Christi Himmelfahrt vernünftig verstehen

Von Christian Modehn

Im 2. Teil dieses Beitrags finden Sie eine Auseinandersetzung mit der Auferstehungstheologie von Joseph Ratzinger und Christoph Markschies, beide sind Stimmen der alten Kirchenlehre. Sie beschränken sich wie so viele andere mutlose Theologen mit dem bloßen Nachsprechen der Worte des Neuen Testaments. Aber dieses Nachsprechen ist keine ernstzunehmende Interpretation, keine moderne Theologie, die den Anspruch hat, „Wissenschaft“ zu sein!

1.
Die Titel großer christlicher Feste und Gedenktage sind merkwürdig fremd für heutiges Denken: Ostern als Fest der Auferstehung Jesu von Nazareth; die Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten als Fest der Gabe des heiligen Geistes.
Die Erzählungen des Neuen Testaments zu den drei genannten „Ereignissen“ sind überschwänglich und bilderreich, voller frommen Enthusiasmus. Und tausendmal haben Prediger diese Geschichten bloß nacherzählt: So haben sie die Mythen nur auf anderer Ebene fortgesetzt. Und kein nachvollziehbares, d.h. auch das Leben inspirierende Verstehen bewirkt.
Was heute und eigentlich immer schon wichtig ist: Die klare Aussage, also das in nachvollziehbaren Worten deutende Verstehen. Warum soll eine vernünftige Sprache nicht auch religiöse Erlebnisse und „Ereignisse“ aussagen können? Warum soll nur die Sprache des Mythos, das Esoterische, dem Religiösen angemessen sein? Dadurch wird das Religiöse nur „mysteriös“ und befremdlich und deswegen für weite Kreise irrelevant.
Aber wir leben in einer post-säkularen Denkform, wie Jürgen Habermas zurecht seit Jahren betont:
Wenn aber „nach“- post – säkular eine Bedeutung haben soll, dann nur unter der Bedingung, dass kritische Theologen und Religionsphilosophen auch in vernünftigen Begriffen die Bedeutung dieser drei christlichen Feste aussprechen. Und zwar nachvollziehbar, in allgemeiner Sprache, mit Worten und Begriffen also, die auf esoterische Geheimsprache verzichtet.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth, seine „Himmelfahrt“ und Pfingsten sind tatsächlich als eine Einheit zu sehen, man könnte sagen, es handelt sich dabei um die Beschreibung ein und desselben Erfahrens und Erlebens der Gemeinde Jesu, die nach der Kreuzigung und dem Tod Jesu versammelt ist. Dass die Kirche aus dem „einen“ Erlebnis der Gemeinde „drei“ Feste und Gedenktage machte, ist der Freude an religiösen Feiern geschuldet. Schließlich kann man an jedem der drei Feste auch noch spezielle Akzente setzen.
Zentral ist Ostern: Die Gemeinde Jesu, die JüngerInnen und ApostelInnen, entdecken miteinander nach einer Zeit der Trauer: Unser Lehrer und Vorbild und Meister Jesus von Nazareth hat Teil an der göttlichen Wirklichkeit. Er ist völlig bewegt von der in seiner Seele, seinem Geist, wirkenden göttlichen Kraft. Diese überdauert als göttliche Kraft des Unendlichen und Ewigen den leiblichen Tod. Diese göttliche Kraft ist von Anbeginn in der Welt und im Menschen, in jedem Menschen anwesend, weil Welt und Menschen als „Schöpfung“ Gottes erlebt werden. Die Welt als „Schöpfung“ des Göttlichen zu deuten, ist tatsächlich der entscheiende Mittelpunkt christlichen Denkens. Die Welt als „Schöpfung durch das Göttliche“ zu deuten bezieht sich sozusagen auf das einzige „Wunderbare“ unseres Erlebens.
Jesus von Nazareth offenbart also in seinem Leben vorbildlich das Ewige im Menschen. Aber: Dieses Ewige ist in jedem Menschen anwesend, wie Jesus selbst laut Evangelien sagt. Dieses Ewige ist „etwas“, das den Tod überdauert. Wie auch immer: Details zu nennen hinsichtlich des „Überdauerns“ ist bei dem Thema nicht möglich. Nur das DASS des Ewigen IM Menschen ist entscheidend.

So wird Jesus von Nazareth also in den ewigen Bereich, den göttlichen Bereich, den „Himmel“, aufgenommen. Sein Leib ist nicht mehr lebendig da, der Körper liegt im Grab, aber sein Wesen, sein ewiger Mittelpunkt, lebt und steigt hinauf“ in den Himmel, ins Ewige, bildlich gesprochen.

Das zu erleben und zu erkennen und zu besprechen sieht die Gemeinde, sehen die JüngerINNen und Apostel, als einen wunderbaren „Einfall“ in ihr Denken, als Geschenk, als Gabe der tiefen Einsicht: Sie erleben also die Kraft des Geistes, den sie heilig nennen, sie erleben diese Kraft des Geistes als Inspiration des Göttlichen. Als Geschenk, als göttliche Inspiration.
Das Ewige lebt in Jesus und in allen Menschen, weil diese wie Jesus von Nazareth auch Kinder , „Söhne“, Gottes sind.
Dies feiert die Gemeinde zu Pfingsten, dem Fest des Geistes, des heiligen Geistes. Und die Gemeinde gewinnt neues Zutrauen, neue Zuversicht zur Weltgestaltung. Sie will von diesem Jesus von Nazareth erzählen. Er wird für sie Mittelpunkt des Lebens, er wird „Christus“. Aber dieser Christus muss immer mit der wesentlichen humanen Botschaft Jesu von Nazareth verbunden bleiben. Ein selbständiger Christus als Herrscher in einer herrschenden Kleriker Kirche ist demnach ein Irrweg.
Aber diese inspirative Kraft, Neues Erschließendes, für die in Trauer versunkenen Gemeinde, wirkte selbstverständlich schon zu „Ostern“ und anlässlich der Erkenntnis der Himmelfahrt Jesu.

Was also feiern Christen zu Ostern, zur Himmelfahrt und zu Pfingsten: das Ewige, die göttliche Kraft im Menschen. Diese Kraft kann der Mensch ablehnen oder annehmen in seinen Gewissensentscheidungen. Die auch politisch und ökonomisch mögliche Ablehnung des Ewigen im Menschen ist identisch mit der Ablehnung, der Vernichtung, der Geltung der Menschenrechte: Alle Menschen haben die gleiche Würde, sagt man zurecht in säkularer Sprache: D.h.: Alle Menschen haben Teil am Ewigen, sind also unendlich wertvoll und zu schützen und zu fördern.
Auferstehung, Himmelfahrt und Pfingsten richtig feiern: Das ist einmal das Gedenken und liturgische Feiern der „Ereignisse“ damals. Aber auch, genauso wichtig, das umfassende Analysieren unserer Weltverhältnisse heute: Die so wenig geisterfüllt sind und vom Egoismus, politisch identisch mit Nationalismus, beherrscht werden. Dagegen gilt es, geistvoll vorzugehen…
Diese hier skizzierte Lebensphilosophie (christlicher Glaube genannt), die sich auf Ostern, Himmelfahrt Christi und Pfingsten bezieht, ist also wesentlich herrschaftskritisch zugunsten der Menschenrechte für alle Menschen. Und sie ist als Lebensphilosophie aktiv und handelnd, siehe etwa die Gemeinden, die sich der Befreiungstheologie verpflichtet wissen, weltweit.

2.
Dieser Beitrag ist, wie gezeigt, ein Versuch, die Auferstehung Jesu, seine „Himmelfahrt“ und das Pfingsterlebnis auf eine Weise zu verstehen und zu erklären, so dass die enormen Zumutungen des Mysteriösen und Widervernünftigen nicht länger wirksam sein müssen. Warum sollte auch, so meine theologische Überlegung, die Vernunft nicht gelten im Erkennen der Religionsgeschichte und der sich „göttlich“ nennenden Ereignisse und Offenbarungen: Ist diese menschliche, kritische Vernunft doch selbst eine Gabe des göttlichen Schöpfers. Die übliche Rede von der „verderbten Vernunft“ (nicht nur bei Luther) ist abzuweisen, diese Rede steht nur im Dienst einer Gnadentheologie, wobei klar ist: Diese Gnade wird von der Kirche, zumal von dem Klerus vermittelt und verwaltet, siehe etwa die Theologie der Taufe. Aber das ist ein anderes Thema.

Hier wurde ein neuer Ansatz des Verstehens gezeigt werden! Unser Vorschlag einer nachvollziehbaren Deutung von Ostern, also der Auferstehung Jesu, wird von offiziellen Vertretern der Kirche und ihrer für orthodox ausgegebenen Lehre „natürlich“ zurückgewiesen. Aber die Argumente der sich orthodox gebenden Lehre sind stets Herrschaftsargumente, insofern auch ideologisch geprägt, es sind Redewendungen, die sich auf uralte Formeln und Floskeln unbeirrt festlegen. Und dann gegen alle Vernunft – und gegen alle Gewissensargumente – routiniert Mysteriöses als Mysterium deuten und die Anstrengung der Vernunft abweisen.

Joseph Ratzinger widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) unserem Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht den von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös – orthodox, so wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Interpretation.

Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Die Erinnerung an ihn weckt vielmehr die Einsicht: Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.

Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche.

Noch einmal: Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und den einen Kern der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.

Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Er beteuert erneut: Das Grab Jesu war leer. Und daraus folgert er wie üblich: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin