Ideologien: Die treibenden Kräfte für politischen und religiösen Wahn

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14.9.2026.

1.
Wie schädlich sind Ideologien für die Menschheit ? Dies ist eine aktuelle, dringende politische Frage, aber auch eine philosophische Frage. Und darüber sollten wir Klarheit finden.

2.
Tatsache ist: Menschenverachtende Ideologien werden immer mächtiger, immer gefährlicher: Man beobachte die unzähligen Diktatoren; die sich allmächtig fühlenden Tech – Milliardäre; die sich Politiker, Präsidenten, nennenden Kriegstreiber; man denke an die Mitglieder extremer Parteien voller Feindbilder; an religiöse Gruppen, die meinen die absolute Wahrheit für alle zu haben… alle diese leibhaftig gewordenen Ideologien sind destruktiv für die Menschheit. Die von diesen Ideologien beherrschten Menschen wollen ihr schändliches Agieren in einem Nebel von angeblichen Wahrheiten als normal, als üblich, erscheinen lassen. Und viele unvernünftige Menschen glauben das.
Man denke weiter an die Faschisten und den Faschismus, die Nazi-Ideologen von heute, die Varianten des verheerenden Nationalismus, man denke an den Stalinismus, den Antisemitismus, an bestimmte Varianten der MAGA-Bewegung in den USA, an den Anti-Islam, die brutalen Anti-Gay- und Anti – Queer – Bewegungen, die Mafia und so weiter.
Sind aber Ideologien immer destruktiv und für die Menschheit gefährlich?

3.
Tatsache ist: Jeder Mensch baut sich im Laufe seines Lebens seine persönliche, individuelle geistige Welt auf: Diese sollte man subjektive Ideologie nennen. Vielleicht wird diese eigene, subjektive Weltdeutung im Laufe des Lebens korrigiert, vielleicht baut man sich dann – beeinflusst durch die Bildung, die Arbeitsstätte usw. – eine neue Ideologie zusammen: Man beachte also: Diese je individuelle Interpretation der Welt, des eigenen Lebens, ist die persönliche Ideologie. Und sie wird als „meine“ private Weltanschauung auch realisiert im Alltag, sie gehört insofern zum geistigen Leben des Menschen, ist also – philosophisch gesehen – notwendig.

4.
Ideologien entstehen in der Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen, die sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens stellt und, bewusst oder nicht explizit reflektiert, für sich beantwortet: Also diese existentiellen Fragen: Was ist wahr, was ist Wahrheit? Was ist gut und was ist böse? Was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen? Auf diese zentralen Fragen menschlicher Existenz gibt es keine immer schon vorgegebenen, „abrufbaren“ definitiven Antworten. Stets muss jeder die Antworten auf die genannten Fragen selbst suchen und, wenn „gefunden“, dann auch prüfen, ob sie für mein Leben und das Leben der anderen, auch der Menschheit, hilfreich sind. Diesen anspruchsvollen Prozess des je eigenen umfassend kritischen Denkens meinte Kant mit seinem Aufruf:„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

5.
Die genannten zentralen Fragen ( Was ist wahr, was ist Wahrheit, was ist gut und was ist böse, was ist schön und was ist hässlich, was ist Freiheit, Würde, Gleichheit der Menschen…) weisen auf die Ideale der Menschheit hin, oder, klassisch gesagt, auf „die Ideen“, also die allgemeinen Begriffe.
Diese Ideale der Menschheit sind im Geist der Menschen verwurzelt, auch Verblendete und Verbrecher müssen ihre abwegige Interpretation dieser Ideale noch als gut und wahr und schön für sich selbst wie für andere deuten, als Beitrag für die Würde und Freiheit der Menschen propagieren. Dies nur als Hinweis darauf, dass kein Mensch der Auseinandersetzung mit diesen Idealen oder Ideen entkommt.

6.
Hier kann nur kurz an den sprachlichen Ursprung von Ideologie erinnert werden: Man beachte die beiden Begriffe in der „Ideo – Logie“: Das bedeutet: Eine Ideologie ist der Logos der Ideale oder der Ideen, die individuelle Interpretation der Ideen und Ideale. Meine Ideologie ist mein persönlichen Logos der allgemeinen Idee.

7.
Aber diese genannten Ideale oder Ideen kann kein Mensch umfassend und eindeutig verstehen und auch eindeutig realisieren: Diese Ideale und Ideen (etwa: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Demokratie) sind etwas „Uneinholbares“ , nur „unvollständig Realisierbares“, etwas stets noch „Kommendes“, wie der Philosoph Jacques Derrida in seinem Spätwerk betonte.

8.
Wann kippen Ideologien um in Herrschaftsformen der Verbrecher, von denen zu Beginn dieses Hinweises die Rede ist? Wenn Menschen die Kontrolle ihrer persönlichen, privaten und individuellen Ideologie durch universell geltende Normen aufgeben: Diese Kontrolle: „Ob meine Ideologie zur Welt der humanen Menschheit passt oder nicht“, bietet etwa die Anwendung der Kategorischen Imperative von Immanuel Kant. Die verschiedenen Formen des Kategorischen Imperativs prüfen, ob meine Maxime, also meine eigene subjektive Ideologie, tatsächlich allgemeines Gesetz, humanes Gesetz für alle werden kann.
Es ist die Lust an der Destruktivität der genannten Verbrecher, die die Anwendung des universell geltenden Kategorischen Imperativs verhindert. Diese Leute sind um ihres wahnhaften Egos willen nicht imstande und haben keinen Willen, die normative Prüfung ihrer Ideologie zu leisten.

9.
Menschen, die den universell geltenden humanen Normen folgen, leben mit einer humanen Ideologie, etwa der Anhänglichkeit an die parlamentarische Demokratie als Ideal und als absolut hoch zu schätzende Idee. Es gibt selbstverständlich auch humane politische Ideologien. Dass auch sie gefährdet sind, ist deutlich: Einzelne Demokraten können die Ideale demokratischen Lebens und einer demokratischen Ideologie verraten…

10..
Unsere aktuelle politische, kulturelle, ökonomische und religiöse Situation ist als Kampf der Ideologien zu verstehen: Es gibt der Menschenwürde und den Menschenrechten entsprechende Ideologien und es gibt inhumane Ideologien. So lange Demokratien noch bestehen und Demokraten noch handeln können, sollte man genau wissen, wie Demokraten mit antidemokratischen Parteien umgehen. Herrschen erst einmal undemokratische Ideologien und deren Parteien, ist es zu spät für die Demokratie und die Demokraten. Noch ist es Zeit, mit den WählerInnen antidemokratischer Parteien in ein Gespräch zukommen, verblendete Parteiführer sind wahrscheinlich für ein vernünftiges Gespräch schon unerreichbar.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin