Friedrich Engels – der Verteidiger des Proletariats. Ein Philosoph, der nur ein verdorbenes Christentum kennenlernte: Friedrich Engels

Ein Hinweis von Christian Modehn

Dieses Leben ist die Geschichte eines Mannes, Friedrich Engels, der als „reicher Jüngling“ begann, durch die Vernunft philosophischer Reflexionen, durch Freundschaft (mit Karl Marx), durch Mitleiden und Empörung angesichts des himmelschreienden Elends (in England) zu einem die Welt-bewegenden Menschen und Denker wurde. Aber leider missbraucht in den realsozialistischen Staaten. Genauso wie etwa „Heilige“ missbraucht wurden im System der katholischen Kirche…

1.
Der Religionsphilosophische Salon Berlin kann den 200. Geburtstag von Friedrich Engels am 27. November 2020 nicht übersehen (Engels hat Marx überlebt, er ist am 5. August 1905 in London gestorben).
Zu unserem Focus „Philosophie der Religion“ sollen hier einige Stichworte genannt werden. Dabei wird heute von Engels – Forschern immer deutlicher betont: Die eigene intellektuelle, philosophische Leistung Friedrich Engels darf überhaupt nicht zugunsten von Karl Marx heruntergespielt werden. Nur im Zusammenhang mit Engels kann also von einer „marxistischen Philosophie“ gesprochen werden.

2. Das fromme Elternhaus und die pietistischen Pastoren

In Wuppertal -Barmen wuchs Friedrich Engels in einer frommen pietistischen Unternehmer – Familie auf. Sie gehörte der calvinistisch – reformierten Tradition an, die Mutter hatte einen niederländischen Hintergrund. Ohne diese tiefe Bindung des jungen Engels an diese pietistischen Kirchen-Praxis ist dessen spätere Kritik an der christlichen Religion und den Kirchen nicht zu verstehen. Andererseits hat die frühe Kenntnis der Lehren der Urkirche, etwa in den Evangelien, durchaus bleibende Spuren bei Engels hinterlassen, nur so wird das ethische und politische Engagement Engels für das Proletariat verständlich.
Wuppertal – Barmen: Diese Stadt war also ein Zentrum extrem frommer Gemeinden und entsprechender Prediger, wie Friedrich Wilhelm Krummacher, den der junge Engels kannte, er schreibt: „Da heißt es: Der und der liest Romane, aber der Pastor Krummacher hat gesagt: Romanenbücher seien gottlose Bücher. Da werden komplette Ketzergerichte gehalten. Da wird der Wandel eines Jeden, der diese nicht besucht, recensiert. Jemand ist vorgestern im Concert gesehen worden – und sie schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Und was sind das für Leute, die so reden? Unwissendes Volk, die kaum wissen, ob die Bibel chinesisch oder hebräisch geschrieben. Ich habe eine rasende Wut auf diese Wirtschaft, ich will mit dem Pietismus und dem Buchstabenglauben kämpfen, solange ich kann.“ (Quelle: Deutschlandfunk vom 13.5.2013, Beitrag von Manuel Gogos).
Als Friedrich Engels in Bremen weitere pietistische Pfarrer kennenlernt, schreibt er: „Ich begreife nicht, wie die orthodoxen Prediger so orthodox sein können, da sich doch offenbare Widersprüche in der Bibel finden. Worauf gründet sich die alte Orthodoxie? Auf Nichts, als auf – den Schlendrian. Wo fordert die Bibel wörtlichen Glauben an ihre Lehre? Das ist ein Tödten des Göttlichen im Menschen, um es durch den todten Buchstaben zu ersetzen.“(ebd.)

3. Die Kirche in England in der Kritik

Vor der wichtigen Publikation „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845) hatte Engels im Jahr 1844 Beiträge für die Zeitung „Vorwärts“ verfasst über „Die Lage Englands“. Darin spricht Engels auch über die Bedeutung bzw. die schwindende Relevanz der englischen Staatskirche, die ja ihre armen und ausgehungerten Untertanen zum Sonntagsgottesdienst gezwungen hatte. Engels erinnert etwa an das Gesetz, „dass jeder, der sonntags ohne gehörige Entschuldigung aus der Kirche bleibt (also nicht am Gottesdienst teilnimmt, CM) mit Geldstrafe und respektive Gefängnis dazu anzuhalten ist… Selbst hier im zivilisierten Lancashire, ein paar Stunden von Manchester, gibt es einige bigotte Friedensrichter, die eine Menge Leute wegen unterlassenen Kirchenbesuchs zu mitunter sechswöchentlichem Gefängnis verurteilten“. Aber Engels sieht genau, dass diese rigiden Religionsgesetze auch im Falle von Gotteslästerung allmählich „veralten“, wie er sagt, während nur die christlichen Gruppen noch an den Gesetzen festhalten, „damit das Damoklesschwert der christlichen Gesetzgebung wenigstens über dem Haupt der Ungläubigen schweben bleibe und vielleicht als Drohung und Abschreckung fortwirke.“ (Quelle. http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_569.htm)

Theologisch ist es klar: Diese verrückten autoritären Verhältnisse in der rigiden Staatskirche erzeugen erst die religiöse Distanz, verursachen also den Atheismus der Arbeiterklasse. Das gilt sicher nicht nur für England, sondern überall, wo Arbeiter in der Profit-Gier-Wirtschaft als „Sachen“ behandelt wurden und werden.
Um den moralischen, politischen und sozialen Verfall in England zu begreifen, der die Armen zur Teilnahme am Gottesdienst zwang, lese man einige Passagen des Buches „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“: „Mir ist nie eine so tief demoralisierte, eine so unheilbar durch den Eigennutz verderbte, innerlich zerfressene und für allen Fortschritt unfähig gemachte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie. […] Für sie existiert nichts in der Welt, was nicht nur um des Geldes willen da wäre, sie selbst nicht ausgenommen, denn sie lebt für nichts, als um Geld zu verdienen, sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs, keinen Schmerz außer dem Geldverlieren. […] Und wenn der Arbeiter sich nicht in diese Abstraktion hineinzwängen lassen will, […] wenn er sich einfallen läßt zu glauben, er brauche sich nicht […] als Ware im Markte kaufen und verkaufen zu lassen, so steht dem Bourgeois der Verstand still. Er kann nicht begreifen, daß er mit den Arbeitern noch in einem anderen Verhältnis steht als in dem des Kaufs und Verkaufs, […] er erkennt keine andere Verbindung zwischen Mensch und Mensch an, als die bare Zahlung.“

4. Engels und das Urchristentum

1883 und noch einmal 1894 befasst sich Engels mit der Geschichte des Urchristentums. Die frühe Kirche und die Texte des Neuen Testaments interessieren ihn wieder, aber unter ganz anderen Bedingungen als zu seiner Jugendzeit in Wuppertal – Barmen. Nun sieht Engels, dass es zwischen der Geschichte des Urchristentums und der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts viele Verbindungen gibt. Das Urchristentum ist „im Ursprung eine Bewegung Unterdrückter: Es trat zuerst auf als eine Religion der Sklaven und Freigelassenen, der Armen und Rechtlosen […]. Beide, Urchristen und Arbeiter, werden verfolgt und gehetzt, ihre Anhänger geächtet, unter Ausnahmegesetze gestellt.“ In einem eigenen Beitrag befasste sich Engels im Juli 1883 mit dem neutestamentlichen Buch der Offenbarung des Johannes (die sogen. Apokalypse). Dabei fällt auf, wie stark Engels die damals entstehende historisch-kritische Bibelforschung kennt und respektiert. Indem Engels das Urchristentum als eine tendenziell revolutions – bereite Bewegung verstand, wurden Perspektiven eröffnet für ein aktuelles Christentum, das mehr ist als eine Ideologie der Bourgeoisie.

5. „Das Zeitalter des heiligen Geistes“

Bemerkenswert ist auch das frühe Interesse Friedrich Engels an der Geschichtstheologie des mittelalterlichen Theologen und Abtes Joachim von Fiore: Für dessen Spekulationen hatte Engels Sympathien (im Jahr 1842), auch er meinte, es könnte eine dritte, vom heiligen Geist allein geleitete Epoche anbrechen, nach den Epochen des „himmlischen Vaters“ und des „Sohnes“… „Das ist unser Beruf“, schrieb Engels, „dass wir dieses Grals Tempeleisen werden, für ihn das Schwert um die Lenden gürten und unser Leben förmlich einsetzen in den letzten heiligen Krieg, dem das tausendjährige Reich der Freiheit folgen wird“ (zit. in Wolfgang Eßbach, „Religionssoziologie I“, Paderborn 2014, S. 619).

6. „Das ökonomische Moment ist nicht das einzig bestimmende…“

Noch etwas, das mir wichtig erscheint: In einem Brief an Joseph Bloch vom 21.9.1890 teilt Engels eine interessante grundlegende Nuance mit im Verstehen dessen, was “man“ bis heute gewöhnlich in der dogmatischen Marx-Engels-Interpretation der sogenannten sozialistischen Staaten verbreitet hat. Joseph Bloch war Redakteur der „Sozialistischen Monatshefte“ in Berlin. Engels wollte in dem Brief zeigen, so der Kulturszoziologe Prof. Wolfgang Eßbach, dass sich nach dem Tod von Karl Marx Verkürzungen der Marxschen Theorie in der deutschen Arbeiterbewegung und somit auch in der Wahrnehmung ihrer gesellschaftlichen Opponenten festgesetzt hatten. Diese Verkürzungen wollte Engels „korrigieren“ (ebd. S. 722). Zum Engels – Text selbst: http://library.fes.de/sozmon/pdf/1895/1895_19.pdf .
In dem hoch interessanten Brief schreibt Engels u.a.: „Die ökono¬mische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus – politische Formen des Klassenkampfs und seine Resultate – Rechtsformen, und nun gar die Reflexe aller dieser wirklichen Kämpfe im Gehirn der Beteiligten, politische, juristische, philosophische Theorien, religiöse Anschauungen und deren Weiterentwicklung zu Dogmensystemen, üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form…“

7. Das unchristliche Christentum

Die Erinnerung an Friedrich Engels anlässlich seines 200. Geburtstages führen zu einem Menschen, der sich christlich nennende Gesellschaften und einen sich christlich nennende Staaten erlebt, wahrnahm und analysierte. Dieses Christentum bewies in der Praxis nicht die geringste Spur von Menschlichkeit gegenüber den Armen und Unterdrückten, der absoluten Mehrheit der Menschen. Engels wurde auch durch philosophische Reflexionen zu einem Atheisten. Aber der Gott, den er zurecht seit der Jugend ablehnte, hatte mit dem Gottesbild Jesu und dem zentralen Gebot der Nächsten-Liebe nichts zu tun. Insofern ist der Atheismus von Engels auch kirchlich bedingt: Kirchlich verursachter Atheismus – das ist ein Thema, das der Religionsphilosophische Salon schon häufig debattiert hat – auch aus aktuellem Anlass.
Dabei wird nicht geleugnet, dass es auch zu Zeiten von Engels vereinzelt Pastoren, Theologen, kirchliche Gemeinschaften gab, die den Armen Beistand und Hilfe leisteten. Aber sie waren – was ja zunächst nicht zu verachten ist – nur fürsorglich – diakonisch tätig. Sie hatten keinen Mut, keine kritische Intelligenz, die Gesellschaft, auch die Ökonomie, zu untersuchen, die diese elenden Verhältnisse erzeugt. Die Kirchen und ihre Kirchenleitungen waren Teil der herrschenden Oberschicht, die jede kritische Gesellschaftsanalyse unterdrückte und Parteien verfolgte, die die Armen und die Arbeiter organisierten.

Copyright: Christian Modehn. www.religionsphilosophischer-salon.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.