Artikel mit Stichwort ‘ Christian Modehn ’



Gelassenheit: Erkennen und üben, damit wir menschlich leben können

21. Januar 2014 | Von | Kategorie: Termine

Ein religionsphilosophischer Salon am Freitag, den 14. Februar 2014, um 19 Uhr, in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf.
Das Thema: „Gelassenheit: Erkennen und üben“ meint nicht nur eine von vielen „Tugenden“, Haltungen in turbulenten Zeiten. Gelassenheit ist eine Art „Grundoption“ für ein reifes Leben im Miteinander, aber auch in der Pflege der je eigenen Spiritualität, der „Sorge um sich selbst“. Nur in einer gelassenen Haltung werden wir überhaupt die Möglichkeiten sehen, an einem Punkt dieser Welt für eine gerechtere Welt einzutreten. Gelassenheit ist kein Selbstzweck, auch darüber werden wir diskutieren. Als Fortsetzung unserer letzten Runde über „Nutzen und Nachteil der Philosopie für das Leben“ (im Januar 2014)
Wir wollen auch auf Meister Eckart zu sprechen kommen, auf seine Forderung „Gott lassen“ und uns fragen, welcher Gott denn da erfahrbar werden kann, wenn wir (unseren) „Gott“ lassen. Aber es soll nicht nur hoch spekulativ zugehen, sondern erste Schritte können besprochen werden, aus den Verklammerungen des Alltags herauszufinden, um ein Stück größere innere wie „äußere“ Freiheit zu gewinnen.

Herzliche Einladung.Für die Raummiete erbitten wir -wenn möglich- 5 Euro.
Anmeldungen erbitten wir genauso, wegen der begrenzten Anzahl von Plätzen an: christian.modehn@berlin.de



Salonabend: Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben

12. Januar 2014 | Von | Kategorie: Termine

Salonabend: Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben. Am DONNERSTAG, 16. Januar 2014
Wegen zahlreicher Anmeldungen ist der Salon leider ausgebucht.

Einige Hinweise zum Thema „Philosophie der Philosophie“ finden Sie hier.

In Abwandlung eines berühmten Nietzsche Zitates wollen wir unsere Salonabende im Jahr 2014 starten mit dem Thema: „Vom Nutzen und Nachteil der Philosophie für das Leben“. Wir wollen ein Stück Bilanz dabei auch ziehen, schließlich sind es jetzt 7 Jahre her, dass wir mit diesen freundschaftlichen und kritischen, mehr Fragen provozierenden als Antworten bietenden Salon – Gesprächen begonnen haben, mit etwa 70 Veranstaltungen. Dabei wollen wir auch gemeinsam überlegen, wie unsere Gesprächskreise noch intensiver und anregender werden. Im Unterschied zu „großen Kulturveranstaltungen“ ist unser Salon keine aufs bloße geistge Konsumieren orientierte Initiative. Jeder und jede soll sich einbringen, vielleicht mit dem Ziel, weiterer auch persönlicher Kontakte. Auch das ist „alte Salontradition“.

Also: Es geht um die Fragen: Hat Philosophieren etwas mit meinem Leben zu tun? Mit der Gesellschaft? Mit dem Elend dieser Welt? Nützt mir Philosophie etwas? Ist die Nützlichkeitsfrage bezogen auf die Philosophie angemessen? Verwirrt Philosophie, sind Fragen, sind Zweifel hilfreich? Wird Philosophie nicht längst abgelöst durch Psychotherapie oder Neurowissenschaften? Usw…

Am Donnerstag, den 16. Januar diesmal an einem Donnerstag, wegen Terminproblemen in der Galerie Fantom, wollen wir ab 19 Uhr diskutieren: Als Eröfnung ein Dialog zwischen Michael Braun (praktischer Philosoph, Berlin) und Christian Modehn (journalistischer Philosoph), der Dialog soll sich dann vernünftig streitend und kritisch denkend fortsetzen mit allen TeilnehmerInnen. Persönliche Statements erwünscht.

Es verspricht ein interessanter Abend zu werden.
HERZLICHE EINLADUNG. Mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Der Ort: Galerie Fantom, Hektorstr. 9, Berlin, nahe Kurfürsten Damm. Eintritt (für die FRaummiete) 5 Euro. Studenten usw. gratis.



Läßt sich Gott beleidigen? Sinn und Unsinn der Blasphemie. Eine Radiosendung NDR Kultur

19. Mai 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Religionskritik

NDR Kultur am Sonntag, Reihe Glaubenssachen, am 9. Juni 2013 um 8.40 Uhr:

Glaubenssachen

Lässt sich Gott beleidigen?

Sinn und Unsinn der Blasphemie, bitte lesen Sie den ausführlichen Beitrag auf diesem link auf dieser website. klicken Sie hier.

Von Christian Modehn

Fromme Menschen wollen Künstlern, Schriftstellern oder Filmemachern den Prozess machen, wenn die Unantastbarkeit Gottes in Frage gestellt wird. Ist Religionsfreiheit also wichtiger als Meinungsfreiheit? Aber können Menschen den Absoluten und Ewigen in seinem Wesen überhaupt beleidigen und erzürnen? Oder wird nur der oberste Garant einer politischen und kulturellen Ordnung kritisiert und lächerlich gemacht? Im deutschen Strafrecht ist Blasphemie nur noch strafbar, wenn sie den öffentlichen Frieden stört. Und das kommt eher selten vor. Viele Theologen sind heute sogar dankbar, dass Blasphemie Raum schafft für die Frage: Welchen Gott verehre ich wirklich?



Die Götter müssen verschwinden. Warum die neuen Atheisten den Glauben fördern

13. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Religionskritik, Was hat Mystik mit Atheismus zu tun?

Der folgende Text ist die ungekürzte Fassung eines Beitrags für den NDR (Kultur) am 30.10.2011, die Form entspricht der für Hörfunk – Produktionen üblichen Gestaltung.

NDR  Glaubenssachen

Die Götter müssen verschwinden

Warum die „neuen Atheisten“ den Glauben fördern

Von Christian Modehn

 

1. SPR.: Berichterstatter

2. SPR.: Zitator

SPRECHERIN

1.SPR.:

In Europa und Amerika machen Missionare der besonderen Art von sich reden. Sie gehen nicht werbend von Tür zu Tür und sie stehen auch nicht mit ihren Druckschriften geduldig wartend auf der Straße. Kanzeln werden sie wohl niemals betreten. Sie werben im Internet, organisieren Konferenzen, treten in Talkshows auf. Aber wie alle Prediger haben sie ein festes Ziel vor Augen: Sie wollen bekehren. Dabei ist ihre Botschaft alles andere als religiös. Sie propagieren, wie sie sagen, eine „Alternative“ zu den bestehenden Religionen. Im „Manifest des evolutiven Humanismus“ heißt es:

2. SPR.:

Es geht um die Entlarvung des realen Unsinns, der sich hinter den religiösen Sinnstrukturen verbirgt. Wir gehen davon aus, dass es im Universum mit rechten Dingen zugeht, dass also weder Götter noch Geister noch Kobolde oder Dämonen in die Naturgesetze eingreifen.

1.SPR.:

Mit diesen Worten formuliert die religionskritische „Giordano Bruno Stiftung“ ihr Grunddogma: Die Natur mit ihren Gesetzen sei „die“ Wirklichkeit. Philosophen nennen diese Überzeugung „Naturalismus“. Das heißt: Auf die Naturgesetze kommt es entscheidend an. Deswegen können auch nur die Naturwissenschaften erklären, was die Welt „letztlich“ bedeutet. Weil sich Gott mit naturwissenschaftlich – empirischen Methoden nicht wahrnehmen lässt, gibt es ihn auch nicht. So einfach ist das. Wer auf der Höhe der Zeit leben will, sollte darum eine Art Bekehrung vollziehen und dem religiösen Glauben abschwören. Die Attacken gegen den Glauben sind heftig und radikal; sie treffen das Herz der Religionen:

2. SPR.:

Es ist unverzichtbar, dass wir die lebensfeindlichen, kindlichen Mythen über Bord werfen. Wer dabei auf verletzbare religiöse Gefühle Rücksicht nimmt, zementiert nur die weltanschauliche Borniertheit.

1. SPR.:

So formuliert Michael Schmidt – Salomon, der Vorstandssprecher die Überzeugung der religionskritischen „Giordano Bruno Stiftung“. Unentwegt, immer unterwegs, versucht der promovierte Erziehungswissenschaftler diese Botschaft zu verbreiten. Die „Giordano Bruno Stiftung“, im Jahr 2004 gegründet, versteht sich als „Denkfabrik für Humanismus und Aufklärung“. Inzwischen ist sie fest im kulturellen Leben verankert, nicht nur in Deutschland. Die Giordano Bruno Stiftung hat mehrere Regionalgruppen eingerichtet. Der internationale Förderkreis zählt mehr als 2000 Mitglieder aus 25 Ländern. Zum wissenschaftlichen Beirat gehören 54 zum Teil prominente Forscher und Universitätsprofessoren.

Die Zentrale der „Denkfabrik“ befindet sich in Mastershausen im Hunsrück, genauer gesagt auf dem Grundstück des Unternehmers Herbert Steffen. Nach seinem Austritt aus der katholischen Kirche stellt er schon seit vielen Jahren sein gesamtes Vermögen der Werbung für den Atheismus zur Verfügung. Seine Stiftung bezieht sich in ihrem Titel auf den Dominikaner Mönch Giordano Bruno. Er war zwar kein Atheist, dafür aber dachte er naturwissenschaftlich modern und, das ist wichtig: Er war ein unnachgiebiger Kritiker des kirchlichen Glaubens. Deswegen wurde er im Jahr 1600  auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Von dieser Leidenschaft für die kirchenkritische Vernunft ist der Vorstandssprechers Schmidt Salomon erfasst:

2. SPR.:

Heute kommt es vor allem auf Eines an: Kämpferischen Einsatz und öffentlich Farbe zu bekennen.  Gefordert ist eine globale Konversion, also Bekehrung, von der religiösen Überheblichkeit zum schlichten Menschsein.

1. SPR:

Bis vor etwa 10 Jahren war der dezidierte Atheismus in Deutschland eher in kleinen philosophischen Zirkeln beheimatet. Wenn sich Philosophieprofessoren wie Herbert Schnädelbach und Hans Blumenberg zum Atheismus bekannten, dann waren ihre Stellungnahmen differenzierte, sachlich abwägende Essays über den Unglauben, ohne jeden propagandistischen Ton.

Nun aber gibt es einen neuen Trend: Die Zahl der erklärten Atheisten nimmt weltweit zu, 700 Millionen sind es weltweit. Sie beziehen ihre Kraft vor allem aus dem Kampf gegen die Glaubenseiferer von der anderen Seite: den radikal Frommen, den islamistischen und christlich – evangelikalen Kreisen mit ihren fundamentalistischen Überzeugungen. Diese interpretieren ihre heiligen Texte im wortwörtlichen Verständnis. Ultra – konservative Christen in den USA glauben daran,  dass Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen hat. Sie fordern auch, dass dieser Glauben in den Schulen gelehrt wird. Wie in einem dialektischen Gegenschlag starten nun die neuen Atheisten ihre Propaganda.  Mit besonderer polemischer Schärfe wirbt der englische Biologe Richard Dawkins für den Atheismus. Sein Buch „Der Gotteswahn“  kam vor 5 Jahren auf den Markt, es wurde weltweit mehr als 3 Millionen Exemplaren mal verkauft, allein 300.000 in Deutschland. Dawkins formuliert sein Credo kurz und bündig:

2. SPR.:

Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.

1. SPR.:

Diese Behauptung wird  von den amerikanischen Philosophen Sam Harris und Daniel Dennett – wiederum in Bestsellern – unterstützt. In Italien wettert der Mathematiker Professor Pieregiorgio Odifreddi gegen das Christentum. Er hält den religiösen Glauben für eine Form des Schwachsinns, der nur geistigen Zwergen zusteht. In Frankreich polemisiert der Philosoph Michel Onfray in zahlreichen Büchern gegen die Religionen. Auch Onfray steht dem so genannten „Meister Atheisten Richard Dawkins“ nahe. Im „Humanistischen Verband Deutschlands“, der Vertretung konfessionsfreier Menschen in Deutschland, grenzt man sich von diesen polemisch auftretenden Herren ab. Man spricht dort von „Krawall – Atheisten“.  Andere, weltweit geachtete Philosophen hingegen, wie Peter Sloterdijk, haben sich von der neuen atheistischen Welle distanziert:

2. SPR.:

Für mich ist Dawkins Buch ein Ausdruck von Seichtheit, deswegen lege ich es beiseite. Das Feld der Transzendenz ist das Feld dessen, was für uns Geheimnis bleibt, was wir nicht ganz durchdringen,. Transzendenz ist ja auch eine Metapher für das, was wir noch werden können.

1. SPR.:

Die am Potsdamer „Einstein Forum“ lehrende Philosophin Susan Neiman  verteidigt ausdrücklich die Überzeugungen religiöser Menschen:

SPRECHERIN:

Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.

1. SPR.:

Zu einem ähnlichen Urteil kommt auch der sich ausdrücklich atheistisch nennende Philosoph Joachim Kahl aus Marburg. Er wirft dem von Dawkins inspirierten Buch „Manifest des evolutionären Humanismus“ gedankliche Dürftigkeit vor.

2. SPR.:

Dieser bilderstürmerische Atheismus ergeht sich in einer eifernden Antithese zur Religion, und er erschöpft sich darin. Die ganze Welt soll als „religionsfreie Zone“ erlöst werden, wo nur die wahre Lehre der vermeintlich Aufgeklärten gelten soll. Dawkins hat von den Ambivalenzen der Religion keine Ahnung, sie hat menschenverachtende und menschenfreundliche Züge, sie enthält Sinn und Unsinn, Vernunft und Unvernunft.

1. SPR.:

Die christlichen Kirchen, vor allem die Theologen, können und wollen die Thesen der neuen Atheisten nicht einfach ignorieren. Denn deren einprägsamen Sprüche und griffigen Formeln prägen das Bewusstsein vieler Menschen. Es ist vielfach chic, sich als Atheist zu outen; in manchen großstädtischen Milieus ist man sich des Beifalls sicher.

Viele Theologen wollen ohne Polemik und seriös argumentierend auf die Herausforderung der „neuen Atheisten“  reagieren.  Sie sind überzeugt: Trotz aller Polemik weisen die atheistischen Eiferer auf Schwachstellen der christlichen Lehre hin. Ein Beispiel für die beginnende Auseinandersetzung ist die Internationale Zeitschrift für Theologie CONCILIUM. Sie hat vor einem Jahr in einem Heft vierzehn Autoren aus verschiedenen Kirchen zu Wort kommen lassen. Die Auseinandersetzung mit dem „Neuer Atheismus“ sei zumindest in den USA en vogue, meint Philip Clayton, protestantischer Theologe aus Kalifornien:

2. SPR.:

Die Zahl der aktuellen Bücher, die die Argumente der neuen Atheisten erschüttern, ist inzwischen Legion.

1. SPR.:

Theologen und Philosophen leisten zunächst elementare Aufklärungsarbeit: Und die beginnt damit, an die Grenzen naturwissenschaftlicher Forschung zu erinnern. Darin sind sich die Autoren der Zeitschrift Concilium einig:

2. SPR.:

Naturwissenschaft hat nichts mit Gott zu tun. Sie kann mit ihren Methoden Gott nicht erreichen und auch Gott nicht erkennen. Deswegen lässt sich naturwissenschaftlich weder der Theismus noch der Atheismus beweisen. Naturwissenschaft fragt nicht nach dem Sinn des Lebens, sie kann von daher keine Antwort geben auf religiöse oder metaphysische Fragen. Der Versuch, den Atheismus, naturwissenschaftlich zu begründen, muss scheitern. Auch der Atheismus ist eine Glaubenshaltung mit dem Bekenntnis: Ich bin überzeugt, es gibt keinen Gott.

1.SPR.:

Atheismus wie Theismus haben also eins gemeinsam: Sie sind Glaubenshaltungen und naturwissenschaftlich nicht begründbar. Auf dieser Basis können Philosophen und Theologen die neuen Atheisten ernst nehmen. Sie können sogar dankbar sein, dass die neue Bewegung der Ungläubigen für die nötige Unruhe der Selbstkritik in den Kreisen der Gläubigen sorgt, wie der protestantische Philosoph Paul Ricoeur betont:

2. SPR.:

Der Atheismus ist der Boden für einen neuen Glauben, für einen Glauben des nachreligiösen Zeitalters.

1. SPR.:

Dawkins und seine Mitstreiter haben eindringlich gezeigt, dass es populäre und manchmal infantile Vorstellungen unter den Gläubigen gibt. Theologen können dies nicht gutheißen und müssen sich dagegen wehren. So wird es zur dringenden Aufgabe, zeitgemäß und in der Sprache von heute die wichtigen Grundlagen der christlichen Religion zu erläutern, meint der Theologe Philip Clayton:

2. SPR.:

Ich sage nicht, dass alle theologischen Aussagen über Gott überflüssig geworden sind. Doch die traditionellen Kategorien und Begriffe, mit denen Gott beschrieben wurde, verlieren an Halt. Darum müssen neue Formulierungen gefunden werden.

1. SPR.:

Der amerikanische Theologe Clayton weist etwa den traditionsreichen Begriff „übernatürlich“ zurück. Früher war er selbstverständlich, die besondere, die himmlische, also nicht – irdische  Existenzform Gottes mit dem Wort übernatürlich zu beschreiben:

2. SPR.:

Aber diese Trennung von natürlich und übernatürlich, von weltlich und göttlich, ist theologisch gesehen ein komplettes Desaster. Gott wird in weite Ferne gerückt, ein solcher ferner himmlischer Gott kann die Welt nur durch sein Eingreifen in die Natur beeinflussen, indem er z.B. in Wundern die Naturgesetzte durchbricht. Aber für diese Eingriffe Gottes gibt es im modernen Bewusstsein keinen Platz mehr.

1. SPR.:

Ähnliche Probleme gibt es, wenn die Frommen ihren Gott als eine Person ansprechen, und dabei so tun, als wäre Gott sozusagen der gute Kumpel von nebenan, eine Person wie wir. Theologen revidieren darum missverständlich personale Beschreibungen Gottes. Sie werden vorsichtiger in der allzu menschlich gefärbten Anrede Gottes und nennen Gott nicht mehr so selbstverständlich wie in Kirchenliedern gerecht und gütig, barmherzig und strafend. Wie kann ein gerechter Gott auch gütig sein, und ein barmherziger Gott auch strafend? Es macht sich heute eine neue Scheu bemerkbar, von dem Unbedingten, dem Absoluten und dem ewigen göttlichen Geist allzu menschlich zu sprechen. Theologen bekennen, wie leichtfertig sie von Gott bisher gesprochen haben. Der Protestant Paul Tillich warnte schon vor 50 Jahren, dass der allzu vertraute und allzu bekannte Gott zu einem Götzen wird, einem Objekt, das in die Verfügbarkeit der Menschen gerät. An diese Warnung halten sich heutige Theologen. Sie nehmen Gott als das Unendliche wahr, als das Geheimnis, das wir nicht umfassen und deswegen auch nicht definieren können. Wir können es im Denken lediglich „berühren“, ahnend ertasten. Darin beziehen sich die Theologen auf die Einsichten des Mystikers Meister Eckart oder die Erkenntnisse des Philosophen Karl Jaspers:

2. SPR.:

„An den Grenzen der Vernunft steht das Unbegreifliche und das Geheimnis. Das Geheimnis erfahren wir als Grenze unserer Vernunft, aber wir nehmen es in das Licht unserer Vernunft auf“.

1.SPR::

Die Berliner Philosophin Petra von Morstein führt Jaspers Gedanken weiter:

Sprecherin

Das Göttliche entzieht sich unserer objektiven Erkenntnis. Aber doch erleben wir etwas über die Grenzen des objektivierenden Verstandes hinaus. Wir wollen das artikulieren. Aber wie tun wir das? Natürlich auch in Begriffen. Aber wir drücken diese Erfahrung symbolisch aus. Und in diesem Sinne wäre „Gott der Vater“ ein Symbol, aber es ist nicht wörtlich zu nehmen.

1. SPR.:

Vor allem über das Beten und Bitten muss angesichts eines „reiferen“ Gottesbild neu nachgedacht werden. Kann Gott, der das alles gründende, das ewige Geheimnis ist, unsere egoistischen Wünsche erhören und befriedigen?  Der spanische Theologieprofessor Andrés Torres Queiruga fragt in der Zeitschrift Concilium:
2. SPR.:

Schon der Kirchenlehrer Augustinus und der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin lehrten, dass wir im Gebet nicht etwa bitten sollen, um Gott zu unseren Gunsten zu verändern und umzustimmen, sondern vielmehr sollen wir beten und bitten, dass wir selbst uns ändern. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hat diesen Gedanken weitergeführt: Das Gebet ändert nicht Gott, aber es verändert den Betenden. Wenn wir beten: Gottes Reich möge kommen, dann wollen wir dieses Reich des Friedens nicht herbeizwingen. Dann bestärken wir lediglich unsere eigene Sehnsucht nach diesem Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.

1. SPR.:

Im Gebet wollen sich die Betenden also selbst ändern, ihr Denken und ihr Verhalten. So gesehen führt die theologische Auseinandersetzung mit den neuen Atheisten zur Überprüfung bisheriger kirchlicher Überzeugungen. Etliche Beobachter haben den Eindruck, als seien die neuen Atheisten –trotz ihrer Polemik – provozierende, prophetische Stimmen. Für diese von außen, aus der kritischen Distanz, formulierte Kritik kennt die kirchliche Tradition den Begriff der „Fremdprophetie“: Sie sollte ernst genommen werden, weil sie auf „wunde Punkte“ der traditionellen Lehre hinweist.

So macht sich angesichts der Provokationen der „neuen Atheisten“ eine neue theologische Bescheidenheit breit. Diese Haltung wird nachdrücklich unterstützt von Christen, die im ständigen Austausch mit Atheisten, Agnostikern und Skeptikern stehen, z.B. von dem katholischen Priester Tomas Halik. Er leitet in Prag die „Christliche Akademie“ und arbeitet als Professor für Soziologie an der Karls Universität. Sein besonderes Interesse gilt der Studentengemeinde, in der ausdrücklich atheistische und skeptische Menschen willkommen sind. Wenn Tomas Halik von Gott spricht, dann nie in der Position des Wissenden, schon gar nicht des „Besserwissenden“. Seine theologisch – spirituellen Überzeugungen hat er kürzlich in seinem Buch „Geduld mit Gott“ veröffentlicht. Darin heißt es:

2. SPR.:

Auch Glaubende erfahren, dass Gott mehr abwesend als greifbar nahe ist. Ein reifer Glaube ist ein geduldiges Ausharren in der Nacht des Geheimnisses. Der suchende Glaube kann im schmerzlichen, leidenschaftlichen, protestierenden Atheismus seinen Bruder erkennen. Auch wir Christen bleiben manchmal im Schmerz unbeantworteter Fragen vor dem Geheimnis des Bösen stehen. Auch unser Glaube erlaubt uns nicht, im Frieden endgültiger Antworten zu ruhen, sollte die Antwort der billige Trost des ‚religiösen Opiums‘ oder das stoische Akzeptieren der Sinnlosigkeit der Welt sein. Diesen Atheismus – den leidenschaftlichen Protest-Atheismus – können Christen nicht anders „besiegen, als dass wir ihn umarmen.

1. SPR.:

Diese „Umarmung“ von Glaubenden und Nichtglaubenden hat nur Sinn, wenn sie sich über alle Debatten hinaus auch gemeinsamen Aufgabe zuwenden: Und entdecken, dass sie z.B. vereint für die Menschenrechte eintreten können, für den Schutz der Umwelt, die Überwindung der Armut. In diesem Sinne haben sich z.B. in Frankreich Gruppen gebildet, in denen Glaubende und Nichtglaube alle ideologischen Differenzen hinter sich lassen. Dieses gemeinsame Engagement ist für den atheistischen Philosophen und Publizisten André Comte Sponville aus Paris genauso dringlich wie die religiösen Debatten:

2.SPR.:

Für mich geht die Grenze nicht zwischen den Glaubenden und den Nichtglaubenden. Sie verläuft vielmehr zwischen den freien, offenen, toleranten Geistern auf der einen Seite, ob man nun an Gott glaubt oder nicht. Und auf der anderen Seite sind die dogmatischen, die fanatischen Geister, die gibt es unter Glaubenden wie Nichtglaubenden. Wir kämpfen gegen die Fanatiker und gegen die Nihilisten. Das sind die Leute, die an nichts glauben, die nichts respektieren, die keine Werte haben, keine Prinzipien, keine Ideale. Darum will ich allen den anderen, Glaubenden wie Nichtglaubenden,  ein Bündnis vorschlagen: Wir sollen die gemeinsamen Werte der Menschheit verteidigen, vor allem die Menschenrechte.

1. SPR.:

Ob es zu einer praktischen Zusammenarbeit von Christen und Mitgliedern der Giordano Bruno Stiftung kommen wird, ist offen. Auszuschließen sind Formen der praktischen Kooperation allerdings nicht, zumal Theisten wie Atheisten entdecken: Es gibt längst die neuen Götter oder besser: die Götzen, die da heißen: Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Herrschaft der Reichen. Diesen Göttern opfern sich die meisten Menschen auf. Der Dichter Christoph Hein hat sich mit diesen neuen Göttern auseinandergesetzt, er hat kürzlich erklärt:

2. SPR.:

Alle Regierungen haben entschieden, es sei wichtiger das Kapital zu schützen als das Klima, deswegen sie kümmern sich verstärkt um funktionierende Banken und Autofabriken.

1. SPR.:

Darüber hinaus ist es auffällig, dass die Atheisten aus dem Umfeld der Giordano Bruno Stiftung nun differenzierter über die Kirchen denken. Haben sie die von den theologischen Repliken gelernt? So wird endlich zugegeben, dass es vernünftig argumentierende Christen gibt. Noch wichtiger ist, dass die neuen Atheisten in ihren neuesten Publikationen anerkennen:

2. SPR.:

Es gibt einen „poetischen Überschuss des Lebens“.

1.SPR.:

Und der zeigt sich, wenn Menschen nach dem Sinn des Lebens fragen, dann werde die Alltagswelt überschritten zugunsten dieses poetischen Überschusses In der Kunst findet er seinen Ausdruck. Beschreibt dieser poetische Überschuss eine Art Transzendenzerfahrung? Wird die Kunst zur Plattform für Gespräche zwischen Christen und Atheisten? Vielleicht könnte die Einsicht Goethes hilfreich sein:

2. SPR.:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion. Wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion.

 

copyright: christian modehn, berlin.

 

 



Advent – ein philosophisches Thema?

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher von  dem Warten und Suchen nach der Realisieung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

Vielleicht ist die Occupy Bewegung Ausdruck eines solchen aktiven Wartens und Suchens nach dem neuen Menschen? Der neue Mensch, der Schöpfer einer gerechten Ordnung für alle im Rahmen einer neuen demokratischen Wirtschaftsordnung könnte das Symbol der Sehnsucht in diesen Wochen und Monaten sein. Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent eher als Zeit egozentrischer Wünsche. Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 



Die Weihnachtsgeschichten der frühen Kirche. Radiosendung SR 2.

28. November 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise


Adieu – zur Philosophie des Abschiednehmens

17. November 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Adieu

Leben ist Abschiednehmen

Von Christian Modehn

Vor kurzem erhielt ich eine ungewöhnliche Einladung: „Herzlich willkommen zur Abschiedsparty! Viele Grüße von Anne und Richard“. Als ich dann, etwas verspätet, eintraf, plauderten die Gäste im Wohnzimmer, es war leer geräumt. Etwa 20 Bücherkartons standen in der Mitte, waren eine Art Buffet für Gläser und Tassen. Anne wandte sich an ihre Gäste: „Wir ziehen also um. Morgen geht’s los. Wir beide wollen nur noch halbtags arbeiten. Eine große Wohnung können wir uns nicht mehr leisten. Darum die Abschiedsparty, von euch … und von der Wohnung“.

Die beiden führten uns in die anderen Zimmer. „Hier, am Fenster, habe ich meine Magisterarbeit geschrieben“, sagte Anne. „Dort das Schlafzimmer “, meinte Richard schmunzelnd, „es war unser aller liebster Raum“. Zwischendurch berührten die beiden noch einmal die Wände und die Fenster, fast so, als streichelten sie ihre alte Wohnung. Dann machten sie jede Tür zu, fest entschlossen, diese Räume nicht mehr zu betreten. Wir Gäste schauten ein wenig verwundert. Aber Anne rief uns zu: „Seid ihr etwa traurig? Richard und ich freuen uns, wir sind glücklich über einen Neubeginn.“

Ein wenig irritiert verließ ich das Haus: Die beiden hatten sich von einem Abschnitt ihres Lebens mit einem kleinen Ritual verabschiedet. So wurde ihnen das Fortgehen erträglicher. Normalerweise überspielen wir das Abschiednehmen. Wie viele  „Tschüß“ und „Auf Wiedersehen“ sagen wir täglich. Meinen wir es ernst? Wir verdrängen gern, dass die herzliche Umarmung von einer guten Freundin oder einem lieben Kollegen vielleicht die letzte sein kann, für sie …oder auch für mich.

Ich hatte das Glück, in der Kindheit und Jugendzeit fast täglich ein kleines Abschiedsritual zu erleben. Meine Mutter war fest überzeugt: Ihren Kindern tue es gut, wenn sie uns vom Balkon aus nachwinkt. So drehte ich mich winkend um, auf dem Weg zur Schule oder auch nachmittags unterwegs zum Spielen oder Einkaufen. Das Winken war Tradition geworden, aber es war keine leere Geste, sondern Ausdruck der Verbundenheit. „Das Winken, diese sanfte Handbewegung, überwindet noch mal den Abstand“, sagte meine Mutter. „Wenn zwei Hände sich noch suchen und berühren wollen, entsteht eine Bewegtheit, etwas Lebendiges. Aber sofort müssen wir es akzeptieren, dass wir uns schließlich aus den Augen verlieren. Wir müssen unseren Weg weitergehen, allein oder mit anderen.“.

Seit einigen Jahren befassen sich Philosophen mit dem Abschiednehmen. Wilhelm Weischedel z.B. hat in seinem Buch „Skeptische Ethik“ den Begriff der „Abschiedlichkeit“ geprägt. „In dieser Haltung können wir uns von selbst distanzieren. Wir klammern uns nicht an einen Moment des Lebens. „Der abschiedlich lebende Mensch wird sein Herz und seine Vernunft nicht endgültig an das hängen, woran er sich bindet“, schreibt Wilhelm Weischedel.

Voraussetzung ist: Wir müssen denkend und meditierend einüben, dass das Leben ein Weg ist, und den kann es ohne Neubeginn gar nicht geben, sondern nur mit Brüchen und Umbrüchen, mit dem ständigen Weitergehen.

Mit dieser oft verdrängten Erkenntnis beginnt eine „abschiedliche“ Lebensphilosophie. Wer den Abschied in sein Leben integriert, hütet sich davor, allzu zu sehr zu „klammern“. Loslassen ist entscheidend, und diese Haltung können wir praktisch einüben: Volkshochschulen z.B. bieten spezielle Gesprächskreise zum Abschiednehmen an. In einer „Projektbeschreibung“ heißt es: „Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben beginnt eine neue Lebensphase. In einer ganz auf Aktivität und Arbeit fixierten Welt ist der Ruhestand oft verpönt. Wer abrupt aus der Arbeitswelt ins Rentnerdasein entlassen wird, ist oft in seinem seelischen Gleichgewicht erschüttert. Wer bewusst und langsam Abschied nimmt, erlebt nicht diese Erschütterungen“.  Ja Sagen zum Wandel, zu neuen Lebensphasen, zu Aufbrüchen, das spendet Energie.

Manchmal sind wir irritiert, wenn wir nach Jahren alte Bekannte unverhofft wieder treffen und feststellen müssen: Der Rolf oder die Ingrid sind immer noch so starrsinnig und festgefahren wie früher. Fast als Bonmot gilt inzwischen ein Satz aus den „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertold Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh! sagte Herr K. und erbleichte“.

Bertold Brecht war überzeugt: Menschliches Leben gibt es nur als Veränderung. Wer sich an eine bestimmte Lebensphase klammert, hat Angst vor dem Unbekannten, im letzten auch Angst vor dem definitiven Abschied, dem eigenen Tod. Es ist die Ungewissheit: Werde ich definitiv verschwinden, in ein Nichts stürzen oder gibt es etwas Bleibendes, was die Tradition „Ewigkeit“ oder „bei Gott sein“ nennt.  Beweise für die eine oder andere Meinung gibt es nicht. Aber die Erfahrung könnte weiterhelfen, dass wir in unserem Alltag meist unbewusst von einem Grundvertrauen in die Wirklichkeit leben. Wir glauben, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen als zu lügen, dass es besser ist gut als böse zu sein. Trotz vieler Enttäuschungen und Katastrophen halten wir daran, dass wir der Wirklichkeit im ganzen vertrauensvoll begegnen können, trotz widriger Zustände in der Welt gibt es eine letzte Geborgenheit. In dem „trotz allem“ zeigt sich doch eine Stärke menschlichen Geistes. Trägt uns die geistige Wirklichkeit auch über den Tod hinaus? Wer kann das grundsätzlich ablehnen?

Philosophen der Abschiedlichkeit drängen allerdings darauf,  sich nicht in diese Spekulationen zu verlieren, sondern die vielen kleinen Abschiede bewusst und achtsam wahrzunehmen, zu bedenken und im eigenen Herzen zuzulassen. Kinder sind froh, wenn sie nach dem Abitur nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern leben müssen und endlich eine eigene Wohnung haben. Wenn Verliebte zusammen leben wollen, erleben sie Abschied von zuhause als Befreiung in die Selbständigkeit. Selbst der Umzug in ein Haus betreuten Wohnens im Alter kann als Befreiung erlebt werden, vorausgesetzt, man entschließt sich noch als „jüngerer Rentner“ und nicht erst als Schwerkranker für diesen Neubeginn.

Religiöse Traditionen empfehlen zudem, den Abschied mitten im Alltag regelmäßig auch rituell zu gestalten. Im Sabbat, also am Freitagabend, verabschieden Juden ausdrücklich die vergangene Woche mit ihrer Mühe und Last. In der Sabbat Feier zu Hause zündet die Mutter Kerzen an und begrüßt mit diesem Ritus den Sabbat als einen neuen, einen „ganz anderen“ Tag. Auch in der Synagoge verabschieden sich die Gläubigen von der alten Arbeitszeit und  heißen den Tag der Ruhe wie eine „Braut“ willkommen:

„Auf, mein Freund, der Braut entgegen,

Das Angesicht des Sabbat wollen wir begrüßen.

Auf mein Freund, der Braut entgegen,

Die Königin Sabbat wollen wir begrüßen“.

Rabbi Shlomo Alkabez hat diese Worte im 17. Jahrhundert geschrieben, Worte, mit denen die Gläubigen am Sabbat für ein paar Stunden die alte Welt hinter sich lassen, die Arbeit und Plackerei, die Gier nach Erfolg und Geltung. Ist es  nur ein Traum, dass dieses Fest „der neuen Welt“  „auf ewig“ Bestand haben sollte?

Wer den Tod, den definitiven Abschied, mitten in sein eigenes Leben einbezieht, muss nicht in eine Angststarre geraten. Von Kurt Marti, dem weltweit geschätzten Dichter und Theologen in Bern, berichten seine Freunde: Kurt Marti habe jetzt als 90 Jähriger tatsächlich losgelassen und sich aus dem früheren Leben verabschiedet. Seine schöne Wohnung hat er aufgegeben und sich in einem Heim für alte Menschen sozusagen ein „leeres Zuhause“ geschaffen. Wer ihn besucht, findet tatsächlich neben dem Bett nur einen Sessel. In der Mitte steht ein Tisch mit zwei Stühlen, in einem Regal sind nur noch wenige Bücher. Kurt Marti, der Bücherliebhaber und Schriftsteller, nennt diese wenigen verbliebenen Gegenstände, sein „Gepäck“, von dem er sich leicht verabschieden kann, wenn das Leben zu Ende geht. In diesem Abschieds Zimmer hat er vor kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Heilige Vergänglichkeit“. Darin heißt es:

„Erwünscht wäre im Alter wahrscheinlich: Heitere Resignation. Noch besser ist allerdings – womöglich dankbare – Bejahung unserer Vergänglichkeit. Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb: Heilige Vergänglichkeit“.

Die Vergänglichkeit kann Kurt Marti, der Christ und Theologe, „heilig“ nennen, weil sie von Gott so gewollt ist: Wir sind als endliche Wesen mit einer begrenzten Lebensdauer für eine unvollkommene Welt von Gott geschaffen. Das ist eine Grundüberzeugung christlicher Spiritualität. Was wäre denn auch die Alternative? Die Vorstellung etwa, wir bräuchten als Unsterbliche uns niemals von unserer Existenz zu verabschieden, könnten also ewig leben auf Erden: Da würde man jede Entscheidung auf ewig verschieben, ohne Entscheidung aber gibt es keine Freiheit. Unsterblichkeit auf Erden: Das wäre zutiefst unmenschlich.

Darum bleibt die Frage entscheidend: In welcher Weise und in welcher Stimmung, können sich Menschen würdig verabschieden? Die christliche Religion hat darauf eine provozierende Antwort: Jesus von Nazareth hatte noch die Kraft, einen Tag vor seinem Leiden, den definitiven Abschied im Kreis seiner Freunde zu feiern, also in Ruhe zu speisen und Wein zu trinken. Die Bilder vom Letzten Abendmahl, etwa das Gemälde Leonardo da Vincis, sind weithin bekannt. Jesus hat sich hier die Gelassenheit bewahrt in tiefster Erschütterung, im Angesicht der bevorstehenden Verurteilung, nicht völlig verloren zu sein. Selbst sterbend am Kreuz betete er noch einen Psalm.

Aber wer kann heute seinen eigenen definitiven Abschied wirklich feiern? Sterben nicht die meisten abgeschoben, isoliert, verlassen?  Ich habe in Holland schwerstkranke Menschen erlebt, die im Kreis ihrer Familie und manchmal in Anwesenheit eines Pfarrers im Rahmen der frei gewählten Sterbehilfe würdig Abschied nehmen konnten. Letzte Küsse, letzte Worte, ein Lächeln. Ein „Adieu“. Wer das miterleben konnte, scheut sich vor übereilten Urteilen und Vorurteilen über die gelegentlich angewandte aktive Sterbehilfe…

Aber darüber hinaus gilt: Diese Gelassenheit, in schweren Stunden zuversichtlich „das endgültige Adieu“ zu sagen, verstehen viele Menschen als Geschenk göttlichen Energie. Der Briefwechsel zwischen James Graf Moltke mit seiner Frau Freya ist dafür ein Zeugnis. James Moltke, der Widersacher der Nazis, wartet im Gefängnis Berlin – Tegel auf sein Todesurteil. Beinahe täglich konnten die  Liebenden einander schreiben und so ihre Verbundenheit ein wenig spürbar werden lassen. Als dann das definitive Ende für ihren Gatten nahte, schrieb Freya Moltke: „Ich verlasse dich nicht, denn meine Gefühle und alles, was lieben kann in mir, gehört ja Dir“.

Eine Philosophie des Abschieds wird keine treffenderen Worte finden: Trotz der definitiven Trennung blieben wir im Geist verbunden, im Geist der Liebe. Denn „die Liebe währet ewiglich“, sagen die Weisen aller Religionen.

Dieser Beitrag erschien am 5. November 2011 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM,

copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Orte der Transzendenz – Charles Taylor wird 80

1. November 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Orte der Transzendenz: Der Philosoph Charles Taylor (Montréal, Kanada)

Anläßlich seines 80. Geburstatags am 5. November

Er ist einer der vielseitigsten Philosophen der Gegenwart: Charles Taylor hat viele Jahre als Professor für Philosophie und Politologie an der Mc Gill University von Montreál gearbeitet. Hermeneutik, Anthropologie, Sprachphilosophie, Sozialphilosophie sind einige seiner Themen, abgesehen vom praktischen Engagement in der Provinz Québec, neu die Laizität des Staates und damit das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen vernünftig zu gestalten (siehe dazu auf Deutsch sein neues Buch „Laizität und Gewissensfreiheit“, Suhrkamp). Taylor hat den berühmten Hegelpreis 1997 erhalten, sowie den „japanischen Nobelpreis“, den Kyoto-Preis, im Jahr 2008. Wir weisen darauf hin, dass der beste Kenner der Taylorschen Philosophie der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa ist.

Das besondere Interesse Taylors gilt der Frage, wie Religion heute begründet werden kann, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur von der Säkularität, also der Immanenz und der Weltlichkeit, bestimmt ist.

Für den Religionsphilosophischen Salon können nur einige Denkanstöße Taylors zur Diskussion weiter gegeben werden.

Taylor erinnert an grundlegende historische Entwicklungen:

1. Wir leben heute in einer “entzauberten Welt“. Der Glaube ist weithin verschwunden, dass etwa Naturgewalten mit kirchlich – religiösen Riten und Gesten besänftigt werden können (etwa das Läuten der Glocken bei Unwetter – zur Besänftigung Gottes – ist praktisch ganz verschwunden).

2. Es setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass menschliche Existenz ausschließlich immanent verstanden werden soll. Bei der Bestimmung des Begriffes des Guten wird mit „auf jeden Transzendenzbezug verzichtet“.

3. Anstelle des Kosmos wird heute das unendliche Universum erlebt. Aber da passiert nach Taylor etwas Merkwürdiges: Auch Ungläubige „kommen nicht umhin, eine tiefe Demut und Verwunderung angesichts dessen zu empfinden, das uns so über alles Maß übersteigt“ (zit. in einem Beitrag Taylors für die Zeitschrift „Information Philosophie“, Juni 2003, S 12). Nur evangelikale Fundamentalisten und „eingefleischte Materialisten“, so Taylor, sehen in dem Universum nichts Geheimnisvolles; die einen, weil sie alles biblisch erklären, die anderen, weil sie alles naturwissenschaftlich in den Griff zu bekommen meinen.

4. Wir leben, so Taylor, in einer Kultur der Gottesfinsternis. „Die Transzendenz ist aus dem öffentlichen Feld geschlagen“ (ebd., S. 14). Aber es hat keinen Sinn, das „Rad der Zeit“ zurückzudrehen. Die alte „Christenheit“ als machtvolles System kann nicht wiederhergestellt werden, das gilt vor allem im Blick auf die katholischen Traditionalisten. Wir sollen sehen, was jenseits der Gottesfinsternis für Möglichkeiten des Denkens liegen.  Taylor verweist auf die radikale Liebe zum Nächsten, „eine Liebe, zu der wir nur durch Gottes Gnade fähig sind“.

5. Die Musik, die Poesie und die Malerei hat uns neue Möglichkeiten gezeigt, die Wege in die Transzendenzerfahrung weisen.

6. Es gibt offenbar eine strikte Kontinuität im Denken Taylors. Religionsphilosophisch ist diese Dimension in der Frage nach Orten der Transzendenz fundiert. Dabei sieht der Philosoph, der sich als Katholik bezeichnet, auch die vielen Fehler, die vonseiten der Kirchen und ihrer Institutionen begangen wurden und werden. Er prognostiziert einen weiteren Exodus aus der katholischen Kirche aufgrund des rigiden Lehramtes und der moralischen rigorosen Gebote, die der Klerus, der diese verordnet, selbst oft nicht respektiert. Dann werden die Menschen wohl frei, eine vernünftige Form von Spiritualität selbst zu suchen und zu leben,  an neuen Orten der Transzendenz.

7. Zur jüngsten Veröffentllichung Taylors in deutscher Sprache über die Laizität: Darin trtt er für eine offene Laizität ein, er unterstützt den kulturellen, also den nicht- konfessionellen Unterricht über Religionen an öffentlichen und privaten Schulen, wie er in Québec eingeführt wurde, für Kinder wie für Jugendliche. Außerhalb des verbindlichen und gemeinsamen Lehrplanes können nur Privatschulen weiterhin einen konfessionellen Religionsunterricht anbieten.

Entscheidend ist für den Philosophen, das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft auf diese Weise zu fördern.

8. Zentral ist für Charles Taylor die Gleichbehandlung der Religionen, auch der nicht-religiösen Gemeinschaften, in einer pluralistischen Gesellschaft.

Das Thema: Neue Orte der Transzendenz wird das Motto unseres Religionsphilosophischen Salons im Jahr 2012 sein.

Die wichtigsten Publikationen von Charles Taylor in deutscher Sprache:

– Ein säkulares Zeitalter, 2007, dt. Ausgabe 2009.

– Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, 2001

– Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Politische Aufsätze, 2001

– Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, 1994, dt. 1996

– Das Unbehagen an der Moderne, 1995,

– Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, 1992,

– Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, 1992,

– Hegel, 1978 und 1983

– Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen, 1976

 


 

 

 

 

 



Die Rede des Papstes im Bundestag: Benedikt XVI. folgt einem Traditionalisten

3. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise

Die Rede des Papstes im Bundestag:
Benedikt XVI. lässt sich von einem Traditionalisten inspirieren.

In seiner Rede im Deutschen Bundestag (22.9.2011) bezieht sich Papst Benedikt XVI. dreimal (von insgesamt 5 Literaturhinweisen !) auf das Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein “Ins Herz geschrieben. Das Naturrecht als Fundament einer menschlichen Gesellschaft“, St. Ulrich Verlag, Augsburg 2010. Wir haben im Religionsphilosophischen Salon unmittelbar nach der Papstrede am Tag selbst einen kritischen Kommentar publiziert unter dem Thema: „Gegen die Räuberbanden“ sowie gleich danach einen weiteren Hinweis „Papst im Bundestag“. Mit dem Untertitel: „Er beruft sich auf einen Historiker, dessen Bücher auch im Verlag der Piusbrüder verkauft werden“.
Diese beiden Kommentare der
website „religionsphilosophischer-salon. de
haben viel Aufmerksamkeit gefunden, offenbar, weil sie davor warnen, zu schnell die Rede des Papstes unbesehen „toll“ oder gar „orientierend“ zu finden, bloß wegen des Lobes der ökologischen Bewegung und der Grünen. Wir hatten damals schon den Verdacht geäußert, dass allein diese leicht nachvollziehbare Passage der Papstrede hoch gelobt wurde, weil die anderen und weitaus gewichtigeren Passagen zu schwer verständlich seien, „zu philosophisch“, wie es oft in Kommentaren hieß.
Darüber hinaus haben wir in diesen beiden Beiträgen schon gezeigt, in welchen theologischen Kreisen sich der vom Papst mehrfach zitierte Wolfgang Waldstein bewegt, dazu gehören Opus Dei Beziehungen gleichermaßen wie die traditionalistischen Verteidiger der alten lateinischen Messe aus dem 16. Jahrhundert, eine merkwürdige Mischung.
Wer das Buch von Waldstein liest, ist überrascht, dass der Autor in dieser rechtshistorischen Studie ganz offen seine theologischen Interessen und Vorlieben darstellt: Er bezieht sich lobend auf das ultra konservative „Forum deutscher Katholiken“, sozusagen die Gegeninstanz zu den Katholikentagen (S. 71), er findet Unterstützung bei der sehr konservativen Psychologin Christa Meves, (S. 119), weil sie, so wörtlich, gegen die „materialistische Sexualkunde“ kämpft. Er zitiert die sich katholisch nennende sehr konservative Zeitung „Deutsche Tagespost“, selbstverständlich auch den „Osservatore Romano“.
Theologen, die der Meinung Waldsteins nicht entsprechen, nennt er Irrlehrer (S. 27), wie den verdienten deutschen Moraltheologen Prof. Josef Fuchs aus dem Jesuitenorden (S. 27). Wie Waldstein als Rechtshistoriker (!) dazu kommt, Pater Fuchs „Irrlehrer“ zu nennen, bleibt sein Geheimnis, offenbar sind in solchen Äußerungen auch die Motive zu sehen, dass die traditionalistischen Piusbrüder dieses Buch in ihrem Verlagshaus verkaufen. Die Piusbrüder, daran gibt es keinen Zweifel, verkaufen ausschließlich Bücher, die der eigenen Ideologie entsprechen. Es ist also „logisch“, auch gegenüber diesem Begriff hat der Autor (S. 17) seine Bedenken, wenn man Waldsteins Denken traditionalistisch nennt…
Wenn er den modernen Moraltheologen Josef Fuchs zitiert, setzt Waldstein das Wort „leider“ voran, sozusagen als Entschuldigung dafür, dass er einen Bösewicht zu Wort kommen lässt, eine Haltung zeigt sich da, die in einem sich wissenschaftlich nennenden Buch nichts zu suchen hat.
Merkwürdig, wenn nicht skurril, mag es Theologen erscheinen, wenn Waldstein ausdrücklich betont, die Ablehnung von praktizierter Homosexualität durch die Glaubenskongregation sei im Sinne des antiken – römischen Philosophen Cicero geschehen (S. 112). Dabei wird der entscheidende Punkt berührt: Für Waldstein ist das nicht hinterfragbare Non Plus Ultra die römische (=antike, manche sagen: „heidnische“) Rechtsauffassung von der Natur „des“ Menschen. Waldstein versteigt sich zu der Auffassung, „dass es wahr ist, was Cicero über Gott sagt“. Seit wann ist für die Kirche, das Naturrecht verteidigend, Cicero und nicht die Bibel orientierender Maßstab? Jedenfalls ist der vom Papst hochgeschätzte und zitierte Waldstein der Meinung: Nur diese antike römische Auffassung vom Naturrecht hat in der Kirche ihre Gültigkeit. Wer diese Überzeugung Waldsteins kritisiert, folgt bereits einer „totalitären Ideologie“ (S. 112). Waldstein geniert sich nicht, die Verteidiger der Gleichberechtigung homosexuellen Lebens des „Kommunismus“ zu verdächtigen. Diese polemischen Argumente erinnern an Zeiten des „Kalten Krieges“…
Für Waldstein kann es kein geschichtlich sich wandelndes Naturrecht geben, für ihn gibt es nur das fix und fertige, sozusagen versteinerte Naturrecht der Antike. So ist in diesem versteinerten Denken kein Platz für die Möglichkeit, dass Frauen tatsächlich das Recht haben abzutreiben. So kann es für ihn „die“ Ehe auch nur zwischen Mann und Frau geben, weil sie „eine in ihrem Wesen naturrechtlich (!) vorgegebene Verbindung von Mann und Frau ist“. Für Waldstein ist das Naturrecht eine ewige, in den Formulierungen auch unwandelbare „Wirklichkeit“ (S. 7). Immer wieder insistiert er auf dem Naturrecht als einer äußeren, unwandelbaren „Wirklichkeit“, die man sozusagen in der Natur bloß ablesen muss. In diesem abstrakten, antiken Naturrecht sieht Waldstein das, „was allen Menschen wesensgemäß ist“ (S. 13). Von Kulturanthropologie, von Geschichtlichkeit jeder Wahrheit, von Hermeutik usw. hat Waldstein schlicht nichts gehört. Wenn Normen aus der vernünftigen Reflexion aktuell entwickelt werden, dann meint er: „Damit wird stillschweigend vorausgesetzt, dass Normen als solche nicht existieren“ (S. 15), eben weil sie nicht „der (äußeren) Natur abgelesen werden. Das Hauptproblem ist: Waldstein verteidigt die philosophische Unmöglichkeit, aus einem Ist – zustand zu einem Sollen zu kommen, aus einem Tatsachenbefund also zu der ethischen Einsicht: So soll es sein. Dabei übersieht er z.B.: In der Gesellschaft Ciceros gab es de facto Sklaverei: Wer da einfach von diesem „ist“ zum Sollen fortschreitet, kommt schnell zur Verteidigung der Sklaverei als einem Sollen, also als einer ethischen, „guten“ Möglichkeit. Der Papst setzt sich in seiner Rede im Bundestag für den Übergang vom Sein zum Sollen ein, und er folgt dabei einem inzwischen unhaltbaren philosophischen Standpunkt. Dabei ist es die historische Vernunft, die prüft, ob ein Faktum (etwa die überlieferte Ehe von Mann und Frau) tatsächlich die einzige ethische Form des Miteinanders der Menschen ist. Nur wer von der biologischen Differenz von Mann und Frau ausgeht und deswegen zur „natürlichen“ und ausschließlichen Verwiesenheit von Mann und Frau gelangt, kann die Ehe von Mann und Frau als einzige Form der Partnerschaft verteidigen. Uns haben Briefe erreicht, die zu recht fragen:Benedikt XVI. selbst schließt sich in seinem Vortrag im Bundestag offenbar in seiner Bevorzugung der Überlegungen Waldsteins selbst in einem geradezu engen Denken ein…
Dass der Papst als Interpret dieses alten römischen Naturrechts à la Cicero auch das Recht hat, in die aktuellen Debatten der Demokratien einzugreifen, steht für Waldstein außer Frage: „Gelegentlich setzt der Papst das Naturrecht mit dem Gesetz Gottes gleich“ (S. 78). Und weiter: „Der Papst ist verpflichtet zu sagen, dass ein Gesetz, das dem Naturrecht widerspricht, kein gültiges Gesetz ist“ (s. 79). Mit anderen Worten: Der Papst kann in Demokratien Katholiken zum Widerstand gegen solche (demokratisch verhandelten) Gesetze auffordern. Davon sprach auch Benedikt in Berlin mit Verweis auf Origenes. Man erinnere sich außerdem: In den USA sollte katholischen Politikern die Kommunion verweigert werden, wenn sie für die Gesetze der Abtreibung stimmen.
Das Buch „Ins Herz geschrieben“ würde keine weiteren Analysen und Debatten verdienen, wenn es nicht Papst Benedikt XVI. so sehr schätzen würde. Warum sonst verweist er von 5 Fußnoten insgesamt gleich dreimal auf das Opus von Herrn Waldstein? Ist die Vermutung so falsch, dass dieses Buch dem Papst gut gefällt? Ist die Vermutung falsch, dass der Papst weiß, dass Herr Waldstein zu den traditionalistischen Katholiken gehört, dass sein Buch bei den Piusbrüdern offenbar gut angesehen ist? Waldstein und Benedikt XVI. kennen sich persönlich gut, das belegen Berichte und Fotos von Treffen und Begegnungen im Vatikan; schon als Chef der Glaubenskongregation kannten die beiden Herren sich recht gut, darauf weist Waldstein hin. Die entscheidende Frage, auch im Blick auf die bevorstehende Versöhnung des Papstes mit den Piusbrüdern ist: Ist das Denken Benedikt XVI. selbst schon traditionalistisch geprägt? Waldstein steht für ein Denken, das ausdrücklich die Autonomie, also die Selbstbestimmung des Menschen, ablehnt. Er steht für eine rigorose Ablehnung der Moderne.
copyright: religionsphilosophischer salon berlin.

 

 

 

 

 

 

 



Papst im Bundestag: Er beruft sich auf einen Historiker, dessen Bücher im Verlag der Piusbrüder verkauft werden

25. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Hielt der Papst eine Rede im Bundestag im Geist der Piusbrüder?
Wir haben schon die Rede des Papstes im Bundestag aktuell analysiert, dazu gibt es einen eigenen Beitrag auf dieser Website. Interessanterweise wurde die Rede, wenn sie vollständig abgedruckt wurde, wie in der FAZ, ohne die Fußnoten dokumentiert. Das ist äußerst bedauerlich, denn Papst Benedikt verweist unter insgesamt 5 Fußnoten gleich 3 mal auf ein Buch des Rechtshistorikers Wolfgang Waldstein, „Ins Herz geschrieben“, das ursprünglich im katholischen St. Ulrich Verlag, Augsburg, erschienen ist. Dort werden katholische Kirchenzeitungen verlegt, etwa auch für das Erzbistum Berlin. Dieses Buch von Waldstein wird aber ohne weiteres auch vom Verlag der traditionalistischen Piusbrüder Deutschlands (Sarto Verlag) vertrieben, dort kann u.a. alle Schriften des Gründers, Marcel Lefèbvre kaufen. Diese Information wurde am 25.9. um 14 Uhr auf der Sarto Website gelesen. Die Piusbrüder vertreiben selbstverständlich nur Bücher, die voll und ganz der eigenen Ideologie entsprechen. Das Buch von Wolfgang Waldstein entspricht offenbar dieser Ideologie. Hat der Papst also im Bundestag zumindest indirekt Positionen der Piusbrüder vertreten, die ja bekanntermaßen keine sehr großen Freunde der westlichen liberalen Demokratie sind? Es ist für den Papst äußerst blamabel, dass sein 3 mal zitierter Gewährsmann Wolfgang Waldstein ein enger Freud aus dem politisch sehr rechtslastigen kreuz.net ist, dort wird er 14 mal positiv erwähnt (gelesen am 25.9. um 14.30 Uhr), kreuz.net so meinen viele Beobachter, gilt als eine der übelsten polemischen Presseorgane. Es ist ein bißchen problematisch, dass der Papst sich in seiner Bundestagsrede auf einen kreuz.net Freund beruft.
copyright: christian modehn.



Widerspruch. Proteste zum Papstbesuch in Berlin

18. September 2011 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Widerspruch
Proteste zum Papstbesuch in Berlin: „Relativismus ist demokratisch“
Von Christian Modehn
Dieser Text geht auf eine Radiosendung in WDR 5 am 18.9.2011 zurück.

Berlin wird eine „atheistische Stadt“ genannt. Das ist übertrieben, immerhin sind noch 28 Prozent der Einwohner Mitglieder der großen christlichen Kirchen. Aber wer weiß schon so genau, ob die Konfessionslosen nicht doch auch ihren privaten „lieben Gott“ verehren. Eins ist aber sicher: Wenn der Papst am Donnerstag die Hauptstadt besucht, wird er nicht nur voller Jubel empfangen: Seit einigen Monaten macht das kirchenkritische „Bündnis Der Papst kommt“ in der Stadt von sich reden. Jörg Steinert vom „Lesben – und Schwulenverband Berlin“ gehört zu den Initiatoren des Bündnisses „Der Papst Kommt“.

„Das Bündnis ist ein Spiegelbild de Gesellschaft, über 60 Organisationen sind mittlerweile in unserem Bündnis vereint und die Vielfalt der Gesellschaft wird am Tag des Besuches des Papstes demonstrieren gehen, denn aus unserer Sicht ist die Sexual – und Geschlechterpolitik des Papstes menschenfeindlich, und dagegen demonstrieren wir“.

Das vom Veranstalter gewünschte „Brandenburger Tor“ kommt als zentraler Ort für die Kundgebung nicht in Frage , „aus Sicherheitsgründen“, wie es offiziell heißt. Nun beginnt die Demo am Potsdamer Platz und endet vor den Toren der Sankt Hedwigskathedrale am Bebelplatz. Jörg Steinert mit mindestens 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern:
„Wir werden eine lustige Veranstaltung sein, z.T. provokant sein.
Ganz sicher werden wir keine Gewalttaten und Straftaten zulassen. Wir haben im Bündnis explizit beschlossen, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Jeder der Straftaten begeht, fliegt runter von der Demonstration, der hat nichts mit uns zu tun“.
Auch wenn etliche Katholiken sowie die ökumenische Arbeitsgemeinschaft „Homosexuelle und Kirche“ ihre Teilnahme zugesagt haben: Die breite Unterstützung für die Proteste kommt aus der „konfessionslosen Mehrheit“ der Berliner Bevölkerung, betont Werner Schultz vom „Humanistischen Verband Deutschland“:
„Wir werden den Papst kritisieren, aber wir werden natürlich versuchen, nicht die Gläubigen zu beleidigen in ihrem Selbstverständnis. Es werden mehrere Reden stattfinden, auch zu Fragen der Trennung von Staat und Kirche, zu Menschenrechten. Es wird ein Brief an Frau Merkel verlesen werden, wo kritisiert wird, dass der Papst im Bundestag redet und dort in einer ungewöhnlichen Art privilegiert wird, die nicht nachvollziehbar ist“.
In zahlreichen Konferenzen im Vorfeld wurden theologische und politische Fragen debattiert. Auch ein Fachmann fürs Staats- kirchenrecht, der emeritierte Professor Horst Herrmann, war dabei; er hat sich in Berlin aus rechtlichen Bedenken gegen eine Rede des Papstes im Bundestag ausgesprochen:
„Ich meine, das ist ein Präzedenzfall, den man sich nicht hätte erlauben sollen. Wenn nächstens der Dalai Lama kommt, dann kann der auch im Bundestag reden usw. Beide, der Dalai Lama, eure „Heiligkeit“ betitelt und Ratzinger, ebenso eure Heiligkeit, sind zutiefst vordemokratische Monarchen. Und von denen müsste sich ein Bundestag nicht sagen lassen, was Recht und Moral ist“.
Denn der Papst wird in Berlin – so viel ist heute schon deutlich – wie überall die Ehe von Mann und Frau als einzige Lebensform verteidigen. Sein Kampf gilt dabei der von ihm so genannten „Diktatur des moralischen Relativismus“, betont der Publizist und Buchautor Alan Posener:
„Ich bin der Meinung, dass der Papst nicht einfach ein alter Mann mit gestrigen Ideen ist, sondern auch jemand, der eine geschlossene Weltanschauung hat. Er kritisiert unsere demokratische Gesellschaft als Diktatur des Relativismus. Und ich sage, diesen Relativismus wollen wir uns bewahren. Was wäre Gegenstück, das wäre die Diktatur der Wahrheit. Diese Diktatur lässt keine Opposition zu.
Der Papst repräsentiert eine Weltmacht. Wenn man nach Afrika schaut, etwa Angola, dort sind die meisten katholisch, und die richten sich meist nach den moralischen Geboten der Kirche, etwa im Verbot der Kondome. Deswegen darf man nicht sagen, was hat der Papst schon zu sagen. Man muss sehen, was er weltweit immer noch zu sagen hat.
Wenn er also unsere Gesellschaft als Diktatur des Relativismus kritisiert, dann kritisiert er unsere Gesetzgebung in Sachen Abtreibung, in Sachen Homo Ehe usw. Und wenn er solches und anderes sagt, dann darf im Bundestag kein Abgeordneter widersprechen, weil es sich um ein Staatsoberhaupt handelt, dem man nicht widersprechen darf. Das finde ich problematisch“. Dieser Einsicht schließt sich der Philosoph, Medienwissenschaftler und Autor Umberto Eco an. Er schreibt in der Berliner Zeitung vom 19.9.2011, Seite 10:
„Die Polemiken Benedikt XVI. gegen den so genannten Relativismus sind, wie ich finde, einfach nur sehr grob. Nicht mal ein Grundschullehrr würde es so formulieren wie er. Seine (d.h. Benedikts) philosophische Ausbildung ist sehr schwach. Man könnte also sagen, ich betrachte Papst Benedikt als guten Kollegen.Frage: Sie lachen. Aber Sie haben Benedikt scharf für seine These kritisiert, der Atheismus sei für einige der schlimmsten Verbrechen der Menschheit verantwortlich. Antwort von Eco: Das zielte genau auf den Kampf gegen den Relativismus ab. Geben Sie mir sechs Monate, dann organisiere ich Ihnen ein Seminar zum Thema Relativismus. Und Sie können sicher sein: Am Ende werde ich Ihnen mindestens 20 verschiedene philosophische Positionen vorlegen. Sie alle in einen Topf zu werfen, wie Papst Benedikt das macht, als gäbe es eine einheitliche Meinung dazu, das finde ich schlichtweg naiv“.
Zurück zur Auseinandersetzung mit dem Papst in Berlin:
Auch einzelne evangelische Gemeinden haben den Mut, sich kritisch mit dem Papstbesuch zu befassen. Zwei Veranstaltungen wirdmen sich z.B. über die Zukunft der Ökumene. In der evangelischen St. Thomas Gemeinde in Kreuzberg werden am Vorabend des Papstbesuches, also am Mittwoch, 21. September, zwei offen schwule Priester –aus Köln – eine katholische Messfeier zelebrieren. Der zuständige Superintendent Bertold Höcker vom Kirchenkreis Berlin Mitte unterstützt dieses Vorhaben:
„Welchen kirchenrechtlichen Status die Priester haben, das wissen wir auch nur in der Hinsicht, dass sie gültig geweihte Priester sind. Ob sie suspendiert sind, ob die Messe gütig aber nicht erlaubt ist, das müssen die Priester nun mit ihrer Kirche selbst klären und in welcher Lebensform sie leben, das sind für uns keine Fragen. Wir sind gefragt worden, ob wir Gastfreundschaft gewähren, und da wir eine gastfreundliche Kirche sind, tun wir das“.
Wird man auf die Gastfreundschaft wieder verzichten, wenn die katholische Kirchenführung darum bittet? „Wir haben eine Zusage gegeben. Und wenn ein Christ sein Wort gibt, gilt das“.



Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin

30. August 2011 | Von | Kategorie: Religionskritik

Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin
— dieser Beitrag gehört zu unserer Rubrik „Religionskritik“ —

Von unseren Mitarbeitern in Venezuela erreichen uns einige Informationen zu einem Bischof, der am Gottesdienst anlässlich der offiziellen Einführung des neuen Berliner Erzbischofs Rainer Maria Woelki (27. August) teilnahm. Er wird auf der offiziellen Teilnehmer Liste erwähnt. Auffällig ist die theologisch wie politisch extrem konservative Mentalität des Bischofs aus Venezuela.
Erzbischof Ovido Perez Morales (geb 1932) ist seit 7 Jahren emeritiert. Er war für das Erzbistum Maracaibo von 1992 bis 1999 verantwortlich, danach bis 2004 (Ruhestand) war er Bischof von Los Teques bei Caracas, immer mit dem Titel Erzbischof. Er hatte zahlreiche Leitungsfunktionen in der venezolanischen Kirche inne.
Über die Jahre in Maracaibo hat der Journalist Gaston Guisandes Lopez eine reich dokumentierte Studie verfasst mit dem Titel „El Arzobispo“. Der Autor ist Herausgeber der Zeitung „Que pasa“ in Maracaibo. In dem Buch wird die äußerst rigide „Herrschaft“ von Perez Morales in Maracaibo dokumentiert . Wir bieten ein Zitat aus einer Buchbesprechung auf Spanisch: „Sustentado sólidamente por documentos debidamente confirmados en su autenticidad e información cierta e irrebatible, Guisandes López recoge de manera pormenorizada hechos, situaciones y personajes que, como lo califica el autor, “fraguaron y protagonizaron el peor escándalo vivido por la Iglesia Católica venezolana” durante la gestión de monseñor Ovidio Pérez Morales como jefe de la Arquidiócesis de Maracaibo“.
Weiter wird berichtet, wie der Bischof auf eine Kirche traf, die zuvor durchaus harmonisch lebte, kulturell sehr lebendig durch den Priester Gustavo Ocando Yamarte, „er versuchte, mit Musik, Thetaer und Bildender Kunst das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen zu verbessern“, so der Jesuit Jose del Rey Fajardo. Berichtet wird, wie der neue Bischof einige Verwandte auf hohe Posten setzte; wie es zur Spaltung im Klerus kam, wie der Rektor des Priesterseminars zurücktrat, wie die Kirche „in gute und böse“ geteilt wurde. Siehe auch: http://www.vive.gob.ve/imprimir.php?id_not=4684

Die Situation muss für alle Beteiligten so unerträglich gewesen sein, dass Bischof Perez Morales 1999 in ein anderes Bistum wechselte, wechseln musste. Ein nicht gerade häufiger Vorgang in der katholischen Hierarchie.

Interessant ist, dass der Gast aus Venezuela bei der Bischofsweihe von Herrn Woelki mehrfach dokumentierte Verbindungen zum Opus Dei in Venezuela hatte. Zum Beispiel: Im Jahr 2007 (also schon als emeritierter Bischof und damit ohne offizielle Repräsentationsverpflichtungen eines aktiven Bischofs, sondern offenbar aus purer Sympathie) nahm er einer Feier anlässlich des 25. Gründungstages der „Personalprälatur Opus Dei“ in Caracas teil, schon 1992 war er bei Opus Dei Feier zur Seligsprechung des Opus Dei Gründers J. Escrivá in Caracas dabei. Dass Erzbischof Perez Morales seit Jahren ein heftiger Gegner von Staatspräsident Chavez ist, wundert nicht.
Beobachter meinen, Bischof Perez Morales sei sozusagen der halboffizielle Opus Dei Vertreter bei der Amtseinführung Woelkis gewesen.



Wie viel Denken braucht der Mensch?

24. Oktober 2010 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO –
Wie viel Denken braucht der Mensch?

Eine Veranstaltung im AFRIKA – HAUS Bochumer Str. 25
in Berlin – Tiergarten
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr.

– Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“

– Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein
– Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn
– Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski
– Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in
Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn

– Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?

– Intermezzo, Speisen und Getränke

– Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen

– Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.

Das AFRIKA HAUS
Bochumer Straße 25 in
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit, gut zu erreichen.

Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski



“Die Freiheit wird euch wahr machen” Ein neues Buch über Jacques Gaillot

4. September 2010 | Von | Kategorie: Aktuelle Buchhinweise, Theologische Bücher

Einer der wichtigsten Reformer der katholischen Kirche wird am 11. 9. 2010 75 Jahre alt. Aus diesem Anlaß erscheint das Buch:

Die Freiheit wird euch wahr machen. Ein Buch anlässlich des 75. Geburtstages von Jacques Gaillot. Hg. von Roland Breitenbach unter Mitarbeit von Katharina Haller, Zürich, und Christian Modehn, Berlin.
200 Seiten; 12 S. farbiger Bildteil.
Es kostet 18.80 – Die ISBN lautet: 978-3-926300-64-5.
Reimund Maier Verlag, Schweinfurth.

—–Ein Hinweis auf eine aktuelle Radiosendung über Jacques Gaillot:

Ein Text, der einer Sendung von Christian Modehn über Bischof Jacques Gaillot im Deutschlandfunk am 3. September 2010, um 9. 35 zugrunde lag.

Machtlos und frei
Bischof Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Übersetzer

Moderationshinweis:
Er gilt weltweit als DIE Symbolfigur eines progressiven Katholizismus. Theologische Tabuthemen kennt er nicht, radikal sind seine Reformvorschläge. Aber jetzt will er dem Kirchenrecht Genüge tun: der französische Bischof Jacques Gaillot. In wenigen Tagen (am 11. September) wird er 75 Jahre. Und in diesem Alter müssen katholische Oberhirten in den Ruhestand treten. Einen Bischofspalast braucht Gaillot deswegen nicht zu verlassen, denn er lebt seit 15 Jahren in einem kleinen Zimmer des Klosters der „Väter vom Heiligen Geist“ im 5. Pariser Arrondissement: Hier hat er Zuflucht gefunden, als ihn der Papst im Januar 1995 wegen allzu radikaler Ansichten absetzte. Christian Modehn hat Bischof Gaillot über viele Jahre zu Interviews getroffen.

1. O TON:
2. SPR.:
Ich verwechsele die Kirche Christi nicht mit einer bestimmten Art, wie die Kirche heute funktioniert. Oder mit einer Institution, die nur auf die Disziplin achtet. Meine vorrangige Sorge gilt eigentlich nicht der Kirche, sondern dem Leben der Leute, dem modernen Leben; es geht um die Menschen, nicht um die Kirchendisziplin.

1. SPR.:
Bischof Jacques Gaillot in einem Interview, mitten in Paris, Anfang Februar 1995. Erst wenige Tagen zuvor wurde er vom Vatikan als Bischof von Evreux in der Normandie abgesetzt. Was waren seine „Untaten“? Er hatte seit 1982 in beständiger Regelmäßigkeit öffentlich und in aller undiplomatischen Deutlichkeit die Abschaffung des Zölibatsgesetzes gefordert; er trat für das Priestertum der Frauen ein; er verteidigte die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen- Paaren, zudem hatte er Verständnis für die Abtreibung, den Gebrauch von Kondomen fand er als Schutz vor AIDS ganz normal. Ohne tief greifende Reformen habe die Kirche keine Zukunft, lautete sein immer wieder kehrendes Bekenntnis über all die Jahre bei seinen zahlreichen Auftritten in allen Fernseh- und Radiostationen Frankreichs. Für ihn waren sie eine günstige Gelegenheit, auch die Rechte der Ausländer einzuklagen und die Wohnungslosen und Obdachlosen entschieden zu verteidigen. Um Wehrdienstverweigerer kümmerte er sich genauso wie um Befreiungstheologen. Gaillot galt nicht nur als Kirchenrebell. Er war in seiner eher radikalen Position auch politisch höchst unbequem. Darum waren es „besorgte Katholiken“ wie auch konservative Politiker, die sich gemeinsam in Rom für die Absetzung Bischof Gaillots stark machten. Aber schon kurz nach seiner Absetzung war er gar nicht so unglücklich:

2. O TON:
2.SPR.:
Ich glaube, die Kirche hat mir einen Dienst erwiesen. Sie hat mich in eine Diözese ohne Grenzen hineingestoßen; sie hat mir, so würde ich sagen, erlaubt, dass ich mich befreie.

1. SPR.:
Der Ort der Befreiung hat für Gaillot einen Namen: Es ist der Wüstenort Partenia in Algerien, der nur noch als Titel eines längst untergegangenen Bistums existiert. Der Kirchenreformer Gaillot wurde also „Titularbischof von Partenia“. Er und seine Freunde machten dieses eher imaginäre Bistum zum Sammelpunkt von Menschen, die grundlegende Reformen in Kirche und Gesellschaft einklagen. Sofort wurde ein viel beachteter Internetaufritt geschaffen, der monatlich bis zu 800.000 Besucher aus aller Welt zählte. So entstanden neue Kontakte, Jacques Gaillot wurde zum reisenden „Wüstenbischof“, der nicht nur in ganz Europa, sondern noch in den abgelegenen Ecken des Amazonas oder im kanadischen Norden progressive Christen oder Verteidiger der Menschenrechte stärken wollte. Immer wenn er in Paris war, trat er öffentlich für die Belange der Flüchtlinge vor allem aus Nordafrika ein. Und er war bei Hausbesetzungen dabei, wenn Obdachlose ihr „Recht auf Wohnraum“ einklagten. Inmitten solcher Erfahrungen kam es immer wieder zu tieferen, geistlichen Gesprächen:

3. O TON
2. SPR.:
Es gibt Leute, die Jesus außerhalb der Kirchen entdecken als einen Menschen, der z.B. für die Frauen eingetreten ist oder für die Gleichheit der Menschen. Einst wurde das Evangelium durch die kirchliche Institution verbreitet. Heute ist Jesus nicht mehr in diese Grenzen eingebunden, das ist eine Chance für das Evangelium.

1. SPR.:
Gaillot möchte eine einfache, eine bescheidene und möglichst dogmenfreie Kirche fördern, eine Gemeinschaft, die vor allem in der praktischen Solidarität ihren Glauben bekennt. Die meisten Katholiken haben diese Haltung nicht verstanden, auch die französischen Bischöfe haben nur selten die Gemeinschaft mit ihrem radikalen Kollegen gesucht:

4. O TON
2. SPR::
Das letzte Mal zelebrierte ich eine Messe in der Kathedrale Notre Dame gemeinsam mit Bischöfen und Kardinälen anlässlich der Bestattung von Abbé Pierre im Jahr 2007. Tatsächlich habe ich wenig Verbindung mit der Hierarchie. Darüber bin ich nicht unglücklich, denn ich bin mit den Herzen vieler Leute verbunden.

1. SPR.:
Solange „Jacques“, wie ihn seine Freunde weltweit nennen, gesund bleibt, will er weiter Flüchtlinge, Ausländer und Obdachlose begleiten. Den Internetauftritt des virtuellen Bistums Partenia will er einstellen. Seinen Freunden überlässt er die Zukunft des inzwischen internationalen Netzwerkes:

5. O TON
2. SPR.:
Jacques Gaillot wird eines Tages nicht mehr da sein, dann muss wohl Partenia auch verschwinden oder aber: Partenia muss auf andere Art weitergehen: Man darf nicht zu viel festlegen, man muss die Freiheit walten lassen.

1. SPR.:
Aber auf diese Freiheit zu ungewöhnlichen Aktionen will Gaillot doch noch nicht ganz verzichten: So hat er erst vor einigen Wochen den traditionalistischen Abbé Philippe Laguérie getroffen, ausgerechnet jenen Priester, der in aller Schärfe damals aufs heftigste die Absetzung des progressiven Bischofs von Evreux forderte. Gespräche der Verständigung und Versöhnung nennt Gaillot solche ungewöhnlichen Begegnungen. An einen Rückzug aus der Öffentlichkeit denkt Jacques Gaillot auch als 75 Jähriger offenbar nicht.