Ein Katholik wird ungläubig. Reinhold Schneiders Aktualität

„Zweifel und Unglaube gehören in die Kirche“
Zur Aktualität Reinhold Schneiders

Hinweise von Christian Modehn

(Dieser Beitrag bezieht sich nur auf die religiöse Krise, die Reinhold Schneider in Wien erlebte. Es wäre gleichermaßen wichtig zu dokumentieren, in welcher Weise der offizielle Katholizismus nach 1945 Reinhold Schneider ausgrenzte: Einst als konservativer katholischer Autor gerühmt, wurde er nach 1945 wegen seines friedenspolitischen Engagements diffamiert. Daran hat z.B. mehrfach Heinrich Böll erinnert, etwa in seinem Nachwort zu Carl Amerys Buch “Die Kapitulation. Oder deutscher Katholizismus heute” , 1963).

Über das Gegeneinander von Glauben und Unglauben, Religion und Atheismus, wird wieder weltweit gestritten. Spirituelle, religiöse Menschen stehen den Verteidigern eines gottlosen Diesseits ziemlich unversöhnt gegenüber. Ein katholischer Dichter könnte die verhärteten Fronten etwas „auflockern“: Der inzwischen fast vergessene Reinhold Schneider (1903 bis 1958) bleibt gerade zu dem Thema „modern“ und zeitgemäß.

„Das Antlitz Gottes hat sich für mich ganz verdunkelt. Es ist die schreckliche Maske des Zerschmeißenden, des Kelter-Treters“. So beschreibt der katholische Dichter Reinhold Schneider gegen Ende seines Lebens seine Beziehung zu Gott. Von Glaubensgewissheit oder Hoffnung auf ein ewiges Leben ist keine Rede. Bei einem Aufenthalt in Wien, im Winter 1957 – 58, hat er Tagebuch geführt und in radikaler Wahrhaftigkeit nur das notiert, was er wirklich noch glauben kann, was für ihn noch „wirklich“ ist. „Ich weiß, dass Christus auferstanden ist. Aber meine Lebenskraft ist so sehr gesunken, dass sie über das Grab nicht hinauszugreifen vermag“.
Reinhold Schneider, 1903 in Baden-Baden geboren, viel beachteter Autor zahlreicher Romane, Novellen und Erzählungen, hat sich in Wien entschlossen, seine innerste Wahrheit, seinen Glauben am Rande des Unglaubens, darzustellen, ungeschützt und ohne jede Rücksicht auf kirchliche Autoritäten. Er nennt seine spirituelle Entwicklung einen „inneren Unfall“, spricht von einem „Hinausgleiten“ aus dem traditionellen Glauben der Kirche. Seine Tagebuch Notizen wurden 1958 unter dem Titel „Winter in Wien“ veröffentlicht, nur wenige Tage vor seinem Tod hat er das Manuskript dem Herder Verlag übergeben.
Reinhold Schneider hatte Wien besucht, um mit der Sensibilität eines Gott- Suchers den „Geist dieser Stadt“ zu erfahren. Er spürte der Größe und den Verirrungen des österreichischen Imperiums nach, ließ die monumentalen Kirchen und Klöster in ihrer kalten Pracht auf sich wirken. Trost für seine Seele oder gar Hoffnung auf Besserung seiner angeschlagenen Gesundheit findet er in einer dogmatisch geschlossenen Glaubenswelt nicht: „Christus ist für mich nicht der allmächtige Ordner der Welt. Die Beweise Gottes helfen nichts. Werden denn die Gläubigen noch innerlich bewegt, wenn gezeigt wird: Gott kann auch noch auf krummen Zeilen gerade schreiben?“
Reinhold Schneider, der vielseitig gebildete Autor, bezieht sich im Wiener Winter auch auf die Natur, lässt den wilden Kampf ums Überleben in der Tierwelt auf sich wirken: Er findet das ewig wiederkehrende Naturgeschehen von Fressen und Gefressenwerden auch in dem zerstörerischen Wahn kriegerischer Auseinandersetzungen wieder. Die Fratze des Sinnlosen starrt ihm überall entgegen. Und er hat als gläubiger Katholik den Mut, von der Ohnmacht Gottes zu sprechen: „Wie viele Fesseln hat Gott nicht abgenommen. Wie viele schauerliche Verliese schloss er nicht auf. Gott ist da, aber nur mit unbedeckten Wunden“.
Gott wird nur noch als der mit der Schöpfung Leidende, als der machtlose Gott erlebt. Der Widerspruch zur offiziellen Lehre ist eindeutig, kein Wort mehr von dem Gott, „der alles so herrlich regieret“. Dieses Kirchenlied („Lobe den Herren“) erscheint ihm geradezu lächerlich. Wie kann man so etwas noch ernsthaft singen? Dabei galt Reinhold Schneider Jahre lang als Vorbild, als Inbegriff eines christlichen Dichters: Während des Zweiten Weltkrieges hatte er zahllosen Menschen spirituell beigestanden, als „dichtender Sanitäter“, wie er sagte: Mehr als 30.000 Briefe Reinhold Schneiders in die Lazarette und Lager, in die Gefängnisse und Bunker sind erhalten: Sie sind Zeugnisse eines Glaubens, der inmitten der totalen Vernichtung vor einer abgründigen Verzweiflung bewahren und Mut zum Überleben machen wollen. Die Geschwister Scholl waren begeisterte Leser seiner Publikationen. Erst zu Beginn der dreißiger Jahre hat sich der Schriftsteller Reinhold Schneider, 1903 in Baden- Baden geboren, zum katholischen Glauben bekehrt: Seine zahlreichen Bücher und Studien sind jedoch kein Seelentrost, keine Verkündigung, sondern Analyse machtpolitischer Verhältnisse, etwa das viel beachtete Werk „Las Casas vor Karl V.“ Es handelt von der Vernichtung der indianischen Völker durch die spanischen katholischen Kolonisten. Aber mit dem so genannten Wiederaufbau Deutschlands nach 1945 kommen Reinhold Schneiders immer mehr Zweifel an der Wirkkraft des Religiösen: Die Wiederbewaffnung Deutschlands in der Adenauer Zeit können Gläubige nicht verhindern, so werden kriegerische Ambitionen wieder wahrscheinlich. Schneider leidet darunter, dass die meisten Theologen die Katastrophen der Nazizeit verdrängen. Deren Publikationen nennt er nichts als Narkose, Betäubung. Die überlieferten Lehren der christlichen Kirchen erscheinen ihm wie kraftlose Floskeln. Die offizielle Glaubenslehre, auch die Theologie, wird für ihn zur Indoktrination, zur Weltanschauung und Ideologie. Entsprechend ablehnend waren den auch die Reaktionen der Mächtige in Staat und Kirche.
Aber in dieser kritischen Distanz zum Überlieferten machte er sich auf, will Wien „von Innen her kennenlernen“, offenbar möchte er zu einer letzten radikalen Ehrlichkeit sich selbst gegenüber finden. Dabei verschweigt er nicht sein seelisches Leiden, den Kampf gegen die Depressionen. Aber er meint: Depressive Menschen haben religiös etwas zu sagen, sie können z.B. von einem banalen Jubel-Katholizismus befreien. Am Ende seines Wiener Winters gibt er offen zu, am Rande Unglaubens zu leben. Er fühlt sich den Skeptikern, den Zweifelnden, den Atheisten tief verbunden. Aber er hat noch die Kraft, sich in leere kleine Kirchen zu setzen und den fernen Gott anzusprechen im Gebet, in einer Art Poesie, die sich wie in eine Leere hinein artikuliert. Reinhold Schneider hat seiner Kirche einschärfen wollen: „Es muss einen Platz für den Unglauben und den Zweifel in der Kirche geben“. In Reinhold Schneiders autobiografischer Theologie können sich heute religiöse und vielleicht auch atheistische Menschen wieder finden. Denn ihnen wird sozusagen eine gemeinsame Gesprächsebene vorgeschlagen: Das Zerbrechen der Gottesbilder, das Warten auf Neues. Wichtig bleibt das Annehmen der Leere, vielleicht sogar des Nichts. Vergessen wir nicht, welches Leitwort sich Reinhold Schneider für „Winter in Wien“ gewählt hat:

„Sterbliche Gedanken soll der Sterbliche hegen. Nicht unsterbliche Gedanken der Sterbliche“.
Epicharmos aus Krastos. (Philosoph, 540 – 460 vor Chr.)

Das Buch in „Winter Wien“ ist nach wie vor wie die meisten anderen Werke Schneiders im Buchhandel erhältlich.

Ein Katholik wird “ungläubig”: Reinhold Schneider vor 60 Jahren gestorben

Vor 60 Jahren, am 6.4.1958, dem Ostersonntag,  ist der Schriftsteller Reinhold Schneider in Freiburg i.Br. gestorben.

Ich habe an Schneider erinnert, als Glaubenden, der als Glaubender aus dem Glauben heraus geführt wurde in eine Gott- Ferne, die man mystischen Atheismus nennen könnte, wenn man überhaupt “Einordnungen” mag… Von diesen Tiefen – Erfahrungen  handelt sein letztes Buch “Winter in Wien”. Inzwischen sind die freundlichen Stellungnahmen von Heinrich Böll über Schneider wieder ins allgemeine Bewusstsein gekommen. Klar istnun einmal mehr: Reinhold Schneider, der Pazifist, wurde auch von der Klerus-Kirche nach 1945 kaputt gemacht, die keine Hemmungen kannte, für die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik einzutreten. Die Gestalt des Nazi – Bischof Gröber in Freiburg wurde dabei klerikal oft und gern übersehen.

Zu meinem Beitrag über Reinhold Schneider klicken Sie hier.

Pater Pio : Ein heiliger Scharlatan?

Pater Pio – nun auch bald ein “Kirchenlehrer” und weitere Ungeheuerlichkeiten zu einem “heiligen Scharlatan”. Von Christian Modehn.

Zusätzlich zu den älteren Beiträgen wurde am 10. September 2013 diese Neuigkeit zu Pater Pio publiziert:
Kapuziner wollen Pater Pio zum Kirchenlehrer machen:

Der Kapuzinerorden in Italien will den Volksheiligen Pater Pio (1887-1968) zum Kirchenlehrer erheben lassen. Die süditalienische Ordensprovinz «Sant’Angelo e Padre Pio» in der Heimat des Heiligen habe eine Kommission aus fünf Ordensmännern und zwei Laien eingerichtet, die die Möglichkeiten dieses Vorhabens prüfen solle, berichtete die italienische Zeitung «La Gazzetta del Mezzogiorno»
Es sei kein leichter Weg, zitierte die Zeitung den Provinzoberen Francesco Colacelli. Nur 34 Heilige der katholischen Kirche sind vom Papst der Titel eines Kirchenlehrers zuerkannt worden. Voraussetzung ist ein herausragender theologischer oder spiritueller Beitrag zur katholischen Lehre.
Kritische Zeugen berichten hingegen, dass Pater Pio kaum predigen konnte, geschweige denn, dass er in schriftlichen Äußerungen Wesentliches vom christlichen Glauben vermitteln konnte. Insofern kann man das Ansinnen der Kapuziner schlicht nur waghalsig, wenn nicht „verrückt“ nennen. Aber solche Vorschläge bringen Pater Pio einmal mehr in die Presse. Auszuschließen ist es freilich nicht, dass sich die römische Kirche diesen Kirchenlehrer auch noch antut.
Pater Pio ist sicher der populärste Heilige Italiens. Johannes Paul II. sprach den Ordensmann 1999 selig und 2002 heilig. Zur öffentlichen Aufbahrung seines Leichnams pilgerten von April 2008 bis September 2009 insgesamt 8,6 Millionen Menschen in das süditalienische San Giovanni Rotondo. Seit Juni ist er in einem gläsernen Sarg dauerhaft in der Wallfahrtskirche zu sehen.

Vorweg eine Neuigkeit zum Kult um Pater Pio: Anfang Juni 2013 wurde berichtet: Der Leichnam des süditalienischen heiligen Pater Pio von Pietrelcina (1887-1968, im Jahr 2002 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen!) werde nun in einem Glassarg zur Verehrung durch die Gläubigen öffentlich dargeboten. Einen feierlichen Gottesdienst in der Wallfahrtskirche von San Giovanni Rotondo in Apulien (dort lebte Pater Pio) feiere Kurienkardinal Angelo Amato als Auftakt zur Ausstellung der Leiche des “populärsten” Heiligen Italiens. Offenbar braucht das Wallfahrtswesen in San Giovanni Rotondo doch auch einen neuen Schwung, d.h.: offenbar wird viel Geld gebraucht von den Pilgern. Denn Geldquellen zu erschließen ist der Haupt – Grund für den seit fast 2 Jahrtausenden gepflegten Reliquienkult der römischen Kirche. Kardinal Amato, offenbar theologisch nicht ganz ungebildet, ließ sich in seiner Predigt während der Festmesse doch zu den Worten hinreißen: “Pater Pio will, dass wir ihm auf das Gesicht schauen, und auch er kann uns in die Augen sehen”. In weltlicheren Zusammenhängen nennt man dies vernunftwidrigen Esoterismus, den die römische Kirche eigentlich ablehnt; aber sie pflegt die Unvernunft selbst, etwa wenn es denn (finanziell) geboten ist. Für die Ökumene ist dieser Kult um den allgemein für eher debil und eher süchtig gehaltenen Pater Pio natürlich ein Schlag, aber solches wird kaum noch registriert…

Es folgt nun die Abschrift der Ra­dio­sen­dung:;
Moderation:
Er ist einer der beliebtesten Heiligen in ganz Europa: Pater Pio, Kapuzinermönch aus Süditalien Weiterlesen ⇘

Heinrich Böll als Katholik: “Nicht versöhnt”

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zum 100. Geburtstag des Dichters.

Der 21. Dezember 2017 ist ein „runder“ Gedenktag: Dabei kann man das Denken und das Leben der Person, an die wir dann denken sollen, alles andere als rund nennen: Wir wollen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin einen kleinen Denk – Beitrag leisten und wenigstens einige aktuelle Gedanken des „Jubilars“ vorstellen: Am 21. Dezember 1907 wurde in Köln der Dichter Heinrich Böll geboren. Am 16. Juli 1985 ist er gestorben.

Uns interessiert der Katholik Heinrich Böll, der er immer war, selbst wenn er heftigste Vorbehalte gegenüber der Institution hatte und 1972 aus der Kirche ausgetreten war.

Es ist klar, dass Religion und Kirche in den Werken Bölls beinahe allgegenwärtig sind. Böll war in der „mystischen Welt“ des Katholizismus tief verwurzelt. Er weiß, dass der Mensch sich auf dieser Erde nie ganz zu Hause fühlen kann. „Dass wir also noch woanders hingehören und von anders herkommen“. Böll will die Sakramente in neuer, menschenfreundlicher Bedeutung erleben. Er ist so tief in seinem Glauben, dass „ich mir einen Atheisten nicht vorstellen kann… Wir kommen von außerirdischen Kräften her“ (in: Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“, Piper Verlag 1986, S. 65)

Nur aus dieser Bindung an die mystische Seite des Glaubens ist Bölls heftige Kritik an der Institution Kirche zu verstehen. Böll wollte die Kirche im Licht der Gestalt Jesu Christi bewerten. Darin kann man durchaus einen reformatorischen Impuls sehen, selbst wenn Böll vom Protestantismus wenig wusste.

Es ist keine Frage: Viele Aspekte von Bölls Kirchenkritik sind heute aktuell. Bölls Werke sind also in der Hinsicht überhaupt nicht „veraltet“. Die Debatten über die Zahlung der Kirchensteuer als Ausdruck der Mitgliedschaft in einer religiösen Gemeinschaft sind ja keinen Schritt vorangekommen…Und genau in den Zusammenhang passt gut die Verteidigung, die Böll leistete für den katholischen Dichter Reinhold Schneider (gestorben 1958). Er ist aus religionsphilosophischen Interessen für uns sehr wichtig, vor allem wegen seiner offenkundigen und eingestandenen Gott-Ferne, wenn nicht Atheismus, was in dem Buch Schneiders “Winter in Wien” förmlich in die Augen springt. Böll mag den eigentlich einst eher konsersativen Reinhold Schneider, weil er nun, nach dem Krieg, zum entschiedenen Pazifisten wurde. Und damit selbstverständlich in der militär-freundlichen Adenauer Kirche, also der katholischen, in Ungnade fiel. Man lese dazu in Heinrich Böll, “Die Fähigkeit zu trauern”, S. 67 f. Man sehnt sich förmlich nach mutigen Intellektuellen wie Böll, die noch mit dem Glauben an Jesus von Nazareth kritisch verbunden sind. Es gibt solche Menschen in den Kirchen nicht mehr. Die Kirchen in Deutschland sind intellektuell verödet, am Nullpunkt, es herrscht die Bürokratie, es gibt noch einige konservative, treu -römische, damit geistig unfreie, ideologische Autoren, aber an die  denken wir gar nicht mehr. Die katholische Kirche in Deutschland ist materiell stinkend reich, aber intellektuell verarmt, es gibt nur noch ein paar gut bezahlte intellektuelle Funktionäre (oder Theologieprofessoren) der Kirche.

Hilfreich ist bei dem Thema das Interview, das der französische Journalist und Autor René Wintzen mit Heinrich Böll im Oktober 1976 führte, es ist zuerst in Paris erschienen, später auch Taschenbuch bei DTV unter dem Titel „Eine deutsche Erinnerung“ (1981). Das Buch ist nur noch antiquarisch zu haben.

Böll beschreibt darin zum Teil drastisch, immer aber der Wahrheit verpflichtet, Erfahrungen mit der Kirche in seiner Jugend: Er kritisiert etwa die Bauwut der Bischöfe nach dem Ersten Weltkrieg: Überall entstehen neogotische Kirche „von einer industriellen Kälte“, dort „fanden die Pflichtgottesdienste statt, es gab den Katechismus Unterricht, dieser ganze fürchterliche Wahnsinn des 19. Jahrhunderts würde über einem abgerollt“ (39).

Die Indoktrination, die Ideologisierung, des Glaubens war ihm zuwider. Auch „die religiöse Erziehung der Eltern war wahrscheinlich schlimm“. Er geht als Jugendlicher nicht zum Sonntagsgottesdienst, „ohne unreligiös zu werden“ (40). Böll weist auf lächerliche rechtliche Bestimmungen hin: Etwa das Kirchengebot, nur nüchtern, d.h. ohne Speisen gegessen zu haben, an der Kommunion teilnehmen zu dürfen. (42). Das „Nüchternheitsgebot“ wurde dann 1964 fast ganz abgeschafft. Ein Gebot, für das einst die Päpste kämpften, verschwand also, ohne dass man den Menschen sagte, „warum man es jahrhundertelang aufrechterhalten hat“ (42). Die plötzliche Zurücknahme unsinniger Kirchengebote und Gesetze ist natürlich eine Wohltat, sie kommt meist plötzlich von Rom. Und die Leute, die einst gegen die Feuerbestattung kämpften, werden nun plötzlich konfrontiert mit der Entscheidung, auch für Katholiken ist Feuerbestattung möglich. Es ist diese Herrscher Allüre, die Böll so aufregt, zurecht

Die Kirchenkritik Bölls ist motiviert von der intellektuellen Armut der Kirche: Er verwendet übrigens immer wieder für das Wort „Milieu“, das „katholische Milieu“. Manche glauben noch heute, es förmlich riechen zu können.

In diesem Milieu wird zu viel Unsinn gelehrt, etwa die Lehre von der heiligen Familie, bestehend aus Josef, Maria und dem Jesuskind. Wie kann dieses Zusammensein eine Familie sein, wenn in ihr Erotik und Sexualität der Eheleute überhaupt keine Bedeutung haben. Wie kann man solch eine Konstruktion den Katholiken gar als Familien-Vorbild, als heilig, einschärfen? (54 f.).

Sehr heftig wurde Böll, wenn er auf die Kirchensteuer zu sprechen kam. Er fand es skandalös, dass ein Katholik nur dann Kirchenmitglied sein darf, solange er die Kirchensteuer bezahlt. „Man verrechtlicht das Verhältnis zu einer Religion, man fiskalisiert es, materialisiert es, das ist klassischer Materialismus“ (57). Böll ist dann 1976 wegen dieses offiziellen kirchlichen Materialismus aus der Kirche ausgetreten. Seiner Entscheidung sind dann viele andere gefolgt. Böll nannte die leidenschaftliche Sucht nach Kirchensteuern den „kirchliche Materialismus“. Er besteht bis heute. Die Kirchenführung nahm und nimmt Geld von Leuten, die nur aus Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit oder Tradition noch ihre Kirchensteuer zahlen, dann aber werden diese Menschen von den Herren der Kirche als „Karteileichen“ abqualifiziert. Das Geld dieser „Leichen“ stinkt also gar nicht.

Aktuell und wichtig ist Bölls tief greifende Kirchenkritik bis heute: Insgesamt herrscht in der katholischen Kirche ein administrativer Umgang mit den Sakramenten vor, man denke an die Debatten um Mischehen und Wiederverheiratet Geschiedene, diese Themen, die angesichts des Zustands dieser Welt heute geradezu absurd und lächerlich erscheinen. Darüber ereifern sich alte zölibatäre Bischöfe bis heute wochenlang, und viele Katholiken nehmen an dieser absurden Diskussion teil, ohne sich die Freiheit zu nehmen, einfach den eigenen Weg zu gehen…

Böll ist den eigenen Weg gegangen, auch in der Kirche. Er hat sich die richtige Frage gestellt: Warum ändern sich, verbessern sich, eigentlich die Katholiken nicht, die ständig an der Messe teilnehmen? Warum ist der Gottesdienstbesuch so wirkungslos? (62). Die Pflicht an der Sonntagsmesse teilnehmen zu müssen nannte Böll treffend „Druck, Magie, Terror“. Diese sitzen so tief, „dass sich die Menschen dem unterwerfen, gegen ihre Einsicht“ (ebd).

Noch viel zu wenig debattiert wird Bölls Vorschlag, anstelle der Sonntagsmesse lieber in kleinem Familienkreis einmal in aller Ruhe und stilvoll gemeinsam zu speisen, zu sprechen, sich auszutauschen, das Leiden und die Freude der Familienmitglieder zu teilen? (63).

Insgesamt beschreibt Böll die Kirchenführung mit den Worten „Unbarmherzigkeit, Hochmütigkeit und heuchlerische Frömmigkeit“, so die Germanistin Elisabeth Hurth in der „Herderkorrespondenz“ (2010).

Dabei weiß Böll, dass die Gesellschaft heute religiöse Vollzüge, authentisch gelebt, mit dem Interesse an seelischer Heilung und Befreiung, dringend bräuchte. „Glaube und Religion geben dem Leben nicht nur Halt, sie geben ihm auch eine Form“, schreibt Elisabeth Hurth.

Am 9.9. 1983, also 2 Jahre vor Bölls Tod, veröffentlichte die Zeitschrift PUBLIK FORUM ein Interview mit Böll, das Karl-Josef Kuschel führte (auch als Buch der Serie Piper, „Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“, 1986, dort S. 64 ff. ). Dabei fällt wieder auf, dass Böll einerseits den mystischen, den inneren, den spirituellen Wert des katholischen Glaubens für sich wichtig findet, dabei aber betont: „Ich betrachte mich nicht als Kirchenhasser, nicht andeutungsweise“ (67). Andererseits ist aber seine Kritik an der CDU/CSU und der Liebe der Hierarchie zu diesen Parteien ungebrochen. Er fragt, warum sich diese Parteiführer und Parteimitglieder mit dem „C“ nie auf Jesus Christus berufen. „Christliche Politiker sprechen ja nie von Jesus Christus… Wenn man nur die (alles Jesuanische neutralisierenden, CM) Worte christlich oder Christentum benutzt, dann sind diese Worte sozusagen Abschiedsbegriffe“ (68), solche also, die nur noch sehr ferne Erinnerungen an die radikale Gestalt Jesu von Nazareth wachrufen.   Man stelle sich vor, in der Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen jetzt in Europa hätten sich die C Politiker an Jesus von Nazareth thematisch erinnert…

Ulrich Greiner hatte in „Die Zeit“ vom 27. Januar 2010 (anlässlich des Abschlusses der 27 Bände umfassenden -Kölner Ausgabe-) einen Beitrag über Böll verfasst mit dem Titel „Der Schriftsteller des Mitleids“. Das soll heißen: Böll war nie ein Liebhaber böser Ironie. Er sprach nicht distanziert lästerlich lächelnd über die Dinge: Er war in sie involviert, nahm daran teil. „Wir können diese Haltung als christliche Caritas beschreiben, als absichtslose, vom eigenen Nutzen absehende Zuwendung zu den Menschen. Das ist die Bedingung von Mitleid…Wer zum Mitleid imstande ist, der kennt auch den Zorn und die Empörung“ (Ulrich Greiner).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Friedrich der Große – ein Religionsphilosoph

Jeder soll nach seiner Fasson selig werden
Zur Aktualität der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie „Friedrich des Großen“
Einige Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages
Von Christian Modehn

Der sehr populäre Spruch hat Friedrich II.„Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ stammt wohl aus dem Jahr 1740.

Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“.
(Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Das Buch bietet zahlreiche wichtige Aspekte zum Religionsverständnis Friedrich II. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).

Das religionsphilosophische Profil:
Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn manchmal die Verwendung dieses Begriffs gegenüber DEM Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.

Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.

Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).

Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens…“ (533).

Aber Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die St. Hedwigkathedrale. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem immer hoch geschätzten Voltaire am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486). Weitere Erläuterungen bietet Friedrich nicht. Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.

Er hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein “Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen”, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)

Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?
Trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit: Ihm war der Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“….Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw…

Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines griechischen Rundtempels (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten – Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“ (alle Zitate S. 114)

Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.

Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“. (519).
Friedrich ist überzeugt, dass das „Unterminieren“ gemeinsam mit einigen vernünftigen Politikern dahin führen könnte, „dass der heilige Vater seinen Bankrott erklären muss. Seine Wechsel und Papiere (gemeint ist wohl auch die geistliche Macht) sind schon jetzt nur noch die Hälfte wert“ (520).

Friedrich II. gehört zu den wenigen hoch gebildeten aufgeklärten Herrschern in Deutschland, die den Mut haben, die Kirchen zu kritisieren, die für sich den Atheismus ablehnen und an ein philosophisch denkbares und vernünftiges Höchstes Wesen glauben. Er meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.
copyright:christian modehn 23.1.2012.

Siglo de Oro: Das goldene Jahrhundert: Es war gar nicht so golden.

Hinweise anlässlich der Ausstellung „El siglo de oro“  vom 1.7. bis 30.10.2016 in der Gemäldegalerie Berlin.

Von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15. 7. 2016

Manche haben gefragt, warum beschäftigen wir uns als philosophischer Club, als re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon, mit dem „siglo de oro“ in Spanien. Zumal an einem Tag, an dem der schreckliche Terror gegen so viele Menschen in Nizza bekannt wurde.

Aber sollten wir in unserem Salon an diesem Abend über den Täter spekulieren? Hätte das Erkenntnisgewinn gebracht? Sicher nicht. Politische, oft haltlose Spekulation ist etwas anderes als (klassische, metaphysische ) philosophische Spekulation. Zumal: Philosophisch darf eben nicht nur auf eine einzelne Tat gestarrt werden, sondern auch das historische Umfeld (Kolonialzeit, Kriege gegen Irak, Gewährenlassen des Massenmörders in Syrien usw.) muss immer kritisch mit-betrachtet werden. Hegel nannte das wohl “konkretes Denken”. Und das ist in Politikerkreisen z.B. kaum lebendig, weil es peinlich ist, weil es zum Eingeständnis von groben Fehlern führen müsste. Angesichts des unerfreulichen, nur der “grande nation” dienenden Verhaltens der französischen Regierungen auch nach dem Ende des Kolonialismus gegenüber den Menschen in (Nord-) Afrika, wäre zu betonen, wie dies Rudolf Balmer von der TAZ am 16. Juli auf Seite 3 treffend schreibt:”Das hat in diesen afrikanischen Ländern mitunter ein (für Frankreich CM) feindseliges Bild geschaffen, für das die Staatsführungen in Paris eine große Mitverantwortung tragen”. Weiterhin wäre von der zwanghaften, staatlich befohlenen Anpassung der Muslime an die nicht-muslimische französische Gesellschaft, etwa in der rigiden Kleiderordnung usw., zu sprechen. An die ökonomische Ausgrenzung der eher zweitklassigen “Ausländer” in den grausigen Vorstadtgettos wäre zu erinnern usw. Da wurden und werden vom Staat und der Gesellschaft Fakten gesetzt, die nicht dem Frieden dienen. Heute sieht man das Ergebnis. Das heißt natürlich auch,  dass terroristische Verbrecher eben Verbrecher sind und als einzelne auch Schuld auf sich laden und bestraft werden müssen. Aber die Dialektik zwischen Einzeltätern und dem umgebenden kulturellen, ökonomischen Milieu muss gerade im Falle Frankreichs mit berücksichtigt werden…

Darüber wollten wir am 15.7. nicht spekulieren. Wir haben über das siglo de oro gesprochen und dabei entdeckt: Wie ein Staat sich damals geistig und ökonomisch letztlich zugrunde richtete, weil er zur Toleranz nicht in der Lage war.

Lesen Sie also die Hinweise, die von Christian Modehn am 15.7.2016 zur Diskussion gestellt wurden.

Das Goldene Zeitalter, das 17. Jahrhundert in Spanien, wird als golden bewertet und dargestellt und propagiert in einer bestimmten Hinsicht: Diese spezielle „Hinsicht“ macht philosophisches kritisches Fragen aus.

Das 17. Jahrhundert war golden wegen der künstlerischen Leistungen vor allem der Maler und Bildhauer, aber auch der Dichter. Das tatsächliche Gold glänzte zwar in den Kirchen und Palästen, auch wenn Spanien viel erbeutetes Gold aus Amerika in den zahlreichen Kriegen im 17. Jahrhundert förmlich verpulvert hatte.

Und übrigens tut es wohl Spanien heute trotz aller Millionen von Touristen gut, an die Leistungen der eigenen Kultur damals zu erinnern. Und, mit Verlaub gesagt: So viel Großes bleibt ja dann, abgesehen von Goya, auch nicht viel übrig bis zum Ende der Franco-Zeit 1975.

Wer von diesen künstlerischen Leistungen in der Kunst absieht, entdeckt ein Spanien in erbärmlichen, auch ökonomisch erbärmlichen Zuständen. Tatsächlich aber war das 17. Jahrhundert in Spanien vor allem ein weithin rassistisches Jahrhundert.

Und dies war dadurch bedingt, dass der Hof, der König und seine Regierung tief überzeugt waren, dass Spanien nur eine einzige Religion haben darf. Nur einzige Ideologie sollte herrschen, weil nur diese eine den Zusammenhalt des tatsächlichen Welt-Reiches gewährleisten konnte, glaubte der sich immer katholisch definierende König. Wir erleben also an einem Beispiel, wie ein Staat aussieht, wie er auch ökonomisch verkommt und kulturell sehr eng wird, wenn er Pluralität nicht wünscht, also keine Toleranz kennt, und Andersdenkende verfolgt und tötet. Man möchte also einmal mehr sagen: Es ist die Toleranz und die reale Vielfalt in Gleichberechtigung, die einen Staat, die die Kulturen lebendig macht. Trotz dieser Belastungen sind die künstlerischen Werke, die etwa auch in der Ausstellung „El siglo de oro“ gezeigt werden, aller Beachtung wert. Sie inspirieren, auch wenn sie im Schatten der allseits drohenden Inquisition gemalt wurden.

1.  Zur KUNST

Die Künstler, die Maler und Bildhauer, galten dem Ansehen nach, im Unterschied zu Literaten etwa, wenig im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie galten eher als Handwerker. Um in der Geltung „aufzusteigen“, bemühte sich etwa Diego Velázquez, in den „Santiago-Ritterorden“ aufgenommen zu werden, und das war angesichts der Hierarchien nicht einfach.

Wer heute diese Gemälde betrachtet, entdeckt eine starke thematische Festlegung, aber dabei auch ein großartiges Können:

Es sind wirkliche, leibhaftige, lebendige Menschen, die uns anschauen; es sind Menschen, die untereinander agieren, zusammenstehen, trauern, beten usw. Diese Gesichter bewegen uns. Diese Kunst ist von einem ausdrucksvollen Realismus geprägt, oder besser: Von einer Bezogenheit auf die Wirklichkeit. Manche Interpreten sprechen gar, etwa im Falle von Velazquez, von beinahe fotografischen Leistungen.

Man denke etwa an das wohl berühmteste Bild von Velazquez „Las Meninas“, Die Hoffräulein, von 1656: In der Mitte die fünfjährige Königstochter Margarita. Alle Personen sind historische Personen. Dem Namen nach bekannt, es ist das Atelier des Malers im Alcazar. Velázquez zeigt sich selbst als Santiago-Ritter; das Königspaar ist im Spiegel zu sehen; selbst die Zwerge werden gezeigt, sie sind hier keine Untermenschen, kein Spielzeug. Es ist ein Moment, wo man glaubt: Die Zeit steht still. Es werden Seelen gezeigt, hat ein Historiker gesagt, aber es sind immer wieder wie hier auch Menschen-Seelen, die nicht lachen, nicht lächeln. Ein dauerhafter Schatten von Melancholie und Trauer ist deutlich, auch auf den späten Porträts von Philipp IV.

Zu den Zwergen: Wunderbar ist auch das Gemälde, das den gelehrten Zwerg, der Hofnarren, zeigt mit dem Buch. Ein kluges Gesicht: Der Hofnarr als gebildeter Mensch.

Nach meinem Eindruck fehlen die Alltagszenen, bodegón genannt: Diese gibt es zwar, etwa die alte Frau, die sich Eier brät oder die essenden Kinder, aber es wird auch dort kaum gelacht, es ist keine Zuversicht mehr da. Das Land selbst versinkt im Elend trotz allen früheren ökonomischen Reichtums. In dieser Situation, auch der Verteidigung des Katholischen um jeden Preis gegen Protestanten, Juden und Muslime,  werden Bilder und Skulpturen, man möchte sagen en masse, geschaffen, die den Gekreuzigten Christus zeigen oder die leidende Mutter Jesu, Maria. Mit aller Präzision wird von Gregorio Fernandez „Der tote Christus“ als Skulptur (um 1627) dargestellt, mit echt erscheinenden blutunterlaufenen Wunden und mit echt wirkenden Fingernägeln aus Stierhorn, Zähnen aus Elfenbein usw. Eine tiefe Bewegtheit, eine seelische Erschütterung soll von dieser Skulptur wie von allen Darstellungen des leidenden Christus ausgehen. Wenn Murillo in Sevilla die Werke der Barmherzigkeit zeigt, dann will er damit ausdrücklich zur Nachahmung auffordern. Diese religiösen Bilder haben explizit – angesichts des weitest verbreiteten Analphabetismus – die Tendenz, zu bilden und zur Nachahmung aufzurufen, 90 % der Bevölkerung können weder Lesen noch Schreiben.

Wenn man diese Tendenz auf die Bilder des leidenden Christus überträgt, und das muss man wohl, dann soll der Betrachter, also auch das gläubige Volk, zur Annahme des eigenen Leidens aufgefordert werden. Und das gilt dann als Christusnachfolge. Nun gibt es immer wieder Leiden unter den Menschen, aber es gibt auch von Menschen gemachtes Leiden, etwa durch die brutale Verfolgung der damals in Spanien allgegenwärtigen Inquisition: Wollten diese Leidensbilder Christi auch daran gewöhnen, an diese grasuige politische Unmenschlichkeit? Diese Frage der Leidens-Propaganda durch Kunst wird meines Erachtens kaum diskutiert: Darin könnte sich eine gewisse Abartigkeit der offiziell propagierten Frömmigkeit zeigen, so sehr auch den einzelnen in seinem Leiden und in seiner Todesangst möglicherweise dieser leidende Christus dann doch tröstet und bewegt…

Hinzu kommt: Die Fülle der Vanitas Gemälde, der Bilder der Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit, sie sind auch in Holland beliebt, immer mit Totenköpfen auf dem Tisch, man denke etwa an Harmen Steenwijk oder Pieter Claesz zur gleichen Zeit (1630). Aber dass ausschließlich nur Folianten, Bücher als Vanitas – Darstellungen vorkommen, umgeben noch von einer ablaufenden Uhr und einem Federkiel wie in einem anonymen Gemälde aus Madrid um 1639 mit dem Titel „Bücherstillleben“, das ist schon ungewöhnlich: Darin drückt sich die für Spanien damals typische Verachtung der freien Forschung, der Vielfalt der Bücher und der umfassenden intellektuellen Schulung aus. Die Botschaft ist: Bücher sollten zugebunden bleiben und eigentlich nur staubige Masse sein.

In der Kunst duldete die Inquisition keine weiblichen Akte, eines der wenigen Akt-Gemälde ist die „Venus im Spiegel“ mit einem nackten Rücken. Von Velázquez gemalt, 1644, offenbar für einen privaten Sammler.

Die Künstler Spaniens ordnen sich den fast immer kirchlichen und königlichen Auftraggebern unter; die allmächtige Kirche, sie ist von der Steuerzahlung befreit und durch Geschenke usw. sehr reich, auch in den Klöstern, steht noch im Glanz da. Und die Mönche bestellen etwa bei Zurbaran immer die selben Motive … der Kreuzigung und der Heiligen.

Entscheidend ist: Durch die Inquisition war das Themenspektrum der Kunst äußerst eingeschränkt. Das sagen alle Historiker. Und trotz dieser Einschränkungen wurden noch schöne Bilder geschaffen.

Aber im ganzen gesehen, das ist ein unbezweifelte Tatsache: Es herrschte im „siglo de oro“ die Stagnation. Manche sagen: Nicht das Goldene, sondern das Eisenerne Zeitalter war bestimmend..

Aber von dem Niedergang, ökonomisch, gesellschaftlich, geistig im Spanien des 17. Jahrhunderts ist in den Werken des siglo de oro eigentlich nicht so viel zu spüren. „Die Bilder von Velazquez verraten selten etwas von den Kämpfen seiner Zeit, der sich immer mehr verschlechternden Lage Spaniens, den Sorgen von König und Volk…. Keine der Tragödien seiner Zeit tritt in Velazquez Werk zutage. Was sich ihm, Velazquez, darstellte, ist STOLZ, und zwar Stolz als Lebensform“. (in: Velazquez und seine Zeit, TIME-Life 1972, Seite 135.

Mit Stolz könnte man auch sagen: EHRE, in der Sicht der anderen geehrt werden, wie dies Juan Goytisolo auch schreibt, als einer Grundhaltung „der“ Spanier.

2. Spanien im 17. Jahrhundert

Es gibt in dem Roman von Miguel de Cervantes (1547 bis 1616), Don Quijote, bereits das Wort vom Goldenen Zeitalter, allerdings bezogen auf eine Erzählung: Der Protagonist lässt vor Ziegenhirten eine Lobrede auf die glücklichen Zeiten halten, „welche die Alten die goldenen Zeiten genannt haben“. Damals habe es keine sexuelle Zudringlichkeit gegeben, und die Erotik sei nur von der Neigung und dem freien Willen der Beteiligten abhängig und keinem äußeren Zwang unterworfen gewesen. Die eigene Gegenwart meint Cervantes jedenfalls damit nicht.

Das Wort vom goldenen Zeitalter ist ein Titel, der im Rückblick formuliert wurde, wenn man in noch schlimmeren Zeiten auf dieses 17. Jahrhundert schaut.

Wie war die gesellschaftliche Situation? Seit 1492 sind die Muslime „endgültig“ vertrieben. Das Land ist muslimfrei, sie leben unter ständiger Kontrolle als die zwangskonvertierten Moriscos. Zu Begin des 17. Jahrhunderts wurden sie vertrieben und nach Nordafrika zurückgebracht.

Die Juden in Spanien mussten zum Katholizismus übertreten, wenn sie in Spanien bleiben wollten. Aber wenn sie konvertieren, begegnen ihnen die so genannten Altchristen voller Misstrauen, das sieht man am Beispiel der Heiligen Theresia von Avila. Von Theresa von Avila wurde jetzt ein Zitat entdeckt, das treffend auch die frauenfeindliche Mentalität in der Kirche ausdrückt: „Dir, Gott, hat vor den Frauen nicht gegraut“. Dieses Wort wurde dann von der Inquisition geschwärzt, es war diesen Herren nicht möglich zuzugestehen, dass Gott vor den Frauen nicht graut… (Dies ist übrigens der Titel eines Buches über “Mystikerinnen in der Christentumsgeschichte”, 2016, Kohlhammer Vl.).

So entwickelt sich seit dem 15. Jahrhundert eine merkwürdige Haltung unter den etablierten, alt-christlichen und sich rassistisch für blutrein haltenden „eigentlichen Spaniern“. Der Geist der Muslime wird prinzipiell verachtet, weil sie in ihrem Alltag sexuell freizügig lebten, meint man. Jedenfalls lassen die Katholiken in Granada nach der Muslim-Vertreibung gleich alle Badehäuser schließen. Auch die Wissenschaft wurde von vielen Muslimen betrieben, für die Altchristen in Spanien gilt Wissenschaft als muslimisch, sie wurde auch deswegen als freie Forschung abgelehnt. Bildung soll keine große Achtung haben. Forschung auch nicht. Die Inquisition bestimmt das ganze geistige Leben mit ihren Verboten. Es ist eine Zeit der Intellektuellen-Feindlichkeit. Juan Goytisolo weist darauf hin,  dass der Ruf der Faschisten unter Franco „Nieder mit der Intelligenz, es lebe der Tod“ (S. 64) ein „Echo ist der altchristlichen Spiritualität, die im 16. Jh. das spanische Leben prägte“… Schon unter Philipp II. wurde die Wissenschaft verachtet. „Niemand kann nur halbwegs gründlich die schönen Wissenschaften pflegen, ohne dass sogleich ein Haufen Ketzereien und jüdische Mängel entdeckt werden“, sagt der Sohn des Generalinquisitors Rodrigo Manrique. (in Goytisolo, S 38). Im “Goldenen Jahrhundert” schreibt der Jesuit Baltasar Garcian in einer bei ihm seltenen politischen Deutlichkeit über seine Gegenwart: „Die Philosophie ist außer Ansehen gekommen… die Wissenschaft der Denker hat alle Achtung verloren, eine zeitlang fand sie Gunst bei Hofe, jetzt gilt sie für eine Ungebührlichkeit“. (Handorakel, S. 55, Nr. 100)

Und die Juden waren die guten Geschäftsleute und die Händler: Aus anti-judischem Ressentiment lehnen die Altchristen für sich selbst Handel und Wirtschaft ab. Man darf ja nicht als „Jude“ erscheinen, das wäre gegen die Ehre… Also sind die „blutreinen“ altchristlichen Spanier nur Ritter, nur Adlige, nur Klerus und Mönche, und eben die Armen in den Städten und den Dörfern, die kaum das Nötige zum Überleben produzieren. Dies ist eine Zeit der selbst verursachten ökonomischen und geistigen Lähmung. Es war, noch einmal, eine rassistische Zeit, es wurde Wert gelegt auf die Reinheit des Blutes

Der Verlust so vieler tausend Moriscos und der Maranen führte auch zu einer wirtschaftlichen Katastrophe: Kenntnisreiche Händler und Handwerker fehlten. So geht es eben einer Regierung und einem König, der der Stimmung des Volkes folgt und Rassismus in die eigene Politik bestimmend übernimmt.

Nebenbei: Als Judenchristen von der Inquisition verfolgt und verbrannt wurden, hat man deren Besitz vonseiten der Inquisition sofort übernommen. Was die Nazis später taten, hatte also historische Vorbilder.

3. Wer vom goldenen Jahrhundert spricht, muss auch vom realen Gold sprechen, das den Ureinwohnern Amerikas von den Spanien geraubt wurde.

Alles Gold und Geld, das aus den so genannten Vize-Königreichen Lateinamerikas kam, wurde für die vielfältigen Kriege ausgegeben. Viel Gold ging unterwegs in die Hände der Seeräuber und der „bandoleros“ zu Lande.

Nur ein Hinweis, dass in dieser Zeit einer theologischen Verirrung durch die Inquisition und den Eroberungs – bzw. Missionierungsgedanken doch einige vernünftige und ziemlich authentische Christen lebten. Erinnert werden soll nur an den Dominikaner Mönch Bartolomé de Las Casas.

Er bezeichnet in seinen öffentlichen Predigten die Spanier seiner Zeit, im 16. Jahrhundert, als Götzendiener. Er sagt: „Die Spanier haben Gold zu ihrem Gott gemacht“, so in Gutierrez, S. 22. Dort wird auch Christoph Columbus erwähnt, er sagte: „Das Gold ist das wertvollste aller Güter. Wer es besitzt, hat alles, wessen er in dieser Welt bedarf wie auch die Mittel, um die Seelen vor dem Fegefeuer zu bewahren und sie in die Freunde des Paradieses zu schicken“. (auch Gutierrez, S. 25)

Die Stimmen, die sich gegen das Abschlachten und Ausnutzen der Indianer wehrten und für eine menschenwürdige Behandlung der Indianer eintraten, wie Pater Bartholome de la Casas, wurden zwar offiziell am Hofe Karl V. angehört und humanere Behandlungen der indianischen Völker wurden auch befohlen. Aber in den Vizekönigreichen Lateinamerikas folgten die Conquistadores nicht diesen Weisungen. Das Morden und Ausbeuten der Indianer nahm kein Ende.

Zu Mord und Totschlag ein Beispiel aus der frühen Zeit der sogen. Entdeckung: Die geschätzte Einwohnerzahl in Westindien betrug 9 Millionen im Jahr 1520. Und es war eine Million Einwohner übrig geblieben im Jahr 1570. (Gutierrez, Gott oder das Gold, S. 10.)

 Sehr wichtig und bislang nahezu unbekannt: Es gab einen „Indianer“ in Peru, ein Mitglied des Volkes der Quechua, sein Name: Felipe Guaman poma de Ayala. (Gutierrez, S.13), er lebte von 1535 bis 1615. Kurz vor seinem Tod hat er ein umfangreiches Buch auch mit vielen Bildern, Skizzen, fertig gestellt, an dem er lange daran gearbeitet hat. Er spricht als Augenzeuge, der „alle Schrecken dieser Christen“ gesehen hat. Er hat erlebt, was die Armen leiden. Er wendet sich an die Leser in Spanien. „Diese spanischen Übeltäter verschlingen mein (“indiansches”) Volk. Mir selbst als Christen will es scheinen, dass ihr Spanier euch allesamt zur Hölle verdammt (Gutierrez S.15). Und noch einmal: „Mit ihrer Gier nach Gold sollen die Spanier in die Hölle fahren“ (Gutierrez S.189) Das heißt: In der Sicht einiger Theologen und der indianischen Völker selbst ist das spanische Reich ein gottloses Reich, trotz aller zur Schau gestellten Frömmigkeit. Das siglo de oro ist ein gottloses Zeitalter in der Sicht aufgeklärter Christen schon damals! Und es ist, klassisch-theologisch gesprochen, eine Art Blasphemie, wenn mit dem erbeuteten Gold, den indianischen Völkern entrissen, dann in den spanischen (aber auch lateinamerikanischen) Kathedralen, Kirchen und Klöstern die Bilder des leidenden Christus, etwa im Rahmen,  vergoldet wurden. Mit verbrecherisch erworbenem Gold wollte man Gott ehren, die Kirche in goldigen Glanz setzen und die Frömmigkeit fördern.

4. Ein Hinweis zur Philosophie im Goldenen Zeitalter: Baltasar Gracian (1601-1658).

Er war ein Jesuit, der ohne Erlaubnis seiner Ordensoberen z.T. unter Pseudonym, kurzgefasste Lebensweisheiten für den erfolgreichen Mann seiner Zeit schrieb. Dieses Büchlein, das “Handorakel”, sollte man als Dünndruckausgabe stets bei sich als Lebenshilfe haben. Ich meine: Das Handorakel war so eine Art ANTI-Evangelium und ANTI-Bibel mit Grundsätzen, die dem Geist der universalen Nächstenliebe eher widersprechen. Das Handorakel des Baltasar Gracian war eines seiner meist gelesenen Bücher: Allein 10 verschiedene Ausgabe und Übersetzungen in Deutschland…

Baltasar Gracian war auch kurze Zeit als Prediger, auch am Hof von Madrid, tätig. Er wollte den Menschen ein erfolgreiches Leben aufzeigen mit 300 relativ kurz gefassten Lebensregeln, die er in seinem Buch von 1647 darstellt. Den Wahn der Welt zu erkennen ist das Motto des pessimistischen Denkers.

Er schreibt also Vorschläge und Weisungen seines klugen Denkens, wie man sich möglichst klug erfolgreich durchs Leben schlägt; wie man weltgewandt wird und sich zu behaupten weiß; wie man sich verstellen lernt und sich durchsetzen, wie man im richtigen Moment abwarten muss und vorsichtig agiert, nur nicht zu viel von sich selbst sagt, auch aus Angst vor der allmächtigen Inquisition. Freundschaft wird gelobt, aber es wird eher ein Grundmisstrauen gegenüber den anderen empfohlen.

Das Leben des Menschen ist, so Gracian, milicia, ist Kampf, und wir klugen Menschen sind umgeben von der malicia, der Bösartigkeit, der anderen. Nur Raffinesse ist dem gewachsen!

Gracian wurde von seinem Orden bestraft, bestraft, eingesperrt, weil er seine Werke nicht vor Drucklegung den Oberen zur Kontrolle gezeigt hatte.

Gracian hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem auch den Roman „El Criticon“, der viel beachtet wird auch von konservativen Kreisen noch heute.

Ein Hinweis nebenbei: Es gibt etwa in der „Bibliothek des Konservatismus” in Berlin, Fasanenstr. Nr. 4, zahlreiche Ausgaben des “Handorakel”, sie stehen wahrscheinlich in der Bibliothek irgendwo im Umfeld der 33 mal dort versammelten Ausgaben von „Mein Kampf“ und dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ und eben… etwa der „Jungen Freiheit“… Äußerst konservative Denker haben sich für ihr autoritäres Denken immer wieder Gracians bedient…

Der Jesuit Dominik Terstriep hat sich in seinem Buch „Indifferenz“, 2009 erschienen, mit Gracian kritisch auseinandergesetzt (dort Seite 123 ff). Eine kleine Rarität in der Theologie der Gegenwart!

5. Zu Cervantes

Auch Cervantes war betroffen vom Kulturdirigismus und der Inquisition. Er studierte bei dem Humanisten Juan Lopez de Hoyos, vielleicht auch bei Jesuiten in Vallodolid. Er zitiert Cristobal de Fonseca aus dem Augustinerorden. Er wurde als Seefahrer gefangen genommen und nach Algerien gebracht, im Gefängnis von 1575 bis 1580, dort Gedichte geschrieben von Mönchen des Trinitarier-Ordens losgekauft.

Es gibt in Don Quijote gelegentlich auch eine starke Darstellung von Predigten, der Ritter und sein Knecht Sancho halten sich, so wird deutlich, durchaus für Theologen.

Auch bei Cervantes gibt es diese typische Angst: Er sparte seine Kritik für bessere Zeiten auf. „Der kluge Mann spart sich für bessere Gelegenheiten auf, so Don Quijote. II 28, 934, ähnlich wie Gracian. Tatsächlich hatte die Inquisition auch Cervantes verdächtigt, er würde den Ideen von Erasmus anhängen. Die Inquisition ließ diese Stelle nicht durchgehen, wo eine Herzogin zu Sancho sagt: „Und Ihr, Sancho, mochtet daran denken, dass die Werke der Nächstenliebe, die lau und nachlässig vollzogen werden, kein Verdienst nach sich ziehen und gar wertlos sind“. (II 36).

Und weiter: „Unseren Herrgott soll man um seiner selbst willen lieb haben, ohne an Himmel und Hölle zu denken“, so wird von Mariano Delgado zitiert in: „Don Quojote für Theologen“. Dies war ein ketzerisches Postulat der Mystiker, Gott um seiner selbst willen zu lieben, ohne dabei immer gute Werke tun zu müssen.

Nebenbei: Die Religion am Hofe war sehr vom Aberglauben durchsetzt, durchaus mit so genannten heidnischen Praktiken, etwa, wenn dem kranken Sohn von Philipp IV. Amuletten angelegt werden, damit er bloß gesund bleibt.

6.Eine systematische Überlegung: Das Goldenes Zeitalter: In der Frühzeit oder in der Zukunft?

In der Dichtung Ovids und in vielen Mythen ist die goldene Zeit die Vergangenheit: Eine paradiesische Zeit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war, so, wie es Ovid in den Metamorphosen beschrieb, als der ersten glücklichen Ur-Zeit, in der die Gerechtigkeit herrschte und die Menschen von sich aus und ohne gesetzlichen Zwang das Gute und Rechte taten („Aurea prima sata est aetas“ …so beginnt der Text). Die eigene Gegenwart wurde dann von Ovid als die eiserne Zeit der Härte und des Zwangs beschrieben. Bei Ovid gibt es vier Zeitalter dort, es beginnt mit gold, also mit Frieden und Gerechtigkeit, geht über zu Silber, dann das erzürnte Zeitalter, dann zum Schluss das eiserne Zeitalter. Scham, Wahrheit und Treue verschwinden, es herrschen Betrug als auch List als auch Hinterhalt und Gewalt und die verbrecherische Liebe zu besitzen (=Geiz) nach.

Die Mystik, die christliche, neigt dazu, die gute Zeit in die Vergangenheit zu legen, in die zeitlose Ewigkeit bei Gott: Dort strebt die Seele, die ihren göttlichen Funken entdeckt hat, dort, in der Urzeit, erlebt sie die Erlösung, als Austritt aus Geschichte, als ewiges Sein in Gott.

In der Bibel wird im Buch des Apokalypse, der Geheimen Offenbarung, ganz am Ende, im 21. Kapitel, das neue Jerusalem als Ort der Verheißung beschrieben, Die Stadt war aus reinem Gold, heißt es da in Vers 18. Das ist die neue Welt. In der aller Schrecken beendet ist. Goldene Zeitalter also in der Zukunft. Dort gibt es keinen Tempel (der Juden) mehr. In der Zukunft wird die unmittelbare Gottesbegegnung geben.

Es wäre der Kritik am Gold im AT weiter nach zugehen, in den Psalmen etwa: „Die Götzen sind Silber und Gold; der Fromme liebt Gottes Gebote mehr als Gold“.

Geschichtsphilosophisch sehr interessant ist, dass es seit dem Mittelalter, etwa in Joachim von Fiore, später dann im 16. Jahrhundert durch Thomas Morus, die goldene Zeit als die zukünftige Zeit entwickelt wird. Als Utopie der menschlichen Welt, die dann auch gemacht werden kann von den Menschen. Utopie ist sozusagen ein Aufruf zur Tat. Das goldene Zeitalter wird eher wahrgenommen als Geschenk, als zufälliges Glück, etwa viele Künstler um sich zu haben. Konservative Denker weisen bis heute die Utopien ab, weil in der Utopie immer die kritische Negation der Gegenwart mitgemeint ist, wie Ernst Bloch, der Philosoph des „GEISTES der Utopie“ meint. Schon bei Thomas Morus, in seiner UTOPIA von 1535, ist Sozialkritik in großer Schärfe dargestellt. Anstelle des Egoismus wird eher für die Gütergemeinschaft plädiert.

In Berlin spricht man von den goldenen Zwanzigern, die Jahre 1924 bis 1929, die so goldig für alle Berliner, besonders für solche, die arbeitslos im Schatten der Hinterhöfe lebten, ja nicht waren. Politisch war alles sehr schwankend, das kulturelle Leben in bunter Vielfalt, die Nacht wurde zum Tage, neue Eleganz, Luxus, an der wenige teilhatten.

Das Wirtschaftswunder, einige Jahre nach der Beendigung des Holocaust, also in der Erhardt-Ära, Kanzler von 1963 -66) wird wegen des Wirtschaftsaufschwungs (bei bleibenden Schweigen über die Nazi-Verbrechen) auch golden genannt. Politisch eher ein unaufgeklärtes, die Vergangenheit verleugnendes Zeitalter!

7. UNSER persönliches goldenes Zeitalter:

Irgendwann hat jede Nation und sicher auch jedes Individuum das Verlangen, eine bestimmte reale Zeit in der eigenen Geschichte als das goldene Zeitalter oder das goldene Jahrhundert, el siglo de oro, festzulegen. Eine Zeit, meist in der Vergangenheit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war.Vielleicht ist es die (schöne !) Kindheit?

Es ist merkwürdig, wenn Künstler und Intellektuelle, die in der DDR in einer Nische der versteckten, aber sichtbaren Opposition lebten, heute sagen: „Nie war die DDR vielgestaltiger als während ihrer Auflösung von Innen heraus, so Wolfgang Engler, heute Rektor der Schauspielschule Ernst Busch. „im Gedächtnis derer, die daran teilhatten, war dies die beste Zeit“ (Tagesspiegel 15. 7. 2016).

8. Ein kritischer Hinweis zum Schluss:

Die Ausstellung „el siglo de oro“ befindet sich in der Gemäldegalerie in ständiger Berührung und Sichtweite zur allgemeinen, wunderbaren Dauerausstellung. Ich bin kurz vor Ende der Spanien-Ausstellung schnell mal zu den alten Meistern der Holländer ausgewichen. Und ich muss sagen: Es war dort für mich eine Art Befreiung, ein Aufatmen, das reale Leben von armen, vor allem bürgerlichen Menschen in Holland auf den Genre-Gemälden zu erleben. So viel Alltag, so viel Menschlichkeit, so viel Lachen und Freude und Staunen und Lesen und Saufen und Prügeln usw. Das ist doch der Alltag. Im „el siglo de oro“ hat kein Heiliger gelacht. Nur ständig diese Christus-Leichname, die Kreuzigungen, die (Selbst) Quälereien von Heiligen, dieses Blut, die Wunden.

Warum kam kein die Kunst finanzierender Klerus damals auf die Idee, den Jesus der Bergpredigt malen zu lassen, wäre doch ein tolles Motiv gewesen; oder den Jesus, der die Händler aus dem Tempel rausschmeißt; der Wunder wirkt am Sabbat natürlich als Gesetzesbrecher; der die Tischgemeinschaft liebte, der mit den Frauen so freundlich-erotischen Umgang pflegte und so weiter und so weiter. Die kirchlichen Auftrageber liebten das Leiden und das Blut und den Tod. Diese Kunst, diese Blut-Kunst der Leichname und Sterbenden, von der Kirche finanziert, ist in dieser Einseitigkeit in meiner Sicht häretisch und theologisch falsch im eigentlichen Sinne: Sie wählt einige wenige Aspekte aus dem Leben Jesu aus, die Geburt mit der Jungfrau, und immer wieder das Kreuz … und die Mönche und die Heiligen, die sich als Sünder geißeln und permanent – angeblich – Buße tun. Der Klerus stellt sich in den Mittelpunkt. Diese Tradition des leidenden, Blut triefenden Christus lebt bis heute in der semana santa. Manche Fromme oft wohl krankhaft fromm, lassen sich selbst heute noch bei diesen volksreligiösen Folklore-Veranstaltungen ans Kreuz nageln. Auf den von spanischer Frömmigkeit bestimmten Philippinen ist das noch üblich. Da staunen die Touristen… Jedenfalls ist in meiner Sicht die absolute Dominanz der Kreuzesdarstellungen und des sterbenden, verstorbenen Jesus, verheerend für ein wirklich umfassendes Verstehen des Christlichen. Dass heute so viele Menschen damit nicht mehr so viel zu tun haben, kann ich verstehen. Zeigt uns doch den ganzen Jesus von Nazareth, könnte eine Forderung heißen.

Noch einmal gefragt: Was bringt also die Ausstellung „El siglo de oro“? Sie zeigt zweifellos wunderbare Porträts von Menschen, wunderbare Charakterstudien der oft depressiven oder dummen Herrscher (Philipp IV. und Karl II.) oder der Leute am Hof . Über allem aber steht ein Schatten der Trauer, wenn nicht der Verzweiflung. Natürlich auch darüber, dass dieses “allermächtigste Königsreich”, das bis nach Lateinamerika und bis auf die Philippinen seine Macht ausgedehnt hatte und mit millionenfachem Mord an den sogen. Indianern sich finanziell zunächst bestens stabilisiert hatte, eben doch sich übernommen hatte in den Kriegen. Es war zudem an der eigenen wirtschaftlichen Unfähigkeit gescheitert. Aber auch dadurch, dass man in Spanien keine bürgerlichen Freiheiten gewährte und Wissenschaft und Forschung verhinderte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, blieb Spanien ein weithin klerikal bestimmtes eher unbewegliches, starres Land.

9. Ein aktueller Hinweis zur weiteren Debatte: Was vermag Kunst in einem Staat der Repression?

Die Kunst des “siglo de oro” war, wenn, dann nur andeutungsweise schwach, kaum politisch-kritisch. Die kritische Haltung konnte sich kein Künstler leisten, Cervantes deutet eine solche Haltung in seinem Don Quijote an.

Hingegen: Ein Hinweis auf eine heute wirkmächtige, Politisches tatsächlich verändernde Kunst: Vom 16. Juli bis 26. September 2016 gibt es im Martin Gropius Bau eine empfehenswerte Ausstellung über die oppositionelle Kunst in der DDR. Ihr Titel: „Gegenstimmen“.

Der totalitäre Herrschaftsanspruch konnte sich in der DDR eben nicht total durchsetzen, es gab von Künstlern erkämpfte freie Räume, zwar bescheiden, aber gegen Mitte der 1980 Jahre wachsend. Das waren Künstler, die nicht mehr auf sozialistische Reformhoffnungen setzten, wie der Kurator der Ausstellung, Paul Kaiser, schreibt. „Die Künstler folgten nur ihrer eigenen Erfahrungswelt, sie propagierten eine Generaldistanz, die sich nicht mehr um die Erweiterung eines künstlerischen Vokabulars, sondern um eine gänzlich neue Semantik bemühte… dadurch trug die Bohème auf ihre Weise zu innenpolitischen Destabilisierung der DDR bei.“ … „Diese Künstler sind leider fast vergessen“. Es gibt bis heute eine Verblendung, eine Ignoranz, „eine vampiristische Konsequenz westdeutscher Sinngebungsinstanzen“, wo wird Christoph Tannert von Paul Kaiser in „Museumsjournal“, 3/2016 Seite 53, zitiert.

Die Voraussetzung für diese so mutige Kunst: In der DDR gab es immerhin doch eine schwache Pluralität, trotz der dominanten Einheitspartei: Es gab die Informationen usw. aus dem Westen via Radio und Fernsehen; es gab immerhin die Kirchen, vor allem die sich nicht ins Getto versteckende evangelische Kirche, und es gab eben die Künstler, die Schriftsteller, die Filmemacher, die Musiker, die alle, trotz Stasi-Präsenz, ein Stück Freiheit eroberten. Diese Ideen waren dann die Kraft, das Regime, selbst schon ökonomisch am Ende, 1989 zum Sturz zu bringen.

Solche Konstellationen gab es in dem total vereinheitlichten, von Angst vor „den anderen“ zerfressenen katholischen System im Goldenen Zeitalter Spaniens nicht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur zum Umfeld: Goldenes Zeitalter in Spanien

Gustavo Gutierrez, Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas. Herder Verlag, 1990.

Bartolomé de Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder. herausgegeben von Michael Sievernich, Inselverlag, Frankfurt/Main / Leipzig 2006.,

Sehr zu empfehlen, bewegend: Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit. 8. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2000 Ersterscheinung 1938, nach der 1. Auflage von den Nazis verboten, dann wieder 1946 erscheinen)

Baltasar Gracian, „Hand Orakel und Kunst der Weltklugheit“. Fischer Taschenbuch, 2008. 7 Euro. Ein philosophischer Ratgeber für ein erfolgreiches Leben.

Martin Franzbach, Cervantes, Reclam Heft, 80 Seiten. 1991. Sehr zu empfehlen.

Über den wichtigen kritischen Schriftsteller aus dem Quechua Volk mit Namen Waman Puma de Ayala (ca. 1535 bis 1615) liegen meines Wissens auf Deutsch keine Studien vor. „Es ist das reichhaltigste und umfassendste Dokument, das uns aus der Epoche der ‘Besiegten der Eroberung’ überliefert ist“, so Bernard Lavallé in Hdb.d.Gesch.Lateinamerikas, Bd.1, S.514

Informativ auf Deutsch wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Waman_Puma_de_Ayala#Literatur

Auf Deutsch eine Einführung zu Felipe Guaman poma de Ayala: http://sammelpunkt.philo.at:8080/2226/1/Fr%C3%BChmann_Poma-de-Ayala.pdf

Grundsätzlich zu Spanien im allgemeinen und en passant auch zum Goldenen Zeitalter: Juan Goytisolo, Spanien und die Spanier. Taschenbuch, viele Auflagen. 11 Euro. Suhrkamp.

Die Irrtümer des Manfred Lütz in seinem Buch „Skandal der Skandale“: “Auf hohem Ross reitend und besserwisserisch”…

Ein Beitrag des Historikers Dr. phil. Josef Breinbauer.

Das von einigen Stellen mit viel Lorbeeren bedachte Buch von Manfred Lütz, kann nicht unwidersprochen bleiben. Sein durch fromme Scheuklappen eingeengter Blick lässt ihn viel, was er mit seiner Argumentation nicht als kompatibel empfindet, unter den Teppich kehren.

Im Lob von Toleranz und Gewaltlosigkeit der Christen (S. 35 ff.) kann sich Lütz kaum eingrenzen. Doch nicht einmal untereinander kamen die Christen ohne Gewalt aus. Natürlich bleibt daher bei ihm unerwähnt, dass bei der Papstwahl im Jahre 366 die Leute des dann erfolgreichen Damasus eine Kirche stürmten und darin 137 Anhänger seines Rivalen Ursinus umbrachten. Auch die sog. „Räubersynode“ von Ephesos (449) kann nicht gerade als Muster des respektvollen Umgangs der Christen miteinander gewertet werden. Skandale gibt es für Lütz aber erst nach der Jahrtausendwende. “Und wenn das Ende der Welt damals gekommen wäre, müssten wir uns bei der Bilanz des Christentums nicht mit den klassischen Skandalen aufhalten, denn es gab sie nicht. Es gab in den ersten tausend Jahren des Christentums weder Kreuzzüge noch Inquisition oder Hexenverfolgungen, auch keine Pogrome und eben so wenig eine dauerhafte Kirchenspaltung mit der Ostkirche. Man erwarb sich Verdienste bei der Humanisierung der Barbarei…..”( S.63 f.). Allein schon das frevelhafte Handeln von Papst Stephan VI. gegen seinen Vorgänger Formosus auf der Leichensynode von 896/97 macht eine solche Behauptung unglaubwürdig. Fehlanzeige auch der kirchliche Rangstreit 1062/63, als sich in Goslar die Leute des Bischofs von Hildesheim und die des Abtes von Fulda in der Kirche gegenseitig die Köpfe einschlugen, bis feststand, wer neben dem Mainzer Erzbischof sitzen darf. Lampert von Hersfeld, Annalen a. 1063: …multi utrimque vulnerati, multi occisi sunt…Mit der Solidarität der Glaubensbrüder untereinander war es also noch nicht so gut bestellt wie es uns Lütz glaubhaft machen will. Und wenn es ums Geld geht, hört die Friedensliebe der Christen auch gegenüber anderen Christen rasch auf: Siehe Eroberung von Zara beim Kreuzzug (1202).

Auf Seite 44 unterstellt Lütz dem Kaiser Konstantin, der sich erst am Ende seines Lebens taufen ließ, dass dieser im Sinne der Gewaltlosigkeit des Christentums handeln wollte. Ob das Licinius, Fausta und Crispus, denen er zu einem vorzeitigen Tod verholfen hat, auch so sehen, dürfte fraglich sein. Nicht zu vergessen, dass der Christengott für Konstantin zunächst ein Schlachtenhelfer war. Bei der Regelung der Osterfrage hatte Konstantin auch ein paar „Streicheleinheiten“ für die Juden übrig: „Nichts sei uns gemein mit dem feindlichen Volk der Juden!“

Bei der Ketzer- und Hexenverfolgung (Kapitel IV bzw. VI) hält Lütz den Anteil der Päpste möglichst gering, obwohl diese den Inquisitoren die gewünschte Autorität verliehen. Konrad von Marburg (S. 109 f.) wütete demnach eigenmächtig gegen Ketzer und sei auf die geschlossene Gegenwehr der Bischöfe gestoßen. Nach Konrads Ermordung 1233 sei Papst Gregor entsetzt gewesen, auch über das Vorgehen des Inquisitors. Dass ihm der Papst zuvor am 11.10.1231 die volle Gewalt, ohne Zulassung einer Appellation mit Prozessen gegen die Häretiker in Deutschland vorzugehen, übertrug, fällt bei Lütz unter den Tisch. Vgl. NDB, Bd.12, S. 545. Auch die päpstlichen litterae „Vox in Rama audita est“ von 1233, in denen die „luziferianischen“ Initiationsriten geschildert werden, bleiben unerwähnt. Konrad hatte die Phantasiekonstruktionen dem Papst übermittelt. Dem Handeln nach muss Gregor IX. diese für wahr gehalten haben. Ähnlich sparsam mit Informationen geht Lütz (S. 153) beim Hexenhammer (1487) um. Heinrich Kramer, „ein windiger deutscher Dominikaner“ habe sich vorher geschickt bei der päpstlichen Bürokratie ein „routinemäßiges Dekret“ besorgt und dann sein Machwerk gebastelt. Jetzt darf der Leser raten. War das nicht die berüchtigte Bulle „Summis desiderantes affectibus“ des Papstes Innozenz VIII., der sich zum Eingreifen verpflichtet fühlte ? Die in diesem Dokument von 1484 aufgeführten Untaten erklärte Innozenz als Tatsachen, deren Realität man nicht bezweifeln durfte. Für Lütz ist all das keinen Federstrich wert.

Sicherlich ist de Las Casas ein rühmliches Beispiel für die kath. Kirche. Gerne habe ich schon als Schüler Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V. gelesen. Stolz schreibt Lütz auf S. 188: „Die Päpste blieben bei ihrer strikten Verurteilung der Sklaverei.“ Er nennt dabei Urban VIII. (1568-1644) als seinen ersten Gewährsmann. Kein Wort fällt allerdings zu Nikolaus V, der gut hundert Jahre früher dem König von Portugal in der Bulle „Dum diversas“ (leicht im Internet zugänglich) die Vollmacht verlieh, heidnische, ungläubige Reiche, Ländereien… anzugreifen, zu erobern oder zu unterjochen, die Personen für immer in Knechtschaft zu halten…“ Erwähnen können hätte man in diesem Zusammenhang auch den römischen, also nichtchristlichen Philosophen Seneca, der in seinen Epistolae morales 47 entgegen dem damaligen mainstream die Sklaven als Menschen ansah (servi sunt, immo homines).

Das Kapitel um die Unfehlbarkeit des Papstes wird ziemlich flach abgehandelt (S. 198-202). Lütz kommt dabei aus ohne Konstantinische Schenkung, ohne Honorius-Frage, ohne Sutri (1046) und ohne Konziliarismus, welcher 1417 mit Martin V. dem Papsttum einen Neustart ermöglichte. Dieses war dann bedacht, konziliare Fesseln alsbald abzustreifen. Nach katholischer Lehre könne ein Papst nicht eine neue Lehre, die ihm irgendwie gefällt, zum Dogma erheben (S. 200). Da wäre nun eine Erläuterung fällig zu Kapitel IV der dogmatischen Constitution „Pastor aeternus“, wo es heißt: „..ideoque ejusmodi Romani Pontificis definitiones ex sese, non autem ex consensu Ecclesiae, irreformabiles esse“. In diese Zeit von Pius IX. gehört auch dies hinein: Der Skandal um die Nonnen von Sant’ Ambrogio. Was Hubert Wolf ausführlich beschrieben hat, kann natürlich bei Lütz keine Erwähnung finden. Der Gipfel von Heuchelei aber ist es, wenn Joseph Kleutgen, der sich als Beichtvater der Nonnen zu deren hübschesten ins Bett gelegt hatte, sich später in einer Predigt an die studierende Jugend wendet und die Unkeuschheit als Weg zur Hölle anprangert (Predigten von Joseph Kleutgen, Zweite Abtheilung, Pustet Verlag 1874, S. 99-117). Unbequemen Wahrheiten muss man einfach aus dem Weg gehen.

Beim Thema „Frau“ ist der Autor voll des Lobes für die emanzipatorischen Leistungen der kath. Kirche. Zunächst heißt es auf S. 29 ganz allgemein : “Noch ein anderer Keim ist im Monotheismus angelegt. In den kosmologischen Religionen der Vorzeit entspricht der Mann gewöhnlich der Sonne und die Frau dem Mond, womit Letztere immer nur ein Abglanz ist und nie Gleichberechtigung erhält. Hingegen spricht ihr der Monotheismus dieselbe Menschenwürde zu.”  Gegen Frauen im Dienst am Altar schritten Papst Gelasius (ep. 14,26) und später das Konzil von Paris (829) vehement ein. Logischerweise übergeht Lütz bei seiner Zitation von Paulusstellen jene in 1Kor11,7, wonach der Mann Abglanz Gottes ist, die Frau aber nur Abglanz des Mannes. Dementsprechend heißt es im maßgebenden Decretum Gratiani C.XIII. …ideoque mulier non est facta ad Dei imaginem…Diese nachgeordnete Gottebenbildlichkeit begegnet auch noch beim Brautsegen im Schott/ Das vollständige Römische Meßbuch, mit imprimatur von 1958, [125]. Was der heilige Abt Odo von Cluny, gest. 942, in diffamierender Weise über das weibliche Geschlecht sagt, ist schon mehr als skandalös. Könnte man unter die Haut sehen, würde man sich ekeln, da man nur Schmutz und Schleim vorfände (PL 133, Sp. 556). Nach Lütz sei aber die Kirche keineswegs sexualfeindlich (S. 261) und habe immer wieder prüde Sexualitätsgegner bekämpft (S. 263). Ob für ihn Abt Odo und Petrus Damiani zu diesen gehörten, erfahren wir leider nicht. Letzteren vermisst der kundige Leser auf S. 259. Dieser Heilige und auch Kirchenlehrer war energischer Vertreter der Kirchenreform und gestrenger Verfechter einer restriktiven Sexualmoral, nicht nur im Sinne der Durchsetzung des Zölibats für Priester. Mit seinen putzigen, am Tierreich orientierten Vorstellungen von Sexualität ( PL 145, Sp.777:…admiremur fecundam in vulturibus virginitatem. Perhibentur enim vultures caeterum avium more concubitui nullatenus indulgere, sed absque ulla prorsus masculini sexus admistione concipere…) passt er nicht in die Behauptung von Lütz. Auf S. 266 gelangt der Autor zu der erstaunlichen Feststellung, der hl. Alphons von Liguori, der Patron der Beichtväter, habe dazu geraten, „dass die Priester bei der Beichte in sexuellen Dingen nicht weiter nachfragen sollten.“ Wozu aber hat dieser dann sein großes Werk, die „Theologia moralis“, geschrieben? 1748 erstmals erschienen und dann über 70mal wieder aufgelegt! Sein Ziel war es, gute Beichtväter heranzubilden, die den Grad der Sündhaftigkeit aller möglichen sexuellen Handlungen beurteilen können. Mit Details wird bei Liguori nicht gespart. Seine Einstellung zum Sextum wird schon im ersten Band deutlich: „Nur mit Widerwillen schreiten wir jetzt zur Behandlung jenes Gegenstandes, dessen Name schon die Geister der Menschen unangenehm berührt….Doch diese Sünde muss nur allzu häufig und allzu reichlich Gegenstand der Beichten werden. Gerade ihretwegen wird der größte Teil der Verdammten in die Hölle gestürzt.“(zitiert nach Karl-Heinz Kleber, De parvitate materiae in sexto, S. 275). Dass die Kirche keineswegs sexualfeindlich und prüde sei, lässt sich nach Lütz (S. 261) an Papst Johannes XXI. aus dem 13. Jahrhundert ablesen, der für das Edelste, was es in der Ehe gebe, den Geschlechtsverkehr, offen ins Detail geht. Etwa 400 Jahre später verurteilt aber Innozenz XI. folgenden Satz: Opus conjugii ob solam voluptetem exercitum omni penitus caret culpa ac defectu veniali.“ Inwieweit das nun eine lässliche oder schwere Sünde ist, auch darüber muss Alphons von Liguori Rat geben.

Was Lütz zum Nationalsozialismus schreibt, bleibt ebenfalls geschönt. Von Brückenbauern wie Karl Adam, Joseph Lortz oder Michael Schmaus nimmt er natürlich Abstand. Um sein Bild des Katholizismus in der NS-Zeit nicht trüben zu müssen, liest man bei ihm weder vom „Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat“, welches die Philosophisch – Theologischen Hochschulen Bayerns 1933 unterzeichneten, noch vom „Handbuch der religiösen Gegenwartsfragen“, hrsg. mit Empfehlung des deutschen Gesamtepiskopats von Erzbischof Conrad Gröber (1937). Vom kath. Feldgesangbuch von 1939 und diversen Hirtenbriefen deutscher (Erz-)Bischöfe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs hat Lütz offensichtlich keine Ahnung Am Erscheinungsort seines Buches hat 1940 der damalige Erzbischof ein Hirtenwort an die Soldaten im Feld gerichtet unter dem Motto: „Arbeite als ein guter Kriegsmann Christi“. Dessen Paderborner Amtskollege stellt zu Beginn der Fastenzeit 1942 in einem Hirtenwort die rhetorische Frage, ob nicht das arme, unglückliche Russland Tummelplatz von Menschen sei, „die durch ihre Gottfeindlichkeit und durch ihren Christenhaß fast zu Tieren entartet sind.“ Das liest sich konträr zu dem, was Lütz auf S. 213 hervorhebt: „Den Christen verbot die Überzeugung von der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen den Gedanken „minderwertiger Rassen:“ “

Fazit: Manchmal fragt man sich schon, wie klar oder unklar der Kenntnisstand von Herrn Lütz ist. Es ist tröstlich, dass sich viele seiner Aussagen problemlos zurechtstutzen lassen. Von dem hohen Ross, auf dem er besserwisserisch durch die Kirchengeschichte reitet, kann man ihn leicht herunterholen.

Manfred Lütz, Der Skandal der Skandale Die geheime Geschichte des Christentums, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2018, 286 S. , ISBN 978-3451-37915-4, gebundene Ausgabe 22 €.

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