Crane sagt: „Man kann ein religiöses Temperament haben, ohne gläubig zu sein“ (56). Habermas nennt sich zwar „religiös unmusikalisch“, kann aber als religiös „Unbegabter“, „Nicht-Talentierter“, Richtiges über Religionen schreiben, siehe etwa sein letztes Opus Magnum „Auch eine Geschichte der Philosophie“.
Vielleicht gehört der ehemalige Katholik Tim Crane zu dieser sicher nicht kleinen Gruppe der Menschen, die „nur“ mit einem gewissen religiösem Temperament ausgestattet sind. Die aber doch tatsächlich glauben, eben an die Nicht-Existenz Gottes. Atheismus treffend als Glaubensform bestimmt, ist auch eine Frage des Temperaments.

Dies ist ein Buch, dessen Thesen hoffentlich bei Atheisten und glaubenden Menschen gleichermaßen diskutiert wird. Die Frage muss mal gestellt werden: Gibt es eigentlich in Deutschland noch Orte, wo Atheisten und Glaubende sich regelmäßig austauschen? Mir ist nicht bekannt, dass etwa die katholischen Akademien in Deutschland den regelmäßigen Austausch mit Atheisten pflegen…
Oder hat man sich nichts zu sagen, hat man sich etwa „alles“ schon gesagt? Der religionsphilosophische Salon Berlin ist ein bescheidener Ort des Austauschs „religiös Verschiedener“.

Tim Crane, Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten. Suhrkamp Verlag Berlin 2019. Aus dem Englischen von Eva Gilmer. 188 Seiten. 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hölderlin: Über Kirchen und Christentum hinaus… zu den Mythen Griechenlands

Hinweise anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin am 20.3.2020

Von Christian Modehn – Siehe auch den Hinweis zum Gedicht „Friedensfeier“ als Anregung für eine „Gemeinde“ der Freunde. LINK.
1.
Viele religiöse Menschen, unter ihnen Christen, erleben, wie der überlieferte christliche, dogmatisch geprägte Glaube für sie selbst ungenügend ist. Wie er ihren Lebenserfahrungen nicht (mehr) entspricht. Warum soll man auch einer fest umrissenen Lehre anhängen, wenn sie das eigene Leben nicht klärt, nicht vertieft, nicht erleuchtet? Das wäre Fremdbestimmung! Deswegen wenden sich viele den Meditationsformen zu oder einem westlich verstandenen Buddhismus. Viele wollen trotzdem mit der christlichen Spiritualität verbunden bleiben. Und ihr Überliefertes mit Neuem verbinden.
2.
Der Dichter Friedrich Hölderlin ist eine Art prominenter Vorläufer für religiöse Menschen, die nach einer weiten Synthese von Christlichem und Nicht-Christlichem suchen. Hier kann nicht die umfassende Hölderlin-Forschung auch zu diesem Thema ausgebreitet werden.
Nur auf einen gewiss zentralen Aspekt soll hier nur hingewiesen werden. Auf die Erfahrung des Ungenügens des Christlichen allein und die Suche nach einer anderen religiösen Welt, die der Griechen. Und dabei wird nicht verschwiegen, dass gerade im 19. Späteren Jahrhundert viele andere, Poeten, Philosophen, Literaten, Musiker, sich zu „multireligiösen“ Menschen entwickelten in einer großen ideologischen Vielfalt, man denke an Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Rudolf Steiner usw… Diese Suche nach einer Überwindung dogmatischer Grenzen gilt für viele Menschen heute. Für Hölderlin stand als „Ausweg“ aus der Enge des dogmatisch Christlichen noch nicht eine asiatische Spiritualität z.B. „zur Verfügung“. Er musste förmlich nach Griechenland ausweichen.
3.
Das Leiden:
Friedrich Hölderlin hat schon als junger Mensch gelitten: Er hat am despotischen System des Herrschers, des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1737 – 1793), gelitten und vor allem an der rigiden, dogmatisch verkrusteten evangelischen Theologie und der meisten ihrer Pfarrer dort.
Zusammen mit seinen Freunden im Tübinger Stift (Hegel, Schelling) lebte er in der Sehnsucht nach freiheitlichen politischen Verhältnissen, ihr Motto zu der Zeit war „Zuerst das Reich Gottes“, also das Leben in einer humanen, Menschliches und Göttliches verbindenden Gesellschaft.
Hölderlin sollte auf Wunsch der frommen Mutter evangelischer Pfarrer werden. Aber er wollte das absolut nicht und suchte die religiöse Weite, die er in der dogmatischen Kirche nicht fand.
Sein leidenschaftliches Interesse an einem „anderen Leben“ in Harmonie, Freiheit, Schönheit, Liebe, führte ihn gedanklich in die alte griechische Welt der Mythen. Hier sieht er, wie der „Gott in uns“ erfahren wurde, und der Gott nicht länger der kirchlich konzipierte despotische Himmelsherr sein musste. In wieweit diese religiöse Überzeugung verstärkt wurde durch das Umkippen der Französischen Revolution in eine Gewaltherrschaft müsste näher untersucht werden. Tatsache ist: Hölderlin (wie Hegel) waren im Tübinger Stift zunächst begeisterte Anhänger der Französischen Revolution und ihrer Ideen. Von 1797 bis 1800 war Hölderlin sozusagen Hegels „Philosophischer Mentor“. Hölderlins Gedanke der Einheit von Göttlichem und Menschlichem wurde von Hegel „übernommen“.
4.
„Alles ist in Gott“ wurde früh schon Hölderlins Leitgedanke: “Es glimmt in uns ein Funke der Göttlichen…“ In der Dichtung glaubte er den Zugang zu dieser Welt der Göttlichen zu finden und darin ein neues, ein humaneres, ein „heiles“ Leben. Hölderlin war überzeugt, dass die Dichter den verlorenen Zusammenhang von Menschen und Göttern wieder aufbauen und zu Leben wecken können. Die philosophische Ästhetik ist für ihn der wichtigste Aspekt der Philosophie!
Nicht eine neue Religion wollte er stiften, sondern das Leben insgesamt geistvoller, freundlicher, humaner werden lassen – durch den Bezug auf die griechischen Mythen und deren Götter. Das Problem für ihn war nur: Innerlich konnten diese Göttergestalten nicht als solche erfahrbar werden! Es blieb beim hymnischen Gesang, es blieb beim Wort des Dichters Hölderlin. Nebenbei: Ist das beim Feiern und Singen und Sagen des christlichen Gottes so anders? Ist dieser Gott als Gott – etwa im Kultus der Gemeinde – erfahrbar? Oder hat nicht Jesus von Nazareth in die richtige Richtung gewiesen: Dass im menschenfreundlichen Leben selbst, im Tun des Guten, des Gerechten, der Nächstenliebe Gott und Göttliches erfahren werden kann.
Im Spätwerk Hölderlins deutet sich ein gewisser Wandel an: Die Christus-Gestalt wird förmlich einbezogen und eingeordnet in die griechische Götter-Welt, ohne dabei eine herausragende Bedeutung Christi leugnen zu wollen, darauf weist Heinrich Buhr in seinem wichtigen Buch „Hölderlin und Jesus von Nazareth“ (1977) hin… In Hölderlins letzten Hymnus, vor seinem geistigen Zusammenbruch, erlebt er Christus als den Versöhnenden, als Friede und als den Unsterblichen, als den Fürsten der „Friedensfeier“.

„Versöhnender, der du nimmer geglaubt
Nun da bist, Freundesgestalt mir
Annimmst, Unsterblicher, aber wohl
Erkenn ich das Hohe
Das mir die Knie beugt…“

Dieser Fürst der Friedensfeier, Jesus Christus, ist kein machtvoller Herrscher, erbringt die „heilige Herrschaft der Liebe“, einen „neuen Frieden“.
Nur in einem dogmatisch nicht fixierten Christentum wird man die poetisch-religiöse Leistung Hölderlins erkennen können, wie man überhaupt selbst als christlicher Theologe Versuche der Menschen respektiert, die ihre eigenen spirituellen Wege einer Synthese unterschiedlicher Religionen und Philosophien suchen. Diese Versuche sollte man nicht, wie Hans Küng (in: Dichtung und Religion, Serie Piper, 1988, Seite 140), so wörtlich „als Ersatzreligion“ abtun. Da klingen sehr uralte und veraltete römisch-katholische Topoi selbst bei Küng an!
5.
Man vergesse nicht, dass der junge Hölderlin an der starren Christenheit litt, „die aus der heiligen lieben Bibel ein kaltes, geist – und herztötendes Geschwätz“ machte. Sie hat „ihn, Christus, den Lebendigen, zum leeren Götzenbilde gemacht“. Hölderlin hat aus der Kraft des Leidens nicht nur bleibende Poesie geformt, er hat das europäische Christentum insgesamt zu weiten versucht.
Der Hölderlin Forscher, der Theologe Heinrich Buhr, schreibt: Es sei falsch zu meinen, dass im Sinne Hölderlins „Christus die alten Götter (Griechenlands) überflüssig mache, verdränge und er (Christus) allein an ihre Stelle trete. Aber so versteht Hölderlin Christus gerade nicht. Er kämpft ja darum, dass er sich des Guten und Schönen, wo immer er es findet, uneingeschränkt freuen kann“ (S. 98).
Christus zerbricht den trennenden Zaun, die Mauer, zwischen den Menschen, zwischen den unterschiedlichen religiösen Menschen, dies ist Hölderlins Überzeugung.
Heinrich Buhr (1912-2001) , der ev. Theologe und Hölderlin Freund und Hölderlin Forscher, hat unter der geistigen Begrenztheit seiner evangelischen Kirche sehr gelitten, „die jede fremde (religiöse) Erfahrung nur ironisierend abtut als Versuch des sich selbst rechtfertigenden, überheblichen natürlichen Menschen“ (S. 103).Gemeint ist die rigide dialektische Theologie im Sinne Karl Barths…
6.
Diese maßlose Überheblichkeit lebt heute in sehr vielen evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen, zumal in Amerika und Lateinamerika, fort; die Kirchengemeinschaften, die alle „anderen“ religiösen und ethischen Lebensformen verdammen und verfolgen (siehe Brasilien unter Bolsonaro), weil sie nicht dem eigenen klein karierten Fundamentalismus entsprechen.
Hölderlin würde sagen: Diese evangelikalen Kirchen verderben das menschenfreundliche Evangelium Jesu Christi.
7.
Und wer klagt noch in der weiten Christenheit darüber, dass diese evangelikalen Machtblöcke sich auch politisch immer mehr durchsetzen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 8. März 2020 durch CM

Das kalte Herz bestimmt die imperiale Lebensweise

Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 14.2.2020 (kurz vor der Corona-Pandemie)

Zunächst einige Hinweise zum Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff :

1.
Das Märchen ist auf reale ökonomische und politische Verhältnisse bezogen, die Geschichte spielt im Nordschwarzwald zu einer bestimmten Zeit. Darin werden die Unzufriedenheit, der Neid, die Gier von Peter Munk geschildert. Er will aus seiner Köhlerexistenz herauskommen, mit allen Mitteln. Darum lässt er sich wie die wenigen Wohlhabenden, Erfolgreichen, in seiner Umgebung, ein kaltes Herz einpflanzen: Das Herz ohne Mitgefühl,letztlich ein mörderisches Herz. Das kalte Herz (aus Marmelstein) ermöglicht ihm für damalige Verhältnisse eine herrschende, „imperiale Lebensweise“, mit unermesslich vielem Geld, mit allen materiellen Möglichkeiten. Tatsache ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schwarzwald maßlos „abgeholzt“ wurde, viele Bewohner nach Amerika auswanderten, um einbesseres Lebe zu haben. Aber dieses kalte Herz bringt Peter Munk nur Isolation von seiner vertrauten Umgebung, Langeweile und Überdruss.
2.
Wichtig ist: Das kalte Herz in Peter Munk ist nicht total kalt, verdorben. Nach dem Mord an seiner Frau meldet sich sein Gewissen, es wird treffend „Stimme“ genannt. Er folgt der Stimme und kann sich mit Hilfe des „Glasmännleins“ aus seiner seelisch versteinerten befreien: Er zeigt „Reue“ für seine Untaten. Und lebt schließlich wieder glücklich in seiner alten vertrauten Welt: “Es ist doch besser zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz“ heißt die Lebens-Weisheit am Ende der Erzählung.
3.
Den Hinweis auf eine Verbindung des Märchens „Das kalte Herz“ mit der heutigen Lebensform in der reichen Welt (Imperiale Lebensweise genannt) verdanke ich dem Journalisten und Autor Ulrich Grober in seinem Buch „Der leise Atem der Zukunft“ (München 2018), dort das Kapitel „Das kalte Herz Syndrom“.
Damals wie heute herrscht als zentrale Lebensform die Gier, das unbändige Haben-Wollen, die Habsucht. Hier geht es um die Gier in der reichen Welt Europas und Amerikas.
4.
Mit dem Begriff „Imperiale Lebensweise“ ist die Art der Lebensgestaltung gemeint, von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Politologen untersucht, die für die meisten Menschen in der reichen Welt, also Europa, USA, aber für die so genannten Eliten in den Ländern des Südens, üblich und schon selbstverständlich geworden ist. Dabei wird im Laufe dieser Hinweise deutlich: Die imperiale Lebensweise hat die Menschen, also auch uns, fest im Griff. Philosophie kann helfen, die jeweilige Gegenwart auf den Begriff zu bringen, die Gegenwart zu verstehen und damit die Existenz des einzelnen zu erhellen.
5.
Zunächst will ich nicht ein Märchen erzählen, sondern von einem Bekenntnis, das einer der besonders „Maßlosen und Gierigen“ öffentlich ausgesprochen hat: Die Rede ist von Thomas Middelhoff. „Maßlos und gierig“ nennt sich Middelhoff im Rückblick selbst, insofern ist er ein Verwandter von Peter Munk im „Kalten Herz“. Unter anderem veröffentlichte PUBLIK FORUM (21/2019, das Interview führte Gaby Herzog) einige selbstkritische Äußerungen des Ex-Millionärs. Thomas Middelhoff, geboren 1953, Chef von Bertelsmann und dann Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor. Obwohl Arcandor einen hohen Verlust von 746 Millionen Euro verzeichnet hatte, verlangte Middelhoff 2,2 Millionen Euro Bonus. Üblich wurde für ihn der Hubschrauber – Flug zwischen Dienststelle und Wohnung. Als der Konzern Insolvenz anmelden musste, wurden Hunderte der Angestellten entlassen. 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Und vorzeitig entlassen! Seitdem ist er eher mittelständisch reich.
6.
Einige Zitate aus einem Interview:
„Damals habe ich das »Ich bin wichtig«-Prinzip gelebt. Ich habe für mich in Anspruch genommen, als erster Passagier an Bord eines Flugzeuges zu gehen und dort in der ersten Reihe zu sitzen, damit niemandem entgehen konnte, wie überaus wichtig ich war.
Später war sogar die Business-Class unter meiner Würde. Da bin ich nur noch im Privatjet unterwegs gewesen. Ich war in meinem Größenwahn kaum noch zu stoppen.
Ich war maßlos und gierig.
Anders als man mutmaßen mag, war meine Gier nach öffentlicher Anerkennung immer stärker als die monetäre Gier.
Für den Verkauf des US-Medienkonzerns AOL habe ich einen Bonus von hundert Millionen Euro kassiert – und das Geld an der Steuer vorbeigeschleust. Das war mein Anfang vom Ende. Diese unfassbare Summe hat meinen Verstand vernebelt. Ich habe in dieser Zeit den Bezug zum normalen Leben verloren… Als ich im Gefängnis war, habe ich mich so geschämt, dass ich mir nicht mehr in die Augen sehen konnte.
Den Narzissmus habe ich gebändigt, indem ich Demut gelernt habe. Das war in meiner Zeit im offenen Vollzug, wo ich in einer Behindertenwerkstatt in Bethel gearbeitet habe. Die Menschen dort klagen nicht, weder über ihre Behinderung noch über ihre Herausforderungen im Alltag. Jetzt bin ich der Meinung, dass ein paar Monate soziale Arbeit zur Ausbildung eines Managers gehören sollten.
Ich traure meiner hundert Fuß langen Yacht und dem 100.000 Quadratmeter Grundstück in St. Tropez nicht nach…Es wurde alles immer größer und absurder. Ich wohne jetzt in einer Dreizimmerwohnung in Hamburg. Das ist völlig ausreichend“ .
7.
Thomas Middelhoff ist zweifellos nur einer von vielen aus den international vernetzten Kreisen der „Top-Manager“ (man denke an die Bankenpleite an der Wallstreet etc.) , manchmal sind diese Herren erwiesenermaßen Verbrecher. Ein bisschen kalt würde ich als Meinungsäußerung das Herz von Herrn Middelhoff immer noch zu nennen wagen. Weil er die Entlassungen so vieler „einfacher“ Karstadt Mitarbeiter auch jetzt richtig findet und nur als „strategische Entscheidung“ einordnet, für die er sich dann doch „schämt“. Was ist da schon Scham? Wie wäre es mit Entschuldigung und Wiedergutmachung? Durch seine Bücher und Fernsehauftritte erzeugt Middelhoff jetzt doch wieder viel Aufmerksamkeit, und er steht endlich doch wieder im gierig begehrten Mittelpunkt…
Die heutige Lebensform des Westens, des reichen Nordens dieser Erde wird zurecht imperial bezeichnet. Der Begriff „Imperiale Lebensweise“ bezeichnet den maßlosen, überproportionalen Zugriff von uns Menschen des globalen, des reichen Nordens dieser Erde, also den Zugriff auf die Natur, die natürlichen Ressourcen und die Arbeitskraft. Reich durch Gier zu sein ist ein allgemeiner, unbefragter zentraler erstrebenswerter Wert bzw. Unwert. Die Gier ist dafür der Motor. Ohne Gier kein Kapitalismus.
8.
In der literarischen, philosophischen und religiösen gibt es den Kontrastbegriff: „Das gute Herz“, steht im Mittelpunkt einer humanen Ethik. Im „Herzen“ wird die Stimme des Gewissens vernehmbar, siehe Kant. „Nur mit dem Herzen sieht man gut“, heißt das berühmte Wort von Saint-Exupéry. Das gute Herz als Inbegriff des guten Menschen wurde vor allem im 19. Jahrhundert viel besprochen und in der Poesie gestaltet. In der katholischen Kirche wurde dann die Verehrung des Herzens Jesu in den Mittelpunkt der Frömmigkeit gestellt. Das gütige Herz Jesu als Inbegriff für gütigen Jesus Christus.

Dabei zeigte und zeigt sich die römische Kirche leider in ihrer Morallehre eher sehr selten gütig zu den Menschen und dem freien Denken freier Menschen. Der Katholizismus ist seit dem 4. Jahrhundert unverzichtbarer Teil des Imperiums und er wurde aufgrund der „Konstantinischen Schenkung“ selbst zum neuen Imperium. Der Katholizismus hat also das römische Imperium abgelöst, er wurde selbst imperiale Macht. Die Gewandung der Bischöfe ist eine treue Fortsetzung kaiserlichen Ornats, etwa mit Stäben, Zepter etc. Um 750 wurde diese Ideologie der Schenkung Kaiser Konstantins an die römische Kirche allgemeine Überzeugung. Sie wurde schon im 15. Jahrhundert von Nikolaus von Cues und dem Humanisten Lorenzo Valla als Fälschung evident nachgewiesen. Aber die Kirchenführung hielt an der gefälschten Schenkungsurkunde fest und verfolgte die Kritiker…

In der Literatur des 20. Jahrhunderts steht das Herz immer wieder Mittelpunkt, man denke an den wichtigen Roman „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, 1902 veröffentlicht. Dieser Roman, er ist auch ein Dokument, ist die Beschreibung des Rassismus europäischer, belgischer Herrenmenschen, Könige, in Afrika .

9.
Die Frage ist: Können heute Menschen ihr kaltes Herz umtauschen zugunsten eines guten Herzens? Oder anders gefragt: Gibt es Veränderung, gibt es Bekehrung?
Die Idee und die Praxis der imperialen Lebensweise als Allein-Herrschaft über die Güter der Welt ist „wie eine Zwangsvorstellung in die Alltagspraxis der Menschen eingeschrieben“, betonen die Autoren des Lexikons „ABC der globalen Unordnung“, Seite 126.
10.
Für diese imperiale Lebensweise im Alltag einige Beispiele, jeder und jede wird da bei ausreichender Selbstkritik seine eigene Gier-Geschichte erzählen können.
Man kann ja schlicht bei dem „heiligen Lebensmittelpunkt“ der Menschen heute beginnen, dem Auto.
In der Studie „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen (Oekom Verlag, München) wird auf den vom Gier bestimmten Umgang mit dem AUTO hingewiesen.. Ich will nur daran erinnern, dass die zunehmende Auto-Produktion eben auch zunehmend mehr Rohstoffe braucht, etwa ganz wichtig: das Eisenerz. Da ist der Weltmarkt – Preis durch das Diktat der Imperien der reichen Welt gesunken, so dass etwa die Produktionsmenge in den Minen im brasilianischen Mariana gesteigert werden musste: Die Rückhaltebecken für die Abwasser der Bergbaumine wurden deswegen überlastet. Am 5. November 2015 brachen die Dämme der Becken und das toxische Gift verwüstete die ganze Umgebung, der Fluss Rio Doce wurde verseucht, bis hin zum Atlantik; viele Menschen starben, dies ist die schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens… Diese Katastrophe haben schnell die imperialen Menschen aus ihrem verdrängt. Sie reden lieber vom Fußball, von Bayreuth und Wagner oder dem Abgang eines mittelmäßigen Politikers hierzulande als von den von wirklichen Katastrophen der Menschheit. Sich darüber hilflos wenigstens aufzuregen ist normal.
Die Autoren des Buches „Imperiale Lebensweise“ schreiben: „Die Katastrophe im brasilianischen Mariana offenbart die schmutzige Kehrseite der glänzenden Karossen, die auch die Lebensbedingungen von Menschen in Brasilien zerstören und unsägliches Leid produzieren“ (S. 133).
11.
Weitere Beispiele für die imperiale Lebensweise der Menschen der reichen Welt, die Liste ist lang, jeder und jede kann sie ergänzen.
Wir können als Teilhaber der reichen Welt (in die wir ohne Verdienst zufällig geboren wurden) prinzipiell alle Produkte aller Länder, auch der armen Länder, kaufen, und zwar zu Konditionen, die nur wir diktieren: Kirschen aus Chile im Dezember; Mangos aus Burkina Faso, Fisch aus Afrika usw.
Wir „Imperialen“ (oder Imperialisten?) verfügen über so viele Lebensmittel, dass laut „SZ“ vom 28. Dezember 2019, (Seite 11): 1,7 Millionen Tonnen Brot und Backwaren jedes Jahr weggeschmissen werden, das ist etwa ein Drittel der Produktion. Zur gleichen Zeit das Paradox: Den hungernden Menschen etwa in Afrika gönnen wir „Imperialen“ gelegentlich einige bescheidene Spenden, etwa über „Brot für die Welt“. Das Motto vieler Hilfsorganisationen ist: „Mit einem Euro Spende können Sie einer ganzen Familie Reis pro Tag zur Ernährung ermöglichen“.
Wir, die imperialen Herren und Damen, der reichen Welt können reisen, wohin wir wollen. Ein Pass genügt und alle Grenzen stehen uns überall offen. Wir haben die neuen sozialen Medien (IPhones, Internet usw.) 100prozentig zur Verfügung. Ohne die Rohstoffe des Südens kommt unsere High-Tech-Industrie nicht aus. Die seltenen Erden werden im Süden, etwa in Afrika, unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen, auch von Sklaven-Kindern, gewonnen. Zusammengebaut werden die Handys, Computer etc. dann wieder in Billiglohnländern. Der Gewinn bleibt freilich den Bewohner der imperialen Welt. Es gibt also, das sagen alle klugen Beobachter, einen digitalen Kolonialismus.
Auch die Kultur dieser „einen“ Welt wird vom Impererium aus bestimmt. Von „Hollywood“ war schon oft die Rede. Und das Wissen, weltweit erreichbar über wikipedia, ist ein Wissen, das vorwiegend von wikipedia Autoren des reichen Nordens verfasst wird: Von 70.000 weltweit aktiven Wikipedia AutorInnen stammen nicht einmal 1000 aus Afrika, insgesamt 14.000 leben mit der ihnen eigenen Perspektive in den Ländern des globalen Südens. Das Internet und das dort verbreitete, allen ständig zugängliche Wissen ist also noch nicht entkolonisiert.
Imperiale Lebensweise beginnt also im Alltag als Prämisse unseres Alltags, als unreflektierte Selbstverständlichkeit.
12.
Grundlegend ist dabei die Hierarchie: Wir sind die Herren, die anderen sind die Untergebenen, die Unterlegenen, die Diener.
Wir als die Herrenmenschen sind wirklich fast immer die Männer! Die Männer sind noch immer, weltweit betrachtet, fast die Alleinherrscher. Etwas pauschal gesagt: Die Frauen kümmern sich um das Leben, das Lebendige, die Männer (nur) ums Geld. Erst wenn die Herrenmenschen Feministen werden, kann sich die imperiale Lebensform verbessern.
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Es ist wichtig zu begreifen, dass die heutigen Soziologen die imperiale Lebensweise einen Zwang bzw. eine Zwangsvorstellung nennen, also eine Haltung, der sich kaum ein Mensch hier entziehen kann. Denn die Gier nach Geld wird letztlich um ihrer selbst willen betrieben. Geld als Form des schlichten Tausches in der Gesellschaft ist für die gierigen Banker und Milliardäre völlig uninteressant. Geld ist in sich selbst „Vermögen“, es ermöglicht nämlich angeblich totale Freiheit, siehe den Wahn des Managers Middelhoff. Deswegen geht es allein um die stetige Anhäufung von immer mehr Geld, koste es, sozial und ökologisch gesehen, was es wolle. Diese Haltung ist verbrecherisch. Sie wird leider von gewählten Männern, die sich Politiker nennen dürfen, gestützt, Trump, Bolsonaro usw.
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Es hat sich also ein imperiales Subjekt, ein imperialer Menschentyp, herausgebildet. Das anzuerkennen, fällt vielen schwer. Dieses imperiale Subjekt steht in dialektischer Verbundenheit mit den imperialen Strukturen, dem Imperialismus. Darum geht es jetzt:
15.
Imperium und Imperialismus sind uns seit langem bekannte Begriffe, die die objektive Seite der politisch-ökonomischen Verhältnisse beschreiben.
Wir werden jetzt in Deutschland mit Nachdruck endlich erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft, betrieben vom Wilhelminischen Kaiserreich, man denke an die von Gier beherrschte Afrika Konferenz in Berlin 1884-1885. Man denke an die Verbrechen der Deutschen (in KZs für „Neger“!) in Deutsch-West-Afrika, heute Namibia. Dieser Massenmord wird jetzt endlich von der deutschen Regierung als Völkermord anerkannt. Aber bislang ohne spürbare Konsequenzen für die Leid tragenden Völker dort. Die Berliner und die evangelische Kirche kommen nicht auf den Gedanken, die zentrale Kirche West-Berlins von dem Namen des maßlosen Kolonialherren, Kaiser Wilhelm I., zu befreien. Diese Kirche heißt nach wie vor Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche. Erinnerung an diesen Kolonialherren ja; aber bitte nicht länger eine Ehrung eines Kolonialherren als Titel für eine Kirche! Oder will man nur auf die uralte Bindung der Kirche an die Herrschenden, die Kaiser etc. deutlich machen?
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Die Tatsache, dass die Menschen in den reichen Ländern der Welt zu Imperien gehören, ist also unbestritten. Man denke an die nahezu absolute ökonomische Vorherrschaft dieser Staaten, an die militärische Vorherrschaft und Willkür, an die Beeinflussung politischer Entscheidungen auch in den armen Ländern, an das Abhängigmachen der Armen (auch der Flüchtlinge) von der Willkür der Reichen. Die Gier der reichen Staaten und der international, global, agierenden Milliardäre ist allumfassend.
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Das CREDO dieser Herrschaften lautet: Wirtschafts-Wachstum muss ständig sein: Das heißt, ganz kurz gesagt: Das vorhandene Geld fließt in Investitionen, diese Produkte werden durch Investitionen ermöglicht, so wird die Nachfrage erhöht. Das Geld fließt also weiter in die Kassen der Unternehmen. Diese geben weiter Aktien aus, und die Aktionäre haben die selbstverständliche Erwartung, dass die Aktienkurse steigen, dass also die Unternehmen Gewinn einstreichen. Dadurch sind die Unternehmen schon durch die Aktien-Bindung auch an stetiges Wachstum gebunden. Dies ist die Spirale des Zwanges zum Wachstum ohne Ende; dies wird ermöglicht durch die selbstverständliche Gier nach Gewinn, also Geld. Habgier ist förmlich zur „Tugend“ bzw. treffender zur Untugend in dieser Wirtschaftsform aufgestiegen. So kann der Journalist Christoph Fleischmann (WDR) in seinem empfehlenswerten Buch „Gewinn in alle Ewigkeit“ (Köln, 2010, Seite 237) schreiben: „Heute scheint es der Gesamtheit der Menschen schlicht nicht mehr möglich, anders als habgierig zu handeln, also immer mehr materielle Güter anzuhäufen – ohne Ziel und Ende. Die Habgier, die einstige Todsünde, ist also nicht mehr moralisch zu qualifizieren. Sie ist einfach die der kapitalgetriebenen Wirtschaft entsprechende Haltung“. Der Soziologe Max Weber sagte, im Kapitalismus gebe es nur sachliche, nicht mehr ethisch zu bewertende Erwägungen… Bester Ausdruck dafür sind die Finanzmärkte: Sie funktionieren weithin durch Betrug, Kriminalität und Geldwäsche. Beispiel: CUM-EX: In Kooperation mit Banken vor allem in London: Man lese die durchaus erschütternden, wenn nicht uns revoltierenden Bekenntnisse eines Insiders der großen Investment Bank „Merill Lynch“: https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
Es geht bei diesem merkwürdigen „CUM – Ex“ darum, ganz kurz gesagt, mehrfach Steuererstattung zu erhalten, obwohl man nur einmal Steuern bezahlt hat. Dem deutschen Staat sind dadurch 10 Milliarden Euro Schaden entstanden.
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Die Gier der Banken/Bankkunden/Bankmanager und der Konzerne ist grenzenlos und muss wegen des Wachstums grenzenlos sein: Diese Herren haben eine militant agierende Lobby: „Was wir heute haben, ist keine Marktwirtschaft mehr, sondern eine Machtwirtschaft, in der Konzerne und Unternehmensverbände teilweise die Gesetze schreiben, statt dass die Gesellschaft den Rahmen vorgibt“. So Gerhard Schick in „Chrismon,“ 02/2020. S 26. Gerhard Schick von der „Bürgerbewegung Finanzwende“. Die Gier (die imperiale Lebensweise) ruiniert die Seele.
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Wir sollten erkennen, was mit uns –seelisch, existentiell, auf dem Spiel steht. Mit aller Klarheit hat Erich Fromm darauf hingewiesen: Es geht um ein Entweder Oder, es geht um die Lebensform des Seins oder um die Lebensform des Habens, der Gier. Die Gier als Lebensform beschreibt der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm eindringlich, vor allem sein allseits bekannten Werk „Haben oder Sein“ von 1976.
Ich beziehe mich hier nur auf einige zentrale Aussagen, die Fromms engster Mitarbeiter, Rainer Funk, in seinem empfehlenswerten Buch „Mut zum Menschen“, 1978, zusammengestellt hat.
Es gibt für Erich Fromm zwei unterschiedliche Formen, Weisen, der Existenzgestaltung: Die eine folgt dem HABEN, also dem Klammern, Besitzen, der Gier; die andere folgt dem SEIN, der Lebendigkeit, der Lebensfreude, der Solidarität, der Verbundenheit aller Wesen untereinander.
Für das Haben als Existenzform gilt: “Ich bin, was ich habe. Mein Besitz begründet mich und meine Identität“ (312). „Die Gier führt zum Kampf darüber, am meisten zu bekommen, so gibt es Wettkampf und Antagonismus“ (316). Gier ist also dem Wesen nach auf Krieg angewiesen.
Die andere Haltung, die Lebendigkeit, die Freude am Dasein auch der anderen, also die Orientierung am SEIN „vereint und solidarisiert, indem man teilt und mitteilt“ (317).
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Nebenbei: Gier war ja schon ein zentraler Begriff der christlichen Moral-Lehre: Gier bzw. Habgier ist dort eine der sieben Todsünden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier…Der Mönch Johannes Cassian (360-435, in Frankreich) nennt 8 Hauptsünden, also Laster. Habgier und Zorn verbindet er: Der Zornige will den anderen in seiner Wut förmlich auffressen, vernichten; das verbindet ihn mit dem Gierigen als dem Geld-Gefräßigen. Ob die Herren der Kirche jemals ohne Gier lebten und leben, ist sehr die Frage. Man denke an die Finanz-Spekulationen des Vatikans, oder der Ordensgemeinschaften, an die enormen Waldbesitzungen der Stifte und Klöster in Österreich etc.
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Gibt es eine Überwindung der Gier, der mentalen Grundlage des Kapitalismus? Lässt sich der Kapitalismus als Resultat des gierigen Immer mehr Wachsens überwinden oder wenigstens stark einschränken oder, noch etwas bescheidener formuliert, so sehr ankratzen, dass er seinen nach außen gestellten falschen Charme verliert? Ankratzen lässt sich der Kapitalismus durch die vielen Basisbewegungen und NGOs, die von mutigen, reflektierten Menschen betrieben werden hinsichtlich einer besseren Landwirtschaft, oder der humaner Formen des Zusammenlebens, der Solidarität mit den Arm-Gemachten, den Minderheiten, den Flüchtlingen etc.
Den Kapitalismus einschränken: Das kann niemand mehr so recht von der SPD erwarten, die ja eigentlich diese Einschränkung auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Ich meine, auch als Journalist: Die unabhängige kritische Presse ist darum enorm wichtig geworden. Die tief schürfende Recherche der Journalisten erzeugt manchmal Beben in den Regierungen und Lobbyisten-Kreisen. Wir sollten diese freie Presse unterstützen, sei es in Form der gedruckten Zeitungen, etwa der TAZ oder der SZ; oder in Form der Internet-Dienste, wie CAMPACT, Campact e.V, in 27283 Verden / Aller. www.campact.de
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Was hat Gier bzw. imperiale Lebensweise mit Spiritualität zu tun? Gier als die wichtigste UN-Tugend im Kapitalismus führt zur Anbetung, d.h. zur Vergöttlichung des Marktes und der Wachstumsökonomie. Darüber hinaus gibt es nicht, heißt das Credo! Der Kapitalismus erzeigt also eine eigene starke Glaubenshaltung. Christen werden diesen ANTI-Gott als solchen bezeichen. Dieser Götzendienst sollte beendet werden. Das IMMER MEHR wollen ist eine versteckte, aber perverse Form des Transzendierens: Als Überschreitung alles Gegebenen in die Unendlichkeit des horizontal Vielfältigen. Wahre Transzendenz aber ist vor allem vertikal, sie führt in eine andere, in eine höhere Qualität im Überschreiten. Religiöse Transzendenz ist noch einmal anders: Sie entdeckt im Geist, in der Seele, in der „Stimme“, wie Hauff schreibt, also im Innern das Transzendente. Da beginnen alle Revolutionen. Da gibt es Ressourcen, Revolutionen human zu gestalten … weil die Gier eingeschränkt wurde.
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Ich frage mich, ob wir Menschen als Menschen die Gier völlig überwinden können. Kann die Gier vernünftig gestaltet und eingehegt werden, als ein vitaler humaner Impuls wirken, sozusagen von der Seele und der Vernunft gesteuert? Bei einer milden Form der gier, nämlich der Neugier, mag das gelingen, diese Balance zu finden. Neugier kann auch die berechtigte Sehnsucht nach Kommunikation sein. Als ein interessiertes Streben nach außen, als Suche nach Kontakt mit Menschen und Dingen.
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Auswege?
Erstens: Gier wird auch Habgier bzw. noch treffender Hab-Sucht genannt. Die genaue begriffliche Analyse leistet die philosophische Besinnung. Sie wird zur kritischen Phänomenologie der gegenwärtigen Gesellschaft („Imperiale Lebensweise“).
Zweitens: Wenn es sich um eine SUCHT des Habens handelt, dann ist Gier eine Krankheit. Sie muss zur Einschränkung bzw. Heilung psycho-therapeutisch analysiert und behandelt werden. Menschen, die als ihr Lebensideal das Streben nach Geld um des Geldes betrachten, sind also seelisch krank. Ähnlich ist es mit Ruhm-Sucht, Machtgier, Sex-Sucht usw. Alle dies sind Formen der Gier. Und damit wird deutlich, dass unsere westliche, reiche kapitalistische Gesellschaft schwer krank ist. Die Sorge um sich selbst weht sich gegen alle Exzesse, aber auch gegen alle rigide Entsagung, sie sucht immer wieder eine neue Balance. Hoffentlich helfen dabei Therapeuten, die nicht ihrerseits wieder geld-gierig sind.
Drittens müssen kriminell Habgierige von den Justizbehörden bestraft werden. Habgier hat die Tendenz zum Kriminellen.
Viertens: Nur der noch so bescheidene politische Einsatz eines jeden, seinem Gewissen folgend, kann die imperiale Lebensweise ankratzen.
Fünftens muss überlegt werden: Wenn Habgier bzw. die Sucht des Habens therapeutisch eingeschränkt wird und wenn es Lebensfreude („Sein“ im Sinne von Erich Frmm) bereitet, kritisch an der Umgestaltung von Politik und Ökonomie im Sinne der Menschenrechte mitzuwirken: Dann können spirituelle und philosophische Hilfen wichtig werden. Ohne eine Neu/Wieder-Entdeckung der Seele und ihrer spirituellen Kraft werden Habgier und Habsucht nicht eingeschränkt werden können. Es ist der Ruf der Seele, der Peter Munk gerettet hat, weil er dem (Gewissens) Ruf folgte! Um vom Märchen von Wilhelm Hauff noch einmal zu sprechen.
Sechstens: Wer auch das Neue Testament als ein Buch der Weisheit (!) gern mal wieder zur Hand nehmen möchte: Dem empfehle ich die meditative Lektüre im Lukas Evangelium, im 16. Kapitel, die Verse 21 ff. „Die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus.“ Der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat zu dem Thema 1968 ein Buch veröffentlicht: „Die reichen Christen und der arme Lazarus“. Wird antiquarisch noch preiswert angeboten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Aktualisiert am 17. Februar 2025 durch CM