150 jüdische BerlinerInnen: Stimmen der Vernunft im eskalierenden Streit um eine Links – grün – sozialdemokratische Regierung in der Hauptstadt

Ein wichtiges Dokument, weitergeleitet von Christian Modehn am 24.9.2026.

Und wir fragen uns: Wann endlich äußern sich wenigstens 100 katholische und wenigstens 1000 protestantische BerlinerInnen so klar wie ihre jüdischen MitbürgerInnen und setzen sich damit ab von dem allgemeinen gehässigen Gerede rechter und sich christlich nennender Parteifreunde. Diese Kreise setzen, wie immer schon, die Angst vor „den“ Linken seit Adenauers Zeiten nur fort…Unsere Erwartung auf entsprechende Stellungnahmen katholischer und evangelischer BerlinerInnen ist natürlich uropisch. C.M.

1. Der Tagesspiegel (Dominik Mai) berichtet auch am 24.9.2026: 150 jüdische Berliner nehmen Linke in Schutz 

Mehr als 150 Berliner Jüdinnen und Juden haben sich in einem offenen Brief, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, hinter die Berliner Linke gestellt.
Unterzeichnet haben den Brief unter anderem die Publizistin Deborah Feldman, die Schriftstellerin Eva Menasse, Historiker Ben Miller, Philosophin Susan Neiman und Sängerin Peaches. Darin widersprechen sie der Darstellung, die Linke sei „gefährlich für Juden“ und „eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden“.

Antisemitismus gebe es in vielen Teilen der Gesellschaft. „Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich“, schreiben die Unterzeichner.

Weiter heißt es darin: „Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.“

Steigende Mieten, prekäre Beschäftigung, Überlastung von Schulen und Gesundheitssystem und wachsende soziale Spaltung erzeugten „genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch den Judenhass fördern“, heißt es in dem Brief weiter. Eine rot-rot-grüne Koalition hätte die Kraft, „die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen“, schreiben die Verfasser des Briefs. Eine solche Koalition sei „die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden“.  Die „Taz“ hatte zuerst über den Brief berichtet.

2. Der wichtige offene Brief: Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Berlin, den Tag nach der Wahl

Wir sind Berliner Jüdinnen und Juden und kommen aus unterschiedlichen Milieus; wir beten in unterschiedlichen Synagogen oder gar nicht; wir wählen unterschiedliche Parteien – und wir schreiben diesen Brief, weil wir in den vergangenen Wochen immer wieder dieselbe Behauptung gehört haben: Die Linke sei gefährlich für Juden, eine Koalition unter ihrer Beteiligung ein Sicherheitsrisiko für unsere Gemeinden. Wir widersprechen dieser Darstellung – nicht, weil wir die Sorgen kleinreden, sondern weil wir sie ernster nehmen, als es plakative Warnungen tun.
In einer Zeit, in der eine teilweise offen faschistische Partei quer durch Deutschland auf dem Weg zur Macht ist, entziehen sich die großen Publikumsmedien und (wichtige) Teile unserer eigenen jüdischen Gemeinschaft ihrer Verantwortung, wenn sie weiterhin so tun, als würde die Linke die größte Gefahr für jüdische Sicherheit darstellen. Wie alle Arten von Ressentiment und Vorurteil tritt auch der Antisemitismus in vielen verschiedenen Teilen der Gesellschaft auf. Und genau wie die anderen Formen von Gruppenhass wird er dort am gefährlichsten, wo er mit rechtsextremer Ideologie und mit den antidemokratischen Tendenzen und Konflikten zusammenfällt, die sich manchmal auch gewaltsam auf unseren Straßen Bahn brechen. Dass gerade die Linken ständig des Antisemitismus beschuldigt werden, ist nicht nur eine zynische politische Instrumentalisierung, sondern setzt beinahe jede Kritik an der israelischen Politik mit Antisemitismus gleich. Diese Flut an Anschuldigungen zielt darauf ab, andere Meinungen zu unterdrücken und das internationale Völkerrecht auszuhöhlen. Vor dem Hintergrund des überall anschwellenden Antisemitismus ist es nicht einfach eine neutrale Beobachtung, eine demokratische linke Partei herauszugreifen, sondern ein politisches Instrument, um Aufmerksamkeit ab- und umzulenken.
Uns beschäftigt etwas anderes mindestens genauso: Wie werden wir – und alle Berlinerinnen und Berliner – in dieser Stadt in den nächsten fünf Jahren leben? Steigende Mieten treffen jüdische Familien genauso wie alle anderen. Prekäre Beschäftigung, überlastete Schulen, ein Gesundheitssystem am Limit, wachsende soziale Spaltung – all das erzeugt genau jene gesellschaftlichen Spannungen, die auch  den Judenhass fördern. Wer soziale Missstände ignoriert, überlässt das Feld denen, die immer als erstes  nach Sündenböcken suchen. Eine Stadtregierung, die bezahlbaren Wohnraum sichert, öffentliche Daseinsvorsorge stärkt und soziale Ungleichheit spürbar reduziert, tut mehr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt – und damit auch für unsere Sicherheit! – als bloß eine demokratische Partei auszugrenzen.
Deshalb sagen wir: Die klar bessere Wahl für diese Stadt, auch für uns Juden, ist eine Koalition, die das sozialökonomische Programm ernst nimmt, das jetzt so dringend gebraucht wird. Nicht weil wir alle Positionen in der Linken oder irgendeiner anderen Partei teilen – das tun wir nicht, und wir werden weiter kritisch bleiben, wo es nötig ist. Sondern weil eine rot-rot-grüne Koalition die Kraft hat, die materiellen Ursachen gesellschaftlicher Spannungen anzugehen, während eine Fortsetzung des Status quo oder ein Rechtsruck diese Spannungen nur verschärfen würde.
Wir bitten die künftige Regierende Bürgermeisterin und ihre Koalitionspartner um zweierlei: Nehmen Sie unsere Sicherheit als das, was sie ist – eine rote Linie, keinen zynischen Spielball für Propaganda. Und nehmen Sie unsere sozialen Nöte ebenso ernst wie die aller anderen Berlinerinnen und Berliner. Beides gehört zusammen. Eine Stadt, die gerechter wird, wird zu einer Stadt, in der auch wir sicherer leben.

Berliner Jüdinnen und Juden für eine soziale und sichere Stadt

Unterschriftenliste:

Erstunterzeichner*innen / First Signatories
Nimrod Adam, Technologist
Udi Aloni, Film maker
Hila Amit, Autorin
Nadav Avruch
David Bakum
Gal Bar Nisan
Raz Bdv
Susanne Beer
Eliana Ben-David
Gilad BenDavid
Vered Berman, Ansprechperson zu Antisemitismus, Alice-Salomon-Hochschule
Dr. Sanders Isaac Bernstein
Michelle Bernstein, Yiddishist / Filmmaker / Writer
Raquel Elena Blum
Jacob Blumenfeld
Assaf Bondy
Julia Bosson, Editor-in-Chief, the Diasporist
Micah Brashear, Lehrer (AdL)
Amos Brison
Dalia Castel
Arun Chaudhary, Former Videographer for Barack Obama
Gal Chen, Analyst
Jordan Coll
Ben Cruchley, Musiker
Irene Dische
Emily Dische-Becker
Esther Dischereit, Schriftstellerin
Guli Dolev-Hashiloni
Tomer Dotan-Dreyfus, Autor, Publizist
Danit Dottan
Nika Dubrovsky, Director of David Graeber Institute
Michael Dunajevsky
Walter Einat
Max Elias
Debby Farber, Curator and researcher
Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
Dr. Noa Feldman
Orsolya Ferenczi
Nimrod Flaschenberg, Israelis für Frieden
Ruth Fruchtman, Autorin
Dr. Yael Gaulan
Tom Givol
Dr. Michal Givoni
Harry Glass, Executive Director, Berlin Atonal
Milena Glimbovski, Unternehmerin, Autorin
Maya Gorkin
Scott Grabell, Varietè Artist
Dr. Shany Grossman
Assaf Gruber, Artist and filmmaker
Nia Grünberg
Maya Guttmann
Karen Emma Haber, Schriftstellerin
Michal Halevy
Gali Har-Gil
Camille Hausken-Brates
Iris Hefets, Psychoanalytikerin
Naomi Heimann
Rafael Heimann
Rotem Heyman
Alma Itzhaky, Künstlerin
Hori Izhaki
Sarah Milena Jochwed
Michal Kaiser-Livne, Psychoanalytikerin
Noy Avinoam Katsman
Dr. Jordan D. Klein
Sonja Knüppel
Oded Korach
Omer Krieger, Artist
Na’ama Landau
Josef Laor
Jacob Lefton
Shay Lerner
Avisar Alon Lev
Naomi Levari
Nadine Levin
Dr. Romm Lewkowicz, Research Fellow, Max Planck Institute
Eyal Li
Shelly Lieber
Rapha Linden, Writer
Adi Liraz
Shoshana London Sappir
Dr. Jossef Loss
Avital Lutzky, Educator
Itamar Mann
Naomi Mark
Dr. Asher J. Mattern, Rabbiner
Eva Menasse, Schriftstellerin
Yael Merlini, Lehrerin
Dr. Ben Miller, Historiker, Autor; Vorstand, Schwules Museum
Yonatan Miller, Gewerkschafter
Elya Milner, PhD
Irit Mogilevsky
Laura Moser, Writer
Irit Naaman, Teacher
Etay Naor
Prof. Susan Neiman, Director Emerita, Einstein Forum/Senior Fellow, New York University
Merrill Nisker, Musician
Noki Olchovsky
Eli Osheorff
Shlomo Owen
Jonathan Peaceman, freier Journalist
Noam Perry
Einat Podjarny
Avraham Ramati
Tamar Raphael, Schriftstellerin, Lehrerin
Adam Raz, Historian
Prof. em. Dr. Fanny-Michaela Reisin
Theresia Rexeisen
Emilia Zenzile Roig, Author
Ron Rothschild
Robert Rotifer, Journalist und Musiker
Ryan Ruby, Writer
Gaia Saati
Dror Sadot
Alon Sahar, Founder, Staatsräson Monitor
Ravit Sandler Jaffe
Naftali Sappir
Michael Sappir, Writer
Tali Schaefer
Eran Schaerf, Artist
Feli Schuler, Studentin
Ben Schuman-Stoler, Kollo Media Founder, HEIST Founding Publisher
Charlotte Sebes
Jonathan Shamir
Nil Shani
Mati Shemeolof, Author
Or Shemesh
Milan Shiff
Gil Shohat, Historiker, politischer Bildner
Sonia Simmenauer
Walter Solon, Artist / Filmmaker
Lili Sommerfeld, Musikerin
Nirit Sommerfeld
Jacob Sperber, Public Relations
Shaked Spier
Maya Steinberg, Filmmaker
Adina Stern
Lilli Stern
Maayan Strauss
Eliad Vagner
Dr. Katharina Verleger
Joel Vogel, Artist
Emily Weingarten, Sozialarbeitende
Laura Weiss, Ärztin
Yehudit Yinhar, Artist
Dr. Or Yizhar
Dr. Kim Yuval
Lili Zahavi, Director
Roni Zahavi-Brunner
Roy Zinger, Marketing Specialist