Heidegger: Ein esoterischer Philosoph. Hinweise auf ein Buch von Peter Trawny

Heidegger – ein esoterischer Philosoph

Hinweise auf das Buch von Peter Trawny. „Adyton. Heideggers esoterische Philosophie“ (2010)

Von Christian Modehn, im August 2014

(Die in Klammern gesetzten Seitenzahlen beziehen sich auf das Buch von Peter Trawny “Adyton“ )

Eine interessante Deutung des (Spät-) Werkes Martin Heideggers liegt seit 4 Jahren vor: Der Heidegger Spezialist Prof. Peter Trawny (Wuppertal, auch Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ Heideggers) hat eine (leider sehr knapp gefasste) Studie publiziert. „Adyton. Heideggers Esoterische Philosophie“ ist der Titel.

Martin Heideggers Denken und Publizieren ist seit Mitte der neunzehnhundertdreißiger Jahre esoterisch geprägt. Diese Einsicht erläutert Peter Trawny in dem Buch „Adyton. Heideggers Esoterische Philosophie“. Erschienen ist die 114 Seiten umfassende Broschüre bei Matthes und Seitz in Berlin im Jahr 2010.

Unter dem eher befremdlich wirkenden Begriff „Adyton“ aus dem Altgriechischen versteht Trawny das Unzugängliche und Unbetretbare, aber auch den „Ort des Orakels“, wo der Gott spricht, der für sein Sprechen den hörenden Menschen braucht. Wer im Adyton oder wenigstens beim Adyton weilt, hat das Unermessliche erreicht, nämlich „den Ursprung von Leben und Wort“ (8). Trawny schreibt weiter: „Heideggers Philosophie ist der Gang zu diesem Adyton“ (8). Es bedeutet Stille, der Ort des Zuspruchs, auch „Seyn“, worin sich der Gott zeigen könnte. Dort empfängt Heidegger „einen ungeheuren Exzess von Sinn“ (9).

Trawny bezieht sich in seiner Heidegger Deutung vor allem auf das Buch „Beiträge zur Philosophie. Vom Ereignis“, das 1989, wie die Schwarzen Hefte jetzt, ebenfalls post mortem erschien (bzw. wohl auf Wunsch Heideggers erscheinen durfte). In diesem Buch, 1936 – 38 geschrieben, kommt, nach Trawny sicher zu recht, die ganze Dimension des Esoterischen bei Heidegger zum Ausdruck. Heidegger Leser wissen, dass seit „Sein und Zeit“ ,1927 erschienen, das Denken Heideggers ganz neue Weg ging; angefangen vom „Vom Wesen der Wahrheit“ (1931, erschienen 1943) bis zu dem von Heidegger selbst kaum noch verständlich genannten Text „Zeit und Sein“ (1962).

Die zentrale These Trawnys also: Heideggers so genannte Spät- Philosophie ist esoterisch, also nicht für die Öffentlichkeit, sondern, wie Trawny schreibt, für den „Zirkel“, also den kleinen Kreis Berufener, bestimmt. Er nennt Heideggers Werk sogar „essentiell esoterisch“ (13). Dass die Spätphilosophie Heideggers (höchst) ungewöhnlich ist, in der sprachlichen Gestalt und damit zugleich in der Sache, war den meisten ja immer schon klar. Neu ist diese Zuspitzung in der Qualifizierung „esoterisch“.

Dabei muss darauf hingewiesen werden, was Trawny selbst nicht vertieft, was denn in der reflektierten „Alltagssprache“ esoterisch bedeutet; „esoterisch“ ist heute ein inhaltlich weit gebrauchtes Wort, bis hin zur Qualifizierung der „new age“ Szene oder für religiöse „Sondergruppen“ wie die Rosenkreuzer oder die Swedenborg-Gemeinschaft. Ob diese Qualifizierung der Spätphilosophie Heideggers als „esoterisch“ tatsächlich in diesem sprachlichen Umfeld weiterführt, ist eine andere Frage. .

Trawny meint also zenral: Esoterisch ist das Werk Heideggers vor allem wegen der entschiedenen Zurückweisung der Öffentlichkeit, was im Sinne Heideggers bedeuten soll: Diese hier präsentierte Philosophie/dieses Denken, darf nicht von außen, nicht von den vielen, dem „Feuilleton“ und wem auch immer in der Öffentlichkeit der Gesellschaft beurteilt werden. Denn diese vielen, auch die vielen der Aufklärung verpflichteten Philosophen, können gar nicht das von Heidegger Gesagte verstehen. Trawy selbst schreibt, dass sich die vielen von dieser Philosophie „abgestoßen“ fühlen könnten (11). Komisch hingegen, dass Heidegger diese Philosophie nicht in kleinster Auflage für den Zirkel, sondern in öffentlich zugänglichen Verlagen publizierte mit den entsprechenden Übersetzungen. Der Esoteriker Heidegger wollte also doch in der Öffentlichkeit Beachtung finden, wenn nicht Aufsehen erregen.

Tatsächlich haben viele wegweisende Philosophen schwierig geschrieben, man denke an Kant, Fichte, Hegel usw. Aber schwierig ist eben nicht identisch mit esoterisch. Diese Philosophen sagten Neues. Aber sie haben den Anspruch, doch mit einiger Mühe für alle gebildeten Leser verständlich sein zu können. Die Publikation etlicher Beiträge von Kant in Zeitschriften spricht ja dafür. Diese Philosophen schreiben also von Erkenntnissen, die sie in allgemeiner Sprache begründen. Im Unterschied dazu schreibt der späte Heidegger von Gehörten, von Empfangenen, vom Geschenkten. Aber von wem denn nun empfangen? Vom Seyn (sic), wie er dauernd und immer im Spätwerk betont oder vom „Ereignis“, dem zu lauschen ihm und einigen Erwählten vorbehalten und geschenkt ist. Dies dort Gehörte gibt Heidegger weiter, in einer neuen, man möchte sagen, fast privaten und neu geschaffenen („ereigneten“) Sprache, die die gelauschte Sache selbst auszusagen wagt, so behauptet er.

Dies ist der Kern der esoterischen Philosophie Heideggers. Sie ist verschieden von den Erkenntnissen, die etwa Kant in seiner „Kritik der reinen Vernunft“ machte. Erkenntnisse sind für Kant kein Geschenk, keine Gnade. Kant hat nichts (mysteriös?) gehört etwa von dem transzendentalen Apriori, sondern es erkannt und in einer (zwar schwer) nachvollziehbaren Sprache für alle dargestellt.

So wird das besondere Profil der esoterischen Philosophie Heideggers deutlich. Er ist – wie ein Prophet – der Berufene, dessen Worten man letztlich nur glauben kann. Auch das ist nicht weiter problematisch, wenn man denn diese Philosophie als Privatphilosophie eines Berufenen definiert oder als Poesie und Lyrik eines besonders Begabten.

Noch einmal: Heideggers späte Philosophie will explizit nur Eingeweihten des Zirkels (109) zugänglich sein; solchen Menschen also, die den Mut haben, viele neue Wortschöpfungen Heideggers (und gehörte Botschaften vom „Ereignis“ her) stundenlang hin und her zu wälzen, bis vielleicht der „Funke“ (Geschenk, Gnade?) auch auf sie überspringt. Jedenfalls, so Trawny, haben sie den Mut, ihre „Neutralität“ ( 24), also Distanz und vielleicht sogar Skepsis, aufzugeben.

Heidegger – ein philosophisches Doppelleben

Wer Neutralität aufgibt, ergreift folgerichtig Partei, ist Partei und parteiisch. Der späte Heidegger wünscht sich also Anhänger, Gläubige, „Parteigänger“. Das kann man ja fordern. Die Frage ist nur, wie sich solch ein Denken noch Philosophie nennen kann. Aber das Schwierige ist: Das wollte Heidegger ja auch gar nicht, er trat zwar bei Kongressen als „Philosoph“ auf, war aber im Innersten seines Erfahrens und Denkens eben ein esoterischer Denker. In seinen Vorträgen etwa nach 1945 bis zu seinem Tod 1976, die oft noch nachvollziehbar sind auf weite Strecken, wie etwa zur Technik, hat er sich also in seinem wahren, dem esoterischen Wesen versteckt. Es wäre eine interessante Frage, einmal einen Aufsatz zu schreiben über „Heidegger und sein geliebtes Versteckspiel“ nicht nur im Blick auf seine Liebschaften und Lieben, sondern auch auf seine tatsächliche, innere und eigene politische Haltung, die in den „Schwarzen Heften“ zum Ausdruck kommt. Versteckspiel ist es auch, dass Heidegger die ehrlichen Worte (der Schwarzen Hefte) zur (Nazi-) Politik eben erst post mortem veröffentlichen ließ. Jedenfalls hat sich der hoch dotierte und von etlichen Kreisen hoch verehrte Philosoph zu Lebzeiten versteckt. Damit passt er gut in diese Zeit: Viele Politiker, Richter usw. der Bundesrepublik haben sich als ehemalige NSDAP Mitglieder versteckt/opportunistisch verstecken müssen….

Mit anderen Worten: Es ist klar nach den Ausführungen Trawnys: Heidegger führte auch ein philosophisches Doppelleben. Das wäre ein hübsches Thema, das ich leider jetzt hier nicht weiter bearbeiten kann. Trawny erwähnt selbst mit einem Satz, dass Heidegger „in Vorlesungen, Vorträgen und Aufsätzen (die esoterische Dimension seines Denkens) verschwieg“ (46).

Ich kann hier das komplexe Thema des dicht geschriebenen Buches von Trawnys in aller Ausführlichkeit nicht wiedergeben.

Nur einige uns wesentlich erscheinenden Hinweise:

Spätestens ab 1933 sucht Heidegger in seinem Denken und Publizieren das normalerweise Unzugängliche, mit ihm will er inniglich verbunden sein. Er will nun etwas ganz Besonderes und Unerhörtes sagen, zumal er in seinem groß angelegten Projekt „Sein und Zeit“ (1927) gescheitert war und dies auch wusste. Nebenbei: Das viel gerühmte Werk „Sein und Zeit“ ist letztlich ein zweifelsfrei wichtiges, denkwürdiges Fragment, aber eben nur der erste Teil für ein weiteres Vorhaben, das nicht realisiert wurde bzw. realisiert werden konnte. Es ist aber, wie Trawny schreibt (31), ein „exoterisches Buch“, ein solches also, das viele lesen und in vernünftiger Sprache und ebenso in vernünftigem Denken verstehen können und in allgemeiner Sprache debattieren. Weil eben exoterisch bedeutet: In der nun einmal allen verständlichen und gebräuchlichen Umgangssprache, die zu bestreiten ja unmöglich ist, geschrieben, selbst wenn da neue Wortschöpfungen durch Heidegger häufig schon vorkommen.

 

Nach dem gescheiterten „Sein und Zeit“ sucht Heidegger das „äußerst Besondere“, nämlich die intime Nähe zum Unzugänglichen. Diese Innigkeit, Inniglichkeit, betont Trawny in seiner Broschüre sehr. „Weil dieser Empfang (im Adyton , CM) ein Bewohnen dieses Bezugs (zum Adyton CM) voraussetzt, ist Heideggers Philosophie esoterisch“ (9), esoterisch von Trawny kursiv gesetzt!

Trawny selbst ist sich der wichtigen, um nicht zu sagen globalen Dimension seiner Studie bewusst, nämlich dass diese Interpretation „womöglich zu einer neuen Heidegger-Interpretation“ (wenigstens des Spätwerkes) führt! (12).

Trawny verwendet anstelle von „esoterisch“ sehr häufig das Wort „esoterische Initiative“ (ab Seite 11 ständig). Dabei will er das Esoterische nicht als Irrationale verstanden wissen (46), es wird also die Möglichkeit offengehalten, das Esoterische ins Exoterische zu übersetzen, was man ja vom „Irrationalen“ so nicht sagen kann.

Wenn Trawny in seiner Studie sehr oft von einer „esoterischer Initiative“ (Heideggers) spricht, dann darf man das wohl übersetzen in eine exoterische, also allgemein verständliche Vernunft- Sprache: Heidegger hat sich entschlossen, also die Initiative ergriffen, also (frei?) gehandelt, um seine „Spätphilosophie“ ab 1933 eben „esoterisch“ darzustellen.

Leider versäumt es Trawny zu erläutern, warum gerade zu Beginn der Nazi Herrschaft (und der NSDAP Mitgliedschaft Martin Heideggers) es zu dieser esoterischen Wende bzw. „Initiative“ kam. Wie sind da die Verklammerungen und Wechselbeziehungen zu verstehen: Flüchtete sich Heidegger ins Esoterische, um sich zur Zeit der Nazis und dann später, nach 1945, unangreifbar zu machen, weil er ja eben Esoterisches (also nicht allgemein Zugängliches!) vom Seyn (!) her hörte und vernahm und „Winke (aus dem Adyton) empfing“, die eben die (offenbar dumme exoterische) Masse gar nicht wahrnehmen konnte? Ist da der Gedanke der Abgehobenheit (und später dann der Straflosigkeit und mutmaßlichen Unschuld) zu berücksichtigen? Vielleicht war die Mitgliedschaft Heideggers in der NSDAP selbst sogar ein „Wink“ des Adyton? Wer könnte dem so Hörenden und Gehorsamen dann noch böse sein, wenn er doch bloß dem Seyn (!) traute? Aber hinzu kommt: Heidegger war in den dreißiger Jahren geradezu angewidert von dem System der Universitäten und sicher auch von der Gestalt der Weimarer Republik. Im Zusammenhang des Aufstiegs der NSDAP wünschte er sich noch 1936 dringend explizit eine „Revolution“, einen Umsturz. Er wünschte sich tatsächlich: Der „Nationalsozialismus wäre schön als barbarisches Prinzip“, aber leider waren ihm dann die Nazis doch, so wörtlich Heidegger, „zu bürgerlich“ (so Trawny S. 33).

„Öffentlichkeit ist der Selbstmord der Philosophie!“

Es zeigt sich in unserem Zusammenhang immer wieder die polemische Abgrenzung Heideggers von der „Öffentlichkeit“ (10), der „public sphere“. „Dagegen begehrt sie, die Philosophie, Initimität“, meint der Meisterdenker. Gesucht ist von Heidegger ein Leser, der ebenso wie er bereit ist, das Adyton, das Unbetretbare, zu begehen. Heidegger wendet sich also, noch einmal, an die wenigen, die Mutigen, die vom Adyton „Gerufenen“, die eben anders denken wollen und können als die Mehrheit. Peter Trawny stellt im Zusammenhang der von Heidegger esoterisch bevorzugten Intimität sogar das „erotische Ereignis“ daneben. „War Heidegger nicht auch ein gewaltiger (sic !) Erotiker?“. Vor allem am Ende der Studie wird auch von Frauen gesprochen, u.a. auch von den, so wörtlich, „braunen Frauen“, von denen Hölderlin in einer Hymne spricht (103). Auf Seite 108 erinnert Trawny erneut an das Hauptanliegen des esoterischen Philosophen Heidegger, nämlich an „seine ununterbrochene Verdammung der Öffentlichkeit“.

Deutlicher kann man diese Zurückweisung von Öffentlichkeit, also rechtlicher Kontrolle, Disput, Gesetzen, Demokratie usw. kaum sagen. Heidegger ein Anti-Demokrat? Nach dem Gesagten ist das sehr wahrscheinlich. Das können nur diejenigen richtig finden, die selbst der Demokratie mißtrauen und sie insgeheim verachten. Weil sie arrogant sind zu meinen, es gebe viel Besseres, offenbar die Oligarchie?

Mit dieser Zurückweisung, Philosophie als öffentliche Sache zu betreiben, also für die meisten Gebildeten in einer allgemeinen Umgangssprache der Vernunft zu sprechen, liegt eine weitere polemische Zuspitzung. Trawny zitiert Heideggers geradezu erschütternde Wort: „Das Sichverständlichmachen ist der Selbstmord der Philosophie“ (14, bezogen auf Band 65, Seite 435). Das heißt in eine exoterische Sprache übersetzt: Die Philosophie (Heideggers) kann sich und darf sich und soll sich NICHT (allgemein, öffentlich) verständlich machen, wenn sie denn leben und überleben will. Zur Rolle der Philosophie in der und für die Gesellschaft könnte man wohl kaum Schlimmeres sagen, in unserer Sicht. Eigentlich gehört in dieser Sicht Heideggers Philosophie in die Hütte im Schwarzwald und nur dorthin, nicht aber in den Disput dieser (angeblich) so „schrecklichen“ Universität. Die „Öffentlichkeit“ kann man und muss man kritisieren, aber pauschal verdammen kann man sie im 20. Jahrhundert wohl ernsthaft nicht. Gäbe es keine Öffentlichkeit, wäre etwa schon diese Heidegger Kritik nicht möglich, sondern müsste erst einmal einer Zensur vorgelegt werden. War sich Heidegger der Dimensionen seiner antidemokratischen Haltung bewusst? Vieles spricht dafür, auch im Zusammenhang der „Schwarzen Hefte“.

Wenige Jahre vor der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ (ab Frühjahr 2014) zeigt uns Trawny schon hier, sagen wir es ruhig, ein höchst unsympathisches Gesicht Heideggers. Denn Heidegger wendet sich gegen die philosophische Tradition als einer „Sache aller“, wie sie seit der Aufklärung eigentlich selbstverständlich galt. Die Agora als öffentlicher Platz der Philosophen wäre eigens zu debattieren. Hegel wehrte sich etwa gegen die Vorstellung, „die Philosophie könne ein esoterisches Besitztum einiger Einzelner“ sein, er förderte und forderte „die allgemeine Verständlichkeit“ (ob Hegel das immer gelang, ist eine andere Frage), so in der „Phänomenologie des Geistes“.

Die „Beiträge“ (Band 65) sollten „ein Geheimbuch“ sein und bleiben, das nur „zu bestimmten Adressaten sprach“ (41). Inzwischen liegt es in 3. Auflage vor. Warum wurde es erst nach dem Tod Heideggers publiziert? Wollte sich der immer noch als Philosoph hoch beachtete und bestaunte Heidegger nicht die „Blöße“ geben, nun als esoterischer Denker des Adyton (in der fruchtbaren Öffentlichkeit) zu gelten? Darauf gibt die Broschüre Trawnys leider keine Antwort.

Ein Intermezzo „Zur Übersetzung“: Die „Beiträge“ (Band 65) wenden sich also ausdrücklich nur an wenige und einzelne, d.h. an jene, die die Stimme des Seyns (sic!) hören können.

Trawny nennt die Texte dieses Buches, von 1936- 1938 geschrieben, „sehr sperrig“. Die Sprache Heideggers „orientiert sich (in Band 65) keineswegs an der Sprache des Alltags“ (42). In seinen Vorlesungen und sonstigen Publikation seit 1933 hingegen hat Heidegger diese nun für ihn grundlegende neue, esoterische Dimension seines Denkens eher verschwiegen, wie sie in Band 65 offensichtlich wird, meint Trawny (46). Dabei verschweigt Trawny, dass eigentlich alle Werke seit 1933 insgesamt von einer esoterischen Sondersprache geprägt sind! Man lese bitte nur einmal „Zeit und Sein“. Da warnt Heidegger selbst vor beinahe vollständiger „Unverständlichkeit“ für Exoteriker.

Die ganze Kunst des Verstehens besteht nun wohl darin, dass Philosophen diese sperrigen Texte nicht ihrerseits in der esoterischen Sprache nachsprechen und esoterisch wiederholen, sondern wie üblich beim Verstehen esoterischer Texte diese eben in die allen gemeinsame, d.h. die allgemeine, d.h. in die von Vernunftbegriffen bestimmte Sprache ÜBERSETZEN. So, wie man ein (esoterisches) Gedicht von Paul Celan nicht dadurch erläutert, dass man hundertmal Paul Celans Worte wiederum repetiert und zitiert, sondern das Celan-Gedicht eben in die allen gemeinsame, also allgemeine Sprache überträgt, so geht es wohl auch mit den esoterischen Äußerungen im Spätwerk Heideggers. Nehmen wir den Satz Heideggers aus diesen Jahren „Es göttert“. Den Satz kann man als verstehender Philosoph eben nur in der allgemeinen, also der öffentlichen Sprache übersetzen, will man denn nicht ein weiteres esoterisches Werk für wenige und einzelne schreiben.

Manchmal hat man den Eindruck, dass Peter Trawny in seiner Broschüre selbst ins esoterische Fahrwasser gerät, also im „Milieu“ Heideggers sich aufhält, ziemlich abstandslos, etwa wenn man den Satz liest: “In der Philosohie ist niemals Alles gleich möglich, selbst wenn ihr beinahe nichts unmöglich ist“ (108). Oder auf Seite 61steht der Satz: „Letztlich steht Alles und noch mehr als Alles auf dem Spiel“. Was ist „mehr als Alles“? Die Frage wird nicht beantwortet….

Nebenbei: Warum bedauert Trawny die, so wörtlich „zähe Aufweichung des Nationalstaates“ (78)? Offenbar, weil die „Nation und das „Volk“ abgeschafft wurden, wie er scheibt, mit dem Aufweichen des Nationalstaates… Hat man denn nichts davon gehört, dass die Kriege des 20. Jahrhunderts und davor Kriege von Nationalstaaten und Völkern waren, von Menschen und Herrschern, die sich als etwas „Besonderes“ fühlten und eben nicht schlicht als Menschen unter anderen gleichberechtigten Menschen. Das Plädoyer Trawnys für den Nationalstaat und das Volk ist seltsam und traurig zugleich in dem heutigen Europa der neuen Kriege der Völker und Nationen. In diesen Worten des Leiters des Heidegger Instituts glaubt man den Meister Heidegger selbst noch zuhören.

Einerseits lehnte es Heidegger ab, dass die Öffentlichkeit seine Philosophie beurteilen kann (also auch die damals von ihm anfänglich hoch umjubelten Nazi Herrscher), „so hielt er daran fest, dass die Philosophie ein herrschaftliches Wissen sei“ (35). Das kann bedeuten: Auch wenn Heideggers Philosophie nur einigen wenigen einleuchtete oder gar verständlich war, sollte sie doch als ein „herrschaftliches Wissen“ dann für alle in Staat und Gesellschaft „irgendwie“ gelten. Denn Heidegger, der Erwählte, hat Dinge gehört und gesehen im Adyton, die nur er und einige wenige gesehen haben. Deswegen sollten ja diese Menschen, die „zukünftigen Menschen“, herrschen, zusammen, wie er sagt, mit zahlreichen, so wörtlich „Bündischen“ und vielen, ebenfalls wörtlich Heidegger, „Zueinanderverwiesenen“. Wie diese drei Gruppen eine politische Legitimität erlangen können, interessierte Heidegger nicht, wie Trawny in der Beschreibung von Heideggers politischen Ideen betont (81).

Viele weitere Aspekte zur esoterischen Philosophie Heideggers können hier nicht ausgebreitet werden. Etliche Themen berührt Trawny in seiner Broschüre, etwa die Gottesfrage oder die Bedeutung Hölderlins, den Heidegger in einer merkwürdigen (nicht mehr logischen, aber vielleicht esoterischen) Steigerung „den Deutschesten der Deutschen“ (83) nennt.

Zusammenfassend sagt Trawny: „Heideggers esoterische Philosophie ist demnach eine Antwort auf die sich vor jenem Zusammenbruch befindende Moderne, der ein paar Jahre später in Auschwitz, Dresden und Hiroshima (um das jeweils Unvergleichbare zu nennen) Realität geworden ist“ (98 f.) Offenbar bemerkt Trawny, dass man Auschwitz (Symbol für die Vernichtung von 6 Millionen Juden) kaum in einer direkten Aufzählung so ohne weiteres neben Dresden (Bombardements der Alliierten auf eine Stadt in Nazi-Deutschland) und Hiroshima (Atombomben der Amerikaner auf Japan) stellen sollte und stellen darf. Alle ethischen Fragen der fundamentalen Schuld der Nazis und ihrer Freunde werden damit ignoriert, so sehr einem die Toten in Dresden und Hirsohima natürlich leid tun.

Direkt anschließend gehen die Probleme weiter: Wie soll man das Wort Trawnys in seine letztlich doch voller Verständnis für Heidegger geschriebenen Studie, verstehen: „Dass diese Antwort (Heideggers auf den Zusammenbruch der Moderne, CM) sich nicht an die Öffentlichkeit dieser Moderne wenden konnte, wird inzwischen ein wenig deutlicher geworden sein“ (99). „Ein wenig“ gewiss, wenn man denn mitmacht und hinzunehmen bereit ist, dass da ein Philosoph existiert mit dem Anspruch, auf das „Seyn“ hören zu können und dort seine Botschaften für den „Zirkel“ vernimmt.

Es gehören jetzt „starke Nerven“ dazu, diese Philosophie Heideggers (ist es Denken, Poesie, Stammeln?) weiterhin im ganzen mitzuvollziehen. Wie viel Energie wurde ins Studium Heideggers gesetzt? War man blind? War man fasziniert? Dürfen Philosophen fasziniert sein vom Mysteriösen? Und jetzt also dieser sich immer deutlicher zeigende „Misston“ in seinem Denken, seiner Person, seinem Versteckspiel. Hätte man rechtzeitig auf Habermas gehört oder auf Karl Jaspers und andere…

Sicherlich bleiben einige Aspekte in Heideggers Philosophie noch interessant, inspirierend und denkwürdig. Wir haben viele Denkhaltungen Heideggers wohl längst „internalisiert“, ohne es noch thematisch zu wissen, etwa die ontologische Differenz, die Frage nach dem göttlichen Gott, die Achtsamkeit auf die Sprache usw… Aber kann man einige „Aspekte“ aus einem Gesamtwerk herausbrechen, wenn das Gesamtwerk einen eher problematisch unangenehmen, philosophisch politischen Geruch des Esoterischen hat? Können Fragmente stimmig oder gar wahr sein, wenn das Ganze einen, wie von Trawny zeigt, dann doch irritierenden esoterischen Charakter hat? Wenn Heidegger für den esoterischen Zirkel schrieb und explizit schreiben wollte, welches Recht haben dann Exoteriker, diese esoterischen Einsichten und „Winke“ ins Exoterische zu ziehen? Tun die Heidegger-Forscher und Heidegger-Interpreten dem Denker, der das Adyton hörte, mit ihren Arbeiten also einen Gefallen? Wenn ja, welchen?

COPYRIGHT auf diesem Text. Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin. 10.August 2014. Jeglicher Nachdruck, selbst in Auszügen und wo auch immer, ist untersagt.

 

 

 

 

 

Fromme Millionäre, radikale Priester: Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Fromme Millionäre, radikale Priester

Ein Hinweis auf die Vielfalt der Religionen in Brasilien

Von Christian Modehn

Anlässlich der Fußball WM in Brasilien interessiert sich der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ naturgemäß für Philosophien und Religionen (und für das Spielen als Spielen) in Brasilien; zur Philosophie in Brasilien heute mit einem aktuellen Hinweis auf die Befreiungsphilosophie in Brasilien und zur Philosophie des Spielens haben wir schon Hinweise und Anregungen publiziert.

Wir wundern uns, dass unseres Wissens kein Buch aktuell erschienen ist (in deutscher Sprache) zu dem überaus spannenden Thema Religionen in Brasilien. Wir haben früher auf dieser website auf die Camdomble Religion mit ihrem beachtlichen Kulturzentrum in Berlin hingewiesen (klicken Sie hier) und auf den durchaus weltbekannten Erzbischof Dom Helder Camara, Recife, (klicken Sie hier), der als der große Bischof der Armen, als Aktivist für Menschenrechte und Demokratie und selbstverständlich für eine offene römische Kirche von Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger letztlich kaltgestellt wurde; sein befreiungstheologisches – pastorales Werk in Recife wurde de facto auf Befehl der Herren in Rom vernichtet. Jetzt klagen die Bischöfe über den Vertrauensschwund, den der römisch-katholische Glaube auch in Brasilien durchmacht… Aber das nur am Rande.

Es gibt also keine aktuellen kritischen Studien über die Religionen in Brasilien. Druckerzeugnisse über Brasilien von „kirchlichen Hilfswerken“ sind naturgemäß eher Werbebroschüren…

Wer sich für Protestgruppen in Brasilien gegen das ganze Ausmaß von Verschwendung und Korruption der FIFA interessiert, gegen die sinnlose Bauwut und die Repression der Polizei usw… sollte sich mit der Protestbewegung „Comite Popular da Copa“ befassen. „Das Comite repräsentiert soziale Bewegungen, Favelabewohner, Studenten, Professoren usw.“, berichtet Pedro Costa, Rio,  in einem Interview mit Philipp Lichterbeck in „Der Tagesspiegel“ vom 10. Juni 2014, Seite 2. „Es geht uns um Demokratie, Menschenrechte und Rechtsstaat. Alle drei wurden im Namen der WM in Brasilien schwer verletzt, unser Dossier dazu umfasst 170 Seiten“. Wer Portugieisch lesen kann, sollte diese website dieser Basisbewegung studieren:

http://www.portalpopulardacopa.org.br/

Erste kritische Hinweise zum Thema Kirchen in Brasilien bietet das sehr lesenswerte Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ von Jens Glüsing, das im Ch. Links Verlag 2013 erschienen ist. Wir empfehlen das Buch insgesamt.

Es bietet interessante Reportagen zum Thema, etwa in dem Kapitel „Brennende Wälder und streitbare Priester“ vor allem über den schon  weltweit bekannten katholischen Bischof Erwin Kräutler in der Stadt Altamira am Rio Xingu. Kräutler und einige Pfarrer und Nonnen sind entschiedene Verteidiger nicht nur der Rechte der indigenen Völker; sie klagen Brasiliens und die mit ihnen verbandelten europäischen und us-amerikanischen Kapitalisten an und die mit ihnen kooperierenden Regierungen Brasiliens, den Regenwald zu verschachern und damit auch ökologische Katstrophen großen Ausmaßes zu befördern.  „Holzhändler und Rinderzüchter machen sich die Abwesenheit des Staates hier zunutze. Sie teilen die Waldgebiete in Parzellen auf, fälschen Eintragungen ins Grundbuch und vertreiben die Kleinbauern dort mit Waffengewalt… Von der Regierung ist keine Hilfe zu erwarten…“ (. 112 f).  Hilfe kommt für die Armen (und für den Regenwald) von dem mutigen Priestern und Nonnen, eben auch von Bischof Kräutler, der wegen seines Engagements mehrfach Attentaten der Verbrecherbanden ausgesetzt war;  jetzt kann er sich nur noch mit Body-Guards auf die Straße wagen. Bischof Kräutler ist einer der letzten entschiedenen Bischöfe für die Befreiungstheologie. Man hat nicht den Eindruck, dass vom Papst Franziskus bis zu allen Bischöfen Brasiliens laut und vernehmlich gesagt wird: „Bischof Kräutler, wir unterstützen dich mit ganzem Herzen und mit allen politischen Konsequenzen; dein Kampf ist unser Kampf“.

Inzwischen ist der junge brasilianische Klerus weitgehend und mehr an klerikalen Aufgaben in gut betuchten Stellungen interessiert als am politischen Dienst an den Armen: „Heute achten die kirchlichen Ausbilder vor allem darauf, dass die Nachwuchspriester schön das Halleluja singen“, klagt Padre Amaro de Souza, ein Mitstreiter der ermordeten Nonne Dorothy Stang, auch sie hat die Rechte der Armen dort verteidigt. (s.S. 119). Aber lesen sie selbst in dem empfehlenswerten Buch…Die Nonne Dorothy Stang, 78 Jahre alt, wurde von Auftragskillern der Rinderzüchter umgelegt, sie hatte die vertriebenen Kleinbauern verteidigt. „Der Mörder lauerte ihr im Urwald auf, sie las ihm noch ein Gleichnis aus der Bibel vor, bevor er sie in den Hinterkopf schoss. Bischof Kräutler predigte auf ihrer Beerdigung“ (so Jens Glüsing, Seite 117).

Ein anderes Kapitel verdient genau so viel Aufmerksamkeit. Es ist überschrieben „Von Göttern, Entertainern und Wunderheilern. Brasiliens Supermarkt der Religionen“, auf den Seiten 145 bis 160.  Darin breitet Jens Glüsing das Spektrum der so genannten Pfingstkirchen aus, berichtet von jenen Pastoren, die glauben, vom heiligen Geist berufen zu sein, glanzvolle Kirchen zu bauen und den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. In einer gründlichen Recherche zeigt Glüsing, wie die Pfingstgemeinden schnell Millionen Mitglieder gewinnen, weil der Katholizismus einfach zu klerikal ist und keinen „direkten Zugang zu Gott“ bietet, „während im Katholizismus der Glaube über den Pfarrer vermittelt wird“ (S. 149).  Glüsing zeigt den Konkurrenzkampf dieser verschiedenen Pfingstkirchen auf, er nennt etwa Pastor Silas Malafaia, der ein „Imperium von 120 Gotteshäusern leitet, in einem Vorort von Rio baut er gerade eine neue Halle für 10.000 Leute“ (S. 150). „Sein Kirchenimperium leitet Malafaia von einem riesigen Neubaukomplex im Westen Rios. Es geht zu wie in einem multinationalen  Unternehmen, die Zufahrt wird von einem privaten Sicherheitsdienst kontrolliert usw…“ ( s. 151). Veranstaltet wird auch der „Marsch für Jesus“ mit einer halben Million Teilnehmern in Sao Paulo, propagiert wird dort die Heilung von der Homosexualität. Im Kongress setzen sich die frommen geldgierigen Pfingstler – Politiker gegen jegliche Abtreibung ein, sie wollen liberale Gesetze kippen… Das Fazit von Jens Glüsing: “Kirchen sind ein lukratives Geschäft“ (S. 152). Hingegen: „Zahlreiche Gangsterbosse und Auftragskiller sind zu Predigern geworden. Pfingstkirchen und Kokainmafia leben in Rios Favelas oft in Symbiose“, schreibt Jens Glüsing (S. 153).

Das Buch „Brasilien. Ein Länderporträt“ (Ch. Links Verlag Berlin) weckt das Interesse, mehr Informationen über Religionen in Brasilien zu erhalten, etwa über den dort sehr starken Spiritismus, über die stetig wachsende Zahl (junger) Menschen dort, die sich Atheisten nennen, die Basisgemeinden, den Islam dort oder den Buddhismus usw. Interessant ist, dass offenbar theologische – liberale Kirchen dort äußerst schwach vertreten sind. Sie könnten aber zeigen, dass zur Religiosität bzw. Spiritualität immer auch das kritische, auch das religionskritische Bewusstsein gehört.

Copyright: Christian Modehn Berlin, RPS.

Die Hoffnung von Weihnachten. Ein Interview mit dem Publizisten Frank Kürschner–Pelkmann, Hamburg

Die Hoffnung von Weihnachten
Brücken bauen zwischen “naivem” Kinderglauben und existenziellen religiösen Fragen
Ein Interview mit dem Publizisten Frank Kürschner – Pelkmann, Hamburg
Die Fragen stellte Christian Modehn

Herr Kürschner-Pelkmann, Sie haben eines der umfangreichsten und gründlichsten Bücher über Weihnachten publiziert. Wie sind Sie denn auf dieses Projekt gekommen? Gibt es bei Ihnen auch biographisch eine Art Begeisterung für Weihnachten?

Meine Beschäftigung mit Weihnachten entstand nicht nur aus Begeisterung, aber doch einem großen Bedürfnis, meine sehr widersprüchlichen Weihnachtserfahrungen zu reflektieren. Gern erinnere ich mich an die Weihnachtsgottesdienste in einer festlich mit Kerzen erleuchteten Schlosskirche und an die friedliche Stimmung des Weihnachtsfestes in meiner Kindheit in den 1950er Jahren. Aber spätestens nach der Konfirmation kamen die Zweifel, ob die Weihnachtsgeschichte nur ein – wenn auch sehr schönes – Märchen ist. Im Laufe der Jahrzehnte habe ich dann versucht, die schönen Geschichten der Bibel und die Vernunft in einem persönlichen Glauben zu verbinden. Dabei habe ich gemerkt, welche zentrale Rolle hierfür die Weihnachtsgeschichte hat.

In meiner Beschäftigung mit diesem Thema habe ich vor allem gelernt, dass ich die tiefere Wahrheit der biblischen Überlieferung nur dann erkennen kann, wenn ich sie als Glaubensgeschichten und nicht als die Darstellung historischer Ereignisse verstehe. Abstrakt wissen das die meisten Pastorinnen und Pastoren, aber häufig predigen sie – und das gerade am Heiligen Abend – so, als hätte sich eine Geschichte in Bethlehem genau so zugetragen, wie sie aufgeschrieben wurde. Aber gerade wenn ich mich nicht daran klammere, dass das Jesuskind im Jahre 0 in einem Stall in Bethlehem geboren wurde und bald darauf Hirten und Könige vorbeikamen, sondern versuche zu verstehen, was uns die Evangelisten mit diesen Geschichten über Jesus und seine Botschaft sagen wollten, wird für mich die Weihnachtsbotschaft zu einer Botschaft der Freude, des Friedens und der Gerechtigkeit. Inzwischen kann ich mich wieder uneingeschränkt auf dieses Fest freuen.

Haben Sie eine intensive Erinnerung an ein bestimmtes Weihnachtsfest? Sie sind ja als Journalist auch in der Welt viel unterwegs gewesen.

Da fällt mir spontan ein Weihnachtsfest auf der Insel Madeira ein. Meine Frau und ich machten einen Wanderurlaub, und unsere Gruppe wohnte in einem kleinen Hotel, in dem außer uns nur noch wenige Gäste übernachteten. Am Weihnachtsabend genossen wir alle im Restaurant ein köstliches Festessen. Es war noch nicht beendet, da stimmte eine Gesangslehrerin in unserer Gruppe gefühlvoll ein Weihnachtslied an, und unsere ganze Gruppe stimmte ein. Ein deutsches Ehepaar, das offenbar vor Weihnachten hatte flüchten wollen, sprang mit allen Anzeichen des Entsetzens auf und lief aus dem Restaurant.

Weihnachten zu entkommen ist eben gar nicht so einfach. Und eigentlich ist es das gerade auf Madeira nicht, wo zur Weihnachtszeit überall Krippen und Weihnachtsschmuck zu sehen sind. Die bunten Krippen werden von Touristen oft als Folklore „abgebucht“, aber wenn man genauer hinschaut, merkt man, dass er zeigt, wie der Glaube im Alltag der Menschen zu Hause ist. Dass die Krippendarstellungen durch Landschaften, Gebäude und Kleidung Madeiras abbilden, macht deutlich, dass die 2.000 Jahre alte Geschichte von der Geburt des Kindes von den Einheimischen immer neu als Ereignis mitten in ihrem eigenen Leben erfahren wird. Und ebenso ist es in vielen Ländern der Welt. Es freut mich immer wieder, wenn solche lokalen Weihnachtstraditionen gegen die weltweiten Eroberungszüge des Weihnachtsmanns verteidigt werden, denn dieser Mann mit rotem Mantel und Rauschebart ist zum Symbol der globalen Expansion eines total kommerzialisierten Weihnachten verkommen.

Können Sie, können wir eher kritisch nachdenkliche Menschen in Westeuropa, heute überhaupt hier noch Weihnachten als religiöses Fest feiern? Hat der Kommerz, der Rummel, nicht alles längst verdeckt?

Es gibt eine Welt jenseits der totalen Kommerzialisierung – und es gibt auch ein Weihnachtsfest jenseits des Kommerzes. Vielleicht können sich kleinere Kinder und ältere Erwachsene noch am stärksten der Vermarktung des Festes entziehen. Viele Kinder lassen sich noch unbefangen anrühren von der Geschichte von dem neugeborenen Kind, das in einer kalten Nacht in einer Krippe liegt, umsorgt von seinen Eltern und bald schon verfolgt von einem bösen König. Und viele ältere Menschen wenden sich von einem totalen Verkaufsrummel ab, schon weil er ihnen zu laut ist. Schade ist, dass in vielen Weihnachtsgottesdiensten keine Brücken gebaut werden zwischen „naivem“ Kinderglauben und den existenziellen religiösen Fragen vieler Erwachsener und gerade älterer Menschen. Recht verstanden – und das heißt, nicht wortwörtlich verstanden – kann die biblische Weihnachtsgeschichte uns einen neuen Zugang zum Glauben eröffnen, zu dem woher, wofür und wohin des menschlichen Lebens.

Sehr viele Menschen nehmen gerade und oft sogar ausschließlich zu Weihnachten an Gottesdiensten teil. Äußert sich da vielleicht eine tiefe Sehnsucht nach einem Abtauchen ins Kindliche, ins Naive, ins Heile und Friedliche? Das wäre ja auch prinzipiell ein respektables Verhalten?

Ich bin gegen eine Zertrümmerung der sehnsuchts- und hoffnungsvollen Weihnachtsstimmung. Da habe ich viel von dem brasilianischen Befreiungstheologen Leonardo Boff gelernt. Zum christlichen Glauben gehört für ihn die tief empfundene Hoffnung auf eine andere friedlichere und heilere Welt. Wo „alternativlos“ zu einem zentralen Begriff im politischen Diskurs geworden ist, hat diese Hoffnung etwas geradezu Subversives. Das hat zum Beispiel auch die Schriftstellerin Astrid Lindgren in ihren Geschichten beeindruckend dargestellt. Die Weihnachtsfeste in Bullerbü sind keine verkitschte Idylle, sondern gerade auf dem Hintergrund des oft problembeladenen Lebens der Schriftstellerin die Verteidigung der Hoffnung auf ein ganz anderes Zusammenleben der Menschen. Astrid Lindgren hat die soziale Realität in ihren Geschichten und auch in ihrem vielfältigen Engagement in der schwedischen Gesellschaft nicht ausgeklammert, aber sie hat eben auch die Hoffnung auf eine andere Welt wach gehalten, eine wirklich weihnachtliche Hoffnung.

Weihnachten wird auch von nichtreligiösen Menschen gefeiert, sogar in Japan feiern Menschen Weihnachten, dabei wissen sie oft gar nicht, was das Fest bedeutet. Was wäre dringende Aufgabe der Kirchen, neu und einfach und klar den Menschen zu erklären: Mit diesem Jesus von Nazareth ist etwas Besonderes geschehen, ein Grund zur Freude. Was wäre in Ihrer Sicht dieses Besondere, dieser Grund zur Freude?

Es stimmt, dass die Kirchen die besondere Bedeutung von Weihnachten neu erklären sollten. Aber die Probleme beginnen schon damit, dass viele Theologen und besonders Theologieprofessoren ein ambivalentes Verhältnis zum Weihnachtsfest haben. Dabei geht es nicht nur um die Kommerzialisierung, sondern auch darum, dass Weihnachten ein fröhliches Fest ist. Das macht Weihnachten für „ernsthafte“ Theologen zu einem Fest zweiter Ordnung. Das Kreuz und damit Ostern stehen im Zentrum, nicht die Krippe. Als die frühere Hamburger Bischöfin Maria Jepsen anregte, die Krippe stärker in den Mittelpunkt des christlichen Glaubens zu stellen, erntete sie wütende und böswillige Reaktionen in konservativen Theologenkreisen. Ich hoffe auf eine Kirche, die die Freude des Neuanfangs und die Verheißung von Frieden und Wohlergehen für alle stärker in den Mittelpunkt ihrer Verkündigung und ihrer Darstellungen des Weihnachtsfestes stellt. Bei Lukas verkünden die Engel den Hirten eine große Freude. Es ist die Freude darüber, dass mit Jesus mitten in einer Zeit der Gewalt und Ausbeutung ein Mensch auf die Welt gekommen ist, der den Menschen neue Hoffnung und Orientierung für ein geschwisterliches und gottgefälliges Leben gibt. Und diese umfassende Freude, hoffe ich, wird das Weihnachtsfest wieder stärker prägen. Dann wird es auch zu einem einladenden Fest für nichtreligiöse Menschen.

Copyright: Frank Kürschner-Pelkmann

Der Abdruck des Interviews ist erlaubt, wenn die Quellenangabe erfolgt: Religionsphilosophischer Salon Berlin mit den Hinweisen auf das Buch.

Frank Kürschner-Pelkmann: Von Herodes bis Hoppenstedt. Auf den Spuren der Weihnachtsgeschichte. Verlag Tredition, 2012, 696 Seiten; 36,80 Euro.

Albert Camus wird 100: Zwei neue Bücher

Albert Camus wird 100: Zwei neue Bücher
Von Christian Modehn

Siehe auch einen Beitrag in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Das Interesse an Albert Camus wird hoffentlich noch über seinen Geburtstag am 7. November hinausreichen. Natürlich steht an erster Stelle die Lektüre seiner Werke, sie liegen auf Deutsch – zum Teil in Neuübersetzungen ! – vor, zudem sind sie preiswert im Rowohlt Verlag publiziert.
Leider sind unseres Erachtenes wichtigste einführende Arbeiten nicht auf Deutsch zugänglich. Wegen Camus Französisch lernen, das wäre ja auch ein sinnvolles Lebensprojekt.
An erster Stelle muss das „Dictionnaire Albert Camus“ erwähnt werden, das unter der Leitung von Jeanyves Guérin bei Robert Lafffont, Paris, erschienen ist. Es liegt seit 2009 als preiswerte Taschenbuchausgabe vor und ist zum Preis von 30 Euro nahezu ein Geschenk. Das Buch umfasst 974 Seiten und ist, als Dictionnaire eben ein Camus – Lexikon von A bis Z, mit einem Personenregister, einer Bibilographie und Filmographie, auch ausführliche biographische Daten fehlen nicht. An dem Lexikon haben nach unserer Zählung 65 PhilosophINNen und PhilologINNen mitgearbeitet, darunter auch die deutsche Camus Forscherin Brigitte Sändig, Potsdam, sie hat ja die empfehlenswerte Camus Monographie (bei Rowohlt) geschrieben.
Gerade religionsphilosophisch Interessierte werden in dem Dictionnaire gründlich informiert (und auf weitere Literatur verwiesen, immer wieder übrigens auch auf den deutschen Philosophen und Camus Spezialisten Heinz Robert Schlette.) Die religinsphilosophisch relevanten Artikel beginnen bei Absolu, gehen weiter über Absurde, Atheisme, Bonheur, Cain, Dieu, Eglise usw… Interessant auch ein eigener Beitrag „Réception Chrétienne“, wo deutlich wird, dass Camus mit Mauriac, Marcel, Jan Marie Domenach diskutierte, mit Bernanos war er befreundet. Die großen katholischen Zeitschriften in Paris haben sich mit ihm befasst, mit den wenigen Theologen der Résistance war Camus ebenfalls freundschaftlich verbunden. Von den Dominikaner – Patres in Paris wurde Camus zu einem Gespräch ins Kloster eingeladen. Die eigene Spiritualität von Camus wird in den Stichworten Nature, Nemesis, Soleil, Solidarité usw. deutlich. Man wünscht sich dringend eine Übersetzung dieses Buches.
Bescheidener, doch nicht weniger inspirierend ist das Sonderheft der Reihe „Une vie, une Oeuvre“ der Tageszeitung Le Monde, das vor kurzem über Albert Camus erschienen ist. „la révolte et la liberté“ ist der Titel. Das Vorwort von Bernard – Henri Lévy verdient kritische Beachtung, vor allem seine Ausführungen über Camus „Ja und das Nein zur Natur“ (S. 13 f.). Das Heft hat 122 Seiten, es enthält viele Fotos, Daten, Textauszüge, Literaturangaben usw. und kostet nur 7,90 Euro.
Christian Modehn

Albert Camus – ein frommer Ungläubiger. Eine Ra­dio­sen­dung im NDR

Glaubenssachen: NDR Kultur am 20. Oktober 2013 um 8.40 Uhr

„Das Leben ist ein Geheimnis“
Albert Camus – ein frommer Ungläubiger
Von Christian Modehn

Das Licht des Südens, das Mittelmeer, die Berge: Schon in seiner Heimat Algerien hat Albert Camus (1913 – 1960) die Natur beinahe religiös verehrt. Das Christentum lehnt er als dogmatisch erstarrte Lehre ab. Aber als „Atheist“ will er sich auch nicht bezeichnen. Heilig sind für ihn die Freiheit und ein Leben in Wahrhaftigkeit und Nächstenliebe. Mit seinen philosophischen Essays, Theaterstücken und Romanen erlebt Camus bis heute eine außerordentlich breite Anerkennung. Er wird geschätzt als unabhängiger Denker jenseits aller Ideologien. Anlässlich seines 100. Geburtstages (am 7. November) wird die zentrale Frage erörtert: Welche Art von Spiritualität ist denn für den so vielseitig interessierten Albert Camus entscheidend?

Das Manuskript der Sendung vom Oktober 2013, geschrieben für eine Hörfunk-Produktion:

Glaubenssachen am 20. 10. 2013

„Das Leben ist ein Geheimnis“
Albert Camus – ein frommer Ungläubiger
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Berichterstatter
3. SPR.: Zitator Camus.

1.SPR.:
Das Flanieren in Paris hat einen besonderen Reiz im so genannten „Intellektuellen – Viertel“ rund um Saint Germain des Prés, auf der Rive Gauche, dem linken Ufer der Seine. Dann erinnert man sich, vielleicht im Café „Deux Magots“ verweilend, an die glorreichen Jahre nach der Befreiung von der Naziherrschaft. Da wurde in der „Brasserie Lipp“ oder dem Musikclub „Tabou“ ausgelassen gefeiert und heftig debattiert: Philosophen und Journalisten, Literaten und Künstler wollten sich übertreffen mit ihren Visionen für eine bessere Welt.

2.SPR.:
Im Herbst 1943 hatte sich der Schriftsteller Albert Camus in Paris niedergelassen. Seine Bücher „Der Fremde“ und „Der Mythos des Sisyphus“ waren gerade erschienen und hatten begeistere Aufnahme gefunden, selbst bei den Intellektuellen. Der Philosoph Jean Paul Sartre und seine Gefährtin Simone de Beauvoir ließen jedoch den jungen Autor spüren, dass er nicht ganz zu ihnen passte. Hatte doch Camus den Makel, keine berühmte Pariser Elitehochschule besucht zu haben. Er galt als „Algerien – Franzose“ und war somit wie eine Art Emporkömmling aus der fernen Kolonie. Dort wurde er am 7. November 1913 in dem Dorf Mondovi geboren: Die Verhältnisse zu Hause waren äußerst bescheiden. In seinem autobiographischen Roman „Der erste Mensch“ erinnert er sich an die Kindheit:

3. SPR.:
Ich war immer inmitten einer Armut aufgewachsen, die so nackt war wie der Tod.

1.SPR.:
Der junge Camus wurde früh mit der brutalen Sinnlosigkeit des Lebens konfrontiert: Sein Vater, zu Beginn des Ersten Weltkrieges an die französische Front abkommandiert, erliegt schon wenige Wochen später seinen Verletzungen. Der arme Mann aus der Kolonie: Er war nichts als Kanonenfutter. Das Entsetzen darüber klingt selbst in Camus distanzierter Sprache an:

3.SPR.:
Der Vater hatte Frankreich nie vorher gesehen. Er sah es. Und wurde gleich getötet.

2. SPR.:
Die Großmutter kümmert sich um die beiden Kinder, Albert und Lucien; die Mutter, stark behindert, ist kaum in der Lage, korrekt zu sprechen. Zu alledem leidet Albert Camus an der Tuberkulose, mit dieser Krankheit wird er sein ganzes Leben zu kämpfen haben.

1.SPR.:
Aber er will sich den widerwärtigen Bedingungen des Daseins nicht unterwerfen: Er liebt die Welt, und er liebt die Menschen. Schon in einem seiner frühesten Essays mit dem Titel „Sommer in Algier“ schreibt Camus:

3. SPR.:
Wenn es eine Sünde gegen das Leben gibt, so besteht diese Sünde darin, auf ein anderes, jenseitiges Leben zu hoffen und sich der unerbittlichen Größe dieses jetzigen Lebens zu entziehen. Ich behaupte, dass ich am Glück der Engel im Himmel keinen Geschmack finde.

2.SPR.:
Seine philosophischen Interessen helfen ihm, seine eigene, einmalige Lebenshaltung zu entwickeln. Er studiert den Kirchenvater Augustin und gleichzeitig den antiken Philosophen Plotin. In Algier widmet er beiden Denkern seine philosophische Lizenziatsarbeit. Und gleich danach macht er seine ersten Versuche als Schriftsteller. Er sieht seine Berufung als Künstler darin, anderen zu helfen, den Lebenssinn inmitten des Unsinns zu entdecken.

1.SPR.:
Als Journalist in Paris weiß er sich dieser Mission verpflichtet. Die Zeitung Combat stand, wie der Name sagt, ganz im Dienst des Kampfes gegen die deutsche Besetzung. Heftig wurden dabei auch Kollaborateure attackiert, jene Franzosen, die sich unter dem Nazi – freundlichen Regime des Marschall Pétain so recht wohl fühlten.

2. SPR.:
Nach der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten im August 1944 beginnt aber für Albert Camus ein neuer Kampf, diesmal gegen totalitäres Denken, nun auch in Friedenszeiten. In seinem Roman „Die Pest“ lässt Camus den Arzt Dr. Rieux eine ihm selbst so wichtige Überzeugung aussprechen:

3. SPR..
Diese Freude über das Ende der Pest ist immer wieder bedroht und die Pest und das schlimmste Übel können jederzeit wiederkommen.

1.SPR.:
Camus tritt leidenschaftlich für die Rechte der Menschen ein, der kleinen Leute zumal; blinden Terror und staatliche Gewalt will er bedingungslos bekämpfen, egal, ob sie von Faschisten oder von Kommunisten verübt werden.
Und genau daran zerbricht die Freundschaft mit Sartre und seinem Kreis, zu dem auch die Philosophen Maurice Merleau – Ponty und Francis Jeanson gehörten. Sie waren überzeugt, die gerechte Welt beginne ausgerechnet hinter dem eisernen Vorhang. Die sonst so kritischen Köpfe haben viel Verständnis für die Sowjetunion; sie konnten es ertragen, dass eine systematische Auslöschung der Opposition politisch notwendig sei. Straflager seien nichts anderes als ein notwendiges Mittel, um den guten Zweck des Kommunismus zu befördern.

2. SPR.:
Albert Camus ist über so viel Verblendung entsetzt. Und er ist nicht bereit, um der Freundschaft mit einigen Intellektuellen willen auf sein Mitgefühl für die unschuldigen Opfer zu verzichten. Er ist einer der wenigen Intellektuellen in Paris, die sich mit den Arbeiterprotesten in Ost – Berlin oder Budapest solidarisieren. Seine ehemaligen Freunde wissen nun: Camus gehört nicht mehr zu ihrer Clique. Er ist ein sozialistischer Demokrat; ein Rebell, kein Revolutionär. Darum gilt er nun als Ausgestoßener und Verfemter. Um so mehr verehren ihn seine Leser weltweit: Seine Romane „Die Pest“ und „Der Fremde“ werden in mehr als 45 Sprachen millionenfach verbreitet.

1. SPR.:
Aber äußere Erfolge können ihn kaum trösten. Die Stadt Paris erscheint ihm kalt und fremd. Ein Leben inmitten von Steinwüsten wird ihm zur Last. Er zieht sich in kleinere Städte zurück, nach Avignon oder Angers, erst kurz vor seinem Tod findet er seine wirkliche Heimat inmitten der Schönheit der Provence.

2. SPR.:
Das Leben in den anonymen Großstädten kann Camus nur bestehen mit seiner humanistischen Spiritualität. Sie folgt keiner speziellen Tradition; sie ist sein eigenes, sein schöpferisches Werk. Leitend ist die Überzeugung: Niemand sollte sich einreden lassen, das wahre menschliche Leben beginne erst in ferner Zukunft, etwa in der klassenlosen Gesellschaft oder –religiös formuliert – im Himmel. Wer heute leidet, will trotz allem jetzt sinnvoll leben.

3. SPR.:
Der einzelne Mensch erlebt, dass er sinnvoll leben will, das gehört zu seinem Wesen. Gleichzeitig aber erleben wir, wie unsere Versuche, dem Leben Sinn zu geben, auch wieder scheitern und uns in Verderben ziehen können.

1.SPR.:
Diese Doppelbödigkeit des Lebens ist für Camus bestimmend: Es gibt auf dieser Welt nie das vollständig Gute, es gibt nur die Mischung aus Ja und Nein, aus Glück und dem „Absurden“.

2.SPR.:
In dem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ zeigt Camus, wie der Mensch in einer offenbar aussichtslosen Lage doch noch selbst seinen Sinn finden kann: Auch wenn Sisyphus den Stein wieder und wieder auf den Berghang hinaufwälzt und dann am Gipfel sofort wieder hinunterrollt: Sisyphos ist stolz, von so viel Sinnlosigkeit überhaupt zu wissen, also auf sie zu schauen und nicht wie ein Tier an sie gekettet zu sein. Immer bin ich es, der diese Leistung vollbringt. Ich stehe also über dem Mechanismus der Monotonie von Herauf und Hinunter. Camus schreibt:

3. SPR.:
In diesem Widerstand zeigt sich eine stille Freude. Alles ist gut. Man muss sich Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das Absurde hat nur Sinn in dem Maße, indem man ihm gerade nicht zustimmt .

1.SPR.:
Die Erfahrung von Absurdität und Sinnlosigkeit schließt menschliche Entwicklung und Reifung gerade nicht aus. Denn der Mensch kann immer seine schöpferische Kraft entwickeln und für sein eigenes Leben sinnvolle Horizonte erschließen. Diese Fähigkeit des Geistes befreit aus existentieller Bedrängnis. Camus hat dafür eine Art Formel:

3.SPR.:
Schöpferisch sein, bedeutet zweimal zu leben.

1.SPR.:
Denn es gibt neben dem unmittelbaren, alltäglichen Leben noch das reflektierte, das geistige Leben. Und das ist größer als alle Aussichtslosigkeit oder Gebundensein an schlimme Umstände. Deswegen kommt für Camus auch der Suizid nicht betracht. So sehr er selbst mit der Versuchung des Selbstmordes zu kämpfen hatte, etwa als er die Untreue seiner ersten großen Liebe durchmachen musste. Hand an sich zu legen, lehnt er aber grundsätzlich ab: Denn das würde bedeuten, sich dem Absurden zu unterwerfen.

2. SPR.:
Camus, der Schriftsteller und Künstler, der 1960, bei einem Autounfall, aus dem Leben gerissen wurde und dessen Werk unvollständig blieb, hat eine Antwort auf die Frage: Unter welchen Bedingungen können sich denn Menschen der Erfahrung von Sinnlosigkeit widersetzen? Und er verweist auf die ihm eigene Spiritualität: Dieser Begriff war Mitte des Zwanzigsten Jahrhunderts noch auf die enge Kirchenwelt begrenzt, deswegen verwendete ihn Camus auch nicht. Aber seine Äußerungen sind klar: In der tiefen Verbundenheit mit der Natur findet er den Grund seines geistigen Lebens, seine Spiritualität: Er denkt dabei vor allem an die Welt des Mittelmeeres mit ihrer Kraft der Sonne und der unendlichen Weite des Meeres, vor allem aber auch an die Stille der Natur im Abseits der Städte. Er schreibt:

3. SPR.:
Es ist meine schwere Bestimmung, auf heidnischem Boden in einer christlichen Epoche geboren zu sein. In diesem Sinne fühle ich mich den Werten der antiken, griechischen Welt näher als dem Christentum. Griechenland ist für mich nur noch ein langer strahlender Tag und auch eine von Blüten bedeckte Insel, die unablässig auf einem Meer des Lichts dahin treibt. Dieses Licht gilt es festzuhalten.

1.SPR.:
In seinen Romanen und Essays beschreibt Camus, wie im Erleben der Schönheit eine Dimension des Heiligen berührt wird. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca:

3. SPR.:
Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit.

2.SPR.:
Dabei weiß Camus durchaus, dass die Natur doppeldeutig erlebt wird. Die Sonne schenkt zwar Leben; sie kann aber auch mit ihrer unbezähmbaren Kraft vieles vernichten. Nur mit Klugheit und Maß kann sich der Mensch der Natur aussetzen. Dann aber wird er reich beschenkt, gelegentlich sogar in Großstädten, die eigentlich keinen Raum bieten für erhebende Natur – Erfahrungen. In dem abweisend und hässlich erlebten Prag wurde Camus eine besondere Erfahrung geschenkt:

3. SPR.:
In einem Barockkloster am Rande der Stadt, ließen die Lieblichkeiten des Augenblicks, der gemächliche, helle Ton der Glocken, die vom Turm auffliegenden Tauben und auch ein Duft von Kräutern ein tränenerfülltes Schweigen in mir entstehen. Es brachte mich der Erlösung auf Haaresbreite nahe.

1.SPR.:
Erlösung erwartet Camus nicht in religiösen Zeremonien der Kirchen. Nur inmitten des Lebens, in einem geschenkten Augenblick der Stille gelingt es, eine Spur der Transzendenz zu sehen. In seinen „Carnets“, den „Tagebuch Notizen“, beschreibt er seine spirituelle Haltung:

3. SPR..
Das Wort Atheismus hat keinen Sinn für mich. Bei mir ist es so: Ich glaube zwar nicht an Gott, ich bin aber auch kein Atheist“.

2.SPR.:
Camus lebt – paradox – in gottloser Frömmigkeit, er kennt die Ahnung des Heiligen, er liebt das Erhabene in der Natur und weiß, dass da jedes Wort nur Fragment ist. Aber er erlebt, wie der Mensch in eine dauerhafte Gegenwart gestellt wird: Die Last der Vergangenheit wird dann ausgeblendet und die Aufgaben der Zukunft werden zurückgestellt. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen.

3. SPR.:
Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut.

1. SPR.:
Aber für Camus ist Spiritualität kein Selbstzweck. Immer geht es ihm darum, Widerstandsreserven zu wecken inmitten des Alltags. Auch der politische Kampf für die Rechte der Unterdrückten kann niemals auf eine geistvolle Lebensphilosophie verzichten. Wie sollte man denn sonst die vielen kleinen, die vielen frustrierenden Schritte hin zu einer Verbesserung der Welt überhaupt leisten können?

2.SPR.:
Wer die neue, die gerechtere Welt aufbauen will, muss immer auch Nein sagen zu den alten Verhältnissen. Diese Dialektik zwischen Ja und Nein ist entscheidend. Und Camus sieht darin eine Art Urkraft des menschlichen Geistes! In seinem Buch „Der Mensch in der Revolte“ hat er diesen Gedanken weiter entfaltet.

3. SPR.:
Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens Und die Bewegung der Revolte beruht auf der kategorischen Zurückweisung eines als unerträglich empfundenen Leidens.

1.SPR.:
Der Mensch muss rebellieren, einfach nur, weil er Mensch ist, das gehört zu seinem Wesen! Dabei ist die Rebellion oder die Revolte grundlegend verschieden von der Revolution. Diese lässt sich von brutaler Macht und tötender Gewalt leiten. Die Einheitspartei im Kommunismus wie im Faschismus maßt sich an, Hort der Wahrheit zu sein und deswegen Menschen auslöschen zu dürfen. Auch in der westlichen Welt, mit ihrer Lust am unbegrenzten Konsumieren und Vernichten der natürlichen Ressourcen, sieht Camus nichts als zerstörerischen Nihilismus, es ist die Ideologie: Alles auf dieser Erde ist letztlich wertlos und deswegen zu verbrauchen.

2. SPR.:
Nur der Rebell, also der „Mensch in der Revolte“, kann dem herrschenden Nihilismus Einhalt gebieten: Camus findet Bündnispartner, denn es gilt, eine breite Bewegung der Solidarität aufzubauen, mit kritischenGewerkschaften vor allem. Er sieht, wie sich rebellische Menschen unterstützen, wenn sie ein gemeinsames, humanes Projekt haben. Camus formuliert diese Einsicht in einer weithin bekannten Formel:

3. SPR.:
Ich empöre mich. Also sind wir!

1. SPR.:
Ein denkwürdiges und anspruchsvolles Wort, das Motto Camus. Denn wenn das Leben wesentlich Protest ist gegen Ungerechtigkeit und Rebellion gegen den Nihilismus, dann erlebt man Außergewöhnliches: Der einzelne weitet sich auf die anderen hin, es entstehen Verabredungen, es wächst Gemeinschaft. Camus betont:

3. SPR.:
In der Revolte zeigt sich eine Bejahung des Lebens; diese Zustimmung übersteigt den Einzelnen. Sie zieht ihn aus seiner Einsamkeit und gibt ihm einen Grund zum handeln. Der Revoltierende kämpft für eine Unversehrtheit seines Wesens. In der Revolte übersteigt sich der Mensch.

2.SPR.:
Auch wenn Camus immer wieder betont, nicht an den Gott der Christen und ihrer Kirchen zu glauben, so ist er alles andere als ein militanter Feind der Religionen. Er meint zwar, die Theologen wüssten zu viel von der göttlichen Wirklichkeit und dem Geheimnis des Lebens. Dennoch ist es für ihn wichtig, mit den Christen zu diskutieren. So folgte er gern einer Einladung der Dominikaner Mönche in Paris und er läuterte ihnen seine religionsphilosophische Haltung:

3. SPR.:
Ich möchte festhalten, dass ich mich nicht im Besitz irgendeiner absoluten Wahrheit fühle, aber auch niemals von dem Grundsatz ausgehen werde, die christliche Wahrheit sei eine Illusion. Vielmehr möchte ich Ihnen sagen, dass die Welt heute ein echtes Zwiegespräch nötig hat.

1.SPR.:
Camus ist überzeugt: Die Zeit ist gekommen, dass sich Ungläubige wie Gläubige vereinen in ihrer Rebellion gegen jegliche Verachtung menschlichen Lebens. Seine christlichen Freunde hat er mehrfach aufgefordert, über die eigenen Dogmen hinauszublicken zugunsten elementarer Lebenserfahrungen. In seinem Buch Licht und Schatten schreibt Camus:

3. SPR.:
Die Welt ist schön. Außerhalb dieser schönen Welt gibt es kein Heil und keine Rettung.

2.SPR.:
Aber der Mensch wird sterben, was kann dann aber über den Tod hinwegtrösten? Und 1957 hatte er notiert:

3. SPR.:
Wenn ich einmal sterbe, dann wird dieser schöne Ort wie Tipasa am Mittelmeer noch weiter seine Fülle und Schönheit verbreiten. Darin finde ich meinen Trost. Wir entscheiden uns für die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.

1.SPR.:
Wenige Tage vor der Übergabe des Literatur – Nobelpreises im Dezember 1957 in Stockholm formulierte er noch einmal das, was ihn trägt:

3. SPR.:
Wie viele andere Menschen von heute bin ich des Mäkelns und der Bosheit, mit einem Wort, des Nihilismus müde. Was zu verurteilen ist, sollte verurteilt werden! Aber kurz und bündig. Was hingegen noch gelobt zu werden verdient, sollte ausführlich gelobt werden. Schließlich bin ich ja deswegen Künstler. Denn selbst das Werk, das verneint, bejaht doch noch indirekt etwas und ehrt auch so das armselige und herrliche Leben, unser Leben.

Literaturhinweis:
Unter den Werken Albert Camus verdient die neue Übersetzung von „Hochzeit des Lichts“ (übersetzt von Peter Gan und Monique Lang), erschienen im Arche Verlag, Hamburg – Zürich, 2013, besondere Beachtung, zumal im Blick auf das Thema Spiritualität.

Walter Jens – Für die Freiheit im Katholizismus

Walter Jens – Für die journalistische Freiheit im Katholizismus
Erinnerungen an den Berliner Katholikentag 1980
Von Christian Modehn

1.

Die Erinnerungen an die Beiträge von Walter Jens auch für ein Neuverständnis des christlichen Glaubens und für eine Reform der Kirchen – im Sinne der Aufklärung und der Vernunft ! – sind vielfältig. Sie bleiben anregend, etwa sein Wort über den Prediger, das der „Tagesspiegel“ am 11. Juni 2013 noch einmal zitiert. Walter Jens sagt: “Ein Prediger, der von Gott sprechen will, muss von der Welt reden, von der Lebenswirklichkeit und dem Hier und Heute des Menschen: Hat Jesus von Nazareth anders geredet?“

2.

Wenn der Religionsphilosophische Salon auch an den Religionskritiker Walter Jens (geboren am 8. Mai 1923, gestorben am 9. Juni 2013) erinnert, dann denken wir vor allem an einen – innerhalb des umfangreichen Lebenswerks gesehen – doch eher bescheidenen Artikel von ihm. Dieser Beitrag sorgte aber im Jahr 1980 im katholischen Milieu Deutschlands für viel Beachtung. Auch an diesem Beispiel wird die Kraft des engagierten Aufklärers deutlich: Der Artikel, den Walter Jens unter seinem (schon damals bekannten) Pseudonym „Momos“ am 13. Juni 1980 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ veröffentlichte, ist also im Rückblick dann doch alles andere als marginal.

3.

Zur Erinnerung: West – Berlin, in der ersten Juniwoche 1980: Der 86. Deutsche Katholikentag (vom 4. bis 8. Juni) ist ein außergewöhnliches Ereignis: Zum ersten Mal laden kritische Katholiken, vor allem junge Menschen von der Basis, zu einem „Katholikentag von unten“ ein. Die Veranstaltungen dürfen nicht in den Räumen des offiziellen Katholikentages stattfinden, so wollen es die Bischöfe und das Zentralkomitee „der“ deutschen Katholiken. Die „Basis – Katholiken“ finden Zuflucht bei einigen protestantischen Gemeinden. Für den Sender Freies Berlin (SFB) realisiere ich zusammen mit den beiden anderen Filmemachern Wolfgang Fietkau und Wolfgang Tumler einen Film von 30 Minuten Länge: er wird gleich am Sonntag, den 8. Juni, um 17.30 Uhr ausgestrahlt. In dem Film wird aus dem Blickwinkel von Teilnehmern einer Gemeinde (Eschborn bei Frankfurt a.M.) berichtet. Dabei wird selbstverständlich auch über den auch sonst von den Medien stark beachteten „Katholikentag von unten“ berichtet. Vor allem dieser journalistische Respekt in der ARD vor dieser neuen Initiative löst eine wahre Welle der Empörung im offiziellen deutschen Katholizismus aus. Heute würde man das bösartig – polemische Phänomen wohl „shitstorm“ nennen, unter dem besonders der verantwortliche Redakteur Johannes Huthmann zu leiden hatte. Bei ihm sammelten sich hunderte von üblen Beschimpfungen streng konservativer Katholiken. Dies war wohl auch eine Form der Zurückweisung der Pressefreiheit im Katholizismus, sie wurde offensichtlich angefeuert durch den für das Bistum Berlin verantwortlichen Bischof Joachim Meisner und seine Umgebung; Meisner war erst am 17. Mai 1980 offiziell als Bischof von Berlin eingeführt worden, ernannt von Papst Johannes Paul II, arbeitete er zuvor im DDR Bistum Erfurt. Er „residierte“ nun in Ost- Berlin.

4.

Diese etwas ausführliche Vorrede ist nötig, um die Bedeutung des Beitrags von Walter Jens in „Die Zeit“ vom 13. Juni 1980 richtig einschätzen zu können. Jens lobte ausdrücklich, dass die ARD (SFB) die Bilanz des Katholikentages nicht „von den Kardinälen und Funktionären des Zentralkomitees, den großen Meistern jener zugleich ein- und vieldeutigen Kommuniqués, sondern von Teilnehmern ohne großen Rang und glanzvolle Namen gezogen wurde. Eine Bilanz von unten, ein Bilanz im Zeichen der Religion Christi, nicht der christlichen Religion“. Dann weist Walter Jens auf einen Zwiespalt im Katholikentag hin: „Wurde auf der einen Seite (im Film, CM) die Praktik der Oberen getadelt, sich nach außen hin offen zu geben, um nach innen rigoros abzuschotten- nur nicht zu viel Ökumene usw. – so sah sich auf der anderen Seite der gemachte, geplante professionell inszenierte Jugend Rummel attackiert…“. Walter Jens weist außerdem eindringlich darauf hin, wie vom offiziellen Katholikentag jegliches Gespräch mit Homosexuellen zurückgewiesen wurde, während es entsprechende Gespräche und Veranstaltungen auf dem „Katholikentag von unten“ selbstverständlich gab: Dank der evangelischen Freiheit protestantischer Gemeinden.

5.

Der Beitrag von Walter Jens in „Die Zeit“ hat die Herren der offiziellen Kirche zwar nicht zu einer Meinungsänderung bewegen können in Richtung Pressefreiheit. Aber Walter Jens hat mit seiem Beitrag auch mit dafür gesorgt, dass eine von den Kirchenoberen nicht allzu sehr kontrollierte journalistische Arbeit – etwa in der ARD – weiter gestärkt wurde und kritische Journalisten und Redakteure ihre Arbeit weiter machen konnten.

Walter Jens hat vor allem den Christen an der Basis zweifellos Mut gemacht, den Weg „von unten“ weiterzugehen. Und es hat lange gedauert, bis zur Jahrtausendwende, als sich die offiziellen Katholikentagsveranstalter mit den Organisatoren des Katholikentags von unten zu einem friedlichen Nebeneinander und gelegentlichen Miteinander durchringen konnten. Heute haben sogar Homosexuelle einen offiziellen Platz auf dem offiziellen Katholikentag, „aber nur, wenn sie für ihre Lebensform keine Reklame machen“, wie mir der ZDK Pressesprecher Theodor Bolzenius im Interview im Jahr 2006 sagte.
Der Versuch, vor allem durch das konservative Umfeld von Bischof Meisner (seit 1989 Erzbischof von Köln), die Pressefreiheit in der Kirche einzuschränken, hat sich nicht ausgezahlt, wenn man nur auf die Attraktivität der Katholikentage schaut. Gab es 1980 in Berlin ca. 75.000 Dauerteilnehmer, so waren es im Jahr 2000 nur noch 40. 000, im Jahr 2006 nur noch ca. 23. 000. (Quelle: http://fowid.de/fileadmin/datenarchiv/Katholikentage_1968_2008.pdf, gelesen am 11. Juni 2013, 12. 15 Uhr). Was kann daraus geschlossen werden: Ohne umfassende Meinungsfreiheit, ohne gelebte Pluralität, ohne den Mut, dogmatische Fixierungen zu überschreiten, haben Katholikentage wohl keine große Zukunft mehr. Sie werden zu marginalen Ereignissen in der Provinz.

6.

Man muss sich im Rahmen unseres Forschungsprojekts „Philosophische Religionskritik“ an solche Ereignisse erinnern, vor allem an Menschen von den Dimensionen eines Lessing, also an Walter Jens, um den Wandel des Religionen und Konfessionen in den letzten 30 Jahren in Deutschland tiefer verstehen zu können und um einige der vielfältigen Ursachen zu begreifen, die zur (Selbst-) Marginalisierung des Katholizismus führen.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Einsamkeit – Chance und Last

Einige Hinweise aus dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon:
Sitzung am 31. Mai 2013 in der Galerie Fantom in Berlin – Wilmersdorf

Von Christian Modehn

1.

Wir hatten im April – Salon 2013 mit Peter Bieri über das Thema seines Buches „Wie wollen wir leben?“ gesprochen. Darin plädiert er für eine Kultur der Stille; dazu gehört aber auch der Rückzug in die Einsamkeit. Ich kann nicht in der Stille sein, wenn um mich herum nur hektisches Getöse ist. Da kann ich zwar alleine sein, aber nicht einsam.
Dies ist schon ein Hinweis auf die inhaltliche Verschiedenheit von Alleinsein und Einsamkeit. Wobei es in der Alltagssprache durchaus vorkommt, dass einsam und allein austauschbar verwendet werden. Wer als Single sagt „Ich bin einsam“ weckt eher Gefühle des Bedauerns. Wer sagt „Ich bin allein“ beschreibt eher einen neutral erlebten Zustand.

2.

Andererseits sagen wir und hören wir oft: „Wir sind allein“. „Wir haben niemanden“. „Wir sind auf uns allein gestellt“. „Ich bin allein und fühle mich verlassen“.
Ich kann mitten unter vielen anderen allein sein, im Sinne von: Sich verloren fühlen, ausgegrenzt sein, abgeschoben sein, ignoriert sein inmitten vieler anderer, die mich übersehen, die sich nicht um mich kümmern, selbst wenn ich in Not bin. In solchen Situationen des reinen auf sich selbst Gestelltseins sprechen wir von „Alleinsein“, auch im Sinne von Hilflos sein oder gar Hoffnungslossein.
Wir sind allein, wenn sich soziale Bindungen auflösen, weil es die tragende und manchmal auch bergende Großfamilie nicht gibt. Sozialbeziehungen lösen sich auf, Kirchengemeinden spielen für die allermeisten keine relevante Rolle mehr, ebenso wenig Gemeinschaften, die in Parteien erlebet werden; Stammkneipen verschwinden. Sportvereine helfen noch, das Alleinsein zu überwinden und die lange Freizeit wenigstens körperlich zu gestalten.

3.

Unserer Meinung nach ist Alleinsein nicht identisch mit Einsamsein. Der sprachliche Unterschied kommt auch in anderen europäischen Sprachen vor. Zur Einsamkeit gehört der bewusste Wille sich zurückzuziehen. „Ich gehe in die Einsamkeit“. Zur Einsamkeit gehört als äußere Voraussetzung oft Stille und eine gewisse Ferne von Hektik.
Ich gehe in die Einsamkeit, um in mich zu schauen. Einsamkeit hat den Anspruch, das eigene Leben gerade im Rückzug zu vertiefen, heller, transparenter, das Leben zu sehen, Achtsamkeit zu üben: Welche Kraft steckt in mir, welche Aufgaben kann ich in dieser Welt haben?

Dazu muss ich mich entschließen, zur Einsamkeit gehört im Unterschied zum Alleinsein ein bewusster Wille. Der Schriftsteller und Aphoristiker Alfred Polgar (1873 – 1955) notierte: „Wenn dich alles verlassen hat, kommt das Alleinsein. Wenn du alles verlassen hast, kommt die Einsamkeit.“

4.

In der Einsamkeit entdecke ich, dass ich nicht ad hoc fähig bin, die Einsamkeit als „innere Erfahrung meiner Tiefe“ zu gestalten. Ich erlebe dabei, dass ich zur Einsamkeit fähig werden muss. Ich muss Einsamkeit als ein Schauen auf mich ertragen können und ertragen wollen. Wir brauchen in den Städten leere Orte, wo wir Einsamkeit üben können. Vielleicht sollte man bald eine der vielen leer stehenden Kirche als „heilige Räume der Einsamkeit“ gestalten und für alle offen halten…

5.

In der Einsamkeit geht es nicht nur um einen Ortswechsel, sondern auch um einen „Zeitwechsel“: Nicht mehr sorgenvoll auf die Zukunft schauen, sich nicht mehr von der Last der (eigenen) Vergangenheit erdrücken lassen. Sondern einmal ganz präsent sein: „Jetzt bin ich der, die hier ist. Ich will gegenwärtig sein, die lange Weile der Gegenwart erleben, diese lange Weile ist keine Lamngeweile.“

Zur Vertiefung weisen wir nur auf einige Philosophen hin:

Meister Eckart (1260 – 1328): Einsamkeit ist auch eine Voraussetzung für die unio mystica, für die Einheit mit Gott. Darin ist der Begriff der Abgeschiedenheit entscheidend: Das heißt das Sich lösen von Vorstellungen, von Vorurteilen über Gott und das eigene Selbst.
Der Geist ist für Eckart immer der göttliche Geist. Einsamkeit ist die Verbundenheit mit dem göttlichen Geist in der Abgeschiedenheit: Sie schafft Raum für das Leben des Geistes, schafft Raum für das Leben Gottes in mir. Abgeschiedenheit ist Leerwerden, Vernichtung des „Eigenen“. Wir lösen uns vom „Haben“.
Gelassenheit ist die Konsequenz der Abgeschiedenheit. Einsiedler, also allein lebende Mönche, sind für Meister Eckart zu nichts nütze, man solle, so Eckart, immer beim Tun und Handeln bleiben, etwa beim Herdfeuer oder der Fürsorge für andere. Auch da geschieht die unio mystica, siehe etwa Meister Eckarts radikale Bevorzugung der Gestalt der tätigen Martha gegenüber der bloß passiv zuhörend – meditierenden Maria.

Montaignes Werk, vor allem die Essais, sind ohne die persönliche Erfahrung der Einsamkeit in seinem Turm gar nicht denkbar. Im 1. Buch der Essais befindet sich das 39. Kapitel, das „Über die Einsamkeit“ zum Titel hat.Darin finden sich die fast wie „philosophische Lebenshilfe“ klingenden Worte:“Wir müssen uns ein Hinterstübchen zurückbehalten, ganz für uns, ganz ungestört, um aus dieser Abgeschiedenheit (!) unseren wichtigsten Zufluchtsort zu machen, unsere wahre Freistatt. Hier gilt es, den alltäglichen Umgang mit uns selbst zu pflegen….indem wir mit uns Zwiesprache halten….“

Martin Heidegger kann als „Lehrer“ der Einsamkeit gelten; das beginnt schon in Sein und Zeit, § 40, zum Thema ANGST. Da zeigt Heidegger, wie dem Menschen sein eigenes Dasein und die Bezogenheit auf die Welt insgesamt entgleitet, das nennt Heidegger Angst. Darin wird der Mensch, das „Dasein“, vereinzelt, er wird auf sich zurückgeworfen, Bindungen zerbrechen. Der Mensch entdeckt: Jetzt bin nur ich allein gemeint, es kommt auf mich alleine an, ich bin jetzt frei, mich selbst zu wählen. Auf dem Hintergrund der Unheimlichkeit der Welt , dem Zusammenbruch der alltäglichen Vertrautheit mit der Welt, gibt es also die Chance, inmitten der Angst das eigene Leben, mein nur mir zugewiesenes Dasein, zu ergreifen und zu gestalten. D. h. ohne die Einsamkeit (der Angst) keine seelische Reifung und Entwicklung. Zentral ist dann die Erkenntnis: Mir kann mein eigenes Dasein niemand abnehmen. Ich muss es selbst leben.

Jean Jacques Rousseau muss hier genannt werden, vor allem sein Buch „Träumereien eines einsamen Spaziergängers“, das erst posthum erschien. Entstanden ist es zwischen 1776 und 1778. Rousseau spricht darin nur noch zu sich selbst, er beschreibt von Innen her das ungestörte Sich – Erleben, das Distanziertsein von den Geschäften der Welt, die Freiheit als Unabhängigkeit von anderen.
Es war der mehrfache Aufenthalt auf der Sankt Petersinsel im Bielersee in der Schweiz, der ihn zu den hier niedergeschriebenen Impressionen, Weisheiten, Bekenntnissen, führt.
Im Rückzug, nur von wenigen lieben Menschen umgeben auf der Insel, erlebt Rousseau die philosophische Gelassenheit; er setzt sich ab von den rational – einseitigen „Philosophes“, den Aufklärern im Umfeld von Diderot, er setzt sich aber auch ab von den dogmatisch geprägten kirchlichen Glaubensformen.

Auch Friedrich Nietzsche ist ein großer Philosoph der radikal erlebten Einsamkeit: In der Einsamkeit entwickelt er eine unglaubliche Produktivität.
In Sils Maria, Engadin, hat Nietzsche 7 mal den Sommer erlebt, von 1881 bis 1889; hier schrieb er auch den 2. Teil seines wohl anspruchsvollsten und alles umstürzenden Buches „Also sprach Zarathustra“. Hier formuliert er seine Lehre von der ewigen Wiederkunft des Gleichen.

Wie kann Einsamkeit für uns zu einem kreativen „Ort“ werden? Sind wir überhaupt noch einsamkeitsfähig? Oder haben wir uns längst an das – eher flache und traurige – Alleinsein gewöhnt?

Copyright: CHRISTIAN MODEHN. Religionsphilosophischer Salon Berlin.