Spiritueller Missbrauch: Eine neue Dimension des Missbrauchs durch Priester, Ordensleute in Frankreich

Ein Hinweis von Christian Modehn am 12.9.2026

1.
In Frankreich haben am 7. September 2026 215 Opfer von ihrem „spirituellen Missbrauch“ Papst Leo einen Brief geschrieben: Sie  fordern den Papst auf, wirksame Mittel zur Überwindung dieser Form kleriker Herrschaft  zu veranlassen.

2.
Spiritueller Missbrauch ist eine Instrumentalisierung Gottes durch die Herrschaft von kirchlichen Vorgesetzten. Diese meinen, förmlich an der Stelle Gottes stehend, ihre Untergebenen seelisch belasten und quälen zu dürfen und zu Gehorsam und Unterwürfigkeit zwingen zu können. Das Motto dieser spirituellen HerscherInnen“: Wer den OberInnen folgt, folgt Jesus Christus. Totaler Gehorsam also. „Dieses Verhalten zerstört fundamental die Seele der betroffenen Menschen“, sagt die Psychologin und Spezialistin für diese „Fälle“ Isabelle Chartier – Siben der Tageszeitung La Croix. Der spirituelle Missbrauch darf angesichts der vielen tausend Fälle des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker nicht länger ignoriert werden, zumal der spirituelle Missbrauch oft auch in einem sexuellen Missbrauch führt, betonen die Betroffenen.

3.
Eine erstaunlich große Anzahl: 215 Laien, Priester und Nonnen, gehen in die Öffentlichkeit: Den Brief an den Papst haben alle unterschrieben, in die große Öffentlichkeit (der französischen Presse) gehen drei Opfer: Fabio Barber, Priester der „monastischen Familie von Bethlehem“, Gabriel Laguarigue de Survilliers, ehemaliger Mönch der „Gemeinschaft Saint Jean“ sowie die Theologin Benedicte Nolte de Brauwere aus der „Kommunität des Lammes“.
Die übrigen Unterzeichner des Briefes an den Papst haben nach wie vor Angst vor Repressalien seitens der Chefs ihrer Gemeinschaften, und meiden deswegen die große Öffentlichkeit, berichtet die Tageszeitung La Croix. Sie hat diesen Missbrauch am 7.9.2026 publiziert. Die Autorin des Berichtes in „La Croix“ schreibt: „Warum gerade jetzt an den Papst schreiben? Die Initiative der Unterzeichner erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Rom bereits im Jahr 2024 die Auseinandersetzung mit dem Thema „geistlicher Missbrauch“ in Angriff genommen hat. Seit zwei Jahren arbeitet eine kleine gemeinsame Arbeitsgruppe des `Dikasteriums für die Glaubenslehre` und des `Dikasteriums für Gesetzestexte` daran, spirituellen Missbrauch im kanonischen Recht anzuerkennen. Dabei soll insbesondere geklärt werden, ob ein spezifischer Straftatbestand geschaffen oder bestehende Straftatbestände präzisiert werden müssen, um diese Situationen besser zu erfassen.
Gerade weil diese Überlegungen im Gange sind, wollen sich die Unterzeichner Gehör verschaffen: Soe sagen:  „In diesen Studienkreisen sind die Opfer kaum vertreten. Man betrachtet sie weiterhin als Menschen, denen man Mitgefühl entgegenbringt, aber nicht als Experten, die in der Lage sind, über das, was sie erlebt haben, nachzudenken und es zu entschlüsseln“, bedauert Fabio Barbero. Der ehemalige Ordensbruder fordert „mehr Transparenz“ und vor allem, dass die Opfer wirklich in die Arbeit einbezogen werden, „nicht nur, um eine Statistenrolle zu spielen.“ 
…Doch der Weg scheint lang und heikel zu sein, wie aus einem Interview hervorgeht, das Kardinal Victor Manuel Fernandez, Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, im Januar 2025 der spanischen katholischen Wochenzeitung „Alfa y Omega“ gewährte.(Übersetzt durch deepl.com)

4.
Wichtig ist auch die Veröffentlichung der Namen der der betroffenen Gemeinschaften, siehe die aus La Croix übernommene Liste in Fußnote 1.

Dabei ist auffällig, dass als `Täter – Organisationen` viele offiziell so genannte „neue geistliche Gemeinschaften“ vertreten sind. Diese haben durchaus befremdliche, mysteriös – fromme Titel. Aber man unterschätze nicht den Einfluß dieser Gruppen auf die französische Kirche: Diese Gemeinschaften leiten Pfarr – Gemeinden, betreuen Wallfahrsorte, haben Priesterseminare, bieten allerlei Besinnungstage für Laien an usw… Auch etliche französische Bischöfe gehören etwa zur sehr konservativen Gemeinschaft `Emmanuel`. Zum Beispiel Bischof Dominique Rey, der von Papst Franziskus wegen allzu reaktionären Regierens „seines“ Bistums als Bischof von Toulon abgesetzt wurde. Diese genannten Gruppen, in den bisher spiritueller Missbrauch bekannt wurde, sind meist sehr konservativen, sehr papsttreuen, sehr charismatisch: Sie wurden wurden – wen wundert es – von Papst Johannes Paul II. aufs höchste gelobt: Sie seine die wahren Missionare Europas, sie seien so zuverlässig katholisch usw…

Kardinal Joseph Ratzinger sagte 2005 ganz enthusiastisch (naiv): „Diese kirchlichen Bewegungen (die neuen geistlichen Gemeinschafte)  verheißen neue Möglichkeiten: Hier kommt ein Suchen nach der Mitte zum Vorschein, das die Diagnose vom Ende des Religiösen Lügen straft und Wege neuen Lebens aus dem Glauben anbahnt, in denen sich die unerschöpfliche Fruchtbarkeit des Glaubens erneut bewährt.“ (Quelle: Joseph Ratzinger, „Theologische Prinzipienlehre“, 2005, S. 394.

„Gezeigt hat sich“ hingegen, de facto, „die unerschöpfliche Fruchtbarkeit“ sexuellen und spirituellen Missbrauchs in den meisten dieser Gemeinschaften..

Seit etwa 10 Jahren sind viele Fälle heftigen sexuellen Missbrauchs in diesen so hoch gelobten Gemeinschaften öffentlich bekannt. Diese Freilegung dieser Verbrechen führte zu einer tiefen Krise der (Glaubwürdigkeit der) katholischen Kirche in Frankreich.  Zum Niedergang der katholischen Kirche in Frankreich: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/16606_wenn-der-klerus-die-glaeubigen-vertreibt-der-zusammenbruch-der-katholischen-kirche-in-frankreich-heute_aktuelles

5.
Und das alles wird öffentlich wenige Tage vor dem Besuch Papst Leos in Frankreich: Vom 25. bis 28. September 2026 wird er Lourdes, Paris und Metz besuchen: Die Anmeldungen zur Teilnahme an seinen vielen Messen und Gottesdiensten dort gehen in die vielen tausend. Auf der riesigen Place de la Concorde wird es eine Messe für die 500.000 bis 600.000 frommen Massen geben… 27 Millionen Euro wird die drei-tägige so genannte “Pilgerfahrt“ kosten.

Kann mit einer halben Million Teilnehmer die Eucharistie, die Erinnerung an das Abendmahl Jesu von Nazareth, gefeiert werden? Oder wird da die Eucharistie zur Demonstration der Macht und Herrschaft der katholischen Kirche in einem weltlichen („laique“) Staat? Als Kult eines „Führers“, des Papstes?
6.
Ob der Papst einige Opfer des spirituellen Missbrauchs in Frankreich trifft, ist offen.
Das aber steht fest: Die Freilegung des spirituellen, man sollte eher sagen seelischen Missbrauchs in diesen einst offiziell so vorbildlich gepriesenen Gemeinschaften ist eine Katastrophe nicht nur für die französische Kirche. Aber die frommen Massen, offenbar die dogmatisch stabilen „Hardliner“, lassen sich davon nicht beeindrucken. „Es menschelt halt bis zu Gott“, heißt ihre tröstende (?) Weisheit.

7.

Spiritueller, geistlicher Missbrauch ist nicht nur ein Problem der Kirche in Frankreich, im Bistum Münster wird  eine entsprechende Studie veröffentlicht: LINK: https://katholisch.de/artikel/70293-studie-zu-geistlichem-missbrauch-in-muenster-wird-vorgestellt

Fußnote 1: Die Betroffenen Gemeinschaften des spirituellen Missbrauchs, entnommen von la Croix am 7.9.2026:

Alliance des Cœurs unis, Bénédictines de Montmartre, Carmel de Simacourbe, Carmel du Reposoir, Carmel de Toulouse, Carmel,
Cisterciens de Sept-Fons,
Les Communautés de L’ Agneau, de l’Emmanuel, des Béatitudes, du Chemin Neuf, du Pain de vie, du Verbe de Vie,
consacrées du Regnum Christi (Laien der Legionäre Christi),
Communautés Saint-Jean, Communauté Saint-Martin,
Communion et libération, Compagnie de Jésus province de France (Jesuiten),
Famille de Marie Œuvre de Jésus Souverain Prêtre, Religieuses de l’Assomption,
Famille missionnaire de Notre-Dame, Famille monastique de Bethléem, Focolari, Fondacio, Foyers de Charité, Fraternité Eucharistein, Fraternité de Marie Reine Immaculée,
Fraternités monastiques de Jérusalem (St. Gervais, Paris), Fraternité Verbum Spei, Institut du Christ Roi Souverain Prêtre, Institut Notre-Dame de Vie,
Légionnaires du Christ,
Maria Stella Matutina,
Opus Dei,
Point Cœur, Sœurs Missionnaires de la Charité, Séminaire Saint-Luc d’Aix-en-Provence.

Quelle: https://www.la-croix.com/religion/abus-spirituels-d-anciens-membres-de-communautes-demandent-au-pape-des-reponses-fortes-20260907

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