„Verteidiger Glaubens“: Warum der Film von Christoph Röhl über Papst Benedikt XVI. erschüttert, ins Denken führt … und befreit.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In dem Film von Christoph Röhl über wesentliche Aspekte des Pontifikats Papst Benedikt des Sechszehnten werden ausführlich die Verbrechen des Gründers der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“, des Mexikaners Pater Marcial Maciel, dokumentiert. Bei einer Diskussion nach der Preview des Films im „Filmtheater am Friedrichshain“ (am 30.10. 2019 um 19.00 Uhr) stellte der für diese Veranstaltung verantwortliche Direktor der Katholischen Akademie Berlin, Joachim Hake, die treffende Frage: „Haben Sie, Herr Röhl, die Legionäre Christi und die Untaten des Ordensgründers Pater Marcial Maciel nicht noch viel zu harmlos dargestellt?“
Darauf antwortete der Regisseur Christoph Röhl: „Sie haben recht! Was ich in dem Film zeige von Marcial Maciel und den Legionären Christi, ist nur die Spitze eines Eisberges. Es gäbe sehr viel mehr noch zu sagen“.
Wohl wahr! Leider kann ein Film von 90 Minuten Länge nicht „alles“ über diese Ordensgemeinschaft der Legionäre Christi sagen, die zudem noch unterstützt wird von einer breiten internationalen Laiengemeinschaft, dem „Regnum Christi“, mit ca. 60.000 Mitgliedern. Dieses „Reich Christi“ ist übrigens auch in Berlin (Steglitz-Zehlendorf) vertreten und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sich auch die Priester der Legionäre Christi in der Hauptstadt niederlassen…
Warum wird nur die Spitze eines Eisberges im Fall der Legionäre Christi deutlich in dem nun einmal zeitlich begrenzten Film? Weil nicht gezeigt werden kann, dass auch heute noch Legionäre Christi des sexuellen Missbrauchs überführt werden. Weil nicht gezeigt werden kann, welche enormen finanziellen Reichtümer der Orden heute (woher auch immer!) noch hat. Der Orden stinkt förmlich vor Geld, das habe ich in meinen Beiträgen auf dieser website nachgewiesen; vielleicht ist er deswegen dem Vatikan immer noch so beliebt! Papst Benedikt XVI. hätte den Orden nach der Freilegung der Verbrechen Maciels verbieten können. Dies tat er aber nicht!
Es kann in dem Film leider auch nicht gezeigt werden, welchen Einfluss der Orden und das „Regnum Christi“ in Mexiko noch hat oder Spanien und vielen lateinamerikanischen Ländern, mit der Unterstützung so vieler Bischöfe!
Es ist das klerikale System, das diesen merkwürdigen und verlogenen Orden noch weiter bestehen lässt, trotz aller Verbrechen ihres Gründers Marcial Maciel. Warum? Weil dieser Orden viele gehorsame, konservative Priester bis heute zur Verfügung stellt. Nichts ist wichtiger in dem klerikalen System des Vatikans, als Priester zu „haben“.
2.
Wahrscheinlich wird nur ein Spiel-Dokumentar-Film dem ganzen Wahngebilde dieses Ordens gerecht werden: Man müsste in Mexiko drehen, wo Maciel schon als 18 jähriger Theologiestudent Knaben um sich scharte…Und in Spanien müsste man drehen, im Vatikan, man hätte hübsche Szenen, wie die jungen Legionäre mit vollen Körben Weihnachtsgeschenke, Wein und Schinken, den armen Kardinälen in deren Wohnungen schleppen, und Geldbriefchen dabei haben… Ganz abgesehen von eher pornografischen Szenen des Umgangs des Hochwürdigen Paters Macel mit Knaben oder seine plötzliche Gier nach dem anderen Geschlecht, um diese reichen Damen zu beschwatzen, doch ihm bitte viel Geld zu schenken… um mit ihnen auch Kinder zu haben, ein totales Doppelleben zu führen: Wäre das nicht der nächste Film für Christoph Röhl?
3.
Oder könnte er sich um andere ultrareaktionäre katholische Ordensgemeinschaften und Laiengemeinschaften kümmern? Wie das genauso gefährliche Neokatechumenat? Das international verbreitet ist, die Neokatechumenalen sind die einzigen, die in Europa noch viele junge konservative Priester stellen, auch in Berlin würde ohne die neokatechumenalen Priester kaum noch eine Messe stattfinden. Warum nicht auch diesen reaktionären Club der Ordensgemeinschaft „Institut des inkarnierten Wortes“ einmal dokumentieren, dieser internationale Orden wurde von Kardinal Ratzinger offiziell unterstützt und nach Italien geholt. Oder das auch politische reaktionäre „Sodalitium“ in Peru und anderswo.
4.
Wer den Film aus den etablierten klerikalen Kreisen verurteilt, sieht nicht, mit welcher entschiedenen Bravour Kardinal Ratzinger alles Reaktionäre in der katholischen Kirche unterstützt(e). Viele Theologen in Frankreich sprachen mir gegenüber immer nur vom „Panzerkardinal“ Ratzinger. Der Eminenz, die niemals lachte. Weil diese reaktionären Gruppen den Kindheitstraum erfüllten, den Traum von einer treuen, gehorsamen, ergebenen, unkritischen Kirche…
Ratzinger bzw. Benedikt XVI. haben den Katholizismus intellektuell noch einmal um Jahrzehnte zurückgeworfen, seine Bücher sind frei von zustimmender Auseinandersetzung mit der Aufklärung und der Moderne. Bezeichnenderweise lag ihm alles daran, die offizielle römische Kirche mit der reaktionäre Abspaltung der Traditionalisten zu versöhnen, dafür tat er alles, etwa im falle des Benediktiner Klosters Le Barroux, Avignon, einem bekannten Nest der Rechtsextremen (Le Pen)…
5.
Und jetzt? Lebt der pensionierte Papst Benedikt XVI: wirklich schweigsam und zurückgezogen? Nein, er beobachtet alles genau, vor allem dank der Informationen seines Getreuen, des Privatsekretärs Erzbischofs Gänswein. Dieser pensionierte EX-Papst ist kein EX: Er sammelt seine Leute, empfängt treu ergebene Pilger und Theologen, er hat seinen „Schülerkreis“, er schreibt und polemisiert weiter, und macht seinem Nachbarn im Vatikan, Papst Franziskus, auf seine stille Weise das Leben schwer. Ist er eine Art Gegenpapst? Vielleicht, das wagt nur niemand zu sagen. Und vielleicht muss der ja ebenfalls alte Papst Franziskus alles daran setzen, um seinen Vorgänger zu überleben…
6.
Was ist die Erkenntnis, die sich förmlich aufdrängt, wenn man den Film „Verteidiger des Glaubens“ gesehen hat: Dieser Verteidiger Benedikt/Ratzinger hat den Katholizismus in eine enge Burg der Selbstverteidigung eingeschlossen. Wer darin ist, kommt kaum noch in die Weite! Darin lässt es sich nur für greise Ideologen leben. Der Verteidiger des Glaubens, Joseph Ratzinger, hat den Katholizismus ruiniert. Man sieht die Resultate: In Europa und Amerika findet sich kaum noch ein kritischer nachdenklicher Mensch (unter 60 Jahren), der diesen Katholizismus als ideologisches, klerikales Institut im Ernst noch unterstützt.
7. Das Wesentliche:
Die Freiheit des spirituellen Lebens ist woanders!
Auch Gott ist längst woanders. Und der arme Jesus von Nazareth sowieso. Der Vatikan war wohl noch nie seine Heimat.
Dass Christoph Röhl den Zuschauern dafür die Augen öffnet (wer es immer noch nicht wusste), dafür gebührt ihm großer Dank!.
Sein Film wird einmal Geschichte machen, hoffe ich. Er steht in der guten und wahren Tradition der Aufklärung. Voltaire würde sich freuen.
8.
PS 1: Es ist interessant und weiterführend zum Porträt von Erzbischof Gänswein: Dass ausgerechnet unter der google- Rubrik „Fotos zu Christoph Röhl“ sich eine Aufnahme einfügen ließ, von anonymer Hand, die zeigt: In bester Laune den ausnahmsweise sehr weltlich gekleideten Erzbischof Gänswein, fröhlich lächelnd, und an seiner Seite: David Berger, einst schwuler Aktivist, erklärter Kirchenfeind, jetzt aber extrem katholischer AFD Verteidiger; offenbar in der Münchner U Bahn aufgenommen (Foto von mir aufgerufen am 1.11. 2019 um 19.05). Als Quelle wird die neue AFD orientierte website von David Berger philosopia perennis. Com angegeben. Offenbar fühlt sich Erzbischof Gänswein in schwulen AFD Kreisen recht wohl. Der Untertitel zu diesem erhellenden Foto: „Gänswein: Benedikt Film von Röhl ist eine miserable Mache, ein…“
https://www.google.com/search?sa=N&q=Christoph+R%C3%B6hl&tbm=isch&source=univ&client=firefox-b-ab&ved=2ahUKEwjVz77czsnlAhURjqQKHWbpB-c4ChCwBHoECAgQAQ&biw=1920&bih=1014#imgrc=mz6eKvLjn7BpRM:
PS 2: Man lese in dem Zusammenhang das wichtige Buch „Sodom“ des Soziologen Frédéric Martel über die schwulen Netzwerke im Vatikan.
PS 3: Ich bin gespannt, wann dieses Foto der trauten Gemeinschaft: schwul und AFD, also Gänswein und David Berger, aus dem Internet wieder verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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