Attar und Hiob: Wenn die Frommen Gott anklagen. Zu einem Salonabend am 27.3.2015

31. Mrz 2015 | von | Themenbereich: Denken und Glauben, Religionskritik

ATTAR und Hiob: GOTT anklagen angesichts des Leidens

Einige Hinweise für das Gespräch im Religionsphilosophischen Salon am 27.3.2015

Von Christian Modehn

Wir wollen in gewisser Weise unser Gespräch vom Februar 2015 fortsetzen, darum zuerst einige Hinweise zum islamischen Mystiker Attar aus Nischapur, Persien (1145-1220) und sein Werk „Das Buch der Leiden“. Dabei beziehen wir uns auf die Ausführungen von Navid Kermani „Der Schrecken Gottes“, Becksche Reihe, München 2011. Die Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch. —-Zu einer systematischen Reflexion „Über das Böse“ klicken Sie hier

Attar war Apotheker, also „Heiler“, in einem Persien, das von den Mongolen bedroht und dann brutal überrannt wurde. In seiner persönlichen wie auch gesellschaftlichen Verzweiflung wendet sich Attar an Gott. Er ist in der damaligen Kultur sozusagen die oberste „Beschwerdestelle“. Aber die islamischen Herrscher dulden die Anklage Gottes nur für einen ganz kleinen Kreis, für die Narren und Weisen. Das normale Volk darf nicht Gott anklagen. In jedem Fall sagt „Das Buch der Leiden“ etwas, was der islamischen Elite nicht gefällt! Sie kennen die Hiob-Gestalt, die im Hintergrund zu Attars Aussagen steht, wohl eher aus dem Koran, dort wird an nur 4 Stellen recht kurz und knapp von dem geduldigen Hiob gesprochen (Sure 38, 41-44; Sure 6, 84; Sure 21,83-84; Sure 4, 16). Attar ist ein Autor (ein Sufi) mit einem umfangreichen Werk, bekannt sind hier auch „Die Vogelgespräche“, die sogar in der Schaubühne (Berlin) aufgeführt wurden. Zur Form von „Das Buch der Leiden“ nur so viel: Es ist eine Seelenreise von 40 Tagen durch den Kosmos auf der Suche nach einem barmherzigen Gott…Der Text liegt in deutscher Sprache in der Übersetzer des berühmten Orientalisten Hellmut Ritter (zu teurem Preis) vor.

„Das Buch der Leiden“

Navid Kermani schreibt: Dies ist ein „Furcht erregendes und verstörendes Stück Weltliteratur“(95). „Erkenntnis wird hier darauf reduziert, die Sinnlosigkeit zu erkennen“. (96). Die Grundaussage ist: Gott quält. Er verachtet das Leiden der Menschen, er ist unbarmherzig, ohne Großmut, Gott erlaubt dem Menschen noch nicht einmal, sich von ihm zu befreien.

„Aber das soll man bloß nicht Gott sagen, dann macht er alles noch hundertmal schlimmer“, sagt ein weiser „Narr“ im Text: „Gott hat mir auf mein Bitten um Brot geantwortet: Ich solle doch Schnee essen. Selbst ein Irrer sagt so etwas nicht“. (S.131)

Wie später auch, etwa bei dem Philosophen Emil Cioran, kommt das Motiv vor: „Es sei ein Nachteil geboren zu sein (98). Der fromme Mensch will „in diesem Leben nicht leben“ (99). „Wer an ein Jenseits glaubt, muss sich eingestehen, dass es nach dem Tod im Himmel mit dem schrecklichen Gott weitergeht“ (100) … und das will man nicht. Es gibt also eine Jenseits-Abwehr bei frommen Leuten.

„Mit Gott geschimpft hat niemand so leidenschaftlich wie Attar“ (170). „Mit Attar wird Gott attackiert, und zwar von einem, der Gott verfallen ist“ (172). „Die meisten Narren Attars klagen ohne Hoffnung. Frieden finden sie nur in der Resignation oder im Irrsinn. Weil Gott für sie der Schrecken ist, fürchten viele Narren gar, das ER sie erhöre, und dann würde er sie noch ärger quälen“ (243).

Im Islam bleibt dieser radikale Protest gegen Gott nur dem Heiligen, dem Propheten und dem Narren vorbehalten, Protest kann nicht Sache aller Frommen sein (209). Und nur in der Mystik ist diese Klage möglich. Im Koran selbst ist diese An-Klage nicht zu finden. (S. 230)

HIOB, aus der Hebräischen Bibel, dem Alten Testament.

Attar kennt die Geschichte von Hiob (176), aber nicht den Text, wohl kennt er die Erzählung, die mündlich in dieser islamischen Kultur verbreitet wurde. Bei Attar werden viele Hiob Motive des AT variiert. Es ist interessant, dass in der noch recht frühen islamischen Kultur die Kultur der Bibel (AT) irgendwie populär bekannt war. Also religiöse Abgrenzungen nicht so deutlich waren. (182). Unsere philosophische Mitstreiterin Heike schreibt dazu: „Die Hiob Geschichte ist immer weiter geschrieben worden. Die Urform, die Rahmenhandlung als Volksmärchen wurde um 900 v. CHR. aufgeschrieben. Nach der Exilserfahrung (und dem Erleben des Bösen) kam der Teufel in der Erzählung dazu (520 v.Chr.). Und damit ist Gott nicht mehr der Verursacher des Unglücks. Hiobs Monolog und die Gespräche der Freunde entstanden wohl um 450 v. Chr. (Rede Elihus 430 vor) und das Lob der Weisheit um 300 v. Chr. Das Kapitel 28, um Hiobs Begegnung mit Gott vorzubereiten“.

Der fromme und vorbildliche Hiob leidet ohne jeden für ihn erkennbaren Grund. Gott spielt auf Vorschlag des Teufels ein Spielchen mit ihm, will ihn testen.

Kermani meint: Gott straft in diesem Text ohne Ansehen von Sünden, ohne erkennbaren Grund. Gott kann ungerecht sein (S.153). Ein Hinweis auf die Klagelieder des Jeremias. „Du hast ohne Barmherzigkeit Menschen geschlachtet“ (Klagelieder 2.21)

Der Beter des AT klagt nicht nur, er klagt Gott an. Etwa Psalm 88 ist da wichtig.

Einige Zitate:

Hiob 3,11: „Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt…“

Hiob 7,16:“Ich vergehe. Ich leb ja nicht ewig. Gott, lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch“. … 9, 18: „Gott lässt mich nicht Atem schöpfen.. Geht es um Recht, wer will ihn vorladen“ (schon damals die richtige Erkenntnis, wie sinnlos ein Blasphemie Gesetz ist: Gott ist kein Rechtssubjekt und kann es als Gott gar nicht sein).

Hiob 12, 23: „Gott macht Völker groß und bringt sie wieder um“

Hiob 16,11: „Gott mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen, ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht. Er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert“. Und so weiter und so weiter.

Einer der wichtigsten Texte der Empörung gegen den Gott. Er hat zahlreiche  Autoren, wie Attar, und andere (wie Joseph Roth) zu literarischen Aktualisierungen eingeladen…

Die Übersetzungen aus Hiob stammen aus der LutherBibel, 1985.

Copyright: Christian Modehn Berlin

 

 

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