„Damit es aufhört“: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche. Das neue Buch von Matthias Katsch über Leiden, Kampf und … Leben.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der noch längst nicht umfassend aufgeklärte Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester ist nicht eines von vielen Themen innerhalb der Kirche. Auch kein „Problem“, das nur einzelne aus dem Umfeld der „Betroffenen“ zu interessieren hat. Der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Priester erschüttert vielmehr die gesamte Lebensform und Struktur der römischen Kirche, ihre bisherige Glaubenspraxis sowie ihre klerikal dominierte Glaubenslehre. Diese Kirche steckt also in einer tiefen Krise der Glaubwürdigkeit. Was könnte für eine Kirche schlimme sein?
2.
Das ist die eine, die offizielle, die theologische bzw. religionskritische Ebene des Themas.
Die andere „Ebene“ ist genauso wichtig: Die Menschen, vor allem die Katholiken, sollten hören auf das, was die Leidtragenden, die einst und heute Missbrauchten, zu sagen haben. Es gilt also menschliche Nähe zu leben, Verstehen, Fürsorge, Solidarität, Bereitschaft zur Buße und zum Wandel.
Noch einmal: Vor allem gilt es zu hören auf das, was die „Betroffenen“ erlebt, d.h. erlitten haben, erleben und erleiden noch immer in einer Kirche, die eher schweigt, wegschaut und verdrängt. Es gilt zu verstehen, wie und unter welchen Bedingungen die Opfer nach all den Untaten mit Mühe überlebt haben und überleben. Das ist kein neugieriges Interesse, sondern es gilt, Schlimmes zu verhindern, Missbrauch an Kindern und Jugendlichen, und zwar ab sofort. Per Gesetz, Bildung, Kontrolle. Letztlich aber: Durch ein „neues Denken“ und eine neue Praxis.
3.
Wer sich noch geistig – seelisch bewegen lässt, wird bewegt und erschüttert, wenn man liest, wie einige der einst missbrauchten Jugendlichen, jetzt Männer und Frauen zwischen 70 und 20, damit ringen, die Wahrheit, ihre Lebenswahrheit, öffentlich zu sagen. Einer der Mutigen ist Matthias Katsch, Jahrgang 1963, seit über 10 Jahren setzt er sich offen und in der Öffentlichkeit mit seiner von Missbrauch geprägten Lebensgeschichte auseinander. Matthias Katsch ist inzwischen zu einer ganz wichtigen, entscheidenden Stimme der vielen geworden, die als Jugendliche Gewalt und Perversion von Priestern erlebten. Und zwar ist er nicht nur in Deutschland vielen Menschen bekannt geworden, die die Wahrheit wissen wollen. Er hat sich mit den Fakten, den schlimmen, nicht abgefunden; er hat, so schwer es auch war, Ohnmachtsgefühle angesichts der Macht der Kirchenbürokratie überwunden. Er hat gekämpft und er kämpft.
4.
Matthias Katsch und andere Opfer klerikalen sexuellen Missbrauchs verlangen zurecht, dass die katholische Kirchenführung ihre tiefe Schuld eingesteht. Und die Opfer auch finanziell nicht nur mit einer Spende unterstützt, sondern ihnen auch angemessene finanzielle Entschädigung leistet. Aber bitte nicht aus der Kirchensteuer, die ja bekanntlich nicht betroffene, gutmütige Laien zahlen… „Entschädigung ist auch eine Form der Anerkennung des schuldhaften Verhaltens der Kirchenführung und eine Form, Verantwortung zu übernehmen“, schreibt Matthias Katsch in dem neuen Buch „Damit es aufhört“ (S. 148).
5.
Matthias Katsch wurde als Schüler im Berliner Canisius Kolleg (Abitur dort 1981) von zwei Jesuitenpatres missbraucht. In seinem Buch „Damit es aufhört“ (Nikolai Publishing, Berlin, 2020)
berichtet Katsch zunächst von seiner Schulzeit im Canisius Kolleg, das damals wie heute, wenn nicht als Eliteschule, so doch immer noch, fast in der Wertung identisch, sich als „Jesuiten-Gymnasium“ präsentiert. Selbst wenn dort heute nur noch ca. 3 Jesuiten als Lehrer unter den vielen anderen Lehrern tätig sind…
Matthias Katsch nennt in seinem Buch, diskret und vornehm, nicht die Klarnamen der beiden Jesuiten, die ihn missbrauchten. Dabei weiß heute jeder kundige Leser aus der Presse, dass es sich dabei um Pater Peter Riedel und Pater Wolfgang Statt handelt. Beide haben den Orden inzwischen verlassen, sind seit einigen Jahren aus dem Priesteramt ausgeschieden und mit geringen Geldstrafen „davon gekommen“…
6.
Der eine, Pater Riedel, hat sich in Beichtgesprächen an die Jungen, auch an Matthias Katsch, herangemacht. Natürlich, wie in der Beichte schon bei Kindern und Jugendlichen üblich, fragte er nach der Sexualität. Bis der Junge dann schließlich, wie andere auch, auf dem Bett des Paters im Kloster selbst nackt lag und masturbierte: Der Pater, im Sessel sitzend und (wohl nicht nur) betrachtend… Diese Praxis sollte die Jungen, so die Wahnvorstellung von Pater Riedel, von der Gewöhnung ans Masturbieren befreien… So offen spricht Matthias Katsch vom erlebten Missbrauch in dem Buch.
7.
Pater Statt hingegen hat als Sadist („mit einem Fetisch für das gerötete Hinterteil“, wie Katsch schreibt) die Jungen, auch Mathias Katsch, nach allerhand diffusen spirituellen Erläuterungen in eigens arrangierten Sitzungen vielfach und ausdauernd mit allerhand heftigem Gerät auf das Gesäß geschlagen. Auch das berichtet Matthias Katsch. Erst der Mut der Deutlichkeit erzeugt erst eine Vorstellung vom Ausmaß der Verletzungen, vor allem der Seele, durch diese „Praktiken“. Nur so erhält der Leser auch eine gewisse Ahnung von der sexuellen Energie dieser Patres: Was haben diese so genannten geistlichen Herren für Zeit aufgewendet, um relativ unkontrolliert ihre „Praxis“ des Missbrauchs aufzubauen. Wie lange haben sie sich wohl Tricks und Lügen überlegt, um die Jungen „rumzukriegen“…
8.
Diese Jesuiten wurden – wie weltweit üblich in solchen „Fällen“ – als Priester noch viele Jahre von einem „Wirkungsort“ zum anderen geschickt, „versetzt“, wie es in der Sprache der Kirchenbürokraten heißt. Schließlich verbreiteten sich irgendwelche hässlichen Gerüchte, denen die Oberen nicht detailliert nachgingen. Sie versetzten die Täter an andere Orte! Dort konnten sie sich über Jahre weiterhin dem sexuellem Missbrauch hingeben. Und Menschen quälen. Das heißt: Noch einmal, wie weltweit üblich: Die Ordensleitung wusste von den Taten der beiden, sie tat aber nichts gegen die Täter, zeigte sie nicht bei den staatlichen Gerichten an und interessierte sich auch nicht für die Opfer. „Die Schulleitung und der Jesuitenorden haben die Täter geschützt“, so Matthias Katsch (S. 47).
9.
Der Autor spricht ehrlich, immer persönlich, auf das Mitdenken und Mitfühlen des Lesers vertrauend, ohne jede Wehleidigkeit über sein Leben und Leiden. Er spricht von Depressionen, die ihn überfielen, von der Tendenz, in die Sucht abzurutschen, aber auch von der Hilfe seines Lebenspartners. Der Autor zeigt aber auch, wie er entschlossen war und ist: Niemals in der Schwäche des bedauernswerten „armen“ Opfers aufzutreten und zu handeln, etwa in den vielen öffentlichen Auseinandersetzungen zum Thema, an denen er so oft teilnimmt. Inzwischen ist er über die Betroffenen Initiative „Eckiger Tisch“ auch sehr gut mit ähnlichen Gruppen auf der ganze Welt vernetzt. Und er zeigt im zweiten Teil seines Buches im Rückblick, nach 10 Jahren Kampf um die Freilegung des sexuellen Missbrauchs in der römischen Kirche: „Die Menschen, also die Opfer, wurden dem Erhalt eines Kirchen- Systems geopfert, das darauf ausgerichtet ist, die Herrschaft einer kleinen Gruppe von auserwählten Männern über die vielen Millionen KatholikInnen in der Welt aufrechtzuerhalten… Das Ansehen der Kirche(nhierarchie) durfte nicht beschädigt werden. Dem war alles andere untergeordnet.“ (S. 120).
10.
Matthias Katsch hat ein Buch geschrieben, das zweifellos viele LeserInnen finden sollte; es wird die weiteren Debatten befeuern. Ich hätte mir sogar ein noch umfangreicheres Buch vom Autor gewünscht, in dem er ausführlich seine Beobachtungen zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch der Kirche in den USA, in Lateinamerika, Frankreich, Holland oder auch Polen usw. mitteilt. Vielleicht folgt ja noch ein „zweiter Teil“.?
11.
Hat sich der Kampf nach 10 Jahren wenigstens etwas gelohnt, in dem Sinne: Werden die Opfer jetzt gehört, gestehen die Täter ihre Untaten ein, gibt es jetzt umfassenden Schutz für Kinder in kirchlichen Einrichtungen? Matthias Katsch stand während der „Synode zum Missbrauch “ im Vatikan als Betroffener sozusagen draußen vor der Tür; im Plenum des Klerus durfte er nicht sprechen. Sein Protest mit vielen anderen wurde international wahrgenommen, aber: Hat nach dieser Synode der große Umbau des klerikalen Systems begonnen? Papst Franziskus ist bei dem Thema wie so oft und beinahe schon üblich zwiespältig, eher von der Angst vor den vielen reaktionären Kardinälen getrieben als vom Willen, wirklich neu zu beginnen. Zu viele Kleriker wollen das Thema „endlich vom Tisch“ haben. Sie ahnen, dass das Thema die ganze Kirche durcheinander wirbeln kann. Wirklich getroffen hat der kaum vorstellbare sexuelle Missrauch durch Priester die Kirche in den USA: Die ist praktisch pleite aufgrund der vielen Prozesse, in einem Staat, der anders als Deutschland keine Rücksicht nimmt auf ein übliches, irgendwie gutes traditionelles Verhältnis von Kirche und Staat. Von Trennung von Kirche und Staat in Deutschland will ja leider fast niemand etwas wissen…
12.
ABER: Das Ansehen der katholischen Kirche in Deutschland, das Vertrauen in sie, könnte seit der Freilegung des Missbrauchs durch Priester kaum noch tiefer sinken. Das bestätigen Forsa-Umfragen: In Deutschland haben noch 14 Prozent der repräsentativ Befragten (im Institutionen Ranking 2020) Vertrauen in die katholische Kirche hierzulande. Der evangelischen Kirche in Deutschland vertrauen hingegen 36 Prozent der Befragten!
Zur katholischen Kirche: Wer will schon noch bei einem Priester in der Beichte von seiner Sexualität sprechen? Wer rechnet überhaupt noch mit einer gewissen seelsorglichen Kompetenz der Pfarrer, sie nennen sich ja offiziell manchmal noch „Seelsorger“. Die jetzt aber nur noch als „Messe-Leser“ von einer Kirche zur anderen eilen! Weil ihr Beruf (und ihre Berufung) ausstirbt und die Gemeinden nur des Klerus wegen in Großraum-Organisationen zusammengefasst werden. Ich habe den Eindruck: Der sexuelle Missbrauch, nun endlich vor 10 Jahren auch in Deutschland freigelegt, hat die Kirche bereits ruiniert. Sie ist innerlich erlahmt, hohl, wahrscheinlich immer noch verlogen. Wenn jetzt noch ein „Synodaler Weg“ in Deutschland eingeleitet wird, mit Beratungen auch der Laien, dann ist das reine Zeitvergeudung, vor allem für die immer noch „gutwilligen“ Laien: Denn alle Beschlüsse des „Synodalen Weges“ müssen von Rom, letztlich vom ängstlichen Papst Franziskus im Milieu der reaktionären Kardinäle akzeptiert werden: Aber dass Rom etwa endlich den Pflichtzölibat abschafft und die vielen tausend Opfer der sexuellen Gewalt hört und entschädigt, ist bei allem guten Willen zur Utopie ausgeschlossen. Eher darf man die Vermutung äußern, dass diese „gutwilligen Laien“ nun in einem „synodalen Weg“ einen gewissen Hang zum Masochismus haben, also zu einem selbst gewählten schmerzhaften Leiden an der hierarchischen Kirche als Klerus-System? Und das ist noch schlimmer: Dieses Leiden wird dann oft mit „Glauben“ verwechselt…
13.
Insofern ist auch das Buch von Matthias Katsch ein ins Weite führender Impuls: Jeder und jede könnte nun nachdenken, wo, in welchen Kreisen, in welchen (protestantischen) Kirchen, Religionen, Spiritualitäten, er oder sie spirituelle (Glaubens-) Energie für ein humanes, befreites und reifes Leben noch empfangen kann. In der römischen Kirche, so wie sie jetzt ist, wahrscheinlich nicht. Das mag man bedauern. Aber dies ist realistisch. Erst wenn sich die Klerus-Kirche in der jetzigen autoritären, pyramidalen und Frauen feindlichen Gestalt reformiert, das heißt als in dieser uralten Gestalt abschafft, kommen „bessere Zeiten“. Eine zweite Reformation also, 500 Jahre nach Luther! Wer wird sie noch erleben? Und hätte eine „Greta“ („Fridays for catholic reformation“) in der katholischen Kirche eine Chance?

Matthias Katsch, „Damit es aufhört. Vom befreienden Kampf der Opfer sexueller Gewalt in der Kirche“. Verlag Nicolai Verlag, Berlin. 2020. 168 Seiten. 18 EURO.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

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