Unverfügbarkeit und Resonanz: Über Hartmut Rosa

Ein Hinweis auf Hartmut Rosas große Studie und die kleine Einführung.
Von Christian Modehn
1.
Resonanz heißt das Wort, das viele bewegt: Wir wollen wissen, wie wir in der Beziehung zur Welt leben und damit auch in der Beziehung zu uns selbst. „Resonanz“ ist das Wort, das der weltweit beachtete Soziologe Hartmut Rosa (Uni Jena und Erfurt) im Jahr 2016 in einer umfangreichen Studie wie eine Art Schlüsselwort präsentierte, es macht Strukturen der modernen Lebenswelt verständlich Seitdem sind viele Debatten über die Resonanz geführt worden, viele Studien zum Thema erschienen.
2.
Ich kann die Auseinandersetzung mit dem vielleicht abstrakt wirkenden Begriff Resonanz nur empfehlen, es geht dabei nicht um eine akademische Debatte. Es geht darum, wie wir Menschen in einer Welt seelisch lebendig bleiben können, die als oberste „Werte“ Herrschaft, Verfügung, Macht, Gewalt durchsetzt. Die Auseinandersetzung mit der Resonanz wird jetzt einfacher, weil eine gegenüber dem Originaltext überschaubare Einführung vorliegt: Hartmut Rosa, “Unverfügbarkeit“, Suhrkamp Verlag, 2020, 131 Seiten, 10 Euro.
Hartmut Rosa verbindet als Soziologe philosophische, literarische auch einige theologische Erkenntnisse zu der Basis-Erfahrung eines jeden: Die Menschen stehen immer in einem Austausch mit der Welt und damit auch mit sich selbst, sie fühlen sich angerufen von der Natur, der Kultur und den anderen Menschen, sie sind innerlich manchmal bewegt und lassen sich vielleicht auf Veränderungen ihres bisherigen Verhaltens ein. Resonanz wird also im Umgang mit Welt und mit mir erzeugt, sie ist eine Art Bewegtheit des Geistes durch die Vielfalt der Welt und der Menschen außer uns. Aber sobald der Mensch mit Macht diese Welt festlegen und beherrschen will, bleibt die das Leben erst lebenswert machende Resonanz aus. Herrschaft und Fixierung vertragen sich nicht mit Resonanz. Dann gibt es in der Weltbeziehung nur ein sachliches Verhalten wie zu einem „Material“, das man greift, definiert, beherrscht, einordnet, handelt. Und dann Ausschau halte nach dem nächsten „Material“ der Welt zwecks weiterer Beherrschung und Profite. Diese total verobjektivierte Weltbeziehung bleibt ohne seelische Resonanz, sie ist tot. Aber, dies ist das Problem der Gegenwart der Moderne, diese toten Beziehungen zur Welt und den Menschen, diese toten Beziehungen zu sich selbst sind heute beinahe üblich, Ausdruck der modernen „coolen“ Kultur.
3.
Resonanz als seelische Lebendigkeit ist nur möglich, weil das Unverfügbare erscheint und existiert und es als solches wahrgenommen werden kann. Unverfügbar (also in seinem Dasein von uns letztlich nicht manipulierbare Andere) ist letztlich die gesamte „Außenwelt“, unverfügbar ist auch das seelische und geistige Geschehen, wenn im Menschen wirklich Berührung durch die Welt und die anderen Menschen stattfindet. Das Unverfügbare zu schützen wird zur Aufgabe im Überleben von Menschen, die mehr sein wollen als bloß funktionierende Technokraten und Bürokraten.
Ich breche hier die Hinweise ab.
Religionsphilosophisch bedeutsam ist die Aussage Hartmut Rosas, dass im Nichtverfügbaren auch das Geschenk, die Gabe, aufleuchten kann (S. 111), der Mensch also auch der Empfangende ist, der sich gerade nicht nur als der autonom alles Setzende und Beherrschende verstehen sollte!

Die Bücher von Hartmut Rosa zum Thema:
„Unverfügbarkeit“. Suhrkamp Verlag, 2020, 10 Euro.
„Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen“ (Suhrkamp, 2019, 815 Seiten).

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

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