Ein Befreiungstheologe spricht wie ein Mystiker: Pater Gerhard Pöter, El Salvador.

Ein Befreiungstheologe spricht wie ein Mystiker: Pater Gerhard Pöter, El Salvador.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 26.11.2021

Befreiungstheologen sprechen eine vielfältige Sprache, sie haben selbstverständlich auch Einsichten, die üblicherweise eher religionsphilosophisch oder mystisch genannt werden. Dazu ein Zitat aus einem Vortrag, den der Dominikanerpater Gerhard Pöter (1939-2019) etwa im Jahr 2000 in Graz gehalten hat zum Thema „Von Gott reden im Angesicht des Götzen `Freier Markt“.  Dass die Kritik Gerhard Pöters am Götzen “freier Markt” hier nicht weiter zitiert wird, ist einfach den Pressegesetzen des kurzen Zitates geschuldet. Aber der ganze Beitrag von Gerhard Pöter kann nachgelesen werden, siehe unten.

Die Zeitschrift des Dominikanerordens „Wort und Antwort“ (die Redaktion ist in Berlin) hat 2019 den Vortrag von Gerhard Pöter publiziert. Er lebte viele Jahre im zentralamerikanischen Staat El Salvador, er war dort eng mit den Gemeinden der Armen und vom Militär Verfolgten verbunden, zahlreiche Sozialprojekte zugunsten der Armen hat er dort geschaffen. Er hatte einen großen Freundeskreis in Deuschland. Weitere Informationen zum Leben Gerhard Pöters: LINK:

Der Auszug aus Gerhard Pöters Vortrag:

„Wie von Gott reden, ohne in die Netze einer unterdrückenden, ausbeutenden und manipulierenden Gesellschaft zu geraten, die nur das Reden eines angepassten Götzen zulässt? Wie Gott hören, ohne dass der Filter des Fernsehens maßgebend wird, durch den nichts hindurch fallen darf, was nicht zum Nutzen der Reichen und Mächtigen ist, nichts, was nicht mit dem heute angeblich einzig möglichen Denken harmonisiert?

Mir scheint notwendig zu sein, uns daran zu erinnern, dass Gott transzendent ist, immer weit hinaus über all unser Denken, Fühlen und Handeln, immer jenseits aller menschlichen Realisationen von Wahrheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Den transzendenten Gott können wir niemals besitzen, wir können über ihn keine Aussagen machen, die absolut gewiss sind. Den Gott, wie er in der besten Tradition erscheint, können wir nur suchen, ersehnen, ständig aufs Neue ihm entgegengehen, uns von ihm überraschen lassen. Ein Gott, der nicht mehr überrascht, ist ein perfekt eingepasster Götze.
Spirituelles Leben, Gebet bedeutet in dieser Linie nicht nur Sprechen, sondern mehr noch Hören, auch und besonders denen zuzuhören, die dessen gemeinhin nicht für würdig gehalten werden. Als Christen suchen wir nach Gott im Hören auf die Armen und Verlassenen und in permanenter Auseinandersetzung mit der jüdisch-christlichen Tradition. In ihr finden wir den Kampf der Propheten und Jesu gegen die Götzen, gegen die Schein-Götter, im Falle Jesu vor allem gegen die religiösen. Ein Götze ist etwas, was wir Menschen selber produziert haben, vor dem wir später aber auf den Knien liegen. Es scheint so, als gäbe es keine andere Wahl, als uns dem selbstgemachten Gott zu unterwerfen.“  (Seite 176).

Das Heft 4/2019 von „Wort und Antwort“ über die Befreiungstheologie wird, wie viele andere Hefte dieser Zeitschrift, im Internet in voller Länge gratis präsentiert! Dafür gebührt der Redaktion höchste Anerkennung. Welche katholische Kulturzeitschrift ist denn sonst so großzügig? „Diese Zeitschriften denken doch auch bloß ans Geld“, könnte man meinen. Danke also „Wort und Antwort“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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