Die Kaiser Wilhelm I. und II. und ihre Kirche in Berlin, „KWG“ genannt.

Die Evangelische Kirche in Berlin sollte auf den problematischen Titel ihres prominenten „Gotteshauses“ verzichten.

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Ich habe schon 2016 und dann noch einmal 2020 für die Umbennung der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche plädiert. Hier nun der wahrscheinlich letzte Hinweis zu dem Thema). Siehe also auch  LINK 

Die Umbennungen von Straßen etc. in Deutschland wegen des sexuellen Missbrauchs von Priestern ist in vollen Gange. Warum dann nicht auch endlich einem Gotteshaus einen Namen geben ohne Verbindungen zu rassistischen, kolonialistischen und antirepublikaischen Herrschern? LINK

1. Die neue, große Studie von Stephan Malinowski, „Die Hohenzollern und die Nazis. Geschichte einer Kollaboration“, (Propyläen-Verlag Berlin 2021, 752 Seiten) führt erneut zum Thema „Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ in Berlin. Und diese Forderung wird gleichzeitig heftig unterstützt durch die deutliche Bindung der Kaiser Wilhelm I. und II. an den Kolonialismus. Will sich die Kirche wirklich an kolonialistische Herrscher und antirepublikanische Kaiser auf Dauer binden? Das ist die Frage. Und man bedenke: Wenn die Verbrechen des Kolonialismus, des Antisemitismus und des Antirepublikanismus durch deutsche Könige/Kaiser erkannt sind, dann muss man sich die Mühe machen, auch Kirchen umzubenennen, das gilt auch für Straßen und Plätze, man denke an die 67 „Hindenburg Straßen“ in Deutschland.

2.Diese „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“, eine Mischung aus Denkmal/Ruine und erstaunlichem Gebäude (eingeweiht 1961, Architekt Egon Eiermann), wird auch kirchlicherseits „schamhaft“ und verlogen oft nur „KWG“ genannt oder, vielleicht angesichts der allgemeinen historischen Vergesslichkeit der Kirchen, nur kurz als „Gedächtniskirche“ bezeichnet. Eine Aufforderung förmlich, das kritische Gedenken zu pflegen. In diesem Hinweis bewahren wir es.

3. Die heftige Debatte über den Kolonialismus der Deutschen, seit König/Kaiser Wilhelm I. , erinnert insgesamt an die rassistisch geprägte Zeit der Herrschaft der Hohenzollern. Diese Debatte wird nicht zur Ruhe kommen, zumal angesichts der Exponate im „Humboldt-Forum“ im wieder aufgebauten Schloss in Berlin, direkt, in theologisch-politischer Eintracht, neben dem monumentalen „Berliner Dom“.

Die postkolonialen Studien werden langfristig die Mentalität der Deutschen zur Wahrheit verändern und in absehbarer Zeit auch zur Umbenennung der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche führen.

4. Aber: Noch ist es leider so, dass die zentrale Kirche in West-Berlin, am Ende des Kurfürsten-Damms, „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ heißt. Die Evangelische Kirche in Berlin/Brandenburg schämt sich nicht, immer noch an diesem abstoßenden und theologisch allmählich unsinnigen Titel für ein GOTTES-Hauses festzuhalten. Sie ist sich wahrscheinlich ihrer Engstirnigkeit und Verkrampfung bewusst und nennt dieses zentrale Kirchengebäude nur noch mit drei Buchstaben KWG, und dies klingt so ähnlich wie AOK, KFZ oder BVG oder XYZ. Manchmal nennt die Kirche dieses Gotteshaus auch noch „Gedächtniskirche“, offenbar allen gewidmet, die mit dem Gedächtnis oder mit dem Gedenken starke Probleme haben…An die unselige enge Verquickung von preußischem Königtum und evangelischer Kirche kann man auch denken, ohne dass diese Kirche im Titel Kaiser Wilhelm führt.

5. Die Neutralisierung des offiziellen Titels „Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche“ zu KWG ist Ausdruck der Angst der Kirchenführung und ihrer Charlottenburger KWG-Gemeinde: Sie haben vielleicht Angst vor der bekannten Prozessfreudigkeit des Hauses Hohenzollern („man stiehlt uns unser Gotteshaus“) und Angst vor dem Protest der Springerpresse und ihrer vielen alten, aber kirchengebundenen LeserInnen in Berlin: „Wie kann die Kirchenführung nur diesen ehrwürdigen und sooo beliebten Namen aufgeben wollen?“ Wahrscheinlich hat die Kirchenführung Angst vor Kirchenaustritten wohlhabender Protestanten…

6. Tatsache ist und das belegt auch die neue Studie von Stephan Malinowski: König / Kaiser Wilhelm I. (1861-1888) war ein nationalistischer Kriegsherr, er war ein Förderer des Kolonialismus (Siehe Kongo-Konferenz 1884-85). Dadurch wurde Deutschland zum drittgrößten Kolonialreich der Welt. „Zur Sicherung der wirtschaftlichen Rentabilität der Kolonien wurde auf ein System der Zwangsarbeit zurückgegriffen. Widerstand wurde brutal unterdrückt, wovon neben dem Völkermord an den Herero und Nama auch die Niederschlagung des Maji-Maji-Aufstandes (1904-1908) in Deutsch -Ostafrika mit geschätzten 300.000 Opfern zeugt“. (Prof. Sebastian Pittl, Tübingen, in „Stimmen der zeit 2020, Seite 908f.).

7. Bei dem Titel Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche denken viele BesucherInnen, nachweislich durch spontane Umfragen, auch an Kaiser Wilhelm II. Tatsache ist ja, dass der Titel dieses Gotteshaus im Rahmen der bekannten protestantischen Verquickung mit dem Kaiserhaus zunächst Kaiser Wilhelm I. meinte…Aber welcher Tourist, welcher Berliner kennt dieses Detail, zumal Kaiser Wilhelm II. diese Kirche unbedingt bauen und einweihen wollte. Man denkt also immer auch an Kaiser Wilhelm II., dann kommt die erschütternde Erkenntnis:  Dieser Kaiser Wilhelm II. war ein Anti-Republikaner und ein Antisemit., auch das zeigt die Studie von Prof. Stephan Malinowski. Ihm geht es nicht nur um die erwiesene Kollaboration der Hohenzollern mit den Nazis, sondern um deren Antirepublikanismus. Der Ex-Kaiser Wilhelm II. ließ bekanntlich den Sekt in Strömen fließen, als er von der Ermordung des demokratischen, auf Frieden hin orientierten Politikers Matthias Erzberger erfuhr.

8. Es wird Zeit also Zeit, dass sich in Berlin eine breite Bewegung der Bürger bildet, um die Abschaffung des Namens Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche durchzusetzen. Und das wird angesichts der bestehenden Mentalitäten nicht einfach… Aber das wäre ein treffender Abschied von der für üblich gehaltenen Unkultur einer Nähe von Kirche und Staat, von Kirche und Hohenzollern, von Kirche und antirepublikanischem, antisemitischem Denken und Handeln.

Weil der Name „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche“ ohnehin obsolet geworden ist durch die offiziell gern verwendeten Kürzel KWG oder Gedächtniskirche, ist nun die Zeit gekommen, diesem Gebäude einen treffenden, einen tatsächlich für ein kirchliches Gebäude eben spirituellen und religiösen Namen zu geben. Die Debatte über den neuen Namen dieses schönen, neu gebauten Gotteshauses sollte also beginnen. Es wäre ein Zeichen von Selbstkritik, wenn sich die Kirchenleitung für die Umbenennung einsetzt. Aber, meine Skepsis bleibt: Entsprechende frühere Beiträge zu diesem Thema wurden kirchlicherseits ignoriert. Man glaubte, es nicht nötig zu haben, überhaupt darauf zu reagieren. Diese Ignoranz ist vorbei, angesichts der nicht mehr zu stoppenden Debatten über das kolonialistische Erbe Deutschlands und der Kirchen in Deutschland.

9. Ein neuer Name für die Kirche am Breitscheidplatz in Berlin (ehem. KWG) wäre ein Akt der Befreiung, ein Eingeständnis schuldhafter Verquickung der Kirche mit einem Regime, das definitiv vorbei ist.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche soll nun Friedenskirche heißen.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 um 18 Uhr.
Siehe auch einen aktuellen Beitrag vom 12.6.2020: LINK

Der Gottesdienst am Abend des 20. Dezember 2016 hat es gezeigt: Pfarrer und Bischöfe unterschiedlicher Konfessionen, Imame und ein Rabbiner können gemeinsam und in der – durch diese Praxis bewiesenen – Anerkennung der Gleichwertigkeit eine religiöse Feier, eine im umfassenden Sinne ökumenische Feier gestalten. Diese interreligiöse Gedenk-Stunde (mit protestantischer Dominanz) fand in der “Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche” statt. So wurde ansatzweise (wo waren die Vertreter der Konfessionsfreien, etwa der Humanisten, wo Buddhisten usw. ?) eine Ahnung von dem vermittelt, was die wahre “Berufung” dieser Kirche am Breitscheid-Platz ist, gerade jetzt, nach dem Terroranschlag des 19. Dezember 2016: Sie ist eine Friedens-Kirche, sie sollte ein Friedens-Tempel für alle werden. Das heißt: Aus der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ wird nun die „Friedenskirche“. Sie erhält den neuen Titel “Friedenskirche”. Ein traditionsreiches Kirchengebäude verliert seinen unsäglichen Titel (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) und wird so förmlich „neu errichtet“.

So sehr die Menschen auch betroffen sind vom Terroranschlag auf die Besucher des Weihnachtsmarktes rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und so sehr sie leiden angesichts der Ermordung von mehr als 12 Personen und der zahlreichen schwer verletzten Opfer: Diese widerwärtige Tat eines – offenbar – total enthemmten religiösen Fundamentalisten darf nicht als Beginn eines „Kriegszustandes“ gedeutet werden. SPIEGEL ONLINE publizierte am 20.12. vormittags diese Einschätzung des Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Klaus Bouillon CDU (Saarland). Darin ist er wohl nicht weit entfernt von rechtsextremen Kreisen; sie schwadronieren angesichts des Anschlags, wie zu erwarten, von einer „Kriegserklärung“ „des“ Islam auf „das Abendland“. Auf die sinnlose Debatte, was denn überhaupt ein Krieg sein könnte, wenn eine Partei den Feind („einzelne versteckte Terroristen“) gar nicht genau greifen, definieren und finden kann, wollen wir uns gar nicht einlassen. Einen „Krieg“ gegen einzelne Terroristen(gruppen) in Europa kann es „per definitionem“ nicht geben.

Weiter führt die Erkenntnis: Diese unmenschliche Tat fand im Schatten einer weltweit bekannten Kirche statt. Sie hat immer noch den Titel „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Offenbar ist der Name ihrer Kirche für die Gemeinde selbst und die Evangelische Kirche in Berlin insgesamt aber durchaus peinlich. Denn sie verwenden oft, etwas verschämt, nur noch den völlig nichts sagenden Titel „Gedächtniskirche“ oder gar nur die drei banalen Anfangsbuchstaben KWG.

Tatsächlich kann sich jeder etwas historisch Gebildete nur peinlich berührt fühlen, wenn er sich an den Titelgeber dieser berühmten Kirche tatsächlich erinnert.Und dann noch sozusagen im Schatten, der stillen Anwesenheit, dieser Person in diesem Gotteshaus singt und betet: Kaiser Wilhelm der Erste (geboren 1797, gestorben 1888) war nicht nur König von Preußen, sondern seit 1871 auch Deutscher Kaiser. Und er war ein begeisterter Kriegs-Herr und stolzer Sieger über den Erzfeind Frankreich im Jahr 1871. So verfügte Wilhelm II. als oberster Chef der evangelischen Kirche, dass eine neue Kirche in einem Zentrum Berlins, im „alten Westen“, zu Ehren Wilhelm I. gebaut werden sollte. Unbescheidenerweise fand die Grundsteinlegung an Wilhelm I. Geburtstag, also an einem 22. März des Jahres 1891 statt. Und noch pikanter: Für die Einweihung der prächtigen Kirche im neoromanischen Stil hatte Wilhelm II. den so genannten „Sedan-Tag“ gewünscht, also das deutsch-nationalistische Gedenken an die Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1871 in der Stadt Sedan. Militärische Siege, erkauft mit massenhaften Sterben von Soldaten und Zivilisten, sollten von vornherein den Glanz dieser Kirche verstärken. Sie ist also selbst noch mit dem banalen Titel „KWG“ architektonischer Ausdruck einer militaristischen, staatskonformen Theologie. Man möchte beinahe zynisch werden und sagen, Gott sei Dank wurde diese Kirche im 2. Weltkrieg zerstört. Denn mit ihr ging, symbolisch, die – eigentlich seit Luther – skandalöse Kirche-Staat-Einheit in die Trümmer. Aber ein Turm blieb ein bisschen erhalten und er wird als Ruine ständig weiter gepflegt. Der sehr gelungene Kirchenneubau durch den Architekten Egon Eiermann (die Einweihung fand am 17. Dezember 1961 statt) behielt aber wieder den Titel Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Dass die Gemeinde eigentlich den Frieden und nicht den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. verehren will, ist ansatzweise wenigstens schon jetzt offenkundig: Es wird die Zeichnung eine „Stalingrad-Madonna“ ausgestellt, sie erinnert an den Tod deutscher UND russischer Soldaten.

Nun ist aber angesichts der Terror-Attacke vom 19. Dezember 2016 der Moment gekommen, der Kirche insgesamt, auf dem zentralen Breitscheid-Platz, einen neuen Namen zu geben. Ein Symbol mit einem neuen Namen muss der Gewalt auf diesem Breitscheid-Platz widerstehen! Übrigens: Rudolf Breitscheid war als SPD Politiker Widerstandskämpfer, er ist im KZ Buchenwald ermordet worden. An diesem zentralen Platz in Berlin also, wo sich so viel Schrecken und Leiden am 19.Dezember ereignete, muss eine Kirche präsent sein, die zu Mord und Totschlag und Terror schon im Titel NEIN sagt: Und dies kann nur eine Kirche sein, die Friedens-Kirche heißt. Kaiser Wilhelm war Kriegs-Treiber. Also: Weg mit ihm aus der religiösen Erinnerung.

Seit dem 19. Dezember 2016 gibt es also keinen Grund mehr, sich in einem Gotteshaus an den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. zu erinnern. Dieser Herr und Kirchenfürst hat ausgedient; er darf nur noch historisch-kritisch studiert werden, er darf nicht länger mehr „Namenspatron“ einer Kirche sein.

In der Friedenskirche auf dem Breitscheid-Platz können dann weiter, wie schon am 20.12., interreligiöse Friedensgebete und Friedensfeiern und Friedensdiskussionen stattfinden, selbstverständlich auch mit jüdischen und islamischen Gemeinden oder auch mit buddhistisch-Frommen und den in Berlin so zahlreichen humanistisch Engagierten. Friede ist etwas Universales. Eine Friedenskirche darf nicht konfessionalistisch verengt sein.

Kaiser Wilhelm ist, Gott sei Dank, in seinem Sarg fest eingeschlossen. Sein Gespenst huscht nicht mehr durch die Kirche auf dem Breitscheid-Platz. Leben soll dort nur der Friede, der von allen Menschen gesucht wird. Diese neue Friedenskirche wird dann auch ein beliebtes Zentrum für Dialog und Toleranz werden.

Zudem: Der Verzicht auf den unsäglichen Kaiser-Wilhelm-Titel wäre ein toller Beitrag im Luther – und Reformationsgedenken 2017. Da würden die Stadt Berlin und die Menschen im ganzen Land spüren: Die evangelische Kirche bewegt sich etwas, sie denkt mit; sie setzt Zeichen des Lebens auch dadurch, dass sie sich – endlich – von historischen Schrott-Titeln trennt. Damit wäre im Reformationsgedenken 2017 ein Weg geöffnet, über viele andere unsägliche Namen evangelischer Kirchen nachzudenken: Was soll eine “Königin-Luise-Gedächtniskirche”? Was bedeuten so banale Namen wie “Auenkirche” oder “Kirche am Seggeluchbecken”, um nur weitere Titel aus Berlin zu nennen? Gibt es denn keine ökumenischen Vorbilder oder Heilige? Ist die Kirche an Vorbildern so arm?  Je mehr man allerdings “die Gedächtnis-Kirche” auch als banalen Titel so toll und wunderbar findet, wird die Gedankenlosigkeit nur befördert.

Copyright: Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin.