Franziskus – der „zweite Christus“. Hinweise zum Namen des neuen Papstes

Franziskus – der „zweite Christus“.

Mit einer Ergänzung am 17.3.2013: Das argentinische Gesicht von Kardinal Bergoglio. Kritische Hinweise von Prof. Fortunato Mallimaci, Buenes Aires. Bitte klicken Sie zur Lektüre hier.

Von Christian Modehn

Der neue Papst hat einen höchst ungewöhnlichen Namen gewählt: Franziskus. Liegt darin eine Verheißung für eine Reform der römischen Kirche oder ist diese Namenswahl eine beruhigende Besänftigung? Das wird sich zeigen. Immerhin wollen wir auf einige Aspekte zum Papstnamen Franziskus aufmerksam machen:

Etwa seit dem 11. Jahrhundert ist es üblich, dass sich Päpste nur vordem schon gewählte Namen aussuchen.  Bis dahin herrschte eine bunte Fülle von Namen, Vigilius, Agapet, Pelagius usw.

Ein gewisser „Bruch“  in der Namenswahl wurde 1978 durch den so freundlichen, aber nur wenige Tage regierenden Johannes Paul I. eingeleitet.

Der religionsphilosophische Salon, von außen die Szenerie der Kirchen beobachtend, meint: Allein die Wahl dieses Namens Franziskus ist sensationell, wenn sie nicht sogar auf einen radikalen, neuen Stil und Geist im Papsttum hinweisen könnte. Ob sich allerdings die Sanftheit des heiligen Franziskus wiederfindet in der schroffen Ablehnung etwa der Homoehe durch Kardinal Bergoglio (gerade in einer von Machismo geprägten lateinamerikanischen Welt, in der Homosexuelle immer noch belästigt und beleidigt werden) ist  fraglich. Und ob Kardinal Bergoglio franziskanisch denkt, wenn er die Zusammenarbeit von Kirche und Militär in Argentinien eher höchst diplomatisch bespricht und wohl auch vieles verschleiert, ist ebenfalls höchst problematisch. Franziskus von Assisi lag an der öffentlichen Freilegung aller Gewaltstrukturen!

Dennoch: Den Namen Franziskus hat bisher kein Papst zu wählen gewagt. Mit gutem Grund: Franziskus von Assisi (1182 – 1226) ist nicht nur der beliebteste und hoch verehrte Heilige der Katholiken, sondern weithin auch in der Ökumene, etwa in evangelischen Franziskus – Bruderschaften oder in der Anglikanischen Kirche bekannt. Selbst die säkulare Ökobewegung bezieht sich auf Franziskus, zurecht!

Mehr noch: Der heilige Franziskus wird populär unter Katholiken als der „zweite Christus“ verehrt. So makellos, so radikal wird die Beziehung des Franz von Assisi zur biblischen Botschaft, zum Evangelium vor allem, erlebt. Bisher wagte kein Papst, sich auf diesen „zweiten Christus“ in der Namenswahl zu beziehen! Ist die Wahl des Namens Franziskus vielleicht eine „Überforderung“, fast eine „Blasphemie?“ Einen Papst Petrus II. hat es ja bekanntlich bisher nicht gegeben. Nun also der Name des „zweiten Christus“ Franziskus, das ist auch äußerst anspruchsvoll….

Wenn jetzt ein Jesuit als Papst den Namen Franziskus wählt, will er sich offenbar in die Linie der Radikalität der Bergpredigt stellen, könnte man vermuten. Bergpredigt bedeutete für Franziskus von Assisi: Gewaltfreiheit und Dialog, Respekt vor allen Wesen, Armut. Aber: Kann ein Papst Franziskus in einem Renaissance Palast des Vatikans überhaupt nur den schwachen Anschein wecken, arm zu sein? Stehen also bald Umzüge im Vatikan, in Rom, bevor?

Franziskus von Assisi war am Dialog, nicht an der Mission der Muslime in Nordafrika ausdrücklich interessiert. Franziskus, der sanfte, ist wohl eine Inspiration für das Miteinander von Christen und Muslims.

Franziskus von Assisi fühlte sich als radikaler Kirchenreformer. Der machtvolle (machtbesessene) Papst Innozens III. (als Papst von 1198 – 1216)  sah im Traum, so der Künstler Giotto, wie Franziskus von Assisi die zusammenstürzende Kirche, die Lateranbasilika, stützt. Deswegen wollte Innozens III. den radikalen  Reformer Franziskus in die Kirche stark einbeziehen.

Der heilige Franziskus als Retter der römischen Kirche – auch das ist ein Bild, das sich tief unter Katholiken eingeprägt hat.

Franziskus, der Gründer einer radikalen Laienbewegung, fügte sich dann aber doch den Befehlen der Päpste, und ließ zu, dass ein päpstlich kontrollierter „überschaubaren“ Franziskaner – Orden mit Priestern entstand, Franziskus selbst war aber immer „Laie“ geblieben.

Franziskus von Assisi hat aus seiner (erotischen?) Verbundenheit mit seiner Gefährtin, der Nonne Clara,  nie einen Hehl gemacht. Ist es hoch spekulativ, aus diesem historischen Vorbild, auf einen Impuls zur Neubestimmung des Pflicht – Zölibats im katholischen Klerus zu schließen? In Fragen der Erotik ist Herr Bergiglio bekanntlich nicht der mutigste Erneuerer, siehe seinen scharfen Protest gegen die Homoehe in Argentinien.

Franziskus von Assisi ist sicher der populärste Heilige in Lateinamerika. Seine Verehrung ist dort enorm. Der damalige Franziskanerpater Leonardo Boff aus Brasilien hat mehrere Franziskus Studien geschrieben. Boff ist einer der Gründer der Befreiungstheologie, er wurde von Rom (Kardinal Ratzinger) verurteilt. Die Befreiungstheologie hat in Argentinien nie eine so explizite Rolle gespielt wie etwa in Brasilien, Chile oder Peru. Es gab nur wenige Bischöfe, die offen die Befreiungstheologie verteidigten, einige kamen dabei ums Leben, wie der Bischof von Avellaneda. Bergoglio hat sich in Argentinien sicher nicht als Befreiungstheologe gezeigt, diese Theologie scheint ihm – pauschal sicher nicht treffend – „marxistisch“ zu sein. Tatsächlich pflegen Befreiungstheologen die Analyse der Klassengesellschaft, sie deuten die Kirchliche Lehre im Licht der Befreiung, was zurecht zu heftiger Kritik an der römisch – katholischen Dogmatik und Moral führt, etwa, wenn die klassische Dogmatik Jesus vor allem als Gottmenschen hoch über der Erde plaziert, und ihn nicht mehr als Jesus von Nazareth gebührend menschlich – sozialkritisch und rebellisch würdigt. Jedenfalls zeigte sich Kardinal Bergoglio in Buenos Aires als caritativ engagierter Freund der Armen. In den letzten Jahren hat er den Kapitalismus heftig kritisiert, damit hat er wohl die Linie der katholischen Soziallehre weiter radikalisiert und Aspekte der Befreiungstheologie sicher – unthematisch – übernommen. SPIEGEL ONLINE schreibt am 14. 3. 2013: „Vor wenigen Wochen warnte Bergoglio vor der „alltäglichen Übermacht des Geldes mit seinen teuflischen Folgen von Drogen und Korruption sowie dem Handel von Menschen und Kindern, zusammen mit der materiellen und moralischen Misere“. Aber SPIEGEL Online fügt hinzu, und das vervollständigt das Bild: „Als Bergoglio die Gesetzesvorlage zur gleichgeschlechtlichen Ehe als „Teufels-Manöver“ bezeichnete, antwortete Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner, diese Kritik erinnere an die Zeiten der Inquisition“. Überhaupt spricht Papst Franziskus auch jetzt bereits oft vom Teufel…

Wenn man seine Tätigkeit in Buenos Aires kritisch betrachtet, wie dies Prof. Fortunato Mallimaci tut, kommen gewisse Zweifel, wie franziskanisch Papst Franziskus werden könnte. Zur Lektüre des Beitrags klicken Sie bitte hier.

Copyright: christian modehn

Über die Kirche in Argentinien habe ich im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon früher schon einige Hinweise publiziert, besonders zur Verquickung von Militär und Kirchenführung. Zur Lektüre klicken Sie bitte HIER:

 

 

Kapitalismus – Surrogat oder Steigerung von Religion?

Einige Thesen für den Salon am 15. 3. 2013 von Jürgen Große, Philosoph in Berlin

Kapitalismus – Surrogat oder Steigerung von Religion?

Fragen zu Walter Benjamins Fragment „Kapitalismus als Religion“ (1921)

1. Kapitalismus als Surrogat für Religion:

– Kann der Kapitalismus die Religion ersetzen, und wenn ja: Welche Religion ist in welcher Hinsicht durch den Kapitalismus ersetzbar?

– Was sind die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, um diese Frage entscheiden zu können? Kann man von spezifisch ökonomischen und spezifisch religiösen Erfahrungen so weit abstrahieren, dass Kapitalismus und Religion/Christentum als bloße Strukturen vergleichbar werden?

– Was sind Benjamins wichtigste Evidenzen für eine Strukturanalogie von Kapitalismus und Christentum?

[Evtl. noch zu diskutieren: Worin weicht Benjamin von M. Weber, Marx, Nietzsche ab?]

2. Kapitalismus als gesteigerte Religiosität:

– Benjamin nennt vier Merkmale von Religion, die im Kapitalismus ausschließlichen Charakter erhalten hätten. Diese Betrachtungsweise hat historische, zum Teil apokalyptische Implikationen. Ist sie mit der These einer Substituierbarkeit von Christentum durch Kapitalismus kompatibel, wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

3. „Die Sorgen: eine Geisteskrankheit, die der kapitalistischen Epoche eignet“

– Benjamin nennt die Sorgen einen Index des „Schuldbewusstseins der Ausweglosigkeit“. In welcher Hinsicht können Sorgen mehr als eine vorübergehende Seelenlage bezeichnen? Sind Sorgen im Kapitalismus eine Übersteigerung alltäglicher Sorgen, die zum psychischen Zusammenbruch des Einzelnen führen muss? Oder ist die Permanenz der Sorgen eine Systemeigenschaft des Kapitalismus, die nicht an bestimmte Menschentypen oder Situationen gebunden ist (= relative Gesundheit des Einzelnen in einem ‚kranken System’)?

– Können sich die Sorgen des Menschen im Kapitalismus als grundlos bzw. nichtig erweisen?

 

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot… und lebt im Gefühl.

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot … und lebt im Gefühl. Veröffentlicht am 11.3.2013

siehe den aktuellen Beitrag vom 17.10.2025: LINK 

 

Auf die Gestaltung der Gesellschaft kommt es an. Prof. Gräb schreibt aus Südafrika

Für eine „öffentliche Theologie“  politischer Verantwortung

Prof. Wilhelm Gräb schreibt aus Südafrika

Die Fragen stellte Christian Modehn, veröffentlicht am 5. 3. 2013

Professor Gräb (Humboldt Universität zu Berlin) unterrichtet seit einigen Jahren schon regelmäßig für einige Wochen an theologischen Hochschulen in Südafrika, vor allem in Stellenbosch und Pietermaritzburg.

Wenn Sie jetzt wieder für einen Monat in Südafrika lehren und Eindrücke aus früheren Jahren vergleichen: Was ist in Ihrer Sicht jetzt das größte Problem für ein demokratisches Leben in Südafrika heute?

Das größte Problem für die Demokratie in Südafrika ist zweifellos die Armut, überwiegend unter den „Schwarzen“ und „Farbigen“, (eine Folge der Apartheid) zunehmend aber auch unter „Weißen“. Diese Farbeneinteilung ist in Südafrika auch fast 20 Jahre nach den ersten demokratischen Wahlen leider immer noch üblich. Der Grund für prekäre Verhältnisse liegt in den fehlenden sozialen Sicherungssystemen (Arbeitslosen- und Krankenversicherung). Auch „Weiße“ sind, wenn sie von Arbeitslosigkeit oder chronischer Krankheit betroffen sind, schnell in einer schwierigen Lage.  Andererseits gibt es einen ungeheuren Reichtum, an dem zunehmend auch „Schwarze“ teilhaben. Da spielt die Politik hinein, die die Demokratie inzwischen auch wieder gefährdet, denn die Machtposition des ANC ist ungefährdet – auch das ist freilich eine indirekte Folge der Apartheid. Diese Dominanz des ANC führt vielfach zur Korruption, zu einer unguten Verschränkung von politischer und wirtschaftlicher Macht – allerdings: Es herrscht weitgehende Pressefreiheit, so dass diese Dinge auch öffentlich werden.

Es zeigt sich an vielen Stellen zudem eine Verbesserung der Lebensbedingungen, vor allem eine Erweiterung der Zukunftschancen für die jungen Menschen – allein dadurch, dass die weiterführenden Schulen und die Universitäten jetzt für alle offen stehen und es auch staatliche Förderprogramme für Studierende gibt.

Wenn Sie als Theologe die Themen vergleichen, mit denen Sie sich in Europa und in Südafrika befassen: Welche „Schwerpunktverlagerung“ thematischer Art fällt da auf?  Anders gefragt: Was ist theologisch wirklich wichtig für die Menschen in Südafrika?

Die theologischen Herausforderungen sind hier zweifellos anders. Zuhause in Berlin argumentiere ich gegen das säkulare Selbstmissverständnis unserer Gesellschaft. Ich plädiere dort für die Einsicht der Zugehörigkeit der Religion zum Humanum, benenne ich Gründe für die Vernunft des Glaubens. Hier in Südafrika unterrichte ich Praktische Theologie in einem Land, in dem die „säkulare Trennung“ (Europas) nicht existiert, indem hier in Südafrika die Religion und die Beteiligung an dem im sonntäglichen Gottesdienst zentrierten Gemeinschaftsleben selbstverständlich sind. Die Kirchen blühen in ungeheurer Vielfalt und erfreuen sich allenthalben großen Zulaufs – vor allem die Pfingstkirchen und die „African Independent Churches“. Hier hat die Theologie nicht die Aufgabe der Verteidigung der Religion gegenüber den Gebildeten unter ihren Verächtern. Hier muss sie ihre Aufgabe darin erkennen, für die soziale und politische Verantwortung des Glaubens einzutreten. Hier muss sie den Glauben über die ungeheure Bedeutung aufklären, die er de facto hat für die normativen Ressourcen, aus denen sich die Orientierungspotentiale des öffentlichen Lebens speisen. Viele meiner Kollegen an den theologischen Fakultäten in Südafrika engagieren sich für das Projekt einer „Öffentlichen Theologie“ und versuchen die theologische und pastorale Ausbildung darauf auszurichten, dass den Leitungskräften in Kirchen und Gemeinden eine die allgemeinen Belange des Gemeinwesen betreffende Führungsrolle zukommt. Theologen müssen in ihrer Gemeinde „Leadership“ übernehmen können. Denn die Kirchen und Gemeinden stellen das gesellschaftlich dichteste und am besten funktionierende soziale Netz dar. Aufgrund des kirchlichen und religiösen Pluralismus ist dieses Netz aber auch sehr löcherig. Die Kirchen und Gemeinden stehen immer in der Gefahr,  sich gegeneinander abzuschotten. Ziel der „Öffentlichen Theologie“ ist es deshalb, die Kirchen und Gemeinden auf ihre Verantwortung für die Verbesserung der Lebensbedingungen hinzuweisen und für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit zu engagieren. Aufgabe der Theologie hier in Südafrika, so könnte man auch sagen, ist es, den Glauben in die kritische Selbstreflexion zu treiben, damit er der in ihm liegenden moralischen Bindungskräfte auch ansichtig wird. Dann arbeitet sie an den Voraussetzungen dafür, dass die Kirchen noch wirksamere Agenten für eine Politik der sozialen Gerechtigkeit werden.

An diesem Projekt eines die gesellschaftliche und politische Verantwortung wahrnehmenden Christentums beteilige ich mich lebhaft, wobei ich zugleich versuche das Interesse liberaler Theologie an der Freiheitskraft des Glaubens einzubringen. Mit ist es auch hier wichtig, deutlich zu machen, dass der christliche Glaube seine moralische Kraft aus einer grundlegenden Freiheitserfahrung zieht. Denn erst dadurch, so denke ich, gewinnt der Glaube öffentliche Wirksamkeit in Politik und Gesellschaft, sowie Einfluss auf die wirtschaftlichen Prozesse: Er muss mit der freien Einsicht in die gegebenen Zustände vermittelt werden und er muss zur reflektierten Weltverantwortung befähigen. Für den moralisch und politisch reflektierten Glauben braucht es hier eine liberale Theologie, nicht so sehr zu seiner Verteidigung vor dem Forum der humanen Vernunft.

Nehmen Sie in Südafrika und ihre südafrikanischen Theologie- Kollegen an dem ganzen Debattieren um den Rücktritt des Papstes und einen neuen Papst in irgendeiner Weise Anteil? Oder gibt es auch da wichtigere (ökumenische) Themen?

Rücktritt und Neuwahl des Papstes interessieren hier niemanden. Die katholische Kirche ist eine der unzähligen christlichen Kirchen (Denominationen) unter anderen. Die Ökumene ist das große Thema. Mit der öffentlichen Verantwortung der christlichen Kirche verträgt sich die kirchliche Zersplitterung nicht. Die Kirche würde im politischen Raum als prophetische Stimme, die die ungeheuren Unterschiede zwischen Arm und Reich anklagt, noch viel deutlicher gehört, wenn sie mit einer Stimme spräche. Es werden allerdings auch Fortschritte in diese Richtung gemacht, zumal schon der kirchliche Kampf gegen die Apartheid, damals unter der Führung von Desmond Tutu, einer solche des „Südafrikanischen Konzils der christlichen Kirchen“ war. Für die Theologie liegt in ihrem Beitrag zu einer ökumenischen Verständigung, die sich nicht mehr mit überkommenen Lehrunterschieden aufhält, sondern die für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Frieden eintritt, eine der entscheidenden Herausforderungen der Zukunft. Mir scheint es aber auch so, dass das die Theologie hier bereits sehr viel besser verstanden hat als diejenige in Deutschland.

copyright: wilhelm gräb und religionsphilosophischer salon berlin.

Der gekränkte Mensch. Ein Interview mit dem Philosophen Dr. Jürgen Große

Leben mit Kränkungen:

Fragen an Herrn Dr. Jürgen Große, anläßlich seines Buches „Der gekränkte Mensch“  (mit einem Hinweis zum Autor am Ende des Interviews)

Von Christian Modehn

Welche Rolle spielt für Sie als Philosoph, auch im Blick auf Ihr neuestes Buch „Der gekränkte Mensch“, die Beobachtung von Menschen in der Stadt? Man möchte sagen der empirische Blick des Flaneurs? Ihre „metaphysischen Miniaturen“, so der Untertitel, sind ja alles andere als empiriefreie Spekulationen.

Ich lebe in einer Großstadt und bin dort täglich, hauptsächlich zu Fuß, unterwegs. Das unterscheidet meine Situation sicherlich von der eines Reiseautors, der sich aufmacht, um etwas zu erleben und dann darüber zu schreiben. Die Eindrücke, auf die sich Der gekränkte Mensch bezieht, sind für mich zunächst eher etwas Passives gewesen, etwas, das sich (gewiss nicht nur mir) aufdrängte. Die literarische und philosophische Verarbeitung ist eine Möglichkeit, darauf zu reagieren. Metaphysik hat mit Steigerung, auch Übertreibung von Alltäglichem zu tun. Was ich an mir und anderen auf der Straße nur fragmentarisch erlebe, treibe ich am Schreibtisch zur Konsequenz. Ich fühle mich nicht in einer privilegierten Position wie der des Flaneurs.

Sie wollen das „Wesen“ des heutigen Stadtbewohners erfassen und kommen dabei zum Phänomen des weit verbreiteten Gekränktseins. Rührt Kränkung (durch Demütigung, Gefühl von Tadel und ungerechter Behandlung) vor allem aus einem Mangel an Selbstwertgefühl?

Das schwierigste Wort an dieser Frage ist für mich Selbstwertgefühl. Wodurch entsteht das? Hat man es ständig? Stolz wird zu Selbstgefühl normalerweise nur, wenn er verletzt wurde. Im Kapitalismus ist aber, wenn man sozial funktionieren will, ein dauerndes Wissen vom eigenen Wert gefordert, das nicht so sehr mit erbrachten Leistungen zusammenhängt – die können ja schnell durch technische Fortschritte hinfällig werden –, sondern eher mit der Bereitschaft zu einer Selbstdistanzierung. Um sich ihres Wertes gewiss zu werden, muss die Person dauerhaft neben sich treten können, muss sich als wert versprechendes Objekt vorstellen, darstellen, herstellen. Paradox gesagt: Sie muss sich zum Objekt machen, um als Subjekt überzeugen zu können. „Erfinde dich selbst“ ist der frischfröhliche Ausdruck dafür.

Viele Menschen sind gekränkt, weil sie keine Chance haben, ihre Begabung, ihren Beruf usw. adäquat auszuüben. Ruft Gekränktsein nicht nach „Empörung“ (Stephane Hesssel) auch politischer Art?

Der „Mythos vom Zivilisationsprozess“ besagt, dass physische Übergriffe allmählich durch imaginäre, symbolische Formen der gegenseitigen Verletzung ersetzt werden. Man existiert sozial durch den Respekt, den andere einem zollen, man ist bereit, für ein Bild von sich zu sterben. Die prominentesten Terroristen waren nicht underdogs, die im materiellen, gar physischen Sinne Erniedrigten und Beleidigten dieser Erde. Es waren Aufsteiger aus den Mittel- und Oberschichten der sog. dritten Welt, die ihre Anpassung an die westliche Lebensform nachträglich als demütigend empfanden, oder auch Leute aus dem innersten Zirkel der wissenschaftlich-technischen Zivilisation (Unabomber).

Kann man überhaupt noch einem anderen Menschen die von einem selbst empfundene, also „eigene“ Wahrheit sagen, ohne Angst haben zu müssen, den anderen noch weiter zu kränken?

Wahrheitsliebe und Nächstenliebe sind nun einmal nicht vom selben Stamm. Doch man kann ja auch verletzt sein, wenn man sich belogen findet.

Ist in einer allseits gekränkten Gesellschaft noch Wahrheit, Wahres sagen, möglich?

Mir geht es in dem Buch nicht so sehr um gegenseitige Kränkungen, sondern um die Bereitschaft zur Selbstdemütigung. Wer sich unter das Bild des allzeit disponiblen Subjekts demütigt, glaubt nicht an eine objektiv bestehende Wahrheit.

Wie entkommen wir dem wohl unabwendbaren Geschehen des Gekränktwerdens? Brauchen wir – um den Untertitel aufzugreifen – metaphysische Verwurzelungen? Etwa ein prinzipielles Ja zum nun einmal auch Kränkungen bringenden Dasein?

Unabänderliches zu bejahen wäre bloß intellektuelle Pose.

Veröffentlicht am 4. 3. 2013

Das Buch von Jürgen Große „Der gekränkte Mensch“ ist 2012 erschienen. Es hat den Untertitel „Metaphysische Minitiaturen“. Erster Band. Leipzoger Literaturverlag. 109 Seiten.

Zum Autor, dem Philosophen Jürgen Große:

Dr. Jürgen Große, geb. 1963 in Berlin; Lehre als Schriftsetzer, Wehrdienst, Pressevolontariat, Lektor in verschiedenen Verlagen. 1986–1992 Studium der Geschichte und der Philosophie an der Humboldt-Universität sowie an der Freien Universität Berlin, 1996 Promotion, 2005 Habilitation, Lehraufträge für Philosophiegeschichte, akademische Gastaufenthalte im Ausland, seit 2000 freier Autor.

Veröffentlichungen (Auswahl): Aus Zeit und Geschichte (Roderer: Regensburg, 2000); Aus Langeweile. Aphorismen – Essays – Fragmente (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2004); Kritik der Geschichte (Mohr: Tübingen 2006); Phänomenologie des Unglücks (edition fatal: München, 2007; Teilübersetzungen ins Italienische und ins Polnische 2011); Die Philosophen (der blaue reiter: Stuttgart, 2007); Durch Tag und Nacht. Lehrstunden der Schlaflosigkeit (der blaue reiter: Stuttgart, 2008); Philosophie der Langeweile (Metzler: Stuttgart, 2008); Ernstfall Nietzsche. Debatten vor und nach 1989 (Reihe Essay – Aisthesis: Bielefeld, 2010); Lebensphilosophie (Reclam: Stuttgart, 2010); Fünf Zeitbilder. Geschichtsphilosophische Glossen (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2010); Der gekränkte Mensch. Metaphysische Miniaturen (Leipziger Literaturverlag: Leipzig, 2012); Die Arbeit des Geistes (der blaue reiter: Aachen, 2013).

Auszeichnungen/Stipendien (Auswahl): 1997 Humboldt Fellow Hopkins University/Baltimore, 1999 Stipendium der Akademie Schloß Solitude (für Aus Langeweile), 2001 Förderstipendium Essay der Stiftung Niedersachsen (für Aus Zeit und Geschichte), 2006 Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste (für Die Philosophen), 2009 Preis der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften für den Essay „Gedankenräume“, 2010 Günter-Bruno-Fuchs-Preis (für Fünf Zeitbilder)

 

Das überforderte Selbst. Zur Krise der Selbstbestimmung

Das überforderte Selbst. Zur Krise der Selbstbestimmung

Eine philosophische Meditation zum Salon am 15.2. 2013, inspiriert von Michael Theunissen

Von Christian Modehn

Selbstbestimmung ist ein unaufgebbares Ziel personalen Lebens im Miteinander in Staat und Gesellschaft. Autonom zu leben ist förmlich ein Menschenrecht, was ja nicht heißt, dass autonomes Leben gesetzloses oder gar verantwortungsloses Dasein bedeutet. Nur sollen eben Gesetze als Ausdruck allgemeiner Vernunft gestaltet sein. An der allgemeinen Vernunft hat der einzelne Anteil. Fremdbestimmung verweist auf Verhältnisse, an denen sich der „Kampf“ um Selbstbestimmung abzuarbeiten hat.

Nun gibt es offenbar unüberwindbare Fremdbestimmungen, die unaufgebbar zur Struktur des Daseins gehören: Ich bin in die Welt ohne meine vorherige Zustimmung „geworfen“, wie Heidegger in „Sein und Zeit“ betonte; ich bin unveränderbar sterblich; ich bin immer leiblich geprägt usw… Selbstbestimmung muss also von jeglichem euphorischen Optimismus befreit werden, so, als wäre das vielfache Bestimmtsein des Daseins prinzipiell zu überwinden und „aufzugeben“.

Für den Berliner Philosophen Michael Theunissen ist vor allem das Hineingestelltsein des Menschen in die Zeit eine unüberwindbare Fremdbestimmung. Wir sind in die stetig fließende Zeit hineingestellt, können sie nicht stoppen, können aus ihr nicht aussteigen, können ihr nicht entkommen. Darauf bezieht sich Theunissen in seinem Aufsatz „Können wir in der Zeit glücklich sein?“. Er wurde in dem Buch „Negative Theologie der Zeit“ veröffentlicht (Suhrkamp Verlag, 1991).

Theunissen nennt seine Hympthese: „Die Zeit herrscht über uns, über uns Menschen wie über die Dinge. Und zwar richtet sie eine entfremdende, keine befreiende Herrschaft über uns auf“ (S. 41).

Das heißt aber nicht, dass menschliche Freiheit sich zu der Zeit nicht individuell verhalten kann, also diese Fremdbestimmung formen und gestalten kann. Andererseits wird in Theunissens Überlegungen deutlich, wie in den unterschiedlichen Formen der Bezogenheit auf Zeit die Überforderungen des Selbst, gerade auch krankhafter Art, etwa in Psychosen, Neurosen und Depressionen, entstehen. Die (objektive) Zeit gestalten oder vor der Allmacht der Zeit erstarren – in dieser Spannung gestalten wir unser Dasein. Alle Menschen sind der Zeit unterworfen, „in Psychosen aber werden Kranke der Zeit (sogar) ausgeliefert“ (S. 49).

Grundsätzlich aber können Menschen inmitten dieser, nennen wir sie „objektiven“, also stetig dahin fließenden Zeit, auch „ihre“ persönliche (Lebens) Zeit gestalten und ihre eigene Lebenszeit formen. Wir sind auf Zukunft ausgerichtet, planen immer schon selbst unsere noch so bescheidene Zukunft; wir schauen aber auch stets zurück, erinnern uns an die von uns erlebte Vergangenheit, etwa an ihre Höhe – oder Tiefpunkte und sammeln dann diese Erfahrungen in der erlebten Gegenwart. Dabei vergegenwärtigen wir dann unsere Zukunft und unsere Vergangenheit in einer langen Dauer, einer dauernden Gegenwart. Sie ist also mehr als das punktuelle Jetzt, das schon ganz schnell wieder Vergangenheit wird. Die auch durch Martin Heidegger angestoßene Zeit – Verbundenheit und immer schon geschehende Zeit – Gestaltung des Menschen führt, so Theunissen, dazu, dass heutige Menschen Zeit immer zuerst als ihre zu gestaltende Lebenszeit sehen.

Jedenfalls meint Theunissen, durchaus im Anschluss an Kant „Kritik der reinen Vernunft“: Der Raum beherrscht uns a priori, aber die Zeit beherrscht uns apiori noch viel mehr (S. 41), weil die Zeit auch unsere geistigen Vorstellungen beherrscht. Wir können an dem ewigen, „objektiven“ Zeitfluss leiden, Theunissen nennt auch Langeweile in seiner Sicht ein Leiden an der Zeit. Und er betont weiter: Psychosen entstehen aus der Überforderung an der Zeit. Denn in den Psychosen haben Patienten die Gewissheit, der Zeit ausweglos ausgeliefert zu sein. Das Krankmachende ist für diese Menschen die Zeit selbst, sie erleben sich, wie in einer Niederlage, der objektiven Zeit hilflos preisgegeben. Das Subjekt hat dann keine Kraft mehr, dem allgemeinen Unterworfensein unter die Zeit kreativ Eigenes entgegen zu halten. D. h. diese Menschen können nicht mehr die Zukunft als ihre ureigene Zukunft gestalten, sie sind außerstande, die eigene Vergangenheit aus dem Meer des Vergangenen zu formen. Dieses Ausgeliefertsein verändert das Zeitgefühl: Ein Tag erscheint dann dem Depressiven wie der andere. Diese Situation wird wie eine ewige Wiederkehr des gleichen erlebt. „Das Leben zieht an einem vorbei“, sagt ein Patient, so berichtet Theunissen. Und das Ich schaut sozusagen dem Zeitfluss nur noch zu. Man erstarrt als Beobachter und kommt letztlich existentiell zum Stillstand. Theunissen weist darauf hin: Depressive Menschen erleben sich als Zurückbleibende im Zeitstrom, Lebensstrom, der an ihnen vorüber fließt. Dadurch entstehen tiefe Hemmungen in der Vitalität. Theunissen erinnert an den Philosophen Walter Benjamin, der sagte: „Die Katastrophe ist, dass es so weitergeht“. Wie die Vitalität wieder gefunden werden kann, wie sich wieder eine ureigene personale Zukunft eröffnet, ist eine Frage, die Philosophen nicht beantworten können. Sie können lediglich darauf verweisen, dass in dem unabwendbaren Hineingestelltsein in die Zeit die Ursachen für seelische Krankheiten zu suchen sind. Sie können weiter daran erinnern, dass wir in einer Gesellschaft leben, die zur Monotonie neigt und Zukunft verstellt, also krankmacht und gerade Selbstfindung eher verhindert.

Entscheidend ist: Für Theunissen gelingt menschliches Leben immer nur TROTZ der Zeit. (S. 56). Also müssen Menschen ihre Herrschaft über die objektive Zeit gewinnen. Und das gelingt im Verweilen in einer langen Weile, verstanden als dauernde Gegenwart, in der das personale Leben gesammelt ist und die Aufgaben der Zukunft und die Last der Vergangenheit aus dem Blick treten: So wird die dauernde Gegenwart als Glücksmoment intensiven Lebens erlebt und gedeutet.

Entscheidend ist auch eine zweite Beobachtung Theunissens: Er weist zu diesem eben beschrieben Geschehen darauf hin, dass die Zeit in sich selbst die Potentialität hat und uns bietet, also doch aus dem ewig währenden und ewig fließenden Zeitfluss auszusteigen. „Im Verweilen leiste ich gerade nichts! Das Glück des Verweilens ist gerade, dass ich mich von der Anstrengung , die mich das Zusammenhalten von Zukunft und Vergangenheit in jedem Augenblick kostet, ausruhe“ (S. 60).

In der gedehnten, verweilenden Gegenwart erlebt ich: Die Zeit ist mehr also mehr als  „Zeit“. Wir können uns gegen diese objektive Zeit wenden, weil in der Zeit selbst etwas ist, das über sie hinausreicht. Und das ist die verweilende Gegenwart. Dieses andere der Zeit kann man Ewigkeit nennen, Ewigkeit verstanden als die dauernde Gegenwart. Ewigkeit – in diesem neuen Verständnis – kann ja selbst nicht noch einmal die Zeitstruktur haben!

Dahin führt also die Frage nach der Selbstbestimmung – trotz des Hineingestelltseins in die Zeit: Die tiefe Gegenwart als das andere der Zeit erschließt – ein neues Verständnis von – Ewigkeit. Philosophieren führt in Dimensionen eines tieferen Selbstverständnisses. Führt Philosophieren in  existentielles Erleben hinein?

Michael Theunissen betont zurecht: „Ein Philosoph darf am Ende, wo er den Boden der schlechten Empirie verlässt, die Spitze seines Gedankens nicht abbrechen“ (S. 63)

Copyright: Christian Modehn