Einfach glauben.Eine Ra­dio­sen­dung am 19.Februar 2017

Einfach glauben: Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen.

Eine Ra­dio­sen­dung in der Reihe „Glaubenssachen“ auf NDR Kultur um 8.40 Uhr am Sonntag, den 19. Februar 2017.
Von Christian Modehn. Die Sendung kann man noch hören, klicken Sie hier.

In ihrer 2.000-jährigen Geschichte haben die Kirchen ein umfassendes Gebäude aus Lehren und Geboten, Gesetzen und Bekenntnissen entwickelt. Der christliche Glaube wurde hoch komplex und deswegen für den einzelnen kompliziert. Dabei hatte Jesus von Nazareth nur das „eine Notwendige“ fürs Lebensglück vorgeschlagen: die Liebe zu Gott sowie die Selbst- und Nächstenliebe. Heute fordern immer mehr Theologen und Philosophen: Entdecken wir den einfachen Glauben wieder. Welches Profil hat er? Einfach im Sinne von leicht wäre dieser „einfache Glaube“ sicher nicht. Befreiend aber allemal.

Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und viel Nazi – Wahn!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.12.2016.

Am 21.April 2026: Anläßlich des 50. Todestages von Martin Heidegger am 26. Mai 2026 empfehlen wir zur „Einstimmung“ oder auch zum „Abschied von Heidegger“  unsere etwas ausführlichere Buchbesprechung von 2016. Weitere kritische Heidegger-Hinweise  des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin“ liegen schon vor, ein weiter Hinweis folgt alsbald. CM.

1.
Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl. Jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namenstags – Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefwechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt: „Durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger als den „einzigen Menschen“, kommt förmlich die Erlösung durch die ihm gewährte Gnade der Seyns-Hörigkeit.

2.
Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.
Dieses kleine Zitaten – Beispiel zeigt, wie dringend tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

3.
Man ist ziemlich erstaunt, dass der sich liberal nennende Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber auf dieses Projekt einließ. Meines Wissens trat Homolka als Heidegger Forscher bisher nicht hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Herder- Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner als Herausgeber gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers. Vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben.
Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Istver ein Kenner des umfassenden Werkes des Opas?n Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“.

4.
Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am dort 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomas-Tag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird abermals deutlich: In eher etwas links und kritisch angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts“, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…
In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird.

5.
Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, der so gern Heidegger mit Heideggers eigenen Wort zu erklären versuchte, in dem Buch nicht zu Wort kommen konnte. Er hätte uns erklären können, warum er lang und breit ein so wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang am 13.1.2013 führen konnte, über YOUTUBE noch 2026 erreichbar. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum………
Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br.: Warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

6.
So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald – Liebe gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung.

7.
Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger – Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

8.
Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…
Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (S. 129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

9.
Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich so genannte „wesentliche Winke“ gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert.“ Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

10.
Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)
Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?
Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht haben…
Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

11.
Es ist deutlich geworden, dass dieser unser Hinweis leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten leider keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden.
Auf einen Text soll doch noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman (Potsdam) hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt…Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“
Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

12.
Über die stets ungebrochene Liebe, Zuneigung, der jüdischen Philosophin Hannah Arendt für ihren Lehrer und Liebhaber Martin Heidegger, auch nach 1945, wäre ausführlich zu forschen. Ob man bei dieser von unerschütterlicher Liebe diktierten Bindung Arendts jemals etwas klarer sieht, ist wohl fraglich. Vielleicht schätzte Hannah Arendt das radikale Fragen des frühen Heidegger, etwa im Umfeld von „Sein und Zeit“. Die „Schwarzen Hefte“ konnte sie noch nicht kennen. Aber sie wusste doch vieles von der Nazi Bindung Heideggers. Und liebte ihn wohl „trotzdem“ weiter, sie suchte seine Nähe bei ihren Besuchen in Deutschland nach 1945…

Siehe auch unseren Beitrag „Die große Irre“… über eine Broschüre des Heidegger Spezialisten Peter Trawny: LINK 

Siehe auch unseren Beitrag zu einer wichtigen Broschüre von Peter Trawny über Heidegger als esoterischer Philosoph, vielleicht ist das ein möglicher Schlüssel zum verqueren Alterswerk Heideggers (seit 1933) . LINK 

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kardinal Arns: Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums

Ein Hinweis von Christian  Modehn

Der brasilianische Kardinal Paulo Evaristo ARNS ist am 14.12.2016 gestorben. Er war einer der wesentlichen Freunde der Befreiungstheologie, ein Anwalt der Armen, ein progressiver Theologe auch als Kardinal. Deswegen war er unter dem polnischen Papst Johannes Paul II. und den reaktionären Kardinälen wie Hengsbach und Lopez Trujillo, beide Opus-Dei (Freunde), eher sehr unbeliebt. Kardinal Arns wurde wegen seines politischen Engagements zugunsten der Menschenrechte der Armen verleumdet von Bischöfen und Prälaten, aber auch von konservativen Politikern. Sie hatten ein gemeinsames grundlegendes, aber falsches Credo: „Befreiungstheologen sind linke Theologen also Marxisten also Kommunisten“. Diese neurotische Angst machte sie blind, für die umfassende Befreiung der Armen einzutreten… und die gerechte Gesellschaft als eine materielle Gestalt christlicher Erlösung anzuerkennen. So blieben Leute wie Johannes Paul II. befangen in einer spiritualistischen Sicht der Erlösung; zudem hatten sie Angst vor den Basisgemeinden als den Orten des gelebten allgemeinen Priestertums, wo Laien, auch Frauen!,  eben kompetent werden für die Leitung der gemeinden… Diese Ängste vor den Basisgemeinden hatte Arns nicht! Er hat unter der römischen und z.T. konservativ-brasilianischen Kirchenführung gelitten; er hat darunter gelitten, dass die römische Kirche die Menschenrechte innerhalb ihrer eigenen Organisation nicht akzeptiert.

Als sein nach wie vor aktuelles, bleibendes Vermächtnis, auch religionsphilosophisch interessant, kann sein Statement gelten, das mir Kardinal Arns für den Hörfunk der ARD Mitte der 1980 Jahre in Münster gab:

Kardinal Arns: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Babylon-Mythos und Wirklichkeit. Zu dem neuen Buch von Frank Kürschner-Pelkmann

„BABYLON – Mythos und Wirklichkeit“

Herr Kürschner-Pelkmann, Sie haben gerade jetzt wieder ein Buch veröffentlicht, das der kritischen Information, der Aufklärung, dient. Diesmal wollen Sie die LeserInnen mit den wahren Verhältnissen in der so vielfach gescholtenen Groß-Stadt BABYLON konfrontieren und Vorurteile in Frage stellen. Darum hat Ihr Buch BABYLON den treffenden Untertitel: „Mythos und Wirklichkeit“. Beginnen wir beim Mythos: Was ist denn der wichtigste, der extrem falsche, möchte ich sagen, Mythos unter den vielen Mythen, bezogen auf Babylon?

Viele Menschen glauben immer noch, dass die biblischen Geschichten vom sündigen Babylon und seiner Zerstörung einen historischen Hintergrund haben. Das ist problematisch, denn ein solches Verständnis dieser biblischen Geschichten verbaut den Zugang zu dem, worum es in der biblischen Botschaft geht.

Die Geschichten über Babylon können als Glaubensgeschichten verstanden werden, die gläubige Menschen vor Jahrtausenden aufgeschrieben haben, um ihren israelitischen Mitmenschen das Wunderbare der Existenz des einen Gottes nahe zu bringen. Im babylonischen Exil mussten sie mit den traumatisierenden Erfahrungen der Verschleppung und des Exils fertig werden. Wen kann es da wundern, dass sie auf göttliche Rache und die Vernichtung der Feinde hofften und dies auch aufschrieben? Aber wir sollten heute unsere Hoffnungen nicht auf einen brutalen und rachsüchtigen Gott setzen, sondern können diese biblischen Texte historisch einordnen und in ihrer Zeitgebundenheit verstehen.

Der „Turmbau zu Babel“ ist ein weit verbreiteter Mythos, möchte man meinen. Was ist Ihrer Meinung die Wahrheit über den Mythos Turmbau zu Babel?

Wir müssen uns dafür die Situation der aus Jerusalem verschleppten Israeliten bewusst machen. Als sich ihr Zug der Stadt Babylon näherte, erblickten sie gewaltige Stadtmauern und einen riesigen Turm, der alles überragte. Dann kamen sie in eine fremde Stadt, in der ein verwirrend buntes Leben herrschte und viele Sprachen zu hören waren. Das musste die Neuankömmlinge zutiefst verunsichern. Bald waren sie selbst Teil dieser multikulturellen Gesellschaft, und viele von ihnen fürchteten, ihre Identität als Volk und als religiöse Gemeinschaft zu verlieren. Die Geschichte vom unvollendeten Turmbau sollte der realen Macht der Babylonier die Glaubensüberzeugung entgegenstellen, dass diese Großmacht nicht von Dauer sein würde und ihre Machtsymbole nicht in den Himmel reichten.

Das Gegenüber bzw. Gegeneinander von Jerusalem und Babylon, also von der gottesfürchtigen und der heidnischen, gewalttätigen Stadt, hat ja auch in der christlichen Theologie und Predigt eine lange anhaltende Beliebtheit. Wie erklären Sie sich die gedankenlose Gegenüberstellung?

Es ist in Predigten immer effektvoll, Gut und Böse einander schroff gegenüberzustellen. Und die Rolle des Bösen übernimmt dabei allzu häufig das „sündige“ Babel mit dem „Bösewicht“ König Nebukadnezar. Nicht nur Archäologie und Altorientalistik haben längst nachgewiesen, dass dies ein Zerrbild der Stadt am Euphrat und seines bedeutenden Herrschers ist, sondern auch die theologische Wissenschaft hat dieses Bild korrigiert. Aber leider ist die Versuchung weiterhin groß, in Predigten bei Schwarz-Weiß-Gegenüberstellungen stehen zu bleiben.

Sie zeigen in Ihrem Buch ausführlich, dass Babylon zwar keine Musterstadt war, welche Stadt ist das schon, sondern eine lebendige multikulturelle, durchaus kreative Kultur-Stadt, was verdanken wir heute denn noch Babylon?

Auch andere Völker beobachteten Naturphänomene wie den Lauf der Gestirne. Aber die Babylonier haben dank ihrer Jahrhunderte langen systematischen Beobachtungen und deren Notierung auf Keilschrifttafeln erkannt, wie die Sterne sich auf berechenbaren Bahnen bewegen. Sie waren auf dieser Grundlage zum Beispiel in der Lage, eine Sonnenfinsternis lange vorher anzukündigen. Die heutige Astronomie und Astrologie haben ganz eindeutig babylonische Wurzeln.

Die griechische Wissenschaft hat sehr stark von den Erkenntnissen babylonischer Gelehrter profitiert. So beruht zum Beispiel der Satz des Pythagoras auf mathematischen Berechnungen, die schon Schulkinder in Babylon gebüffelt haben. Übrigens geht auch unsere Aufteilung der Stunde in 60 Minuten mit je 60 Sekunden auf babylonischen Festlegungen zurück. In der babylonischen Rechenkunst hatte die Zahl 60 eine zentrale Stellung.

Offenbar ist die Unkenntnis über das wahre, frühere Babylon immens. Sie berichten in Ihrem Buch, dass westliche Soldaten jetzt achtlos mit den Resten des alten Babylon umgehen. Was ist da passiert?

Als amerikanische Truppen im Irakkrieg das Land eroberten, richteten sie ausgerechnet in den Ruinen von Babylon eines ihrer Hauptquartiere ein. Rücksichtslos fuhren sie mit gepanzerten Fahrzeugen kreuz und quer zwischen den antiken Ruinen herum. Auch legten sie auf archäologisch noch gar nicht untersuchtem Gelände Schützengräben an. UNESCO-Experten waren entsetzt, als sie die Spuren dieses Zerstörungswerkes zu Gesicht bekamen. Das amerikanische Vorgehen war Ausdruck einer völligen Missachtung fremder Kulturen und Religionen.

Und die Keilschrifttafeln, können die noch gerettet werden?

Viele Keilschrifttafeln befinden sich heute in europäischen oder irakischen Museen. Aber es gibt einen florierenden illegalen Markt für solche Tontafeln, und Raubgräber nutzen die Bürgerkriegssituation, um ihre Funde an ausländische Sammler zu verkaufen. Auch der „Islamische Staat“ mischt hier mit. Dadurch gehen der Wissenschaft viele Informationen verloren, die es ermöglichen würden, das Leben in Babylon noch besser zu verstehen.

Wer die Reste des alten Babylon heute zerstört, etwa die IS, der will das Bild, wenn nicht das Vorbild, einer uralten (!) multikulturellen Stadt zerstören?

Babylon selbst ist noch nicht durch den Bürgerkrieg zerstört worden, wohl aber Ruinen in anderen irakischen und syrischen Ausgrabungsstätten. Für den IS spielt dabei eine wichtige Rolle, dass Kulturen wie die in Babylon dadurch geprägt waren, dass Menschen aus unterschiedlichsten Völkern und Religionsgemeinschaften friedlich zusammenlebten. Vielfalt war geradezu das „Erfolgsgeheimnis“ Babylons. Genau eine solche Vielfalt wollen Gruppierungen wie der IS bekämpfen und vernichten.

Sollten sich religiöse Menschen, auch Christen, heute zu Babylon bekennen und sagen: Die uralte Kulturstadt wollen wir ehren und respektieren?

Viele Christinnen und Christen haben inzwischen gelernt, anderen Weltreligionen mit Respekt zu begegnen. Das ist schon deshalb wichtig, weil wir mit Menschen dieser Glaubensgemeinschaften heute Tür an Tür leben. Aber es ist auch für die Menschen im Irak von Bedeutung, wenn wichtige historische Persönlichkeiten wie Nebukadnezar immer wieder diffamiert oder die babylonische Kultur und Religion herabgewürdigt werden. Babylonien und Assyrien sind von immens großer Bedeutung für ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein und eine gemeinsame Identität des zerrissenen und zerstörten Landes. Für uns alle gilt: Von Babylon lernen heißt, Vielfalt zu schätzen und als Reichtum zu begreifen.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ empfiehlt sehr für private Lektüre und Studium, aber auch für die Gruppenarbeit das neue, spannend zu lesende, vielseitige und aktuelle Buch von Frank Kürschner-Pelkmann:

„Babylon. Mythos und Wirklichkeit“. Steinmann Verlag, Rosengarten bei Hamburg. 2015, 239 Seiten, 24,80 Euro.

ISBN: 978-3-927043-65-7

 

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt. Zur „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Die große Irre – oder: Wie Heidegger sich philosophisch für schuldlos erklärt

Zur Broschüre „Irrnis-Fuge“ von Peter Trawny

Von Christian Modehn, am 22.2.2015

1,

In den „berühmten“ „Schwarzen Heften“ dokumentiert Martin Heidegger seit den neunzehnhundertdreißiger Jahren selbst ganz offen seinen Antisemitismus. Der Philosoph Peter Trawny, Professor an der UNI-Wuppertal und Leiter des dortigen, von Martin Heideggers Erben mit-finanzierten (siehe Fußnote 1)) „Martin-Heidegger-Instituts“, ist der Herausgeber dieser erst vor einem Jahr publizierten sehr umfangreichen und ausführlichen Notizen Heideggers. In seinem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ (Klostermann Verlag, 2014) nennt Trawny die „Schwarzen Hefte“ den „wahrscheinlich intimsten Text Heideggers“ (S. 98). Von der Shoa ist in den Heften keine Rede, betont der Kenner der Schwarzen Hefte, Peter Trawny. In seinen Bremer Vorträgen (1949) deutet Heidegger an, dass er selbst sich „schmerzlos“ fühlt angesichts des maßlosen Leidens der Shoa. „Schuld“ an dieser Unbetroffenheit und Unberührtheit sei aber nicht er selbst, seine Person also, sondern schuld seien die objektiven Zusammenhänge der Seinsgeschichte, vor allem in der Macht der modernen Technik, die wiederum nur „objektiv“, also nur seinsgeschichtlich, zu verstehen sei.

2.

Heidegger zieht sich also, umgangssprachlich formuliert, „aus der Affäre“. Er möchte, von seiner eigenen Philosophie geschützt und freigesprochen, sozusagen ungerührt die ermordeten 6 Millionen Juden und die anderen von Nazis ermordeten Menschen bloß zur Kenntnis nehmen.

3.

In dem Buch „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ spricht Trawny klar und nachvollziehbar davon, „dass nicht wenige Dimensionen Heideggers Denken kontaminiert erscheinen“ (S. 99). Er geht sogar, richtig und treffend in unserer Sicht, so weit zu behaupten, dass eine institutionelle Krise von Heideggers Denken bevorsteht“ (100)! Mit anderen Worten: Dass das Studium der Schriften Heideggers ab sofort unter ganz neuen und ganz anderen Voraussetzungen stattfinden muss. Was das heißt, haben Trawny und andere Heidegger-Deuter bisher nicht weiter vertieft, von einem neuen hermeneutischen Ansatz „nach den Schwarzen Heften“ nichts zu spüren, geschweige denn, dass die große Heidegger Gemeinde in irgendeine Form der Selbstkritik und des Abstandnehmens gerät. Günter Figal, Freiburg, ist da wohl die Ausnahme.

Mit um so größerem Interesse wendet man sich der offenbar zeitlich nach „Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung“ verfassten kleinen Studie Peter Trawnys zu, sie hat den sehr heideggerianischen, d.h. dem Insider verpflichteten Titel „Irrnisfuge. Heideggers An-archie“, erschienen 2014 bei Matthes und Seitz. Da rutscht Trawny in die von ihm früher schon einmal kritisierte esoterische Sprache zurück. Er schreibt, das deutet schon der Titel an, für den kleinen Kreis der „Eingeweihten“. Mit einer solchen Engführung ist aber angesichts der Probleme rund um die „Schwarzen Hefte“ fast keinem gedient, vielleicht der Familie Heidegger und dem Kreis um Friedrich Wilhelm von Herrmann, die jegliche kritische ( !) Edition der Heidegger Werke bekanntlich unterbinden!

Esoterischen Nebel zu verbreiten verbietet sich für jede ernstzunehmende Philosophie.

4.

Diese Broschüre Trawnys ist in unserer Sicht eine große Enttäuschung. Man muss bereits Heidegger vorwärts und rückwärts gelesen haben, um die Äußerungen Trawnys zum Thema zu verstehen. Es geht ja, noch einmal, grundsätzlich um die Frage, wie in der eigenen Philosophie Heideggers, besonders in seiner Interpretation von Wahrheit und Irrtum, selbst die Wurzel liegen kann für sein völliges DES-Interesse an der Auslöschung des Judentums bzw. noch vorausliegend für sein bis 1945 ausdauerndes Gebundensein an die NSDAP.

Unserer Meinung werden Irrnis und Fuge etwa, schon der Titel, nicht in allgemein nachvollziehbarer, also in NICHT- esoterischer Sprach erklärt. Es geht bei den Begriffen um das eigenartige Verständnis von Wahrheit bei Heidegger, das nichts mit Richtigkeit im logischen Sinn gemeinsam hat. Vielmehr meint Heidegger dem Logischen vorausliegend Wahrheit als Unverborgenheit verstehen zu können. Wenn etwas aber un-verborgen ist, dann, so folgert er dann doch irgendwie noch logisch, muss es auch Verborgenes geben. Wahrheit spielt sich also in einem Gegeneinander von Verborgenem und Unverborgenen ab. Mit dem Respekt vor dem Verborgenen muss dann aber eingestanden werden: Es gibt ein „Gegenwesen,“ sagt Heidegger, also eine Art lebendige (Irrtums) Macht gegenüber der Wahrheit. Das heißt noch einmal: Dieses Gegenwesen ist der Irrtum, die Irre, wie der Schwarzwälder Meister sagt, daraus folgert er dann: „Der Mensch ist der Irre unterworfen“, so heißt es kurz und bündig im „Heidegger Handbuch“ (Hg. von Dieter Thomä u.a., Stuttgart 2005, Seite 131). In dieser gar nicht esoterischen Sprache, sondern in deutlicher Sprache haben wir eine Art nachvollziehbare Definition der Irre bei Trawny nicht gefunden.

Trawny bietet fast nur den großen Meister immer wieder repetierende Sätze, also in einer Sprache, die so dicht unmittelbar Heidegger, dem Meister, folgt, dass weite Strecken des Trawny Textes wie eine zusammenfassende Paraphrase erscheinen. Wem ist damit gedient?

Die Broschüre Trawnys kennt keine Kapitelgliederung, was unangenehm auffällt, denn Kapitelgliederungen sollten doch einem ca. 80 Seiten umfassenden Texte üblich sein.

5.

Aber, noch einmal, am schwersten wiegt die – eben Heidegger repetierend – verschleiernde Sprache. So schreibt Trawny auf Seite 45 über das auch Heidegger bekannte Buch „Der Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler: „Der Untergang ist in der Geschichte des Seyns (sic!) nie ein Ende, sondern der Beginn. Das aber könne nur dort sein, wo das Aufgehen, ereignishaft entsprungen, in die Huld der Wahr-heit (sic) des Seyns (sic) reiche“. Man kann doch nicht im Ernst Heidegger nicht mit Heideggers Worten erklären, das gilt wohl allgemein für alle Interpretationen. Die enge sprachliche (und damit im Denken gegebene) Verbundenheit mit Heidegger wird auch deutlich, wenn Trawny schreibt: „Die Orientierung an der Dichtung, natürlich zuerst an Hölderlin, hat Heidegger soweit getrieben, dass ihm nur die Wenigsten gefolgt sind und folgen werden“. Darauf folgt der entscheidende Satz Trawnys: „Doch sie bleiben weit zurück“. Also: Diese Leute sind, Verzeihung, also eigentlich die Blöden. (S 61).

 

6.

Wichtig bleibt hingegen der Hinweis Trawny, dass Heidegger als Philosoph offenbar alles Empirische, Historische für sich als „Denker“ irrelevant fand. Trawny schreibt: „Will Heidegger etwas über Russland erfahren, liest er keine statistischen Erhebungen über Stadt und Land, sondern Dostojewski. Dasselbe gilt natürlich auch für Deutschland: Was deutsch ist, dichtet Hölderin. (S. 44). Man könnte also in diesem Sinne weiter fortfahren: Was Demokratie ist, sagt uns Platon. Was Mathematik ist, sagt uns Euklid…. So viel Abweisung alles auch aktuell Empirisch-Faktischen blamiert wohl eher einen Denker, der sich für groß hielt. Wer so Philosophie betreibt, schadet der Sache der Philosophie! Hätte sich Heidegger auch ethisch, auch politisch, mit den Fakten rund um die NSDAP auseinandergesetzt, anstatt, mitten im 2. Weltkrieg, als die Öfen in Auschwitz nie ausgingen, etwa permament mit dem Dichter Hölderlin oder den Vorsokratikern, vielleicht wären die Schwarzen Hefte weniger schwarz, d.h. katastrophal für ihn als Menschen ausgefallen. Im Rahmen der Irrnis bzw der Irre hat Heidegger auch den Untergang gedacht: Er hielt es für möglich in der technischen Welt, wenn sich die Erde selbst in die Luft sprengt und dass das jetzige Menschentum verschwinde. Aber das sind ja weithin geteilte Überzeugungen. Heidegger hingegen sagt ergänzend: „Das sei kein Unglück, sondern die Reinigung des Seins durch die Vormacht des Seienden“. Kommentar von Trawny: „Eine Sintflut muss kommen, um den Dreck der Geschichte wegzuspülen“. Aber diese Auslassungen Heideggers findet selbst Trawny „philosophisch nicht der Rede wert“ (47). Er will seinen Meister überhaupt aus dem Bereich der Philosophie befreien und eher in der Dichtung ansiedeln, offenbar, weil dort ungeschützter vieles einfach so gesehen, so erfahren, geahnt und behauptet werden kann…Der esoterische Poet (Heidegger) entzieht sich einfach der in seiner Sicht banalen, logischen Kritik. Er ist ja der Große, „der groß denkt“ und deswegen, so Heidegger, „auch groß irren muss“ und wohl auch irren darf. Dem Poeten verzeihen wir alles, vermutet wohl der Schwarzwälder Dichter-Denker…

7.

Aber der entscheidende Trick Heideggers muss wohl als solcher benannt werden: Er baut sich selbst eine Philosophie, die ihn rundherum schuldlos erscheinen lässt. Heidegger hat sich seit 1930 bis zum Lebensende eine Philosophie erdacht, „zusammengebaut“, in der er selbst als der selbst ernannte „Hüter des Seins /Seyns/“ in der Unverborgenheit die Wahrheit spürt, dabei aber auch die Irrnis, also den Fehler, die Unwahrheit erlebt und ihr ausgesetzt ist: Das Irren gehört dann entschuldbar, weil schicksalhaft und unabwerfbar gegeben, wesentlich zum Philosophieren. Heidegger entkommt der Irre nicht, er muss förmlich irren.

Der arme Heidegger konnte also nichts dafür, dass er Antisemit werden musste, es war doch ein Seins/Seyns Geschick. Da hilft doch keine Logik und schon gar keine Ethik. Denn die Ethik ist doch auch durch die Irre verdorben… Heidegger entzieht sich mit seiner Philosophie der Verantwortung. Er tritt förmlich aus der allgemeinen Geschichte der (meisten) Menschen heraus. Er ist ein „Sonderfall“.

Ab Seite 65 folgen bei Trawny einige wenige weiter inspirierende und sicher wichtige Sätze, die sich alle immer noch verbliebenen absoluten Heidegger Fans hinter die Ohren schreiben werden: „Heidegger hat an keiner Stelle (der Schwarzen Hefte) signalisiert, er habe sich in jenen antisemitischen Passagen getäuscht“…“ Heidegger hat sich ohne Gewissensbisse zur unveränderten Veröffentlichung entschieden“: (67)

8.

Merkwürdig hingegen wieder die daran anschließende Äußerung Trawnys: „Der Irrende ist ohne Schuld. Der Gedanke, Heidegger hätte sich irgendwie für sein Denken entschuldigen könne, ist schwach“ (68). Warum ist dieser Gedanke schwach? Hatte denn Heidegger denn kein Gewissen? Hatte er denn kein Denken und Erkennen, das nicht einbezogen war in sein Seins-Denken? Gab es für ihn wirklich absolut und nirgendwo keine allgemeine Logik mehr? Oder hat er Logik und Ethik nur an den Stellen ausgesetzt, wo es ihm in seinen (politischen) Kram passte?

Diese neue Broschüre von Trawny „Irrnis Fuge. Heideggers Anarchie“ ist, von einigen exoterisch nachvollziehbaren Sätzen abgesehen, kein Buch, das Aufklärung, also Licht, bringt in die verworrene Situation der Philosophie Heideggers seit der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte.

Peter Trawny, Irrnisfuge. Heideggers An-archie“. Matthes und Seitz-Verlag, Berlin, 2014, 90 Seiten.

Zu Fußnote 1: WZ am 20. Jan. 2013 und Solinger Tageblatt 26.9.2014.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin. Christian Modehn

Der Islam gehört nicht zu Deutschland ??? Wenn das logische Denken versagt

Wenn das logische Denken bei einem CDU Poliitker versagt

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 26.1.2015.

In leicht veränderten Form liegt der Beitrag auch auf der website der Zeitschrift PUBLIK FORUM vor, die wir erneut empfehlen! Zur Lektüre dieses Kommentars und anderer aktueller Beiträge klicken Sie bitte hier.

Später hat der CSU „Spitzen“-Politiker Horst Seehofer ebenfalls behauptet: Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Sehr früh also wurden von CDU/CSU Politikern eine Abneigung gegen „den“ Islam  propagiert. Die Früchte dieser pauschalen Verachtung „des“ Islam sieht man heute an dn Wahlerfolgen der AFD… (notierz von Christian Modehn am 29.9.2025).

 

„Der Katholizismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings sind Katholiken willkommen und können ihre Religion ausüben“. „Auch der Atheismus gehört nicht zu Deutschland. Allerdings können Atheisten hier ihre Überzeugung ausüben“. Den logischen Unsinn dieser beiden Sätze erkennt jeder noch halbwegs denkende Mensch sofort. Den Katholizismus gibt es nur, weil und wenn es Katholiken gibt. Den Atheismus nur, weil und wenn es Atheisten gibt. „Der Katholizismus“ wie „der Atheismus“ sind allgemeine, rein gedankliche Begriffs-Konstrukte, die als solche und identisch-greifbar gar nicht vorkommen. Es gibt immer nur Menschen, die ihre jeweilige Überzeugung leben und öffentlich zeigen.

Selbst wenn in einer phänomenologischen Betrachtung Religionen analysiert werden, etwa in der Untersuchung ihrer grundlegenden Texte, sind es immer Menschen in unterschiedlichen Situationen und unterschiedlichen Zeiten (und Kenntnissen), die dann ein angebliches „Wesen“ ihrer phänomenologisch betrachteten Religion beschreiben. Eine konkrete Religion gibt es also nicht „an sich“, sondern immer nur in Verbundenheit mit Menschen, die diese Religion untersuchen und/oder dieser Religion als Gläubige folgen. Islam ohne Muslime gibt es also genauso wenig wie Muslime ohne Islam! Man kann nicht Muslime schätzen und „den“ Islam (naiv als eine Einheit verstanden) verachten.

Nun outet sich der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Sonntag, den 25. Januar 2015 in einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ als treuer Gefolgsmann der nur selten dem logischen Denken verpflichteten Pegida – Bewegung: Der Ministerpräsident sagt: „Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört“. Falls sich Sachsen nicht wieder als eigenständiges Königreich mit einem König Stanislaw dem Starken etablieren will, gehört Sachsen nach wie vor zum Rechtssystem der Bundesrepublik Deutschland. Dann kann der jedem logischen Denken ferne Satz des Herrn Tillich tatsächlich nur übersetzt werden: „Das bedeutet, dass der Islam nicht zu Gesamt-Deutschland gehört“.

Aber was heißt das eigentlich? Was will Tillich unternehmen, dass „der Islam“ nicht (länger) zu Deutschland gehört? De facto ist der Islam in Deutschland und (zahlenmäßig ganz schwach) in Sachsen vorhanden, in Moscheen, Bildungsinstituten und kleinen oder größeren Gebetsstuben, in Koranausgaben und Treffpunkten, wie Teestuben und Buchhandlungen. Vor allem ist der Islam präsent in den Muslimen. Sollen diese Institutionen also verschwinden, „weil sie nicht zu Deutschland/Sachsen gehören“? Das ist unmöglich, weil ein großer Teil der Muslime diese Institutionen gebaut haben und gebrauchen. Muslime in Deutschland haben zudem in großer Anzahl auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Darf man Deutschen ihre eigenen Institutionen nehmen? Bis jetzt ist das unmöglich.

Der Pegida-Satz des Herrn Tillich übersieht zudem, dass es „den Islam“ auch in Deutschland als einen festen einheitlichen Block nicht gibt. Es gibt Theorien und Theologien eines liberalen Islams, eines mystischen Islams, eines konservativen Islams, und, auch das, quantitativ eher schwach vertreten, eines fundamentalistischen Islams. Und es gibt die vielen Türken hier, denen die Bindung an „den Islam“ ziemlich gleichgültig ist, so wie es Hundertausende von Katholiken und Protestanten gibt, denen ihre Kirchenbindung nur am Heiligabend wichtig ist.

Aber diese sehr verschiedenen Ausprägungen des Islams gibt es nur, weil es Menschen gibt, die sie formulieren und zu Papier bringen. Logisch gesehen heißt das: Wer großspurig „den“ Islam hier nicht will, der will auch nicht diejenigen hier, die sich auf vielfache Weise an den Islam binden. Wer sagt, der Islam gehört nicht zu Deutschland/Sachsen, der will, ohne es schon direkt zu sagen, dafür sorgen, dass die Muslime hier verschwinden. Denn, siehe oben, „den Islam“ gibt es nur, weil es Islam-Gläubige gibt. Und er will eine noch rigidere und unmenschliche Asylpolitik, weil etliche Hilfe-Suchende aus islamischen Ländern stammen. Er will das angeblich brave (Pegida) Volk aufhetzen, wenn sich irgendwo „der Islam“ zeigt, etwa im Bau von Moscheen. Hingegen ist wohl Tillich dafür, dass Handelsbeziehungen zu den islamischen Staaten blühen, denn die bringen ja Arbeitsplätze auch in Sachsen.

Was Ministerpräsident Stanislaw Tillich betreibt, ist also eine versteckte Form des Rassismus: Muslime raus, könnte er im Klartext reden, doch dazu fehlt ihm wohl noch der Mut. In diesen Tagen denken wir an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 70 Jahren: Dabei denken wir daran, dass schon einmal in Deutschland propagiert wurde: Das Judentum passt nicht zu Deutschland, zum Abendland usw. Daraus wurde dann unverhohlen seit 1933 die tötende Botschaft: Die Juden als Juden passen nicht zu Deutschland. Dann wurden sie vertrieben und vergast.

Wie lange ist ein Ministerpräsident tragbar, der sich jedem logischen und damit humanen Denken verschließt? Der unlogische Propagandasprüche verbreitet? Sind ihm die Pegida Leute parteipolitisch wichtiger als Logik und Menschlichkeit? Wenn es Charlie Hebdo Zeichner in Deutschland gebe, würden sie wohl zeichnen: Eine Demonstration in Dresden, auf der alle die Schilder tragen mit der Botschaft: „Der Vorname Stanislaw passt nicht zu Sachen“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Als Background:

Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article136740584/Der-Islam-gehoert-nicht-zu-Sachsen.html

Welt am Sonntag: Die größte Sorge der Pegida-Bewegung ist die vermeintliche Islamisierung der Gesellschaft. Frau Merkel sagt nun in diesen Tagen ganz offensiv: Der Islam gehört zu Deutschland. Gehört der Islam auch zu Sachsen?

Tillich: Ich teile diese Auffassung nicht. Muslime sind in Deutschland willkommen und können ihre Religion ausüben. Das bedeutet aber nicht, dass der Islam zu Sachsen gehört.

 

 

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Heidegger – wie antisemitisch ist sein Werk?

Fortsetzung folgt

Von Christian Modehn

Mit Heidegger kommt kein Philosophierender wohl jemals an ein Ende, dafür ist sein Denken weithin z.B. zu „esoterisch“, d.h. verschlüsselt, dunkel, nebelig, d.h. bewusst der allen gemeinsamen Vernunft entzogen, wie auch der Spezialist Peter Trawny deutlich nachweist, zur Lektüre unseres Beitrags dazu klicken Sie bitte hier.

Auch die Klärung, seiner Verstrickung in Naziunwesen und Antisemitismus kommt zumal durch die Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ so schnell an kein Ende.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich mirt dem „Fall Heidegger“ beschäftigt, weil wir selbst durchaus etliche „Aspekte“ des Denkens Heideggers wichtig fanden und sicher noch auch finden. Die Gottesfrage „bei“ Heidegger hat uns immer beschäftigt.

Mehr noch bewegt jetzt die Frage, die ebenfalls nicht auf die Schnelle beantwortet werden kann: Ist das ganze Denken Heideggers, also spätestens seit Anfang der Dreißiger Jahre, vom Naziunwesen „verdorben“? Wer will bei der Fülle des Werkes darauf eine scchnelle Antwort geben? Sind alle diese riesigen Bücherberge, die über Heidegger geschrieben wurden, etwa zweitrangig, wenn nicht überflüssig geworden angesichts der Verblendetheit dieses Denkers? Karl Popper, eigentlich ein klarer Denker, war ja wohl explizit dieser Meinung. Und die ewig zitierte Hannah Arendt? War sie aus Liebe letztlich blind in diesem „Fall“

Vielleicht könnte man sich im kritischen Klären anfangs auf den Begriff der Schickung und der vom Meister empfohlenen gehorsamen.d.h hörenden Haltung dieser Seins-Schickung gegenüber konzentrieren, um das vielfach besprochene und immer deutlicher hervortretende anti-, zumindest a-ethisch Denken des Schwarzwälders zu dokumentieren. Wenn Heidegger nur auf die (mysteriöse) Seinsschickung hörte, sich vielleicht sogar „verhörte“, was er explizit nicht ausschließt, dann ist er eigentlich als diese einzelne Person Martin Heidegger für die eigenen politische Verirrungen und Antisemitismus nicht verantwortlich. D.h. er ist dann eigentlich nicht mehr ethisch „zurechnungsfähig“.

Am 16. Dezember 2014 haben wir auf dieser website auf die Grenzen, d.h. die von Heidegger selbst gesetzten Begrenzungen der Heidegger Forschung hingewiesen und dabei an die Tatsache erinnert, dass die „Gesamtausgabe“ von Heideggers Werken alles andere ist als eine kritische Gesamtausgabe.

Zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie bitte hier.

Nun geht die Diskussion weiter: Nach der Lektüre der Schwarzen Hefte ist der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Prof. Günter Figal, Freiburg i.Br., von diesem Posten zurückgetreten. Bei einer Lektüre der website dieser Gesellschaft am 22. 1. 2015 um 17.30 Uhr wird immer noch Günter Figal als Vorsitzender erwähnt, obwohl Günter Figal schon am 15. 1. 2015 auf SWR2 seinen Rücktritt besprochen hat. Nebenbei: Zum Kuratorium dieser Gesellschaft gehört als Vorsitzender Martin Heideggers Sohn Herrmann. Zur Heidegger Gesellschaft klicken Sie bitte hier.

Das Heft „Information Philosophie berichtet von der Ra­dio­sen­dung am 15.1. 2015: „ Figal wörtlich: „Die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus ist viel größer, als wir bisher wissen konnten, und das heißt, man muss unter diesem Gesichtspunkt die 30er-Jahre-Phase überhaupt erst mal gründlich erforschen. Und das kann man, sobald hinreichend Material dafür da ist“. Zu „Information Philosophie“ klicken Sie bitte hier.

Nun, das „Material“ ist ja eigentlich seit einiger Zeit, also auch schon VOR der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte, hinreichend da. Erstaunlich ist, dass offenbar die Last antisemitischen Denkens jetzt selbst für Günter Figal so unerträglich wurde, dass er jetzt eine Art Schlussstrich gezogen hat, immer offen lassend, was denn vielleicht noch „bleibt“ von Heideggers Denken.

Empfehlen möchten wir dringend das Sonderheft des „Philosophie Magazines“, das im Januar 2015 erschienen ist zum Thema „Die Philosophen und der Nationalsozialismus“, 2015, 98 Seiten, 9,90 Euro. Wir zitieren aus einem empfehlenswerten Beitrag von Dirk Pilz in der Frankfurter Rundschau zu diesem Sonderheft: „Dem Fall Heidegger ist darin ein eigener Schwerpunkt gewidmet. In einem aufschlussreichen Interview berichtet Jacques Taminiaux, der Heidegger ins Französische übersetzte, von seiner Teilnahme an privaten Seminaren des meistgelesenen deutschen Philosophen im 20. Jahrhundert, von dem „Gebaren eines Propheten“ und der Arroganz Heideggers. Heidegger habe sich gewünscht, so Taminiaux, der philosophische Berater Hitlers zu werden, um die Nazi-Bewegung zu zähmen und über sich selbst hinauszuheben – das zeuge von seiner tiefen Verwurzlung im NS-Denken und „wahnhafter Selbstüberschätzung“. Und zu der von uns in einem früheren Beitrag erwähnten Heidegger Forscherin Sidonie Kellerer schreibt Dirk Pilz zusammenfassend: „In einem prägnanten Aufsatz zeigt die Philosophin Sidonie Kellerer zudem, dass er sich auch nach Kriegsende nicht von der NS-Ideologie entfernt hat“.

Sidonie Kellerer hat freigelegt, unter welchen makabren Bedingungen die Gesamtausgabe Heideggers veröffentlicht wird, wie etwa das Deutsche Literaturarchiv in Marbach Handschriften des „Meisters“ nur mit Genehmigung der Erben, also Hermann Heideggers, zur Einsicht freigeben darf usw. Sieht so Forschung in Deutschland aus?

Dabei ist uns aufgefallen, dass die Zeitschrift „Information Philosophie“ schon 1999 (!, offenbar von vielen unbemerkt) auf den Seiten 84 bis 87 ein Interview mit Friedrich-Wilhelm von Herrmann gedruckt hat über die Gesamtausgabe mit dem typischen heideggerisch schwammigen Titel „Wege nicht Werke“. Darin betont der Intimus Martin Heideggers, also der herausgebende Philosoph Friedrich-Wilhelm von Herrmann, dabei den Meister zitierend: „Das denkerische Werk im Zeitalter des Übergangs kann nur und muss ein Gang sein in der Zweideutigkeit dieses Wortes: Ein Gehen und ein Weg zumal, somit ein Weg, der selbst geht“.

Frage am Rande: „Welcher Weg geht selbst??“ Weiß jemand eine nachvollziehbare Antwirt? Man lese dazu in der Gesamtausgabe im Band „Beiträge…“ S. 83.

Jedenfalls ist das Interview mit von Herrmann in „Information Philosophie“ von 1999 heute noch lesenswert. Heidegger selbst hat demzufolge Anweisungen gegeben, wie man sein Opus bearbeiten soll. Und daran halten sich selbstverständlich die treuen Forscher. Dabei wurden von den Herausgebern viele Fehler begangen, die der Heidegger Übersetzer Theodore Kisiel öffentlich beklagte. Jedenfalls sagte von Herrmann, sozusagen der oberste aller oberen Heidegger Deuter: „Heidegger wünschte eine Werkausgabe letzter Hand, NICHT ABER EINE HISTORISCH KRITISCHE AUSGABE“. Das schafft Klarheit. Darf so Wissenschaft betreiben, geht Treue zum Meister über den Anspruch der Wissenschaft hinaus? Wie lange haben wir Heidegger Leser das eigentlich implizit hingenommen und erst recht die vielen Heidegger Spezialisten? Warum gab es keinen Aufschrei schon damals, als von Herrmann dieses gutmütige Bekenntnis von sich gab?

Nebenbei: Auf das TV Interview von Herrmann durch den Putin Freund Alexandre Dugin (den manche seriöse Beobachter nicht gerade für einen Demokraten halten, um es milde auszudrücken) für das Russische Fernsehen gab, haben wir schon früher hingewiesen, als ein Beispiel für die Vernetzung rechtsradikalen Denkens mit Heideggerscher Philosophie. Siehe: http://www.4pt.su/de/content/prof-alexandre-dugin-mit-prof-friedrich-wilhelm-von-herrmann. Noch mal gelesen am 22. 1. 2015.

Die lang andauernde Nähe Heideggers (treffender wäre wohl Freundschaft) zu eher sehr rechtslastigen Denkern wurde schon von dem Philosophen Emmanuel Levinas dokumentiert. Dabei handelt es sich um die seit 1946 lange anhaltende Freundschaft mit dem Franzosen Jean Beaufret (1907 – 1982), dem er sogar seinen Humanisms Brief in gewisser Weise widmete. In seiner Levinas Studie schreibt Salomon Malka (Beck Verlag, 2003) auf Seite 170, dass auch Derrida wusste, dass „Beaufret ein Antisemit war“.

Malka schreibt: „Nach Beaufrtes Tod stellte sich heraus, dass er Robert Faurisson unterstürzt hatte, jenen Historiker in Lyon, der die Schule der Auschwitzleugner anführt. Bedenkt man, dass er Heideggers Rauchfassträger war, ihn einführte und räumte, wo er nur konnte, dass er (Beaufret) Gespräche mit Heidegger führte und diese veröffentlichte, so erhält dieser späte Revisionismus symptomatische Bedeutung. … Die Antwort darauf liegt möglicherweise in der hymnischen Verehrung des Griechen – und Heidentums der Antike, die Beaufret Jugend geprägt und ihn zum bedingungslosen Anhänger Heideggers hat werden lassen“…. Von daher auch Beaufrets Sympathien für die Neue Rechte in Frankreich. „In Beaufrets vielleicht wichtigstem Werk „Dialog mit Martin Heidegger“ findet sich keinerlei Erwähnung der jüdischen Thematik“, so Malka in dem genannten Buchg (s. 170f.).

Fortsetzung folgt…

Copyright: Christian Modehn