Papst Leo in Algerien: Über Augustinus nur die halbe Wahrheit

Ein Hinweis von Christian Modehn am 16.4.2026

Ein Vorwort:
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen und gehässige Kommentare abzuwehren:
Für den „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ist die Kritik Papst Leos an der Kriegspolitik von Donald Trump absolut berechtigt. Diese deutliche Zurückweisung des us-amerikanischen Papstes an Trumps nur noch verrückt zu qualifizierender Außen-(Kriegs-) Politik wie auch der antidemokratischen Innenpolitik, hätte schon mit etwas mehr Mut vor einigen Monaten öffentlich geäußert werden müssen, aber immerhin..
Unsere Zustimmung zur Kritik des Papstes an Trump schließt aber überhaupt nicht aus, kritisch auf die Stellungnahmen Papst Leos in Algerien hinzuweisen. Dieser kritische Blick auf seine Stellungnahmen in Algerien, zumal in Annaba, „Hippo“ einst, der Wirkungsstätte des heiligen Bischofs und Kirchenlehrers (!) Augustinus, fehlt in den Medien, in den katholisch bestimmten Medien sowieso.

1.
Papst Leo versteht sich als Mitglied des Augustiner-Ordens explizit als ein „Sohn des heiligen Augustinus“. Und dieser „Sohn“ des vor etwa 1.600 gestorbenen heiligen Augustinus ist wirklich sehr berührt und total begeistert („es war eine Gnade in Annaba zu weilen“) von des „Vaters“ Wirkungsstätte. Man lese das ebenso enthusiastische, aber einseitige Resümee der Algerien-Reise von vaticannews LINK
2.
In höchsten Tönen preist Papst Leo wieder einnmal den heiligen Augustinus als eine für „uns“ heute relevante Gestalt, er sei Brückenbauer, er habe das Streben nach Gemeinschaft gefördert, habe den Respekt unter den Völkern trotz aller Unterschiede gelobt und geliebt und so weiter. Papst Leo kennt offenbar nicht die vielen richtigen kritischen theologischen und historischen Forschungen über den gestrengen Bischof von Hippo. Oder der Papst will die Leute besänftigen? Fast hätte ich geschrieben, in die Irre führen.
3.
Diese Lobeshymnen auf Bischof Augustinus durch Papst Leo sind theologisch und historisch gesehen schlicht und einfach falsch. Es gibt den absolut kämpferischen, gar nicht dialogbereiten, sehr eigensinnigen und gegen seine theologischen Feinde äußerst kämpferischen Bischof Augustinus. Es gibt den Augustinus einer rigorosen, mit Jesus von Nazareth kaum noch vermittelbaren Gnadenlehre: Nach der nur wenige Erwählte gerettet werden. In dem Zusammenhang entwickelt der alte Bischof von Hippo die theologische Ideologie der Erbsünde. Ja, wirklich eine Ideologie, denn dieses Dogma ist ein willkürliches, völlig unbiblisches Konstrukt eines kämpferischen greisen Bischofs Augustinus. Von diesem unangenehmen, eher häßlichen Augustinus spricht der Sohn Augustins, Papst Leo, leider nicht. So wird eine Art Augustinus – Ideologie verbreitet.
4.
Hier kann nicht das weite Thema der Gnadenlehre Augustins und seiner Erbsünden – Ideologie ausführlich beschrieben werden, das haben wir an anderer Stelle früher schon getan. LINK   Wer die Geschichte studiert und eben nicht als ein „Sohn des heiligen Augustinus“ in Verzückung gerät, wenn er an den einstigen Bischof im damaligen Hippo denkt und die Ruinen dort bewundert, muss feststellen, und das ist gängige Überzeugung unter Historikern: Dieser Bischof Augustinus war zwar hoch begabt und theologisch gebildet. Aber Augustinus war als Bischof und sehr-vielschreibender Autor nicht nur ein heftiger Verfolger der damaligen nicht-katholischen „Sekten“. Er hatte sich einen Mitbruder seiner katholischen Kirche als Erzfeind ausgesucht, den katholischen Bischof Julian von Eclanum. Ihn hat Bischof Augustinus aufs heftigste bekämpften erfolgreich ausgeschaltet. Von „Brückenbauen“ also keine Spur.
5.
Bischof Julian war ein theologisch gebildeter „ebenbürtiger Gegenger Augustins“ (Kurt Flasch, „Kampfplätze der Philosophie“, Frankfurt am Main, 2008, S. 13). Seit 418/419 hat Augustinus auf Bischof Julian eingeschlagen. Augustin nannte seinen Mitbischof einen „Patron der Esel“, Bischof Julian, klug und mutig, nennt den hoch angesehenen Bischof Augustin einen „asthmatischen Greis“ (ebd.).
Mit seiner polemischen Kraft gelang es Augustinus in den heftigsten Auseinandersetzungen mit Julian als Sieger hervorzugehen: Die Lehre von der Erbsünde hatte Augustinus durchgesetzt: „Augustinus hatte behauptet, Sünde und Schuld seien vererbbar. Er hatte die Übertragung der Erbsünde an den Geschlechtsverkehr gebunden und damit den Vorrang des jungfräulichen Lebens begründet. Er hatte die geschlechtliche Begierde als das Böse verteufelt…“ (Kurt Flasch, S. 14 f.)
Es war allen Gebildeten zumal außerhalb der offiziellen rigiden dogmatischen Kirche klar: Augustinus Erbsünden Doktrin zerstörte die Freiheit des Willens der Menschen. Gott wurde wie Tyrann konzipiert. Niemand weiß bis heute, wie denn Erbsünde als solche im Menschen erlebt und erfahren wird. Fast alle heutigen TheologInnen fragen sich: Kann es wirklich sein, dass die christliche Erlösung mit der Befreiung von dieser imaginären Erbsünde identisch ist???
6.
Diesen Augustinus erwähnt der Papst nicht. Wäre auch blamabel für einen Sohn des heiligen Augustinus, den Vater weitgehend zu kritisieren und als irrelevant für die heutigen Christen (Katholiken) darzustellen.
7.
Wir wollen dieses unsägliche Thema Erbsünde hier nicht fortsetzen. Die Erbsünden- Ideologie der Kirchen, nicht nur der katholischen, auch der lutherischen, auch der reformierten, calvinistischen Kirche, ist ein Fehler, mehr noch ein giftiger Irrsinn. Das sagen, wie schon betont, die meisten heute denkenden TheologInnen. Papst Leo sollte in freier Zeit in seinem neu renovierte apostolischen Palast mir seinen Augustinern dort die Studie des großen objektiven Kenners Augustins Prof. Kurt Flasch lesen: „Die Logik des Schreckens. Augustinus von Hippo. Die Gnadenlehre von 397“, Mainz 1995.
8.
Die bis heute alles kirchliche Leben bestimmende Erbsündelehre ist, zusammenfassend, eine Ideologie Augustins, sie stellt die absolute Schwäche des Menschen gegenüber Gott heraus. An der Erbsünden – Ideologie halten die Kirche fest, um ein theologisches längst überwundenes Modell der Erlösung zu propagieren. Denn nur weil es die Erbsünde „gibt“, ist die Taufe eines jeden Menschen heilsnotwendig. Und die Taufe vollzieht sich innerhalb der Kirche, die vom Klerus bestimmt ist. Erbsündenlehre und Klerusherrschaft gehören also eng zusammen.
9.
Was eigentlich noch viel schlimmer ist: Soweit wir lesen, hat Papst Leo XIV. vor lauter Verzückung für seinen Vater Augustin, inmitten der Ruinen von Annaba, Hippo, vergessen, auch ein Wort zu den nicht geduldeten Menschenrechten in Algerien zu sagen. Der Papst hat sich wohl von der viel besprochenen „Demokratie- Fassade“ der Regierung dort verführen lassen. Von dem großartigen, verfolgten algerischen Schriftsteller Boualem Sansal hat Papst Leo sicher schon einmal ein bißchen gehört…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

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