Heute, am Mittwoch, 14. 9., findet um 20 Uhr im Kulturzentrum Radialsystem Holzmarktstr. 33, nahe Ostbhf, nahe Kreuzberg, an der Spree…
eine Veranstaltung statt, die dafür plädiert: Die Spiritualität sollte aus der Nische des Exklusiven befreit werden, sie kann das Zusammenleben in der Stadt beleben, weil sie Kritik und Toleranz oberste Priorität gibt und sich Fundamentalismen widersetzt.
Es diskutieren mit dem Publikum: Die Autorin Ursula Richard, der Zen Lehrer Dr. Wilfried Reuter, In Sun Kim von interkulturellen Hospiz Berlin und Christian Modehn, Journalist und Initiator des Religionsphilosophischen Salon.
Der Eintritt ist frei. Herzliche Einladung.
Autor: CM
Die Hierarchie des lieben Gottes
Wir wurden von verschiedenen Seiten gebeten, unser Manuskript (2009) über das Wesen bzw. Unwesen der katholischen Hierarchie noch einmal zugänglich zu machen, es ist gerade angesichts des Papstbesuches in Deutschland interessant und angesichts der bevorstehenden Versöhnung mit den politisch wie theologisch reaktionären Pius – Brüdern.
Das Manuskript wird hier in einer Form präsentiert, wie es für Hörfunkzwecke üblich ist; ich hoffe, dass die Lektüre dennoch leicht möglich ist, die Vielfalt der O Töne unterstreicht den Wert der Arbeit. copyright: christian modehn
Lebenszeichen WDR
Die Pyramide des lieben Gottes
Über die Macht und das System in der römischen Kirche
Von Christian Modehn
Ein Motto, am 19. Juni 2024 von C.M. notiert:
Die Pyramide ist immer das Bild, um Diktaturen zu beschreiben. Der Faschismus Italiens z.B. war als Pyramide konzipiert und organisiert, an der Spitze konzentrierten sich alle Gewalten. So ähnlich ist auch der Vatikan, die Leitung der katholischen Kirchem bis heute organisiert. Alles dreht sich um den – bis jetzt noch – allmächtigen Papst. (vgl. den Aufsatz „Antithese des Faschismus“, von Roberto Scarpinato, in „Lettre International“, Nr. 145, S. 7).
1. Spr.: Berichterstatter
2. Spr.: Zitator
32 O TÖNE
1.O TON, 010“, Pesch
Egal, wie man das Wort Hierarchie versteht: Herrschaft kann und darf es nicht bedeuten. Wenn es das tut, ist es Missverständnis und Missbrauch.
1. SPR.:
Otto Hermann Pesch, katholischer Theologe in München, plädiert für menschenfreundliche Strukturen in der römischen Kirche:
2. O TON, 0 14“, Pesch
Dass die Fakten oft anders sind, muss in diesem Sinne also dann als Defekt bezeichnet werden, als ein Missbrauch, der geändert werden muss.
1.SPR.:
„Ändern“ wollten Papst und Bischöfe ihren Umgang mit der Macht tatsächlich schon einmal: Vor fast 50 Jahren, beim Zweiten Vatikanischen Konzil, verpflichteten sich die „Oberhirten“, ihre Vorherrschaft zu begrenzen.
3. O TON, 0 21“, Pesch
Wenn sich eins im Vergleich zur Zeit vor dem Konzil bleibend im Bewusstsein der katholischen Gläubigen festgesetzt hat, dann ist es das Bewusstsein: Wir sind die Kirche. Und nicht wie früher: Wir haben an ihr Teil, während die Kirche die Hierarchie eben ist. Wir sind die Kirche!
1.SPR.:
Worte, auf die sich Kirchenreformer bis heute wie auf eine göttliche Utopie berufen. Unmittelbar nach dem Konzil wurden zahlreiche Landessynoden und Beratungen in den Bistümern veranstaltet. Dort versammelte sich das „Volk Gottes“ im Geist der Gleichheit und Brüderlichkeit. Den Weg der Kirche mitzubestimmen, sollte kein frommer Wunschtraum der Laien bleiben.
4. O TON, 0 15“, Pesch
Auf der anderen Seite fällt auf, dass man aus Furcht vor Demokratisierung der Kirche mit dem Volk-Gottes-Begriff in den lehramtlichen Äußerungen nach dem Konzil sehr zurückhaltend geworden ist.
1. SPR.:
Das Prädikat „zurückhaltend“ findet Otto Hermann Pesch dann doch zu beschönigend. Er entschließt sich, deutlicher zu werden:
5. O TON, 0 17“, Pesch
Manche sprechen ja regelrecht schon von einer Art roll back hinter das Konzil zurück., Man fürchtet, dass doch wieder daran gearbeitet wird, faktisch doch wieder die alten Überordnungs- und Unterordnungsverhältnisse, oder wenn sie wollen, Herrschaftsverhältnisse wiederherzustellen.
1. SPR.:
Die Hoffnungen auf eine möglichst herrschaftsfreie Kirche ließen sich nicht verwirklichen. Kritische Theologen wissen spätestens seit dem Regierungsantritt Benedikts des XVI: Papst und Bischöfe bevorzugen wieder verstärkt uralte Modelle geistlicher Herrschaft. Professor Otto Hermann Pesch:
6. O TON, 0 37“ , Pesch
Der Ausdruck Hierarchie für die kirchliche Ämterverfassung kommt zum ersten Mal auf im 5. und 6. Jahrhundert im Zusammenhang mit einem berühmten Buch eines Verfassers namens Dionysius vom Areopag. Und der hat ein Buch geschrieben über die himmlische Hierarchie, und das bedeutet die Abstufung, der Stufenweg, von Gott zur Schöpfung und der Stufenweg von Gott zu den Menschen. Und dieser Hierarchie, der himmlischen Hierarchie, muss auch die kirchliche Hierarchie entsprechen. Das heißt, auch da muss es dann auch die Abstufungen geben.
1. SPR.:
So gibt es also auch seit dem 4. Jahrhundert eine regierende Spitze und eine gehorsame Basis. Dieses Modell ist nicht von Weisungen des Evangeliums inspiriert, sondern vom Meisterdenker Platon aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Der Kopf als „Ort“ des Geistes sei wichtiger als der übrige Körper, meinte der griechische Philosoph, und so seien auch die führenden Häupter wichtiger als der Leib mit seinen niederen Organen. Diese untergeordneten Glieder sind für die geweihten Amtsinhaber „natürlich“ das Volk, die „Laien“. Das griechische Wort laikós (Betonung hinten!) bedeutet ja: Zum Volk gehörig. Auch mit dem Urbild des altägyptischen Sakralbaus, der Pyramide, konnte sich das Papsttum anfreunden: An der obersten Spitze thront mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist der Papst, der Stellvertreter Christi auf Erden. Mit diesem eher unbescheidenen Denken hat sich der katholische Theologieprofessor Josef Imbach aus Basel befasst:
7. O TON, 0 46, Imbach
Faktisch wird das so gehandhabt, dass man von diesem pyramidalen Denken ausgehen muss. Aber theologisch hat dieses pyramidale Denken eigentlich keinen Rückhalt. Wenn wir auch die Konzilstexte in Betracht ziehen, letztes Konzil, und natürlich auch die Anfänge der Christenheit, dann stellen wir da schon ein anderes Denken fest. Wenn wir dann zurückschauen auf die frühe Christenheit, die haben schon gestritten, aber das Communio prinzip, das war natürlich maßgebend, das Gemeinschaftsprinzip, Austausch usw. Von daher ist das pyramidale Denken theologisch gar nicht haltbar.
1. SPR.:
Zeitgemäße theologische Kritik hat für viele Kirchenführer in Rom keine Bedeutung, meinen etliche Beobachter. Und mit dem Kirchenmodell des Neuen Testaments, der „brüderlichen Gemeinschaft“, wollten sie auch nicht so viel zu tun haben. Statt dessen bestimmten autoritärer Umgang, Kontrollen, Überprüfungen, Treue – Eide, Zensurbestimmungen das kirchliche Leben.
Nur ein Beispiel: Der Minoritenpater Josef Imbach, Professor an der Päpstlichen Fakultät San Bonaventura, wurde vom vatikanischen Machtapparat gemaßregelt: Auf Betreiben der römischen Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger musste er im Jahr 2002 seinen Lehrstuhl aufgeben. Der Grund: Er hatte die Lehre über die von Gott gewirkten Wunder modern interpretieren wollen. Ein fairer Prozess nach demokratischen Grundsätzen wurde ihm wie so vielen anderen „verdächtigten“ Theologen nicht zugestanden. Inzwischen arbeitet der Katholik Josef Imbach an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Basel. Aber viel schwerwiegender als die eigenen Erfahrungen sei die Personalpolitik des Papstes, meint der angebliche Irrlehrer.
8. O TON, 0 24“, Imbach
Da werden Bischöfe ernannt von Rom. Welche Personen kommen da in Frage? Personen, die von vornherein sich die römische Denkart voll und ganz zu eigen gemacht haben. Dann ist es klar, dass dann der Weltepiskopat einheitliche Positionen von vornherein vertritt, eben aufgrund dieser Auswahlkriterien.
1. SPR.:
Die Stromlinienförmigkeit der „Oberhirten“ weltweit spiegelt sich auch in den Synoden wieder, das hat der frühere Leiter des Karmeliterordens, Pater Camillo Macisse, beobachtet und aufgeschrieben:
2. SPR. (bitte deutlich machen als Zitierung):
Sogar die Bischofssynoden in Rom werden von der Kurie des Papstes kontrolliert und in den Diskussionen und in ihren Ergebnissen genau überwacht. Einige Bischöfe haben die Heftigkeit der Kontrollmaßnahmen beklagt, die von Neokonservativen mit einer anachronistischen Theologie ausgeübt werden. Wer es wagt, diese Autoritäten zu kritisieren, wird bedroht, angeklagt, verurteilt.
1.SPR.:
Auch die gesamte theologische Lehre und Forschung steht unter der Kontrolle der Ortsbischöfe oder des Vatikans selbst. In Deutschland dürfen nur Theologen an eine katholische Fakultät berufen werden, die die offizielle Genehmigung, das nihil obstat der Kirche haben; eine Politik des Verdachts, die Joseph Ratzinger schon als Kardinal offiziell verteidigt hat:
9. O Ton mit Applaus 0 21“, Ratzinger
Deswegen verursachen wir manchmal mit dem nihil obstat Ärger, es zieht sich hin usw., aber ich nehme diesen Ärger auf mich. Weil ich glaube, es ist wichtig, dass wir eben Ärger eben einkaufen müssen. Beifall.
1. SPR.:
Fröhlichen Beifall für eine harte Linie spenden hier Mitglieder des ultra konservativen „Linzer Priesterkreises“. Ganz anders ist dem katholischen Theologen Josef Imbach zumute:
10. O TON, 0 28“, Imbach
Das ist der Tod der theologischen Forschung. Denn wer irgendwie eine akademische Laufbahn einschlagen möchte, wird sich natürlich von vornherein hüten müssen, irgendwelche heißen Eisen auch nur anzurühren. Und so wird auch hier langfristig eben dirigiert. Und das ist natürlich katastrophal für die theologische Forschung. Es ist nicht so, dass alles gesagt wurde, was hätte gesagt werden sollen. Es ist so, dass sich niemand zu sagen traut, was zu sagen ist.
1.SPR.:
Theologen an katholischen Fakultäten wagen es nicht mehr, für das Priestertum der Frauen einzutreten. Ihnen kommt es nicht mehr in den Sinn, die buddhistische Meditation als einen Weg zur Erlösung offiziell anzuerkennen. Und sie haben den Mut verloren, z.B. eine authentisch –afrikanische Liturgie zu entwickeln…Über den Umgang mit den Theologen hat der amerikanische Dominikanerpater Matthew Fox dem Papst geschrieben:
2. SPR.
Ihre Behandlung von Gelehrten ist Bücherverbrennung faschistischer Regime nicht unähnlich. Auch Ihre Entscheidung, autoritäre Persönlichkeiten zu belohnen ist problematisch. Denn diese sind oft krank, gewalttätig, sexuell besessen.
1.SPR.:
Matthew Fox, der radikale Kritiker, wurde aus seinem Orden ausgeschlossen. Eine Diskussion führte der Vatikan nicht mit ihm. Im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche von 1993 wird die Herrschaft von Papst und Bischöfen bezeichnenderweise als „heilige Gewalt“ beschrieben. Rom setzt seine Linie mit allen Mitteln durch, zum Beispiel wenn Bischofskonferenzen einmal eigene Reformvorschläge veröffentlichen wollen. Als vor zwei Jahren im brasilianischen Aparecida (sprich: Appareßida mit Betonung auf dem i!) Bischöfe aus ganz Lateinamerika behutsam die Basisgemeinden unter Führung von Laien fördern wollten, korrigierte der Vatikan vor der Veröffentlichung kurzerhand das Papier. Der katholische Theologe und Lateinamerika Experte Gerhard Kruip hat diesen Vorgang unmittelbar beobachtet, wie ein progressives Reformpapier „gesäubert“ wurde:
11. O TON, 0 40“ Kruip
Die Änderungen sind erfolgt aus einem großen Misstrauen heraus gegenüber kritischen Kräften innerhalb der katholischen Kirche. Die Änderungen sind geprägt von einer Haltung der Ängstlichkeit. Man betont immer wieder den hierarchischen Aspekt der Kirche! Man betont immer wieder die Kontrolle, die die Bischöfe ausüben müssen über ihre Ortskirchen, man ist insgesamt skeptisch gegenüber allem, was ein Neuaufbruch sein könnte. Wenn es vorher hieß, die Basisgemeinden sind ein Zeichen der Vitalität der lateinamerikanischen Kirche: Dann ist das nachher unter die Bedingung gestellt worden, dass die Basisgemeinden treu zur katholischen Lehre und zum jeweiligen Ortsbischof stehen.
1. SPR.:
Pfarrer sind die Stellvertreter der Bischöfe in den Gemeinden und damit ebenfalls Glieder der Hierarchie. Weil aber der Mangel an Priestern auch in Europa immer größer wird, haben viele tausend Gemeinden keinen eigenen Pfarrer mehr. Aber anstatt kompetente Laien, Frauen und Männer, mit der Leitung der Gemeinden zu beauftragen, werden die wenigen verbliebenen Priester mit immer mehr Aufgaben belastet, berichtet der Baseler Theologe Xaver Pfister:
12. O TON, 0 30“ Pfister
…wobei bei uns jetzt Pfarreien zusammengelegt werden! Da muss immer ein leitender Priester dabei sein. Wenn ein Regionaldekan in 17 Pfarreien die Pfarreiverantwortung hat, dann ist dem Buchstaben Genüge getan, aber dem Leben überhaupt nicht. In dieser Zeit ist ganz klar die Tendenz, dass der Bischof Kirche repräsentiert und jede Pfarrei vom Bischof her ihre Form hat und nicht eine Vielfalt hat.
1. SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa und auch in Amerika zu beobachten. Den autoritären Führungsstil der Kirchenführung erleben Betroffene als heftigen Widerspruch zur Kultur ihrer Länder:
13. O TON, 0 29“, Pfister
Man hat keine Mühe damit, dass etwas entschieden wird, wenn das einmal einsichtig ist. Aber man möchte eigentlich eine Einsicht haben und ernst genommen sein als Mensch, der handelt, weil er etwas einsieht. Und der nicht handeln muss, weil es ihm etwas aufoktroyiert ist oder befohlen ist. Das ist sicher ein sehr wichtiger Aspekt, dass man demokratisch verhandeln kann und aushandeln kann, dass das so gehandhabt wird.
1. SPR,;
Xaver Pfister sagt, er habe unter den so wenig demokratischen Maßnahmen der kirchlichen Hierarchie über viele Jahre schwer gelitten. Als langjähriger Leiter der Pressearbeit im Bistum Basel ist er schließlich an Depressionen erkrankt, darüber hat er später ein Buch geschrieben. Wie er freimütig bekennt, hat ihn auch das Erleben kirchen-amtlicher Autorität psychisch geschädigt.
14. O TON, Pfister, 0 32“
Ich hatte da zu wenig Rollendistanz gehabt, und ich hab mich von meinem Naturell her ganz reingegeben, und immer wieder was Neues probiert und noch mal probiert. Da kommt mal an eine Grenze. Es fehlt auch die nüchterne Bilanz: Was ist der Spielraum, was ist möglich, was ist erwartbar. Aber es gibt eine Grenze. Und jetzt beschränke ich mich darauf meine Überzeugung zu sagen.
1. SPR.:
Der stille Rückzug der Reformer stört die meisten „Hierarchen“ wenig. Gemeint sind mit dem Wort Machthaber in der Kirche, geweihte Männer, die die Herrschaft des Klerus über die Laien verteidigen. Wer noch katholisch sein will, soll gehorsam sein und dem „Mitarbeiter der Wahrheit“ Folge leisten! Diesen anspruchsvollen Wahlspruch hatte sich Joseph Ratzinger als Kardinal in München ausgesucht: An seinem Motto „Mitarbeiter der Wahrheit“ hält er auch als Papst unbeirrt fest, meint der katholische Theologe Herman Häring aus Tübingen.
15. O TON, 0 40“, Häring
Nach meinem Wissen gibt es keinen Fall, also keinen Kollegen, keine Kollegin, kein betroffenes Kirchenmitglied, das vorher Sanktionen erfahren hat und bei dem, bei der er sich mal entschuldigt hätte oder was revidiert hätte. Es wurde auch nichts zurück genommen. Für ihn war katholischer Glaube von Anfang an ein autoritätsgebundener Glaube. Mich hat er immer erinnert an ein Kirchenlied, das wir als Kinder gesungen haben: Fest soll mein Taufbund immer stehen, ist der erste Vers, und der zweite: Ich will die Kirche hören. Nicht: ich will die Bibel oder Christus, sondern die Kirche. Und das war für ihn dann schon immer der Rahmen.
1. SPR.:
Schon als Kardinal ermunterte Joseph Ratzinger besonders „rom-treue“ Theologiestudenten, ihre möglicherweise häretischen Theologieprofessoren aufzuspüren und zu benennen. Von „Spitzeln“ wollte er bei einem Vortrag im Jahr 1990 doch lieber nicht sprechen.
16. O TON, 0 34“, Ratzinger
Mir scheint, dass also ein erster Punkt der ist, dass solche Theologiestudenten in aller Offenheit dies dem Bischof offenbaren in einer Weise, die ihm auch verständlich macht, dass es hier nicht um Denunziation oder irgendetwas geht, sondern wirklich um die Not des Gewissens und um die Verpflichtung des Glaubens, den Dienst der Kirche und die Verkündigung ihres Glaubens rein zu halten.
1.SPR.:
Der „reine Glaube“ wird als ein wertvoller Schatz gedeutet, als „Glaubensdepositum“, wie man in Rom sagt, als ein dogmatisches System, das es zu hüten und pflegen gilt: Der katholische Theologe Hermann Häring:
17. O TON, 0 15“ , Häring
Für ihn ist der Glaube halt von Anfang an sozusagen das Glaubensdepositum gewesen. Man denkt automatisch an Fort Knox, mit Goldbarren, die drin liegen, und da ist alles, und das muss unberührt bleiben, und da kann man mal was abrufen.
1. SPR.:
Was einmal als Dogma formuliert wurde, behält nach amtlicher Lehre ewige Gültigkeit. Revisionen und Korrekturen sind unerwünscht. Eines von vielen Beispielen ist die Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert, der zufolge alle Menschen mit der Geburt als Sünder definiert werden, für den Philosophen Herbert Schnädelbach ein eher abstoßender Gedanke:
18. O TON, 0 34“, Schnädelbach
Das geht ja vollkommen gegen den Augenschein. Also, wir haben das Glück, drei sehr niedliche Enkel zu haben Und wenn ich mir jetzt vorstelle und gucke mir die an und sehe wie die aufwachsen. Und dann zu sagen: So sind das sind geborene Sünder und die müssen erst mal getauft werden. Das ist ja eine Geschichte, die hat die Menschen Jahrhunderte tyrannisiert. Da wurden Halb- und Totgeborene noch schnell getauft, dann gab es diese Lehre von der Vorhölle für die ungetauften Kinder alle sind. In dieser ganzen Debatte wird ja klar gemacht, sie sind unfähig zum Guten. Und das ist ja etwas, wo gegen man sich auflehnen kann.
1.SPR.:
Denn ohne Taufe, also ohne die entscheidende Mitwirkung der Kirche, bleibt jeder Mensch ein unwürdiger Sünder… Zwar lehnen sich auch Theologen gegen diese Lehre und andere Dogmen auf. Sie ganz abzuschaffen, dürfen sich Theologen nicht erlauben. Selbst bei vorsichtigen Interpretationen uralter Traditionen stoßen sie in Rom keineswegs auf offene Ohren, meint Otto Hermann Pesch:
19. O TON, 028“
Wenn da eine offenere Gesprächsatmosphäre wäre, auch mit dem Risiko, dass man einen Konfliktfall im Moment nicht beilegen kann, sondern darauf vertraut, dass in der öffentlichen Disputation innerhalb der Kirche sich dann die Wahrheit herausstellt, wenn solches Vertrauen mal wachsen und ein Papst auch mal sagen würde: Habt keine Angst vor dem streit in der Kirche bei einer so wichtigen Sache wie den Dingen, die christliche Glaube vertritt, ist doch natürlich, dass man darüber sich streitet, wie das richtig zu verstehen ist. Habt keine Angst, wenn es solchen Streit gibt, als ob dann der Untergang der Kirche bevorstünde, wenn so etwas mal von päpstlicher Seite aus gesagt würde, das würde Mut machen.
1.SPR.:
Aber das bleibt ein frommer Wunsch. Die meisten Oberhirten halten sich lieber an die Gruppen und Zirkel treu ergebener Schäfchen. Hubert Gindert vom sehr konservativen „Forum deutscher Katholiken“ hat diese Vorliebe Roms mit Kardinal Ratzinger besprechen können:
20. O TON, 0 14“
Er hat sich einmal geäußert, ihm kommt es nicht auf die große Zahl an. Nein, ihm kommt es drauf an: Gibt es innerhalb der Volkskirche, gibt es also hier missionarische Bewegungen, missionarische Zellen.
1. SPR.:
Die Kirche als kleine Herde der hundertprozentig treuen Seelen: das ist das Kirchenbild heutiger Hierarchen. Kritische Beobachter fürchten, die römische Kirche könnte sich bald dem intellektuellen Niveau einer großen Sekte nähern. Der Baseler katholische Theologe Xaver Pfister hat diese Mentalität der Behüter und Bewahrer genau beobachtet:
21. O TON 0 14“
Wir müssen die sammeln, die noch übrig sind. Und die sollen zusammenbleiben und die sollen eine Heimat finden. Und in dieser Einseitigkeit, denke ich, ist das wirklich der Selbstvollzug des Endes.
1. SPR.:
Aber selbst vom Schwund an Gläubigen lassen sich Bischöfe wie der Kölner Kardinal Joachim Meisner nicht irritieren. Sie sind eher stolz darauf, dass noch einige Kreise der offiziellen Lehre treu ergeben sind und dies auch lautstark bekennen, wie Pater Klaus Einsle vom Orden der Legionäre Christi:
22. O TON, 0 30“ Einsle
Wir wissen, dass Christus die Kirche gegründet hat mit einer bestimmten Struktur, einer bestimmten Hierarchie und diese Hierarchie ihre Funktion hat. Und in dem Sinn haben wir ein ganz krampfloses Verhältnis und positives Verhältnis zum Papst, den Christus bewusst eingesetzt hat. Die Kirche ist für uns das Lehramt und die Bischöfe, die in Einheit mit dem Lehramt sind. Da würde ich sagen, dass unsere Denkart sehr die des Lehramtes ist.
1. SPR.:
Wie das Lehramt denken und alle Glaubenssätze möglichst unverändert bewahren: Darin sieht auch die weltweite Gemeinschaft der konservativen Neokatechumenalen Gemeinschaften ihre Aufgabe, betont der Missionar Bruno Caldera:
23. O TON, 0 14“ Caldera
„Unsere Theologie ist das Katechismus der katholischen Kirche. Gott ist derjenige ist, der uns lehrt. der jenige, der uns lehrt, der uns die Antwort gibt. Ich bin der Meinung, dass Gott da ist, um uns Antworten zu geben“.
1. SPR.:
In den Kreisen der neuen geistlichen Gemeinschaften, also der Neokatechumenalen und Legionäre, der Charismatiker und Opus Dei Mitglieder, fühlten sich konservative Amtsträger sehr wohl, betont der katholische Theologe Pfarrer Ferdinand Kerstiens aus Marl. Er hat sich als Mitglied im „Freckenhorster Kreis“, einem Forum von Kirchenreformern, mit diesen „Bewegungen“ auseinander gesetzt.
24. O TON, 0 17″ Kerstiens
Solche Gruppierungen sind immer bei der Hierarchie beliebt, weil sie keine Schwierigkeiten machen, weil sie keine kirchlichen Strukturen in Frage stellen, weil sie keine kirchlichen Gesetze in Frage stellen, weil Sachen wie Zölibat und Priestertum der Frau und solche Fragen bei ihnen nicht diskutiert werden.
1. SPR.:
Angesichts der machtvollen Hierarchie ist die römische Kirche heute gespalten: Selbstbewusste, kritische Gläubige sehnen sich noch immer nach dem geschwisterlichen „Volk Gottes“. Ihnen steht die einflussreiche Gruppe derer gegenüber, die den Ruhm des Papsttums und der Hierarchie wie ein Glaubensbekenntnis verstehen:
25. O TON, 0 22“, Meisner
Der Petrus von heute heißt Benedikt XVI. Sein Verkündigungsdienst ist heilsnotwendig für Kirche und Welt. Mit hoher Authentizität verkündet der Papst die rettende Kraft des Evangeliums, um dann einen überzeugenden Weg zum Heil aufzuweisen.
1. SPR.:
Kardinal Joachim Meisner bei einer Messe zu Ehren des Papstes in der Berliner Sankt Hedwig – Kathedrale im April 2007:
26. O TON, 0 33“. Meisner
Papst Benedikt XVI ist es gegeben, die den Menschen heil machende Botschaft des Evangeliums in ihrer Schönheit, in ihrer Faszination und Harmonie aufzuzeigen, so dass man ihn Mozart unter den Theologen nennt.
Seine Worte klingen wie Musik in den Ohren und Herzen des Menschen. Ihm gelingt es wirklich meisterhaft, die Noten des Evangeliums in hinreißende Musik umzusetzen.
1. SPR.:
Diese „hinreißende Musik“ päpstlicher Stellungnahmen enthält aber auch kritische Töne, zum Beispiel den Vorwurf: In den Staaten der westlichen Welt herrsche „der Relativismus“.
27. O TON, 0 24“, Meisner
Als Diktatur des Relativismus bezeichnet der Papst das Grundübel unserer westlichen Gesellschaften, für die es keine oberste und unveräußerlichen Wahrheit und Werte mehr gibt, für sie ist alles gleichgültig, was die Menschen dann gegenüber der Frage nach gut und böse gleichgültig macht.
1. SPR.:
Relativismus bedeutet für die modernen demokratischen Gesellschaften das Ringen verschiedener, aber gleichberechtigter Positionen um die Wahrheit. Niemand „hat“ die Wahrheit, alle suchen sie. Relativismus und Demokratie sind untrennbar! Die Frage drängt sich auf: Ist die Zurückweisung des Relativismus durch den Papst zugleich eine Zurückweisung der Demokratie? Ein Jahr vor seiner Wahl zum Papst hat Kardinal Ratzinger mit dem damaligen italienischen Senatspräsidenten Marcello Pena über den Relativismus in den westlichen Gesellschaften diskutiert, dabei nannte er ein typisches Beispiel:
2. SPR.:(Zitat Ratzinger)
Dass Homosexualität, wie die Katholische Kirche lehrt, eine objektive Ordnungsstörung im Aufbau der menschlichen Existenz bedeutet, wird man bald nicht mehr sagen dürfen.
1. SPR.:
Ein wenig irritierend ist die Aussage Kardinal Ratzingers! Könnte denn für die Kirche eine Zeit kommen, in der eine freie kirchliche Stellungnahme nicht mehr möglich sei? Befürchtete der damalige Kardinal Ratzinger etwa eine „Diktatur“ der Demokraten? Eine Angst, die er übrigens mit vielen muslimischen Machthabern gemeinsam hat, wie kürzlich der Publizist Alan Posener zeigte, in seinem Buch „Benedikts Kreuzzug. Der Angriff des Vatikan auf die moderne Gesellschaft.“
2. SPR.:
Der Vatikan ist sich mit fundamentalistischen islamischen Staaten immer einig, wenn sie sich gemeinsam gegen kritische, angeblich blasphemische Karikaturen wehren. In diesen Fällen treten sie gemeinsam für die Einschränkung der freien Meinungsäußerung ein.
1. SPR.:
Die Entwicklung solcher Denkmodelle findet der protestantische Theologieprofessor Friedrich Wilhelm Graf aus München alles andere als erstaunlich:
28. O TON, 0 37“, Graf
Es gibt keine römisch-katholische Demokratie-Theorie, in der nicht die Zustimmung zur Demokratie von Vorbehalten abhängig gemacht worden ist. Es heißt immer: die wahre Demokratie, die rechte Demokratie, nie die Demokratie als solche. Und die eigentliche Demokratie ist die Demokratie, die sich den sittlichen Einsichten, den moralischen Vorschriften des Lehramtes öffnet. Es ist jedenfalls nicht eine parlamentarische, pluralistische Parteiendemokratie, in der die Kirche in ihren Mitbestimmungsansprüchen an den Rand gerückt wird.
1. SPR.:
Die römische Kirche kann zwar nicht mehr die Gesetze der Staaten bestimmen. Aber sie kann in der Gesellschaft versuchen, ihre traditionellen Moralvorstellungen durchzusetzen, etwa zu Fragen der Schwangerschaft. Die katholische Ethik gilt den Konservativen innerhalb der Hierarchie als die letzte Bastion, die es unbedingt zu verteidigen gilt. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf:
29. O TON, 0 40“. Graf.
Man kann sagen, dass die Römisch-Katholische Kirche seit 200 Jahren den Prozess der Modernisierung darin kritisch begleitet, dass sie sich als eine Gegeninstitution etabliert. Deshalb hat sie die Autorität des Papstes zunehmend verstärkt im 19. Jahrhundert, deshalb hat sie immer stärker auf römischen Zentralismus gesetzt. Was wir jetzt erleben ist im Grunde genommen eine innerlich stimmige, konsequente Kirchenpolitik: Je mehr religiösen Pluralismus es gibt, desto konsequenter stellt die Römisch katholische Kirche ihre spezifischen Merkmale in den Raum. Hier RAUS GEHEN
1. SPR.:
Hingegen meint der katholische Theologe Hermann Häring, Relativismus und Katholizismus seien durchaus zu versöhnen:
30. O TON, 1 03“. Häring
Ich bin Relativist, weil ich weiß, ich hab nicht die ganze Wahrheit. Und nicht, weil ich die andere Meinung als Bedrohung, sondern als Ergänzung, als Erweiterung, als eine andere Perspektivierung meiner eigenen erfahre. Deshalb verstehe ich nicht, dass manche Leute Relativismus so schlimm finden. Jeder, der die Wahrheit in einer Organisation sieht, der kann keine Abweichung dulden, für den ist die Wahrheit in der Sprachregelung. Das verstehe ich wohl. Aber das Problem, dass man eben meint, diese Organisation sei die Wahrheit. Ich halte bei Gott viel von der katholischen Kirche oder von den christlichen Kirchen, aber sie sind nicht die Wahrheit, sondern sie haben sie weiter zu tragen. Es gibt ein rabbinischen Spruch, der sagt: Ein Schriftwort, das nicht 99 Auslegungen zulässt, hat die Wahrheit Gottes nicht.
1. SPR.:
Aber von jüdischer Weisheit lässt sich der Vatikan nicht so häufig inspirieren: Vielfalt der Meinungen zuzulassen, könnte ja bedeuten, den demokratischen Staat nachzuahmen und demokratische Prinzipien für die Kirche selbst anzuerkennen. Tatsächlich gleicht der Vatikan eher einem spätantiken Feudalstaat. Dort vereinte der eine Herrscher alle Gewalten in seiner Person. Der Vatikan glaubt, diese Rolle habe der Papst von Anbeginn gehabt. Aber gibt es wirklich eine ungebrochene Linie vom ersten Papst, dem Fischer Petrus vom See Genezareth, hin zu Benedikt XVI. in seinem Palast? Der katholische Theologe Otto Hermann Pesch warnt vor einer allzu weitgehenden Interpretation:
31. O TON, 0 30“. Pesch
Wie kommt es dann, dass die Nachfolger des Petrus bis hin zu Clemens absolut legendarische Figuren sind. Auf festem Boden einer römischen Gemeinde mit ganz bestimmter Leitungsstruktur sind wir wieder erst mit dem ersten Clemens, der nach Corinth schreibt, aber nicht mit Weisungsbefugnis, sondern mit Ermahnung. Dieser Clemens ist nun mitnichten Papst Clemens der Erste, sondern Mitglied des römischen Presbyteriums.
1. SPR.:
Der Papst als der erste unter vielen anderen Bischöfen inmitten vieler Gemeinden: Ist diese frühchristliche Tradition wirklich nicht mehr gültig? Könnte sich der Stellvertreter Christi auf Erden nicht daran orientieren, fragt Otto Herman Pesch:
32. O TON, 0 43“.
Er sollte sein Amt verstehen und auch ausüben, wie es allein vom Neuen Testament her begründet werden kann, nämlich als Petrusdienst. Man sagt heute schon mal ganz gerne Petrusdienst und meint das Petrusamt, das ist aber in der Form dann etwas eine Schönfärberei. Petrusamt heißt Vollmacht des Papstes in jede einzelne Diözese hineinregieren zu können, nach gutem Ermessen, um nicht zu sagen nach Gutdünken. Petrusdienst heißt, dass der Papst als Bischof von Rom und eben Haupt des Bischofskollegiums einen Dienst tut, da, wo er helfen muss und helfen kann.
1. SPR.:
Der Papst als bescheidener Helfer, als Ratgeber, als Freund und Begleiter: Das ist keine Utopie, sondern biblischer Auftrag. Ein Zitat aus dem Markus Evangelium:
2. SPR.:
„Wer bei euch groß sein will, der sei der Diener aller“.
1. SPR.:
Joseph Ratzinger hat bei einem Vortrag im österreichischen Aigen vor 15 Jahren einmal angedeutet, dass es den Amtsträgern nicht in erster Linie auf Macht und Einfluss ankommen sollte:
33. O TON, 0 43“ Ratzinger,
Auch in der Kirche ist nicht das entscheidende, welche Funktion einer einnimmt. Sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist nicht, dass man Kardinal wird oder ich weiß nicht sonst etwas wird, sondern das Höchste, was wir erreichen können, ist, dass wir Gott nahe und ihm ähnlich werden, dass wir heilig werden. Und wenn ein Bischof oder Kardinal es nicht wird, dann nützt ihm seine ganze Würde nichts, dann ist er wirklich eben bei den geringsten im Reich Gottes, wo wir immer noch hoffen, dass er wenigstens noch drinnen ist. Lachen und Beifall.
1. SPR.:
Kritische Äußerungen zum Umgang mit päpstlicher Macht hat man von Joseph Ratzinger als Papst Benedikt XVI. nicht gehört. Darum sind sich viele kritische katholische Theologen in aller Welt einig: Das vom Vatikan geförderte System kann nur zu einer in sich geschlossenen Herrschaftselite führen, zu Abwehr, Ausgrenzung und neurotischem Freund – Feind – Denken. Trotzdem: Mit dieser Vorherrschaft maßgeblicher kirchenamtlicher Kreise wollen sich Kirchenreformer nicht abfinden, falls ihnen nicht zuvor die so viel beschworene „Freude am Glauben“, also die positive Zustimmung, katholisch zu sein, verloren geht. Pater Josef Imbach:
34. O TON, 0 32“, Imbach
Wie können wir eigentlich froh unseren Glauben leben, wenn es in unserer Kirche so unfroh zu- und hergeht? Der französische Schriftsteller Paul Claudel hat einmal gesagt: Dort, wo die meiste Wahrheit ist, ist auch die meiste Freude. Ja, wenn sie sich dann so umschauen innerhalb unserer Kirche, dann muss ich mich ja fragen, wie viel Wahrheit ist eigentlich in unserer Kirche, in meiner Kirche?
………………………………………………………………….
LITERATUR:
Graf, Friedrich-Wilhelm: Missbrauchte Götter. Zum Menschenbilderstreit in der Moderne. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58478-7
Graf, Friedrich-Wilhelm: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. C. H. Beck, München 2004, ISBN 3-406-51750-1
Häring, Hermann: Im Namen des Herrn. Wohin der Papst die Kirche führt. Gütersloher Verlagshaus. 2009, 192 Seiten.
Imbach, Josef: „Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens.
Woran die Kirche heute krankt“. 248 Seiten, Patmos Verlag Düsseldorf, 2.
Aufl., 2005,
Modehn, Christian: „Alles, was rechts ist.. Politisch theologische Optionen Joseph Ratzingers“, S 143 – 162. in: Sommer, Norbert. und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.
Pesch, Otto-Hermann: Katholische Dogmatik aus ökumenischer Erfahrung, Bd. 1/1: Die Geschichte der Menschen mit Gott, Ostfildern 2008
Posener, Alan: „Benedikts Kreuzzug. Der Kampf des Vatikans gegen die moderne Gesellschaft“ (Ullstein 2009)
Sommer, Norbert und Seiterich, Thomas (Hg.): Rolle rückwärts mit Benedikt. Wie ein Papst die Zukunft der Kirche verbaut. Publik – Forum- Edition, Oberursel, 2009, 222 Seiten.
Mit Erzbischof Woelki ins Getto?
Mit Erzbischof Woelki ins Getto ?
Religionskritik, also kritisches Beobachten faktischer Religionen, ist immer ein Element der Philosophie.
Darum einige neue Hinweise, publiziert am 9.9.2011:
Es ist ein feines Zusammentreffen: Rainer Maria Woelki ist seit einigen Wochen offiziell Erzbischof von Berlin, da wird am 9.9. 2011 im Tagesspiegel publiziert, dass das Oberverwaltungsgericht Berlin – Brandenburg die Einrichtung einer nur für Jungen reservierten Schulen des Opus Dei in Potsdam definitiv gestattet hat. Bisher hatten Gerichte in Brandenburg diesen sonderbaren Schultyp zurückgewiesen. So hat der an einer Opus Dei Universität in Rom (Santa Croce) promovierte Berliner Erzbischof eine gute pädogogische Adresse in seiner Nachbarschaft. Damit wird der Anteil der Opus Dei Mitglieder und Opus Dei Freunde in Berlin und Potsdam noch einmal steigen, zur Freude des Erzbischofs. Aufgrund dieser Tatsachen wurden wir gebeten, weitere Korrespondenten Berichte über Rainer Maria Woelki – auch aufgrund der starken Nachfrage auf dieser website – neu und erweitert zugänglich zu machen. Wir weisen zudem auf den eigenen Beitrag „Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin“ auf dieser website hin.
Die theologische Doktorarbeit Rainer M. Woelkis hat zwei Professoren der Opus Dei Universität Santa Croce in Rom als „Betreuer“: Prof. Antonio Miralles, ein spanischer Opus Dei Priester, und Prof. Klaus Limburg, ein deutscher Opus Dei Priester; Miralles wird vom Fach her, auf diversen Websites, manchmal als systematischer Theologe vorgestellt, manchmal als Liturgiespezialist. Der Zweitgutachter Prof. Klaus Limburg ist Spezialist für Altes Testament. Die Doktorarbeit Woelkis über die „Pfarrei“ gehört zweifelsfrei in den Bereich praktischer Theologie oder der systematischen Theologie. Was hat da ein Alttestamentler als Zweitgutachter zu suchen? Einige wenige Seiten in der Doktorarbeit Woelkis sollen die Gemeinden im „alten Israel“ behandeln, ein ausreichender Grund, einen Alttestamentler hinzuziehen? Sicher nicht. Woelki brauchte den Deutschen Prof. Klaus Limburg, weil sein Erstgutachter, der Spanier Prof. Antonio Miralles, gar nicht oder ganz wenig Deutsch spricht. So wurde eine Doktorarbeit auf Deutsch bei einem nicht oder kaum deutsch sprechenden Professor eingereicht und angenommen. Ein bißchen ungewöhnlich, meine Beobachter. Dass Miralles wenig oder kein Deutsch spricht, bezeugen Aussagen des emeritierten Theologen Prof. Anton Ziegenaus aus Augsburg, der selbst in den neunziger Jahren an der Opus Dei Universität Santa Croce lehrte und dem Opus Dei nahesteht; in einem Telefongespräch am 25.7. 2011 wurde von Ziegenaus bestätigt, dass Prof. Miralles nicht oder ganz wenig deutsch spricht. Prof. Klaus Limburg, jetzt Aachen, bestätigt in einem Telefongespräch am 9.9.2011 ebenso, dass Miralles nicht oder wenig Deutsch spricht. Wer die Publikationen des Erstgutachters Prof. Miralles durchschaut, findet in den Literaturlisten, etwa zur „penitenzia“, Buße, keine deutschen Literaturhinweise, obwohl gerade die Bußgeschichte in der deutschsprachigen Theologie gründlichst erforscht wurde und sozusagen erwähnt werden muss, will man auf der Höhe der Forschung sein. Das heißt abermals: Prof. Miralles kann offenbar auch nur sehr begrenzt Deutsch lesen. Summa summarum: Die Doktorarbeit Woelkis über die Pfarrei wurde letztlich von einem Alttestamentler, also einem Fachfremden Theologen, „betreut“. Es kam, so die Vermutung unserer Korrespondenten, offenbar nur darauf an, möglichst schnell und einfach einen Doktortitel zu haben.
Die folgenden Informationen gehen auf Anfang Juli 2011 zurück, wurden zu dem Zeitpunkt auch publiziert, sind immer noch bedenkenswert:
Am Dienstag, 5.7.2011, fand eine Art Fragestunde statt, zu der Bischof Rainer Maria Woelki, der neu ernannte Erzbischof von Berlin, eingeladen hatte. Nicht nur die eigentlich Betroffenen, zahlreiche Journalisten, waren dabei, sondern auch etliche Priester und Mitglieder der Gemeinden. So wurde kreuz und quer gefragt, nach der Bindung an Köln und der Einschätzung des Gesellenvaters Adolph Kolping…
Information am 7.7.2011: Der religionsphilosophische Salon erfährt, dass eine Zusammenfassung der Doktorarbeit Rainer M. Woelkis in der Kölner Dombibliothek plötzlich wieder aufgetaucht ist, sie ist dort lesbar, aber nicht zu entleihen. Es ist aber nicht die Doktorarbeit selbst, sondern eine art Kurzfassung.
Am 6. 7. wurde mitgeteilt:
– Uns irritiert zunächst: DER TAGESSPIEGEL meldet am 6. 7. die beiden Exemplare der Doktorarbeit Woelkis seien verschwunden, das Exemplar aus der römischen Uni und das Exemplar aus der Dom Bibliothek in Köln. Als Buch liegt die Doktorarbeit Woelkis nicht vor. Das Verschwinden der öffentlich einsehbaren Doktorarbeit ist sehr bedauerlich. Will man die Arbeiten entfernen, um etwas zu vertuschen? Woelki wurde bekanntermaßen im Jahr 2000 an der OPUS DEI Universität in Rom zum Dr. theol. promoviert. Dieses Detail wird in manchen kirchenoffiziellen biographischen Notizen bereits verschwiegen, wie : http://www.erzbistum-koeln.de/erzbistum/weihbischoefe/woelki.html. Gelesen am 5. 7. 2011 um 21.00.
Es ist auch nach der Pressekonferenz völlig unklar:
– Warum hat der damals in Bonn wohnende Woelki eine theologische Promotion nicht an der katholisch – theologischen Fakultät in Bonn selbst angestrebt? Da hätte er sich die weiten Wege nach Rom sparen können, denn ein Doktorand muss sich doch wohl ab und zu mal an seiner Uni blicken lassen. Das gilt doch wohl auch für die Opus Dei Universität?
– Ist die Arbeit eines Leiters eines Priesterseminars so wenig auslastend, dass man nebenbei promovieren kann?
– Warum wollte Woelki an einer Opus Dei promovieren? Die Entscheidung für „Santa Croce“ ist doch kein Zufallsergebnis. Diese Uni rühmt sich auf Ihrer website heute, (siehe die Startseite der Opus Dei Uni: http://www.pusc.it/ gelesen am 5. 7. Um 21. 15 Uhr )
dass einer der „ihren“ Erzbischof von Berlin wurde. Woelki gehört in der Sicht der Uni einfach dazu, er ist sozusagen bis heute Teil der Opus Dei Uni. Kann man das angesichts dieser Meldung im ernst leugnen?
Man muss nicht Mitglied im Opus Dei sein, um in den Kategorien dieser Vereinigung zu denken. Es gibt ja auch die Vereinigung der „Priester vom Heiligen Kreuz“, die mit dem Opus eng verbunden ist, mit 4.000 Mitgliedern. Wer mag da wohl alles Mitglied sein?
Das Bekenntnis, nicht zum Opus Dei zu gehören, sagte gar nichts. Was sind die theologischen Opus Dei Kennzeichen: Absoluter Gehorsam gegenüber dem Papst, Treue zum Katechismus, Treue zur vorgegebenen Lehre, an der nichts „gerüttelt“ werden darf; „meine Hände sind gebunden“, dieses Wort fiel oft in der Pressekonferenz; also Eigeständnis, nicht eigenständig handeln zu können usw. usw.
– Warum also ausgerechnet eine Promotion bei der Opus Dei Universität Santa Croce? Ging es dort besonders schnell? War es dort aufgrund von Beziehungen besonders einfach?
Die Antwort könnte heißen: Weil dort sein Freund und Förderer Kardinal Meisner auch ein Freund des Hauses ist. 1997 z.B. hielt Meisner an dieser Opus Dei Universität einen Vortrag. Das ist keine Frage: Dort gehen nur Leute hin, die mindestens mit dem Opus Dei sympathisieren. Die anderen, denen grundlegende Reformen der römischen Kirche vorschweben, denen die „ecclesia semper reformanda“ heilig ist“, würden sich vielleicht dort eher nicht so wohl fühlen…
– Dass die Doktorarbeit Woelkis verschwunden ist, stimmt nachdenklich: Jetzt ist sie offenbar plötzlich wieder da. Trotzdem beibt die Frage: Wer ist der Doktorvater und der Zweitgutachter? Dr. theol. Woelki wird das sicher alsbald mitteilen. Nebenbei: In der Entstehungszeit der Doktorarbeit Woelkis war Dr. Georg Gänswein, heute Sekretär des Papstes, an dieser Opus Dei Universität in Rom Dozent!
Aber abgesehen von diesen kirchenpolitischen Fakten, die zeigen, wie schwer es ist, die Wahrheit zu finden, wenn man es mit der Macht einer Geheimorganisation, dem opus dei, zu tun hat. Da müssen alle Bekenntnisse Mitglied oder Nichtmitglied zu sein notwendigerweise im Nebulösen verbleiben. Die Frage ist: Will die Kircheführung vielleicht bewusst das Nebulöse, das Unklare, das Mysteriöse? Beispiele im Umgang mit der eigenen Vatikan – Bank usw. gibt es in Hülle und Fülle …
Woelki bemühte sich am 5. 7. 2011 als aufgeschlossener Seelsorger zu erscheinen; er konnte aber nicht verbergen: Er will „die“ Lehre der römischen Kirche durchsetzen und umsetzen. Das Wort Katechismus nannte er oft, dort steht die Glaubenssubstanz sozusagen fest verankert drin. Wie ein goldener Schatz muss er gehütet werden. Goldene Schätze ändert man ja bekanntlich nicht. Aber goldene Schätze sind immer etwas Totes.
So viel wurde klar: Ein Bischof „hat“ die Wahrheit, er muss sie nur durchsetzen. Miteinander und Dialog gibt es da nicht mehr. Der Bischof als ausführendes Organ der vatikanischen Bürokratie und Dogmatik, das ist der Gesamteindruck.
Diese Überzeugungen kann man als Katholik ja gerne glauben, man muss nur die Konsequenzen sehen: Dieses Verständnis des Bischofsamtes entspricht nicht mehr im entferntesten der heutigen theologischen Forschung. Dadurch stellt man sich ins theologische Abseits. Können es sich Bischöfe und Päpste leisten, die theologische Arbeit zu ignorieren? Die Antwort lautet: Faktisch wird das mit Macht durchgesetzt. So funktioniert Hierarchie.
Wer in einer Stadt wie Berlin „die“ Wahrheit einfach anwenden will, führt seine Kirche ins intellektuelle Getto. Da darf dann nur noch nachgebetet und gehorcht werden. Nur wenige, vielleicht die letzten verbliebenen Senioren, werden sich zu einer solchen Haltung noch aufraffen. So ist abzusehen: Die römische Kirche wird in absehbarer Zeit zur „Sekte“ (wir scheuen eher dieses Wort, hier aber ist es mal angebracht): Die kleine Schar kümmert sich dann nur noch um den eigenen rechten Glauben.
Alle freie Diskussionen unter gleichwertigen Partnern sind dann verschwunden, alle Kreativität, alles Experimentieren und Wagen, alle ökumenische Zusammenarbeit etwa in Form von gemeinsamem Abendmahl sind auf den Sankt Nimmerleins Tag verschoben. Muss man noch betonen: Nur wer sich wandelt und ändert und reformiert, ist lebendig?
Beginnt mit Bischof Woelki der Weg zur katholischen Sekte? Die „kleine Herde der Hundertfünfzigprozentigen“ haben sich ja viele Bischöfe immer gewünscht. Sie wissen natürlich auch, dass sie dann über unendlich weniger Finanzmittel verfügen…Nebenbei: Spirituell Interessierte verlieren dadurch bestimmte Treffpunkte des Austausches. Ein moderner, demokratischer Katholizismus, das haben wäre eine Kirche, die viele Berliner interessieren könnte. Aber: moderner Katholizismus – das ist nur noch ein Traum…
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de
Salon: Kant begründet die Religion in der Ethik. Wider den Fundamentalismus
Ein Grund zum Feiern? Der schwierige Umgang mit dem „Vaterland“ in Mexiko
Ein Grund zum Feiern?
Der schwierige Umgang mit dem “Vaterland” in Mexiko
Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt
In diesen Tagen werden in jeder Stadt Mexikos auf Plätzen und an Strassenecken Nationalfahnen in jeglicher Grösse verkauft, zudem Wimpel, Trompeten, Sombreros, Konfetti… Strassen und Hauptplätze sind voller Girlanden und Lichterketten. Nein, es steht keine Fussballweltmeisterschaft an, sondern es ist unser “Monat des Vaterlandes” und mittendrin, der Nationalfeiertag, am 16. September. Dieser beginnt am Abend des 15. September um 23 Uhr in allen Städten vor dem Rathaus, bundesweit eröffnet das Fest der Staatspräsidenten vom Balon des Nationalpalastes aus. Dreimal wird feierlich deklamiert: “Viva! Es leben die Helden, die uns das Vaterland gaben! Es lebe Mexiko!” Dann wird mit der Nationalfahne gewunken, die Freiheitsglocke (vom Ort Dolores; jede Stadt hat eine Kopie) geläutet und alle singen bewegt die Nationalhymne. Es gibt Feuerwerk und Tanz auf allen Plätzen bis in die späten Nachtstunden. Der 16. ist dann geprägt von Militärparaden und von Sport- und Folkloregruppen. Es ist wirklich ein Nationalfeiertag: überall und für alle!
Für die Gefühlswelt fast aller 112 Millionen Mexikanerinnen und Mexikaner gibt es keinen Zweifel: Mexiko ist unser Vaterland und unsere Mutter ist “Maria von Guadalupe”! Das gibt uns Heimat und Identität! So kenne ich das nicht von Deutschland.
Diese Zeremonie, “grito”, Aufschrei, Aufruf genannt, erinnert jährlich an Miguel Hidalgo, Pfarrer der kleinen Stadt Dolores im geographischen Zentrum des flächenmässig enormen Vizekönigsreichs, Mit dem Glockengeläut seiner Pfarrkirche in den frühen Morgenstunden des 16. September 1810 rief Hidalgo zum Aufstand gegen die spanische Kolonialherrschaft auf. Er schrie dabei: “Es lebe die Muttergottes von Guadalupe! Nieder mit der schlechten Regierung!” Das Fass war überlaufen: es ging um Aufhebung der Sklaverei, um soziale Gerechtigkeit und um politische Freiheit, d.h. die Unabhängigheit von der spanischen Krone.
Rasch fand der bewaffnete Kampf erheblichen Zulauf, insbesondere in der verarmten ländlichen Bevölkerung. Die “Helden, die uns das Vaterland gaben”, insbesondere die Pfarrer Hidalgo und Morelos, (nach ihnen sind zwei Bundesländer benannt) wurden schon nach wenigen Monaten gefangen und hingerichtet. Es folgten ungezählte blutig – grausame regionale Auseinandersetzungen, die etwa einer halben Million Menschen (bei einer Bevölkerungszahl von 11 Millionen) das Leben kostete. Erst nach 11 Jahren (1821) endete dieser Krieg mit der faktischen Unabhängigkeit, wenn auch erst 1836 diese anerkannt wurde. Damit war jedoch nicht ein “neues Vaterland” geschaffen. Das wirtschaftliche und polítische Chaos setzte sich über Jahrzehnte fort. Der Weg, “ein schlimmes Machtsystem zu stürzen” hin zu dem Ziel “ein gerechteres aufbauen” ist lang und dornig!
1910 beispielsweise verfügte rund ein Prozent der Bevölkerung über den Besitz und die Kontrolle von über 90 Prozent des Grundes und Bodens, sicher ein wesentlicher Grund für den Ausbruch einer neuen politisch-gesellschaftlichen Umbruchsphase, die als mexikanische Revolution (1910 – 1920) in die Geschichte einging und über eine Million Opfer forderte, Zuerst und vor allem ging es um “Land und Freiheit”, das ist der Schlachtruf der historischen Zapatistenbewegung, der es insbesondere um eine gerechte Landverteilung ging. Die Erhebung im Herbst 1910 gegen den Langzeitdiktator Porfirio Díaz war der Beginn einer vieljährigen Serie blutiger Kämpfe, die große Teile Mexikos erfassten. Das Land kam erst zur Ruhe mit der Präsidentschaft von Lázaro Cárdenas (1934 – 40), der ernsthaft die Grundprobleme des Landes aufgriff: Nationalisierung der Erdölwirtschaft, um eine Einnahmebasis zu schaffen, Agrarreform mit Enteignung vieler großer Haciendas und ihre Übertragung an die ehemaligen Knechte als Gemeinschaftsbesitz (Ejido), Aufbau eines Bildungs- und Gesundheitssystems u.a.m. Damit wurde zum Teil auch eine echte soziale Revolution verwirklicht.
Was ist heute daraus geworden, nach 200 Jahren (Beginn des Unabhängigkeitskrieges) und dann erneut nach 100 Jahren (Beginn der bewaffneten Revolution)? Gibt es ernsthafte Gründe, so zu feiern, als hätten wir nach sovielem Leid und so vielen Toten in zwei langen Kriegen nun endlich ein “Vaterland”?
Natürlich ist Mexiko heute anders als vor 200 und vor 100 Jahren. Es gab und gibt das rasante Bevölkerungswachstum, weltweit die industrielle Revolution mit einem in Mexiko bedeutenden Ausbau der Infraestruktur, des Wohnbaus und vieler neuer Arbeitsplätze. Dann gibt es in den letzten Jahren die technologisch – kybernetische Revolution, insbesondere sichtbar in der Elektronik (fast jeder hat Handy) und mit einer mehr oder weniger funktionierenden Wahldemokratie. Mehr Wohlstand wird sichtbar, z. B. an den vielen Autos. Und das Wohlempfinden (Glücklichsein) des Bevölkerungsdurchschnitts, so die Umfragen, liegt oberhalb entsprechender Werte in Deutschland. Aber sind damit alle Probleme gelöst?
Die vitalen Probleme eines riesigen Gemeinwesens wie Mexiko haben andere Gesichter bekommen, aber sie sind weit entfernt von einer zufrieden stellenden Realität. Da ich schon in vorherigen Beiträgen das ausfühlicher dargestellt habe, jetzt nur einige kurze Blitzlichter:
Alexander von Humbolt, der 1803, d. h. 7 Jahre vor dem Beginn des Unabhängkeitskrieges, in Mexiko forschte, kam zum Urteil, dass er in all seinen Forschungsreisen nirgends auf der Welt eine Gesellschaft vorgefunden habe, die so markiert sei vom extremen Gegensatz zwischen Wenigen im überbordenen Luxus und den unendlich vielen in extremer Armut. So ist es heute noch: mehr als die Hälfte der Bevölkerung muss unterhalb der Armutsschwelle irgendwie und irgendwo jobben, um das Lebensnotwendige zu verdienen. Neue Formen von Sklaverei nehmen zu, insbesondere mittels der Verschleppung und Ausbeutung von Migranten.
Deshalb wird immer mehr kritisch nachgefragt:
Welche Wirtschaft benötigen wie in Mexiko und weltweit , die für alle qualifizierte Ausbildung, adäquate Arbeit und “einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gewährleistet” (Art 25) . Hierbei handelt es sich um universelle Menschenrechte, festgelegt im 3. Teil der UNO – Charta.
Welche politische Strukturen sind notwendig, die genau dies ermöglichen? Zu vieles ist hier obsolet oder gar verrottet. Wie ist es möglich, von einem Rechtsstaat zu sprechen, wenn bleibend Korruption ein Grundelement der politischen “Kultur” ist? Ein Justizsystem verdient nicht diesen Namen, wenn zwar die Gefängnisse überfüllt sind von den kleinen Leuten, die klauen oder dealen, aber über 95 % (!) der angezeigten Straftaten nicht zur Verurteilung führen. Solche reale Straflosigkeit führt leicht zur Versuchung: Warum nicht bei grossen Betrügereien, bei Geldwäsche von enormen Drogengewinnen oder bei Ermordungen mitmachen, wenn nur weniger als 5 % eine Verurteilung erwartet?!
Jedes Land hat seine eigene Geschichte, die Vieles erklärt über die Ursachen heutiger Dramatik. Die derzeitigen Vorgänge in der arabischen Ländern machen dies offensichtlich.
Die aktuelle spätkapitalistischen Strukturkrise macht zunehmend deutlich, dass wir weltweit gerechte Strukturen benötigen, das zukunftsträchtig ist, d.h. nachhaltig ein menschenwürdiges Leben für alle ermöglicht. Der jetzt über 90 – jährige gebürtige Berliner Stéphane Hessel, Mitautor der Charta der Menschenrechte der UNO in 1948 und derzeit für Viele weltweit “das Gewissen der westlichen Welt” (FAZ) machte Furore mit seinem Aufruf “Empört Euch!”: gewaltloser Widerstand gegen die Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, gegen die Diktatur des Finanzkapitals, gegen die Unterdrückung von Minderheiten, gegen die Umweltzerstörung unf unserem Planeten. Empörung ist ist wichtig und not-wendig, denn sie ist Ausdruck vitaler Verletzungen in ungezählten Menschenherzen in sozialer Vernetzung. Nun legt er nach: “Engagiert Euch!” Eine komplexer gewordene Welt, so Hessel, erfordert komplexe Strategien: “Widerstand darf aber nicht nur im Kopf passieren. Wir müssen handeln, und zwar mit den Mitteln der Demokratie. Dazu gehören die Beteiligung an Protesten, internationale Zusammenarbeit sowie persönliches Engagement im Kleinen. Aber vor allem brauchen wir eines: den Glauben daran, dass unser ziviles Engagement die Welt verändern kann”.
Unser Planet, ein “Vaterland für alle”, besteht aus seiner Fülle von miteinander vernetzten gleichberechtigten “Vaterländern”! Ohne nationalistische Gefühle! Ein solches Leitbild sich zu erträumen, über schlimme Mißstände sich zu empören und sich zu engagieren für eine gerechte Zukunft: Darin liegen die wirklichen Gründe zu feiern. Wir brauchen ein Fest des “Vaterlandes”, das die bessere Zukunft schon einen Moment erlebbar macht und für das Engagement Mut macht.
Wenn die Menschenrechte mobil machen
Wenn die Menschenrechte mobil machen
Copyright: Christian Modehn
-Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 26.8.2011-
Von einer Welle der Gewalt wurden einige Städte Englands erschüttert. Junge Leute ließen sich in maßloser Wut zu zerstörerischem Hass hinreißen. Unter den Randalierern sind zweifellos viele Kriminelle, sie werden bestraft. Auch Jugendliche aus „gutem Haus“ haben besinnungslos geplündert und geklaut. „Aber dieser Aufstand war auch ein sozialer Aufstand“, sagt der Sozialarbeiter Konstantin Argeitis. Er kennt die „Szene“ in den „Problemvierteln“ von Manchester genau. „Wir holen uns zurück, was man uns genommen hat“, hört er immer wieder. „Die Krawalle sind eine direkte Folge der neoliberalen Regierung Camerons“, betont auch der in London lehrende Soziologe Richard Sennett, „viele soziale Leistungen für junge Leute wurden gestrichen. Und die Ursachen liegen für mich darin, dass diese Regierung die Zivilgesellschaft und die zivilen Institutionen zerstört hat“.
Die Demokratie muss grundlegend verändert, wenn nicht neu begründet werden: In allen Teilen Europas werden diese Stimmen laut. In Spanien z.B. agieren viele tausend „Indignados“,„Empörte“, ohne Gewalt, aber voller Energie: Sie versammeln sich seit 4 Monaten ständig zu öffentlichen Debatten auf den großen Plätzen. Mitte Juni demonstrierten Hunderttausende in Madrid gegen die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union mit der Forderung: „Es kommt auf die Achtung der Grundrechte an, auf Wohnung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Beteiligung für jeden. Wir fordern eine freie Entwicklung der Persönlichkeit“. In Athen, Lissabon und Paris solidarisieren sich Tausende, eine neue politische Bewegung außerhalb der etablierten Parteien entsteht. Diese Aktivisten beziehen ihre Power aus einem eher abstrakt formulierten Dokument, der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948. In Artikel 22 heißt es: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit … in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind“.
Diese abstrakten Formulierungen inspirieren heute zu der Frage: Warum soll es nicht in absehbarer Zeit das Menschenrecht auf demokratische Kontrolle der Finanzmärkte geben mit der Einführung eine Finanztransaktionssteuer? Neue Menschenrechte können prinzipiell „entdeckt“ und formuliert werden. Immer schon wurden Menschenrechte „geboren“, wenn Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Für den Philosophen Francois Jullien (Paris) sind der „basale Aufschrei“ und der „Protest gegen das Untragbare“ entscheidend. Es waren die Schrecken der Nazi – Barbarei und des Weltkrieges, die zur Menschenrechtserklärung der UNO 1948 führten. Seitdem gilt absolut: Jeder Mensch hat eine unverletzbare Würde, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Alle Wesen, die Menschenantlitz tragen, sind Menschen.
Im 18. Jahrhundert waren es die Bürger und der niedere Klerus, die nicht länger die maßlosen Privilegien der Könige und den Hunger der Bevölkerung hinnehmen wollten. Aus einer Protest -Bewegung entstand die Französische Revolution. Und aus demselben Geist wurde im August 1789, gut einen Monat nach dem „Sturm auf die Bastille“, die damals sensationelle „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ verabschiedet. Ausdrücklich wurde – zeitlos gültig – betont, „dass die Unkenntnis und die Missachtung der Menschenrechte die alleinigen Ursachen für die öffentlichen Missstände und die Verderbtheit der Regierungen sind“. Die neue politische Ordnung muss respektieren, dass jeder Mensch als Mensch unantastbare Rechte hat: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“ (Artikel 1). Das Zeitung „Journal de la Ville“ (Paris) schrieb wenige Tage nach dieser „Déclaration“: „Zum ersten Mal erlebt die Welt, wie ein aufgeklärtes Volk die Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts in die Menschenrechtserklärung hineinschreibt und in seinen Beratungen fünfzig Jahre Philosophie mit der Forderung Freiheit für alle zusammenfasst“.
Tatsächlich haben Philosophen der englischen und französischen Aufklärung (Hobbes, Locke, Rousseau, Diderot) mit ihrer Kritik an der gesetzlosen Unordnung des Absolutismus die Idee der Menschenrechte in der öffentlichen Debatte gefördert. Sie hatten Vorbilder, vor allem die Philosophen der Stoa: “Niemand ist vornehmer als andere“, schreibt Seneca (1 bis 65 n.Chr.), und er betont: „Dies sei eine klare Vernunfterkenntis“. Denn alle Menschen haben als Menschen an der „vernünftigen Weltseele“ (dem Ursprung) teil; deswegen haben alle auch gleiche Würde und gleiche Rechte. Darum wehren sich Stoiker auch gegen die Sklaverei. Die Philosophie der Menschenrechte hat durch Immanuel Kant (1724 – 1804) ihre grundlegende Prägung erhalten: Für ihn ist es unbestreitbare Erkenntnis der Vernunft, dass jeder Menschen als Zweck für sich selbst anzusehen sei. Deswegen, und nicht wegen religiöser Überzeugungen, hat jeder Mensch absoluten Wert: Kein Mensch darf bloß als Mittel für egoistische Ziele anderer behandelt werden.
Tatsache ist, dass bis heute „die Menschenrechte“ bestenfalls als ein schönes, aber realpolitisch irrelevantes Dokument angesehen werden. Wenn Staaten Mitglieder UNO werden – fast alle sind es – dann erkennen sie zwar automatisch deren Menschenrechtserklärung an. Aber Amnesty International weist darauf hin, dass es heute in fast allen Staaten schlimme Menschenrechtsverletzungen gibt. Und die UNO muss meist hilflos zusehen. In Straßburg kümmert sich immerhin der „Europäische Gerichtshof für Menschenrechte“ um den Schutz dieses höchsten Gutes.
Etliche Philosophen (wie die Expertin Katharina Ceming) empfinden es in dieser Situation als höchst befremdlich, wenn Philosophen, wie Richard Rorty (1931 – 2007) als „Kulturrelativisten“ die rigorose Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in Frage stellen. Rorty möchte die Menschenrechte aus dem Mitgefühl mit anderen Kulturen praktisch begründen und nur aus dem Einzelfall entwickeln. „Wir sollten unsere Menschenrechtskultur nicht als Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen demonstrieren“, meint er: Nur so könnten europäische Besserwisserei und kultureller Imperialismus verhindert werden. Keine Frage: Westliche Politiker haben ihre eigene Machtpolitik z.B. gegenüber der „Dritten Welt“ mit dem Eintreten für die Menschenrechte kaschiert. Der Kampf gegen die Sandinisten in Nikaragua oder gegen Präsident Allende wurde so begründet, tatsächlich aber waren Antikommunismus und ökonomischer Dominanz entscheidend.
Aber darf der politische Missbrauch zur Relativierung der absolut zu schützenden Würde eines jeden Menschen führen? „Die Alternative zum viel geschmähten kulturellen Imperialismus der Menschenrechte entpuppt sich als Kultur- Rassismus, der das Existenzrecht eines Lebens vom kulturellen Kontext abhängen lässt“, betont Katharina Ceming.
Staaten, die heute strikt die absolute Gültigkeit der Menschenrechtserklärung der UNO von 1948 zurückweisen, kennen Menschenrechts – Traditionen. China beruft sich auf den „Lehrer der Harmonie“ (d.h. der Gehorsamshaltung und Unterwürfigkeit) Konfuzius. Aber das Regime übersieht gern, dass Konfuzius´ Meisterschüler, der hochgeschätzte Menzius bzw. Mengzi ( 370 bis 290 v.Chr.), in seinen Lehrgesprächen betont: „Jeder Mensch hat eine ihm angeborene Würde in sich selbst. Diese Würde wurde jedem Menschen vom „Himmel“ verliehen. Deswegen kann ein Machthaber sie weder gewähren noch nehmen. Jede Herrschaft ist daran gebunden“.
Auch in muslimisch geprägten Kulturen ist die Idee des Respekts vor jedem Menschen verbreitet, wenn auch der Koran nicht als Quelle für moderne Menschenrechte herangezogen werden kann. Immerhin, es gibt eine muslimische Hochschätzung der universal gültigen „Goldenen Regel“, die da heißt: „Tu den anderen nur das an, was dir selbst angetan werden soll“. In einer Sammlung von Hadithen (Interpretationen zu Mohammed) aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“. Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds, sagte: „Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.
Die meisten „Aufständischen“ in Tunis und Kairo im Januar 2011 ließen sich nicht von religiösen Traditionen inspirieren: „Wir wollen Demokratie“, berichtet der weltbekannte syrische Philosoph Sadiq al Azm. „So denkt die junge Generation dort, es ist die bürgerliche Selbstbehauptung gegen die Macht der Regime“. Sadiq al Azm spricht im Blick auf Nordafrika von „einer Transformation der religiösen Haltung“, es geht – endlich – um Selbstbestimmung, also ansatzweise um Menschenrechte.
Dabei weiß er genau, wie umstritten diese Ansätze sind. Die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ von 1990 wurde noch nicht revidiert. Diesem Dokument zufolge können die Rechte und Freiheiten des einzelnen nicht universell gelten, sie sind vielmehr der Scharia unterworfen.
Religiöse Kategorien begrenzen die Geltung der Menschrechte: Dies ist auch die Rechtsauffassung der katholischen Kirche. Wie im Islam wird die „Würde des Menschen“ einzig von Gott hergeleitet. Ohne einen ausdrücklichen Gottes Bezug kann es keine Menschenrechte geben, darin stimmen islamische und römische Texte überein. Gleichlautend wird die Überzeugung verbreitet, „der Mensch könne ohne die Offenbarung Gottes nicht den besten Weg des Lebens beschreiten“. Diese Lehre kann aber nur Menschen überzeugen, die bereits an Gott glauben. In ihrer inneren Verfasstheit haben die universalen Menschenrechte nicht das letzte Wort. Der „Codex“, das offizielle Gesetzbuch von 1983, bietet viele Beispiele. Wenn Gläubige von der zuständigen Autorität vor Gericht gezogen werden, haben sie auch „Anrecht auf ein Urteil, das nach Recht und Billigkeit gefällt wird“, so § 221, 3. Von Verteidigung und unabhängigen Richtern ist keine Rede. Denn „der kirchlichen Autorität steht es zu, die Ausübung der Rechte, die den Gläubigen eigen sind, zu regeln“, § 223, 2. Der Begriff „Demokratie“ kommt im offiziellen Katechismus von 1993 nicht vor. Demokratie und Menschenrechte sind Produkte der Vernunft. Aber der menschlichen Erkenntnis misstraut die Kirche entschieden. Führung und Gehorsam sollen gelten, nicht Autonomie und Freiheit. Es ist bekannt, dass die Päpste unmittelbar nach der amerikanischen und der französischen Menschenrechtserklärung, also ab 1791, in langen Hasstiraden diese „schlimmsten Übel“ verurteilten. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde diese Polemik aufgegeben Aber nun behauptet die Kirche, an der Bildung der Menschenrechte beteiligt gewesen zu sein… Wenn heute Laien und Priester politisch zugunsten der Menschenrechte eintreten, etwa in Lateinamerika und Afrika, bleibt bei aller Anerkennung ihres Engagements die Frage: Wie können sie die Menschenrechte als politisch absolut richtig und gottgewollt vertreten, wenn sie in der eigenen Kirche nicht gelten? Wie kann die Kirche ernsthaft behaupten, die Menschenrechte hätten nichts mit der angeblich göttlichen Ordnung der Kirche zu tun? Wie viel Machtideologie ist da immer noch lebendig? Wie lange nehmen Katholiken diese Situation hin?
Die universalen Menschenrechte, als lebendiger Prozess verstanden, werden erst dann weltweit praktisch von sehr vielen Menschen respektiert werden, wenn politische Willkürregime verschwinden und religiöse Führer die Grenzen ihrer Kompetenz anerkennen. Aber: Das Wichtigste ist getan! Die Menschenrechtserklärung der UNO wird niemand mehr aus den Herzen der Menschen vertreiben können.
Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin
Ein Freund des Opus Dei zu Gast in Berlin
— dieser Beitrag gehört zu unserer Rubrik „Religionskritik“ —
Von unseren Mitarbeitern in Venezuela erreichen uns einige Informationen zu einem Bischof, der am Gottesdienst anlässlich der offiziellen Einführung des neuen Berliner Erzbischofs Rainer Maria Woelki (27. August) teilnahm. Er wird auf der offiziellen Teilnehmer Liste erwähnt. Auffällig ist die theologisch wie politisch extrem konservative Mentalität des Bischofs aus Venezuela.
Erzbischof Ovido Perez Morales (geb 1932) ist seit 7 Jahren emeritiert. Er war für das Erzbistum Maracaibo von 1992 bis 1999 verantwortlich, danach bis 2004 (Ruhestand) war er Bischof von Los Teques bei Caracas, immer mit dem Titel Erzbischof. Er hatte zahlreiche Leitungsfunktionen in der venezolanischen Kirche inne.
Über die Jahre in Maracaibo hat der Journalist Gaston Guisandes Lopez eine reich dokumentierte Studie verfasst mit dem Titel „El Arzobispo“. Der Autor ist Herausgeber der Zeitung „Que pasa“ in Maracaibo. In dem Buch wird die äußerst rigide „Herrschaft“ von Perez Morales in Maracaibo dokumentiert . Wir bieten ein Zitat aus einer Buchbesprechung auf Spanisch: „Sustentado sólidamente por documentos debidamente confirmados en su autenticidad e información cierta e irrebatible, Guisandes López recoge de manera pormenorizada hechos, situaciones y personajes que, como lo califica el autor, “fraguaron y protagonizaron el peor escándalo vivido por la Iglesia Católica venezolana” durante la gestión de monseñor Ovidio Pérez Morales como jefe de la Arquidiócesis de Maracaibo“.
Weiter wird berichtet, wie der Bischof auf eine Kirche traf, die zuvor durchaus harmonisch lebte, kulturell sehr lebendig durch den Priester Gustavo Ocando Yamarte, „er versuchte, mit Musik, Thetaer und Bildender Kunst das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen aus armen Verhältnissen zu verbessern“, so der Jesuit Jose del Rey Fajardo. Berichtet wird, wie der neue Bischof einige Verwandte auf hohe Posten setzte; wie es zur Spaltung im Klerus kam, wie der Rektor des Priesterseminars zurücktrat, wie die Kirche „in gute und böse“ geteilt wurde. Siehe auch: http://www.vive.gob.ve/imprimir.php?id_not=4684
Die Situation muss für alle Beteiligten so unerträglich gewesen sein, dass Bischof Perez Morales 1999 in ein anderes Bistum wechselte, wechseln musste. Ein nicht gerade häufiger Vorgang in der katholischen Hierarchie.
Interessant ist, dass der Gast aus Venezuela bei der Bischofsweihe von Herrn Woelki mehrfach dokumentierte Verbindungen zum Opus Dei in Venezuela hatte. Zum Beispiel: Im Jahr 2007 (also schon als emeritierter Bischof und damit ohne offizielle Repräsentationsverpflichtungen eines aktiven Bischofs, sondern offenbar aus purer Sympathie) nahm er einer Feier anlässlich des 25. Gründungstages der „Personalprälatur Opus Dei“ in Caracas teil, schon 1992 war er bei Opus Dei Feier zur Seligsprechung des Opus Dei Gründers J. Escrivá in Caracas dabei. Dass Erzbischof Perez Morales seit Jahren ein heftiger Gegner von Staatspräsident Chavez ist, wundert nicht.
Beobachter meinen, Bischof Perez Morales sei sozusagen der halboffizielle Opus Dei Vertreter bei der Amtseinführung Woelkis gewesen.
