Den Terrorismus in Frankreich philosophisch begreifen

18. Nov 2015 | von | Themenbereich: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar

Den Terrorismus in Frankreich philosophisch begreifen

Hinweise von Christian Modehn veröffentlicht am 18. November 2015.

Nachtrag am 30. November 2015:  Nun hat ein weiterer kompetenter Autor unsere Darstellung unterstützt: „Der Tagesspiegel“ veröffentlicht am 27. 11. 2015 ein Interview mit dem französischen Künstler Kader Attia, klicken Sie zur Lektüre dieses sehr wichtigen Beitrags hier. (Das Interview führte Fabian Federl). Die Äußerungen Kader Attias sind schlicht erschütternd: Die meisten französischen Banlieues, in denen er selbst groß wurde, sind eigentlich „Anti-Städte“, Orte der Verzweiflung, des Todes, der Kriminalität. Kader Attia im „Tagesspiegel“:“ In Frankreich herrscht seit Jahrzehnten eine Art soziale Kolonisierung. Der Riss zwischen den ärmer werdenden Armen und den reicher werdenden Reichen sorgt dafür, dass die Armen (Einwanderer aus Nordafrika vor allem C.M.) sich dominiert fühlen“.  Und weiter folgen Beurteilungen, die wir schon in unserem Beitrag erwähnt haben.“Die weißen, wohlhabenden Männer, die in Frankreich in Machtpositionen sind, sind meist so von diesen Problemzonen entfernt, geografisch und mental, dass es ihnen egal ist, wenn sich dort junge Männer zu Kämpfern rekrutieren lassen“. Soweit  „Der Tagesspiegel“.

Dies ist mein Beitrag vom 18. November 2015. Grundsätzliches vorweg: Der Terror – Attacken in Paris am 13. 11. 2015 sind wie alle terroristischen Gewalttaten abscheulich. Das ist überhaupt keine Frage. Die Terroristen haben das Leben in Paris vieler unschuldiger Menschen ausgelöscht. Das ist ein Verbrechen! Und Verbrecher müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Zu dem Punkt gibt es keine Debatte.

Und eine weitere Erkenntnis vorweg, die heute von einigen kritischen Beobachtern, auch in Frankreich, geteilt wird: Mit dem 13. November 2015 hat in Frankreich eine neue Epoche begonnen, eine neue Epoche, die von Krieg bzw. ständigen Kriegs-Reden, die schon jetzt der „Feldherr Hollande“ praktiziert, bestimmt sein wird, so eine Einschätzung von des Pariser Soziologen Prof. Michel Wieviorka. Eine neue Epoche, die sich mit zunehmender Macht bzw. Herrschaft der Rechtsradikalen (FN von Marine Le Pen) auseinander setzen muss; eine neue Epoche, in der in Frankreich der „rassistisch-xenophobe Diskurs schon jetzt kaum zu ertragen ist“ (Michel Wieviorka); eine neue Epoche, die wegen der zuvor genannten Entwicklungen ein Ende Europas, der Idee eines vereinten Europas, bedeuten kann. Und damit zu einem neuen, alten rigiden und dummen kriegerischen Nationalismus in Europa wieder führt. Einem Nationalismus, der die eigenen Bürger in einem Getto der Angst leben lässt und die individuellen Freiheiten weiter einschränkt. (Die Zitate von Prof. Michel Wieviorka, Soziologe, Paris,  stammen aus einem sehr wichtigen Interview der „SZ“, 19. November 2015, Seite 11).

Aber es muss eine weiterführende Debatte geben aus philosophischer Sicht, die bekanntlich niemals nur abstrakt auf ein einzelnes Phänomen blickt, in dem Fall ausschließlich auf den „absolut bösen“ Terror oder die „absolut bösen“ Terroristen. In dieser Haltung entstehen in Westeuropa nur abstrakte Positionen, etwa: Dass sich die attackierte Seite (Europa) als die absolut gute Seite sieht, die nun an Krieg und an Auslöschung der Täterseite denkt. Dabei aber offenbar übersieht, wie unberechenbar vielfältig die Täterseite ist und wie diese europäische Antwort kriegerischer Gewalt nur die Aktionen der Täterseite wiederholt. Und diese Täterseite wird dann bei dieser europäischen Gewalt zweifelsfrei noch heftiger und unberechenbarer agieren. In dieser Verklammerung eines verengten Denkens wird es nur weitere Gewalt geben, weiteren Hass, weitere Degradierungen usw. Das heißt: Der schnelle und stolze und hoch beleidigte Ruf in Paris und anderswo nach Krieg fördert alles andere als den Frieden. Die angeblich so Wohlwollenden und Reinen und Guten, also die Europäer, wollen „die Bösen“ auslöschen, morden, zerreißen, wie auch immer. In Zeiten, die eigentlich der Vernunft und Aufklärung entgegenstreben sollten, ist dieser Kriegsruf der Europäer ein Skandal. Darin steckt eine maßlose Überschätzung der eigenen „Reinheit“. Als fällt den Gebildeten und Aufgeklärten nichts anderes mehr ein, als die Schlachtrufe der „Bösen“ ihrerseits zu wiederholen und zu verschärfen. Und so wird die Spirale der Gewalt weiter in immer schlimmere Dimensionen ausgebaut. Kein Ende ist dann absehbar.

Philosophische Betrachtungen sind also immer auch dialektisch, d.h. sie sehen immer Zusammenhänge, sehen die Täter, sehen aber auch die Opfer, sehen aber auch die Verantwortung der Opfer dafür, dass die Täter so wurden wie sie wurden. Philosophie fragt nach der Verklammerung (und der möglichen friedlichen Auflösung) der Täter-Opfer-Beziehung. Dann aber wird zweifelsfrei klar: Die Täter sind AUCH zu Tätern geworden durch die Art und Weise, wie sie und die meisten ihrer Familien in Europa, etwa in Frankreich, Belgien oder Deutschland aufgenommen und behandelt wurden. Natürlich gibt es keinen automatischen Übergang von den miserablen Lebensbedingungen der meisten aus Nordafrika stammenden Menschen zur Gewalt. Aber schon die neunziger Jahre waren von Krawallen geprägt, es gab die „Rituale“ der brennenden Autos dort seit 2005.

Es gilt also, so schmerzlich die Erkenntnis auch für Franzosen und Europäe ist, eine gewisse Mitschuld Europas anzuerkennen, ein Mitschuld der Staaten, der Sozialpolitik hier, der so genannten „Integrationspolitik“ usw. Über die Jahre lange Diskriminierung der Ausländer, der Muslime zumal, ist viel Vernünftiges geschrieben worden von Soziologen und Politologen und Sozialarbeitern usw. Nur: Deren gemeinsame Grundthese, vereinfacht gesagt: „Europa tut viel zu wenig für die Integration der Ausländer“ wurde von den Politikern kaum gehört und selten umfassend genug respektiert. Man hat den Eindruck, viele Politiker ignorieren und ignorierten einfach wissenschaftliche Grunderkenntnisse und stolpern so in Kriege hinein. „Es macht mich fassungslos, dass nichts gegen den Ausschluss in den Banlieues getan wird. Wieso wird es vom Staat so lax gesehen, dass ihm eine komplette Bevölkerungsgruppe verloren geht“, sagt der oben schon genannte französische Künstler Kader Attia im „Tagesspiegel“… „Wohin“ ihm, dem Staat, der Republik!,  etliche Menschen dieser ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppe hin „verloren“ gehen, ist nun bekannt.

Philosophie als „die Zeit in Gedanken fassend“ (Hegel) erinnert an Fakten, um dann die eigenen Evidenzen zu illustrieren:

Nehmen wir die Situation der nordafrikanischen, oft muslimischen Einwohner in Frankreich, etwa im Umfeld von Paris: In den meist miserablen Neubauvierteln der Banlieues aufgewachsen, erleben sich auch heute viele junge Leute als Ausgegrenzte. Sie verstehen sich als Opfer in der herrschenden (westlichen, christlichen, atheistischen wie auch immer) europäischen Gesellschaft. Sie sehen sich als Benachteiligte, in vielerlei Hinsicht, nicht nur im Bildungsbereich. Sie fühlen sich benachteiligt, weil sie etwa aufgrund der Immobilien-Spekulation aus ihren Wohnungen in Paris-Zentrum in die Ferne hässlicher Satellitenstädte vertrieben wurden, in denen man von der freiheitlichen Kultur der Reichen und Schönen in Paris nur noch träumen kann. Viele dieser Unterbringungen für Tausende in den Hochhäusern der Banlieues sind von Paris, also der lebendigen Metropole, abgekoppelt, etwa vom Netz der öffentlichen Verkehrsbetriebe. Die kulturellen Angebote sind in den Banlieues minimal, Restaurants, die den Namen verdienen, sind kaum vorhanden. Wer sich mit seinem Namen, notgedrungen, als Araber outen muss, wenn er sich bei einer Firma bewirbt und dann noch als Wohnadresse das Departement Postleitzahl 93 für das Département Saint-Denis angeben muss, hat überhaupt keine Chance, in die engere Auswahl zu kommen. Das wird immer wieder belegt. Der weltbekannte französische Soziologe Michel Wieviorka betont, die Banlieues seien ein „katastrophal gescheitertes Projekt“. Zuerst lebte dort auch noch eine aufstrebende Arbeiter- und Mittelklasse französischer Herkunft. „Die zogen dort weg, sobald sie es sich leisten konnten. Nur die Verlierer (also die Menschen mit arabischen, muslimischen Wurzeln) sind geblieben“…. „Sie haben in der französischen Gesellschaft keinen Platz gefunden“.

Wenn Anerkennung und soziale Akzeptanz fehlen, neigen Menschen grundsätzlich zu Aggression und Gewalt. Der Freiburger Neurowissenschaftler und Psychiater, Prof. Joachim Bauer, weist auf ein wissenschaftlich gut gesichertes Faktum hin: „Als stärkste menschliche Triebkraft identifizierte die moderne Hirnforschung das Streben des Menschen nach sozialer Akzeptanz, Anerkennung und Zugehörigkeit“. Es werden Schmerzzentren aktiv, wenn sich eine Person sozial ausgegrenzt fühlt. „Das menschliche Gehirn reagiert auf soziale Diskriminierung also ähnlich wie auf einen körperlichen Angriff … und so wird die Aggressionsbereitschaft erhöht“. Wenn aber große soziale Ungleichheit besteht und sich Millionen Menschen unterlegen, mißachtet und ausgegrenzt wissen, wächst das Leiden derer, die nicht dazugehören dürfen … aufgrund der Politik der Herrschenden. Man bräuchte also auch aus psychiatrischer Sicht eine Veränderung der europäischen Gesellschaften, man bräuchte vor allem Zugangsmöglichkeiten für ausgegrenzte junge Leute zu Bildung und Arbeit. Das ist zumindest genau so wichtig wie der Einsatz modernster tötender Waffen gegen den IS. Und diese Erkenntnis gilt weltweit: „Darum brauchen wir – im Kampf gegen die Terroristen –  globale Gerechtigkeit und ein Ende all dessen, was in vielen Ländern als Ausbeutung und Demütigung erlebt wird“. Aber offenbar ist das Kriegführen einfacher als die langandauernde, konsequente Gestaltung einer gerechen Gesellschaft! Die Zitate von Prof. Joachim Bauer stammen aus „TAZ“ vom 21./22. November Seite 11.

Das zumeist erniedrigende Leben der arabischen/muslimischen Mehrheit in den Banlieues ist vom französischen Staat zugelassen und wahrscheinlich auch gewollt. Man möchte „diese Leute“ bitte nicht in den Zentren der Stadt Paris oder Lyon oder Marseille oder Toulouse wohnen lassen. So fühlen sich Menschen arabischer Herkunft förmlich als Menschen zweiter bzw. dritter Klasse. Sie sind bestenfalls als Putzkolonnen oder als unterbezahlte Tellerwäscher in den Luxus-Restaurants willkommen. Wenn in der Pariser Metro Kontrollen geschehen, gilt das Hauptinteresse den Schwarzen. Und über die Rechtslastigkeit der französischen Polizei (Nähe zur Front National) wurde schon oft berichtet.

Der aus einer nördlichen Vorstadt bei Paris stammende Fotograf und Künstler Kader Attia (Kind algerischer Eltern) hat in Algier Jugendliche beobachtet und fotografiert, wie sie Stundenlang ins Mittelmeer starren und träumen … vom besseren Leben im gegenüberliegenden Frankreich. Kader Attia schreibt: „Ich frage mich, ob die jungen Menschen auf meinen Fotos aus Algier, die den Horizont in der Hoffnung nach einem Ausweg absuchen, wissen, in welch trostloser Umgebung sie letztlich in Frankreich landen werden. Da wie dort die gleiche Hoffnungslosigkeit, die gleiche sexuelle Frustration, der gleiche Mangel an Anerkennung, das gleiche Gefühl des Versagens und des Leidens“ (aus „Zeit Magazin“, 13. November 2015). Zu ähnlichen Einschätzungen kommt der in Paris lebende Politiker Daniel Cohn-Bendit, er spricht sogar, so wörtlich, von einem „System der Apartheid in den französischen Vorstädten“: „Manche Jugendliche in den Banlieues wachsen in mehreren Generationen der Arbeitslosigkeit in weitgehend abgehängten Stadtvierteln heran. Die begreifen das als eine Art sozialer Stadtviertel Apartheid…Man muss die soziale Apartheid, die ungleichen Chancen, die man hat, je nachdem aus welchem Viertel du stammst, in Frankeich überwinden“. (So Daniel Cohn-Bendit in einem Interview mit der „TAZ“ vom 21./22.November 2015, Seite 13). Diese Apartheid ist staatlich gewollt oder zumindest über Jahre und Jahrzehnte zugelassen!

Dabei ist die seit Jahrzehnten dauernde Ausgrenzung „der“ Ausländer, „der“ Muslime, in Frankreich leider nur ein Beispiel. Etliche Attentäter vom 13. November 2015 haben in Molenbeek, einem vernachlässigten und von Armut geprägten Viertel im Zentrum einer der reichsten Städte Europas, in Brüssel, gelebt. Johan Leman, ein erfahrener Sozialarbeiter in Molenbeek, berichtet z.B., er habe bereits in den neunziger Jahren Polizei und Justiz auf eine extremistische Moschee in Molenbeek aufmerksam gemacht. Die Reaktion der Behörden, so Leman: „Wir wissen jetzt, wo diese Leute sind, das ist gut. Wir sollen nicht eingreifen, sonst tauchen sie ab“. Von dieser Mentalität waren also die staatlichen Behörden bestimmt. Prof. Dirk Jacobs von der „Université libre de Bruxelles, ein Spezialist für marokkanische Einwanderung in Belgien, betont: „Unsere Einwanderer sind nicht anders als die in Deutschland oder Frankreich. Aber sie fühlen sich von den radikalen Botschaften der salafistischen Prediger angezogen, weil sie hier abgelehnt werden. Wir (Belgier) sind nicht schuld an den Verbrechen der Salafisten aus Molenbeek, aber wir haben den fruchtbaren Boden bereitet“, will heißen: Wir Belgier haben durch unsere offizielle und staatlich betriebene Ausgrenzung den Boden bereitet für den Radikalismus, den Salafismus, in den diese orientierungslosen jungen Männer dann geraten sind. Diese Zitate zu Molenbeek stammen aus einer empfehlenswerten Reportage des „Tagesspiegel“ vom 18.November 2015, Seite 3. Das ist nur ein Hinweis auf die Realität des Milieus, aus dem auch die jungen Terroristen des IS stammen. Es ist deprimierend, aber es ist wohl wahr: Die westliche Gesellschaft hat sich die Terroristen zu einem guten Teil selbst erzeugt, über Jahre und Jahrzehnte, in denen der Ausschluss dieser „Ausländer“, dieser „Fremden“, dieser „Anderen“ förmlich eine kulturelle Tradition wurde, in der es bessere, wertvolle Menschen gibt und eben solche, die nicht besser und nicht so wertvoll sind. Dieses Phänomen ist international zu beobachten, in Lateinamerika sprechen Soziologen und Philosophen von den „Herren-Menschen“, die sich in ihren Luxusvillen verbarrikadieren. Zu Frankreich: Man lese bitte kritische soziologische Studien schon aus den 1980 Jahren, in denen bereits die ganze Misere der Ausgrenzung dieser Menschen zweiter Klasse beschrieben wurde. Soziologen haben das dokumentiert, aber kein Politiker hat das offenbar gelesen oder man wollte diese Erkenntnisse ignorieren, weil man mit den Augen der reichen Clientèle in Paris, der Luxus-Metropole, die Wirklichkeit betrachtet.

Zu sprechen wäre auch von der Unmöglichkeit, dass muslimische Gemeinden würdevolle Moscheen bauen dürfen in den Städten. Baugenehmigungen ziehen sich normalerweise 15 Jahre hin. Jetzt ist viel von den Hinterhof – Moscheen in Paris und den Banlieues die Rede: Aber diese Hinterhof-Moscheen, diese alten Lagerhallen und Quasi-Ruinen,  waren ja offiziell von der Regierung gewollt! Muslime sollten eben im Hinterhof beten oder manchmal noch auf den Straßen im 18. Pariser Arrondissement.

Wer den Kontext, auch den sozialen, auch den historischen Kontext, betrachtet, kann sich kaum der Überzeugung enthalten: Dieser Terror ist in einem über Jahrzehnte gewachsenen feindseligen Milieu (der Vertreibung in die Banlieues) entstanden, in dem die Muslime bzw. Araber/Türken förmlich das Gefühl entwickeln mussten, zweitrangig und minderwertig zu sein. Und jetzt der große „Umschlag“: Diese sich degradiert fühlenden Menschen, junge Männer, können plötzlich im Rahmen der Terrororganisation IS allmächtig werden, sie können sich enorm stark fühlen, als Herren über Leben und Tod im wörtlichen Sinne, sie können sich an ihrer „Allmacht“ förmlich berauschen.

Diese Erkenntnis soll diese schrecklichen Taten vom 13. November in keiner Weise entschuldigen, aber sie fördert das Verstehen: Diese Menschen sehen sich als ungerecht behandelte Opfer des demokratischen Systems. Diese Menschen erleben westliche Politiker, die ständig von Menschenrechten im allgemeinen sprechen, aber gern mit Verbrecher-Regimen, wie Saudi-Arabien, Waffenhandel betreiben, um die eigene europäische Wirtschaft boomen zu lassen. Thomas Assheuer, Redakteur in der Wochenzeitung „DIE ZEIT“ schreibt in einem Beitrag über den kürzlich verstorbenen Kulturanthropologen René Girard (am 12. November 2015, Seite 46) treffend: „Wer sich als Opfer fühlt (oder es tatsächlich ist), der verfällt leicht einem mörderischen Unschuldswahn und glaubt, seine Rache sei moralisch gerechtfertigt“.

Was sollte getan werden? Prävention wäre das erste. Also: Schützt die jungen ausgegrenzten und oft verzweifelten jungen Muslims vor den Salafisten. Bietet ihnen neutrale Räume zur Bildung, fördert das Gespräch mit der Gesellschaft, gebt ihnen Arbeit. Habt den Willen dazu, das auch zu tun. Fördert den Dialog mit anderen Gruppen der Gesellschaft, den Kirchen, den NGOs, den Gewerkschaften …

Zeigt den jungen ausgegrenzten Leuten, dass der einzige Bezugspunkt zur Ausbildung einer eigenen Identität niemals nur die Moscheen-Gemeinde sein kann, niemals allein der Glaube an Allah, niemals allein die Verehrung des Koran. Deutlich muss werden: Religion ist ein kleiner Teil im Leben eines Menschen. Wichtiger ist die zivile, die bürgerliche, die laizistische Ausbildung. Also die lebenspraktische Kenntnis, das Wissen, was Demokratie eigentlich sein könnte. Dieser Erkenntnis sollten sich selbstverständlich auch christliche und jüdische Menschen anschließen!

Solche Bildungsprogramme als Präventiv-Projekte sollten sofort starten, sollten sofort mit vielem Geld gefördert werden. Solche Präventiv-Projekte sind „billiger“ als die Kriege.

Und die Kirchen in Europa? Sie könnten endlich begreifen, dass Gebete um den Frieden recht nett sind, aber faktisch nicht ausreichend sein können. Es geht jetzt nicht nur um die Beruhigung der Seele im Gebet, sondern um solidarisches Handeln. Und was soll das Bittgebet? Europäer bitten (ihren) Gott um Hilfe für ihre eigene Sache. Muslime und Salafisten bitten (den angeblich) selben Gott um Hilfe für ihre eigene, etwa die salafistische Sache. Wie soll sich Gott da bloß entscheiden? Besser als Gebetszeiten wären wohl Gespräche, Informationen, Dispute, auch mit Politikern. Aufklärung tut not (und private innere „Einkehr“ und friedliche Meditation).

Also neues Handeln, Tun des Neuen, wäre wichtig: Warum nicht auch von kirchlicher Seite, bei den Milliarden-Euro-Haushalten aus Kirchensteuern in Deutschland. Warum also nicht von kirchlicher Seite allgemein-bildende, nicht konfessionelle Schulen bauen, Sprachkurse einrichten? Die während der Woche ständig leer stehenden Kirchengebäude so umgestalten, dass dort Kurse und Feiern und Begegnungen stattfinden? Damit diese Menschen die so genannte freiheitliche Ordnung europäischen Lebens kennen und schätzen lernen. Und auch berufliche Perspektiven finden.

Der bekannte und anerkannte Islamismus Experte Ahmad Mansour wirft der hiesigen Politik Versagen auf der ganzen Linie vor, also Mitschuld am Entstehen des Terrorismus. Mansour schreibt (in „Der Tagesspiegel“ vom 18.11. 2015) sehr treffend: „Wird jetzt in Europa nicht umgedacht, gehandelt, investiert, dann werden manche Entwicklungen irreversibel sein. Dann könnten dem Land Deutschland Pariser Verhältnisse bevorstehen“

Es geht also darum, Evidenzen der Vernunft zu akzptieren und ihnen praktisch zu folgen:

Evident ist, d.h. zweifelsfrei zutreffend: Kriege werden den Terrorismus der Islamisten nicht beenden, bestenfalls kurzfristig eingrenzen.

Evident ist: Europa ist aufgrund einer Jahrzehnte langen falschen Sozialpolitik gegenüber den „Ausländern“ mitschuldig (also AUCH, aber nicht allein, schuldig) geworden am Entstehen des Terrorismus. Wer bereit ist, eigene Schuld einzugestehen, kann sich eher entschließen, einen neuen, einen besseren Weg zu gehen. Gilt das auch für Politiker?

Evident ist: Allein sofortige Projekte der Gewalt-Prävention und vor allem intensive Bildungsarbeit können das weitere Entstehen terroristischer Mentalitäten und Praktiken verhindern.

Evident ist: Für Menschen aus islamischen Kulturen kann die Moschee unmöglich der einzige Bezugspunkt sein in der Suche nach Lebenssinn. Der Koran sollte niemals das einzige Buch sein, das diese Menschen lesen.

Evident ist: Mit verbrecherischen Regierungen im arabischen Raum muss Europa ganz anders umgehen. Diese Oligarchien/Diktaturen müssen auch ökonomisch, im Waffenhandel etwa, isoliert werden, selbst wenn dadurch vielen Europäern eine gewisse Umstellung hinsichtlich ihres Reichtums zugemutet wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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