Mystiker, Journalist, Aufklärer, Theologe, Romantiker, aber immer: ein „Reisender“: Karl Philipp Moritz.

Über Karl Philipp Moritz, anlässlich seines Geburtstages am 15.9.1756

Hinweise von Christian Modehn.

Ein Motto:

„Moritz ist ein wahres Genie, ein wahrer Sonderling“ (Alexander von Humboldt).

1.

Muss man heute an Karl Philipp Moritz erinnern?

Einige Stichworte zu seinem kurzen Leben,  aber sehr umfangreichen vielfältigen Werk: Aus bescheidenen, aber extrem  frommen pietistischen Verhältnissen stammend, vielseitig begabt; Journalist; Theologiestudent und Prediger; als Reisender rastlos unterwegs, Autor des hoch geschätzten Romans (als Autobiografie) „Anton Reiser“; ein Pädagoge der ungewöhnlichen Art („Phantasie ist wichtiger als Wissen“); ein Freund Goethes, beliebt in den Berliner Salons; Autor und Gründer der ersten Zeitschrift mit „psychoanalytischem Interesse“ (das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“); schließlich Professor an der Akademie der Wissenschaften…

„Ein Aufstieg, der in der deutschen Geistesgeschichte ohne weiteres Beispiel ist“ (Willi Winkler, „Karl Philipp Moritz“, Rowohlt Monographie“, S.115). Aber doch mit der Einschränkung: „Man wusste nicht recht, wo man ihn einordnen könnte“ (Horst Günther im Nachwort zu „Anton Reiser, Insel-Taschenbuch, 2013, S. 529).

Muss man Menschen „einordnen“? Natürlich NICHT! Trotzdem: Moritz war nicht Philosoph im „klassischen“ Sinn, schon gar nicht Psychoanalytiker `avant la lettre`, er war auch kein Philologe alter Sprachen trotz seiner Studien zur antiken Mythologie… Aber: „Vielleicht liegt im Scheitern an den üblichen Gattungen seine Modernität“ (Horst Günther, ebd.)

2.

Über die Stationen und Daten seines kurzen Lebens kann man sich etwa bei wikipedia oder in der schönen Rowohlt-Monographie von Willi Winkler informieren. Geboren wurde Moritz am 15. 9.1756 in Hameln; gestorben ist er im Alter von knapp 37 Jahren am 26.6.1793 in Berlin.

3.

„Alles, was Moritz je geschrieben hat, gehört zueinander. Und alles ist angelegt in seiner Kindheit und Jugend“, betont Horst Günther (ebd., S. 530). Wenn das so ist, dann müsste die Prägung durch den extrem konfusen und unterdrückerischen Pietismus zuhause wie während seiner Ausbildung im Mittelpunkt der Forschung stehen. Die These sollte sein: Moritz, ein Mann, der durch frommen, sich mystisch nennenden Wahn verdorben wurde. Solches gibt es bis heute, nicht nur im Christentum…

Karl Philipp Moritz wird zu Hause nicht geliebt, aber mit der Ideologie einer christlichen Mystik abstruser Art konfrontiert, was ihn auch zur Selbstverachtung führt… Auch wenn Moritz später die Philosophie der Aufklärung schätzt: Die innere Bindung an Mystik und Quietismus (und damit verbunden auch an Aberglauben) wurde er nicht los. „Ganz kann sich Moritz nie von der Mystik befreien, die ihn von der Wiege auf unterdrückt hat“ (Willi Winkler, a.a.O., S. 120).

4.

Erstaunlich ist, dass in den protestantischen Kreisen von Hameln (wo er geboren wurde) sowie in Hannover und Braunschweig, wo er als 12-Jähriger bei einem von Mystik verwirrten Hutmacher lebte, die Lehren der französischen katholischen Mystikerin Madame de Guyon (1648-1717) (präziser: Jeanne-Marie Bouvier de La Motte Guyon)

verbreitet waren. Diese seltsame katholisch-protestantische Ökumene seit dem 18. Jahrhundert sollte weiter untersucht werden. Die einflussreichen Pietisten damals, wie August Hermann Francke, Gerhard Tersteegen, Zinzendorf usw. waren von den Ideen und Visionen Madame de Guyons geprägt… Diese fromme Adlige wurde wegen ihrer extremen spirituellen Lehren aber sogar von der offiziellen katholischen Kirche verfolgt, von anderen Katholiken wiederum wurde sie wie eine Heilige geschätzt: Sie glaubte z.B., mit Jesus verheiratet zu sein. Das Ziel ihrer mystischen Bemühungen war die Auflösung des menschlichen Selbst in Gott hinein, es ging tatsächlich um Vernichtung des Selbst. Das vernichtete Selbst wird dann in eine Art geistige Wüste und der Dürre geführt, wo „sich auch kein Fünklein der Selbstliebe mehr mischen darf“. Wie gesagt, diese abstrusen Wahngebilde fanden Zuspruch im protestantischen Deutschland, manche ließen sich wohl von ihrer „tiefgründigen“ Sprache verführen, wie das Umfeld des jungen Karl Philipp Moritz. Er  spricht noch von ihr in seinem autobiographischen Roman „Anton Reiser“, er zeigt, wie sich der junge Reiser (Moritz) sogar noch tröstete in den eleganten verworrenen Worten der Madame… Aber insgesamt hat diese eher menschenverachtende Mystik der Madame de Guyon dem jungen Moritz das Leben verdorben. Später distanzierte er sich ironisch-witzig von dieser Person, die die Trockenheit des Geistes lobte: “Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet“ (zit. in Willi Winkler, a.a.O. S. 17). Willi Winkler versucht eine Gesamteinschätzung: „Ob Moritz die Schwärmerei, den religiösen Aberglauben, den die Aufklärung so heftig bekämpfte, selber überwunden hat, ist zumindest zweifelhaft“. (Rowohlts Monographien, S.78).

5.

Als Journalist wagt sich Moritz auf ein ganz neues Feld der Forschung: Es geht um die Erkundung der Tiefen der Seele. Moritz geht in der von ihm begründeten und herausgegebenen Zeitschrift (1783-1793) von den konkreten Lebenserfahrungen des einzelnen Menschen aus, auch von den eigenen. „In einer Fülle von Fallgeschichten berichtete diese als Viermonatsschrift konzipierte Zeitschrift über Mörder und Selbstmörder, religiöse Schwärmer und Hypochonder. Versuche mit Taubstummen und Charakteranalysen von Adoleszenten wurden neben Fällen von Kleptomanie und sexuellem Missbrauch mitgeteilt. Ein anhaltendes, fast schon systematisches Interesse richtete sich auf die Form und den Inhalt frühester Kindheitserinnerungen, und die Vielzahl eingesandter Traumerfahrungen forderte Moritz und seine beiden ihn zeitweise vertretenden Mitherausgeber Carl Friedrich Pockels (1757-1814) und Salomon Maimon (1753-1800) zu ersten Ansätzen einer »Theorie der Träume« heraus“…. „Mit der Darstellung von Zwangshandlungen, Traumphänomenen und Kindheitserinnerungen, mit Mendelssohns Erörterung eines topischen Modells der Seele und den wegweisenden sprachpsychologischen Überlegungen von Moritz zu den unpersönlichen Zeitwörtern (»es donnert«), stand es am Beginn einer Entwicklung, die bis hin zu Sigmund Freud führen sollte, der dieselben rätselhaften psychologischen Phänomene mit einer neuen systematischen Theorie erschliessen konnte.

(siehe: http://telota.bbaw.de/mze/)

6..

Moritz interessiert sich für die philosophische Aufklärung. Auch den Kindern will er die Idee der Gleichheit erklären: in seinem „A.B.C.Buch“ von 1790. Die Menschen sind nicht ungleich, betont er: »Die armen und niedrigen Menschen sind ebenso gebildet [geschaffen] wie die Reichen und Vornehmen. Ein jeder Mensch ist der Hilfe bedürftig. Wenn die armen und niedrigen Menschen schwach und krank sind, so bedürfen sie der Hilfe. Und wenn die Reichen und Vornehmen schwach und krank sind, so bedürfen sie auch der Hilfe. Kein Mensch muss den andern gering schätzen. Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein.«  (ZEIT 7. 9. 2006, Benedikt Erens).

7.

Karl Philipp Moritz ist und bleibt der bis heute hoch geschätzte Dichter seines autobiographischen Romans Anton Reiser (1790), inzwischen wurde diese „Bekenntnisschrift“ in viele Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte eines Versuchs, sich selbst mit vielen Mühen aus der Unmündigkeit zu befreien. Den Pietismus des Elternhauses verlässt Reiser, aber eine geistige, spirituelle Heimat findet er nicht. In dieser Wahrhaftigkeit stellt sich Reiser/Moritz dar. Reiser erhöht sich und degradiert sich, leidet unter Ängsten und hat doch den Willen, dem Leben einen höheren Sinn abzugewinnen, auch wenn es schwerfällt. Aber der Eindruck bleibt: Der Mensch wird im Laufe seines jungen Lebens zerstückelt. Der Schriftsteller Arno Schmidt sagt: „Anton Reiser, ein Buch wie es kein anderes Volk der Erde besitzt“ (zit. in Willi Winkler,a.a.O., S. 144).

8.

Die Macht der seelischen Zerstörung durch frommen Wahn (Madame Guyon usw.) war also alles andere als total. Moritz, der so oft gelitten hat, konnte seinen Schmerz sinnvoll in seinen vielfältigen Werken überwinden. Seine Homosexualität konnte er nicht in Freiheit leben und gestalten, so sehr er auch in seinen Freund Karl Friedrich Klischnig (1788 – 1811) verliebt war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

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