Keine wirksame Reformation: Das Ende der „Reformationsdekade“

Hinweise und Kritik

Von Christian Modehn:

Viele LeserInnen haben mich gefragt, was denn die Hauptthese dieses Beitrags sei:

Es ist das Ausbleiben einer neuen Reformation , einer “zweiten” großen Reformation, wenigstens in den protestantischen Kirchen anläßlich des Gedenkens: “500 Jahre The­sen­an­schlag, 500 Jahre Reformation durch Luther”. Diese zweite, neue und große Reformation wäre ein halbes Jahrtausend  nach dem The­sen­an­schlag dringend geboten gewesen. Diese zweite Reformation 2017 ist aber vor lauter Angst und theologischer Routine, die durch ein enormes Gedenk – Angebot nur verdeckt wurden, ausgeblieben. Das Reformationsgedenken blieb also sehr unter dem Niveau der aktuellen Herausforderungen der Welt, angesichts von Elend, Krieg, Ausbeutung. Es hat keine Auswege gezeigt, wenigstens an einem Punkt, etwa dem Nationalismus, aus der heutigen Weltkrise. Was möglich gewesen wäre 2017, wird im folgenden skizziert. Dies ist also ein trauriger, aber realistischer Rückblick, den nur sehr bescheiden, selbstzufrieden und schlicht denkende Leute als “pessimistisch” abweisen können…Denn auch über die notwendige Lernbereitschaft von den so genannten “anderen Religionen” wurde in der Reformationsdekade viel zu wenig gesprochen, etwa vom Dialog mit den authentischen Formen des Islams oder von den notwendigen Gesprächen mit den Menschen, die sich Atheisten nennen. Gerade sie können das Gottesbild der Frommen zurecht korrigieren. Dass die Kirchen “leerer werden”, wie man so sagt, liegt nicht an den Atheisten, sondern an der Unfähigkeit der Kirchen, nachvollziehbar, in weltlicher und allgemeiner Sprache, vom Menschen und damit möglicherweise vom Transzendenten (“Göttlichen”) im Menschen zu sprechen.

Am 1. November 2017 endet also die viel besprochene und oft zitierte Reformationsdekade. 10 Jahre lang hatten interessierte Christen und Nichtchristen in Deutschland die Chance, in jedem Jahr unterschiedliche Aspekte der Reformation, die mit Luther hier ihren Durchbruch fand, zu diskutieren und studieren, etwa Bildung (im Jahr 2010, Musik (2012), Politik (2014) usw.

Noch nie wurde wohl in Deutschland zuvor ein – zudem umstrittenes – Ereignis, wie der The­sen­an­schlag Luthers am 31. 10. 1517, so umfassend und so ausufernd lange „gefeiert“. Manche fanden das sehr übertrieben, zurecht, wenn man fragt: Was bleibt von diesem Spektakel für die Zukunft, was bleibt im Gedächtnis der Menschen bis zum nächsten Reformationsgedenken 2117, falls dann noch Welt und Kirchen bestehen…

Die Frage ist entscheidend: Was bleibt wirksam in den Köpfen der Menschen und in den Strukturen der Gesellschaft und Kirchen. Gibt es unvergessliche Ereignisse? Oder war alles fromme Routine, inszeniert von einer „selbstgefälligen Kirchenbürokratie“, wie der Theologieprofess Jörg Lauster (München) in seinem immer noch lesenswerten Buch “Der ewige Protest“ (München 2017) schreibt.

Der Höhepunkt der Reformationsdekade war sicher der Kirchentag in Berlin und Wittenberg 2017. Und die Bücherberge, die im Luther-Gedenken, erzeugt wurden, sind beachtlich, aber inhaltlich kaum zu überblicken. Wer hat alle diese Bücher zum Reformator gelesen, ich kenne keinen. Wie lange werden sie noch in den Buchhandlungen präsent sein? Genauso wie ich in meinem Umfeld in Berlin niemanden kenne, der heute, Ende Oktober 2017, noch irgendein Wort über den Kirchentag verliert. Alles so fern, so vergessen, so teuer, so wirkungslos. Warum wohl? Weil die Veranstalter alles und jedes Thema „bearbeiteten“, anstatt sich auf eines zu konzentrieren: Etwa: Die Frage nach dem Sinn des Lebens und die Frage nach einem Gott als dem Sinn dieses Lebens.

Mich erfasst, wie einige andere vielleicht auch, eine gewisse Trauer, man könnte sie auch Wut nennen: Gewiss, in der Reformationsdekade wurden praktisch alle irgendwie mit Luther und der Wittenberger Reformation zusammenhängenden Gebäude und Kirche aufwändig und kostspielig renoviert. Der Tourismus in den Ländern Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, ja sogar in Bayern und Brandenburg wird von diesen vielen Reformations / Luther Gedenkstätten noch Jahre profitieren. Der deutsche Staat ließ sich das 10 Jahre währende Luther Gedenken viel kosten, die Kirchensteuer Etats wurden auch geplündert. Aber was nützt es einer Religion, einer Kirche, wenn durch so viele Orte und Kirchen der Eindruck nur verstärkt wird: Religion und Kirche ist etwas Museales. Ohnehin besuchen Touristen heute Kathedralen und Kirchen und Klöster nur noch als museale, oft tatsächlich verstaubte Orte.

Die entscheidende Frage aber ist:

Hat sich irgendetwas ganz Wichtiges in den Köpfen der Menschen durch die Reformationsdekade eingeprägt?

Vielleicht wissen nun sehr viel mehr Leute etwas mehr über die immer wieder dokumentierten antisemitischen Tendenzen im Denken Luthers. Das war ein Lernerfolg in diesen Jahren! Oder man denkt sehr zurecht an Luthers tiefe Abneigung aller autonomen Philosophie.  Haben die interessierten Leute in diesen Jahren wirklich Genaueres über den großen Gegenspieler Luthers, also über Thomas Müntzer, erfahren? Ist die ganz andere Gestalt der Theologie bei Müntzer deutlich geworden? Etwa Müntzers Leidenschaft, ein soziales Evangelium zu verkünden und zu leben? Die aufs heftigste und brutalste Weise propagierte Abweisung Müntzers durch Luther ist meines Erachtens genauso gravierend wie Luthers nun allgemein, auch kirchlich zugegebene Judenfeindschaft. Dabei sind die Grenzen im apokalyptischen Denken Müntzers auch ganz klar. Er hat wie Luther die Bibel wortwörtlich, also fundamentalistisch, verstanden…Also: Luther hat Glanzvolles vollbracht, wie die Bibelübersetzung und die Abweisung des Papsttums und der verdorbenen Kurie.

Aber war Luther insgesamt eine heute rundherum glanzvolle, gar vorbildliche Gestalt? Sicher NICHT. Luther immer noch als Namensgeber einer weltweiten Kirchen zu haben, ist peinlich. Bis heute sind in vielen evangelischen und evangelikalen Kreisen autonome philosophische Reflexionen höchst unerwünscht. Diese christlichen Kreise befinden sich dann zurecht in einem kulturellen Getto. Oder es bleiben Erinnerungen an Luthers Frömmigkeit, die noch extrem von Augustins furchtbarer Gnadenlehre bestimmt war. Oder sie wissen, was diese Fixiertheit Luthers so ausschließlich auf den Römerbrief und Galaterbrief des Paulus für Schaden angerichtet hat für ein umfassendes Verständnis eines freien, selbstbewussten, selbstkritischen, auch vernunftgeprägten und tätigen Glaubens.

Aber dies sind alles schon wieder Spezialthemen für Spezialisten und einige treue Gemeindemitglieder.

Also: Was wurde versäumt in der Reformationsdekade?

1. Es wurde versäumt, dass sich die lutherische Kirche ab sofort verpflichtet, alles zu tun, damit sich diese Kirche nicht mehr “lutherisch” nennt. Dies wäre eine wahre Reformation heute gewesen. Denn diese auf eine theologisch sehr begrenzte und uns so weit entfernte Person bezogene Namensgebung einer doch weltweit agierenden Kirche ist schlicht ein Skandal. Und sicher ist heute in der weiten Ökumene die lutherische Kirche in dieser Namens-Fixiertheit eine Ausnahme! Die allermeisten Calvinisten haben auf ihren Titel „Calvinistische Kirche“ Gott sei Dank verzichtet und nennen sich treffend „Reformierte“. Was wäre dies für ein Ereignis gewesen zu sagen: Ab heute wollen wir uns nicht mehr Lutherische Kirche nennen. Sondern: „Nur noch“: „Evangelische Kirche“. Der protestantische Theologe Jörg Lauster hat in seinem Buch „Der ewige Protest“ diese Umbenennung der Lutherischen Kirche auch vorgeschlagen (S. 83).

Nur nebenbei: Diese Kritik an Luther schreibe ich nicht etwa, weil ich die römische Kirche verteidigen will…Zumal konservative römische Kirche erneut Grenzen ziehen zur Ökumene, wie kürzlich Kardinal Woelki, Köln, siehe dazu meinen Kommentar

2. Ein etwas bescheideneres Projekt wäre es, wenn die Landeskirchen und die EKD zweitens dafür sorgen können, dass endlich die unglaublich abstoßenden Namen von evangelischen Kirchengebäuden verschwinden: Also Schluss mit dem Titel „Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche.“ Schluss mit dem Titel „Kaiser Friedrich Gedächtniskirche.“ Was soll noch eine „König Luise Gedächtniskirche“? So wegweisend ist diese Dame heute ja nun auch nicht. Wenn man dann nicht noch mehr Bonhoeffer – und Friedens-Kirchen als Titel will: Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, warum nicht “Oscar Romero Gedächtniskirche”? Warum nicht “Kirche des Dialogs”?

Was wäre diese Umbenennung von Kaiser Kirchen etc. für ein Ereignis, ein Symbol, gewesen? So etwas schreibt sich ein ins Gedächtnis der Menschen, auch der Nichtreligiösen. Diese Menschen wissen dann: Die Kirche wagt doch noch einen Sprung nach vorn. Unglaublich, dies wäre endlich mal ein kleines „Pfingsterlebnis“. Aber vor dem Wirken des freien Geistes haben alle Bürokraten Angst.

Und 3.: Die Evangelische Kirche hätte gut daran getan, sich von der Unmenge ihrer Dogmen zu befreien. Und das Kurze und Wesentliche des christlichen Glaubens für alle nachvollziehbar in Alltagssprache auszusagen. Damit will ich sagen: Es hätte der Reformationsdekade gut getan, sich endlich den Grundeinsichten der modernen liberalen Theologie anzuschließen. Und dabei zu plädieren, dass die göttliche Wirklichkeit unter so vielen Menschen so unterschiedlich lebt. Säkularisierung ist nicht total. Der Glaube lebt nur „woanders“. Nicht jeder, der sich Atheist, ist total gegen Gott. Er ist vielleicht zurecht nur gegen die Kirchenbürokratie und den Dogmenwahn, der so unglaublich vieles von Gott zu wissen vorgibt. ..

Und 4.: Man hätte gegenüber der römischen Kirche präziser, entschiedener, auftreten sollen: In aller Deutlichkeit hätten die Protestanten immer wieder betonen können: Wir als Protestanten laden selbstverständlich wenn schon nicht alle Menschen, so doch wirklich alle Christen, auch Katholiken, zum Abendmahl ein. Dieses muss man ständig sagen und praktizieren in der Anwesenheit von katholischen Bischöfen und Prälaten, sonst glauben sie es nicht. Und: Wir Protestanten laden Katholiken ein, in unseren protestantischen Gemeinden mit zu leben, mit zutun, mit zu feiern, vielleicht mit dem Status eines „Freundes der Protestanten. In Holland praktiziert eine protestantische Kirche diese Form der doppelten Mitgliedschaft als Freund, es sind die Remonstranten….So hätte man langsam die Mauern der Konfessionen etwas aufgelockert. Gerade in Ostdeutschland sind Christen eine absolute Minderheit: Da hätte man offiziell die wenigen Katholiken dort in die ebenfalls kleinen evangelischen Gemeinden als Mitglieder bzw. Freunde einladen können. Die dortigen katholischen Priester haben ohnehin keine Zeit mehr, die wenigen „katholischen Seelen“ dort zu „versorgen“.

Also: Insgesamt gesehen und ehrlich gesagt: Es war eine mutlose, keine geistvolle Reformations – Dekade des großen „Wurfes“. Man war trotz aller bekundeten Jubelsprüche doch verzagt, wagte sich nicht nach vorn. Es war eine Dekade ohne bleibenden Glanz. Ohne, sorry, “Highlights”, die sich dem langfristigen Gedächtnis einprägen. Mut ist keine Tugend der Christen mehr. Mut zum Neuen schon gar nicht. Zumindest das ist nicht im Sinne Luthers! Mut hatte der Luther ja zweifellos trotz aller seiner Ängste!

Und man hätte auch politisch werden müssen, selbst wenn Luther sich lieber an die Herrscher hielt: Und die Kirche hätte sagen sollen: Dass so viele Millionen Menschen heute weltweit im Dreck leben, ungebildet sind, unterdrückt sind, hungern und krepieren: Das ist die größte Sünde der Menschheit. Aber diese Sünde ist überwindbar, „ausrottbar“. Hören wir also auf, noch weitere Lutherbücher zu schreiben, hören wir auf, ewig über dieses ewige abstrakte Thema der Rechtfertigung der Sünder zu reden.

Christen sollten „wesentlich“ werden: Das heißt: Anfangen, tatsächlich, nicht nur durch Spenden, für eine gerechte Welt zu sorgen. Alle Gottesdienste am Sonntag verlieren ihre Bedeutung, so lange der wahre Gottesdienst der politisch sich ausdrückenden Solidarität nicht gelebt wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

An welchen Gott können wir, wollen wir, heute glauben?

Unser Thema im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 20. Oktober 2017

Kurze Hinweise zu vielfach gestellten Fragen

Von Christian Modehn, am 18. Oktober 2017

Die allgemeine Überzeugung ist: Gott lässt sich nicht definieren. Man kann nicht in zwei Sätzen sagen, was und wer Gott ist. Dennoch: Gott ist in der philosophischen Tradition der Unendliche, der Ewige, der alles Gründende. Das gilt auch heute für viele. Oder wer es atheistisch will: Der Nicht – Gott ist jene angebliche Macht, die nicht existiert, von der wir nichts wissen, von der wir nichts ahnen. Und so bleiben Menschen allein in diesem Universum. Das nennt man metaphysisch obdachlos.

1.An welchen Gott können wir, wollen wir, heute noch glauben?

Bei dem Thema sind Voraussetzungen enthalten:  Es gibt de facto viele Gottesvorstellungen, Gottesbilder, viele Götter. Der Grund für die vielen Gottesbilder ist grundgelegt in der geistigen Verfasstheit der Menschen. Jeder Mensch hat als Individuum eine eigenen philosophische Welt, zu der dann bewusst oder unbewusst eine je individuelle Vorstellung von meinem Gott (oder eben Nicht-Gott) gehört.

Denn selbst wenn sich viele Christen nennen, dann ist in diesem Bekenntnis wieder jeweils eine bunte subjektive Vielfalt mitgegeben. In jedem Leben gibt es je nach Alter usw. verschiedene Gottesbilder.

Wenn es sich um meinen Gott handelt, hat dieser „mein“ Gott auch eine Beziehung und Gemeinsamkeit mit den Göttern der vielen anderen. Einen total individuellen Gott, den die anderen nicht verstehen, wird es nicht geben.

Vielfalt im Zusammenhang der Gottesfrage ist also eine Tatsache, es ist die Vielfalt hinsichtlich der Beschreibung des Göttlichen. Martin Luther sagt im Großen Katechismus von 1529: Das erste Gebot:Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Das heißt: Einen Gott haben bedeutet, etwas haben, an das ich mein Herz hänge und dem ich unbedingt vertraue“.

Da ist die Freiheit, meinen Gott zu haben, als Tatsache beschrieben. Das wurde in den Kirchen oft verschwiegen, weil die individuell Sprachfähigkeit über den je eigenen Gott nicht gepflegt wurde und man sich begnügte, das allgemeine Glaubensbekenntnis nachzusprechen. Der „wahre“ Glauben wurde im korrekten Nachsprechen des Bekenntnisses überprüft, bis heute. Was für eine Naivität.

ABER: Warum diese Reflexion überhaupt, wo sich Gott doch – theologisch gesehen – offenbart hat, etwa in der Bibel und damit offenbar Klarheit geschaffen hat: In der Bibel hat Gott nicht für Klarheit und Eindeutigkeit gesorgt. Weil die unterschiedlichen Texte von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Gottesbildern stammen.

In der Bibel wird in Bildern gesprochen, in widersprüchlichen Bezeichnungen Gottes, gut, strafend, barmherzig,. Gerecht usw. Es ist von Wundern die Rede. Von kriegerischen Elementen, Gott als parteilicher Gott für ein Volk; „Auge um Auge, Zahn um Zahn“… etc. Das heißt: die gesamte Bibel (und der Koran) müssen mit dem kritischen Verstand gelesen werden. Die vielen Gottesbilder müssen geprüft, heute Gültiges muss erkannt werden …und dies mit Hilfe unserer selbstkritischen Vernunft.

2. Beispiele der Vielfalt? 

Ich verwende hier im Zusammenhang der Gottes – Erfahrung auch den Begriff „wichtigster Mittelpunkt im Leben“, um den sich alles individuelle Leben momentan dreht, dem man alles opfert, dem man sich hingibt, auf den man sich freut. SPORT, Fußball, wäre ein Beispiel. Man könnte von säkularen Religionen sprechen mit säkularen Göttern. Nebenbei: Die Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen sind quasi religiös. Für Coubertin, den Gründer der olympischen Idee, ist Sport ganz klar ein religiöses Gefühl.

Zu den Spitzensportlern: Die ganze Lebensführung dieser Sportler untersteht dem Zwang, zur Spitze der Spitzensportler zu gehören. Training ist die oberste Maxime, um die sich alles dreht. Weitere Beispiele: Sich zu Tode Arbeiten, extrem in Japan (Karoshi); Verehrung von Stars, Partei Führern etc.

3. Muss man die de facto bestehende Vielfalt als solche auf sich beruhen lassen und sie unbedingt akzeptieren?

Natürlich gibt es in den wenigen noch demokratisch sich nennenden Staaten Religions – und Bekenntnisfreiheit und damit die Freiheit, dass sich jeder und jede seinen bzw. ihren eigenen Gott wählt und de facto in der subjektiven Konkretion schafft. Insofern ist auch die Freiheit gegeben, sich seinen Gott zu wählen. Aber ist es immer Gott im emphatischen, im vernünftig vertretbaren Sinne? Vernünftig vertretbar ist ein Gottesbild, das die humane Entwicklung der Menschen fördert, etwa die Menschenrechte.

Dies ist jedenfalls die subjektive Ebene.

Die Vielfalt der Götter stand lange Jahre wie eine absolute Erkenntnis im Mittelpunkt des postmodernen Denkens. Postmoderne verstanden als ein selbstgewisses Plädoyer für die Gültigkeit vieler Meinungen, verbunden mit einer Abwehr, dass gegenüber diesen vielen Meinungen Kriterien der Wahrheit und Gültigkeit vorgebracht werden (können, dürfen).

Ich habe die Gewissheit, dass diese postmoderne Haltung heute (2017) überwunden ist. Wir leben also in post – postmodernen Zeiten.

Bei allem Respekt vor den vielen Meinungen der einzelnen wird heute wieder die Wahrheitsfrage gestellt, in dem Sinne: Kann diese oder jene Meinung, auch auf Gott bezogen, einer allgemeinen kritischen Reflexion standhalten? Also, es gilt die Toleranz der Vielfalt gegenüber mit der Wahrheitsfrage zu verbinden. Diese Wahrheitsfrage hat ihr Kriterium nicht in einem religiösen Imperativ, sondern in der Frage: Hilft dieser oder jener Gott den Menschen, sich umfassend als Mensch in Freiheit und Verantwortung zu entwickeln?

4.Philosophie und kritisches Fragen.

Damit wird also nicht wie einst für eine Art religiöser Strenge und Dogmatik der einzigen Wahrheit plädiert. Überhaupt nicht. Es wird nur schlicht darauf hingewiesen, dass in philosophischer kritischer Reflexion der Gottesfrage nicht alles Mögliche als der Weisheit letzter Schluss behauptet werden kann. Philosophie ist in dem Sinne kein Ort der Präsentation beliebiger Wahrheiten, die man auf sich beruhen lassen kann. So sehr auch die Meinung des einzelnen respektiert werden muss, aber es ist eben eine Meinung eines einzelnen, die sich wie alle Meinungen dem kommunikativen Gespräch und damit der möglichen kritischen Korrektur stellen muss. Es gibt also durchaus einen gewissen Elan der Wahrheit, dass von Gott nicht total beliebig gesprochen werden kann. Denn der einzelne behauptet ja, dass sein Gott doch sprachlich, also vernünftig artikulierbar ist. Also doch auch der vernünftigen Reflexion untersteht.

Es geht um eine Kritik an Gott und den Göttern bzw. den säkular jeweiligen „heiligen“ Mittelpunkten im Leben.

Die These ist also: Gibt es philosophisch gesehen doch noch Hinweise auf den wahren Gott, der diesen Namen verdient. Es gilt also das philosophische Prüfen zu üben. Diese Prüfung gilt auch, förmlich als Voraussetzung für die eigene religiöse Entscheidung oder die Reform der eigenen religiösen Überzeugung bzw. des eigenen Glaubens an Gott.

5. Die Voraussetzung: Philosophie ist also Religionskritik.

Und Philosophie ist und bleibt immer noch Metaphysik, weil sie zeigt: Der Mensch ist ein Wesen, das durch den Geist, die Vernunft, die Seele, bestimmt ist: Der Mensch kann mit seinem Geist, seiner Seele, das Geheimnis des Lebens berühren. Dieses letzte, gründende Geheimnis ist das, was wir Gott nennen. Ein hilfloses Wort für eine Wirklichkeit, die kaum nennbar ist. Philosophie bewegt sich also auf der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Greifen, Definieren und dem bloß Berühren können (des Göttlichen); ohne es jemals zu umfassen und zu definieren.

Wer Gott denkt, bedient sich eines Symbols, an dem das philosophische Denken doch zu einem Ende kommt, über das hinaus nichts weiter gedacht werden kann. Wo möglicherweise das begründete Schweigen eintritt: Das Göttliche als das Umgreifende, das der Mensch mit seinem Denken eben nicht umfassen kann, nicht definieren kann. Er kann es förmlich nur berühren. Aber es ist, freilich anders als ein Gegenstand, „da“. Aber wenn das Göttliche als das Letzte überhaupt Denkbare gedacht und gedanklich, dann aber auch begrifflich und eher stammelnd gesagt wird, dann wird von diesem Letzten aus wieder alles neu gedacht. Vom Letzten wird also wieder alles andere, Nicht – Letzte und Vorletzte, im Licht dieses neu gesehenen Letzten gesehen, erlebt, gesagt. Das ist die Bewegung der Philosophie- die selbstverständlich an kein Ende kommt, weil das Letzte, das Göttliche, im Laufe des Lebens je neu wieder gesehen wird…

Das Berühren des Unendlichen /Gottes ist so eigener Art, so dass manche Philosophen dieses Berühren dann als eine Art „Schweben“ bezeichnen. Mit allem Zwiespalt ist das gesagt, weil eben diese Form der ungewöhnlichen Begriffe schnell ins Lächerliche gezogen werden kann. Vielleicht ein Vergleich: Auch Poesie, auch private Poesie, etwa von Verliebten, kann schnell von anderen wahrgenommen, ins Lächerliche gezogen werden.

6. Die entscheidende Frage angesichts der Pluralität der Götter: Gibt es Kriterien für den göttlichen Gott. Warum brauchen wir das Kriterium, um Gottes willen oder um unserer, der Menschen, wegen?

Gott als Gott wird zuerst im menschlichen Geist, in der Seele, im Gemüt erlebt. Darum muss diese Frage im Zusammenhang von Geist, Seele, Gemüt erörtert werden.

Ich beziehe mich auf eine Aussagen von Wilhelm Gräb in seinem Buch „Glaube aus freier Einsicht“, S. 13: „Der Glaube der Menschen, der ein souveräner Glaube ist, ist ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens, die gilt es zu durchdenken. Das ist ein Glaube, der aus dem bewussten Leben, dem Selbstverhältnis und Selbstverständnis der Menschen kommt, ein Glaube, der auf die im Leben aufrechenden Sinnfragen antwortet“ .

Die Frage ist: Ist die Vielfalt der Gottesbilder als solche hinzunehmen?

Sie ist zu respektieren. Aber die verschiedenen Gottesbilder müssen in ein Gespräch miteinander geführt werden. Dabei kann ich niemanden ein bestimmtes Gottesbild aufzwingen, etwa im Rahmen einer aggressiven Mission. Aber es wird sichtbar: Dieses oder jenes Gottesbild ist nicht akzeptabel, nicht nur weil es der Wirklichkeit eines Göttlichen unangemessen ist (ich kann nicht sinnvoll behaupten, dieser völlig genau beschreibbare Holzklotz ist für mich Gott), sondern auch, weil bestimmte Gottesbilder von Menschen in dieser Welt propagiert und durchgesetzt dann verheerende Wirkungen haben für das Zusammenleben der Menschen. Ich denke an den Gott der Nazis und der so genannten „Deutschen Christen“ als den Gott, der die Juden vernichten will, diesen Gott kann man nicht als vernünftig geltenden, also humanen Gott hinnehmen. Ich muss also manche Gottesbilder bekämpfen, so wie das Pater las Casas im 16. Jahrhundert tat, als er die Spanier anklagte, in der Eroberung Amerikas und der Tötung der Indianer aus einem falsch verstandenen christlichen Gottesbild heraus zu handeln. Heute muss man fragen: Sprechen die Frommen von Gott oder ist diese Gottes – Rede nur eine ideologisch politische Verschleierung nationalistischer Interessen, was wir momentan in Mynamar erleben in der Verfolgung von Muslimen durch Buddhisten.

7. Warum diese Frage auch politisch dringlich ist:

Im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2017 ist ein Interview mit Robert Menasse veröffentlicht, in dem er wie viele andere treffend den Nationalismus als größte Gefahr für den Frieden darstellt. Nation hat immer mit Eroberung und Kriegen zu tun. Ich will den Nation-Begriff auf die Kirchen und Religionen beziehen: Die in sich verkapselten Konfessionen sind – wie Nationen – von Feindseligkeit gegen andere geprägt. Es wurden Kriege unter den Konfessionen geführt. Darum ist Ökumene so wichtig. Ökumene ist um der Menschen, um der Gesellschaft und des Friedens willen wichtig. Und darum müssen Abweisungen der Ökumene heute zurückgewiesen werden. Darum müsste es Ökumene unter den vielen verfeindeten Traditionen des Islam geben usw. Also Anerkennung der Verschiedenheit.

8. Gibt es ein Kriterium für einen „menschlich akzeptablen Gott“?

Kriterium der Unterscheidung kann nicht ein religiöser Glaube sein. Kriterium ist die Vernunft. Das Kriterium der akzeptablen Religion und des akzeptablen Gottesbegriffes kann nur aus der allgemeinen menschlichen Vernunft stammen im Sinne der Menschenrechte. Das aber heißt: Ein Gott, der zum Handeln gegen die Menschenrechte auffordert, ist kein Gott.

9. Welchen Gott können wir und sollten wir verehren?

Den Gott, der sich nicht greifen lässt und sich nicht definieren lässt. Den Gott, der sich in tausend Sprachen sagen lässt, ohne dass eine einzige Sprache ihn fängt.

Den Gott, der nahe ist fern, der sich nicht definieren lässt und nur berühren lässt. Den Gott, der den Menschen in seine Freiheit ruft und alle Menschen nur als gleichwertig und gleich wichtig gelten lässt.

Den Gott, den wir, obwohl unfassbares Geheimnis, doch mit der Vernunft noch berühren. Der sich niemals als nebulöses, schwammiges Gefühlsobjekt nach unserer Laune und Emotion definieren lässt.

Und doch ist Gott sagbar, in Worten, die das Wohlwollen des Gründenden, des Sinnhorizontes, deutlich machen. Gott und Güte gehören zusammen. Ein Gott, der Mord und Totschlag als göttliche Moral den Menschen nahe legt, ist kein Gott.

Wenn man sich die Frage stellt: Was ist die Welt, was der Mensch, wenn an sie klassisch in der Weise der Schöpfung verstanden: Wie ist dann der Schöpfer in der Welt zugegen?

Er ist in der Seele des Menschen zugegen. Weil zur Annahme einer Schöpfung die geistige, seelische Anwesenheit des göttlichen Schöpfers in seinem geistigen (und natürlichen) Geschöpf anzunehmen ist.

10. Warum diese Frage: Warum denn überhaupt den ganzen Aufwand, von Gott zu sprechen?

Die Frage nach dem Letzten, ob nun theistisch oder atheistisch beantwortet, ist keine Laune einiger Leute. Diese Frage drängt sich von der Struktur des Geistes selbst auf.

Wer das Geheimnis des Göttlichen im Menschen zeigt, will vor allem den Menschen in seiner (göttlichen, also nicht manipulierbaren) Würde aufzeigen. Dass diese Würde meist ignoriert wird in de Politik und der Ökonomie, ist eine Tatsache, sie spricht aber nicht gegen diese Einsicht. Wo dieses Geheimnis ignoriert wird und zerstört wird, droht eine Begrenzung des Menschen auf etwas nur Endliches. Das muss man respektieren und argumentativ die Weite des Transzendenten ins Gespräch bringen.

Zum geistigen Selbstvollzug jedes einzelnen Menschen gehört es, konsequent zu fragen, auch nach dem alles und ihn selbst Gründenden. Also herauszutreten aus der Oberflächlichkeit des Umgangs mit dem gerade Sichtbaren und Greifbaren und auf den Grund gehend fragen: Wie kommt es, dass ich auf die Welt erkennend bezogen bin? Was ist eigentlich Welt im Ganzen und was ist mein Erkennen und das Erkennen aller anderer Menschen. Und dann bin ich schnell in der unausweichlichen Frage nach dem Göttlichen. Und in der „Konstruktion“ meines Gottes.

Bisher hatte man den Eindruck, als sei die Debatte über Gott sozusagen eine spekulative, theoretische. Wenn man den Spuren folgt, die ein vernünftiger, den Menschen zugewandter Gott bedeuten kann: Dann ist klar: Eine Verbundenheit mit Gott hat immer einen Ausdruck in einer bestimmten Lebenspraxis. Allein in der gelebten Liebe kann ein Mensch der Beziehung zu seinem menschlichen Gott entsprechen. Egoismus ist dann Ausdruck der Gottlosigkeit. Alle Formen des Egoismus, der Verschlossenheit in sich selbst, also etwa auch der Nationalismus, sind in dieser Hinsicht dann Gestalten des Atheismus. Insofern leben wir heute in einer atheistischen Welt. Atheistisch ist unsere Welt nicht zuerst dadurch, dass offenbar so wenige Menschen z.B. dem christlichen Glauben und seinen Dogmen anhängen, sondern weil der Egoismus, etwa auch in der Gestalt der Abweisung der Fremden, der Flüchtlinge, heute die politisch dominante Haltung ist. Allein eine Kultur der Liebe, der Nächstenliebe, des Respekts, der Bejahung des anderen als anderen, der Vielfalt also, ist eine Kultur, die dem Begriff des menschlichen, des vernünftigen Gottes entspricht. Von ihm sprechen auch viele Texte des Neuen Testaments und der prophetischen Tradition der hebräischen Bibel.

Von dieser Erkenntnis aus geht die Aufforderung, eine gerechte Welt zu gestalten, also politisch zu werden. Dies ist der wahre Gottesdienst! Die erfahrene göttliche Liebe muss sich Ausdruck schaffen in der Gesellschaft. Dies ist das Projekt des Reiches Gottes, das nie als solches zu schaffen ist, das aber ansatzweise gestaltet und erfahren werden kann, immer dann, wenn mehr Gerechtigkeit faktisch auch für die Armen Realität wird.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Liberales Christentum und liberale Theologie: Eine Definition aus den Niederlanden.

Was ist liberales Christentum und liberale Theologie?

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” ist  – theologisch gesehen –  der liberalen Theologie verpflichtet. Das haben viele Beiträge, auch die von Prof. Wilhelm Gräb (Berlin) längst deutlich gezeigt.

Ich fand in einer neuen, viel beachteten,  leider nicht ins Deutsche übersetzten Studie aus Holland, eine Art Definition der liberalen Theologie, die ich hier vorstelle. Bei dieser Gelegenheit muss gesagt werden, wie gering die Aufmerksamkeit deutscher Verlage und deutscher Theologen für die aktuelle Entwicklung der Theologie in den Niederlanden ist. Das Klischee einer untergehenden Kirche, von den konservativen Medien weltweit verbreitet, hat sich offenbar festgesetzt. Wir finden dies sehr traurig, weil dadurch auch der Austausch europäischer Theologien gebremst wird. Aber die etablierten, sehr dogmatischen Kirchen in Deutschland haben einfach kein lebendiges Lern – Interesse an liberaler moderner Theologie. Obwohl diese Theologie eine große Hilfe wäre in der religiösen Orientierung heute… Die Dogmatiker und die Herren der Kirche glauben eben, nur in der Wiederholung alter Dogmen das Christentum zu retten. Diese offizielle theologische Haltung in Deutschland ist falsch und im ganzen schädlich, auch für de Fortbestand der Kirchen in Deutschland…

In den Niederlanden sind liberale Kirchen und liberale Theologien noch immer eine Selbstverständlichkeit. Es gibt sogar innerhalb der „Protestantischen Kirche der Niederlande“ (PKN) eine eigene kleine liberale, freisinnige Strömung mit eigenen Gemeinden. Abgesehen von den Remonstranten als der „klassischen“ liberalen und freisinnigen Kirche in den Niederlanden, neben dem „Protestanten Bund“ und der „Doopgezinden gemeente“, gibt es oder gab es liberalen, freisinnigen Geist auch in der katholischen Kirche Hollands. Sie hat freilich diese Tendenzen nach einer kurzen Phase (Anfang der 1960 Jahre) seit ca. 1970 unterdrückt. Weil der Vatikan und die vom Vatikan seit 1971 gegen den Willen der Gläubigen eingesetzten ultrakonservativen Bischöfe (Simonis,Gijsen etc.) es so wollten.

Die Autoren des Buches „Liberaal christendom – Ervaren, doen, denken“, also Rick Benjamins, Jan Offringa en Wouter Slob, sagen noch einmal klar, was liberales Christentum nicht bedeutet: „Wir sollten gelegentlich bedenken, dass die liberale Theologie nicht die Heimtheologie enthält der beiden liberalen Parteien der Niederlande, VVD und D66 (Und ebenso nicht der FDP oder gar dieser FPÖ, ergänzt CM).Vielmehr hoffen wir, dass der Begriff liberal im Sinne der englisch sprachigen kirchlichen Welt verstanden wird (also als Bezeichnung demokratischen, progressiven Denkens CM). Wenn man einer Theologie das Wort liberal zufügt, bedeutet das: Da wird nicht eine Instanz genannt, die von außen und oben herab bestimmen kann und auslegen kann, was du glauben musst. Also: Es gibt keinen Papst, keine Kirche, kein Glaubensbekenntnis oder Gedankensystem, das zwingende Vorschriften vorlegt. Aber es gibt wohl eine offene und selbstkritische Haltung, um die Einsichten des Christentums in unserer Welt durchzudenken.

Das Buch „Liberaal Christendom“ (2016) wird in den Niederlanden viel beachtet, es ist nur eines von vielen Büchern, die dem lebendigen Phänomen eines liberalen Christentums nachgehen….

Das Buch “Liberaal Christendom” ist im Skandalon Verlag erschienen, jetzt 3. Auflage, 240 Seiten, 21,95€ Es gilt als eines der besten theologischen Bücher dieser Zeit.

copyright: Christian Modehn, Berlin, Religionsphilosophischer Salon.

Alles nichtig, alles eitel: Das Vanitas Motiv in Kunst und Philosophie. Zugleich ein Beitrag zum “Totensonntag”

Der Religionsphilosophische Salon am 24. 11. 2017 ist AUSGEBUCHT. Alle, die sich bis zum 22. 11. vormittags angemeldet haben, sind selbstverständlich willkommen…

Der “Religionsphilosophische Salon Berlin” lädt am Freitag, den 24. November 2017, um 19 Uhr, zu einem Gespräch über das Vanitas- Motiv ein: “alles ist eitel, nichtig, vergänglich”. Wirklich alles ? heißt eine metaphysische Frage … und ein leichtes religiöses Zweifeln an der Totalität der “Vanitas” ist auch Realität. Ein Thema, das wahrscheinlich einige innerlich bewegt.

Herzliche Einladung! Mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de    vielleicht ist dieses Salon-Gespräch auch eine Einstimmung auf den “Totensonntag” (26.11.). Zugleich – dialektisch gesehen – eine Diskussion der Frage: Gibt es positive Entwicklung für uns, vielleicht sogar Fortschritt?

ORT: Galerie Fantom, Hektorstr. 9, Berlin- Wilmersdorf.

Dieser Salon am 24.11. ist unser Beitrag zum internationalen “Welttag der Philosophie” der UNESCO, der eigentlich am Donnerstag, den 16. November 2017, schon “bedacht” wird. Wir machen es halt eine Woche später.

Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Themen bei französischen Schriftstellern heute

In der Zeitschrift PUBLIK FORUM, Ausgabe vom 13. Oktober 2017, habe ich anläßlich des Ehrengastes der Buchmesse in Frankfurt auf einige Aspekte zu “Religiöse Themen bei französischen Schriftstellern heute” hingewiesen.  Den Beitrag können Sie hier lesen und dabei auch die Zeitschrift PUBLIK FORUM näher kennenlernen.

Opium des Volkes: Wenn Evangelikale und Pfingstler in Lateinamerika politisch werden.

Von Christian Modehn am 14.10.2017

Religionskritik als not – wendige Form der Auseinandersetzung mit den real existierenden Religionen darf sich heute in Deutschland nicht auf die muslimischen Fundamentalisten fixieren oder auf offiziell – katholische, aber reaktionäre machtvolle Kreise bzw. auf andere reaktionäre Gruppen wie die traditionalistischen Piusbrüder des Msgr. Marcel Lefèbvre.

Philosophische Religionskritik muss sich vermehrt auch mit Christen und Kirchen etwa in Lateinamerika befassen und dort die machtvollen, auch politisch machtvoller werdenden evangelikalen Kirchen und die zahlreichen Pfingstkirchen beobachten.

Etwa Brasilien heute (Oktober 2017): Der Bürgermeister von Rio de Janeiro Marcello Crivella war bislang Bischof der neu-pfingstlerischen „Universal-Kirche vom Königreich Gottes“. Ich zitiere aus wikipedia zum allgemein bekannten Profil dieser “Glaubensgemeinschaft”: „The Church has frequently been accused of illegal activities and corruption, including money laundering, charlatanism, and witchcraft, and intolerance towards other religions… . There have been accusations that the Church extracts money from poor members for the benefit of its leaders“ (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Universal_Church_of_the_Kingdom_of_God)

Die Mitgliedschaft in dieser sich auf unverfrorene Weise christliche Kirche nennenden Organisation ist wohl die beste Voraussetzung, um jetzt, in der allgemeinen Wende nach Rechts unter dem korrupten Präsidenten Michel Temer, Bürgermeister von Rio zu sein. So hat z. B. Crivella kürzlich eine Ausstellung verboten, die die Lebenswelten der Queers, der Homosexuellen, Bisexuellen, Transvestiten, darstellen sollte. Bezeichnenderweise sah er darin einen „Angriff auf die Werte (!) der guten Sitten und der Familie“. Man beachte, wie der Begriff WERT in dem Zusammenhang verwendet wird. Ebenso heftig ist die attackierende Kritik der Pfingstler an der traditionsreichen brasilianischen Religion Candomblé, zu der sich mehrheitlich die Nachfahren der Sklaven aus Afrika bekennen. Nun sollen nach evangelikal – politischen Vorstellungen auch im Internet kritische Kommentare ohne Einschaltung der Justiz von Politikern direkt gelöscht werden. Geplant ist auch das grundsätzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs. Eine breite Mehrheit der ebenfalls korrupten Abgeordneten, auch aus pfingstlerischen Kreisen und evangelikalen Kirchen, verhinderte die Aufhebung der Immunität des korrupten Präsidenten Temer. Er regiert weiter danke der evangelikalen und pfingstlerischen Unterstützung!

Diese Beispiele zeigen: Diese Kreise zerstören eine Politik, die an Menschenrechten orientiert ist.

Es muss auch gefragt werden: Was treibt die arm gemachten Menschen in den Slums dazu, diesen Scharlatanen offenbar scharenweise zu folgen und deren Führern die letzten Groschen abzugeben. Warum fühlen sie sich nicht in den ökumenischen Basisgemeinden wohl, in denen politisch-soziales Engagement mit einer elementaren biblisch geprägten Frömmigkeit verbunden werden kann? Die Antwort ist: Weil die römisch katholische Kirchenzentrale in Rom und viele konservative Bischöfe diese Form der Gemeinde aus Armen für Armen zugunsten einer gerechten Politik nicht unterstützen, sondern z. T. bekämpften.

Warum ist also ist heute der religiöse Wahn nicht zu kurieren zugunsten der Vernunft und einer vernünftigen Religion? Warum brauchen so viele Menschen das permanente Gesäusel und Tralala der geistlichen Pfingstgesänge und die fundamentalistische Bibeldeutung durch Evangelikale anstelle der kritischen und politischen Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensfragen? Weil Religion immer noch Opium des Volkes ist, wie Marx treffend sagte: Wer nach Brasilien und Lateinamerika insgesamt schaut und auf die evangelikale und pfingstlerische Szene dort beachtet, muss erkennen: Religion ist noch Opium des Volkes. Und die Befreiung von der Opium Sucht zugunsten der Vernunft wäre doch ein seelischer Gewinn, wenn nicht Heilung.

Wahrscheinlich gibt es tolerante und den Menschenrechten verpflichtete evangelikale und pfingstlerische Kreise auch in Brasilien, aber sie grenzen sich nach außen hin von den fundamentalistischen „Mitchristen“ nicht ab, wenn diese wieder mal Opium verkaufen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine gute Zusammenfassung zum Thema bietet auch Andreas Behn in „TAZ“ vom 14.10. 2017, Seite 7.

Flüchtlinge unterstützen: Ein Projekt aller Demokraten

Ein wichtiges Buch als Orientierungshilfe:  Eine Empfehlung von Christian Modehn am 11.10.2017

Die Debatten über Flüchtlinge in Deutschland und Europa gehen zweifelsfrei heftig weiter, zumal in der Bundesrepubli bei den Koalitionsverhandlungen über eine mögliche „Jamaica“ – Koalition. Der Streit über die „Obergrenze“, dieses unsägliche Wort, dauerte zwei Jahre. Es war ein lang hin gezogener, neurotischer Streit zwischen CDU und CSU, ein Streit der Schande (denn ur-plötzlich hatte Seehofer etwas Kompromissbereitschaft). Der Streit ist eine Blamage für die beiden sich immer noch komischerweise „christlich“ nennenden Parteien. Christlich ist ja kein geschützter Begriff, leider. Diejenigen „christlichen Politiker“, die nur von (Hetero-) Familien schwärmen und diese als Ausdruck christlicher Werte behaupten, zeigen sich zudem sehr wählerisch, wenn sie jetzt den Familien (!) – Nachzug für Flüchtlinge weithin einschränken wollen. Eine intakte Heterofamilie soll offenbar nur den weißen Deutschen vorbehalten sein…

Diese Hinweise zeigen nur, wie wichtig es ist, dass wirklich alle Bürger dieses Landes, die lesen können, zu diesem Buch greifen, das ihnen klar und in zugänglicher Sprache viele wesentliche Aspekte über die Anwesenheit der Flüchtlinge in Deutschland erklärt.

Die „Bundeszentrale für Politische Bildung“ ist zwar, wie der Name sagt, regierungsnah, bietet aber immer wieder umfassende politische und soziale Informationen, zu sehr erschwinglichen Preisen.

Miriam Fritsche, Politikwissenschaftlerin in Bremen, und Maren Schreier, Sozialpädagogin und Dozentin, haben eine sehr umfangreiche „Orientierungshilfe“ auch zur weiteren Unterstützung geflüchteter Menschen vorgelegt: Zu bestellen ist dieses wichtige Buch in der Bundeszentrale für politische Bildung, Postfach 1369, 53003 Bonn, www.bpb.de/publikationen. Es hat 222 Seiten und kostet direkt bestellt nur 4,50 €.

Die Autorinnen sind überzeugt: „Eine gerechte, diskriminierungssensible und gewaltfreie Gestaltung von Lebensverhältnissen für alle Menschen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die über den Bereich des unterstützenden Engagements hinausreicht“. Das heißt: Die Unterstützung der Flüchtlinge jetzt kann nicht an einzelne Mutige und Gruppen nun vom Staat delegiert werden. Die Gesetze des Staates müssen den Flüchtlingen helfen, hier als Menschen menschenwürdig zu leben. Wer diese humanen Gesetze in den Dreck zieht oder PolitikerInnen in den Dreck zieht, müssen sich gerichtlich verantworten. Etwa in Sachsen haben die Politiker viel zu lange keine gesetzlichen Schritte gegen Pegida und Co. von Anfang an unternommen. So „kochte“ aller Rassismus erst hoch. Über die Mitschuld etablierter sächsischer Politiker am Starkwerden von Pegida wird viel zu wenig gesprochen.

Das Buch macht zuerst vertraut mit den Lebens- Erfahrungen der (ehrenamtlich tätigen) Menschen, die Flüchtlinge unterstützen.

Ein anderes Kapitel bietet zusammenfassend Informationen über das weite Feld der Flucht und der Ursachen der Flucht. Meiner Meinung nach kommt dabei zu kurz, dass die europäische und nordamerikanische Politik seit der Kolonisierung entscheidend die Ursachen mit geschaffen hat, dass heute Menschen aus diktatorischen Regimen in den einstigen Kolonien fliehen. Kann man im Ausbleiben dieser Informationen als eine Abhängigkeit von der finanzierenden Bundeszentrale für politische Bildung deuten? Also: Bloß nicht zu viel Staats-Kritik?

Wichtig ist das Buch vor allem wegen der Fülle der Hinweise zu websites, die dem Thema sich widmen. Auch die Fluchtrouten werden beschrieben, die gesetzliche Situation der Flüchtlinge hier wird entwickelt. Es werden in einem eigenen Kapitel viele Formen und Initiativen zugunsten geflüchteter Menschen genannt und beschrieben. Da kann sich jede LeserIn etwas Passendes für ein Engagement aussuchen.

Am wichtigsten scheint mir zu sein: Das letzte Kapitel, das deutlich die eigentlichen Ziele der bundesdeutschen Politik beschreibt: „Von der Willkommenskultur müssen wir zu einer Kultur der Anerkennung finden“. Auch da werden wieder viele Initiativen und Forschungszentren, etwa zum Rassismus, genannt.

Empfehlenswert sind die Hinweise zum Rassismus … und was dagegen getan werden kann (S. 190ff). Ausdrücklich werden in diesem Zusammenhang die entsprechenden flüchtlings- und fremdenfeindlichen Akteure, also der AFD und der NPD, genannt. Ob es eine entsprechende Flüchtlingsfeindlichkeit auch etwa in CSU Kreisen de facto gibt, auch wenn man nach außen das Gegenteil behauptet, wird leider nicht eigens thematisiert. Es kann ja sein, dass die anderen Parteien (außerhalb der AFD) sich in einer gewissen bloß verbalen Flüchtlingsfreundlichkeit sonnen.

Das Buch zeigt, dass tatsächlich etwas geschieht zugunsten der Menschlichkeit und Demokratie in Deutschland. Es sind eher Basisinitiativen, die Wichtiges leisten und auch von der Basis aus publizieren.

Mich persönlich überrascht und enttäuscht, dass 1., soweit ich sehe, die Kirchen in Deutschland nicht in jedem Bistum und in jeder Landeskirche einen Anti-Rassismus-Beauftragten haben, der in den Gemeinden für besseres humanes Bewusstsein “sorgt“. Und 2., dass offenbar bei den Philosophen das Thema Flüchtlinge, aktueller Rassismus und Kritik an der AFD und Pegida keine große Aufmerksamkeit findet. Verschlafen die Philosophen in Deutschland irgendwie ein ganz drängendes Thema von heute?

Auch das Literaturverzeichnis in dem Buch ist sehr hilfreich.

Man würde sich wünschen in unserem Europa, dass wenigstens einige wichtige antirassistische Initiativen in der europäischen Nachbarschaft genannt werden. Gibt es in Polen eine Bewegung zugunsten der Flüchtlinge oder in Ungarn? Wer kümmert sich human um die furchtbaren Lebensbedingungen der Flüchtlinge in Griechenland? Was tut sich eigentlich in Österreich? Haben die demokratischen Bürger dort angesichts der mächtigen fremdenfeindlichen Partei FPÖ längst resigniert? Sind die beiden anderen Parteien ÖVP und SPÖ de facto tatsächlich NICHT-fremden und – flüchtlingsfeindlich? Wer ist in Österreich für diese so starke und so verdorbene Mentalität verantwortlich? Wie haben dort die Kirchen versagt, indem sie lieber Marien-Wallfahrten organisierten als antirassische Demonstrationen? Viele Fragen … für ein weiteres Buch, das ja dann wohl nicht in der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn erscheinen dürfte.

Zu dem Buch:  “…und es kommen Menschen!” Eine Orientierungshilfe für die Unterstützung geflüchteter Menschen”. Von Miriam Fritsche und Maren Schreier. 222 Seiten, September 2017, Bundeszentrale für politische Bildung Bonn.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin