Keine wirksame Reformation: Das Ende der „Reformationsdekade“

Hinweise und Kritik

Von Christian Modehn:

Viele LeserInnen haben mich gefragt, was denn die Hauptthese dieses Beitrags sei:

Es ist das Ausbleiben einer neuen Reformation , einer “zweiten” großen Reformation, wenigstens in den protestantischen Kirchen anläßlich des Gedenkens: “500 Jahre The­sen­an­schlag, 500 Jahre Reformation durch Luther”. Diese zweite, neue und große Reformation wäre ein halbes Jahrtausend  nach dem The­sen­an­schlag dringend geboten gewesen. Diese zweite Reformation 2017 ist aber vor lauter Angst und theologischer Routine, die durch ein enormes Gedenk – Angebot nur verdeckt wurden, ausgeblieben. Das Reformationsgedenken blieb also sehr unter dem Niveau der aktuellen Herausforderungen der Welt, angesichts von Elend, Krieg, Ausbeutung. Es hat keine Auswege gezeigt, wenigstens an einem Punkt, etwa dem Nationalismus, aus der heutigen Weltkrise. Was möglich gewesen wäre 2017, wird im folgenden skizziert. Dies ist also ein trauriger, aber realistischer Rückblick, den nur sehr bescheiden, selbstzufrieden und schlicht denkende Leute als “pessimistisch” abweisen können…Denn auch über die notwendige Lernbereitschaft von den so genannten “anderen Religionen” wurde in der Reformationsdekade viel zu wenig gesprochen, etwa vom Dialog mit den authentischen Formen des Islams oder von den notwendigen Gesprächen mit den Menschen, die sich Atheisten nennen. Gerade sie können das Gottesbild der Frommen zurecht korrigieren. Dass die Kirchen “leerer werden”, wie man so sagt, liegt nicht an den Atheisten, sondern an der Unfähigkeit der Kirchen, nachvollziehbar, in weltlicher und allgemeiner Sprache, vom Menschen und damit möglicherweise vom Transzendenten (“Göttlichen”) im Menschen zu sprechen.

Am 1. November 2017 endet also die viel besprochene und oft zitierte Reformationsdekade. 10 Jahre lang hatten interessierte Christen und Nichtchristen in Deutschland die Chance, in jedem Jahr unterschiedliche Aspekte der Reformation, die mit Luther hier ihren Durchbruch fand, zu diskutieren und studieren, etwa Bildung (im Jahr 2010, Musik (2012), Politik (2014) usw.

Noch nie wurde wohl in Deutschland zuvor ein – zudem umstrittenes – Ereignis, wie der The­sen­an­schlag Luthers am 31. 10. 1517, so umfassend und so ausufernd lange „gefeiert“. Manche fanden das sehr übertrieben, zurecht, wenn man fragt: Was bleibt von diesem Spektakel für die Zukunft, was bleibt im Gedächtnis der Menschen bis zum nächsten Reformationsgedenken 2117, falls dann noch Welt und Kirchen bestehen…

Die Frage ist entscheidend: Was bleibt wirksam in den Köpfen der Menschen und in den Strukturen der Gesellschaft und Kirchen. Gibt es unvergessliche Ereignisse? Oder war alles fromme Routine, inszeniert von einer „selbstgefälligen Kirchenbürokratie“, wie der Theologieprofess Jörg Lauster (München) in seinem immer noch lesenswerten Buch “Der ewige Protest“ (München 2017) schreibt.

Der Höhepunkt der Reformationsdekade war sicher der Kirchentag in Berlin und Wittenberg 2017. Und die Bücherberge, die im Luther-Gedenken, erzeugt wurden, sind beachtlich, aber inhaltlich kaum zu überblicken. Wer hat alle diese Bücher zum Reformator gelesen, ich kenne keinen. Wie lange werden sie noch in den Buchhandlungen präsent sein? Genauso wie ich in meinem Umfeld in Berlin niemanden kenne, der heute, Ende Oktober 2017, noch irgendein Wort über den Kirchentag verliert. Alles so fern, so vergessen, so teuer, so wirkungslos. Warum wohl? Weil die Veranstalter alles und jedes Thema „bearbeiteten“, anstatt sich auf eines zu konzentrieren: Etwa: Die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Frage nach einem Gott als dem Sinn dieses Lebens.

Mich erfasst, wie einige andere vielleicht auch, eine gewisse Trauer, man könnte sie auch Wut nennen: Gewiss, in der Reformationsdekade wurden praktisch alle irgendwie mit Luther und der Wittenberger Reformation zusammenhängenden Gebäude und Kirche aufwändig und kostspielig renoviert. Der Tourismus in den Ländern Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, ja sogar in Bayern und Brandenburg wird von diesen vielen Reformations / Luther Gedenkstätten noch Jahre profitieren. Der deutsche Staat ließ sich das 10 Jahre währende Luther Gedenken viel kosten, die Kirchensteuer Etats wurden auch geplündert. Aber was nützt es einer Religion, einer Kirche, wenn durch so viele Orte und Kirchen der Eindruck nur verstärkt wird: Religion und Kirche ist etwas Museales. Ohnehin besuchen Touristen heute Kathedralen und Kirchen und Klöster nur noch als museale, oft tatsächlich verstaubte Orte.

Die entscheidende Frage aber ist:

Hat sich irgendetwas ganz Wichtiges in den Köpfen der Menschen durch die Reformationsdekade eingeprägt?

Vielleicht wissen nun sehr viel mehr Leute etwas mehr über die immer wieder dokumentierten antisemitischen Tendenzen im Denken Luthers. Das war ein Lernerfolg in diesen Jahren! Oder man denkt sehr zurecht an Luthers tiefe Abneigung aller autonomen Philosophie.  Haben die interessierten Leute in diesen Jahren wirklich Genaueres über den großen Gegenspieler Luthers, also über Thomas Müntzer, erfahren? Ist die ganz andere Gestalt der Theologie bei Müntzer deutlich geworden? Etwa Müntzers Leidenschaft, ein soziales Evangelium zu verkünden und zu leben? Die aufs heftigste und brutalste Weise propagierte Abweisung Müntzers durch Luther ist meines Erachtens genauso gravierend wie Luthers nun allgemein, auch kirchlich zugegebene Judenfeindschaft. Dabei sind die Grenzen im apokalyptischen Denken Müntzers auch ganz klar. Er hat wie Luther die Bibel wortwörtlich, also fundamentalistisch, verstanden…Also: Luther hat Glanzvolles vollbracht, wie die Bibelübersetzung und die Abweisung des Papsttums und der verdorbenen Kurie.

Aber war Luther insgesamt eine heute rundherum glanzvolle, gar vorbildliche Gestalt? Sicher NICHT. Luther immer noch als Namensgeber einer weltweiten Kirchen zu haben, ist peinlich. Bis heute sind in vielen evangelischen und evangelikalen Kreisen autonome philosophische Reflexionen höchst unerwünscht. Diese christlichen Kreise befinden sich dann zurecht in einem kulturellen Getto. Oder es bleiben Erinnerungen an Luthers Frömmigkeit, die noch extrem von Augustins furchtbarer Gnadenlehre bestimmt war. Oder sie wissen, was diese Fixiertheit Luthers so ausschließlich auf den Römerbrief und Galaterbrief des Paulus für Schaden angerichtet hat für ein umfassendes Verständnis eines freien, selbstbewussten, selbstkritischen, auch vernunftgeprägten und tätigen Glaubens.

Aber dies sind alles schon wieder Spezialthemen für Spezialisten und einige treue Gemeindemitglieder.

Also: Was wurde versäumt in der Reformationsdekade?

1. Es wurde versäumt, dass sich die lutherische Kirche ab sofort verpflichtet, alles zu tun, damit sich diese Kirche nicht mehr “lutherisch” nennt. Dies wäre eine wahre Reformation heute gewesen. Denn diese auf eine theologisch sehr begrenzte und uns so weit entfernte Person bezogene Namensgebung einer doch weltweit agierenden Kirche ist schlicht ein Skandal. Und sicher ist heute in der weiten Ökumene die lutherische Kirche in dieser Namens-Fixiertheit eine Ausnahme! Die allermeisten Calvinisten haben auf ihren Titel „Calvinistische Kirche“ Gott sei Dank verzichtet und nennen sich treffend „Reformierte“. Was wäre dies für ein Ereignis gewesen zu sagen: Ab heute wollen wir uns nicht mehr Lutherische Kirche nennen. Sondern: „Nur noch“: „Evangelische Kirche“. Der protestantische Theologe Jörg Lauster hat in seinem Buch „Der ewige Protest“ diese Umbenennung der Lutherischen Kirche auch vorgeschlagen (S. 83).

Nur nebenbei: Diese Kritik an Luther schreibe ich nicht etwa, weil ich die römische Kirche verteidigen will…Zumal konservative römische Kirche erneut Grenzen ziehen zur Ökumene, wie kürzlich Kardinal Woelki, Köln, siehe dazu meinen Kommentar

2. Ein etwas bescheideneres Projekt wäre es, wenn die Landeskirchen und die EKD zweitens dafür sorgen können, dass endlich die unglaublich abstoßenden Namen von evangelischen Kirchengebäuden verschwinden: Also Schluss mit dem Titel „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche.“ Schluss mit dem Titel „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche.“ Was soll noch eine „König Luise Gedächtniskirche“? So wegweisend ist diese Dame heute ja nun auch nicht. Wenn man dann nicht noch mehr Bonhoeffer – und Friedens-Kirchen als Titel will: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, warum nicht “Oscar Romero Gedächtniskirche”? Warum nicht “Kirche des Dialogs”?

Was wäre diese Umbenennung von Kaiser Kirchen etc. für ein Ereignis, ein Symbol, gewesen? So etwas schreibt sich ein ins Gedächtnis der Menschen, auch der Nichtreligiösen. Diese Menschen wissen dann: Die Kirche wagt doch noch einen Sprung nach vorn. Unglaublich, dies wäre endlich mal ein kleines „Pfingsterlebnis“. Aber vor dem Wirken des freien Geistes haben alle Bürokraten Angst.

Und 3.: Die Evangelische Kirche hätte gut daran getan, sich von der Unmenge ihrer Dogmen zu befreien. Und das Kurze und Wesentliche des christlichen Glaubens für alle nachvollziehbar in Alltagssprache auszusagen. Damit will ich sagen: Es hätte der Reformationsdekade gut getan, sich endlich den Grundeinsichten der modernen liberalen Theologie anzuschließen. Und dabei zu plädieren, dass die göttliche Wirklichkeit unter so vielen Menschen so unterschiedlich lebt. Säkularisierung ist nicht total. Der Glaube lebt nur „woanders“. Nicht jeder, der sich Atheist, ist total gegen Gott. Er ist vielleicht zurecht nur gegen die Kirchenbürokratie und den Dogmenwahn, der so unglaublich vieles von Gott zu wissen vorgibt. ..

Und 4.: Man hätte gegenüber der römischen Kirche präziser, entschiedener, auftreten sollen: In aller Deutlichkeit hätten die Protestanten immer wieder betonen können: Wir als Protestanten laden selbstverständlich wenn schon nicht alle Menschen, so doch wirklich alle Christen, auch Katholiken, zum Abendmahl ein. Dieses muss man ständig sagen und praktizieren in der Anwesenheit von katholischen Bischöfen und Prälaten, sonst glauben sie es nicht. Und: Wir Protestanten laden Katholiken ein, in unseren protestantischen Gemeinden mit zu leben, mit zutun, mit zu feiern, vielleicht mit dem Status eines „Freundes der Protestanten. In Holland praktiziert eine protestantische Kirche diese Form der doppelten Mitgliedschaft als Freund, es sind die Remonstranten….So hätte man langsam die Mauern der Konfessionen etwas aufgelockert. Gerade in Ostdeutschland sind Christen eine absolute Minderheit: Da hätte man offiziell die wenigen Katholiken dort in die ebenfalls kleinen evangelischen Gemeinden als Mitglieder bzw. Freunde einladen können. Die dortigen katholischen Priester haben ohnehin keine Zeit mehr, die wenigen „katholischen Seelen“ dort zu „versorgen“.

Also: Insgesamt gesehen und ehrlich gesagt: Es war eine mutlose, keine geistvolle Reformations – Dekade des großen „Wurfes“. Man war trotz aller bekundeten Jubelsprüche doch verzagt, wagte sich nicht nach vorn. Es war eine Dekade ohne bleibenden Glanz. Ohne, sorry, “Highlights”, die sich dem langfristigen Gedächtnis einprägen. Mut ist keine Tugend der Christen mehr. Mut zum Neuen schon gar nicht. Zumindest das ist nicht im Sinne Luthers! Mut hatte der Luther ja zweifellos trotz aller seiner Ängste!

Und man hätte auch politisch werden müssen, selbst wenn Luther sich lieber an die Herrscher hielt: Und die Kirche hätte sagen sollen: Dass so viele Millionen Menschen heute weltweit im Dreck leben, ungebildet sind, unterdrückt sind, hungern und krepieren: Das ist die größte Sünde der Menschheit. Aber diese Sünde ist überwindbar, „ausrottbar“. Hören wir also auf, noch weitere Lutherbücher zu schreiben, hören wir auf, ewig über dieses ewige abstrakte Thema der Rechtfertigung der Sünder zu reden.

Christen sollten „wesentlich“ werden: Das heißt: Anfangen, tatsächlich, nicht nur durch Spenden, für eine gerechte Welt zu sorgen. Alle Gottesdienste am Sonntag verlieren ihre Bedeutung, so lange der wahre Gottesdienst der politisch sich ausdrückenden Solidarität nicht gelebt wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche soll nun Friedenskirche heißen.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 um 18 Uhr.

Der Gottesdienst am Abend des 20. Dezember hat es gezeigt: Pfarrer und Bischöfe unterschiedlicher Konfessionen, Imame und ein Rabbiner können gemeinsam und in der – durch diese Praxis bewiesenen – Anerkennung der Gleichwertigkeit eine religiöse Feier, eine im umfassenden Sinne ökumenische Feier, gestalten. Diese interreligiöse Gedenk-Stunde (mit protestantischer Dominanz) fand in der “Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche” statt. So wurde ansatzweise (wo waren die Vertreter der Konfessionsfreien, etwa der Humanisten, wo Buddhisten usw. ?) eine Ahnung von dem vermittelt, was die wahre “Berufung” dieser Kirche am Breitscheid-Platz ist, gerade jetzt, nach dem Terroranschlag des 19. Dezember 2016: Sie ist eine Friedens-Kirche, ein Friedens-Tempel für alle. Das heißt: Aus der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ wird nun die „Friedenskirche“. Sie erhält den neuen Titel “Friedenskirche”. Ein traditionsreiches Kirchengebäude verliert seinen unsäglichen Titel (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) und wird so förmlich „neu errichtet“.

So sehr die Menschen auch betroffen sind vom Terroranschlag auf die Besucher des Weihnachtsmarktes rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und so sehr sie leiden angesichts der Ermordung von mehr als 12 Personen und der zahlreichen schwer verletzten Opfer: Diese widerwärtige Tat eines – offenbar – total enthemmten religiösen Fundamentalisten darf nicht als Beginn eines „Kriegszustandes“ gedeutet werden. SPIEGEL ONLINE publizierte am 20.12. vormittags diese Einschätzung des Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Klaus Bouillon CDU (Saarland). Darin ist er wohl nicht weit entfernt von rechtsextremen Kreisen; sie schwadronieren angesichts des Anschlags, wie zu erwarten, von einer „Kriegserklärung“ „des“ Islam auf „das Abendland“. Auf die sinnlose Debatte, was denn überhaupt ein Krieg sein könnte, wenn eine Partei den Feind („einzelne versteckte Terroristen“) gar nicht genau greifen, definieren und finden kann, wollen wir uns gar nicht einlassen. Einen „Krieg“ gegen einzelne Terroristen(gruppen) in Europa kann es „per definitionem“ nicht geben.

Weiter führt die Erkenntnis: Diese unmenschliche Tat fand im Schatten einer weltweit bekannten Kirche statt. Sie hat immer noch, den Titel „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Offenbar ist der Name ihrer Kirche für die Gemeinde selbst und die Evangelische Kirche in Berlin insgesamt aber durchaus peinlich. Denn sie verwenden oft, etwas verschämt, nur noch den völlig nichts sagenden Titel „Gedächtniskirche“ oder gar nur die drei banalen Anfangsbuchstaben KWG.

Tatsächlich kann sich jeder etwas historisch Gebildete nur peinlich berührt fühlen, wenn er sich an den Titelgeber dieser berühmten Kirche tatsächlich erinnert und dann noch im Schatten dieser Person in diesem Gotteshaus singt und betet: Kaiser Wilhelm der Erste (geboren 1797, gestorben 1888) war nicht nur König von Preußen, sondern seit 1871 auch Deutscher Kaiser. Und er war ein begeisterter Kriegs-Herr und stolzer Sieger über den Erzfeind Frankreich im Jahr 1871. So verfügte Wilhelm II. als oberster Chef der evangelischen Kirche, dass eine neue Kirche in einem Zentrum Berlins, im „alten Westen“, zu Ehren Wilhelm I. gebaut werden sollte. Unbescheidenerweise fand die Grundsteinlegung an Wilhelm I. Geburtstag, also an einem 22. März des Jahres 1891 statt. Und noch pikanter: Für die Einweihung der prächtigen Kirche im neoromanischen Stil hatte Wilhelm II. den so genannten „Sedan-Tag“ gewünscht, also das deutsch-nationalistische Gedenken an die Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1871 in der Stadt Sedan. Militärische Siege, erkauft mit massenhaften Sterben von Soldaten und Zivilisten, sollten von vornherein den Glanz dieser Kirche verstärken. Sie ist also selbst noch mit dem banalen Titel „KWG“ architektonischer Ausdruck einer militaristischen, staatskonformen Theologie. Man möchte beinahe zynisch werden und sagen, Gott sei Dank wurde diese Kirche im 2. Weltkrieg zerstört. Denn mit ihr ging, symbolisch, die – eigentlich seit Luther – skandalöse Kirche-Staat-Einheit in die Trümmer. Aber ein Turm blieb ein bisschen erhalten und er wird als Ruine ständig weiter gepflegt. Der sehr gelungene Kirchenneubau durch den Architekten Egon Eiermann (die Einweihung fand am 17. Dezember 1961 statt) behielt aber wieder den Titel Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Dass die Gemeinde eigentlich den Frieden und nicht den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. verehren will, ist ansatzweise wenigstens schon jetzt offenkundig: Es wird die Zeichnung eine „Stalingrad-Madonna“ ausgestellt, sie erinnert an den Tod deutscher UND russischer Soldaten.

Nun ist aber angesichts der Terror-Attacke vom 19. Dezember 2016 der Moment gekommen, der Kirche insgesamt, auf dem zentralen Breitscheid-Platz, einen neuen Namen zu geben. Ein Symbol mit einem neuen Namen muss der Gewalt auf diesem Breitscheid-Platz widerstehen! Übrigens: Rudolf Breitscheid war als SPD Politiker Widerstandskämpfer, er ist im KZ Buchenwald ermordet worden. An diesem zentralen Platz in Berlin also, wo sich so viel Schrecken und Leiden am 19.Dezember ereignete, muss eine Kirche präsent sein, die zu Mord und Totschlag und Terror schon im Titel NEIN sagt: Und dies kann nur eine Kirche sein, die Friedens-Kirche heißt. Kaiser Wilhelm war Kriegs-Treiber. Also: Weg mit ihm aus der religiösen Erinnerung.

Seit dem 19. Dezember 2016 gibt es also keinen Grund mehr, sich in einem Gotteshaus an den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. zu erinnern. Dieser Herr und Kirchenfürst hat ausgedient; er darf nur noch historisch-kritisch studiert werden, er darf nicht länger mehr „Namenspatron“ einer Kirche sein.

In der Friedenskirche auf dem Breitscheid-Platz können dann weiter, wie schon am 20.12., interreligiöse Friedensgebete und Friedensfeiern und Friedensdiskussionen stattfinden, selbstverständlich auch mit jüdischen und islamischen Gemeinden oder auch mit buddhistisch-Frommen und den in Berlin so zahlreichen humanistisch Engagierten. Friede ist etwas Universales. Eine Friedenskirche darf nicht konfessionalistisch verengt sein.

Kaiser Wilhelm ist, Gott sei Dank, in seinem Sarg fest eingeschlossen. Sein Gespenst huscht nicht mehr durch die Kirche auf dem Breitscheid-Platz. Leben soll dort nur der Friede, der von allen Menschen gesucht wird. Diese neue Friedenskirche wird dann auch ein beliebtes Zentrum für Dialog und Toleranz werden.

Zudem: Der Verzicht auf den unsäglichen Kaiser-Wilhelm-Titel wäre ein toller Beitrag im Luther – und Reformationsgedenken 2017. Da würden die Stadt Berlin und die Menschen im ganzen Land spüren: Die evangelische Kirche bewegt sich etwas, sie denkt mit; sie setzt Zeichen des Lebens auch dadurch, dass sie sich – endlich – von historischen Schrott-Titeln trennt. Damit wäre im Reformationsgedenken 2017 ein Weg geöffnet, über viele andere unsägliche Namen evangelischer Kirchen nachzudenken: Was soll eine “Königin-Luise-Gedächtniskirche”? Was bedeuten so banale Namen wie “Auenkirche” oder “Kirche am Seggeluchbecken”, um nur weitere Titel aus Berlin zu nennen? Gibt es denn keine ökumenischen Vorbilder oder Heilige? Ist die Kirche an Vorbildern so arm?  Je mehr man allerdings “die Gedächtnis-Kirche” auch als banalen Titel so toll und wunderbar findet, wird die Gedankenlosigkeit nur befördert.

Copyright: Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.