„Verteidiger des Glaubens“: Warum der Film von Christoph Röhl über Papst Benedikt XVI. erschüttert, ins Denken führt … und befreit.

Dies ist ein am 8.11.2019 leicht gekürzter Beitrag vom 1.11.2019
Von Christian Modehn
Als „Vorwort“: Über die politische und theologische „Rechtslastigkeit“ Ratzingers bzw. Benedikt XVI. habe ich 2009 einen gut dokumentierten Beitrag verfasst: Für das Buch „Rolle rückwärts mit Benedikt“ (hg. von Norbert Sommer und Thomas Seitereich, PUBLIK FORUM VERLAG). Dieser Beitrag ist nach wie vor aktuell und gültig. Klicken Sie hier.

1.
In dem Film von Christoph Röhl über wesentliche Aspekte des Pontifikats Papst Benedikt des Sechszehnten werden ausführlich die Verbrechen des Gründers der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“, des Mexikaners Pater Marcial Maciel, dokumentiert. Während einer Diskussion nach der Preview des Films im „Filmtheater am Friedrichshain“ (am 30.10. 2019 um 19.00 Uhr) stellte der für diese Veranstaltung verantwortliche (!) Direktor der Katholischen Akademie Berlin, Joachim Hake, die treffende Frage: „Haben Sie, Herr Röhl, die Legionäre Christi und die Untaten des Ordensgründers Pater Marcial Maciel nicht noch viel zu harmlos dargestellt?“
Darauf antwortete der Regisseur Christoph Röhl: „Sie haben recht! Was ich in dem Film zeige von Marcial Maciel und den Legionären Christi, ist nur die Spitze eines Eisberges. Es gäbe sehr viel mehr noch zu sagen“.
Wohl wahr! Leider kann ein Film von nur 90 Minuten Länge nicht „alles“ über diese internationale Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi sagen, die zudem noch unterstützt wird von einer breiten internationalen Laiengemeinschaft, dem „Regnum Christi“, mit ca. 60.000 Mitgliedern. Dieses „Reich Christi“ ist übrigens auch in Berlin (Steglitz-Zehlendorf) vertreten und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Priester der Legionäre Christi in der Hauptstadt niederlassen…
Warum wird nur „die Spitze eines Eisberges“ im Fall der Legionäre Christi deutlich in dem nun einmal zeitlich begrenzten Film? Weil nicht gezeigt werden kann, dass auch heute noch Legionäre Christi des sexuellen Missbrauchs überführt werden. Weil nicht gezeigt werden kann, welche enormen finanziellen Reichtümer der Orden heute (woher auch immer!) noch hat. Der Orden stinkt förmlich vor Geld, das habe ich in meinen Beiträgen auf dieser website schon nachgewiesen. Deswegen ist der Orden im Vatikan immer noch so beliebt! Papst Benedikt XVI. hätte den Orden doch auch nach der Freilegung der Verbrechen Maciels verbieten können. Dies tat er aber nicht! Aus guten Gründen: Denn der Orden war bestens vernetzt in der Hierarchie, im Vatikan usw. Nebenbei: Schon einmal hat ein Papst einen Orden wegen pädophiler Untaten innerhalb dieser Gemeinschaft für längere Zeit aufgelöst, d.h. verboten, darüber habe ich 2013 auf dieser website berichtet. Es handelt sich um den Orden der Piaristen bzw. Schulpriester, das Verbot des Ordens wurde 1647 ausgesprochen…Etliche Jahre danach war der Piaristen Orden wieder zugelassen…
Es kann in dem Film von Christoph Röhl leider auch nicht gezeigt werden, welchen Einfluss der Legionärs-Orden und das „Regnum Christi“ in Mexiko heute noch hat oder Spanien und vielen lateinamerikanischen Ländern, mit der Unterstützung vieler Bischöfe!
Es ist das klerikale System, das diesen merkwürdigen und verlogenen Orden „Legionäre Christi“ noch weiter bestehen lässt, trotz aller Verbrechen ihres Gründers Marcial Maciel. Bekanntlich haben die „Legionäre“ nach dem scharfen, aber juristisch harmlosen Urteil Papst Benedikt XVI. alle Bilder ihres bis dahin so hoch verehrten Gründers Maciel aus ihren Häusern entfernt. Ich habe das damals verglichen mit dem Abhängen der Stalin –Bilder in kommunistischen Häusern nach der Entstalinisierung…. Warum also sind die „Legionäre Christi““ immer noch in konservativen Kreisen so beliebt, Halten Exerzitien, Jugendlager, predigen, betteln um Spenden (auch dies tun Millionäre), halten Vorträge und machen Ra­dio­sen­dungen in katholischen Radios? Weil dieser Orden viele gehorsame, konservative Priester bis heute zur Verfügung stellt. Nichts ist wichtiger in dem klerikalen System des Vatikans, als Priester zu „haben“. Es ist bezeichnend für die Theologie der Legionäre Christi, dass an deren römischer Universität „Regina Angelorum“ oft bestens besuchte Kurse für Exorzisten stattfinden und internationale Tagungen über den Teufel.
2.
Wahrscheinlich wird nur ein Spiel-Dokumentar-Film dem ganzen Wahngebilde dieses Ordens gerecht werden: Man müsste in Mexiko drehen, wo Maciel schon als 18 jähriger Theologiestudent Knaben um sich scharte…Und in Spanien müsste man drehen, im Vatikan, man hätte hübsche Szenen, wie die jungen Legionäre Christi mit vollen Körben Weihnachtsgeschenke, teuren spanischen Wein und besten Schweine-Schinken, den „armen“ Kardinälen in deren Wohnungen schleppen und Geldbriefchen dabei haben… Ganz abgesehen von eher pornografischen Szenen des Umgangs des Hochwürdigen Paters Maciel mit Knaben oder seine plötzliche Gier nach dem anderen Geschlecht, um diese reichen Damen zu beschwatzen, doch ihm bitte viel Geld zu schenken… um mit ihnen auch Kinder zu haben, und um ein totales (krankhaftes ?) Doppelleben zu führen: Wäre das nicht der nächste Film für Christoph Röhl? Und man müsste nicht auch über das „theologische“ Hauptwerk Pater Maciels sprechen mit dem schauderhaften Titel „Christus ist mein Leben“, auf die Biografie dieses auch von Papst Benedikt XVI. Verbrecher genannten Paters bezogen ist dieser Titel eine Unverschämtheit. Ein Witz! Das Buch erschien auf Deutsch noch im Jahr 2005, als Übersetzung aus dem Spanischen 2003. Auf Seite 205 betont Pater Maciel: „Das Ordensleben ist eine Antwort auf die Berufung, stärker und besser zu lieben als in dieser Wel, mit einer reineren, vollendeteren und schöneren Liebe“. Pater Maciel also als Vorbild der „schönen Liebe“. So sah ihn auch sein enger Freund, der polnische Papst Johannes Paul II., er lobte Maciel auf dem Peters-Platz öffentlich als „Vorbild der Jugend“. Zu dem Zeitpunkt lagen die ersten Missbrauchs Beschwerden zu Maciel bereits dem Vatikan vor. Was für ein Wahn bestimmt diese Kreise! Wie krank ist das alles…
3.
Wer aus den etablierten klerikalen Kreisen den Film „Verteidiger des Glaubens“ jetzt so heftig verurteilt, allen voran Herr Gänswein, sieht nicht, mit welcher entschiedenen Bravour Kardinal Ratzinger/Benedikt XVI. alles Reaktionäre und Verlogene in der katholischen Kirche unterstützt(e), bloß weil man sich nach außen hin fromm und „orthodox“ gab. Viele Theologen in Frankreich sprachen mir gegenüber immer nur vom „Panzerkardinal“ Ratzinger. Wie viele hoch begabte Theologen af der ganzen Welt hat er mundtot gemacht und persönlich geschädigt. Lang ist die Liste! Ratzinger ist die „Eminenz“ und seine „Heiligkeit“, die niemals lachte. Er fühlte sich nur wohl in reaktionären Gruppen, die seinen Kindheitstraum erfüllten, den Traum von einer treuen, gehorsamen, ergebenen, unkritischen Kirche in barocker Pracht…
4.
Nochmal im Klartext: Ratzinger bzw. Benedikt XVI. haben den Katholizismus intellektuell noch einmal um Jahrzehnte zurückgeworfen, Ratzingers/ Benedikt XVI. Bücher sind frei von zustimmender Auseinandersetzung mit der Aufklärung und der Moderne. Dies gilt trotz vieler Schriften, die nur in konservativen Kreisen gelobt wurden. Ratzinger ist und bleibt ein „Augustinist“, d.h. ein von Angst und Abwehr der menschlichen Autonomie und Freiheit geprägter Theologe. Bezeichnenderweise lag ihm alles daran, die offizielle römische Kirche mit der reaktionäre Abspaltung der Traditionalisten zu versöhnen, dafür tat er alles, etwa im Falle des Benediktiner Klosters Le Barroux, Avignon, einem bekannten Nest der Rechtsextremen (Le Pen)…Wie gern hielt er sich dort auf und feierte dort die Messe im alten Stil…Linke Theologen wurden von Ratzinger/Benedikt stets verurteilt…und verfolgt, wie die meisten Befreiungstheologen.
5.
Und jetzt? Lebt der pensionierte Papst Benedikt XVI. wirklich schweigsam und zurückgezogen? Die Bilder im Film von seinem Abflug aus dem Vatikan Richtung Castel Gandolfo (2013) suggerieren das ja. Aber Nein! Der EXPapst beobachtet alles im Vatikan selbst und nicht in Castel Gandolfo genau, vor allem dank der Informationen seines Getreuen, des Privatsekretärs Erzbischofs Gänswein. Ihn hat Papst Franziskus ebenfalls zu einem seiner Sekretäre ernannt, offenbar um eine versöhnliche Geste gegenüber Benedikt XVI. zu leisten? Aber dieser pensionierte EX-Papst ist kein zurückgezogener, nur dem stillen Gebet verpflichteter EX-Papst: Er sammelt seine Leute, seine Kardinäle, Brandmüller, Sarah, Müller usw. und empfängt treu ergebene Pilger und Theologen. Er hat seinen „Schülerkreis“, mit dem er sich regelmäßig trifft…(Ob Prof. Beinert nun noch dazu gehören darf?) Und der Ex-Papst schreibt Bücher und Aufsätze und polemisiert weiter, und macht seinem Nachbarn im Vatikan, Papst Franziskus, auf seine angeblich stille Weise das Leben schwer. Ist Benedikt XVI. eine Art Gegenpapst? Vielleicht, das wagt nur niemand zu sagen. Und vielleicht muss der ja ebenfalls alte Papst Franziskus alles daran setzen, um seinen Vorgänger zu überleben… Was wären zwei pensionierte greise Päpste im Vatikan?
Diese jetzige Doppelung der Päpste zeigt einmal mehr, dass die römisch-katholische Kirche längst nicht nur zerrissen, sondern gespalten ist. Wäre das Auseinanderbrechen dieser Kirche wirklich nur „Unheil“, wie etliche Theologen sagen. Ich meine nicht. Es wäre eine Befreiung! Aber dies ist ein anderes, leider viel zu selten diskutiertes Thema.
6.
Was ist die Erkenntnis, die sich förmlich aufdrängt, wenn man den Film „Verteidiger des Glaubens“ gesehen hat: Dieser Verteidiger Benedikt/Ratzinger hat den Katholizismus in eine enge Burg der Selbstverteidigung, des Gettos, eingeschlossen. Wer darin ist, kommt kaum nicht mehr in die lebendige Weite! „Mitarbeiter der Wahrheit“ war ja Ratzingers Wahlspruch als Kardinal in München. Gemeint ist die EINE und EINZIGE Wahrheit, die selbstredend nur er, der Theologe Ratzinger, kennt und verteidigt und einmauert. In diesen wehrhaften Mauern des Vatikans lässt es sich nur für greise Ideologen leben.
Zusammenfassend: Der Verteidiger des Glaubens, Joseph Ratzinger, hat den Katholizismus – wie schon viele andere Päpste vor ihm- ruiniert und den Geist des 2. Vatikanischen Konzils getötet. Man sieht die Resultate seiner Allmacht: In Europa und Amerika findet sich kaum noch ein kritischer nachdenklicher Mensch (unter 60 Jahren), der diesen Katholizismus als ideologisches, klerikales Institut im Ernst noch unterstützt.
7.
Die römische Kirche ist de facto dabei in Europa zu verschwinden, d.h.irrelevant zu werden. Der „Exodus“ junger und nachdenklicher Katholiken aus der Kirche ist enorm. Ist das so schlimm? Eher nicht! Ein Teilnehmer an der genannten Preview im Kino „Filmtheater am Friedrichshain“, ein katholischer Pfarrer und Kunstkenner aus Neukölln, sagte sehr richtig und sehr treffend etwa diese Worte: „Nicht diese Kirche als Kirche ist wichtig, sondern allein der eigene, der persönliche Glaube, also die eigene Gottverbundenheit des einzelnen, seine Sehnsucht, den Spuren Jesu von Nazareth auf eigene Weise zu folgen“. Wie recht dieser katholische Pfarrer aus Berlin-Neukölln hat! Solches hört man in Berlin vom katholischen Klerus selten. Dies ist die Grundlage jeder modernen liberalen protestantischen Theologie. Die der Vatikan verteufelt.
8. Das Wesentliche:
Die Freiheit des spirituellen Lebens heute ist woanders! Nicht in Rom, nicht im Vatikan.
Auch der barmherzige, Freiheit stiftende Gott der Bibel ist längst „woanders“, wenn man das so sagen darf. Und der arme Jesus von Nazareth ist sowieso immer schon „woanders“, außerhalb der verblendeten klerikalen Macht. Der Vatikan war wohl noch nie eine Heimat für Jesus von Nazareth. Wie sollte das sein im Zentrum der Macht, der Rechthaberei, der „Pharisäer“….
9. Dass Christoph Röhl den Zuschauern dafür die Augen öffnet: Dafür gebührt ihm großer Dank!
Christoph Röhl hat ein Meisterwerk geschaffen, hoffentlich findet es internationale Verbreitung, vor allem eine italienische und polnische Fassung.
Christoph Röhls Film wird einmal Geschichte machen, hoffe ich. Er steht in der guten und wahren Tradition der Aufklärung. Voltaire würde sich freuen.

P.S.
Es gibt bekanntlich die Google- Rubrik „Fotos zu Personen“: Darin können anonym Fotos eingefügt werden. Auf diese Einfügung hat der Betroffene keinen Einfluss.
So auch „Fotos zu Christoph Röhl“. Ein Foto fällt auf: Es zeigt den ausnahmsweise weltlich gekleideten Erzbischof Georg Gänswein, fröhlich lächelnd, und an seiner Seite: David Berger, einst in Berlin schwuler Aktivist, als solcher damals erklärter Kirchenfeind. Dann aber reumütig in den Schoß von „Mutter Kirche“ zurückgekehrt und dann gleich für einige Monate auch Mitarbeiter der AFD-Stiftung (zusammen mit dem Dominikanerpater Wolfgang Ockenfels). David Berger polemisiert auf seiner Website philosophia-perennis.com in einer reaktionären politischen und theologischen Position.
Das genannte Foto Gänswein-Berger wurde offenbar in der Metro in Rom aufgenommen. Dieses Foto wurde von mir aufgerufen am 1.11. 2019 um 19.05). Der Untertitel zu dem genannten Foto ist: „Gänswein: Benedikt-Film von Röhl ist eine miserable Mache, ein…“
Inzwischen (12.11.2019) wird, wie zu erwarten, der Film von Christoph Röhl von sehr konservativen katholischen Kreisen nicht nur kritisiert, sondern attackiert, etwa in kath.net nachzulesen.
Siehe:
https://www.google.com/search?sa=N&q=Christoph+R%C3%B6hl&tbm=isch&source=univ&client=firefox-b-ab&ved=2ahUKEwjVz77czsnlAhURjqQKHWbpB-c4ChCwBHoECAgQAQ&biw=1920&bih=1014#imgrc=mz6eKvLjn7BpRM:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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