„Wir brauchen eine ökologische Klasse, die für die Rettung der Welt kämpft“.

Der Philosoph Bruno Latour und der Soziologe Nikolaj Schultz verfassen ein Memorandum zugunsten eines neuen, eines ökologischen Klassenkampfes.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Eine Buchempfehlung, für Menschen, die noch an eine Zukunft der Menschheit glauben. Also für alle, für die Vernunft noch eine Bedeutung hat!

1. Klassenkampf.

Jetzt also das letzte Buch des französischen Philosophen Bruno Latour, verfasst zusammen mit dem jungen dänischen Forscher Nikolaj Schulz. Und sicher ist es keine nur „theoretische“ Studie, sondern ein wegweisendes Buch, weil es praktische Vorschläge macht, die ökologische Katastrophe vielleicht doch noch „kämpferisch“ zu verhindern. Ein Memorandum eben, eine Denkschrift, die ins Handeln führen will. Ein Memorandum als Aufruf, gemeinsam, in einer neuen, breit aufgestellten ökologischen Bewegung politisch die Welt zu retten. Die Autoren verwenden den alten sozialistischen Begriff der Klasse, einer Klasse allerdings, die diesmal nicht aus Proletariern zusammengefügt ist, sondern aus allen Menschen „guten Willens“. Sie verbünden sich in einem alle Ideologien übergreifenden Klassenkampf zugunsten der Rettung dieser Welt.
Als Erinnerung: Für Bruno Latour gilt wahrlich das Prädikat „bedeutend“ oder „weltbekannt“. Latour, Autor zahlreicher Studien aus den weiten Fragen der Soziologie und Philosophie ist am 9. Oktober 2022 in Paris im Alter von 75 Jahren gestorben. Seine besondere Liebe galt immer der Philosophie, dies betonte er kürzlich noch ausdrücklich.

2. Die ERDE.

Latour und Schulz legen also ein Memorandum vor, einen dringenden Appel. Er besteht aus 76 Kurz-Texten und einem Nachwort, das Ganze überschaubar auf 90 Seiten dargestellt. Die Autoren schreiben von der noch möglichen Rettung der Erde. Um dem allen Nachdruck zu verleihen, erscheint ERDE im Buch immer in Großbuchstaben. ERDE: Das Wort erinnert an den spirituell wichtigen Begriff Gaia: Er spielt nicht nur in esoterischen Sondertraditionen eine Rolle, sondern auch für viele andere, die an eine gewisse Heiligkeit dieser den Menschen anvertrauten „Mutter Erde“ denken.

3. Einen neuen Sinn des Lebens entdecken.

Der Klassenkampf der vielen Menschen guten Willens muss die bisher übliche Fixierung auf Ökonomie, aufs Produzieren und auf das stetige Wachstum überwinden. Es geht also um eine andere Emanzipation, um das Wahrnehmen: Wir Menschen leben nicht nur VON der Erde, sondern wir vor allem IN der Erde, sind Teil der Erde. Diese Erkenntnis soll sich durchsetzen, was nicht einfach ist, das wissen Bruno Latour und Nikolaj Schultz. Aber die Verheißung dieser neuen Erkenntnis und der ihr folgenden Praxis, dem ökologischen Klassenkampf, heißt: Es wird ein neuer Sinn des Lebens für diese ökologischen Klassenkämpfer sichtbar, durchaus auch – so die Autoren – ein neuer Sinn der Geschichte.

4. Das Christentum muss sich inmitten des ökologischen Klassenkampfes neu definieren.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist es von besonderer Bedeutung, dass die Autoren in Nr. 46 (Seite 56) auch von den Religionen bzw. speziell vom Christentum leider nur kurz sprechen. Latour und Schultz zeigen, dass die Ökologie jetzt der Gesamtrahmen des Weltverstehens ist. Alles Denken, Fragen, Forschen ist von ökologischen Themen „durchdrungen“. Das gilt auch für das Christentum, die Kirchen und die Christen. „Nun sehen sie in der Ökologie einen Appell, der ihre Dogmen erneuern könnte“, schreiben die Autoren (S. 56). Die alte Position der Herrschaft des Menschen (des Mannes) über die Natur, im Buch Genesis von Gott selbst vorgeschrieben, wird also hinfällig. Die Autoren nennen keine Details, sie sind aber überzeugt, dass die Kirchen und die Theologien „Faden für Faden“ bisheriger Stränge der Dogmen „ganz neu entwirren“ müssen (ebd.). Zu einem ökologischen Weltbild des Miteinanders passt ohnehin die Hierarchie gar nicht mehr. Hierarchisches Verhalten, wie in der römischen Kirche üblich, die ohne jeden Respekt für die Demokratie nach wie vor agiert, hat keine Zukunft mehr. Auch dagegen wendet sich der ökologische Klassenkampf.

Nebenbei: Bruno Latour war in seiner Jugend aktives Mitglied der politisch linken katholischen Studentenbewegung “Jeunesse étudiante chrétienne” und ein eifriger Leser der Werke Charles Péguys, Sozialist und Katholik (siehe dazu Le Monde, 11.oct. 2022, Seite 28 und 29).

5. Die „letzte Generation“.

Die Autoren sprechen nicht unmittelbar von der Bewegung der „letzten Generation“, sie schreiben aber in voller Sympathie für junge Menschen, die sich ganz dem ökologischen Klassenkampf verschrieben haben: „Die plötzliche Revolte der Jugendlichen, die sich von den Alten verraten fühlen, besteht darin, die Babyboomer (die einstigen Jugendlichen) als verwöhnte und unreife Teenies zu betrachten“ (S. 54). Oder noch einmal: Die jungen Menschen haben den Eindruck, „von den Alten verraten zu sein“. Sie finden sich als junge Menschen „im buchstäblichen Sinn ohne Zukunft wieder“ (ebd.).

6. Vom ökologischen Klassenkampf.

Manche gut bürgerlichen Leute werden sich an dem Begriff Klassenkampf stören. Aber ohne die Schärfe, die in diesem Begriff aus sozialistischen Zeiten aufscheint, hätten die beiden Autoren, alles andere als die „letzten Kommunisten“, die Radikalität der ökologischen Herausforderung nicht ausdrücken können. Es geht wirklich um ein neues Klassenbündnis, das Mitglieder der vielen bisherigen, „traditionellen“ Klassen neu vereint. Wozu denn eigentlich? Zum Kampf gegen die Ideologien der alten Welt, die von der Herrschaft der Produktion, des Wachstums und der Ungerechtigkeit bestimmt ist. Dabei wissen die Autoren, dass die alten, immer noch etablierten herrschenden Klassen „einen Höllenlärm veranstalten, den gesamten Medienraum in Beschlag nehmen“ (S. 59), um die neue ökologische Bewegung zu schädigen. Man denke jetzt, Ende November 2022, an die Polemik etablierter Kreise vor allem aus dem Lager der CDU, FDP und SPD gegen die Aktionen der Mitglieder der letzten Generation. Es muss noch die Hegemonie der ökologischen Klasse errungen werden, das wissen die Autoren des sehr lesenswerten Memorandums „Zur Entstehung einer ökologischen Klasse“.

7. Einige Merk-Sätze.

„Die ökologische Klasse ist also diejenige, die sich der Frage der Bewohnbarkeit der Erde annimmt“ (S. 31).

„Eigentum ist nicht das Eigentum der Menschen an der Welt, sondern das Eigentum einer Welt an den Menschen“ (S. 41).

„Wir Menschen sind die Natur, die sich verteidigt“ (S. 42).

„Man hat den fatalen Eindruck, dass der Kampf (der ökologische Kampf) noch gar nicht richtig begonnen hat“ (S. 59).

„Die einfachen. Leute haben immer schon als erste zum Widerstand gegriffen. Sie sind es, die mit voller Wucht die Folgen des (kapitalistischen)
Zerstörungssystems zu erleiden haben“ (S. 84).

„Es wäre so tröstlich, wenn Ökologie und Zivilisation gleichbedeutend sind“. (S. 92).

Bruno Latour, Nikolaj Schultz
Zur Entstehung einer ökologischen Klasse
Ein Memorandum
Aus dem Französischen von Bernd Schwibs
Suhrkamp Verlag
Broschur, 93 Seiten, 14 euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

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