Sicherheit oder Freiheit. Was ist wichtiger? Denken in Zeiten der Krise. 3. Teil.

Eine Herausforderung in diesen Zeiten.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Die Debatte ist da oder sollte da sein: Sicherheit contra Freiheit. Was ist wichtiger?
Viele meinen jetzt: „Natürlich ist Sicherheit wichtiger. Sogar möglichst viel Sicherheit wollen wir“. Es geht schließlich um die Eindämmung und Überwindung einer Pandemie. Es geht ums Überleben.
In welcher Hinsicht ist es also berechtigt zu sagen: Freiheit, persönliche Freiheit, ist gegenüber der Sicherheit doch nicht so wichtig? Wer das sagt: Ist er sich der Konsequenzen dieser Aussage bewusst?
2.
Wie lange werden diese Einschränkungen gelten? Wer legt die Dauer der Einschränkungen fest? Wie wirksam werden Forderungen sein, zu einem festen Zeitpunkt dann die Einschränkungen wieder aufzuheben zugunsten der allseits geltenden Bürgerrechte in einem Rechtsstaat?
3.
Viele Demokratien stehen angesichts dieses Problems noch recht gut da. Das ist eine Hoffnung. Aber auch in Demokratien kann die demokratische Stimmung umkippen und von Rechtsextremen zur breiten „Bewegung“ manipuliert werden.
Autoritäre Regime nützen schon jetzt ihre Chance: Sie begrenzen mit den Einschränkungen durch das Corona- Virus das freie Zusammenleben auf Dauer noch weiter ein. Oder die Pressefreiheit wird noch weiter durch Zensur behindert. Das wurde schon dokumentiert. Man lese die Studien von „Reporter ohne Grenzen“. Klicken Sie hier. Wie schnell wird sich China zu einem totalitären Regime entwickeln? Haben die Herrscher in Ungarn oder Polen förmlich auf diese Situation gewartet, um nun die Bürgerrechte noch weiter einzuschränken und auf eine Diktatur mitten in Europa hin zu steuern? Werden sich die Leute in den USA an ihren tatsächlich ignoranten Machthaber Mister Trump gewöhnen? Und sogar noch dessen absolut dummen Sprüchen glauben?
4.
Philosophisch und damit einer allgemeinen und begründeten Erkenntnis zugänglich, jenseits von bloßen Meinungen, gilt:
In der Debatte „Was ist wichtiger: Sicherheit oder Freiheit?“ müssen die zentralen Begriffe sozusagen präziser gefasst werden:
Sicherheit meint tatsächlich immer ein Sicherheitssystem, also immer gemachte Gesetze und Bestimmungen. Diese sind selbstverständlich nach einer Reflexion und in einem Willensentschluss bestimmter Menschen in die Wirklichkeit „überführt“ worden. Sicherheit hat eine geistige Basis, und diese Basis ist Reflexion, Vernunft und Wille. Diese Erkenntnis ist elementar, wird aber oft übersehen.
5.
Der gleiche Ansatz gilt auch für den Begriff Freiheit. Freiheit ist das Leben des Geistes: Der Mensch kann sich frei auf sein eigenes Denken beziehen und dabei elementar sein Selbstbewusstsein entdecken als die Basis seiner Reflexionen und Entscheidungen. Aber abgesehen von dieser Basis des inneren geistigen Freiseins als der Form des geistigen Bei-Mir-Selbstsein: Auch diese geistige Freiheit muss sich Institutionen der Freiheit schaffen, in denen diese menschliche Freiheit lebbar und sichtbar wird, dies ist der Rechtsstaat und die sind die Menschenrechte.
6.
So verändert sich unsere Ausgangsfrage zur Erkenntnis: Es geht eigentlich „nur“ um die Institutionen der Sicherheit und um die Institutionen der Freiheit. Beide sind Schöpfungen des menschlichen Geistes und dessen Kraft zur kritischen Reflexion. Beide sind in gewisser Hinsicht „Welten“, in denen man sich bewegt.
7.
Darum kann die Frage nur heißen: Ist die Institution der Sicherheit wichtiger als die Institution der Freiheit? Konkret: Ist die Institution der aktuellen Sicherheitsbestimmungen als Freiheitsbegrenzungen wichtiger als die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte?
8.
Die Antwort ist klar: Die Institution des Rechtsstaates und der Menschenrechte sind wichtiger, fundamentaler, einzigartig. Die von der Sache her kleinere, weil prinzipiell zeitlich begrenzte Welt der Sonder-Sicherheits-Maßnahmen steht unterhalb der „Welt“ der Demokratie und der Menschenrechte
9.
Die Sicherheitsbestimmungen („Sicherheitsinstitutionen“) haben also nur vorübergehend und sehr genau demokratisch kontrolliert ihr Recht. Demokratisch kontrolliert heißt ja bereits: Es ist die Vernunft, die den Rechtsstaat ja erzeugt hat, diese Vernunft legt nun auch das Ausmaß der durchaus vernünftigen Sicherheitsbestimmungen fest.
10.
Wichtig ist nur zu erkennen: Sicherheit und Freiheit, verstanden als lebendige, wirkliche Institutionen, hängen ab von der Vernunft und leben nur dank der kritischen Kraft der Vernunft. Sie hat das letzte Wort.
11.
Wer nur innerhalb der Sicherheitswelt denkt, sich darin förmlich einschließt, der denkt und lebt begrenzt. Und das ist sogar gefährlich. Denn der Sicherheitsverteidiger/Fanatiker sieht das Ganze nicht. Wer im Horizont der Freiheit denkt und dieses ist ein Denken der Demokratie und der Menschenrechte, der denkt und lebt prinzipiell nicht nur größer, weiter, humaner, sondern auch universaler ist.
12.
Und dieses Denken der Freiheit als Denken der Demokratie und Menschenrechte muss heute aktiver werden: Es gilt nicht nur, an die bleibenden Korrekturen der Weltwirtschaft zugunsten des Klimaschutzes zu erinnern; es gilt zu warnen, dass vor lauter Resignation und „Aufbauwille“ nach überstandener Krise wieder die alten falschen Regeln der Umweltpolitik fortgesetzt werden.
13.
Genauso wichtig ist es innerhalb eines demokratischen Denkens und Handelns zu wissen: Die vielen Millionen Leidenden, also jetzt die Corona – Leidenden und Corona Toten in den armen Ländern dieser Welt (die von ultrareichen Diktatoren, umgeben von der entsprechenden so genannten Millionärs – Elite regiert werden) brauchen auch die Unterstützung der reichen Länder, reich immer noch im Vergleich zur Masse der armen Bevölkerung im Süden. Wer denkt im reichen Europa eigentlich daran? Was sagen wir dazu, wenn etwa das katholische Hilfswerk für Lateinamerika jetzt 100.000 Euro als „Soforthilfe“ für die Corona-Krise (in allen lateinamerikanischen Staaten!) zur Verfügung stellt. Während wir, auch unsere Regierung, mit Milliarden EURO für uns in Deutschland förmlich so um sich wirft. Wie die Lebensbedingungen unter dem Corona Virus in Peru aussehen, zeigt dieser Beitrag.
14.
Es ist nicht also das Denken innerhalb der engen Welt der Sicherheit, das jetzt Europa retten wird: Denn das Denken an die Sicherheit ist (fast) immer das Denken an die eigene Sicherheit, also auch an die nationale Sicherheit. Die Corona-Krise hat zum Aufflammen eines allumfassenden Nationalismus geführt: Aber an die Zukunft Europas, und damit der EU, gilt es zu denken. Und das kann man nur, wenn man aus der engen Welt des Sicherheitsdenkens heraustritt und sich vernünftig argumentierend innerhalb der Demokratie und der Menschenrechte bewegt.
15.
Weil Freiheit im emphatischen Sinne mit Vernunft identisch ist, hat natürlich immer die Freiheit als Vernunft den Vorrang. Denn nur die Vernunft kann die Formen der Sicherheit und der Sicherheits-Bestimmungen reflektieren und festlegen.
16.
Worauf es entscheidend ankommt, ist: Freiheit nicht banal als Freiheit zu verstehen, in der man alles tun und lassen kann. Entscheidend ist zu verstehen: freiheit ist, philosophisch gesehen, ein anderer Name für kriisch reflektierende Vernunft. Und die soll eigentlich das humane Zusammenleben bestimmen, auch die Fragen der Sicherheit.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

“Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein”: Denken in Zeiten der Krise. 2. Teil

„Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“. Oder: Warum Hoffnung kein Optimismus ist.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ein anspruchsvoller, ein irritierender Satz. Er bezieht sich auf das Leben des einzelnen. Jeder Mensch muss durch die Verzweiflung hindurchgehen, so die These, will er Hoffnung erleben, die mehr ist als eine Illusion, mehr ist als Optimismus.

Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (1888 – 1948) hat dieses Wort „Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“ im Jahr 1945 gesprochen. Er war aus seinem Exil in Brasilien nach Frankreich zurückgekehrt und hatte dort eine viel beachtete Konferenz gehalten. Zum Thema Hoffnung. Wichtig und dringend in der Zeit der Befreiung von der Herrschaft der Deutschen und dem Ende des Hitler-freundlichen Pétain-Regimes.

Bernanos hatte sich während seines Aufenthaltes in Spanien während des Bürgerkrieges aus einem sehr konservativen zu einem demokratischen, kritischen Denker und Schriftsteller entwickelt, zu einer Stütze der Résistance in seinen Essays und Aufrufen.

Sein knapper Satz zur Hoffnung, inzwischen in Frankreich oft zitiert, könnte heute, in Zeiten der Krise, reflektiert und meditiert, hilfreich sein. Denn wir wissen jetzt: Es bringen uns weiter, es stützen uns, auch die Erkenntnisse des Geistes, Weisheiten, alte und neue, philosophische, literarische, religiöse. Und die Musik! Wir sind jetzt bereit, ernsthaft zu sagen: „Vor allem der Geist hilft, nur er kann letztlich trösten, mir meinen Sinn zeigen“.

Für Bernanos ist klar: Hoffen ist kein Optimismus. Hoffen ist kein willkürlicher Entschluss, nur noch das Positive zu sehen, nur das Schöne, nur den Fortschritt. Optimisten glauben: Alles werde schon gut ausgehen, für „uns“ natürlich zuerst. Hoffen als Optimismus verkommt so zu einer gedankenlosen Laune, die sich oft mit magischem Denken verbindet.
Bernanos sagt: „Optimisten sind glückliche Dummköpfe, Pessimisten sind unglückliche Dummköpfe“ („imbéciles).

Aus dieser Verklammerung zweier Haltungen muss man herausfinden als denkender Mensch, meint Bernanos, wenn man tatsächlich Hoffnung verstehen, Hoffnung „erringen“ und leben will. Nur Hoffnung kann eine geistige Basis im Leben sein. Hoffnung ist – im Unterschied zum Optimismus – begründete Zuversicht. Sie kann es deswegen wagen zu sagen: „Trotz allem“.

Und Bernanos macht einen Vorschlag, der eng mit philosophischen und religiösen Traditionen verbunden ist: Nur wer sich dem Negativen stellt, ihm sozusagen bewusst ins Auge sieht, es wahrnimmt und analysiert, wer also das Negative annimmt, durch es „hindurchgeht“ als einen Teil dieses menschlichen Lebens: Nur der kann dann inmitten aller Irritationen und danach auch wieder Licht sehen und Ermutigung zum Leben erfahren. Und zwar bleibend. Selbst, wenn wieder Irritationen kommen.

Der Philosoph Hegel sprach die gleiche Erkenntnis in seiner „Phänomenologie des Geistes“ aus: „Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.”
Hegel wusste: Die Stärke des menschlichen Geistes kommt nur daher, dass er mit dem Geist des Unendlichen verbunden ist. Nur deswegen konnte Hegel im Bedenken des Todes und der Auferstehung Jesu von Nazareth sagen: Der Geist des Ewigen, als eine Art „Funken in der menschlichen Seele, als das Ewige im Menschen, überdauert den Tod.

Ähnlich denkt Bernanos, der bei aller Kritik an der katholischen Kirche seit seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg mit dem christlichen Glauben verbunden blieb.

Was uns belastet, das Negative, würde Hegel sagen, nennt Bernanos Verzweiflung: Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Abzurutschen, abzustürzen. Das Ende zu ahnen. Dies heißt dann für Bernanos in seinem Vortrag von 1945: „Bis zum Ende der Nacht gehen“. Und wenn die totale Finsternis sogar noch mit der Metapher „Hölle“ bezeichnet wird, dann habe diese „Hölle“ einen Namen, meint Bernanos: „Nicht mehr zu lieben“.

Das ist das entscheidende Stichwort: Die Überwindung der Verzweiflung, dieser „Hölle“ bietet die Liebe. Liebe hat viele Namen, viele Bedeutungen, zurecht: Caritas, Amor, Wohlwollen, Fürsorge, Erotik, Solidarität….Sie ist ist die geistige Energie des Lebens. Wer wieder hoffen will, sollte sich an diese geistige Liebe „anschließen“, sie zu leben versuchen.

Man möchte im Sinne von Bernanos hinzufügen: Zur Liebe sind wir sogar noch im Zustand der Verzweiflung fähig. Wahrscheinlich liebt sogar der Verzweifelte sich selbst immer noch, ein bisschen. Er will sich erhalten. Wie auch immer. Aber die Selbstliebe als mögliche Rettung des eigenen Lebens hat nur Sinn und „Erfolg“, wenn in höchster Not auch noch andere Menschen beistehen. Und wir mit dem letzten Rest der Kraft auch wieder zu lieben beginnen. Man sieht den Abgrund, ist aber nicht bereit, alles sinnlos zu finden. Man ist in der Verzweiflung, aber hat noch die Kraft, an der Allmacht der Verzweiflung zu zweifeln. Zweifeln an der Verzweiflung? Ist das schon „zu viel“ Philosophie?

Aber es gilt: Man kann in der Verzweiflung noch Gutes erwarten. Nämlich Liebe. Und ist auch bereit, gut zu sein. Liebe zu leben.

Liebe rettet den Verzweifelten „auf dem Weg durch die Nacht“, sagt Bernanos.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine Reise in unserer Wohnung. Denken in Zeiten der Krise. 1. Teil. Von Christian Modehn.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich schicke Euch einen lieben Gruß von meiner Reise. Früher hatten Worte auf den üblichen Ansichtskarten nicht viel Platz. Jetzt kann ich etwas ausführlicher schreiben.
Ich meine es ernst: Ich reise nämlich in meiner Wohnung. Und da ergeben sich wahre Entdeckungen, Momente der Freude, Momente der Stille, wie hoch oben, einst, im Gebirge. Ich möchte Euch von meiner Reise gestern berichten.

Ich breche spät am Morgen auf. Ich lebe ja hier „auf Vollpension“. Man kann ausschlafen. Zum Frühstück höre ich gern Haydn, mein Mann übrigens auch. Vor ein paar Tagen haben wir unsere CD Sammlung mal sortiert und dabei die Cellokonzerte entdeckt. Wieder entdeckt.
Danach gehe ich zuerst zu meinem Schreibtisch, notiere ein paar Sachen, blättere in der Zeitung. Aber es zieht mich dann doch in die Ferne, ich mache mich auf den Weg, zum Bücherregal gegenüber. Eigentlich habe ich ein Buch über Hegel gesucht, bleibe dann bei anderen Büchern hängen. Und staune, fast schäme ich mich: Da stehen ja so viele Bücher, die ich noch nicht oder so lange Zeit nicht beachtet habe. Dabei hatte sie doch einst aus Interesse gekauft. Bildbände, Kataloge von Ausstellungen. Ich greife zu den „Aquarellen von Cézanne“. Verstaubt ist nur der Umschlag. Und dann setze ich mich gleich wieder, das Buch in den Händen. Und blättere, im Urlaub habe ich ja auch bei Wanderungen viel Zeit. Was fällt mir auf? Ich fasse mich kurz: Mit wenigen Farben deutet Cézanne das Wesentliche an in der Berglandschaft von Sainte – Victoire, Provence. Irgendwie erinnern die Aquarelle an alte chinesische Natur – Malereien. Sie zeigen das Wesentliche, gerade, weil das Wesentliche nur zu ahnen ist. Das kann ich euch, liebe Freundinnen und Freunde nicht verschweigen: Eine Frage drängt sich auf: Was ist eigentlich für mich, für uns, das Wesentliche jetzt? Werde ich, werden wir, wie Cézanne, zum Meister der Einfachheit werden können? Diese Frage können wir ja weiter besprechen, wenn wir uns wieder sehen oder zwischendurch wieder schreiben.

Nun muss ich doch weiterwandern. Im Nebenzimmer ist ein sehr üppiges, ich würde sagen, farbenfrohes Bild, eigentlich nicht zu übersehen. Aber wie oft habe ich es übersehen, ignoriert? Der Maler nannte es „Herbstlandschaft im Harz“, ein Erbstück meiner Tante Maria. Wie sehr sie das Bild liebte. Ich setze mich. Und sehe sie vor mir in ihrer Begeisterung für das Bild. Bin dankbar für Ihre gleich bleibende Freundlichkeit. Wie oft hat sie mir als Kind schon gesagt: „Verweile nicht nur vor dem Bild, sondern trete ein in das Bild“. Ich versuche es. Im stillen Sitzen bin ich dann doch irgendwie im Harz gelandet, zumindest in mitten in der Natur. Wenn ich dann aus dem Fenster schaue, sehe ich schon die ersten Forsythien. Die Natur lässt sich nicht „unter kriegen“, bis jetzt.

Mein Mann ruft mich in die Küche. Wir trinken Kaffee mitten in unserer „Urlaubs-Pension“ . Neben den Tassen liegt noch die Verpackung: „Herkunftsland El Salvador“. Wir sprechen jetzt nicht vom sinnvollen Zwang, zuhause zu bleiben … und dort zum Beispiel Reisen zu unternehmen. Wir sprechen von El Salvador, dem Bürgerkrieg dort, der Ausbeutung, den Armen, den Basisgemeinden. Und dann schweigen wir. Schließlich frage ich: „Warum geht es uns – trotz allem – doch noch besser als den vielen Armen in Lateinamerika? Warum hatten wir in Europa uns eigentlich daran gewöhnt, dass es uns meist gut, den meisten dort aber sehr oft sehr schlecht geht?“
Wir beide müssen verstummen. Irgendwie bestimmt uns die Phantasie. So, als würden wir auf einer Bank in den Bergen verweilen. Werden wir melancholisch? Vielleicht. Den Verlust bedenken, den Abschied annehmen, das tut gut, ist heilsam. Nichts kommt so wieder, wie es einmal war. Eine Binsenweisheit.

Aber wir reisen weiter und wandern zu einem anderen Regal in einer Ecke. Da lächeln uns kleine Statuen von Buddha und Jesus an. Sie sind dicht bei einander. Unser Hausaltar, könnte man sagen, zumindest eine Art spiritueller Rückzugsort. Früher, in Bayern oder Frankreich, haben wir ja auch gern leere Kirchen besucht. Hier sind wir sozusagen in einem multireligiösen Ort. Was für ein Geschenk: Buddha und Jesus stehen friedlich nebeneinander, wie gute Freunde, wie es sich eigentlich gehört.
Ich frage: “Was würden Buddha und Jesus uns wohl jetzt sagen?“

Auf dem Sofa bleiben wir vielleicht eine gute Stunde im Schweigen sitzen. Die Zeit steht still. Reine Gegenwart.

PS.: Wir werden weitere Reisen in der Wohnung machen, Entdeckungsreisen. Und, liebe Freundinnen und Freunde: Wir freuen uns über Eure Briefe über eure aktuellen Reisen. In der eigenen Wohnung, versteht sich.

Liebe Grüße erst mal nach unserer Reise, von Christian und Hartmut.

Nebenbei: Die Anregung für „Eine Reise in meiner Wohnung“ habe ich von dem französischen Schriftsteller Xavier de Maistre (1763- 1852) erhalten, von seinem Buch „Voyage autour de ma chambre“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Halt finden im Leben

Wo finden wir Halt?

Von Christian Modehn am 17.3.2020
Diese Hinweise gehen auf Gespräche im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 23.3. 2018 zurück. Siehe auch den Beitrag “Lob der Langeweile. Von der leeren Zeit zum Lebenssinn”.

Viele Menschen haben den Eindruck, angesichts schlimmer und bedrohlicher Erfahrungen heute, den seelischen und geistigen HALT zu verlieren: Inmitten der Corona – Pandemie, aber auch in der tatsächlich schon dauerhaften Krise durch kriegerische Aggressionen, nationalen Egoismus, Rechtsextremismus, Ignoranz gegenüber dem Klima oder sozialer Ausgrenzung, bedingt durch die wirklich horrende zu nennende ungleiche Verteilung des Eigentums usw….

Was früher religiös „stützte“ und Halt in aller Not bot, ist heute für viele zerbrochen und entschwunden. Man meint, seelisch und geistig heillos ins Schwanken und Wanken gelangt zu sein.

Die entscheidende Beobachtung ist: Wer nach Halt sucht, meint den „Sinn“. Und diese Suche gehört, möchte ich sagen, zum Wesen des Menschen. So dass jeder Mensch förmlich einen Anspruch hat, für sich selbst nicht nur einen Halt zu suchen, sondern auch zu finden. Selbst der Hungernde denkt noch über sein materielles Überleben hinaus. Er weiß, dass er einen Anspruch hat, in seinem Leben Halt, Sinn, (nicht nur Speise) zu finden. Sondern auch Gerechtigkeit, die erst den umfassenden Halt für ihn bieten könnte.

Die Frage nach dem Haltfinden gehört offenbar zur „Struktur“ des menschlichen Geistes und der Seele.

1.
Eine Alltags – Erfahrung:

Wenn wir menschliches Leben im Alltag als Unterwegssein verstehen und nicht als „Zustand“, sondern als dauerndes Suchen und Sich Orientieren, dann brauchen wir dabei immer auch Halt und Stütze. Und wir deuten diesen Halt, diese Stütze, nicht schon sofort als Fremdbestimmung oder als Einmischung in unser individuell freies Leben: Etwa beim Anstieg oder Abstieg in schmalen Treppen, etwa bei Turmbesteigungen: Da greifen wir nach dem Geländer; brauchen wir stützende, Halt gebende Sicherheit. Oder beim Bergbesteigen, da benötigen wir Stützen, Seilschaften… Leitplanken/Schutzplanken sind auf abschüssigen Autostraßen not-wendig und sehr hilfreich. Wer auf Dauer FREI laufen und FREI leben will, sucht auch Halt. Wer hingegen wie auf einer Schiene läuft – oder auf eine Schiene gesetzt wurde – und so sein Leben förmlich von anderen bestimmen und „leben lässt“, fragt nicht mehr nach einem Halt. Er hat ihn ja „vorgegeben“ und will diesen zwingenden, nicht frei gewählten Halt – aus Angst, Bequemlichkeit – nicht aufgeben. Ein solches “fixiertes” Leben ist nicht auf der Höhe eines reifen Daseins.

Die Suche nach Halt bestimmt uns dauernd, auch wenn wir uns an “Halte-Stellen” aufhalten. Aber an Haltestellen verweilt man nur kurzfristig. Aber sie sind Orte für Denk – Pausen.

Die Frage nach Halt ist förmlich eine Ehre für den freien, suchenden, fragenden Menschen. Diese Frage und das Suchen nach Halt sind also nichts Krankhaftes.

2.
Ein Buch von Hannah Arendt hat den Titel „Denken ohne Geländer“.
Diese These hat zur Voraussetzung: Denken schützt sich selbst, weil es sich selbst prüft und alles Gegebene vor „den Richterstuhl der Vernunft bringt“ (Kant) bringt, also auch alles kritisch prüft, was im Denken und durch das Denken als geistiger Halt erreicht werden kann. Denken erzeugt also nicht-materielle, d.h. unsichtbare, geistige Geländer. Das kann die Klarheit im Denken sein, der Respekt für Logik und Differenzierung. Es gilt nur, diese kritische Prüfung und das selbstkritische Fragen beständig zu pflegen. Dann werde ich in einen neuen Denkraum geführt, der sich zu einem neuen weiten Raum des Lebens weitet… und zur Aufgabe bisheriger Stützen und Halte aufgefordert.

3.
Was zeigt sich als Halt, das sich im Denken und Erfahrungen offenbart?
Wir können Halt nur finden bei etwas, das über den momentanen Gebrauch, kurzfristig oder zerbrechlich, hinausreicht. Was also insofern „erhaben“ ist. Ich will damit nicht sagen, dass das, was Halt gibt, immer schon „das Ewige“ ist. Aber es muss auch etwas anderes sein als das Greifbare und Sich – Schnell – wieder Auflösende und Schnell-Verschwindende. Konsumgüter sind meist Wegwerfprodukte, sie bieten keinen dauerhaften Halt. Also, Halt bietet etwas oder jemand, das bzw. der (die) mich für eine gewisse Zeit begleitet, mit mir geht, mit mir lebt, neue Perspektiven von Dauer erschließt. “Woran man sich halten kann”! Das kann auch eine schöne, immer wieder gehörte geliebte Musik sein, ein Kunstwerk, Literatur, Menschen, Freunde. Die uns Halt gebende Gemeinschaft von Menschen, die sich um einen reifen Umgang mit einander bemühen.
Damit ist keineswegs bestritten, dass in Situationen materieller und gesundheitlicher Not, eben das unmittelbar hilfreiche Materielle, etwa Medizin, wieder neuen Halt im Leben gibt. Aber die Frage nach dem dauerhaften Halt, selbst dann, wenn materielle Nöte behoben sind, die bleibt. Und es ist wohl so: Menschen, die diesen geistigen Halt gefunden haben, sind in der Lage, auch in Situationen der Gefahr menschlich zu handeln.
Halt ist für uns eben tatsächlich etwas Bleibendes, das sich als einzelnes Bleibendes natürlich im Laufe der Geschichte unseres Daseins je neu zeigen kann…

4.
Warum erschließen Stimmungen einen Halt im Leben?
Wie ist dann etw die Stimmung der Melancholie?
Es gibt eine lange Geschichte der Melancholie-Forschung, vielleicht zentral schon bei Aristoteles, in den „Problemata physica“. Darin fragt Aristoteles eher rhetorisch: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder in den Künsten als Melancholiker?“ Warum wohl: Weil diese Stimmung der Melancholie über das oberflächliche Dahinleben in die Tiefe des eigenen Daseins führt. Melancholie vermittelt ja immer die Erfahrung, dass ich mit meinem jetzigen Zustand nicht zufrieden bin; dass es anderes gibt als die Gestalt dieses momentanen Lebens. Oft wird dieses andere, bessere Leben in der Vergangenheit gesucht. Oder es wird erträumt in ferner Zukunft. Der Melancholiker kann nicht behaupten: „Dieses Leben ist so, wie es jetzt ist, immer sinnvoll und schön und sollte auch so, wie es jetzt ist, immer bleiben“. Es gibt also einen versteckten, oft impliziten Willen zur Veränderung im Melancholiker, eine Suchbewegung nach einer Wahrheit, die größer sein sollte als die gegenwärtige, bene als unvollvollkommen erlebte Alltags – Wahrheit.
Trauer hingegen ist fixiert auf ein Ereignis, auf einen Verlust etwa eines Menschen. Trauer kann nachlassen, vielleicht verschwinden, weil wir den verlorenen Menschen in einer neuen nichtweltlichen (göttlichen) Wirklichkeit wissend glauben…
Melancholie aber hält an. Sie ist eine oft dem einzelnen gar nicht bewusste, dunkle, manchmal schmerzhafte Beziehung zur Wirklichkeit. Im Unterschied zur Depression als Krankheit bietet Melancholie die Chance, zur tieferen Wirklichkeits- Erfahrung zu kommen. Und damit auch wieder zu einer Lebensfreude… Melancholie ist etwas Gesundes!

5.
Durch die Wahrnehmung unserer Stimmungen werden wir in die Tiefe unseres Daseins geführt. Und können so Halt finden.
Wir sind in Tiefe unseres geistigen und seelischen Erlebens über alle Oberflächlichkeiten des Alltags immer hinausgewiesen. Martin Heidegger hat in seinem Buch „Sein und Zeit“ (1926), dann aber auch in den Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (1929) gezeigt: Stimmungen haben einen offenbarenden, einen erschließenden Charakter, wenn der Mensch die Tiefe seines Daseins ausleuchten und verstehen will. Die Vorlesungen über die „Grundbegriffe der Metaphysik“, sind, geschrieben vor der viel besprochenen philosophischen „Wende“ im Denken Heideggers um 1933, anregende und mitvollziehbare philosophische Vorlesungen. Hier finden sich auch die viel beachteten philosophischen Analysen zur Langeweile.
Wenn wir fragen: Wie gelangt der Mensch, das Dasein, zur tieferen Seins – Erfahrung: Dann ist die überraschende Antwort Heideggers in Sein und Zeit: Durch die Stimmungen: „In den Stimmungen wird das Dasein vor sein Sein (also seine unverfügbare Tiefe) gebracht“. (Heidegger, Sein und Zeit, S. 134).
Stimmungen und Gefühle werden insofern von Heidegger philosophisch aufgewertet. Sie sind „Organe des Erkennens“. Aber Heidegger wehrt sich dagegen, dass nun Philosophie in ihrem Respekt für Stimmungen ins Irrationale der Stimmungs-Begeisterung sich drängen lässt.
Er sagt: Immer ist der Mensch irgendwie gestimmt. Uns prägen immer schon Stimmungen. Sie sind immer meine Befindlichkeit. Besondere Stimmungen überkommen uns, sie stellen sich ein, sie überfallen und beschleichen uns, wie Heidegger sagt. Wir sind nicht Herr dieser Stimmungen. Unsere Selbstbestimmung ist insofern eingeschränkt.

6.
Langeweile ist eine Stimmung, die „man“ durchlebt, wenn eine offene Zeit uns überfällt.
Das ist ein Thema der Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“. In der Langeweile werde ich konfrontiert mit der unabwerfbaren Tatsache, dass ich in die Zeit gestellt, förmlich in die Zeit verfügt bin, also in einer Art Zeitlinie unausweichlich bin. Diese Zeit bin ich gewohnt auszufüllen durch allerlei Aktivitäten. Wenn es dann unvorhergesehen Momente gibt, in denen es für mich nichts zu tun, nichts mehr zu machen gibt, dann entsteht eine „Leere“ in mir. Dann falle ich förmlich ins Bodenlose. Ich habe den üblichen Halt, meinen alltäglichen Zeit – Rhythmus verloren. Ich stehe orientierungslos da.
Heidegger meint: Diese Leere, die sich in der Langeweile zeigt, sollte ich nicht überspielen, nicht verdrängen, sondern als Chance nützen, denn sie offenbart mir die Tiefendimensionen meines Daseins! Ich sollte also etwa fragen: Was ist eigentlich Zeit? Was ist „meine Zeit“? Warum will ich bloß immer die gegebene Zeit füllen, „voll stopfen“? Warum möchte ich im Gefühl einer für mich jetzt leeren Zeit diese nun frei für mich angebotene Zeit gleich „totschlagen“. Diese Alltags-Sprache sagte alles, wie ich mich meiner Lebens – Zeit gegenüber selbst als aggressiv verhalte…

7.
In der Stimmung (Melancholie oder Langeweile) kann ich, wenn ich die Stimmung aushalte, also auch reflektiere, in die Tiefe des Daseins geführt werden.
Vielleicht zeigt sich da inmitten der Suche ein Halt: Der Mensch kann sich selbst dann verstehen: Es gibt etwas ihn Übersteigendes, Größeres, Tieferes. Der Mensch ist mit diesem in seinem Geist, in seiner Seele, eng verbunden. Das sind, wie so oft in der Philosophie, hilflose Begriffe, die über das Greifbar – präzise „wissenschaftlich“ Sagbare hinausweisen. Aber Menschen können auf diese Worte und Begriffe für das Unanschauliche, aber Lebenswichtige, nicht verzichten. Tatsache ist auch: Viele haben diesen Sinn für das Nicht – Anschauliche verloren.

Man merkt, wie schwer es ist, das Sein angemessen sprachlich auszudrücken. Dieses Größere ist „im“ Menschen, aber es ist nicht Werk des Menschen. Heidegger spricht vom Sein, das der Mensch versteht und in dem er sich, das Sein verstehend, immer schon bewegt: Das Sein erschließt sich dem Menschen, er „IST“ Da – Sein. Der Mensch ist DA — SEIN. Das Sein ist in ihm „da“. Als Gabe, als das vom Menschen Nicht – Gemachte.
Das Sein ist das nicht Manipulierbare, das Nicht Zu-Umgreifende, also nicht Zu Definierende. Dieses nicht definitorisch exakt Sagbare ist aber das alles Prägende und im Dasein das Stützende. Es offenbart sich in der Stimmung.

Stimmung erkennen und Haltfinden gehören also eng zusammen.

8.
Wenn der Mensch sich auf etwas stützen will, das dauerhaft Halt bietet: Dann ist es genau das Nicht Verfügbare, das Nicht Dinghafte, sondern z. B. „das Sein“.
Religiöse Menschen sprechen von dem ebenfalls niemals dinglich zu verstehenden Gott, dem Göttlichen. Also dem, der im Innern des Menschen, in Geist und Seele, als das Ewige lebt. Oder jener Gott, den die Menschen, sprachlich hilflos, dann doch beim Namen anrufen und nennen, als den großen Gott, der in der Wüste des Lebens … Halt gibt. Als der Ewige, alles Gründende! Mit ihm und in ihm, den göttlichen, nicht dinghaften Gott, finden viele Halt. Als Geborgensein. Als Beschütztsein. Als Getragensein, wie auch immer!
Dies und nur dies ist der wahre Kern von Spiritualität und Religion. Alles andere, alles „Konfessionelle“ und Dogmatische, ist nettes (leider oft belastendes) Beiwerk, oft allerdings störend, weil es den göttlichen Gott verstellt und verdeckt.

9. Dieses alles umgreifende Sein können Menschen je nach ihrer Lebensgeschichte je verschieden, je anders, erfahren und zu Wort bringen.
Es kann Gott, ewige Natur, Buddha, Jesus usw. Immer aber muss es etwas sein, das den Charakter des Ungreifbaren, aber Umgreifenden hat. Ohne solche paradoxen Formulierungen kommen wir in der denkenden Lebensorientierung kaum weiter.
Dieses Stützende und Halt Gebende ist förmlich wie ein dinglich ungreifbares “Nichts” gegenüber der Dingwelt.

10.
Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten.
Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann jeweils verschiedene Antworten. Aber diese Antworten rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes!
Das Fragen befragt sich selbst und entdeckt dabei die Kraft des lebendigen Geistes, der über alle einzelne Fragen, selbst über die Skepsis, erhaben ist. Die umfassende Skepsis betrachtet nämlich die Skepsis selbst noch einmal skeptisch und gelangt so über eine dogmatische Skepsis – Bindung hinaus. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und unerschütterlich fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Lebendigkeit des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden. Und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“ bleibt, wie der niederländische Theologe Koen Holtzapffel (Rotterdam) sagt, eigentlich nur Leere. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht eine wohltuende Leere, das Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.)

Koen Holtzapffel beschließt sein inspirierendes Buch „Hou-Vast“, Meinema Verlag, Niederlande): „Leere schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Lob der Langeweile: Von der leeren Zeit zum Lebenssinn.

Gerade inmitten der Corona – Krise sind viele Menschen auf sich selbst zurückgeworfen, weil sie etwa in Quarantäne leben müssen, isoliert von anderen. Viele Betroffene klagen ausdrücklich, “unter Langeweile zu leiden”. Philosophische Reflexionen auf die Stimmung der Langeweile kann ein anderes Licht werfen auf diese Situation und sie dadurch vielleicht wandeln.

Der folgende Text einer Ra­dio­sen­dung von Christian Modehn kann wie eine philosophische Reflexion, wenn nicht wie eine philosophische Meditation gelesen werden. Dazu laden vor allem auch die in der Sendung vertretenen Philosophen und Theologen ein!
Der Text geht auf eine Ra­dio­sen­dung im WDR, Programm Lebenszeichen auf WDR 3, im Jahr 2011 zurück. Die Redaktion hatte Theodor Dierkes. Seit der Zeit (2011) haben sich viele andere auch genau für den Titel “Lob der Langeweile” entschieden… Die äußere Gestalt des Textes wurde in der für den Hörfunk üblichen Form belassen. C.M.

Lebenszeichen WDR:
Lob der Langeweile
Von der „leeren Zeit“ zum Lebenssinn

Von Christian Modehn

1. SPR.: Erzähler
2. SPR.: Zitator
3. SPR.: Übersetzer des Französischen O Tons

1. Musikal. Akzent.

2. SPR.:
Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle. Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme: So wie ich dasitzen und im Zimmer die Nägel betrachten, auf – und niedergehen, aus dem Fenster sehen, um sich wieder hin zu setzen, um sich auf etwas zu besinnen …und man weiß nicht worauf:

1.SPR.:
Der Dichter Ludwig Tieck in seinem Roman „William Lovell“.

2. SPR.:
Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme. Der nach und nach die Zeit verzehrt, wo die Tage so lang und der Stunden so viele sind.

1. SPR.:
Schriftsteller und Theologen, Künstler und Philosophen schreiben über die Langeweile, weil es für sie ein absonderliches und deswegen „spannendes“ Phänomen ist. Aber auch weil es sie selbst wie auch so viele andere betrifft. Der Philosoph Emil Cioran hat sich schon als junger Mensch fast zu Tode gelangweilt; er nahm die Langeweile als „Hohlheit des Herzens“ wahr, als gähnende Leere. Bis ins hohe Alter hat ihn diese Qual geprägt, betont der Berliner Philosoph Jürgen Große :

2. O TON, Jürgen Große
Langeweile ist für ihn vielleicht eher die triviale Form des Verzweifeltseins, also ein allgemeines Nicht – Engagement, eine emotionale Unbetroffenheit von der Welt, in der man sich aber sehr verankert fühlt. Also: Man sieht alles, aber wie durch wie durch eine Glasscheibe. Man sieht alles, man kann alles intellektuell usw. einordnen, man weiß den Nutzen von allem zu benennen, aber für einen selbst hat es keine emotionale Herausforderung.

1. SPR.:
Langeweile ist nichts Beiläufiges, sie gehört zum „Wesen des Menschen“, sagen schon die frühen christlichen Theologen. Die Mönche im vierten Jahrhundert sprechen vom Leiden an der acedia (sprich Azéhdia), dem Lebens – Überdruss. Wenn die Arbeit in den Klostergärten getan und die Zeit des Studiums beendet war, beteten sie zur Mittagszeit gemeinsam den Psalm 91. Ein Vers wurde mit aller Inbrunst gesprochen:

2. SPR.:
Des Herrn Wahrheit ist Schirm und Schild vor der Pest, die im Finstern schleicht und die am Mittag Verderben bringt.

1. SPR.:
Diese Pest „am Mittag“ nannten Mönche den „Mittagsdämon“.

2. SPR.:
Diese verführerische Stimmung der Langeweile ist gefährlich wie die Pest: Sie kann alle geistigen Interessen still legen und töten.

1. SPR.:
Der Mönch Cassian berichtet im 5. Jahrhundert, wie er diesen „Dämon“ mit allerlei Ablenkungen abzuwehren versucht:

2. SPR.:
In solcher Anfechtung besucht der Mönch die anderen Kloster – Brüder. Er besucht die Kranken in der Ferne; er legt sich religiöse Pflichten auf; er beschließt, Verwandte wieder zu sehen und die Menschen in der Umgebung zu begrüßen.

1.SPR.:
Die Mönche ahnen, dass allerlei Tätigkeiten diese öden Stunden der Langeweile überbrücken können; bloß irgendetwas tun, damit man nicht auf „dumme Gedanken“ kommt. Damals wie heute wollen Menschen die Langeweile durch aktives Tun überspielen, berichtet Michael Bongardt, der gebürtige Bonner ist Theologe und Ethiker an der Freien Universität Berlin:

3. O TON, Michael Bongardt,
Langeweile ist etwas, was zu überwinden ist. Das ist im Umkehrschluss deshalb interessant, weil wir damit eine ganz klare Wertigkeit in unsere Lebensgestaltung reinbringen:, die man ganz kurz beschreiben kann: Der größte Wert ist das ständige Beschäftigtsein. Nietzsche macht deutlich, dass er sagt: Wenn ich einmal meine ganzen Beschäftigungen unterlasse und im Wald spazieren gehe. Und in diesem Wald trifft mich dummerweise ein Bekannter, der mich da spazieren gehen sieht, werde ich ihm sofort antworten: Ich tue es nur zur Erholung, d.h. ich tue gerade mal nichts, um ganz bald wieder etwas tun zu können.

1. SPR.:
Nietzsche sieht genau, wie sich moderne Menschen förmlich genieren, in der Muße, beim Nichtstun, „ertappt“ zu werden. Wie blamabel ist es doch, die höchsten Werte zu ignorieren, das Arbeiten und Tätigsein. Heilig ist doch einzig das Tun, so ein Dogma der westlichen, der christlich geprägten Welt seit der Reformation.

4. O TON, Petra von Morstein.
Wir sind ja alle unter immensem Druck, von einem Termin zum anderen zu kommen, Leistungen zu erbringen, viele Aufgaben mehr oder weniger auf einmal zu erfüllen. So dass die Zeit gleichsam segmentiert wird, in Stücke zerschnitten wird.

1.SPR.:
berichtet die Berliner Philosophin Petra von Morstein. In den „modernen Zeiten“ absoluter Betriebsamkeit sei es selbst für Rentner schwer, die eigene Lebenszeit noch als eine Einheit zu erfahren:

Fortsetzung O TON:
Ich lebe ja jetzt pensioniert, aber sehr tätig. Und bin immer noch in der Arbeit, mein Leben so zu balancieren, dass meine Zeit fließt, nicht zerstückelt ist.

1. SPR.:
Unser „normaler Tag“ besteht aus unterschiedlichen Bruchstücken, etwa aus den kurzen Fristen familiären Zusammenseins, aus den langen Zeiten unterschiedlicher Beschäftigungen, den Fahrten hin und her oder den Momenten der Erholung. Auch die Freizeit wird wie die Arbeitszeit vom Terminkalender bestimmt. Bloß keinen Leerlauf zuzulassen, vor allem am Abend oder am Wochenende. Darum müssen auch viele Menschen in ihrer freien Zeit „auf Hochtouren“ laufen. Sie müssen für Ablenkung sorgen, damit sich niemand langweilt, hat Jürgen Große beobachtet:

5. O TON, Jürgen Große
Diese Überlegung geht ungefähr so: Wenn die größten materiellen Bedrängnisse geschwunden sind, also wenn die Notdurft des Leibes, der Wohnung, die materiellen Grundbedürfnisse erfüllt sind, dass dann alle weitere Tätigkeit nur aus Langeweile erfolgt, oder um so eine gewisse flaue Unruhe von Innen her zu vertreiben.

2. musikalischer Akzent

1. SPR.:
Viele Menschen versuchen auf Dauer die Stimmung der Langeweile, diese „flaue Unruhe“, zu überspielen. Einigen gelingt das nicht. Sie erleben dann ihre Langeweile wie eine Krankheit. Der Psychologe Erich Fromm:

2. SPR..
Die Langeweile als Krankheit ist das Gefühl, dass wir freudlos in der Fülle leben, dass das Leben uns wie Sand durch die Finger rinnt, dass wir verwirrt und ratlos sind.

1. SPR.:
Diese Menschen brauchen Hilfe und Begleitung. Die Psychotherapeutin Verena Kast aus Zürich unterstützt Patienten, die aus dem Schmerz der langen und öden Zeit ohne Sinn herausfinden wollen.

6. O TON. Verena Kast.
Wenn wir uns langweilen, dann fühlen wir uns gequält; wir sind ohne Inspiration, wir sind ohne Interessen. Wir fühlen uns auch sehr wenig lebendig.
Und das ist halt ein Zustand, dem wir abhelfen wollen. Wenn wir ihm aber zu schnell abhelfen, also wenn wir z. B. einfach Aktionen machen, action, wie die Jungen sagen, dann können wir im Grunde genommen nicht von dieser Situation der Langeweile profitieren.

1. SPR.:
Mit Nachdruck weist Verena Kast auf ihren therapeutischen Ansatz hin: Wir können von der Langeweile „profitieren“, also Nutzen ziehen für unser weiteres Leben:

7. O TON, Verena Kast
Wenn es uns gelingt, uns mal darauf zu konzentrieren, dass uns jetzt gar nichts anspricht, dann kann eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von Innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu es eben einen Mut zur Langeweile. Also: Das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind; die haben etwas gemacht, die haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Und dann langweilen sie sich: Und sie wissen aber aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, dann wird wieder etwas Neues.

1. SPR.:
Aber der Weg zu einem „neuen“ Leben kann sehr mühsam sein. Therapeuten berichten, wie Menschen in dieser Stimmung tiefer Verlassenheit auf sich selbst zurück fallen; sie kreisen nur noch um ihr eigenes Ich; interessieren sich für nichts anderes mehr als für die Bedürfnisse des eigenen Körpers … und die sexuelle Gier. Der Sexualtherapeut Johannes Wahalla begleitet in Wien diese Patienten:

8. O TON, Johannes Wahala
Zu mir kommen sehr viele und sagen: Ich habe das Gefühl, ich bin sexsüchtig, ich kann es nicht mehr kontrollieren Die Leute berichten mir oft und sagen: Es ist ein innerer Drang, so ein ständiges Suchen nach Sexualkontakten. Dass sie aber erleben, dass sie sagen: Obwohl ich gar nicht jetzt Lust habe ja, sind sie aber ständig z.B. im Internetforen, in Sexforen, oft auch abgespalten vom eigenen Gefühl, was sie nicht benennen können, ja.

1. SPR.:
Im geduldigen Gespräch, gemeinsam mit dem Therapeuten, können die seelischen Ursachen aufgedeckt werden:

9. O TON, Johannes Wahala
Langeweile ist eigentlich für alle meine Klienten etwas sehr belastend Depressives, dass viele nicht gelernt haben, wirklich ihre Bedürfnisse, ihre Gefühle wahrzunehmen. Und das scheint mir ein sehr wesentlicher Prozess zu sein, dass Menschen wieder so einen Zugang zu sich selbst bekommen, dass sie ihre Wünsche, ihre Gefühle, wieder spüren, wieder wahrnehmen: Was will ich mir gern in diesem Leben verwirklichen. Denn eines müssen wir sagen: Das Leben ist uns nur eine begrenzte Zeit zur Verfügung gestellt.

1. SPR.:
Die eigene Lebenszeit wieder wahrnehmen; respektieren, dass ich meine Lebenszeit nicht wie eine unerschöpfliche Quelle verplämpern und vergeuden sollte. Carpe Diém, sagte der römische Dichter Horaz, nütze den Tag, gestalte deine Zeit. Der Psychologe und Sozialarbeiter Kazim Erdogan arbeitet im sozialen Brennpunkt Berlin – Neukölln. Er wäre schon froh, wenn die Jugendlichen dort diese alte Lebensweisheit entdecken könnten.

10. O TON, Kazim Erdogan
Ich höre immer wieder von den Jugendlichen, wenn sie negativ auffallen, mit Gewalt zu tun hatten, das mit Langeweile auch begründen. Dass sie sagen: Ich hab nicht gewusst, was ich am Samstag mache und ich bin rausgegangen. Dann bin ich auf diese komische Idee gekommen, das höre ich immer wieder.
Ich möchte das unter den Oberbegriff Kommunikations – und Sprachlosigkeit rein tun. Wir reden immer weniger mit unseren Kindern, mir unseren Jugendlichen. Die Eltern entlassen die Kinder zu früh vor die Glotze oder sie sagen: Geh in dein Zimmer, und dann mach mal am Computer was. Es fehlt an sozialer Kontrolle, dass die Eltern nicht mitbekommen: Mit wem sind unsere Kinder, wo halten sie sich auf, was machen sie. Und in dem Moment, wenn die Jugendlichen eine Lücke finden, die man Langeweile nennen kann, dann sind sie gefährdet.

1. SPR.:
Kazim Erdogan leitet in Berlin – Neukölln einen „sozial – psychologischen Dienst“; die kürzlich verstorbene Richterin und Autorin Kirsten Heisig hat mit ihm eng zusammengearbeitet. Auch sie war überzeugt: Wenn junge Männer ihre Langeweile aggressiv und besinnungslos austoben wollen, dann sind vor allem praktische, „präventive“ Hilfen zur Freizeitgestaltung geboten! Kazim Erdgan hat „Projekte gegen die Langeweile“ gegründet:

11. O TON, Kazim Erdogan
Die Jugendlichen des Vereins machen ehrenamtlich Nachhilfeunterricht für die Grundschüler sozusagen als Vorbilder. Und das kommt sehr, sehr gut an. Und sie engagieren sich auch politisch; sie mischen sich in die bildungspolitischen Debatten; sie haben auch ein Fest organisiert, sie haben gemeinsam Musik gemacht. Wir versuchen, dass wir nicht von trennenden Wänden ausgehend operieren, sondern die Elemente, die uns verbinden, sind ausschlaggebend bei allen Projekten, die wir machen.

1. SPR.:
So wichtig eine sinnvolle Freizeitgestaltung auch sein mag: Ein gewisser „Schuß“ philosophischer Bildung sei doch immer hilfreich, meint Petra von Morstein. Denn nur wer als junger Mensch selbständig denken lernt, kann später, als Erwachsener, sein eigenes Leben gestalten und mit der eigenen Lebenszeit sinnvoll umgehen.

12. O TON, Petra von Morstein
Da wehre ich mich eigentlich gegen den Ausdruck „Zeit haben“. Es ist nicht der Fall, dass wir Zeit haben und es ist nicht der Fall, dass wir Zeit nicht haben. Es ist kein Haben. Wir sind in der Zeit.. Das spielt natürlich darauf an, dass die Zeit keine objektive Größe ist, also eine von uns getrennte, sondern etwas in uns. Zeit ist, sagte schon Kant, der innere Sinn. Und der innere Sinn hängt mit allem, was innerlich ist, zusammen, mit unseren Empfindungen, mit unseren Wünschen, mit unseren Zielen, mit unseren Tätigkeiten. Also bin ich ja auch dafür verantwortlich zu einem gewissen Grade, wie ich Zeit erlebe.

1. SPR.:
Eine philosophische Einsicht, die unmittelbar im Alltag von Jugendlichen gilt. Wie viele behaupten doch immer wieder ganz „cool“, sie müssten „halt mal wieder“ ihre freie Zeit „totschlagen“:

13. O TON, Petra von Morstein
Wenn die Zeit wirklich der innere Sinn ist, Zeit ist immer erlebte Zeit, dann schlagen wir uns wörtlich, das ist ein logischer Schluss, selbst tot, wenn wir Zeit totschlagen.

1. SPR.:
Eltern wünschen in der Regel, dass ihre Kinder zu glücklichen, zu friedfertigen Menschen heranwachsen. Dabei kann die Erkenntnis hilfreich sein: auch junge Menschen brauchen Momente des Nichtstuns, also Zeiten der Langweile.
Eltern können ihre Kinder vor einem vollen Terminkalender bewahren, in dem dann keine freie Minute bleibt angesichts von Schule und Sport und Reiten und Musizieren und Yoga, betonen Pädagogen. Wenn es dann plötzlich eine Unterbrechung dieser Betriebsamkeit gibt, werden die Kinder irritiert von der leeren Zeit des Nichts-Tuns. Dorothea Waag wollte das ihren Töchtern ersparen:

14. O TON, DOROTHEA WAAG.
Ich fand es ganz schön, sie darin zu unterstützen, Langeweile auszuhalten und hab das dann auch erlebt, dass kreative Kräfte dadurch freigesetzt wurden. Langeweile tut nicht weh, in diesem Ton habe ich das damals sicherlich nicht gesagt. Aber dass Langeweile etwas ganz wichtiges ist, um etwas zu entdecken, was ich selber was machen kann, selber was gestalten kann, hab gesagt: Ihr habt Sachen da, ihr könnt auch was malen. Es war nicht so, es muss nicht alles gestaltet werden und die Kinder müssen dauernd unterhalten werden. Kurzweil ist nett, ist amüsant, aber hat im allgemeinen großen Unterhaltungswert, hält nicht an, hat keine Tiefe. Und in der Langeweile, hab ich erlebt, kann Tiefe entstehen.

3. musikalischer Akzent,

1. SPR.:
Aber welche Tiefe kann uns die Langeweile lehren? Michael Bongardt empfiehlt, sich an die Meister des Denkens zu halten, zum Beispiel an den dänischen Philosophen Sören Kierkegaard:

15. O TON, Bongardt
In seinen Überlegungen zur Langeweile kommt es in einer sehr schönen Gegenüberstellung heraus, dass er sagt: Es gibt zwei Formen von Langeweile, es gibt zum einen die Menschen, die andere langweilen, durch das was sie tun, durch das, was sie erzählen, durch da, was sie sind. Diese negative Form des Langweilens setzt Kierkegaard ab von einer positiven Form, die er ausdrücklich eine Kunst nennt, nämlich die Kunst, sich selbst zu langweilen, und das ist schon wieder ein bewusster Akt. Die Langeweile ist ein Wert an sich, ist eine Form von Menschsein, die für sich selbst wertvoll ist. Und wenn sie dann nur damit gefüllt wird, dass einem spontan Bilder, Ideen, Gedanken kommen, die man für nichts brauchen kann, die einfach aber auch ihre Qualität darin haben, dass sie etwas Bereicherndes für mich haben. Punkt. (Lachen.)

1. SPR.:
Kierkegaard empfiehlt also einen Wechsel der Perspektive: Warum können wir die Langeweile nicht auch als ein unvorhergesehenes Geschenk verstehen? Die lange, ausgedehnte Weile kann man doch auch schätzen und lieben lernen. Petra von Morstein hat sich von diesem Gedanken faszinieren lassen:

16. O TON, Petra von Morstein
Ich komme jetzt gerade aus den Ferien zurück. Und da habe ich mich gehen lassen, im wahrsten Sinne des Wortes, ich bin viel gegangen, in wunderbarer Frühlingslandschaft, ohne Druck. Ich brauchte nicht zu wissen, wie spät es ist, wann es Mittagessen gibt. Und das hat die Aufmerksamkeit, das hat die Sinne so belebt, dass ich mich einfach nur freuen konnte. Und gar nicht genau wusste, worüber ich mich eigentlich freue. Und ich war einfach da, völlig wach mit allen Sinnen im Da. Und das war Langeweile, erfüllt in jedem Augenblick. Hab mich nicht gelangweilt.

1. SPR.:
Aber auch die lange, ausgedehnte „Weile“ der Ferien geht einmal zu Ende; dann beginnt wieder die Monotonie des Alltags; dann leben wir wieder in einem Rhythmus, den andere vorgeben, die Arbeitgeber oder die so genannten „Sachzwänge“ der Gesellschaft. Aber dürfen wir uns davon wirklich bestimmen lassen?

17. O TON, Petra von Morstein.
In mir wehrt sich schon, nicht nur seit ich älter bin, sondern auch schon in jüngeren Jahren, immer etwas dagegen zu sagen: Hoffentlich ist bald Sommer, hoffentlich kommt bald das Wochenende. Ich will Zeit nicht wegwünschen. Ich hab wirklich eine persönliche Furcht davor, Zeit wegzuwünschen. Das ist nicht nur eine Sache des Alterns, das einfach ist eine Sache des Im-Leben-Seins. Selbst wenn Zeit, die vor mir liegt, belastet ist, mit schwierigen, traurigen Erfahrungen und ich das weiß, will ich sie trotzdem so erleben, dass ich sie nicht wegwünsche, sondern bejahe.

1. SPR.:
Den Alltag annehmen, heißt: Die Langeweile ist ein Teil von mir. Ich kann ihr sogar „ins Gesicht zu schauen“. Darauf hat der Philosoph Martin Heidegger immer wieder hingewiesen; er ist einer der wichtigen Denker, der die Langeweile als positive Chance für die Menschen gedeutet hat. Dabei dachte er nicht an seelisch kranke, sondern an die vielen, sich gesund fühlenden Menschen. Michael Braun, Philosoph in Berlin, findet diese Perspektiven sehr hilfreich:

18. O TON, Michael Braun
Wir handeln ganz oft so, dass wir ständig bemüht sind, Probleme aus dem Weg zu räumen. Und Heidegger sagt, dieses ständige Bemühtsein, Probleme aus dem Weg zu räumen, alles in den Griff zu bekommen, dass das eigentlich nichts anderes ist, wie vor dieser Langeweile davon zu laufen.

1. SPR.:
Die Erfahrung der Langeweile, so Heidegger, stellt die Menschen vor entscheidende Fragen: Worauf wollen wir eigentlich hinaus in unserem Dasein? Worin sehen wir den Sinn des Lebens? Gibt es wichtigere Fragen? Vor der Langeweile sollten wir deswegen nicht panikartig flüchten, wenn sie uns packt. Geradezu blitzartig, meint Heidegger, kann uns dann aufgehen: Der Beginn der Langeweile kann der entscheidende Augenblick sein, unsere eigene Freiheit wahrzunehmen; sie allein ist die Basis für ein glückliches Leben.

19. O TON, Michael Braun
Die tiefe Langeweile führt uns an diesen Punkt, wo wir erfahren: Nur wenn wir im Augenblick in ein wesentliches Handeln kommen, brechen wir diese Langeweile auf. Und im Augenblick greifen wir sozusagen unsere eigene Zeit wirklich auf, weil wir es sind, die handeln. Wir sind nicht mehr gebunden an Parolen, an politische Meinungen, an Dogmen.

1. SPR.:
Nimmt man die Langeweile wie einen Freund an, kann sie unser Leben erneuern: Heidegger wird nicht müde zu betonen: Unser Leben ist allein uns selbst aufgegeben. Angesichts der Langeweile meldet sich diese Einsicht mit voller Wucht. Diese Erkenntnis muss Teil von uns selbst werden, sie kann wie in einer „philosophischen Therapie“ eingeübt werden:

20. O TON, Michael Braun.
Insofern ist natürlich Heidegger jemand, der einen Raum eröffnet, wie er es nennen würde, besinnlich diese ganzen Fragen zu stellen. Wichtig ist es überhaupt, erst einmal heraustreten aus diesem ganzen Betrieb, aus diesem ganzen gewöhnlichen Alltag. Und das kann eigentlich jeder. Das Wesen der Philosophie ist das Philosophieren, und das Wesen des Philosophierens ist das Fragestellen. Und das kann auch jeder.

4. Musikalischer Akzent,

1. SPR.:
Religiöse Menschen werden die Vorschläge Martin Heideggers nur als einen ersten Schritt betrachten, zu einem „eigentlichen“, also authentisch freien Leben zu gelangen. In der buddhistischen Tradition werden praktische Übungen angeboten, die Zerstreutheit und Zerrissenheit, also die Auswirkungen der Langeweile, meditativ zu bearbeiten. Wichtig ist der praktische Ausstieg aus den Alltagsrhythmen, und der beginnt mit der „Geh-Meditation“, berichtet die buddhistische Autorin Ursula Richard:

23. O TON, Ursula Richard,
Wir gehen dabei auch in ganz normalem Tempo, also nicht im Hetztempo, sondern verlangsamt. Und versuchen dabei, den Körper und den Atem und den Geist zu harmonisieren. Indem sie zum Beispiel auch ihre Schritte zählen und versuchen mit dem Atem in Verbindung zu bringen. Oder indem sie auch so kurze Sätze sagen: Friede ist in mir. Oder: In mir ist ein Lächeln, oder wie auch immer. Wo sie auch versuchen diese Harmonie zwischen Atem und den Schritten hin zu kriegen. Und das ist unglaublich erholsam, und das können sie überall machen, wo immer sie gerade sind.

1. SPR.:
Mit jedem meditativen Schritt wollen buddhistische Lehrer ihre Schüler aus der Zerrissenheit befreien. Im Achten auf den eigenen Atem sollen sie ihr eigenes Dasein spüren; dann schwindet das Klammern an negative Lebenserfahrungen, wie Leere, Zerstreuung, Getriebensein, betont der Zen–Meister Willigis Jäger:

24. O TON, Willigis Jäger
Dieser Weg besteht in nichts anderem als im Loslassen, und das ist schwer. Weil unser Ich so aktiv ist, uns ständig hierhin und dorthin treibt. Alles, was ich machen kann, ist loslassen. Und sich dem zu überlassen, jetzt nicht noch tausend andere Dinge nebenher denken, sondern wirklich ganz da drin zu sein, das ist die Kunst.

1. SPR.:
In der christlichen Spiritualität hat sich vor allem Blaise Pascal, der vielseitig begabte Denker im 17. Jahrhundert, mit der Langeweile auseinandergesetzt. In seinem wichtigsten Werk, den nach seinem Tod veröffentlichten „Pensées“, den „Gedanken“, mahnt er wie ein Prophet, nicht in blinder Betriebsamkeit und Unterhaltung die Langeweile zu überspielen:

2. SPR.:
Als ich es unternommen habe, die ruhelose Geschäftigkeit zu betrachten, denen sich die Menschen zu Hofe und bei Kriege aussetzen, woraus so viele Streitigkeiten, Leidenschaften erwachsen, hab ich mir gesagt: Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.

1. SPR.:
Eine beinahe verhaltenstherapeutische Empfehlung: Bleib in deinem Zimmer und schau dort den Krisen deines Lebens ins Auge, fordert Pascal, sieh die Langeweile an! Dieser Vorschlag findet noch heute viel Aufmerksamkeit, etwa bei dem Pariser Philosophen Jean Mesnard:

21. O TON, Jean Mesnard

3. SPR.:
In der Unterhaltung und Zerstreuung wenden wir uns vom Wesentlichen ab. Diese Ablenkungen sind das Gesetz des menschlichen Lebens. Der Begriff Unterhaltung gilt ja für Feste, Spiele und alle möglichen Ablenkungen. Das ist durchaus ein modernes Thema. Es ist absurd, dass der Mensch die Unterhaltung sucht, denn damit wendet er sich von den wahren Problemen ab.
Übrigens ist die menschliche Arbeit auch eine Form der Unterhaltung. Im allgemeinen denkt man, arbeiten und sich unterhalten seien Widersprüche. Für Pascal handelt es sich um dieselbe Sache. Wir arbeiten, meint er, um unsere Lebensangst loszuwerden. Dabei ist die Angst doch eine gute Sache. Denn in der Angst gelangen wir zum Wesentlichen, zum Absoluten. So drückt die Unterhaltung nur die Tatsache aus, dass wir uns vom Absoluten entfernen.

1. SPR.:
Die Distanz vom „Absoluten“, von Gott, gilt es zu überwinden. Für Pascal wie für seinen Interpreten Jean Mesnard wird in den Erschütterungen des Lebens deutlich: Einzig die innige Bindung an Gott bewahrt vor den Schrecken der Langweile und den Wirrnissen, die Unterhaltung und Zerstreuung erzeugen. Die Langeweile wird also in die Ewigkeit Gottes einbezogen, die Ödnis des Daseins erhellt. Und so verliert sie ihren Schrecken, meint Pascal in seinen Pensées:

2. SPR.:
Das wahre Glück des Menschen ist in Gott zu finden, und Gott ist weder nur außerhalb von uns noch nur in uns. Gott ist das höchste Gut. Folgen wir unser Sehnsucht und unserem Drang, in der Unendlichkeit unser Glück zu finden. Dann bessert sich die Lage des Menschen, nämlich Unbeständigkeit, Ruhelosigkeit, Langeweile.

1. SPR.:
Diese Vorschläge haben auch bei den Dichtern der Romantik viel Sympathie gefunden; nicht von ungefähr verstanden sich viele Schriftsteller damals als gläubige Christen. Sie wollten mit der äußerlich perfekt geordneten und verwalteten Welt nichts zu tun haben. Das oberflächliche Geplauder der braven Bürger, die sie Philister nannten, erzeugte bei ihnen nur ein gelangweiltes Gähnen. Der Philosoph Rüdiger Safranski betont:

2. SPR.:
Es kommt den Romantikern darauf an, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein zu geben.

1. SPR.:
Denn allein der kunstvoll gestaltete Glaube an das himmlische Geheimnis befreit aus der Öde des grauen Alltags. Das wahre Leben ist dann nicht mehr nur „irdisch“. Joseph Eichendorff schreibt in dem Gedicht „Mondnacht“.

2. SPR.
Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst
Dass sie im Blüten – Schimmer
Von ihm nur träumen müsst.

4.Musikal. Intermezzo,
1.SPR.:
Die Bücher der Bibel kennen das Wort „Langeweile“ nicht. Aber die Autoren des Neuen Testaments beschreiben in vielen Farben, wie ein glückliches Leben im Angesicht Gottes aussehen könnte. Und im Kontrastbild dazu wird die Gefahr eines existentiellen Dahindämmerns beschworen; etwa wenn Jesus dazu aufruft, „wach zu bleiben“ und „nicht zu schlafen“. Er preist jene Menschen selig, die im Zustand gedanklicher Klarheit leben und wachsam sind. „Immer können wir mit einem Augenblick intensiven Erlebens konfrontiert werden, mit einem JETZT, das auch aus den Bedrängnissen der tiefen existentiellen Langeweile herausruft“, betont der protestantische Theologe und Psychotherapeut Günter Funke:

22. O TON, Günter Funke.
Ich denke natürlich auch, dass im Christentum, auch im Judentum, das Jetzt eine favorisierte Stelle hat: Heute ist der Tag des Heils, JETZT ist deinem Hause Heil widerfahren, also wir könnten das an einander reihen. Auch da ist die Gegenwärtigkeit, sich seiner selbst und seines Lebens gegenwärtig werden, das ist der erste Schritt zum Glück, und nicht irgendwelchen Vorstellungen nachhängen. Denn die Vorstellungen sind immer Projekte in die Zukunft oder ein Nachhängen in der Vergangenheit. Der Augenblick hat in sich die Fülle. Und deshalb haben die Mystiker immer gesagt, dass das Leben selbst die Quelle des Glücks ist.
5. musikal. Akzent.

Copyright: Christian Modehn, Berlin

„Die Pest“ von Albert Camus: Eine Lektüre-Empfehlung in Zeiten des „Corona-Virus“.

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Zeiten des Corona-Virus hilft gegen die Angst auch das Lesen. Und mit dem Lesen auch das Nachdenken. Dabei werden alte, ältere, Texte wiederentdeckt: Zum Beispiel: Der Roman „Die Pest“ von Albert Camus. Mit der „klassischen“ Pest hat die Corona Pandemie nicht alles gemeinsam. Corona ist sozusagen universal, auch wenn alle Staaten ihre Grenzen schließen; die Hilflosigkeit in den Kliniken ist auch Ausdruck für das total privatisierte Krankenhauswesen, einzig auf Gewinn konzipiert. Wird sich das ändern?

Aber die „Pest“, geschrieben in den Jahren 1940, wie auch das Corona Virus heute, verlangen ein neues, bislang nicht sehr eingeübtes menschliches, nicht-egoistisches Verhalten: Nämlich Solidarität; Entschlossenheit, die Vernunft herrschen zu lassen; sowie Dankbarkeit gegenüber allen ÄrztInnen, PflegerInnen, die ihr Bestes geben.

Warum also noch einmal, oder vielleicht auch zum ersten Mal, „Die Pest“ von Albert Camus lesen? Diesen Roman, der 1947 in Paris erschienen ist, und inzwischen in 30 Sprachen übersetzt wurde, diesen Roman, der geschaffen wurde nach Jahre langen Arbeiten des Autors. „Die Pest“ ist ein Plädoyer für die Humanität, die Mitmenschlichkeit, die dem Furchtbaren trotzt. Ein Roman der Hoffnung, trotz der Katastrophe. Der Roman spricht vor allem vom Kampf des Arztes Dr. Rieux in der algerischen Stadt Oran gegen die Pest: Wie die Bewohner wegen der Pest als „Geisel“ eingeschlossen sind, wie sie sich deswegen nur um sich selbst drehen, wie förmlich für sie eine andere, eine nur für sie erlebte Zeit beginnt, losgelöst von der allgemeinen chronologischen Zeit der Daten, Tage, Monate. Aber der Roman hat eine Botschaft: Das total Negative, die Pest, kann medizinisch zwar nicht überwunden werden – aber im solidarischen Handeln doch letztlich besiegt werden. Die Pest verschwindet dann tatsächlich nach etlichen Monaten wieder aus Oran. Aber alle wissen. Sie kann auch wieder auftreten.

Für Camus hatte der Roman auch eine politische Bedeutung: Denn er wusste, die Pest galt damals in dem von Deutschen, von Nazis, besetzten Frankreich, als die „braune Pest“, die es mit allen Mitteln des Widerstandes zu überwinden galt.

Wichtig ist, dass der entscheidende Held, der Arzt Dr. Bernard Rieux, sich als Atheist versteht. Er ist der bescheidene, aber immer in seiner Menschlichkeit großzügige „Held“, bestimmt vom Geist der Toleranz.

Was religionsphilosophisch hoch interessant ist: Camus führt in den Roman auch den Jesuiten-Priester Paneloux ein: Zuerst ist er mit der alten klassischen, menschenfeindlichen Ideologie verbunden: Die Pest sei eine Strafe Gottes für die vielen Sünden der vielen Sünder, betont er in seinen ersten Predigten. Aber im Kontakt mit Kranken, vor allem in Verbindung mit Dr. Rieux und seinen Freunden, verändert sich der Jesuit. Von Strafe Gottes ist nun keine Rede mehr in seinen Predigten, sondern von der Anerkenntnis: Diese Pest kann man, auch religiös gesehen, einfach nicht verstehen. Da kommt die Theologie an ein Ende. Der Priester leidet eines Tages selbst an den Symptomen der Pest, er weigert sich, medizinisch behandelt zu werden und stirbt als ein „cas douteux“, wie es heißt, als ein „zweifelhafter Fall der Medizin“. Der Jesuit nimmt also diese unvollkommene Welt an, so wie sie ist, auch mit dieser Pest: Anders als Dr. Rieux, der gegen diese Welt revoltiert. Aber Camus ist überzeugt, dass beide, Dr. Rieux und Pater Paneloux, auf ihre berechtigte Weise mit der „Pest“ umgehen und ihr standhalten wollen. Revolte und eingestandenes Nichtwissen in metaphysischen Fragen gehören für Camus zusammen.

Wichtig ist auch die Gestalt des Journalisten Raymond Rambert: Er sieht sich plötzlich in Oran eingeschlossen, versucht alles, um zu entkommen, weil er seine Frau in Paris wieder sehen muss! Als es kein Entkommen aus der Stadt gibt, schließt er sich den Helfern an, die die Kranken betreuen. Mit anderen Worten: Aus einem eher egoistischen Typen wird ein solidarischer Mensch. Rambert hat in der Sicht von Camus das menschliche Maß wieder gefunden. Rambert wird förmlich belohnt, wenn er nach der Pest seine Frau wieder findet.

Camus hat als Autor, hat als Philosoph, eine Botschaft: Aus Menschen können und sollten Mitmenschen werden. Solidarische Menschen.

Camus war kein militanter Atheist. Er war ein toleranter Humanist.

Dieser Hinweis als Lektüreempfehlung kann natürlich nicht die Lektüre des Romas „Die Pest“ ersetzen.

Wenn Sie sich für religionsphilosophische Aspekte im Werk von Albert Camus interessieren, dann lesen Sie etwa meinen Hinweis „Ein Atheist aus göttlicher Gnade“, bitte hier klicken, und meinen Beitrag über den ungewöhnlichen, humanen Glauben von Albert Camus. Klicken Sie hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die geistigen Brandstifter der heutigen Rechtsextremen

Ein Buchtipp: “Das alte Denken der neuen Rechten“. Herausgegeben vom „Zentrum liberale Moderne“, Berlin
Von Christian Modehn

1.
Revolutionen beginnen im Denken. So war es mit der Französischen Revolution. So war es mit dem faschistischen Umsturz bzw. der Katastrophe, gewollt und betrieben von Hitler, seiner Partei, den Mitläufern. So ist es mit den de facto rechtsextremen Parteien, die heute mitverantwortlich sind für Mord und Totschlag in Deutschland, sie wollen die Demokratie letztlich zugrunde richten. Die Täter (und die Politiker im Hintergrund mit ihrer Hetze) folgen dabei nicht nur ihrem privat entwickelten Hass auf Fremde, Flüchtlinge, Minderheiten, Menschen also, die nicht zu ihrem völkischen „Volk“ gehören dürfen. Sie folgen auch den versteckten und direkten Anregungen, wenn nicht Weisungen von etablierten, manchmal Intellektuelle genannten rechtsextremen „Meisterdenkern“.
2.
Deren letztlich immer antidemokratischen Ideologien kann man nun in einer Neuerscheinung studieren. Das der Bewahrung von Demokratie verpflichtete, leider noch viel zu wenig bekannte „Zentrum liberale Moderne“ in Berlin hat den Sammelband „Das alte Denken der neuen Rechten“ herausgegeben. Das Buch trägt den Untertitel „Die langen Linien der antiliberalen Revolte“. Das Buch, 166 Seiten stark, mit vielen Literaturangaben verdient weiteste Beachtung. Für viele könnte es wohl eine Art Start sein, um den Background der heutigen Rechten und Rechtsextremen zu verstehen und zu studieren. Das Buch wird kostenfrei versandt, Bestellungen an das „Zentrum liberale Demokratie“, Reinhardtstr. 15, 10117 Berlin. Per e-mail bestellen: info@libmod.de www.libmod.de
3.
Die Einleitung hat Ralf Fücks verfasst: Er ist „geschäftsführender Gesellschafter des Zentrum Liberale Moderne“, wo bei das Wort „liberal“ hier nicht auf eine bestimmte Partei (etwa die FDP) bezogen ist, sondern liberal identisch gesetzt wird mit demokratisch und den Menschenrechten verpflichtet.
Fücks weist schon in seinem Vorwort auf die aktuelle Präsenz der rechtsextremen „Meisterdenker“ hin, etwa in der Zeitung „Junge Freiheit“ oder des „Instituts für Staatspolitik“. 16 prominent gewordene eher „alte Denker“ der „neuen Rechten heute“ werden vorgestellt, von Autoren, die als Politologen und Recherche-Journalisten in demokratischen Kreisen anerkannt und bestens bekannt sind. Das Spektrum der alten rechten Ideologen ist breit angelegt: Richard Wagner, der Antisemit, gehört dazu wie der Philosoph Arnold Gehlen, der Dichter Ernst Jünger oder der Biologe Konrad Lorenz. Auch an den frühen Thomas Mann wird erinnert oder den heutigen Autor Botho Strauß. Selbstverständlich fehlt nicht der zwiespältige Anti-Demokrat zu Hitlers Zeiten Carl Schmitt und auch an Martin Heidegger wird zurecht erinnert: Bei ihm legt der Autor Micha Brumlik den Akzent nicht etwa auf die „Schwarzen Hefte“, sondern schon auf das frühe Heidegger Werk „Sein und Zeit“. Sehr wirksam in Kreisen der AFD ist der rechtsextreme Autor Armin Mohler. Über ihn hat der bekannte Politologe Hajo Funke eine wichtige Studie verfasst. Bei Mohler (1920 – 2003) holen sich die AFD Führer sozusagen ihr ideologisches Futter. Er stand schon Franz Josef Strauß nahe, dann aber besonders Franz Schönhuber und seinen Republikanern. Er hatte eine “beispiellose Karriere eines Rechtsradikalen”, ab 1961 hatte er den “Chefposten der gerade gegründeten Siemensstiftung” (S. 93) „Von den Neuen Rechten um die Zeitung Junge Freiheit, Karl Heinz Weißmann und Götz Kubitschek vielfach verehrt und verlegt…“ (S. 90). Der Begriff “Konservative Revolution” wurde von Mohler gern verwendet.
Über den Begründer der Bewegung „Neue Rechte“ bzw. „la Nouvelle Droite“, den französischen Autor Alain de Benoist, hat Ellen Daniel einen Beitrag verfasst. Er gehört zu den Ideologen, die diplomatisch geschickt hin und her larvieren, vieles im Unklaren lassen, ob sie nun für ein neues Heidentum oder einen konservativen Katholizismus eintreten, tatsächlich aber massiv gegen die „égalite“, die prinzipielle Gleichheit aller Menschen polemisieren. Dieses verschlüsselte, nur Kennern schnell verständliche rechtsextreme Geraune zeichnete ja auch den „fein schreibenden“ Schriftsteller Ernst Jünger aus. Klaus Mann, ältester Sohn von Thomas Mann, schrieb sehr treffend: “Dass er (Ernst Jünger) schreiben konnte, erst das macht ihn gefährlich. Seinen Gaben nach gehört er zu uns…Aber ein Geist von der finsteren Glut kann Unheil stiften. Eine geheimnisvolle Perversion des Gefühls hat ihn auf die Seite getrieben,wo notorische Böswilligkeit und Menschenfeindlichkeit sich alsTugend blähen” (S. 16).
Über die philosophischen und religiösen Hintergründe der französischen Neuen Rechte in Frankreich habe ich schon 1982 zwei Beiträge in der Orientierung (Zürich) publiziert, sie sind noch im Archiv der „Orientierung“ erreichbar, klicken Sie hier.
4.
Interessant ist, dass Oswald Spengler und sein Hauptwerk „Der Untergang der Abendlandes“ immer noch in den Köpfen heutiger Rechtsradikaler wirkt. Spengler verehrte ja bekanntermaßen Mussolini, er proklamierte einen „nationalen Sozialismus“, sein Antisemitismus ist bekannt. „Der neurechte Redner Götz Kubitschek schöpfte z.B. aus Spengler Fundus… und der Idee der kulturellen Schicksalsgemeinschaften, als er im Januar 2015 vor 15.000 Teilnehmern bei einer Legida-Demonstration sprach“ (S. 48). Wichtig ist auch der Hinweis des Politologen Lars Rensmann auf die Präsenz von Spengler im Denken des sehr rechten Parteiführers Thierry Baudet vom „Forum voor Democratie“ in den Niederlanden (S. 48). Eher in weiten Kreisen unbekannte rechtsextreme Denker werden in dem Buch vorgestellt: Etwa der Inspirator der “Muslimbrüder” Sayyid Qutb oder die “antiliberale Vordenkerin” Sigrid Hunke.
Wichtig erscheint mir der Beitrag über den russischen und russisch-orthodoxen “Antiwestler” Alexander Dugin, einen vielseitigen Publizisten, rhttps://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Was-Horst-Seehofers-zur-Fluechtlingskrise-schon-alles-gesagt-hat-id36919252.html ist Putin-Freund und Ideologe eines machtvollen russisch bestimmten Reiches. “Dugin strebt die Schaffung eines vollkommen neuen Reiches, ja einer noch nie dagewesenen Weltordnung an” (S. 111 in dem Beitrag von Andreas Umland). Dugin verschweigt nicht seine Sympthien für Hitler, er hat sogar die “Auferstehung Heinrich Himmlers gepriesen” (S. 112). Auch mit Heidegger hat sich Dugin intensiv befasst und ihn in sein rechtsextremes Phantasieren eingebaut.Der international bekannte Heidegger – Interpret Friedrich-Wilhelm von Herrmann (Freiburg) war sich nicht zu schade, sich von Dugin mehr als eine Stunde für seinen TV Kanal in Russland befragen zu lassen. Leider wird diese Verbindung des Heidegger- Spezialisten von Herrmann mit Dugin nicht erwähnt. Wichtiger noch die Nachweise des Autors, wie eng die Verbindungen einiger AFD Führer und deren Ideologen mit Dugin sind, aber auch mit FPÖ Leuten und “Identitären” so wie Burschenschaften besteht regelmäßig Kontakt. Der AFD Abgeordnete Thomas Rudy in Thüringen gründete etwa 2016 im Sinne Dugins ein “Deutsches Zentrum für eurasische Studien”.
Dugin ist sicher eine sehr wichtige rechtsextreme Figur im Hintergrund nicht nur russischer Politik.
5.
Ich hätte mir gewünscht, dass auch dem Philosophen Friedrich Nietzsche als einem „Denker der alten wie der neuen Rechten“ ein Kapitel in dem Buch gewidmet worden wäre. Über die Wirkungsgeschichte einiger zentralen Nietzsche – Thesen im Nazi-Milieu gibt es ja keine Diskussion, und zwar gilt das nicht nur für die heftigen Passagen in “Der Wille zur Macht”. Dieses posthume Werk ist ja eher ein Machwerk von Nietzsches Schwester Elisabeth! Der Philosoph Vittorio Hösle schreibt im Blick auf Haupttendenzen von Nietzsches eigenen Veröffentlichungen: “Eine Synthese von Nietzsches antichristlichem Machtkult und Wagnerscher Wiederbelebung altgermanischer Mythologeme im Namen eines aggressiv-antisemitischen Nationalismus war in der Tat das kollektive Experiment, das das deutsche Volk unter der Regie Adolf Hitlers unternahm“ (in: „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S. 207). Und noch einmal Vittorio Hösle: „Es liegt nahe, den Nationalsozialismus als Versuch des Heroismus des Bösen zu deuten, von dem Nietzsche auch inhaltlich einige Ideen vorwegnimmt…Nietzsche schreibt: Leben heißt grausam und unerbittlich sein gegen alles, was schwach wird“ (ebd., S 199f. ).
6.
Der zentrale Vorwurf der Rechtsextremen, in Deutschland, ja in Europa insgesamt, finde durch den Zuzug der muslimischen Bevölkerung eine „Umvolkung“ statt, wird in dem genannten Buch des Zentrums liberale Demokratie mehrfach angesprochen. Dabei fehlt mir ein Kapitel über die „Urheberin“ dieser „Umvolkungs“ – Ideologie“: Es ist die Autorin Bat Ye Or, sie stammt aus einer jüdischen Familie in Ägypten und lebt seit langer Zeit in England. Ich habe über sie und ihre anti-muslimischen Thesen einige Hinweise publiziert, klicken Sie hier.
7.
Der Hass der vielen Rechtsextremen heute auf “andere”, Fremde, Flüchtlinge usw. wurde durch einen nachlässigen Umgang vor allem der konservativen CDU/CSU – Politiker zumindest indirekt mit-gefördert. Die Sprache vieler so genannter Spitzen-Politiker bürgerlicher Parteien hat den demokratischen Geist vergiftet, etwa die Rede von der „Flut der Ausländer“, von der „Bedrohung durch Flüchtlinge“ usw. Die „Augsburger Allgemeine“ hat schon im Februar 2016 einige heftige polemische Zitate Seehofers (CSU) zu den Flüchtlings“strömen“ gesammelt, die im Duktus an AFD Sprüche heute erinnern. Mir ist nicht bekannt, dass sich Seehofer für die Tatsache entschuldigt hat, dass er der AFD als Stichwortgeber diente. Dies ist doch eine Tatsache, und sie gilt nicht nur für Herrn Seehofer…Klicken Sie hier.
„Man denke auch daran, wie über Jahrzehnte hindurch Nazis in führenden Positionen der BRD selbstverständlich das Sagen hatten.
Konservative und sich christlich nennende Parteien waren schon immer anfällig für eine Toleranz gegenüber Rechtsaußen. Das ist ein eigenes Thema, das jetzt nur wenig Aufmerksamkeit findet.
8.
Das Buch “Das alte Denken der neuen Rechten” ist eine Sammlung historischer und politologischer gut lesbarer Essays. Es macht den Demokraten deutlich, in welchen geistigen, d.h.ideologischen Sphären sich die Rechtsradikalen, auch die AFD Führer, bewegen. Den politischen Kampf gegen die Feinde der Demokratie kann das Buch natürlich nicht ersetzen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.