„Paradies Glaube“ – Zum Film von Ulrich Seidl

„Paradies Glaube“: Ein Film von Ulrich Seidl.

Einige theologische und philosophische Hinweise zu einem wichtigen Film von Ulrich Seidl
Von Christian Modehn.

Am 14. Juli 2019 wurde im Ersten um 0.30 Uhr noch einmal der Film „Paradies Glaube“ von Ulrich Seidl gesendet. Wer den Film nicht gesehen hat oder noch anderweitig sehen will: Hier ein theologischer Kommentar zu dem wichtigen Film, verfasst schon 2012, aber immer noch aktuell … und gültig.  
Mit der Verirrungen eines fundamentalistischen, d.h. unkritisch gelebten christlichen Glaubens müssen sich religionsphilosophisch Interessierte intensiv befassen, man denke -etwa 2012 – auch an die Ausstellung der Leiche des umstrittenen Paters Pio (er hatte angeblich die Wundmale Jesu an seinen Händen) im Petersdom.

Über den 2. Teil der Trilogie „Liebe – Glaube – Hoffnung“  des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl ist viel geschrieben worden. Leider hat man den Film „Paradies Glaube“ oft den schwächsten der drei Filme genannt. Das mag auf das Gesamtwerk Seidls bezogen eigens geprüft werden wie auch auf die Regieleistung in diesem Film selbst.

Der Religionsphilosophische Salon ist jedoch der Meinung, dass der Film sehr wichtig und sehr inspirierend ist, weil er keineswegs nur eine marginale oder gar nur konstruierte, sozusagen imaginäre katholische (Film) Welt zeigt. „Paradies Glaube“ ist alles andere als eine unterhaltsame Satire. Maria Hofstätter spielt als aufdringlich missionarisch werbende und total katholischer Frömmigkeit hingegebene Anna Maria keineswegs eine „religiöse Irrläuferin“ einer monströsen und unwirklichen Glaubenshaltung. Für sie ist ihre extreme Form katholischer Frömmigkeit, mit einer Art erotischen Bindung an das Kreuz und den Corpus des toten Christus,  wichtiger als die liebevolle Verbindung mit ihrem schwer kranken Ehemann. Religiöser Glaube ist wichtiger als Menschlichkeit: Man möchte sagen, das ist ein typisches Krankheitssyndrom, bis heute in unterschiedlichen fundamentalistischen Kreisen verbreitet: In den so genannten Sekten wie in evangelikalen Gruppen oder katholischen neo-katechumenalen Gemeinschaften usw.

Anna Maria ist in Wien förmlich getrieben von dem Gedanken, eine Marienstatue in die Wohnungen ihrer Meinung nach besonders ungläubiger Menschen zu bringen. Sie drängt den Menschen diese in Dutzendware produzierte Marien- Figur förmlich auf. Denn sie ist überzeugt: Mit dieser Maria kommen Rettung, Heil und Erlösung in das Leben dieser – ihrer Meinung  nach – gescheiterten Menschen, oft sind es „Ausländer“.

Das greifbare Heil, sozusagen die materielle Gestalt der Erlösung,  in die Häuser tragen: Diese Praxis ist in der katholischen Volksfrömmigkeit durchaus üblich, sie beginnt bei der jährlichen Wohnungssegnung, geht über die Pflege privater Hausaltäre bis zum Brauch der  „Herbergssuche“ von (Kitsch) Figuren Marias und Josefs in der Adventszeit. Da verweilen diese Figuren einen Tag oder eine Woche in einer Familie. Das Abirren einer Frömmigkeit, die die Ikone für die dargestellte Heilige selbst nimmt, wird in dem Film deutlich gezeigt. Man sehe sich aber auch in Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Fatima, La Salette usw) um, wie dort die Darstellungen (!) Marias selbst höchste Verehrung genießen; die Berührung heiliger Objekte (etwa der schon fast abgeküsste Zeh der Petrus – Statue im Petersdom) gehört auch dazu. Anna Maria küsst mit Vorliebe Christus Bilder oder das Kreuz, in einer deutlich erotisch anmutenden Haltung.

Es ist im Katholizismus immer noch üblich, Reliquien auf Wanderschaft zu schicken: Man denke etwa an die Weltreisen der Reliquien der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die von Lisieux aus rund um den Globus geschickt wurden in den letzten Jahren. Man denke an die Leiche Pater Pios Anfang Februar 2016 ausgestellt im Petersdom…Warum? Damit die Reliquien als solche ihre heilsame, wundertätige Wirkung „vor Ort“ ausüben können. Man denke weiter an die Flut von Pater Pio Bildern in allen Autos, Kneipen und Wohnungen Italiens: Dieser angeblich stigmatisierte, aber schon von Pius XII. unter dem Verdacht der Scharlatanerie kritisch begutachtete Kapuzinerpater ist sozusagen als Ikone das leibhaftige Heil in den Wohnungen usw.

Kurz: Anna Marias Verhalten ist zwar filmisch zugespitzt, aber durchaus verwurzelt im katholischen Milieu.  In der privaten Gebetsrunde ihrer Vereinigung zu Ehren des Herzens Jesu wird gebetet und geschworen, dass Österreich wieder katholisch werde. Was das heißen mag, wird an Anna Marias Verhalten gegenüber ihrem (schwerkranken) muslimischen Ehemann deutlich: Von den geringsten Spuren der Toleranz und des Mitgefühls ist nichts zu spüren. Von einem Respekt vor dem muslmischen Glauben ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat etwa im Wohnzimmer das Bild aus Mekka verdeckt und verhangen. Mekka passt nicht zu Christus und Maria, denkt sie.

Anna Marias Gebetsrunden werden tatsächlich in weiten offiziell – katholischen Kreisen praktiziert; es gilt doch, die „Neuevangelisierung Europas“ voranzubringen, wie es Benedikt XVI. so sehnlich wünschte. Bezeichnenderweise werden ja auch ganze Städte und Länder wieder Maria oder einem Heiligen geweiht. Was Anna Maria in ihrer Gruppe betend vollzieht, ist also üblich.

Bei den „missionarischen Hausbesuchen“ mit der Gipsmadonna im Köfferchen fällt auf, wie ausschließlich Anna auf die helfende Wirkung des Gebetes allein setzt. Da spielt der Wunderglaube an die Allmacht des Gebets eine entscheidende Rolle; aber das hat Anna Maria in der Kirche so gelernt, so wird sie in der offiziellen Lehre vertreten! Angesichts menschlicher Probleme vermag Anna Maria allein mit frommen Sprüchen und Floskeln zu reagieren, auch das ist ja nicht nur ein Hinweis, wie stark die religiöse Indoktrination alle menschliche Reflexion, von kritischer Reflexion ganz zu schweigen, töten kann.

Im Umgang mit ihrem schwerkranken muslimischen Mann (auch er ist sicher nicht Inbegriff der Liberalität) sieht man zudem, wie sogar die Gefühle der Menschlichkeit ignoriert werden aufgrund katholischer Indoktrination. Als ihr muslimischer Mann fragend und protestierend in die Gebetsrunde seiner Frau hineingerät, spricht man nicht etwa mit ihm. Sondern man betet gemeinsam, sozusagen um den Teufel fernzuhalten, das apostolische Glaubensbekenntnis.

Anna Maria ist eine Frau, die einzig nur aus der katholischen Religion lebt; schon zum Frühstück hört sie das durchaus in Wien real existierende katholische Radio Maria, entsprechende Werbung schmückt auch ihr Auto. Und die Sprüche, wie „Kein Tag ohne Gebet“, mit denen Anna Maria eines ihrer Zimmer tapeziert hat, gibt es in dieser Form und in diesem Format tatsächlich. Sie sind in vielen österreichischen oder bayerischen Kirchen etwa am Eingang oder Ausgang oder auf Infotafeln zu finden. (Radio Maria Österreich: http://www.radiomaria.at/index.php?nID=254)

Es muss also nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Frömmigkeit Anna Marias durchaus eine gewisse Breitenwirkung hat und in Österreich, Süddeutschland oder in den romanischen Ländern zum Alltag an der Basis etlicher Pfarreien gehört. Dort gibt es die zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Verlagen, die derartige Frömmigkeit praktizieren und empfehlen, ohne dass ein Bischof einschreitet. Das ultra konservative „Radio Maryja“ in Polen, mit ihrem Leiter, dem Redemptoristen Pater Rydzik, ist selbst den ohnehin konservativen polnischen Bischöfen zu extrem. Aber sie schaffen es nicht, und auch die Päpste schaffen es auch nicht, dieses aufhetzende antisemitische katholische Programm zu verbieten. Daran sieht man, die Hierarchie will das „tief fromme“ Volk nicht verprellen. Viele Wähler der jetzt herrschenden, autoritären PIS-Partei sind Freunde von Radio Maryja.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt sehr früh schon, wie Anna Maria sich vor dem Kruzifix -sündenbewusst – auspeitscht und später auch mit einer Art „Geißel – Gürtel“ ausstattet. Dieses „fromme Sichauspeitschen“ hat bekanntlich Tradition in einer der mächtigsten katholischen Organisationen mit ca.80.000 Mitgliedern, dem Opus Dei; Anna Maria befindet sich in solcher Sühne  – Aktion sozusagen in offizieller, in „bester Gesellschaft“.

Überhaupt der Sühnegedanke: Anna Maria ist besessen davon, für die Sünder anderer (und auch die eigenen Versagen) Sühne zu leisten, also durch eigene religiös anstrengende Praxis Gott zu versöhnen und zu beschwichtigen. Über das naive Gottesbild eines solchen Verhaltens wäre eigens zu sprechen. Bei Anna Maria heißt Sühneleisten auch das schmerzhafte Herumrutschen auf den Knien in der eigenen Wohnung, um den ganzen Rosenkranz zu beten, immerhin sind das 50 laut gesprochene Ave Maria. Im Katechismus wird ausdrücklich das Sühnegebet empfohlen. In Kirchen vieler deutscher Großstädte finden immer noch Sühne – Gebetsnächte statt, oft veranstaltet von der Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ (Informationen über diese überaus einflussreiche, weltweit agierende, offiziell anerkannte Bewegung: http://www.relinfo.ch/nk/info.html#suende ). Es sind viele dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die extreme Formen der Frömmigkeit praktizieren…

Die Reinheit ist oberstes Gebot für Anna Maria: Nicht nur das über – korrekte Putzen des Hauses wird gezeigt, auch ihre Abscheu vor „schmutziger“, praktizierter Sexualität wird deutlich: Nachdem sie überraschenderweise nachts Sex im Park beobachtet (!) hat, fühlt sie sich sofort gedrängt, sich gründlich in der Badewanne zu säubern. Sexuelle Lust ist für sie apriori  schmutzig, das hat man sie ja auch so gelehrt. Aber selbst mit ihrem Mann lehnt sie Sex ab, hingegen holt sie sich nachts ihr allzu geliebtes Kruzifix ins Bett… Diese künstlerisch sehr konsequente und deswegen wichtge Szene wurde übrigens von der katholischen, ultrakonservativen italienischen Bewegung NO 194 (siehe: http://no194.org/) zum Anlass genommen, den Regisseur wegen Blasphemie anzuklagen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt nicht, wie SPIEGEL – Online  meinte,  „religiöses Hinterwäldlertum, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht“. Tatsächlich dokumentiert Ulrich Seidl eine Haltung, die weite Verbreitung hat im heutigen Katholizismus. Verurteilen wird man die vielen Menschen, die so sind wie Anna Maria, natürlich nicht. Aber man wird sich fragen, wie in Europa die theologische Bildung eigentlich greift angesichts dieser religiösen Praxis, die eher einem Wahn gleicht.  Wem Jahre lang eingeredet wird und es auch innig glaubt, außerhalb der katholischen Kirche gebe es kein  Heil, der greift schnell zu seinem Köfferchen mit der Madonna, um die Welt zu retten, „heil zu machen“. Dass alles Gnade ist, wie Paulus sagt, also von Gott abhängt, ist bei diesem Aktionismus vergessen.

Copyright: Christian Modehn.

 

 

 

 

Was ist uns noch heilig? Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 14. 12. 2016.

Ein Vorwort zu einem etwas längeren „Hinweis“, der für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 16.12. 2016 vorbereitet wurde.

Wir treffen uns hier in einer Zeit, in der so wenig, fast nichts möchte man meinen, als heilig, d.h. als erhaben und unantastbar gilt und als das „Unantastbare“ und „Erhabene“ auch respektiert wird. Das „Contra-Heilige“ als das Unmenschliche und Unheil zeigt seine widerwärtige Fratze. Es bedroht uns im Alltag. Aber es ist keine anonyme Urgewalt eines anonymen Bösen. Es sind vielmehr Menschen, die sich in ihrer Freiheit für das Böse entscheiden, also gegen die Heiligkeit ihrer eigenen Person und der Heiligkeit und Unantastbarkeit aller anderen Menschen. Wenn Unheil religiös motiviert wird, muss diese so genannte Religion als Ideologie zurückgewiesen werden. Nur Religionskritik rettet das Heilige heute. Aber wenn sich das Unheilige und das Unheil offenbar immer mehr bemerkbar machen: So wollen es eben die Machthaber, die Börsenjongleure, die Waffenhändler, die Menschenhändler, die Nationalisten allerorten, die einzige ihren privaten (materiellen oder ideologisch verblendeten) Vorteil suchen. Denen sind wir offenbar hilflos ausgesetzt und deren Wahn und Inkompetenz ertragen wir leidend: Aber dagegen müssen wir uns mit schwachen Kräften wehren, und diese Widerstandskräfte finden wir in der Vernunft, der Religionskritik, der Ideologiekritik, der Fürsorge, der Vorsicht, der Achtsamkeit und Empathie und im politischen Widerstand. Die Gewalt der Waffen muss die „letzte Möglichkeit“, dann aber rechtzeitig eingesetzt werden. Heiliges wird heute im Widerstand gewonnen und geschützt.

Mit dem offensichtlichen Verlust des Heiligen als des unbedingt zu Schützenden-Menschlichen ist also nicht etwa der mögliche Verlust des verzückten Erschauerns beim Betreten einer gotischen Kathedrale gemeint. Vielmehr, noch einmal gesagt, ist gemeint: Es ist der Verlust des Respekts vor dem absolut unantastbaren Leben eines jeden Menschen. Diesen totalen Verlust sehen wir entsetzt und verzweifelt im Blick auf das Abschlachten in Syrien, etwa in Aleppo. Dieser Name Aleppo wird in gewisser Weise ein so ungeheuerliches, die Menschheit entehrendes Symbol bleiben wie der Name Auschwitz. In mehreren Hinsichten haben Aleppo und Auschwitz etwas gemeinsam: Es handelt sich um die totale Niederlage der humanen Vernunft, um die Niederlage einer Politik auch von Staaten, die sich demokratisch nennen. Aleppo als Symbol der Niederlage der Menschlichkeit und der Menschheit zeigt: Die so oft propagierte Erinnerung an Auschwitz hat nichts bewirkt, zumindest nichts bei den Politikern. Dabei ist Aleppo uns geographisch gesehen so nahe, es liegt fast in unserer Nachbarschaft: 2.594 Kilometer Luftlinie sind es von Berlin nach Aleppo, das sind 1000 Kilometer WENIGER als von Berlin ins beliebte „Ferienparadies“ Gran Canaria.

Unser heutiges Thema in unserem religionsphilosophischen Salon „Was ist uns noch heilig“ hat also eine starke, auch politische Aktualität. Und wenn wir etwas Heiliges für uns noch entdecken, wird dies etwas Sinnstiftes, etwas „Trotz allem“, sein, etwas, das uns einen bleibenden Horizont des Guten erschließt, vielleicht etwas Ewiges, grundlos Gründendes, das „da“ ist, auch wenn es so wenige Menschen respektieren. Dazu mehr unter Nr. 8.

  1. Profanes und Heiliges. Wenn Menschen „Heiliges“ machen.

Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die uns „nach“ dem Erleben besonderer Art zur sprachlich gestalteten Überzeugung führen: „Da ist mir etwas Heiliges begegnet. Ich habe Heiliges erlebt“. In unserer Welt-Erfahrung müssen wir das Heilige nicht von vornherein zu hoch ansetzen, nicht in den fernen Himmel schieben. Sondern das Heilige hier bei uns auf einfache, ich möchte sagen, fast alltägliche Art „erden“. Diese alltägliche Erfahrung des Heiligen kann die Erfahrung von grundlegender Geborgenheit sein und angstfreier Ruhe und von Trost; aber auch von Erschütterung; von dem Gefühl, etwas Außergewöhnlichem, Glanzvollem oder auch Schauderhaftem begegnet zu sein. Und das ist schon ein intensives Erleben, auf das später noch im Zusammenhang mit Rudolf Otto hingewiesen wird.

Immer ist es wohl so, dass wir das Erlebnis des Heiligen dann doch in Abgrenzung vom Alltäglichen und Gewöhnlichen verstehen, als das Andere zum üblichen und monotonen Lauf des Lebens, das sich zwischen Aufstehen und Waschen und Essen und Arbeiten und Schlafen abspielt, wenn wir an unsere feine bürgerliche Existenz denken und nicht dem Alltagsrhythmen der Ausgehungerten ausgesetzt sind, etwa in den Slums afrikanischer Großstädte. Diese Menschen erleben den Alltag oft nur als Schreckliche, das möglicherweise in den Hungertod führt.

Die Reflexion auf das Heilige muss also stets politisch-kritisch bleiben, muss wissen: Wenn wir hier im reichen Europa über das Heilige nachdenken, ist diese Reflexion in gewisser Weise auch Teil des Luxus, an dem wir hier – mit welchem Recht eigentlich gegenüber den Verhungernden? – teilhaben…

Das Heilige ist also für uns auch als das Andere zu verstehen gegenüber dem Banalen und Primitiven, dem Hässlichen und Gewalttätigen, dem Ordinären, dem herrschsüchtigen Denken, das nur an eigenen materiellen Vorteilen Interesse hat. Diese Welt kann man das Profane nennen.

Aber das ist nur die eine Seite: Profan kommt ja aus dem Lateinischen, das Wort enthält zwei Begriffe: Pro und Fanum, also: örtlich verstanden, „vor“ dem Heiligtum gelegen. Also, in diesem Denken, noch außerhalb einer abgesonderten sakralen und besonderen Welt gelegen. Profan bedeutet darum auch alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, also mit Logik, Technik und Denken und Rechtsprechung, Essen, Reisen usw. Und dieses genannte Profane, Weltliche, Laizistische, ist schützenswert! In diesen Bereichen sollen Gesetze gelten, die für alle Menschen gelten und für alle nachvollziehbar sind. Profanes ist also keineswegs Banales.

Aber wie zeigt sich denn in unserem alltäglichen Umgang in der profanen Welt, im Umgang mit den Menschen und den Dingen, dieses Andere, das wir das ganz Andere, das Heilige bezeichnen?

Ich meine, Zugänge zum Heiligen sollten wir in unserem tätigen Leben in der Welt suchen, immer dann, wenn wir etwas Bestimmten höchste Aufmerksamkeit und höchstes Interesse zuwenden, wo wir sagen, dieses Ding oder jener Mensch hat für uns höchste Bedeutung: „Dem opfern wir fast alles. Dem wollen wir uns hingeben, verbunden sein. Für das wollen wir uns aufopfern. Das wollen wir unbedingt schützen…“

Diese „Hochschätzungen“ sind natürlich ihrerseits gefährlich, weil sie zu Vergötterungen von Dingen und Menschen führen. Man denke an das heilige Auto, das heilige Fußball“spiel“, die heiligen Ikonen, also diese Stars und Sportler und beinahe vergötterten Politiker. Das sah man beim Hitler-Wahn, das sieht man wieder, wenn man Vergötterungen von Wählern des Herrn Trump bei öffentlichen Massenveranstaltungen sieht, da wird ein „Heilsbringer“ gefeiert.

Die Menschen überhaupt leisten sich ständig diese Vergötterungen des Dinghaften oder der Menschen, diese behindern die Freiheit, schränken ein, verhindern das fragende Suchen nach dem, was wirklich den Titel „heilig“ verdient. Trotzdem kommen wir ohne von uns selbst gesetzte zentrale Mittelpunkte in unserem Leben nicht aus. Aber diese Mittelpunkte als nicht-heilige Lebens-Zentren sollte es immer im Plural geben und sie sollten im Laufe des Lebens sich oft ändern, um unserer eigenen Freiheit willen. Selbst Gott, der uns immer nur als selbstverständlich wandelbares Gottesbild gegeben ist, wandelt sich hoffentlich für uns in unserem Leben … zu immer größerer (mystischer) Reife…

Heiliges ist also zunächst etwas, das von uns Menschen konstruiert , „gemacht“, wird. Und dieses von uns gemachte „Heilige“ muss kritisch befragt werden und mit dem authentisch Heiligen konfrontiert werden. Nur deswegen kann man und muss man philosophisch selbstverständlich Heiliges kritisieren und Scharlatane, oft vom Vatikan „Heiliggesprochene“, entlarven, wie den Volksheiligen und angeblich stigmatisierten Padre Pio in Süditalien oder Theresa Neumann von Konnersreuth, um nur mal zwei populäre Beispiele aus dem katholischen Raum zu nennen.

2.  Wenn Heiliges profaniert wird und Profanes heilig wird.

Wichtig ist, dass es Übergänge gibt vom Profanen zum Sakralen und vom Sakralen zum Profanen. Auf diese Übergänge hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben in seinem Aufsatz „Lob der Profanierung“ hingewiesen. Wichtig bei seinen Überlegungen scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Agamben unterscheidet Profanierung von Säkularisierung: Wenn ein Herrscher, etwa König Ludwig XIV., sich göttliche Qualitäten zuspricht, was der Fall war, ist das eine Säkularisierung, also eine Verschiebung des Göttlichen von Gott auf einen menschlichen Herrscher. Die Aura des Göttlichen mit allem Pomp usw. wird dem Menschen übergeben. Die Aura des Göttlichen besteht also beim Menschen fort.

Hingegen: Wenn Heiliges profaniert wird, dann wird es in den allgemeinen menschlichen Gebrauch gesetzt: Man denke an eine Kirche, die ausgeräumt und in eine Buchhandlung oder eine Kneipe umgebaut wird. Da wird etwa eine tatsächlich heute als hässlich empfundene (evangelische) Beton-Kirche von 1955 nicht mehr für Gottesdienste benutzt, die Bänke und der Altar werden entnommen und es zieht eine Buchhandlung oder eine Kneipe ein. Manche Gemeindemitglieder sehen dann noch immer die alten Gemäuer, vielleicht ein buntes Fenster von einst mit dem heiligen Geist (eine Taube) in roten Farben, während sie gemütlich ihr Bierchen trinken. Manche werden dabei nostalgisch…Dies sind die heute so zahlreichen Profanierungen. Hingegen kann eine profanierte (zum Beispiel verfallene) Kirche auch wieder zurückverwandelt werden in ein so genanntes Gotteshaus. Agamben will darauf hinaus: Es gibt Wechselbeziehungen zwischen Sakral und Profan. Wenn das Sakrale profaniert wird, dann wird das im Sakralen Erlebte aus der Ecke des Besonderen, des Heiligen, befreit und dem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben, siehe Profanierung von Kirchen (Gotteshäusern) oder Formen des Spiels als Profanierung des Ritus. Die Frage ist: Wo und wann gibt es in unserem Leben diese Übergänge?

Nebenbei: Nur der Kapitalismus schafft etwas Heiliges und Unberührbares. Dies ist der Konsum und das ständige Wachstum der Wirtschaft /Geldvermehrung der Kapitalisten: Diese absolute und alternativlos genannte, also heilige Struktur des Kapitalismus darf laut Kapitalisten nicht profaniert, also aufgelöst werden: Ein profanierter heiliger Kapitalismus wäre das Ende des Kapitalismus…

Weitere Beispiele für den Übergang von Profan zu Heilig: Eine lang andauernde Wanderung durch die Natur und die umgebenden kleinen Dörfer kann von den Teilnehmern als Weg zum Wesentlichen, zur meditativen Haltung, also als Pilgerweg verstanden und gedeutet werden. Oder: Ein schlichter Kellerraum kann von Jugendlichen als Treffpunkt gewählt werden, in denen sie Poesie, Musik, vielleicht Gebete, vortragen und dann gemeinsam meditieren. Und so bekommt der profane Kelleraum eine oft kurzfristige heilige Bedeutung, der Ort wird schützenswert. Jesuanisch gesagt: „Wo zwei oder drei Menschen in „meinem Namen“ versammelt sind (also unter göttlicher Obhut stehen), bin ich mitten unter ihnen“…

3.  Wenn Katholiken „Heiliges“  und Heilige schaffen.

Es ist wichtig, auf konfessionelle Unterschiede hinzuweisen: Protestantische Kirchen gelten für Protestanten selbst nicht als heilig, diese Gebäude sind also leichter zu profanieren als katholische Kirchen, die als Gotteshäuser gelten, also als eigens geweihte, Gott übergebene, Gebäude. Die Weihe von katholischen Gebäuden und katholischen Personen, etwa Priesterweihe oder Jungfrauenweihe oder auch die Weihe von Altären für den Gottesdienst, ist in innerhalb der katholischen Kirchen selbstverständlicher Teil der Lehre. Sie schafft damit den abgegrenzten sakralen Raum, vor allem auch mit eigenen „sakralen“ Rechten, die gegenüber bürgerlichen Rechten den Vorzug haben (sollen, behaupten die Kleriker)! Man denke an die eigene Rechtsprechung für katholische Laienmitarbeiter, die innerhalb der Kirche nicht offen homosexuell-„verpartnert“ leben dürfen: Sonst werden sie von der Kirchenführung entlassen. Die staatliche Rechtsprechung in Deutschland respektiert –für mich unverständlicherweise – diese katholischen Sonderrechte.

Die katholische Kirche schafft also heilige Räume und heilige Orte und heilige Menschen, die abgesondert sind von der profanen Welt. Nach Umbau oder Zerstörung von Kirchen muss diese Kirche, wenn sie wieder für Gottesdienste genutzt werden soll, neu geweiht werden: Denn sie war profan, muss also explizit in die Sakralität zurückgeführt werden. Es ist interessant, dass aufzugebende katholische Kirchen niemals direkt in Moscheen umgewandelt werden dürfen. Das wirft ein Licht auf den viel beschworenen Dialog der Religionen. Da hat das katholische Rechtsbuch, der „Codex Iuris Canonici“ § 1222, Klarheit geschaffen: Der Bischof kann die Kirche einem profanen Gebrauch übergeben, aber so wörtlich, einem „nicht unwürdigen Gebrauch“. Das wird gleich zweimal in Absatz 2 dieses Paragraphen, gesagt.

Ein Beispiel: In Amsterdam, an der zentral gelegenen Rozengracht, gab es bis 1971 die katholische Kirche „de Zaaier“, der Sämann, von Jesuiten geleitet. Diese Kirche wurde 1927 errichtet, 1971 dann verkauft, aber nicht an eine muslimische Gemeinschaft, sondern an das Teppichzentrum „Nederlandse Tapijt Centrale“. Und erst durch diese offenbar „würdige“ (?) (kommerziell ertragreiche?) Zwischennutzung konnte die ehemalige Kirche dann weiterverkauft werden an die türkische muslimische Gemeinschaft, die nun über den Umweg sozusagen, die „Fatih Moschee“ dort zur Verfügung hat. Wer das Gebäude von außen betrachtet, wird angesichts der beiden Türme immer noch an die Kirche „Der Sämann“ erinnert… und Innen entdecken Kenner immer noch Elemente der katholischen Kirche.

Die katholische Kirchenführung kann durch ihr eigenes Gesetz Dinge und Menschen der profanen Welt entnehmen und in einen Sonderraum, einen heiligen Raum, überführen. Theologen werden zu Priestern geweiht. Darum ist auch der Austritt aus der heiligen Priesterschaft eine Profanierung. Der „Ex-Priester“ gilt als „Abgesprungener“, als Herausgefallener aus der heiligen Priesterwelt, mit ihren eigenen Gesetzen. Er muss sich nun selbst sehr profan um seinen Lebensunterhalt kümmern und lebt nicht mehr (rundum gesichert) von Spenden (Kirchensteuern) der Gläubigen.

In meiner Sicht ist also das Heilige keineswegs nur das Seltene und Außergewöhnliche oder das Wunderbare, das uns mit Blitz und Donner und Katastrophen förmlich aus der Balance wirft und uns den Boden entzieht und in himmlische Sphären versetzt. Dieses verstörende Monströse oder auch, je nach dem, strahlend Glänzende, kennen wir eher aus science-fiction-Filmen als aus der Realität. Oder stimmt das doch nicht so ganz?

4. Rudolf Otto: Das Numinose und das Heilige

Für das Heilige als einer objektiven „Sonderregion“ in unserer Welterfahrung tritt Rudolf Otto ein, der protestantische Religionswissenschaftler, in seinem ziemlich weltbekannten Buch „Das Heilige“ von 1917: Der Untertitel ist bezeichnend: “Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“.

Irrational meint bei Rudolf Otto eine Art Gefühl des großen Zusammenhangs. Dieses Gefühl hat nicht die Bedeutung, gegen die vernünftige Einsicht zu sein. Otto will das Rationale am Heiligen erweisen. Er möchte angesichts der profanen und banal erlebten Welt einen Sonderbereich in dieser Welt förmlich erweisen und dadurch als etwas ganz Eigenes retten: Nämlich das Heilige, das er für alle (!) Religionen geltend behauptet. Dabei sieht er durchaus Entwicklungen im Sinne des Fortschritts: Es gibt für ihn primitiv Erfahrenes Heiliges und „den Vollklang“, wie er sagt (S. 134), also die höchste Entwicklung, die er – wie zu erwarten – im Christentum sieht. Wichtig ist seine These; Religiöses und Heiliges sind für ihn etwas „Artbesonderes“, also ganz Einmaliges und Abgesondertes. Darüber wird zu diskutieren sein!

Weil aber das Heilige als Begriff vielfältige und populäre Inhalte hat, spricht Otto eher auch vom Numinosen, als einer besonderen Qualität in Objekten der Außenwelt, also außerhalb des Ichs, des Subjekts usw. erscheinend. Das Numinose ist für Rudolf Otto das schauervolle Geheimnis, das Wild-Dämonische, das zur Verzückung und Ekstase führt. Der Mensch erlebt sich angesichts dieser schauervollen Welt (die, so wörtlich, „Gänsehaut“ erzeugt) als klein, als kreatürlich, als unbedeutend usw. Wenn der Mensch dieses abgegrenzte Heilige erlebt: Dann erfasst ihn ein Schauer, ein Zittern, er erlebt Furcht und fühlt sich gleichzeitig angezogen von dem Ungeheuerlich-Wunderbaren. Otto spricht von dem Tremendum und dem Fascinosum. Es ist eine Art Gruseln, das sich beim Menschen zeigt…

Das Numinose hat noch keine Struktur, die zum Denken führt und es ist noch offen in Fragen der Ethik, also schwankend in der Weisung, was denn gut und böse ist für den Menschen. Während das über das Numinose hinaus gewachsene Heilige (vor allem im Christentum erlebt) selbst als der Spitzen-Begriff durchaus zur Reflexion einlädt und auch ethisch das Gute fördert. Otto nennt das Numinose das Gestaltlos Göttliche. Das Heilige hingegen ist so tief, dass es sich jeder verstandesmäßigen Erfassung entzieht. Das Heilige ist also sprachlich nur anzudeuten.

Das Heilige zu erleben ist für Otto eine Art Vorgegebenheit eines jeden menschlichen Lebens, er spricht vom „Apriori“, von einem von vornherein und immer schon Gegebenen im Geist des Menschen. Otto bezieht sich dabei vor allem auf Texte der Religionsgeschichte und dort besonders der Bibel. Er meint, auch der Gott der Bibel habe diesen erschütternden und faszinierenden Charakter.

Ein Hauptproblem sieht Rudolf Otto selbst: Er behauptet zu wissen, dass Menschen, die die Beschreibungen der Bibel von dem Heiligen nicht aus eigenem Erleben kennen, durch sein Buch auch nicht klüger werden, d.h. durch sein Buch auch nicht zum Heiligen hin geführt werden. Otto geht so weit, gleich am Anfang, auf Seite 8 seines Buch „Das Heilige“ zu schreiben: „Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen“. Das ist in meiner Sicht, gelinde gesagt, ein grober philosophischer Mangel, dass offenbar das Heilige als das Heilige selbst dem Heiligkeits-Entwöhnten Menschen nicht argumentativ gezeigt werden kann.

In jedem Fall hält Otto das Aufzeigen des Numinosen und dann des Heiligen für so wichtig, um überhaupt von Gott reden zu können: Denn Gott, der biblische Gott, an den er vornehmlich denkt, zeigt sich für ihn im Milieu des Heiligen als der Heilige. Ohne das Erleben des Heiligen, wie es Otto sieht, kann es für ihn keinen christlichen Glauben geben. Darüber wäre zu diskutieren.

Auch vom Buddhismus spricht Otto – ein bisschen: Das Geheimnis in der Lehre des Buddhismus sagt er im Blick auf „buddhistische Mystiker“ sei die Leere, das Nichts. Und Otto behauptet gar: Wer keine innere, religiöse Fühlung hat, dem kann das buddhistische Nichts wie Irrsinn erscheinen (Das Heilige, S. 35). Angesichts der Bauwerke, der Tempel im Buddhismus, stelle sich das Gefühl des Magischen ein; besonders „in den seltsam eindrücklichen Buddha-Gestalten frühchinesischer Kunst“. Und diese Wirkung sei erlebbar auch ohne Kenntnis des Mahayana Buddhismus, schreibt Otto (S. 86). Es entsteht das Gefühl des Erhabenen und Vergeistigt -Überlegenen, diese Gestalten sind transparent auf einen ganz anderen hin. (S. 87). Zum Heiligen im Buddhismus siehe weiter unten den eigenen Beitrag des Buddhismus Lehrers Michael Peterssen. (siehe Nr. 9)

5. Der „heilige Schauer“ und das Unverständliche als Weg zum Heiligen?

Ich muss sagen, dass ich diese Konzeption Rudolf Ottos vom Heiligen als einer fixen Gegebenheit, außerhalb des Menschen gelagert und durch apriorische Strukturen im Geist des Menschen erreichbar, (heute) nicht (mehr) für relevant halte. Das ist alles irgendwie „Buchweisheit“, voller Behauptungen, auch wenn er als Religionswissenschaftler durchaus auch Kenntnisse auf Reisen erworben hat, etwa im indischen Raum. So sehr man das Ziel der Studien Ottos auch anerkennen mag, in einer weithin angeblich säkularen Welt das Heilige als eigene Kategorie zu retten. Der von ihm genannte „heilige Schauer“ wird heute eher im Horrorfilm erlebt und dann aber als gemachter Hollywood Schauer und nicht als Sakrales oder wenigstens Numinoses. Der damals wie heute erfahrenen “Entzauberung“ der Welt wollte Otto eine Wiederverzauberung durch das Heilige entgegensetzen. Aber dieses Heilige rückt er in die Ecke des Unverständlichen. Das wird deutlich, wenn man Ottos Lobeshymnen auf die lateinische Messe liest oder auf die Verwendung des Altslawischen in der russisch-orthodoxen Liturgie, die kein Teilnehmender versteht und eigentlich als mysteriös im Weihrauch erstickend erlebt. Das Unverständliche mit dem Heiligen zu verbinden ist problematisch. Der Katholizismus hat die lateinische Sprache aus der Messe weithin vertrieben. Das göttliche Geheimnis ist so groß, dass es sich nicht in unverständlichen Sprachen verstecken muss. Nur die reaktionären (meist antidemokratischen, wie in Frankreich) Pius-Brüder halten an der lateinischen Sprache in der Messe fest: Heiliges ist, so sagen manche Kritiker, dann eben unverständlich genutscheltes Latein des Priesters…

Ich verweise weiterführend auf die römische Liturgie: In der dort zentralen „Wandlung“ des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi: Da werden diese beiden Elemente vom Priester, der als einziger „wandeln“ darf, längere Sekunden ganz sichtbar hochgehalten, die Gemeinde der Laien kniet nieder, Ministranten läuten ihre Glöckchen, alle Musik verstummt, es ist ein Moment der Stille, wo Christus, so die Lehre, selbst in diese Kirche gelangt. Da erleben etliche Menschen sicher Heiliges, mag sein.

Reste des heiligen Brotes, also des Leibes Christi, werden als solche im Tabernakel verwahrt, sie dürfen nicht als Reststückchen nach dem Gottesdienst wie in den evangelischen Kirchen aufgegessen werden. Den Wein als Blut Christi trinkt der katholische Pfarrer übrigens immer für sich allein. Auch die größeren Wein-Reste… Das ist das Privileg des Klerus. Jan Hus (und Luther) kämpfte im 14. Jahrhundert schon um den Laienkelch, um die Sonderstellung des Klerus aufzuheben, hat aber nichts genützt. Hus wurde 1415 verbrannt…

6. Wo und wann wir Heiliges im Alltag erleben und pflegen sollten

Wichtiger scheint mir, nach der Anwesenheit von Erfahrungen der Heiligkeit heute zu suchen: Dies nicht, um einer neuen Religiosität auf die Spur zu kommen, sondern um philosophisch im Denken zu erleben: Menschen suchen auch heute aus dem Alltag herauszufinden in die besonderen, die einmaligen und erhebenden Dimensionen. Ob diese dann immer hilfreich und heilsam sind für ein mündiges Leben, ist eine andere Frage. Aber es gibt diese erhabenen, vielleicht auch schauervollen oder faszinierenden Momente im Leben.
Das kann die Musik sein. Sie erhebt in eine andere Welt. Dazu gibt es zahllose Stellungnahmen „großer“ Musiker. Jeder von uns hat seine Lieblingsmusik(en), die man immer wieder hört und dabei, wenn die Musik wertvoll ist, immer wieder Neues entdecken lässt.

Die Kunst. Da denke ich besonders an die Kunstwerke in unseren Wohnungen: Sie sind ja meist bewusst ausgewählte Kunstwerke, alles andere als bloße Garnierung kahler Wände. Da haben wir uns einen meditativen Blickfang geschaffen, vor dem wir betrachtend doch manchmal verweilen und in die Welt des Kunstwerkes hineingeführt werden, .d.h. also aus der profanen Wohnung herausgeführt werden. Ich denke jetzt auch, und das ist keineswegs als Plädoyer für Kitsch gemeint, an den kleinen Hausaltar: Das haben ja auch viele, vielleicht eine Ecke mit den Fotos der verstorbenen Eltern, mit einer Kerze. Oder ein religiöses Symbol, eine Christusdarstellung oder eine Buddha-Figur, die man solche schätzt und nicht als Accessoire missversteht.

Die Natur. Da brauche ich gar nicht viel zu sagen: Normalerweise verreisen wir in die Natur, suchen in er Natur Entspannung und Ruhe und eben nicht machen wir Urlaub in den Hochhaussiedlungen oder in den verfallenen Straßen von Detroit oder in der Nordstadt von Dortmund. Wir suchen die Natur als Wald, als Wasser, als Quelle, als Lebensquelle, wenigstens als Park.

Der Sonntag. Das wäre auch ein bedenkenswertes Thema, passend zur Frage nach den Unterbrechungen in der Profanität: Sollen wir einen Tag bewahren in der Woche, an dem Nichts-Tun gilt und Sich Besinnen und Feiern? Vielleicht muss der Sonntag aus der Profanität befreit werden? Erst wieder neu erfunden werden? Meine Meinung: Ohne den Sonntag gibt es eigentlich keine Gliederung der Woche und damit des Monats mehr, und in dem Sinne auch keinen Alltag, weil eben dann alles Alltag geworden ist. Und „Alltag“ steht dem Begriff des (hier negativ gefärbten) bloß Profanen sehr nahe.

Auf heilige Orte, so genannte Wunderorte , will ich jetzt nicht eingehen, also nicht von wunderbaren Erscheinungen Marias in Fatima und Lourdes reden. Da ist alles eher mysteriös und sehr „gemacht“ vom Klerus. Bekanntlich wurden die dortigen Seherkinder sehr schnell in entfernte Klöster usw. abgeschoben. 2017 sind es 100 Jahre her, dass Maria höchst persönlich vom Himmel herabstieg und den Kindern in Fatima „erschien“. Ich empfehle als Lektüre: Jürgen Alberts, Fatima. Rowohlt Verlag, auch antiquarisch.

7. Das Zentrum aller Heiligkeits-Debatten: Die Sakralität der Person

Mir ist in der Philosophie am wichtigsten, von der Sakralität der Person zu sprechen. Darüber hat der jetzt in Berlin lebende Soziologe und Philosoph Hans Joas ein Buch unter dem gleichen Titel veröffentlicht (Suhrkamp Verlag 2011), er bezieht sich dabei auf Einsichten des französischen Religionssoziologen Emile Durkheim (1858-1917) (im Joas-Buch ab Seite 82ff). Seine These: In der Moderne sollten wir an die hoch heiligen Menschenrechte glauben und an die in ihnen grundsätzlich immer mit gemeinte absolute und unantastbare und deswegen heilige Menschenwürde eines jeden Menschen. (Dass Menschenrechte permanent auch von so genannten Demokratien wie den USA missbraucht wurden und werden, brauche ich hier nicht eigenes zu betonen. Menschenrechte gelten selbstverständlich auch im Falle ihres ständigem Missbrauchs. Logik gilt ja auch, wenn fast niemand mehr 4 dividiert durch 0,274 berechnen kann…) Die Qualifizierung des Menschen als einer „sakralen Person“ darf keineswegs als Plädoyer für eine neue Konfessionalisierung des menschlichen Wesens oder als eine religiöse Verschleierung oder Überhöhung des Daseins verstanden werden. Sakralität, so betont Joas, hat etwas mit Heiligem zu tun, und die Erfahrung und Geltung des Heiligen liegt allem Religiösen (schon gar dem konfessionell Religiösen) voraus! Wenn Kant in seiner Philosophie, etwa in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, von der „Würde“ des Menschen spricht, erwähnt er auch die „Heiligkeit“ des menschlichen Wesens. „Würde“ hat keinen Preis, sie kann nicht erworben, schon gar nicht gekauft, kann auch nicht durch Willkür anderer beseitigt werden. Menschliche Würde ist mit dem Dasein selbst immer und überall da, sie steht für sich selbst, sie ist nicht menschlich verfügbar: Wer in dieser Weise von der unantastbaren Menschenwürde spricht, der denkt, so Kant, wie von selbst auch an die Heiligkeit, im Sinne des Erhabenen, also des über den Menschen und ihrem Zugriff Stehenden. Im Erleben der eigenen Person wie der Personenwürde anderer tritt deutlich zutage, was man das Heilige nennen könnte: Nur ein Beispiel: Im ungerechten Leiden anderer Personen, etwa der gefolterten Widerstandskämpfer gegen diktatorische Gewaltherrschaft, können Menschen erleben, wie sich in ihnen vor allem in der Empathie mit den Opfern eine starke Überzeugung auch emotionaler Art bildet. Sie ist so etwas wie eine umfassend intellektuelle Kraft. Sie sagt absolut Nein zu dem Unrecht, zur Folter, zur Qual. Warum? Weil da die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Person, ihre Unantastbarkeit, verteidigt werden soll.Dieser Einsatz für die Sakralität ist nichts anderes als das konkrete Engagement für die Menschenrechte; diese sind selbstverständlich stetig weiter zu entwickeln, wie auch die Demokratie niemals etwas Fertiges ist.

Hans Joas lässt sich von dem französischen Soziologen und Ethnologen Emile Durkheim (1858 – 1917) inspirieren, der in seinen zahlreichen Studien, vor allem im Erleben des antisemitischen Dreyfus – Skandals, von der universalen Menschenwürde als der „Religion der Moderne“ sprach (etwa in seinem Aufsatz „Der Indvidualismus und die Intellektuellen“, von 1898). Durkheim schreibt: „Die menschliche Person wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie (die Person) hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen…Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profaniert sieht“. (Joas, S. 82f). Die Sakralität ist für Durkheim die allgemeine, die menschliche Spiritualität! Sie gilt für Gläubige und konfessionell nicht – gläubige Menschen… Die Frage ist natürlich, wie es gelingen kann, in der zunehmend anonym werdenden Massengesellschaft Menschen darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid eigentlich von sakraler, also heiliger Würde? Diese Einsicht – auch pädagogisch für alle Altersklassen – zu vermitteln ist genauso wichtig wie das Engagement für die universale Geltung der Menschenrechte und damit der Demokratie. Menschenrechte sind also nicht nur eine „Verhandlungsmasse“ auf politischer Ebene, oft vom Kalkül bestimmt und aufgrund ökonomischer Zwänge allzu häufig verraten und vernachlässigt. Menschenrechte haben eine eigene „Aura“; sie bleiben selbstverständlich der vernünftigen Argumentation verpflichtet. Aber es ist die Vernunft selbst und nicht irgendeine religiöse Phantasie, die die Erkenntnis erschließt: Die Menschenrechte sind etwas Besonderes „Sakrales“ und absolut zu Verteidigendes.

Wie weit die (immer weiter zu entwickelnden) Menschenrechte zum Kernbestand religiösen Glaubens werden können, ist eine dringende Frage: Die Menschenrechte gehören ins Zentrum der Religionen, sie sollten in Predigen erschlossen und den Menschen gelehrt werden. Wir meinen: Nicht das tausendfache Alleluja in den charismatischen Kirchen und Pfingstgemeinden hilft aus der tiefen Krise, sondern sich das Besinnen auf die gemeinsame, gemeindliche Gestaltung de Menschenrechte. Das gilt natürlich auch für Deutschland, angesichts des Elends so vieler Armer, so vieler Flüchtlinge usw.

Ich meine: Wir brauchen heute weniger Religion und mehr Auseinandersetzung mit den Menschenrechten, mehr das Erleben, dem anderen und den anderen ins Antlitz zu schauen, ihn zu schätzen und zu pflegen… dies täte uns (auch den Kirchen) gut. Die Kirchen verlassen dabei nicht „ihren“ Bereich. Denn, siehe oben, die Menschenrechte sind heilig. Es gilt also, eine neue Form der Heiligkeit zu pflegen. Am 14.12. 2016 ist im Alter von 95 Jahren ein mir gut bekannter Kardinal und Befreiungstheologe aus Sao Paulo, Brasilien gestorben. Kardinal Paulo Evaristo Arns hat mir in einem Interview 1985 in gewisser sein bleibendes Vermächtnis mitgeteilt, das auch philosophisch bedeutsam ist: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“ (Kardinal Arns, Sao Paulo).

8. Der alles gründende, sich entziehende Grund als das wahre Heilige

Dieses Heilige zeigt sich, wenn man die grundlegende philosophische Frage bedenkt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?Also: Warum ist Etwas und dann das Ganze, in dem sich das Etwas „aufhält“? Warum bin ich, warum sind wir als Teil dieses Ganzen, das wir nur nennen, nicht aber als ganzes umgreifen und damit definieren können? Aber wir stellen doch diese Frage, auch wenn wir keine definitive Antwort und Definition erhalten. Wir stellen die Frage nach dem Gründenden. Ist denn etwas denkbar, ohne „etwas Gründendes“, das als solches ganz anders sein muss als alle Einzelteile (Etwas) in dieser Welt. Diese Frage führt zu dem Erstaunlichen. Manche nennen dies, im Unterschied zu einem Rätsel, das als (wissenschaftliches) Rätsel immer „auflösbar“ ist, das bleibende Geheimnis.

Aber das ist nur die „Objekt-Seite“ dieser Frage, die ins bleibende Geheimnis und damit ins Heilige führen kann..

Es gibt auch die subjektive Seite: Denn immer bin ich es, der diese Frage stellt. Und zwar kraft meiner Vernunft (Geist), vielleicht angestoßen durch Gefühle, die aber dann Wort werden sollten kraft der Vernunft. Also ich denke diese Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“. Ich bin also in der Vernunft über das „Etwas“ schon hinaus, bin nicht eingebunden in die Objekt-Welt der vielen Etwas. Und ich erlebe in bestimmten Momenten, auch in der Kunst, der Musik, manchmal der Religion, wie dieses in der Vernunft angestrebte Gründende tatsächlich als solches „hervorbricht“. Wie also dieses bleibende Geheimnis sich mit mir (und jedem Menschen kraft der Vernunft) verbindet. Und vielleicht verbündet. Wie also dann doch eine schwache Antwort auf die genannte Frage erscheint: Wir Menschen sind auf das bleibende Geheimnis bezogen. Wir werden es nie greifen. Aber wir leben und denken in dessen Nähe. Vielleicht der bleibenden Nähe des Göttlichen. Um das wiederum zu wissen, muss diese (göttliche) Nähe bereits immer schon in uns sein. Manche sagen Göttliches, Gott, ist Mensch (geworden).

9. Ein weiter führender Hinweis von Michael Peterssen, Lehrer für Buddhismus in Berlin und Teilnehmer in unserem Salon, verfasst nach unserem Gespräch im Salon: „Zu unserem Thema fiel mir aus buddhistischer Sicht als erstes ein, wie ein chinesischer Herrscher der Legende nach einen buddhistischen Mönch fragte, was denn der Kern seiner Botschaft sei. Der soll daraufhin kurz und bündig geantwortet haben: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Im Buddhismus ist sehr wenig von heilig die Rede, und so musste ich gestern Abend eine Menge „Übersetzungsarbeit“ leisten. Im Laufes des Gespräches ist mir dann aber aufgefallen, dass es im Buddhismus doch einiges gibt, was der Sache nach heilig genannt werden könnte, z.B. kanonische Schriften (z.B. darf man die bei traditionellen tibetischen Buddhisten auf keinen Fall auf den nackten Boden legen); Sprachen wie Sanskrit, Pali, Sino-Japanisch; die Drei Juwelen, d.h. den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der (ordinierten) Praktizierenden; Tempel; Altäre; alles, was mit der Erleuchtung / dem Erwachen zu tun hat. Ich habe neulich mal nachgerechnet und festgestellt, dass ich zusammengenommen wohl etwa drei Jahre meines Lebens auf Seminaren im Schweigen verbracht habe. Obgleich ich vielerlei Meditationserfahrungen hatte, so hatte ich interessanterweise nie das Gefühl, etwas Heiligem oder Überweltlichem begegnet zu sein. Ich habe diese Erlebnisse immer als das Erschließen  einer anderen, sicherlich wertvollen  Dimension meines Daseins in dieser Welt verstanden“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Siglo de Oro: Das goldene Jahrhundert: Es war gar nicht so golden.

Hinweise anlässlich der Ausstellung „El siglo de oro“  vom 1.7. bis 30.10.2016 in der Gemäldegalerie Berlin.

Von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15. 7. 2016

Manche haben gefragt, warum beschäftigen wir uns als philosophischer Club, als religionsphilosophischer Salon, mit dem „siglo de oro“ in Spanien. Zumal an einem Tag, an dem der schreckliche Terror gegen so viele Menschen in Nizza bekannt wurde.

Aber sollten wir in unserem Salon an diesem Abend über den Täter spekulieren? Hätte das Erkenntnisgewinn gebracht? Sicher nicht. Politische, oft haltlose Spekulation ist etwas anderes als (klassische, metaphysische ) philosophische Spekulation. Zumal: Philosophisch darf eben nicht nur auf eine einzelne Tat gestarrt werden, sondern auch das historische Umfeld (Kolonialzeit, Kriege gegen Irak, Gewährenlassen des Massenmörders in Syrien usw.) muss immer kritisch mit-betrachtet werden. Hegel nannte das wohl „konkretes Denken“. Und das ist in Politikerkreisen z.B. kaum lebendig, weil es peinlich ist, weil es zum Eingeständnis von groben Fehlern führen müsste. Angesichts des unerfreulichen, nur der „grande nation“ dienenden Verhaltens der französischen Regierungen auch nach dem Ende des Kolonialismus gegenüber den Menschen in (Nord-) Afrika, wäre zu betonen, wie dies Rudolf Balmer von der TAZ am 16. Juli auf Seite 3 treffend schreibt:“Das hat in diesen afrikanischen Ländern mitunter ein (für Frankreich CM) feindseliges Bild geschaffen, für das die Staatsführungen in Paris eine große Mitverantwortung tragen“. Weiterhin wäre von der zwanghaften, staatlich befohlenen Anpassung der Muslime an die nicht-muslimische französische Gesellschaft, etwa in der rigiden Kleiderordnung usw., zu sprechen. An die ökonomische Ausgrenzung der eher zweitklassigen „Ausländer“ in den grausigen Vorstadtgettos wäre zu erinnern usw. Da wurden und werden vom Staat und der Gesellschaft Fakten gesetzt, die nicht dem Frieden dienen. Heute sieht man das Ergebnis. Das heißt natürlich auch,  dass terroristische Verbrecher eben Verbrecher sind und als einzelne auch Schuld auf sich laden und bestraft werden müssen. Aber die Dialektik zwischen Einzeltätern und dem umgebenden kulturellen, ökonomischen Milieu muss gerade im Falle Frankreichs mit berücksichtigt werden…

Darüber wollten wir am 15.7. nicht spekulieren. Wir haben über das siglo de oro gesprochen und dabei entdeckt: Wie ein Staat sich damals geistig und ökonomisch letztlich zugrunde richtete, weil er zur Toleranz nicht in der Lage war.

Lesen Sie also die Hinweise, die von Christian Modehn am 15.7.2016 zur Diskussion gestellt wurden.

Das Goldene Zeitalter, das 17. Jahrhundert in Spanien, wird als golden bewertet und dargestellt und propagiert in einer bestimmten Hinsicht: Diese spezielle „Hinsicht“ macht philosophisches kritisches Fragen aus.

Das 17. Jahrhundert war golden wegen der künstlerischen Leistungen vor allem der Maler und Bildhauer, aber auch der Dichter. Das tatsächliche Gold glänzte zwar in den Kirchen und Palästen, auch wenn Spanien viel erbeutetes Gold aus Amerika in den zahlreichen Kriegen im 17. Jahrhundert förmlich verpulvert hatte.

Und übrigens tut es wohl Spanien heute trotz aller Millionen von Touristen gut, an die Leistungen der eigenen Kultur damals zu erinnern. Und, mit Verlaub gesagt: So viel Großes bleibt ja dann, abgesehen von Goya, auch nicht viel übrig bis zum Ende der Franco-Zeit 1975.

Wer von diesen künstlerischen Leistungen in der Kunst absieht, entdeckt ein Spanien in erbärmlichen, auch ökonomisch erbärmlichen Zuständen. Tatsächlich aber war das 17. Jahrhundert in Spanien vor allem ein weithin rassistisches Jahrhundert.

Und dies war dadurch bedingt, dass der Hof, der König und seine Regierung tief überzeugt waren, dass Spanien nur eine einzige Religion haben darf. Nur einzige Ideologie sollte herrschen, weil nur diese eine den Zusammenhalt des tatsächlichen Welt-Reiches gewährleisten konnte, glaubte der sich immer katholisch definierende König. Wir erleben also an einem Beispiel, wie ein Staat aussieht, wie er auch ökonomisch verkommt und kulturell sehr eng wird, wenn er Pluralität nicht wünscht, also keine Toleranz kennt, und Andersdenkende verfolgt und tötet. Man möchte also einmal mehr sagen: Es ist die Toleranz und die reale Vielfalt in Gleichberechtigung, die einen Staat, die die Kulturen lebendig macht. Trotz dieser Belastungen sind die künstlerischen Werke, die etwa auch in der Ausstellung „El siglo de oro“ gezeigt werden, aller Beachtung wert. Sie inspirieren, auch wenn sie im Schatten der allseits drohenden Inquisition gemalt wurden.

1.  Zur KUNST

Die Künstler, die Maler und Bildhauer, galten dem Ansehen nach, im Unterschied zu Literaten etwa, wenig im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie galten eher als Handwerker. Um in der Geltung „aufzusteigen“, bemühte sich etwa Diego Velázquez, in den „Santiago-Ritterorden“ aufgenommen zu werden, und das war angesichts der Hierarchien nicht einfach.

Wer heute diese Gemälde betrachtet, entdeckt eine starke thematische Festlegung, aber dabei auch ein großartiges Können:

Es sind wirkliche, leibhaftige, lebendige Menschen, die uns anschauen; es sind Menschen, die untereinander agieren, zusammenstehen, trauern, beten usw. Diese Gesichter bewegen uns. Diese Kunst ist von einem ausdrucksvollen Realismus geprägt, oder besser: Von einer Bezogenheit auf die Wirklichkeit. Manche Interpreten sprechen gar, etwa im Falle von Velazquez, von beinahe fotografischen Leistungen.

Man denke etwa an das wohl berühmteste Bild von Velazquez „Las Meninas“, Die Hoffräulein, von 1656: In der Mitte die fünfjährige Königstochter Margarita. Alle Personen sind historische Personen. Dem Namen nach bekannt, es ist das Atelier des Malers im Alcazar. Velázquez zeigt sich selbst als Santiago-Ritter; das Königspaar ist im Spiegel zu sehen; selbst die Zwerge werden gezeigt, sie sind hier keine Untermenschen, kein Spielzeug. Es ist ein Moment, wo man glaubt: Die Zeit steht still. Es werden Seelen gezeigt, hat ein Historiker gesagt, aber es sind immer wieder wie hier auch Menschen-Seelen, die nicht lachen, nicht lächeln. Ein dauerhafter Schatten von Melancholie und Trauer ist deutlich, auch auf den späten Porträts von Philipp IV.

Zu den Zwergen: Wunderbar ist auch das Gemälde, das den gelehrten Zwerg, der Hofnarren, zeigt mit dem Buch. Ein kluges Gesicht: Der Hofnarr als gebildeter Mensch.

Nach meinem Eindruck fehlen die Alltagszenen, bodegón genannt: Diese gibt es zwar, etwa die alte Frau, die sich Eier brät oder die essenden Kinder, aber es wird auch dort kaum gelacht, es ist keine Zuversicht mehr da. Das Land selbst versinkt im Elend trotz allen früheren ökonomischen Reichtums. In dieser Situation, auch der Verteidigung des Katholischen um jeden Preis gegen Protestanten, Juden und Muslime,  werden Bilder und Skulpturen, man möchte sagen en masse, geschaffen, die den Gekreuzigten Christus zeigen oder die leidende Mutter Jesu, Maria. Mit aller Präzision wird von Gregorio Fernandez „Der tote Christus“ als Skulptur (um 1627) dargestellt, mit echt erscheinenden blutunterlaufenen Wunden und mit echt wirkenden Fingernägeln aus Stierhorn, Zähnen aus Elfenbein usw. Eine tiefe Bewegtheit, eine seelische Erschütterung soll von dieser Skulptur wie von allen Darstellungen des leidenden Christus ausgehen. Wenn Murillo in Sevilla die Werke der Barmherzigkeit zeigt, dann will er damit ausdrücklich zur Nachahmung auffordern. Diese religiösen Bilder haben explizit – angesichts des weitest verbreiteten Analphabetismus – die Tendenz, zu bilden und zur Nachahmung aufzurufen, 90 % der Bevölkerung können weder Lesen noch Schreiben.

Wenn man diese Tendenz auf die Bilder des leidenden Christus überträgt, und das muss man wohl, dann soll der Betrachter, also auch das gläubige Volk, zur Annahme des eigenen Leidens aufgefordert werden. Und das gilt dann als Christusnachfolge. Nun gibt es immer wieder Leiden unter den Menschen, aber es gibt auch von Menschen gemachtes Leiden, etwa durch die brutale Verfolgung der damals in Spanien allgegenwärtigen Inquisition: Wollten diese Leidensbilder Christi auch daran gewöhnen, an diese grasuige politische Unmenschlichkeit? Diese Frage der Leidens-Propaganda durch Kunst wird meines Erachtens kaum diskutiert: Darin könnte sich eine gewisse Abartigkeit der offiziell propagierten Frömmigkeit zeigen, so sehr auch den einzelnen in seinem Leiden und in seiner Todesangst möglicherweise dieser leidende Christus dann doch tröstet und bewegt…

Hinzu kommt: Die Fülle der Vanitas Gemälde, der Bilder der Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit, sie sind auch in Holland beliebt, immer mit Totenköpfen auf dem Tisch, man denke etwa an Harmen Steenwijk oder Pieter Claesz zur gleichen Zeit (1630). Aber dass ausschließlich nur Folianten, Bücher als Vanitas – Darstellungen vorkommen, umgeben noch von einer ablaufenden Uhr und einem Federkiel wie in einem anonymen Gemälde aus Madrid um 1639 mit dem Titel „Bücherstillleben“, das ist schon ungewöhnlich: Darin drückt sich die für Spanien damals typische Verachtung der freien Forschung, der Vielfalt der Bücher und der umfassenden intellektuellen Schulung aus. Die Botschaft ist: Bücher sollten zugebunden bleiben und eigentlich nur staubige Masse sein.

In der Kunst duldete die Inquisition keine weiblichen Akte, eines der wenigen Akt-Gemälde ist die „Venus im Spiegel“ mit einem nackten Rücken. Von Velázquez gemalt, 1644, offenbar für einen privaten Sammler.

Die Künstler Spaniens ordnen sich den fast immer kirchlichen und königlichen Auftraggebern unter; die allmächtige Kirche, sie ist von der Steuerzahlung befreit und durch Geschenke usw. sehr reich, auch in den Klöstern, steht noch im Glanz da. Und die Mönche bestellen etwa bei Zurbaran immer die selben Motive … der Kreuzigung und der Heiligen.

Entscheidend ist: Durch die Inquisition war das Themenspektrum der Kunst äußerst eingeschränkt. Das sagen alle Historiker. Und trotz dieser Einschränkungen wurden noch schöne Bilder geschaffen.

Aber im ganzen gesehen, das ist ein unbezweifelte Tatsache: Es herrschte im „siglo de oro“ die Stagnation. Manche sagen: Nicht das Goldene, sondern das Eisenerne Zeitalter war bestimmend..

Aber von dem Niedergang, ökonomisch, gesellschaftlich, geistig im Spanien des 17. Jahrhunderts ist in den Werken des siglo de oro eigentlich nicht so viel zu spüren. „Die Bilder von Velazquez verraten selten etwas von den Kämpfen seiner Zeit, der sich immer mehr verschlechternden Lage Spaniens, den Sorgen von König und Volk…. Keine der Tragödien seiner Zeit tritt in Velazquez Werk zutage. Was sich ihm, Velazquez, darstellte, ist STOLZ, und zwar Stolz als Lebensform“. (in: Velazquez und seine Zeit, TIME-Life 1972, Seite 135.

Mit Stolz könnte man auch sagen: EHRE, in der Sicht der anderen geehrt werden, wie dies Juan Goytisolo auch schreibt, als einer Grundhaltung „der“ Spanier.

2. Spanien im 17. Jahrhundert

Es gibt in dem Roman von Miguel de Cervantes (1547 bis 1616), Don Quijote, bereits das Wort vom Goldenen Zeitalter, allerdings bezogen auf eine Erzählung: Der Protagonist lässt vor Ziegenhirten eine Lobrede auf die glücklichen Zeiten halten, „welche die Alten die goldenen Zeiten genannt haben“. Damals habe es keine sexuelle Zudringlichkeit gegeben, und die Erotik sei nur von der Neigung und dem freien Willen der Beteiligten abhängig und keinem äußeren Zwang unterworfen gewesen. Die eigene Gegenwart meint Cervantes jedenfalls damit nicht.

Das Wort vom goldenen Zeitalter ist ein Titel, der im Rückblick formuliert wurde, wenn man in noch schlimmeren Zeiten auf dieses 17. Jahrhundert schaut.

Wie war die gesellschaftliche Situation? Seit 1492 sind die Muslime „endgültig“ vertrieben. Das Land ist muslimfrei, sie leben unter ständiger Kontrolle als die zwangskonvertierten Moriscos. Zu Begin des 17. Jahrhunderts wurden sie vertrieben und nach Nordafrika zurückgebracht.

Die Juden in Spanien mussten zum Katholizismus übertreten, wenn sie in Spanien bleiben wollten. Aber wenn sie konvertieren, begegnen ihnen die so genannten Altchristen voller Misstrauen, das sieht man am Beispiel der Heiligen Theresia von Avila. Von Theresa von Avila wurde jetzt ein Zitat entdeckt, das treffend auch die frauenfeindliche Mentalität in der Kirche ausdrückt: „Dir, Gott, hat vor den Frauen nicht gegraut“. Dieses Wort wurde dann von der Inquisition geschwärzt, es war diesen Herren nicht möglich zuzugestehen, dass Gott vor den Frauen nicht graut… (Dies ist übrigens der Titel eines Buches über „Mystikerinnen in der Christentumsgeschichte“, 2016, Kohlhammer Vl.).

So entwickelt sich seit dem 15. Jahrhundert eine merkwürdige Haltung unter den etablierten, alt-christlichen und sich rassistisch für blutrein haltenden „eigentlichen Spaniern“. Der Geist der Muslime wird prinzipiell verachtet, weil sie in ihrem Alltag sexuell freizügig lebten, meint man. Jedenfalls lassen die Katholiken in Granada nach der Muslim-Vertreibung gleich alle Badehäuser schließen. Auch die Wissenschaft wurde von vielen Muslimen betrieben, für die Altchristen in Spanien gilt Wissenschaft als muslimisch, sie wurde auch deswegen als freie Forschung abgelehnt. Bildung soll keine große Achtung haben. Forschung auch nicht. Die Inquisition bestimmt das ganze geistige Leben mit ihren Verboten. Es ist eine Zeit der Intellektuellen-Feindlichkeit. Juan Goytisolo weist darauf hin,  dass der Ruf der Faschisten unter Franco „Nieder mit der Intelligenz, es lebe der Tod“ (S. 64) ein „Echo ist der altchristlichen Spiritualität, die im 16. Jh. das spanische Leben prägte“… Schon unter Philipp II. wurde die Wissenschaft verachtet. „Niemand kann nur halbwegs gründlich die schönen Wissenschaften pflegen, ohne dass sogleich ein Haufen Ketzereien und jüdische Mängel entdeckt werden“, sagt der Sohn des Generalinquisitors Rodrigo Manrique. (in Goytisolo, S 38). Im „Goldenen Jahrhundert“ schreibt der Jesuit Baltasar Garcian in einer bei ihm seltenen politischen Deutlichkeit über seine Gegenwart: „Die Philosophie ist außer Ansehen gekommen… die Wissenschaft der Denker hat alle Achtung verloren, eine zeitlang fand sie Gunst bei Hofe, jetzt gilt sie für eine Ungebührlichkeit“. (Handorakel, S. 55, Nr. 100)

Und die Juden waren die guten Geschäftsleute und die Händler: Aus anti-judischem Ressentiment lehnen die Altchristen für sich selbst Handel und Wirtschaft ab. Man darf ja nicht als „Jude“ erscheinen, das wäre gegen die Ehre… Also sind die „blutreinen“ altchristlichen Spanier nur Ritter, nur Adlige, nur Klerus und Mönche, und eben die Armen in den Städten und den Dörfern, die kaum das Nötige zum Überleben produzieren. Dies ist eine Zeit der selbst verursachten ökonomischen und geistigen Lähmung. Es war, noch einmal, eine rassistische Zeit, es wurde Wert gelegt auf die Reinheit des Blutes

Der Verlust so vieler tausend Moriscos und der Maranen führte auch zu einer wirtschaftlichen Katastrophe: Kenntnisreiche Händler und Handwerker fehlten. So geht es eben einer Regierung und einem König, der der Stimmung des Volkes folgt und Rassismus in die eigene Politik bestimmend übernimmt.

Nebenbei: Als Judenchristen von der Inquisition verfolgt und verbrannt wurden, hat man deren Besitz vonseiten der Inquisition sofort übernommen. Was die Nazis später taten, hatte also historische Vorbilder.

3. Wer vom goldenen Jahrhundert spricht, muss auch vom realen Gold sprechen, das den Ureinwohnern Amerikas von den Spanien geraubt wurde.

Alles Gold und Geld, das aus den so genannten Vize-Königreichen Lateinamerikas kam, wurde für die vielfältigen Kriege ausgegeben. Viel Gold ging unterwegs in die Hände der Seeräuber und der „bandoleros“ zu Lande.

Nur ein Hinweis, dass in dieser Zeit einer theologischen Verirrung durch die Inquisition und den Eroberungs – bzw. Missionierungsgedanken doch einige vernünftige und ziemlich authentische Christen lebten. Erinnert werden soll nur an den Dominikaner Mönch Bartolomé de Las Casas.

Er bezeichnet in seinen öffentlichen Predigten die Spanier seiner Zeit, im 16. Jahrhundert, als Götzendiener. Er sagt: „Die Spanier haben Gold zu ihrem Gott gemacht“, so in Gutierrez, S. 22. Dort wird auch Christoph Columbus erwähnt, er sagte: „Das Gold ist das wertvollste aller Güter. Wer es besitzt, hat alles, wessen er in dieser Welt bedarf wie auch die Mittel, um die Seelen vor dem Fegefeuer zu bewahren und sie in die Freunde des Paradieses zu schicken“. (auch Gutierrez, S. 25)

Die Stimmen, die sich gegen das Abschlachten und Ausnutzen der Indianer wehrten und für eine menschenwürdige Behandlung der Indianer eintraten, wie Pater Bartholome de la Casas, wurden zwar offiziell am Hofe Karl V. angehört und humanere Behandlungen der indianischen Völker wurden auch befohlen. Aber in den Vizekönigreichen Lateinamerikas folgten die Conquistadores nicht diesen Weisungen. Das Morden und Ausbeuten der Indianer nahm kein Ende.

Zu Mord und Totschlag ein Beispiel aus der frühen Zeit der sogen. Entdeckung: Die geschätzte Einwohnerzahl in Westindien betrug 9 Millionen im Jahr 1520. Und es war eine Million Einwohner übrig geblieben im Jahr 1570. (Gutierrez, Gott oder das Gold, S. 10.)

 Sehr wichtig und bislang nahezu unbekannt: Es gab einen „Indianer“ in Peru, ein Mitglied des Volkes der Quechua, sein Name: Felipe Guaman poma de Ayala. (Gutierrez, S.13), er lebte von 1535 bis 1615. Kurz vor seinem Tod hat er ein umfangreiches Buch auch mit vielen Bildern, Skizzen, fertig gestellt, an dem er lange daran gearbeitet hat. Er spricht als Augenzeuge, der „alle Schrecken dieser Christen“ gesehen hat. Er hat erlebt, was die Armen leiden. Er wendet sich an die Leser in Spanien. „Diese spanischen Übeltäter verschlingen mein („indiansches“) Volk. Mir selbst als Christen will es scheinen, dass ihr Spanier euch allesamt zur Hölle verdammt (Gutierrez S.15). Und noch einmal: „Mit ihrer Gier nach Gold sollen die Spanier in die Hölle fahren“ (Gutierrez S.189) Das heißt: In der Sicht einiger Theologen und der indianischen Völker selbst ist das spanische Reich ein gottloses Reich, trotz aller zur Schau gestellten Frömmigkeit. Das siglo de oro ist ein gottloses Zeitalter in der Sicht aufgeklärter Christen schon damals! Und es ist, klassisch-theologisch gesprochen, eine Art Blasphemie, wenn mit dem erbeuteten Gold, den indianischen Völkern entrissen, dann in den spanischen (aber auch lateinamerikanischen) Kathedralen, Kirchen und Klöstern die Bilder des leidenden Christus, etwa im Rahmen,  vergoldet wurden. Mit verbrecherisch erworbenem Gold wollte man Gott ehren, die Kirche in goldigen Glanz setzen und die Frömmigkeit fördern.

4. Ein Hinweis zur Philosophie im Goldenen Zeitalter: Baltasar Gracian (1601-1658).

Er war ein Jesuit, der ohne Erlaubnis seiner Ordensoberen z.T. unter Pseudonym, kurzgefasste Lebensweisheiten für den erfolgreichen Mann seiner Zeit schrieb. Dieses Büchlein, das „Handorakel“, sollte man als Dünndruckausgabe stets bei sich als Lebenshilfe haben. Ich meine: Das Handorakel war so eine Art ANTI-Evangelium und ANTI-Bibel mit Grundsätzen, die dem Geist der universalen Nächstenliebe eher widersprechen. Das Handorakel des Baltasar Gracian war eines seiner meist gelesenen Bücher: Allein 10 verschiedene Ausgabe und Übersetzungen in Deutschland…

Baltasar Gracian war auch kurze Zeit als Prediger, auch am Hof von Madrid, tätig. Er wollte den Menschen ein erfolgreiches Leben aufzeigen mit 300 relativ kurz gefassten Lebensregeln, die er in seinem Buch von 1647 darstellt. Den Wahn der Welt zu erkennen ist das Motto des pessimistischen Denkers.

Er schreibt also Vorschläge und Weisungen seines klugen Denkens, wie man sich möglichst klug erfolgreich durchs Leben schlägt; wie man weltgewandt wird und sich zu behaupten weiß; wie man sich verstellen lernt und sich durchsetzen, wie man im richtigen Moment abwarten muss und vorsichtig agiert, nur nicht zu viel von sich selbst sagt, auch aus Angst vor der allmächtigen Inquisition. Freundschaft wird gelobt, aber es wird eher ein Grundmisstrauen gegenüber den anderen empfohlen.

Das Leben des Menschen ist, so Gracian, milicia, ist Kampf, und wir klugen Menschen sind umgeben von der malicia, der Bösartigkeit, der anderen. Nur Raffinesse ist dem gewachsen!

Gracian wurde von seinem Orden bestraft, bestraft, eingesperrt, weil er seine Werke nicht vor Drucklegung den Oberen zur Kontrolle gezeigt hatte.

Gracian hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem auch den Roman „El Criticon“, der viel beachtet wird auch von konservativen Kreisen noch heute.

Ein Hinweis nebenbei: Es gibt etwa in der „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin, Fasanenstr. Nr. 4, zahlreiche Ausgaben des „Handorakel“, sie stehen wahrscheinlich in der Bibliothek irgendwo im Umfeld der 33 mal dort versammelten Ausgaben von „Mein Kampf“ und dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ und eben… etwa der „Jungen Freiheit“… Äußerst konservative Denker haben sich für ihr autoritäres Denken immer wieder Gracians bedient…

Der Jesuit Dominik Terstriep hat sich in seinem Buch „Indifferenz“, 2009 erschienen, mit Gracian kritisch auseinandergesetzt (dort Seite 123 ff). Eine kleine Rarität in der Theologie der Gegenwart!

5. Zu Cervantes

Auch Cervantes war betroffen vom Kulturdirigismus und der Inquisition. Er studierte bei dem Humanisten Juan Lopez de Hoyos, vielleicht auch bei Jesuiten in Vallodolid. Er zitiert Cristobal de Fonseca aus dem Augustinerorden. Er wurde als Seefahrer gefangen genommen und nach Algerien gebracht, im Gefängnis von 1575 bis 1580, dort Gedichte geschrieben von Mönchen des Trinitarier-Ordens losgekauft.

Es gibt in Don Quijote gelegentlich auch eine starke Darstellung von Predigten, der Ritter und sein Knecht Sancho halten sich, so wird deutlich, durchaus für Theologen.

Auch bei Cervantes gibt es diese typische Angst: Er sparte seine Kritik für bessere Zeiten auf. „Der kluge Mann spart sich für bessere Gelegenheiten auf, so Don Quijote. II 28, 934, ähnlich wie Gracian. Tatsächlich hatte die Inquisition auch Cervantes verdächtigt, er würde den Ideen von Erasmus anhängen. Die Inquisition ließ diese Stelle nicht durchgehen, wo eine Herzogin zu Sancho sagt: „Und Ihr, Sancho, mochtet daran denken, dass die Werke der Nächstenliebe, die lau und nachlässig vollzogen werden, kein Verdienst nach sich ziehen und gar wertlos sind“. (II 36).

Und weiter: „Unseren Herrgott soll man um seiner selbst willen lieb haben, ohne an Himmel und Hölle zu denken“, so wird von Mariano Delgado zitiert in: „Don Quojote für Theologen“. Dies war ein ketzerisches Postulat der Mystiker, Gott um seiner selbst willen zu lieben, ohne dabei immer gute Werke tun zu müssen.

Nebenbei: Die Religion am Hofe war sehr vom Aberglauben durchsetzt, durchaus mit so genannten heidnischen Praktiken, etwa, wenn dem kranken Sohn von Philipp IV. Amuletten angelegt werden, damit er bloß gesund bleibt.

6.Eine systematische Überlegung: Das Goldenes Zeitalter: In der Frühzeit oder in der Zukunft?

In der Dichtung Ovids und in vielen Mythen ist die goldene Zeit die Vergangenheit: Eine paradiesische Zeit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war, so, wie es Ovid in den Metamorphosen beschrieb, als der ersten glücklichen Ur-Zeit, in der die Gerechtigkeit herrschte und die Menschen von sich aus und ohne gesetzlichen Zwang das Gute und Rechte taten („Aurea prima sata est aetas“ …so beginnt der Text). Die eigene Gegenwart wurde dann von Ovid als die eiserne Zeit der Härte und des Zwangs beschrieben. Bei Ovid gibt es vier Zeitalter dort, es beginnt mit gold, also mit Frieden und Gerechtigkeit, geht über zu Silber, dann das erzürnte Zeitalter, dann zum Schluss das eiserne Zeitalter. Scham, Wahrheit und Treue verschwinden, es herrschen Betrug als auch List als auch Hinterhalt und Gewalt und die verbrecherische Liebe zu besitzen (=Geiz) nach.

Die Mystik, die christliche, neigt dazu, die gute Zeit in die Vergangenheit zu legen, in die zeitlose Ewigkeit bei Gott: Dort strebt die Seele, die ihren göttlichen Funken entdeckt hat, dort, in der Urzeit, erlebt sie die Erlösung, als Austritt aus Geschichte, als ewiges Sein in Gott.

In der Bibel wird im Buch des Apokalypse, der Geheimen Offenbarung, ganz am Ende, im 21. Kapitel, das neue Jerusalem als Ort der Verheißung beschrieben, Die Stadt war aus reinem Gold, heißt es da in Vers 18. Das ist die neue Welt. In der aller Schrecken beendet ist. Goldene Zeitalter also in der Zukunft. Dort gibt es keinen Tempel (der Juden) mehr. In der Zukunft wird die unmittelbare Gottesbegegnung geben.

Es wäre der Kritik am Gold im AT weiter nach zugehen, in den Psalmen etwa: „Die Götzen sind Silber und Gold; der Fromme liebt Gottes Gebote mehr als Gold“.

Geschichtsphilosophisch sehr interessant ist, dass es seit dem Mittelalter, etwa in Joachim von Fiore, später dann im 16. Jahrhundert durch Thomas Morus, die goldene Zeit als die zukünftige Zeit entwickelt wird. Als Utopie der menschlichen Welt, die dann auch gemacht werden kann von den Menschen. Utopie ist sozusagen ein Aufruf zur Tat. Das goldene Zeitalter wird eher wahrgenommen als Geschenk, als zufälliges Glück, etwa viele Künstler um sich zu haben. Konservative Denker weisen bis heute die Utopien ab, weil in der Utopie immer die kritische Negation der Gegenwart mitgemeint ist, wie Ernst Bloch, der Philosoph des „GEISTES der Utopie“ meint. Schon bei Thomas Morus, in seiner UTOPIA von 1535, ist Sozialkritik in großer Schärfe dargestellt. Anstelle des Egoismus wird eher für die Gütergemeinschaft plädiert.

In Berlin spricht man von den goldenen Zwanzigern, die Jahre 1924 bis 1929, die so goldig für alle Berliner, besonders für solche, die arbeitslos im Schatten der Hinterhöfe lebten, ja nicht waren. Politisch war alles sehr schwankend, das kulturelle Leben in bunter Vielfalt, die Nacht wurde zum Tage, neue Eleganz, Luxus, an der wenige teilhatten.

Das Wirtschaftswunder, einige Jahre nach der Beendigung des Holocaust, also in der Erhardt-Ära, Kanzler von 1963 -66) wird wegen des Wirtschaftsaufschwungs (bei bleibenden Schweigen über die Nazi-Verbrechen) auch golden genannt. Politisch eher ein unaufgeklärtes, die Vergangenheit verleugnendes Zeitalter!

7. UNSER persönliches goldenes Zeitalter:

Irgendwann hat jede Nation und sicher auch jedes Individuum das Verlangen, eine bestimmte reale Zeit in der eigenen Geschichte als das goldene Zeitalter oder das goldene Jahrhundert, el siglo de oro, festzulegen. Eine Zeit, meist in der Vergangenheit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war.Vielleicht ist es die (schöne !) Kindheit?

Es ist merkwürdig, wenn Künstler und Intellektuelle, die in der DDR in einer Nische der versteckten, aber sichtbaren Opposition lebten, heute sagen: „Nie war die DDR vielgestaltiger als während ihrer Auflösung von Innen heraus, so Wolfgang Engler, heute Rektor der Schauspielschule Ernst Busch. „im Gedächtnis derer, die daran teilhatten, war dies die beste Zeit“ (Tagesspiegel 15. 7. 2016).

8. Ein kritischer Hinweis zum Schluss:

Die Ausstellung „el siglo de oro“ befindet sich in der Gemäldegalerie in ständiger Berührung und Sichtweite zur allgemeinen, wunderbaren Dauerausstellung. Ich bin kurz vor Ende der Spanien-Ausstellung schnell mal zu den alten Meistern der Holländer ausgewichen. Und ich muss sagen: Es war dort für mich eine Art Befreiung, ein Aufatmen, das reale Leben von armen, vor allem bürgerlichen Menschen in Holland auf den Genre-Gemälden zu erleben. So viel Alltag, so viel Menschlichkeit, so viel Lachen und Freude und Staunen und Lesen und Saufen und Prügeln usw. Das ist doch der Alltag. Im „el siglo de oro“ hat kein Heiliger gelacht. Nur ständig diese Christus-Leichname, die Kreuzigungen, die (Selbst) Quälereien von Heiligen, dieses Blut, die Wunden.

Warum kam kein die Kunst finanzierender Klerus damals auf die Idee, den Jesus der Bergpredigt malen zu lassen, wäre doch ein tolles Motiv gewesen; oder den Jesus, der die Händler aus dem Tempel rausschmeißt; der Wunder wirkt am Sabbat natürlich als Gesetzesbrecher; der die Tischgemeinschaft liebte, der mit den Frauen so freundlich-erotischen Umgang pflegte und so weiter und so weiter. Die kirchlichen Auftrageber liebten das Leiden und das Blut und den Tod. Diese Kunst, diese Blut-Kunst der Leichname und Sterbenden, von der Kirche finanziert, ist in dieser Einseitigkeit in meiner Sicht häretisch und theologisch falsch im eigentlichen Sinne: Sie wählt einige wenige Aspekte aus dem Leben Jesu aus, die Geburt mit der Jungfrau, und immer wieder das Kreuz … und die Mönche und die Heiligen, die sich als Sünder geißeln und permanent – angeblich – Buße tun. Der Klerus stellt sich in den Mittelpunkt. Diese Tradition des leidenden, Blut triefenden Christus lebt bis heute in der semana santa. Manche Fromme oft wohl krankhaft fromm, lassen sich selbst heute noch bei diesen volksreligiösen Folklore-Veranstaltungen ans Kreuz nageln. Auf den von spanischer Frömmigkeit bestimmten Philippinen ist das noch üblich. Da staunen die Touristen… Jedenfalls ist in meiner Sicht die absolute Dominanz der Kreuzesdarstellungen und des sterbenden, verstorbenen Jesus, verheerend für ein wirklich umfassendes Verstehen des Christlichen. Dass heute so viele Menschen damit nicht mehr so viel zu tun haben, kann ich verstehen. Zeigt uns doch den ganzen Jesus von Nazareth, könnte eine Forderung heißen.

Noch einmal gefragt: Was bringt also die Ausstellung „El siglo de oro“? Sie zeigt zweifellos wunderbare Porträts von Menschen, wunderbare Charakterstudien der oft depressiven oder dummen Herrscher (Philipp IV. und Karl II.) oder der Leute am Hof . Über allem aber steht ein Schatten der Trauer, wenn nicht der Verzweiflung. Natürlich auch darüber, dass dieses „allermächtigste Königsreich“, das bis nach Lateinamerika und bis auf die Philippinen seine Macht ausgedehnt hatte und mit millionenfachem Mord an den sogen. Indianern sich finanziell zunächst bestens stabilisiert hatte, eben doch sich übernommen hatte in den Kriegen. Es war zudem an der eigenen wirtschaftlichen Unfähigkeit gescheitert. Aber auch dadurch, dass man in Spanien keine bürgerlichen Freiheiten gewährte und Wissenschaft und Forschung verhinderte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, blieb Spanien ein weithin klerikal bestimmtes eher unbewegliches, starres Land.

9. Ein aktueller Hinweis zur weiteren Debatte: Was vermag Kunst in einem Staat der Repression?

Die Kunst des „siglo de oro“ war, wenn, dann nur andeutungsweise schwach, kaum politisch-kritisch. Die kritische Haltung konnte sich kein Künstler leisten, Cervantes deutet eine solche Haltung in seinem Don Quijote an.

Hingegen: Ein Hinweis auf eine heute wirkmächtige, Politisches tatsächlich verändernde Kunst: Vom 16. Juli bis 26. September 2016 gibt es im Martin Gropius Bau eine empfehenswerte Ausstellung über die oppositionelle Kunst in der DDR. Ihr Titel: „Gegenstimmen“.

Der totalitäre Herrschaftsanspruch konnte sich in der DDR eben nicht total durchsetzen, es gab von Künstlern erkämpfte freie Räume, zwar bescheiden, aber gegen Mitte der 1980 Jahre wachsend. Das waren Künstler, die nicht mehr auf sozialistische Reformhoffnungen setzten, wie der Kurator der Ausstellung, Paul Kaiser, schreibt. „Die Künstler folgten nur ihrer eigenen Erfahrungswelt, sie propagierten eine Generaldistanz, die sich nicht mehr um die Erweiterung eines künstlerischen Vokabulars, sondern um eine gänzlich neue Semantik bemühte… dadurch trug die Bohème auf ihre Weise zu innenpolitischen Destabilisierung der DDR bei.“ … „Diese Künstler sind leider fast vergessen“. Es gibt bis heute eine Verblendung, eine Ignoranz, „eine vampiristische Konsequenz westdeutscher Sinngebungsinstanzen“, wo wird Christoph Tannert von Paul Kaiser in „Museumsjournal“, 3/2016 Seite 53, zitiert.

Die Voraussetzung für diese so mutige Kunst: In der DDR gab es immerhin doch eine schwache Pluralität, trotz der dominanten Einheitspartei: Es gab die Informationen usw. aus dem Westen via Radio und Fernsehen; es gab immerhin die Kirchen, vor allem die sich nicht ins Getto versteckende evangelische Kirche, und es gab eben die Künstler, die Schriftsteller, die Filmemacher, die Musiker, die alle, trotz Stasi-Präsenz, ein Stück Freiheit eroberten. Diese Ideen waren dann die Kraft, das Regime, selbst schon ökonomisch am Ende, 1989 zum Sturz zu bringen.

Solche Konstellationen gab es in dem total vereinheitlichten, von Angst vor „den anderen“ zerfressenen katholischen System im Goldenen Zeitalter Spaniens nicht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur zum Umfeld: Goldenes Zeitalter in Spanien

Gustavo Gutierrez, Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas. Herder Verlag, 1990.

Bartolomé de Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder. herausgegeben von Michael Sievernich, Inselverlag, Frankfurt/Main / Leipzig 2006.,

Sehr zu empfehlen, bewegend: Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit. 8. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2000 Ersterscheinung 1938, nach der 1. Auflage von den Nazis verboten, dann wieder 1946 erscheinen)

Baltasar Gracian, „Hand Orakel und Kunst der Weltklugheit“. Fischer Taschenbuch, 2008. 7 Euro. Ein philosophischer Ratgeber für ein erfolgreiches Leben.

Martin Franzbach, Cervantes, Reclam Heft, 80 Seiten. 1991. Sehr zu empfehlen.

Über den wichtigen kritischen Schriftsteller aus dem Quechua Volk mit Namen Waman Puma de Ayala (ca. 1535 bis 1615) liegen meines Wissens auf Deutsch keine Studien vor. „Es ist das reichhaltigste und umfassendste Dokument, das uns aus der Epoche der ‚Besiegten der Eroberung‘ überliefert ist“, so Bernard Lavallé in Hdb.d.Gesch.Lateinamerikas, Bd.1, S.514

Informativ auf Deutsch wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Waman_Puma_de_Ayala#Literatur

Auf Deutsch eine Einführung zu Felipe Guaman poma de Ayala: http://sammelpunkt.philo.at:8080/2226/1/Fr%C3%BChmann_Poma-de-Ayala.pdf

Grundsätzlich zu Spanien im allgemeinen und en passant auch zum Goldenen Zeitalter: Juan Goytisolo, Spanien und die Spanier. Taschenbuch, viele Auflagen. 11 Euro. Suhrkamp.

Die liberale Theologie lebt. Literarische Zeugnisse für eine neue religiöse Perspektive

Die liberale Theologie lebt. Zeugnisse aus Kunst, Musik, Literatur, Film … für eine neue religiöse Perspektive

Von Christian Modehn

Zu diesem Artikel, der hoffentlich bald umfangreich wird und Diskussionen fördert, aber immer Essay bleibt, wurde ich angeregt ausgerechnet von dem obersten römischen dogmatischen Glaubenswächter Kardinal Gerhard Ludwig Müller (zuvor Erzbischof von Regensburg und bleibender Ratzinger-Getreuer): Er hat in der katholischen Tageszeitung „Deutsche Tagespost“ einfach verkündet: „Die Lebenswirklichkeit ist keine Offenbarungsquelle“, so in einem Interview vom 28. März 2015, das weltweit verbreitet wurde, unter anderem auch auf der konservativen www.kath.net. http://www.kath.net/news/50039

Eine neue liberale (protestantische, vielleicht später auch einmal explizit katholische) Theologie plädiert genau für das Gegenteil: Die Lebenswirklichkeiten eines jeden Menschen, das Aussprechen seiner Lebenserfahrungen, verbal oder non-verbal, sind Offenbarungsquellen, also mitten im geistvollen Leben „lebt“ das Göttliche/Gott und Menschen finden dafür den ihnen eigenen Ausdruck..

Das heißt: In jedem Leben offenbart sich auf eine individuelle Art und in persönlichen Worten Gott. Und jeder drückt diese Wirklichkeit anders aus, als Kunst, als Musik, als Poesie, als politisches radikales Engagement, als stilles Dulden, als Schweigen, als hilfloses Suchen usw. Und das hat bitte jeder und jede, selbst Kardinal Müller, zu respektieren. Er sitzt doch nicht auf dem Thron der Weisheit. Da haben ihn einige Fromme hingesetzt, damit sie zu etwas Exklusivem aufschauen können..

Dabei wird liberale Theologie vorschlagen, dass die unterschiedlichen (religiösen) Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Das ist der Sinn der christlichen Gemeinde: Religiöse Menschen miteinander in ein (selbst)kritisches Gespräch einladen, damit sie besser und tiefer ihre eigene Lebensphilosophie, die nun einmal jeder hat, bzw. ihren je eigenen Glauben wahrnehmen. Diese Theologie hat Schleiermacher vertreten. Eine solche Gesprächsrunde (also Kirche) will niemals Missionierung betreiben, sondern die Vielfalt der Meinungen wird als Geschenk erlebt.

Diese Erkenntnis verdanke ich dem Berliner Theologen Wilhelm Gräb, Humboldt Universität, er ist mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin freundschaftlich verbunden und hat dieser website schon zahlreiche Interviews gegeben. Sie sind unter www.religionsphilosophischer-salon.de nachzulesen, klicken Sie hier.

Als Motto soll über unserem (Langzeit)-Projekt ein Wort von Wilhelm Gräb stehen: „Vom heutigen Glauben und dem, was die Menschen als ihren eigenen Glauben zuzumessen bereit sind, gilt es auszugehen. Es gilt, den Glauben zu durchdenken, der ein souveräner Glaube ist, ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens“. (in: dem empfehlenswerten Buch von Wilhelm Gräb, „Glaube aus freier Einsicht“. Gütersloher Verlagshaus 2015, S. 12 f.)

Zur Methode unseres Projekts:

Es gilt, zahlreiche Lebensberichte, „Lebensbeichten“ oder bloße Interviews aufmerksam zu lesen und herauszuspüren, wie sich da, jeweils persönlich sehr verschieden, der Sinn des eigenen Lebens oder der erlebte Sinn von Welt ausspricht oder der Wille, sich an die eigene Basis-Überzeugung „absolut“ zu halten. Es soll sozusagen, die bei immer schon gelebte Spiritualität dokumentiert werden. Eine solche Dokumentation von individuellen Lebens-Sinn-Geschichten ist keine Vereinnahmung in eine Kirche hinein. Diese Dokumentation ist nichts als die Wahrnehmung aus einer liberal-theologischen und dann auch religionsphilosophischen Perspektive, dass die Lebenswirklichkeit eben doch die Offenbarungsquelle des Göttlichen ist. Das gilt, selbst wenn manche Menschen sicher aus Abwehr gegenüber allem Kirchlichen von Göttlichem in ihrem Leben eher nicht sprechen wollen, weil Gott zu sehr mit der Institution Kirche konnotiert ist. Trotzdem kann ein Betrachter „von außen“ dann doch Gott/Göttliches im jeweiligen Leben wahrnehmen und als solches benennen, ohne diese Sprache dann den anderen aufzudrängen.

1.

Sehr viel Aufmerksamkeit verdient das Interview in „DIE ZEIT“ vom 26. 3. 2015 (Seite 45) mit dem Autor und Theatergründer (in Maputo) HENNING MANKELL. Das Interview bezieht sich vor allem auf die Krebserkrankung Mankells. Angesichts des eigenen Todes sagt er:
„Dass ich mich vor dem Sterben nicht fürchten muss. Man geht über in etwas anderes. In meinem Fall: in die Dunkelheit, für religiöse Menschen in das Paradies, was auch immer. Wir gehen in verschiedene Richtungen, aber wir gehen…“

Dann erinnert sich Mankell an Johann Sebastian Bach, der eines Tages nach Hause kam und seine Frau sowie zwei Kinder waren gestorben. „Wie Luther war Bach ein Mann, der die Erotik liebte, und auch für mich ist die Erotik die wahre Freude des Lebens. Es ist das Wundervollste des Lebens. Unvergleichlich“.

Das Wundervollste im Leben: Gibt es etwas Größeres als dieses? Erlebt ein Mensch bei dem Wundervollsten das, was in anderer Sprache Transzendenz genannt wird?

Susanne Mayer, die Journalistin, fragt direkt nach: „Mehr als Schreiben?“

Mankell antwortet: Schreiben ist die Nummer zwei. Erotik ist fundamental“.

Zuvor hatte Mankell auf die Frage, woher bei ihm die Kraft kommt, so viel zu arbeiten und in Afrika Gutes

zu tun, geantwortet: „Woher kommt das? Von Luther und Calvin. Ein bisschen von beiden. Ich meine, ich möchte die Welt ein bisschen besser zurücklassen, als ich sie vorfand“. Auf diese provozierende Antwort eines „an sich“ bekennenden Agnostikers: „Luther und Calvin…“ geht die Journalistin leider nicht näher ein. Das wird verdrängt, diese überraschende Antwort überhört.

PS. von Christian Modehn: Das habe ich oft beobachtet, dass JournalistInnen, die mit Religionen, Kirchen usw. nicht so viel „am Hut haben“, überraschende religiöse Antworten übergehen und gleich zum nächsten „Punkt“, zur nächsten Frage, weitergehen.

2.

Über Musik (verbal) zu sprechen, ist eine besondere Schwierigkeit, nicht nur für Menschen, die Musik hören. Mehr noch für Künstler, die Musik „spielen“. Der besonders bedeutende Pianist der Gegenwart ist Grigory Sokolov. Er gibt prinzipiell keine Interviews, nur wenige Zitate (aus Gesprächen) werden in Reportagen über seine Konzerte wiedergegeben. In „Die Zeit“ vom 16. April 2015 sagte Sokolov: „Die Musik hört niemals auf. Sie bleibt , sie ist immer da“. Nebenbei: Bei seinen Konzerten verlangt Sokolov, dass die Beleuchtung stark reduziert wird, es entsteht also eine eher meditative Dunkelheit. „Die Zeit“- Autorin Christine Lemke-Matwey spricht gar davon, dass die Berliner Philharmonie dann „in eine Höhle verwandelt wird“, in „einen Uterus des Noch-nicht-Seins“. Sie relativiert diese Einschätzung jedoch – korrekterweise ?- durch eine prosaische Erklärung des Künstlers, bei vollem Licht werde „alles alles einfach zu heißt“…

3.

Der Dichter (und Philosoph) Friedrich Hölderlin verlässt im Jahr 1798 seelisch stark belastet (verzweifelt) Frankfurt am Main und findet Zuflucht in einem Haus am Rande von Bad Homburg, das ihm sein Freund Isaac von Sinclair vermittelt hat. Hölderlin findet dort Ruhe und „Kraft zum Leben“: „Da gehe ich dann hinaus, wenn ich von meiner Arbeit müde bin, steige auf den Hügel und setze mich in die Sonne. Und sehe über Frankfurt in die weiten Fernen hinaus. Und diese unschuldigen Augenblicke geben mir dann wieder Mut und Kraft zu leben und zu schaffen“. Der Autor Gunter Martens fährt dann fort: „Hölderlin schließt diesen Brief an seine Schwester mit der Bemerkung, solche Naturgänge seien, „so gut, als ob man in der Kirche gewesen ist“ (RoRoRo Monographie, Hölderin, Seite 95) Hölderlin erlebt „Mut zum Leben“ in der meditativen Betrachtung der Natur „als ob man in der Kirche“, er meint: in einem Gottesdienst gewesen ist“: Denn was soll eigentlich ein Gottesdienst bewirken: Stärkung, Heilung, Befreiung. Also eine Form irdischer Erlösung. Erlösung im Himmel allein ist ja Gott sei Dank obsolet geworden. Wenn das ein Gottesdienst nicht (mehr) leistet, etwa aufgrund ritueller Erstarrung oder hermetischer/esoterischer Sprache oder allzu banaler Alltagsfloskeln, dann kann eine meditative Naturerfahrung auch dieselben heilsamen Wirkungen haben. Kommt es nicht in den Evangelien Jesu einzig auf diese Heilung, also Erlösung, an. Die kann doch wohl nicht die Kirche allein vermitteln! Insofern ist das knappe Zitat Hölderlins ein Beispiel für eine Spiritualität, an die sich viele Menschen halten, damals wie heute. Und Hölderlin bietet ein weiteres Element für einen Essay einer umfangreichen, literarisch-empirischen liberalen Theologie. Dabei muss ein Hölderlin Kapitel natürlich sehr umfangreich sein, weil er sich explizit vom dogmatisch erstarrten Christentum absetzte und in der dichterischen Erfahrung das Mythische als solches wiederbelebte als mögliche Existenzform.

4.

Erneuter Eintrag zur musikalischen Erfahrung:

An den Komponisten Karlheinz Stockhausen muss erinnert werden. „Ich bin im Bergischen Land in der Nähe des Altenberger Doms aufgewachsen. In dieser frühgotischen Zisterzienser-Kirche gibt es eine große Michael-Figur, die mich schon als kleines Kind fasziniert hat. Ich habe zu ihr gebetet und von ihr geträumt. Michael ist in meinem ganzen Leben so immer die erste und höchste geistige Macht gewesen, an die ich mich wandte“(Stockhausen im Jahr 2005). Besondere Beachtung verdient wohl Stockhausens sieben Teile umfassende Oper „LICHT“. Günter Peters schreibt: „Stockhausen verstand seine Werke als Folge von Annäherungen an das Absolute. In einer musikalischen Welt, die sich nicht durch Ausschlüsse, sondern durch Nachbarschaften und Einschübe definiert, sind die Übergänge vom Physischen zum Spirituellen, von der Realität zur Transzendenz fließend… Stockhausen glaubte fest an einen alles umschließenden Gott, in dessen jenseitiges Reich er nach dem Tod auffahren würde…“ (in: Musikfest Berlin 2015, hg. von den Berliner Festspielen. Seite 11).

 

FORTSETZUNG FOLGT.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Über den Hedonismus. Wenn die Lust zur Vernunft kommt

NDR Glaubenssachen am 2. März 2014

Wenn die Lust zur Vernunft kommt

Die Aktualität des Hedonismus

Von Christian Modehn

Das Layout dieses Beitrags entspricht dem für Hörfunkproduktionen üblichen Format. Der Text steht nur zur persönlichen Information zur Verfügung.

 

1. SPR.:

Philosophische Schulen der Antike erleben heute eine Renaissance: Wer die Belastungen des Alters voller Gleichmut ertragen will, sucht sich gern Inspirationen bei Seneca und Marc Aurel, den Stoikern. Freunde des geduldigen Dialogs folgen den Weisungen des Sokrates, des Meisters treffender Fragen. Und wer sich dem Vergnügen des Nachtlebens hingibt, hat keine Scheu, sich in aller Offenheit zum Hedonismus zu bekennen. Für diese Menschen ist die Hedonè, wie die alten Griechen sagten, also Genuss, Lust und Vergnügen der Lebensinhalt.

2. SPR.:

In Berlin schwärmen nicht nur Touristen von den „Tempeln der Lust“. Sie denken dabei nicht etwa an die altbekannten Orte der Ausschweifung, die Bordelle. Sie meinen die großen Music–Clubs, die am Freitagabend öffnen und erst wieder montags bei Tagesanbruch schließen. Diese Tempel sind alles andere als erbauliche Orte zum gemütlichen Verweilen. Einst waren in den riesigen Hallen Heizkraftwerke untergebracht, Mauern aus grauem Beton und nackte Eisenträger haben einen eigenen, leicht morbiden Charme.

1. SPR.:

Die Massen, die dort Einlass suchen, sind auf die Gnade der Türsteher angewiesen. Aber hat man einmal das Heiligtum betreten, ist beinahe alles erlaubt: Dem exzessiven Tanzen bei dröhnender House – Music widmet man sich halbnackt. Der gestylte Körper soll schließlich bewundert werden. Hochprozentiger Alkohol fließt in Strömen und auch andere Drogen werden nicht verschmäht. Für sexuelle Kontakte mit Zufallsbekanntschaften stehen halbwegs abgedunkelte Räume zur Verfügung.

2.SPR.:

Die Besucher dieser Stätten der Lust haben sich einen philosophischen Schutzpatron erwählt: Epikur ist ihr Lehrmeister; ihm wollen sie folgen, wenn sie für etliche Stunden am Wochenende dem Alltag entfliehen und nichts anderes im Sinn haben als die Hedoné, die Lebenslust.

1. SPR.:

Aber war Epikur tatsächlich ein Epikuräer, also ein Freund des Vergnügens, gar ein Lüstling? War der Philosoph, der vor 2.400 Jahren lebte, eine Art antiker Partygänger, ein hemmungsloser Genussmensch, ganz den üppigen Speisen ergeben und dem edlen Wein?

2. SPR.:

Tatsächlich, Epikur liebte die Lebensfreude über alles, auch den Genuss, selbstverständlich auch die Lust. Aber er hatte sich dabei doch den Sinn für feine Nuancen bewahrt. Denn er wollte lustvoll leben, ohne dabei auf den Verstand zu verzichten. Deswegen ist sein Denken heute noch inspirierend und hilfreich.

1. SPR.:

Im Jahr 341 vor Christus wurde Epikur auf der Insel Samos geboren; schon als Jugendlicher begann er, Philosophie zu studieren. 306 ließ er sich in Athen nieder und sammelte dort eine große Gemeinschaft von Schülerinnen und Schülern. Sie bevorzugten als Treffpunkt einen großen Garten, schön wie ein Park angelegt, auch für den Gemüseanbau blieb ausreichend Platz. Inmitten der Natur wollten die Freunde der Weisheit, die Philo-Sophen, einzig der Frage nachgehen: Was ist eigentlich das wahre Leben, was ist der rechte Gebrauch der Lust?

2. SPR.:

Als Epikur mit 70 Jahren starb, hinterließ er über 300 umfangreiche Werke. Die meisten Texte blieben nur als Fragmente erhalten. Aber die noch vorliegenden Werke zeigen die Vielfalt seiner Interessen, auch eine umfassende Lehre über das Wesen der Natur hat er entwickelt. Heute werden seine Hinweise zur Lebenslust besonders geschätzt.

3. SPR.:

Wir nennen die Lust das Prinzip und das höchste Ziel eines glückseligen Lebens. Meine Schüler, Ihr sollt darum in eurem Leben die Hedoné, die Annehmlichkeit, die Lust suchen! Kostet die Süße des Lebens aus. Ich weiß nicht, was ich mir als das Gute vorstellen soll, wenn ich die Lust des Geschmackes, die Lust der Liebe, die Lust des Ohres beiseite lasse, ferner die angenehmen Bewegungen, die durch den Anblick einer Gestalt erzeugt werden, und was sonst noch für Lustempfindungen im gesamten Menschen durch irgendein Sinnesorgan entstehen.

1. SPR.:

Aber wie jeder Philosoph muss dann auch Epikur den Sinn für die Unterscheidung der Geister wecken. Von blinder Begeisterung für die Lust hielt er nichts. So will er zwar nicht als Spielverderber auftreten oder als verbitterter Moralapostel. Aber er kann die entscheidenden Fragen nicht unterdrücken:

3. SPR.:

Wie kann ich als Mensch eigentlich richtig genießen? Welche Lust bereichert wirklich mein Leben?

1. SPR.:

Epikur plädiert also für einen kritischen Umgang mit der Lust, er möchte den Genuss kultivieren und zeigen: Wer genießt, erfreut sich nicht am hastigen Trinken eines Glases Wassers oder am eiligen Herunterschlingen einer Scheibe Brot irgendwo auf der Straße oder bei der Arbeit. Genuss ist vielmehr ein Zustand, Genuss meint die Dauer des Wohlbefindens. Also etwa das angenehme Gefühl, bei großer Hitze den Durst mit einem Glas frischen Wassers gestillt zu haben und dabei zu entspannen. Nicht der sexuelle Akt als solcher ist schon der ganze Genuss, genauso wichtig ist die viel länger anhaltende Freude an der erotischen Begegnung mit einem anderen Menschen. Dieses Gefühl des Wohlseins spendet Lebensenergie, macht Mut, den oft so grauen und grausamen Alltag zu gestalten. Lust als das dauerhafte Wohlbefinden lebt in der Erinnerung  weiter und stärkt die Sehnsucht nach einem heilsamen Zustand. Epikur betont:

3. SPR.:

Wenn wir also behaupten, dass die Lust das höchste Ziel sei, dann meinen wir nicht die Gelüste der Zügellosen und die Schlemmereien, sondern die Freiheit von Körperschmerz und Verwirrung des Geistes.

1. SPR.:

Wie andere Philosophen der klassischen Zeit in Athen oder Rom, etwa die Stoiker, versteht sich auch Epikur als Therapeut, der die Beschwerden von Leib und Seele mit vernünftigen Argumenten kurieren will.

2 .SPR.:

Man stelle sich einmal vor, Epikur würde heute leben und hätte den großen Film „The Wolf of Wallstreet“ mit Leonardo diCaprio in der Hauptrolle gesehen. Die Geschichte eines Brokers, der im Geld förmlich ersäuft. Denn er und seine Kumpanen steigern ihre Besessenheit, über alles Geld der Welt zu verfügen, ins Maßlose und Irrsinnige. Dabei werden sie völlig enthemmt, ihr Handeln folgt nur noch dem Motto: Zuviel ist nie genug. Das Ende des Brokers ist erbärmlich.

1. SPR.:

Epikur würde wohl sagen: Schade, Mister Wolf und ihr anderen Herren der Wallstreet; leider habt ihr niemals von meiner Lehre gehört, die ich so zusammenfasse:

3. SPR.:

Nicht Saufereien und Orgien am laufenden Band, nicht der ständige Genuss von Knaben und Frauen, auch nicht der Genuss von wertvollen Speisen und Fischen auf einer luxuriösen Tafel sind das lustvolle Leben! Vielmehr entsteht lustvolles Leben im nüchternen Nachdenken über jene irrigen Meinungen, die in der Seele die Verwirrung verursachen.

2. SPR.:

Ohne die Tugend der Klugheit mit ihrem kritischen Abwägen kommt auch das lustbetonte Leben nicht aus. Welcher Genuss nimmt mir meine körperlichen Schmerzen und meine seelischen Beschwerden? Und welcher Genuss überspielt bestenfalls diese Leiden kurzfristig und stachelt mich dann wieder an, erneut denselben Genuss zu suchen … um dann doch wieder erneut zu leiden?  Aus diesem traurigen Kreislauf gibt es nur ein Entkommen, betont Epikur:

3. SPR.:

Entscheidend für ein lustvolles Leben ist, die Vielfalt unserer Bedürfnisse zu unterscheiden: Es gibt Bedürfnisse, auf die niemand verzichten kann, weil sie natürlich und notwendig sind, wie zum Beispiel das einfache Essen und die elementaren Getränke, etwa das Wasser. Auch die Erotik gehört dazu. Mit Vorsicht sollte man sich hingegen Bedürfnissen hingeben, die zwar natürlich, aber nicht notwendig sind, wie etwa der Genuss von Wein oder der Vielzahl von Leckerbissen. Und meiden sollte man eher Bedürfnisse, die weder natürlich noch notwendig sind, also etwa Ruhm zu erwerben und mit großem Reichtum ausgestattet zu werden. Um würdig als Mensch zu leben, muss man nicht von überflüssigem Luxus umgeben sein.

1. SPR.:

Einfachheit und Genuss passen also bestens zusammen. Epikur und seine Freunde konnten sich an den frischen Kräutern und dem Gemüse aus dem eigenen Garten erfreuen, Fisch und Fleisch aßen sie nur selten. Hingegen fanden sie Zeit, für die wunderbaren Gaben der Natur zu danken. Sie ist für Epikur die ewige Quelle sprudelnden Lebens.

3. SPR..
Dank sei der seligen Natur, dass sie es uns erlaubt, das Notwendige leicht zu beschaffen. Dieses Notwendige kann schon unsere Lustgefühle wecken, etwa die Freude am frischen Brot und dem Käse, dem leichten Wein: Da wird der Leib befriedigt und die Seele ist zufrieden. Es geschieht die Mäßigung der Gier und das Gleichgewicht der Gefühle wird spürbar.

2. SPR.:

Epikur, der Philosoph der maßvollen Lust, wird heute auch als Meister des alternativen, bescheidenen Lebens gepriesen. Der französische Philosoph Michel Onfray (sprich Onfräh) hat als leidenschaftlicher Verteidiger einer hedonistischen Lebenshaltung diese Lehren Epikurs neu entdeckt. In einem Interview mit der Zeitschrift „Philosophie Magazine“ sagte Onfray kürzlich:

3. SPR.:

Ich halte eine Art Lobrede auf die Askese im Geistes Epikurs. Und die besteht im Wesentlichen darin, nur die elementaren Dinge wichtig zu nehmen. Wenn man ein Dach über dem Kopf hat, etwas zum Essen und sich zu wärmen, braucht man dann wirklich mehr?

1. SPR.:

Ja, der Mensch braucht doch noch etwas mehr, betont Epikur, nämlich die Freundschaft. Erst unter Freundinnen und Freunden wird ein bescheidenes Leben zu einem lustvollen Leben. Den großen Gemüse-Garten zu hegen und zu pflegen, macht ja  nur Sinn, wenn die Ernte gemeinsam verspeist wird. Lebenslust stellt sich erst ein, wenn man mit lieben Menschen gemeinsam den Wein genießen kann, und dabei ins Philosophieren kommt. Die Freundschaft gibt dem Leben mit all seinem Kummer erst Sinn, schärft Epikur ein:

3. SPR.:

Man hat eher darauf zu achten, mit wem man esse und trinke, als was man esse und trinke. Denn ohne Freunde beim Essen ist das Leben nichts als eine Abfütterung, wie bei einem Löwen oder Wolf.

2. SPR.:

Dieses bescheidene, aber lustvolle Leben in Gemeinschaft macht Sinn, meint der Philosoph. In solchen Stunden geistvollen Zusammenseins kann die Seele geheilt werden, weil man sich im Gespräch gemeinsam von falschen Vorstellungen befreit, etwa: Immer mehr zu Besitzen und zu Haben sei das Wichtigste im  Leben. Hingegen, so Epikur, komme es doch einzig auf die Unerschütterlichkeit und Gelassenheit an, die Ataraxía, wie die Griechen sagten:

3. SPR.:

Haben wir die Gelassenheit erreicht, legt sich der Sturm für unsere Seele. Diese Ataraxia, diese Ruhe der Seele ist vergleichbar der Ruhe auf dem Meer, wenn kein bedrohlicher Wind aufkommt.

1.SPR.:

Epikur entspricht ganz dem Geist der antiken Philosophie, wenn er sich auch als Therapeut versteht, er will die tief sitzenden Ängste bearbeiten, vor allem die Furcht vor dem eigenen Tod. Sie kann zu einem zerstörerischen, alle Lebenslust erstickenden Gefühl werden:

3. SPR.:

Der Schmerz der Seele, die Todesangst, ist heftiger und andauernder als der leibliche Schmerz.

2. SPR.:

Wer lustvoll leben will, muss auch die Todesangst bewältigen, heißt eine der Grundüberzeugungen Epikurs:

3. SPR.:

Wir sollten erkennen: Der Tod betrifft uns letztlich überhaupt nicht. Denn solange wir leben, ist der Tod nicht da. Wenn der Tod aber einmal da ist, sind wir als Menschen auch nicht mehr da. Der Tod betrifft also weder die Lebenden noch die Verstorbenen.

1. SPR.:

Epikurs Vorschlag klingt rigoros: Kümmert euch also nicht um euren Tod. Beachtet ihn nicht! Solange ihr lebt, seid ihr ja nicht tot.

2. SPR.:

Diese Lehre klingt sehr einfach. Aber sie hat ihre Grenzen. Denn ich bin ja immer auch mit dem Tod lieber Menschen konfrontiert. Der Abschied von ihnen fällt mir schwer. Was wird aus ihnen nach dem Tod, diese Fragen sind doch nicht zu leugnen. Was wird aus mir, wenn ich einmal tot bin. Trotz dieser Einschränkungen hat Epikurs Philosophie der vernünftigen Lust in der Antike eine enorme Aufmerksamkeit gefunden. Er galt als der Lebemeister schlechthin. Der Philosoph Charles Werner betont:

3. SPR.:

In der Zeit voller Wirren in der Antike hat die Philosophie Epikurs unzähligen Seelen Ruhe und Frieden gebracht.

2. SPR.:

Epikur und seine Freunde waren eher von einem positiven Menschenbild geprägt, sie waren so optimistisch zu meinen, der Mensch können das rechte Maß im Umgang mit seinen Leidenschaft und der Lust selbst finden.

1. SPR.:

Die Kirchen haben Epikur nie so recht respektiert, geschweige denn akzeptiert. Christliche Theologen konnten das Thema Lust und Genuss nicht unbefangen wie Epikur allein nach den Grundsätzen der Vernunft besprechen. Große Kirchenlehrer, wie Tertullian oder Augustinus im 4. Jahrhundert, waren überzeugt, dass seit dem Sündenfall von Adam und Eva im Paradies jeder Mensch völlig außerstande ist, sinnvoll genießen zu können. Lust und Genuss konnten nur zu einem lasterhaften, einem sündigen Leben führen.

2. SPR.:

Schon der erste christliche Theologe, der Apostel Paulus, lehrte: Lust, gerade auch sexuelle Lust, sollte besser erst gar nicht erst entstehen. Keuschheit und Ehelosigkeit galten ihm als höhere Werte. Lustbetonte Liebe durfte selbst in der Ehe nicht sein. Später konnte die katholische Kirche Begierden und Freuden der Erotik nur akzeptieren, wenn sie ausdrücklich die Zeugung von Kindern intendierten. Viele Christen wurden nun zwischen menschlicher Lust und kirchlichen Vorschriften förmlich hin und her gerissen und in unsägliche Seelenqual gestürzt. Sie ließen sich einreden, Lust, Freude, Vergnügen gehörten nicht zur guten Schöpfung Gottes!

1. SPR.:

Die tiefe Kluft zwischen einer epikuräischen Zustimmung zur Lust und einer christlichen Abwehr ist nur selten überbrückt worden. Erst im 15. Jahrhundert wagt es der katholische Philosoph und Mitarbeiter am päpstlichen Hof, Lorenzo Valla, die Lehre Epikurs auch den Christen ausdrücklich zu empfehlen. Valla verfasste die Schrift „Über das wahre und das falsche Gute“. Darin wird die Lust als eine erstrebenswerte Gabe Gottes dargestellt und den Christen zur Praxis nahe gelegt. Eine Ungeheuerlichkeit damals! Der evangelische Theologe Jörg Lauster hat auf diesen weithin vergessenen Theologen der Renaissance Zeit aufmerksam gemacht:

3. SPR.:

Die Lust ist im Sinne Vallas eine das Leben steigernde Kraft und darum ein wertvolles Ziel der Lebensführung, z.B: Auch der Genuss der Speisen und die Sexualität tragen zum Gelingen des Lebens bei.

1. SPR.:

Aber wie sein Meister Epikur musste der Theologe Valla dann doch eine Einschränkung machen:

3. SPR.:

Die Menschen müssen auch bei der Lust abwägen, was gut ist,  und dabei auch auf die Erfüllung mancher sinnlicher Lust zugunsten geistigen Genusses verzichten.

2. SPR.:

Insgesamt sind aber Lorenzo Vallas Überlegungen eine absolute Ausnahme, sie sind ein herausragendes Denkmal der christlich – humanistischen Renaissance-Philosophie geworden. Bescheidene Ansätze für eine positiv gestimmte Theologie der Lust finden sich erst im 20. Jahrhundert. Einer der wenigen Theologen, die die Lust im christlichen Leben aufwerten wollen, ist der Protestant Manfred Jossutis, Professor emeritus an der Universität Göttingen. In seinem Plädoyer für die Lebenslust steht sein Lob der Sexualität an erster Stelle:

3. SPR.:

Alle Menschen sind auch Produkte von Begehren und Lust. Zur persönlichen Annahme des geschenkten Lebens gehört deshalb nicht nur die Bejahung der eigenen Körperlichkeit, sondern auch die Bejahung jenes unheimlichen Aktes, in dem die eigene Existenz grundgelegt ist. Sexuelle Praxis ist immer auch ein Akt der Lebensbejahung.

1. SPR.:

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit! Aber in kirchlichen Kreisen muss das noch immer betont werden, etwa, wenn man an die offizielle Warnungen vor dem Gebrauch von Kondomen denkt. Auf katholischer Seite hat der französische Bischof Jacques Gaillot ausdrücklich gefordert, die Lust doch bitte als selbstverständliche Tugend des christlichen Lebens zu respektieren. Der Bischof von Evreux hatte den Mut, im Jahr 1989 seine Überzeugung in dem genannten Herren Magazin Lui (sprich Lüí) )zu verbreiten:

3. SPR.:

Lust gehört zu uns Menschen und zum Leben. Lust ist nicht zu verurteilen, sondern sie ist uns von Gott geschenkt. Nur sollte man bei dem Vergnügen immer die Achtung vor der eigenen Person bewahren und auch die anderen Menschen respektieren. Im übrigen aber ängstigt mich der internationale Waffenhandel mehr als die Freizügigkeit der Sitten in der Lust.

1. SPR.:

Über diese Worte war der Vatikan alles andere als erfreut. Jacques Gaillot wurde 1995 als Diözesanbischof abgesetzt. Ihm wurde das längst untergegangene Wüstenbistum Partenia irgendwo in einer algerischen Einöde übergeben. Der Verteidiger der Lust wurde in die Wüste geschickt!

2.SPR.:

So wenden sich auch religiöse Menschen, die ein gleichermaßen lustvolles wie vernünftiges Leben führen wollen, doch eher an die Philosophie. Als guten  Ratgeber erleben sie dabei den Philosophen Michel de Montaigne, er war Katholik und Humanist. Aber er liebte es nicht, etikettiert und eingeordnet zu werde: Er wollte nichts anderes sein als ein allseitig interessierter Mensch. Er hat in seinen bis heute viel gelesenen Essais geschrieben:

3. SPR.:

Man sollte den Lüsten weder nachlaufen noch vor ihnen wegrennen. Man sollte sie willkommenheißen. Ich nehme sie sogar mit etwas breiteren Armen auf als üblich. Gerade jetzt, wo ich alt bin sage ich: Wir sollten feste zugreifen, sobald sich eine günstige Gelegenheit der Lust bietet. Überlassen wir die täglichen Diätempfehlungen den Ärzten und den Kalendermachern.

1. SPR.:

Montaigne liebte die Lust und den Genuss zu einer Zeit, die von blutigen Religionskriegen bestimmt war. Angst und Verzweiflung waren im 16. Jahrhundert stärker als Lebensfreude und Zuversicht. Montaigne nannte seine Epoche verderbt und hirnlos, barbarisch und ungeheuerlich. Aber er sah darin keinen Grund, sich dieser allgemeinen Stimmung von Hass und Niedertracht zu beugen. So bleibt sein Grundsatz der Philosophie der Lust bis heute inspirierend:

3. SPR.:

Ich halte nichts von einem missmutigen und mürrischen Geist, der über die Freuden des Lebens hinweg schleicht und bei den Widerwärtigkeiten verharrt. Mein Grundsatz ist: Ich liebe das Leben und hege und pflege es so, wie Gott es uns ja gegeben hat.

2. SPR.:

Und damit man ihn ja nicht zu fromm versteht, fügt Montaigne hinzu:

3. SPR::

Fern liegt mir der Wunsch, das Leben möchte des Bedürfnisses nach Essen und Trinken enthoben sein.

COPYRIGHT: Christian Modehn Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat

Ein pädophiler Nuntius und das Konkordat
Zur jüngsten Entwicklung in der Dominikanischen Republik

Bitte beachten Sie am Ende dieses Beitrags einen weiteren Beitrag von Matthias Katsch, vom „Eckigen Tisch“ vom 12. 9. 2013.

Der (vorläufigen) Vollständigkeit wegen, publiziert am 27.9. 2014: Der pädophile EX – Nuntius Josef Wesolowski ist am 24. 9. 2014 im Vatikan verhaftet worden. Er hatte sich nach Weiter lesen “Ein pädophiler Nuntius in der Dominikanischen Republik… und das Konkordat” »

Nietzsche – spricht zu den Christen

Einige Freunde haben mich gebeten, einen kleinen Beitrag über Nietzsche aus dem Jahr 2001 noch einmal zugänglich zu machen, es handelt sich um den Versuch, einige wichtige Gedanken Nietzsche vor  allem gegenüber spirituell und kirchlich Interessierten –provokativ – deutlich zu machen.

»Man muss Jesus als das wärmste Herz denken«
Was Friedrich Nietzsche den Christen heute schreiben würde

Von Christian Modehn

100 Jahre bin ich nun tot. Aber meine Ideen, meine Vorschläge, meine Polemiken: Sie leben, sie sind wichtiger denn je. Nicht nur Martin Heidegger hat betont, dass man sich an mein Denken noch erinnern wird, wenn mein Name längst vergessen ist. Aber ich bin nicht vergessen. Ich bin heute wie früher auch umstritten, und das freut mich. Ihr wisst, dass ich nie zur Bescheidenheit neigte. Ängstlichkeit lag mir fern, und Autoritäten hab’ ich meist verabscheut. Ich wusste, was ich kann; und ich weiß, dass ich heute Euch Christen etwas zu sagen habe. Darum wende ich mich an Euch. Ihr wisst, dass ich deutliche Worte liebe und manchmal übertreibe, einfach nur, um die Wahrheit besser hervortreten zu lassen. Darum freue ich mich über Eure Toleranz und vor allem über Euren Mut, mitzudenken und keine falschen dogmatischen Barrieren aufzustellen. Denn ich hatte immer ein deutliches Gespür dafür, Dinge zu sagen, die niemand sonst so treffend formuliert hat. Typisch Nietzsche, werdet Ihr denken … Euer Neid sei Euch verziehen. Dass ich mich manchmal als Prophet fühlte, als Künder neuer, epochaler Wahrheiten, mag ein bisschen übertrieben gewesen sein, aber ganz Unrecht hatte ich ja oft nicht.

Darf ich darum zuerst an einen Satz aus meinem Zarathustra-Buch erinnern? »Ich beschwöre Euch, meine Brüder (und Schwestern), bleibt der Erde treu und glaubt denen nicht, welche Euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.«  Ihr wisst, das ist mein Programm: »Bleibt der Erde treu!« Wie oft habe ich als Sohn eines evangelischen Pfarrers erleben müssen: Fromme Leute, die ihre ganze Existenz auf dieser Welt schon auf den Himmel ausrichteten. Sie hatten kein Gespür für die schöne Welt, für die Natur, den Leib, die Sexualität, die Lust, ja, durchaus auch den Spaß; sie hatten keinen Sinn für die Befreiung und Entwicklung des ganzen, des leibhaftigen Menschen. Sie gönnten sich nichts, sie waren Asketen und schwärmten nur vom Himmel. »Bleibt der Erde treu«, heißt mein Programm. »Schaut nicht hinauf in den Himmel«, hat das nicht schon Jesus den Jüngern im Moment seiner Himmelfahrt zugerufen? Ich meine nach wie vor: Bleiben wir irdisch, bleiben wir menschlich, hüten wir uns, auf der Seite Gottes zu stehen und als Agenten seiner Wahrheiten aufzutreten. Hat nicht Joseph Ratzinger schon in München das Kardinals – Motto gewählt: „Mitarbeiter der Wahrheit“? Welch ein Wahn, würde ich sagen…Wer uns von der Erde loslösen und in himmlische, charismatische, fromme, transzendente Regionen entführen will, der vergiftet uns: Das wollte ich mit meinem Wort »Giftmischer« sagen. Geistliche Meister des Jenseits vergiften unser Leben, nehmen uns langsam dosiert unsere Lebensenergie weg. Sie verderben unser Dasein, weil sie uns in der angeblich ewigen Spaltung von Diesseits und Jenseits festlegen wollen. Das Diesseits ist das Jammertal, das unsichtbare Jenseits das Paradies, diese Ideen leben noch heute. Warum hat eigentlich der Vatikan so sehr gegen die Befreiungstheologie polemisiert und ihre Verteidiger schikaniert? Weil diese Christen der Erde treu bleiben wollten. Weil „Seelsorge“ als der einzige Auftrag der Kirche endlich, endlich, zurückgewiesen wird. Weil es auf Leibsorge ankommt, auf eine bessere Gesellschaft. Weil die Befreiungstheologen Nahrung für alle und gerechte Verhältnisse einklagen und das zumindest genauso wichtig fanden wie die Welt der Dogmen. Oder irre ich? Ein Papst, der einmal eine Enzyklika mit dem Titel »Bleibt der Erde treu« schreibt, wird sicher danach auf allen sakralen, barocken Pomp verzichten und anstelle von kostspieligen Weltreisen Gesundheitsprogramme in Afrika, vor allem die Aids-Prophylaxe, massiv und wirksam fördern. Jetzt werden Aids betroffene Afrikaner von vielen Katholiken nicht mit Leben schützenden Kondomen versorgt, sondern in Sterbekliniken aufs Jenseits vorbereitet. Sehr löblich, diese Sterbebegleitung, aber sollte man nicht zuerst das Leben schützen? Den Homosexuellen verbietet der Papst zu lieben, also im umfassenden Sinne zu leben; sie sollen sozusagen ihre Lebensenergien unterdrücken, als »Nobody« leben. Wer der Erde treu bleibt und auch seinem Leib, wird Sexualität als Form der lebendigen Transzendenz erleben. Wie schreibt doch der Professor für evangelische Theologie Manfred Jossutis so schön, in meinem Sinn denke ich: »Menschliche Sexualität hat eine transzendierende Tendenz. Wer die Sexualität verweltlicht, fördert die Verarmung des menschlichen Lebens.« Deswegen noch einmal: Hören wir auf mit der Trennung von Diesseits und Jenseits, von schlechtem Weltlich-Menschlichen (Sexuellen) einerseits und gutem und reinem Jenseitigen. Bleiben wir vielmehr der Erde – ganzheitlich – treu!

Ihr wisst, dass ich, Friedrich Nietzsche, mich gerade in der letzten Phase meines klaren Daseins, also vor meinem Zusammenbruch 1889, besonders entschieden gegen die Macht der Kirchen gewandt habe. Ich kam in »Rage«, wie die Franzosen sagen. Ich war ein Philosoph mit Wut im Bauch, aber das immer nur als Durchgangsstadium hin zu einer »Fröhlichen Wissenschaft«, wie ich sagte, zu einer Philosophie als fröhlicher Lebenskunst. Das war mein Lebensziel. Tatsächlich sah ich mich aber selbst am Sterbebett des Christentums sitzen; die Institution Kirche war für mich »fragwürdig und furchtbar«, sie war für mich »zum Grab Gottes geworden«. Denn ich spürte intensiv: Die alte religiöse Welt geht zu Ende, die alte Glaubenswelt bricht zusammen, die früher den Menschen Halt und Richtung gab. Aber ich habe dann doch das Ende des institutionalisierten Christentums als Hoffnung und Befreiung gedeutet, weil alle Energie nun auf die Erde, auf das glückliche Leben im Hier und Jetzt gerichtet werden kann. »Weil wir unser Dasein heiligen können«, wie ich sagte, weil wir als Menschen von unendlichem Wert werden. Darum habe ich ja den Vorschlag gemacht, dass wir Menschen zu Übermenschen werden müssten. Der Übermensch: Ein Wort, das leider oft völlig missverstanden wurde, vielleicht habe ich mich aber nicht immer klar genug ausgedrückt. Aber PhilosophInnen wie Annemarie Pieper (Basel) oder Günter Figal (Freiburg) und andere haben Euch darauf hingewiesen: Mit dem Übermenschen meine ich, dass wir auf eine neue Art leben sollten, dass wir sozusagen den »alten Menschen«, von dem ja auch schon das Neue Testament voll ist, hinter uns lassen. »Übermensch ist ein Name für die menschliche Freiheit«, sagt Günter Figal. Der Übermensch hat nichts mit der »Herrenmoral« zu tun; er ist vielmehr der Mensch, der sich gegen den um sich greifenden Nihilismus wendet und seinem Leben selbst einen Sinn gibt. Er ist dabei, die Einheitlichkeit im Leben zu schaffen, Göttliches und Menschliches als Einheit zu gestalten.

Denn Ihr müsst wissen: Ich habe dem Begriff des Übermenschen, des »freien Menschen«, der aus seinem Leben ein »Kunstwerk« macht, stets den »letzten Menschen« gegenübergestellt. Der »letzte Mensch« ist für mich der alltägliche Mensch, der sich um nichts anderes kümmert als um das banale Leben. Er ist sozusagen der Materialist, der keine Fragen mehr nach dem Sinn und Zweck des Ganzen stellt. Der »letzte Mensch« ist von mir durchaus im qualitativen Sinne gemeint, so etwa, wenn Ihr abschätzig sagt: »Na, der ist ja der Letzte.« Für mich ist dieser klein karierte Menschentyp Inbegriff des Nihilismus, von dem ich immer wieder gesprochen habe. Ich habe ja unsere Epoche insgesamt als nihilistisch bezeichnet. Ich hatte die tiefe Erfahrung der modernen Menschen gespürt und gesagt: Unsere Epoche ist nihilistisch. Die tragenden Werte, der gründende Sinn, der transzendente Horizont, alles das ist »nichts«. Vor allem der alte Gott im Himmel, der Herrscher, der Richter, der Ursprung der Moral, dieser Gott gilt nichts mehr, lebt nicht mehr, weckt keine Lebensenergie. Ich habe den »tollen Menschen« in meinem Buch »Fröhliche Wissenschaft« diese Erfahrung in Form einer Parabel sprechen lassen, fast wie einen biblischen Text. Ich habe gesagt, dass Menschen den bisher geglaubten Gott getötet haben, eben weil sie nicht länger die Zerrissenheit von Diesseits und Jenseits ertragen konnten. Ich habe den »tollen Menschen« sagen lassen, dass mit dem Tod Gottes ein Chaos eintreten wird, von Absturz, Kälte, Finsternis habe ich gesprochen als Konsequenzen dieses Erlebens, dass der »alte Gott« nichts mehr gilt. Der bisher übliche transzendente Horizont ist »weggewischt«. Wir nach dem „Tod Gottes“ ein neuer, ein „göttlicher Gott“ erscheinen, wie Martin Heidegger sagte? Die Frage ist offen. Sehnen sich die Menschen nach einen „göttlichen Gott“? Sehnen sich die Christen nach dem göttlichen Gott oder bevorzugen Sie Pater Pio und den Landpfarrer Johannes Vianney und Lourdes und Fatima und den Papst-Kult???

Darüber hinaus sage ich, Friedrich Nietzsche, gar nicht so viel Neues zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Der Nihilismus ist – zumindest in Europa und Amerika, in Japan und Australien – die allgemeine Religion geworden. Aber Ihr versteht mich völlig falsch, wenn Ihr denkt: Der Nietzsche will doch nur, dass es bei diesem Nihilismus bleiben soll. Das Gegenteil ist wahr: Ich habe mich immer gegen den platten Nihilismus, gegen die banale Weltlichkeit gewehrt. Der letzte Mensch, der Nihilist, »macht alle klein«, habe ich im Zarathustra geschrieben, einen hartnäckig dahinvegetierenden »Erdfloh« habe ich ihn abschätzig-übertreibend genannt. Ihm habe ich, ich komme noch mal darauf zurück,  den Übermenschen gegenübergestellt, den freien Menschen, von dem ich schrieb: In ihm selbst »tanzt der Gott«. Im Leben erlebt er Göttliches, Heiliges…

Ich meine also: Wir müssen unsere Transzendenz nach innen verlegen, der göttliche Funke ist in der Seele, als Lebensspender, gewiss auch als Trost, vor allem aber als Energie zu lachen und zu leiden, zu lieben und zu tanzen. Diese Umkehrung der Transzendenz vom fernen, äußeren Gott in den inneren Gott: Davon sprechen ja auch schon einige Theologen. »In einer säkularisierten Welt hat die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst und seiner Leib-Geistigkeit einen neuen Rang erhalten. Dem kann nur der Gott-in-uns, nicht der Gott-außerhalb-von-uns eine Entdeckungsreise wert sein«, schreibt zum Beispiel der katholische Theologe und Jesuit Hans Waldenfels. Aber wahrscheinlich stehen wir noch am Anfang dieser Entdeckungsreise zum neuen Gott in uns.

Wie sehr meine Lehre vom Übermenschen als dem »freien Geist« schon angekommen ist, zeigt mit das zunehmende Interesse der Europäer und Amerikaner am Buddhismus. Sich selber meditativ auf den Weg machen, die große Harmonie suchen, das Ziel der Erleuchtung als der vollendeten Menschlichkeit anstreben: Buddha-Sympathie und Nietzsche-Sympathie reimen sich gut, das ist viel zu wenig beachtet! Und vielleicht, das fällt mir jetzt ein, ist »der Heilige« für Euch der Übermensch, mit dem Ihr Christen leben könntet. Nur wünsche ich mir einmal Heilige nicht der Lebens- und Lustentsagung, sondern Heilige sozusagen des prallen, auch erotischen Lebens. Die »heilige Hure« war bisher nur ein Film. … Wenn es wenigstens ein erotisches Paar gäbe, das heilig gesprochen wäre …

Ihr seht, der alte Nietzsche hat noch was zu sagen und Euch Fragen zu stellen. Vielleicht lest Ihr mal wieder mein umfangreiches Werk? Und lasst Euch nicht abschrecken von Widersprüchen, die ich in meinem Eifer als »experimentierender Philosoph« verfasst habe. Die Nazis haben mein Denken missbraucht; dass ich alles andere als ein Antisemit bin, das haben ja nun zahlreiche Studien belegt; nur so ganz herumgesprochen hat es sich bei Euch noch nicht. Hört endlich auf, den Nazi-Ideologen mehr zu glauben als den wissenschaftlich arbeitenden Philosophen.

Zum Schluss will ich Euch noch auf eine bislang unbekannte Seite von mir aufmerksam machen: Ich bin nämlich, wie der katholische Theologe Eugen Biser, einer meiner Interpreten, schreibt, »ein kritischer Nachahmer Jesu«. Wenn ich auch das institutionalisierte Christentum meiner Zeit als eine lebensverneinende Macht verurteilte, so habe ich doch stets für Jesus von Nazareth viel Sympathie gehabt. Man muss ihn sicher als »wärmstes Herz« denken, als den »edelsten Menschen«. Seine Botschaft der Ganzheitlichkeit lautet: »Das wahre Leben, das ewige Leben, ist gefunden. Es wird nicht verheißen, es ist da! Es ist in Euch: Als Leben in der Liebe, in der Liebe ohne Abzug und Ausschluss, ohne Distanz.« Diese Erfahrung der innersten Nähe des Göttlichen »hat kein Gestern und kein Übermorgen, es kommt nicht in tausend Jahren. Es ist eine Erfahrung in einem Herzen, es ist überall da, es ist nirgends da …« Schaut Euch die Jesus-Bilder an, die den Mann aus Nazareth wie einen heiligen Narren zeigen, etwa die Arbeiten von Otto Dix, George Rouault oder Herbert Falken, dann ahnt Ihr, was es mit meiner Jesus-Vorliebe auf sich hat. »Für mich gab es nur einen Christen, und der starb am Kreuz«, das habe ich schon vor 120 Jahren geschrieben: Inzwischen ist eine heftige Diskussion im Gange, wie Jesus-nah denn die Kirchen sind. Heute frage ich, Friedrich Nietzsche: Was hat der Petersdom mit Jesus zu tun? Was haben die Milliarden Kirchensteuereinnahmen mit dem Mann aus Nazareth gemeinsam? Was hat die Hütte von Bethlehem mit den Palästen der Kirchenbürokratie zu tun? »Ja, aber«, schreien sie bereits, die Pröpste und Prälaten. Mit diesem ewig wiederholten »Ja, aber« der Kirchenbeamten werdet Ihr Christen Euch auseinander setzen. Ich denke nur, dass ich als Philosoph für Euch nur eines tun kann: Ich kann zu denken geben.

copyright:Christian Modehn

»Der tolle Mensch. – Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: ›Ich suche Gott! Ich suche Gott!‹ – Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? Ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. ›Wohin ist Gott?‹ rief er, ›ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet –, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unseren Messern verblutet –, wer wischt dies Blut von uns ab?

Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Größe dieser Tat zu groß für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Tat –, und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Tat willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!‹ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. ›Ich komme zu früh‹, sagte er dann, ›ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert –, es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.«

Aus der »Fröhlichen Wissenschaft« von 1882