Paul Celan: Vor 100 Jahren geboren – lebendig als Zeuge des Grauens

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Hoffentlich nicht nur am 23. November 2020, seinem Geburtstag vor 100 Jahren, erinnern sich nachdenkliche Menschen an Paul Celan. Über sein Leben und Leiden kann man sich anderswo informieren. Schon anlässlich der Erinnerung an seinen Todestag am 20.4.1970 vor 50 Jahren sind etliche neue Studien erschienen. Jetzt auch: Die Gesamtausgabe seiner Gedichte , kommentiert! Erschienen bei Suhrkamp, 1262 Seiten für nur 34 €.
Celans Gedichte erschließen sich bekanntlich nicht der schnellen Lektüre. Sie sind nicht nur schwierig, sie müssen von der „Sache her“ schwierig sein. Denn die Welt des Grauens, die Welt des systematischen Tötens in den KZs, den Lagern der mordenden Deutschen, der Nazis, ist zwar – im politisch -ideologischen Zusammenhang zu verstehen. Denn nur wer dieses Grauen versteht, kann für die Zukunft neues Grauen verhindern. Aber Paul Celan zeigt: Nur in höchster Konzentration des Geistes, also mit der Entschiedenheit, der Opfer, der Juden, vorbehaltloses zu gedenken, gelingt der Versuch auch eines umfassenden, auch poetischen, d.h. von Empathie geprägten Verstehens.
2.
Gedenken heißt darum die Haltung, mit der alles Sich-Mühen mit den Gedichten Celans beginnt, und diese Haltung begleitet auch alles immer wieder neu versuchte Verstehen . Gedenken! Celan ist ein Zeuge dafür, dass es niemals eine damnatio memoriae (wie man im „alten Rom sagte) geben darf. Also eine öffentliche wie private „Verdammung und Auslöschung des Gedächtnisses und der Erinnerung“. So wurden von Politikern, die nichts mehr galten und gelten sollten, alle Statuen zerstört, alle Bilder vernichtet.
3.
Es darf niemals geschehen, dass politisch und geistig Verirrte in der Politik eine damnatio memoriae durchsetzen: Die also darauf drängen, den Holocaust bzw. die shoa, sollte als ein banales Ereignis abgetan werden, wie dies führende Politiker der AFD und anderer rechtsextremen Gruppen heute propagieren. Dieser massive Versuch einer damnatio memoriae der Juden findet also, wie alle wissen, in den letzten Jahren verstärkt statt. Die Schändungen von jüdischen Friedhöfen bis hin zu antisemitisch motiviertem Mord sind Versuche, eine Auslöschung der Erinnerung an Juden zu betreiben. Diesen totalen Anspruch verfolgte die NSDAP. Paul Celan (und sein Werk) ist ein Zeuge dafür, dass niemals die Erinnerung an das Grauen ausgelöscht werden darf.
4.
Es ist das Wort und die Tat des „Ein-gedenkens“, das gut die Haltung Celans trifft, wenn es um seine eindringliche Gestalt der Erinnerung geht: Es ist das Wort und die Handlung des Ein-gedenkens. Es zielt darauf, das Erinnerte im eigenen Geist zu bewahren, es dort aufzuheben, weil das Erinnerte eben nichts Objekthaft – Neutrales ist. Sondern weil es um Menschen geht, weil es also Erinnerte sind, Menschen, in deren Sein man förmlich im Erinnern ein-tritt. Das Eingedenken als der intensiven Form des Gedenkens ist viel mehr als das Andenken, das oberflächlich bleibt, weil es förmlich nur das Äußere berührt. Wer das Eingedenken übt und lebt, der holt die Vergangenheit (der Opfer z.B.) in seine Gegenwart.
5.
Das lebendige Eingedenken ist sozusagen eine Steigerung des Gedenkens, das oft gerade an „Gedenktagen“ einen bloß äußerlichen, pflichtgemäßen Charakter hat, ohne tiefere Wirkung. Wie viele Gedenktage anlässlich eines Kriegsendes wurden schon veranstaltet mit Sonntagsreden und wie wenig wurden Kriege verhindert durch diese Gedenktage und Gedenkreden. Wer das Eingedenken vollzieht, verbindet sich geistig und seelisch und politisch mit denen, derer man gedenkt. Sie treten ein in die eigene innere Welt. Sie werden „eins“ mit mir. So können sie „wirken“.
6.
Zum Wort „Eingedenken“: Der Philosoph Walter Benjamin (1892 – 1940) hat bekanntlich umfassend vom Eingedenken geschrieben, Paul Celan kannte ihn wohl nicht persönlich. Aber auch Celan, das sei noch einmal betont, lebte in dem Gedanken, dem Eingedenken – durch das poetische Werk – einen Raum und einen Platz zu geben.
7.
Nebenbei: Es wäre reizvoll, zumal für ein freies und spontanes Philosophieren inmitten der deutschen Sprache, Verben mit der Vorsilbe EIN auf deren tiefere Bedeutung zu untersuchen. Das muss ja nicht gleich zu sprachphilosophischem Meinen im Sinne Heideggers führen. Man denke also etwa an EIN-führen, EIN-lassen, EIN-Sehen, auch das: EIN-Schreiben, immer wird durch die Vorsilbe EIN eine Intensivierung des Ausgangsverbs erreicht.
8.
Zum Schluss:
In dem Gedichtband „ATEMWENDE“ von 1967 spricht Celan ganz am Ende des Bandes von der rettenden Macht der Hoffnung, von Gott?:

EINMAL,
da hörte ich,
da wusch er die Welt,
ungesehn, nachtlang,
wirklich.

Eins und Unendlich,
vernichtet,
ichten.

Licht war. Rettung.

PS: Das merkwürdig erscheinende Wort „Ichten“ ist mittelalterliche Sprache, es hat wohl die Bedeutung: „wurde es zu etwas gemacht“. Es wurde also etwas vernichtet. So dass Licht war und Rettung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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