Mit Hanna Arendt denken (lernen)

Über ein neues Buch von Lyndsey Stonebridge
Ein Hinweis von Christian Modehn am 17.5.2024

1.
Ohne eine Verbindung zum Denken Hannah Arendts gibt es offenbar heute keine kulturkritische oder Politik – kritische Veröffentlichung oder Debatte. Ihre Texte aus dem Nachlass werden nun auf Deutsch publiziert, und die LeserInnen sind erstaunt über die Kraft des kritischen Denkens, das in der Forderung gipfelt: Jeder Mensch sollte nicht nur zum eigenen Nachdenken, sondern auch zum reflektierten Urteilen finden. Gregor Dotzauer spricht im „Tagesspiegel“ (am 25.4.2024, Seite 24) zurecht von einer „kleinen Hannah- Arendt-Industrie“. Und diese vielfältige Begeisterung, für Hannah Arendts Erkenntnisse wird sehr bald noch stärker werden: Denn es steht ein kulturell, journalistisch und damit kommerziell ergiebiger runder Gedenktag bevor: Hannah Arends 50. Todestag am 4.Dezember 2025!

2.
Bis dahin werden alle ihre Werke in der „kritischen Gesamtausgabe“ sicher noch nicht vorliegen, über eine website(  LINK ) kann man sich über den Stand der definitiv wissenschaftlich Arendt – Publikationen (mit Ausnahme der Briefe) informieren. So bleiben wir noch auf eine Fülle von Arendt-Büchern und Arendt-Broschüren angewiesen, abgesehen von der genau so großen Menge von Einführungen in das Denken Hannah Arendts.

3.
Über diesen „Arendt – Boom“, wäre eigens nachzudenken: Bei den LeserInnern gibt es vielleicht die Begeisterung für eine Philosophin, die zugleich viel kämpferischer der politischen Theorie verpflichtet ist. Als Jüdin musste sie gerade auch von jüdischer Seite viel Polemik hinnehmen. Aber Anfeindungen für ihre meist präzise, manchmal polemische Position nahm sie in Kauf. Einige ihrer Erkenntnisse haben sich fast wie Slogans durchgesetzt, etwa die These von der „Banalität des Bösen“, formuliert im Erleben des Nazi- Verbrechers Adolf Eichmann anläßlich seines Prozesses in Jerusalem. Oder auch die bleibende Erkenntnis: „Wir haben ein (Menschen-)Recht, Rechte zu haben“, gesprochen nicht nur im Blick auf die vielen staatenlosen und deswegen rechtlosen Flüchtlinge.

4.
Nun hat Lyndsey Stonebridge im C.H. Beck – Verlag eine Einführung zu Hannah Arendt vorgelegt: „Wir sind frei, die Welt zu verändern“ ist der offenbar Mut machende Titel für diese jetzigen Zeiten der Kriege und der Zunahme rechtsradikaler, faschistischer Parteien. Der Untertitel: „Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam“. Lieben und gleichzeitig (dem Staat, „der“ Politik, einigen jüdischen Organisationen) ungehorsam sein, ist eine spannungsreiche Beziehung, die sich die Autorin vorgenommen hat. Lyndsey Stonebridge forscht vor allem zur politischen Theorie, sie ist Professorin für Humanities und Menschenrechte an der Universität Birmingham. Mehrfach schon wurden ihre Bücher mit Preisen ausgezeichnet.

5.
Ihr neues Buch (2024 veröffentlicht) versucht in jedem der 10 Kapitel philosophische Themen mit der Biographie, der Werk – Interpretation und der Aktualisierung Hannah Arendts für „uns“, zumal in den USA, zu verbinden. Manchmal entsteht in den Kapiteln eine gewisse Sprunghaftigkeit und oft eine zu knappe Würdigung der dort angesprochenen brisantesten Themen im Denken Arendts.
In Kapitel 2 etwa mit dem Titel „Wie man denkt“ schreibt die Autorin über die Zeit der jungen Hannah Arendt in Königsberg, die Autorin springt dann zu den Mord – Attacken kürzlich in Hanau, um dann zu Martin Heidegger in Marburg zu kommen…Ziel ist immer, die LeserInnen auf die aktuelle Relevanz des Denkens Hanna Arendts aufmerksam zu machen. Ein weiteres Beispiel: Im 10. zentralen Kapitel mit dem Titel „Was ist Freiheit“ geht es auch um das letzte, unvollendete Buch Arendts „Leben des Geistes“, dabei gibt es Hinweise zu ihrer Beziehung mit Heidegger, um Aufenthalte in der Schweiz, um ihre Kant – Lektüren, um den Zustand der us-amerikanischen Politik in den Jahren ab 1970, mit einem Sprung dann zu Trump und – nebenbei auch der Hinweis: Der junge Senator Joe Biden hätte im Jahr 1975 Hannah Arendt um ein Exemplar ihres Vortrages in Boston gebeten.

6.
Das Buch kann aufgrund der lebendigen Darstellung eine Hilfe für diejenigen sein, die sich bisher noch nicht über Hannah Arendt informiert haben. In der Schwebe lässt die Autorin: Ist Hannah Arendt eine Philosophin (im klassischen Sinne), ist sie eine „brillante Theoretikerin“ (S. 306) oder ist sie vor allem eine Spezialistin der politischen Theorie? Arendt selbst bevorzugte den etwas komplizierten Titel „Theoretikerin der Politik“. Als Philosophin im klassischen (deutschen) Sinne verstand sie sich wohl nicht, auch wenn sie immer anerkannte: Durch ihren Liebhaber und Lehrer Martin Heidegger das Denken, also das philosophische, gelernt zu haben.

7.
Manche Aussagen der Autorin Lyndsey Stonebridge finde ich problematisch, etwa wenn sie eher flapsig schreibt: “Nachdem er (Heidegger) das Sein über Bord geworfen hatte…“ (Seite 71). Heidegger hatte nie das Sein „über Bord geworfen“, also auf die Erörterung der Seins-Frage verzichtet. Wenn die Autorin „Sein“ allerdings als welthafte Realität meint, hat sie vielleicht recht, aber dieses dinghafte Sein meinte Heidegger gar nicht.

8.
Viel zu knapp wird meines Erachtens Arendts kritisch reflektierte Stellung zum Zionismus dargestellt. In einem Artikel über „Zionism“, 1945 in New York veröffentlicht, kritisiert sie deutlich das Beharren einiger Zionisten auf einer Staatsgründung in Palästina: „Dies ist die kritiklose Übernahme des Nationalismus in seiner deutschen Version“, so in der deutschen Ausgabe des Textes auf Seite 159 (in H.A., Die verborgene Tradition, Suhrkamp, 2016). Auch Micha Brumlik weist in seinem Beitrag in „H.A. und das 20. Jahrhundert“ auf dieses Zitat hin, S. 22). Und Susie Linfield will in ihrer Publikation in der „Yale University Press (2020) differenzieren: Und auch könne man nicht plausibel argumentieren, dass Arendts Ansichten zum Zionismus immer einer übergeordneten Logik entsprachen. (Im Original: Nor can one plausibly argue that there was always an overriding logic to her views on Zionism.“)
9.
Die Autorin Lyndsey Stonebridge hat gewiss viel Sympathien für Hannah Arendt. Das heißt nicht, dass sie doch einige kritische Hinweise gibt, etwa den Umgang Arendts mit der Geschichte des Kolonialismus (etwa S. 150). Auch die Verschwiegenheit Arendts über das private,„intime“ körperliche Leben wird erwähnt: „So bleibt in ihren überlieferten Schriften auch ihr Körper stets gewissenhaft den Blicken entzogen“. Und warum Hannah Arendt trotz aller Kritik nach 1945 an ihrem einstigen Liebhaber Martin Heidegger doch weiterhin stärkeres Interesse hat, wird in dem Buch nicht recht deutlich. In Hannah Arendt Buch „Menschen in finsteren Zeiten“ ist ihr Radio – Vortrag anläßlich des 80. Geburtstages Heideggers (1969) veröffentlicht. Er habe sie das Denken gelehrt, heißt es auch dort. Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus wird von Arendt eher kurz und allgemein erwähnt. Befremdlich ist, dass sie sogar Heideggers „Spätphilosophie“ noch als anregend und wohl auch verständlich – nachvollziehbar empfinde.
Wichtig ist, dass die Autorin die geistige, sehr freundschaftliche Verbundenheit mit Karl Jaspers betont. Bei ihm verfasste Arendt ihre philosophische Promotion über die Liebe im Denken des Heiligen Augustinus. Hannah Arendt hatte sich als achtzehnjährige, damals aus Königsberg kommend, in Marburg bekanntlich neben Philosophie auch für Evangelische Theologie und Griechisch eingeschrieben. Warum eigentlich auch für evangelische Theologie, wäre eine Frage. Dass Arendt durchaus Sympathien für einzelne Katholiken hatte, ist seit ihrem Beitrag über Papst Johannes XXIII. „Angelo Giuseppe Roncalli. Der christliche Papst“ bekannt (veröffentlicht in „Menschen in finsteren Zeiten“) LINK.

10.
Hanna Arendt ist auch heute zweifellos eine Lehrerin des kritischen Denkens und selbstbewussten Urteilens, also eine Lehrerin geistvollen, humanen Lebens. Aber dass sie umfassend eine „Meisterin“ für heute sei, wäre eine Überforderung. Ob man mit Arendts Werken den geradezu universellen Rechtsruck in Europa, bis hin zum Rechtsradikalismus und Faschismus, verstehen kann, ist die Frage. Genauso gilt dies für die Radikalisierung vieler Muslims zu Fundamentalisten oder auch vieler Christen zu Evangelikalen. Feminismus war auch für sie kein großes Thema. Und zur aktuellen Klima-Katastrophe hat sie speziell eher wenig zu sagen.

11.
Die Menschen heute aber halten sich sehr gern an eine – dem ersten Eindruck nach – „leicht lesebare“, mutige Philosophin bzw. Theoretikerin der Politik. Sie lieben ihre meist stringenten Argumentationen, schätzen ihr Eintreten für die Menschenrechte, ihren Kampf gegen den Juden-Hass. Einer solchen Frau und ihrem vielfältigen, umfangreichen Werk zu begegnen, führt ins lebendige Leben des Geistes und …ins „tätige Leben“.

Lyndsey Stonebridge, „Wir sin frei, die Welt zu verändern“. Hannah Arendts Lektionen in Liebe und Ungehorsam. Übersetzt von Frank Lachmann, C.H. Beck Verlag, 351 Seiten, 26€.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

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