Adieu – zur Philosophie des Abschiednehmens

Adieu

Leben ist Abschiednehmen

Von Christian Modehn

Vor kurzem erhielt ich eine ungewöhnliche Einladung: „Herzlich willkommen zur Abschiedsparty! Viele Grüße von Anne und Richard“. Als ich dann, etwas verspätet, eintraf, plauderten die Gäste im Wohnzimmer, es war leer geräumt. Etwa 20 Bücherkartons standen in der Mitte, waren eine Art Buffet für Gläser und Tassen. Anne wandte sich an ihre Gäste: „Wir ziehen also um. Morgen geht’s los. Wir beide wollen nur noch halbtags arbeiten. Eine große Wohnung können wir uns nicht mehr leisten. Darum die Abschiedsparty, von euch … und von der Wohnung“.

Die beiden führten uns in die anderen Zimmer. „Hier, am Fenster, habe ich meine Magisterarbeit geschrieben“, sagte Anne. „Dort das Schlafzimmer “, meinte Richard schmunzelnd, „es war unser aller liebster Raum“. Zwischendurch berührten die beiden noch einmal die Wände und die Fenster, fast so, als streichelten sie ihre alte Wohnung. Dann machten sie jede Tür zu, fest entschlossen, diese Räume nicht mehr zu betreten. Wir Gäste schauten ein wenig verwundert. Aber Anne rief uns zu: „Seid ihr etwa traurig? Richard und ich freuen uns, wir sind glücklich über einen Neubeginn.“

Ein wenig irritiert verließ ich das Haus: Die beiden hatten sich von einem Abschnitt ihres Lebens mit einem kleinen Ritual verabschiedet. So wurde ihnen das Fortgehen erträglicher. Normalerweise überspielen wir das Abschiednehmen. Wie viele  „Tschüß“ und „Auf Wiedersehen“ sagen wir täglich. Meinen wir es ernst? Wir verdrängen gern, dass die herzliche Umarmung von einer guten Freundin oder einem lieben Kollegen vielleicht die letzte sein kann, für sie …oder auch für mich.

Ich hatte das Glück, in der Kindheit und Jugendzeit fast täglich ein kleines Abschiedsritual zu erleben. Meine Mutter war fest überzeugt: Ihren Kindern tue es gut, wenn sie uns vom Balkon aus nachwinkt. So drehte ich mich winkend um, auf dem Weg zur Schule oder auch nachmittags unterwegs zum Spielen oder Einkaufen. Das Winken war Tradition geworden, aber es war keine leere Geste, sondern Ausdruck der Verbundenheit. „Das Winken, diese sanfte Handbewegung, überwindet noch mal den Abstand“, sagte meine Mutter. „Wenn zwei Hände sich noch suchen und berühren wollen, entsteht eine Bewegtheit, etwas Lebendiges. Aber sofort müssen wir es akzeptieren, dass wir uns schließlich aus den Augen verlieren. Wir müssen unseren Weg weitergehen, allein oder mit anderen.“.

Seit einigen Jahren befassen sich Philosophen mit dem Abschiednehmen. Wilhelm Weischedel z.B. hat in seinem Buch „Skeptische Ethik“ den Begriff der „Abschiedlichkeit“ geprägt. „In dieser Haltung können wir uns von selbst distanzieren. Wir klammern uns nicht an einen Moment des Lebens. „Der abschiedlich lebende Mensch wird sein Herz und seine Vernunft nicht endgültig an das hängen, woran er sich bindet“, schreibt Wilhelm Weischedel.

Voraussetzung ist: Wir müssen denkend und meditierend einüben, dass das Leben ein Weg ist, und den kann es ohne Neubeginn gar nicht geben, sondern nur mit Brüchen und Umbrüchen, mit dem ständigen Weitergehen.

Mit dieser oft verdrängten Erkenntnis beginnt eine „abschiedliche“ Lebensphilosophie. Wer den Abschied in sein Leben integriert, hütet sich davor, allzu zu sehr zu „klammern“. Loslassen ist entscheidend, und diese Haltung können wir praktisch einüben: Volkshochschulen z.B. bieten spezielle Gesprächskreise zum Abschiednehmen an. In einer „Projektbeschreibung“ heißt es: „Mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben beginnt eine neue Lebensphase. In einer ganz auf Aktivität und Arbeit fixierten Welt ist der Ruhestand oft verpönt. Wer abrupt aus der Arbeitswelt ins Rentnerdasein entlassen wird, ist oft in seinem seelischen Gleichgewicht erschüttert. Wer bewusst und langsam Abschied nimmt, erlebt nicht diese Erschütterungen“.  Ja Sagen zum Wandel, zu neuen Lebensphasen, zu Aufbrüchen, das spendet Energie.

Manchmal sind wir irritiert, wenn wir nach Jahren alte Bekannte unverhofft wieder treffen und feststellen müssen: Der Rolf oder die Ingrid sind immer noch so starrsinnig und festgefahren wie früher. Fast als Bonmot gilt inzwischen ein Satz aus den „Geschichten vom Herrn Keuner“ von Bertold Brecht: „Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh! sagte Herr K. und erbleichte“.

Bertold Brecht war überzeugt: Menschliches Leben gibt es nur als Veränderung. Wer sich an eine bestimmte Lebensphase klammert, hat Angst vor dem Unbekannten, im letzten auch Angst vor dem definitiven Abschied, dem eigenen Tod. Es ist die Ungewissheit: Werde ich definitiv verschwinden, in ein Nichts stürzen oder gibt es etwas Bleibendes, was die Tradition „Ewigkeit“ oder „bei Gott sein“ nennt.  Beweise für die eine oder andere Meinung gibt es nicht. Aber die Erfahrung könnte weiterhelfen, dass wir in unserem Alltag meist unbewusst von einem Grundvertrauen in die Wirklichkeit leben. Wir glauben, dass es besser ist, die Wahrheit zu sagen als zu lügen, dass es besser ist gut als böse zu sein. Trotz vieler Enttäuschungen und Katastrophen halten wir daran, dass wir der Wirklichkeit im ganzen vertrauensvoll begegnen können, trotz widriger Zustände in der Welt gibt es eine letzte Geborgenheit. In dem „trotz allem“ zeigt sich doch eine Stärke menschlichen Geistes. Trägt uns die geistige Wirklichkeit auch über den Tod hinaus? Wer kann das grundsätzlich ablehnen?

Philosophen der Abschiedlichkeit drängen allerdings darauf,  sich nicht in diese Spekulationen zu verlieren, sondern die vielen kleinen Abschiede bewusst und achtsam wahrzunehmen, zu bedenken und im eigenen Herzen zuzulassen. Kinder sind froh, wenn sie nach dem Abitur nicht mehr unter der Aufsicht der Eltern leben müssen und endlich eine eigene Wohnung haben. Wenn Verliebte zusammen leben wollen, erleben sie Abschied von zuhause als Befreiung in die Selbständigkeit. Selbst der Umzug in ein Haus betreuten Wohnens im Alter kann als Befreiung erlebt werden, vorausgesetzt, man entschließt sich noch als „jüngerer Rentner“ und nicht erst als Schwerkranker für diesen Neubeginn.

Religiöse Traditionen empfehlen zudem, den Abschied mitten im Alltag regelmäßig auch rituell zu gestalten. Im Sabbat, also am Freitagabend, verabschieden Juden ausdrücklich die vergangene Woche mit ihrer Mühe und Last. In der Sabbat Feier zu Hause zündet die Mutter Kerzen an und begrüßt mit diesem Ritus den Sabbat als einen neuen, einen „ganz anderen“ Tag. Auch in der Synagoge verabschieden sich die Gläubigen von der alten Arbeitszeit und  heißen den Tag der Ruhe wie eine „Braut“ willkommen:

„Auf, mein Freund, der Braut entgegen,

Das Angesicht des Sabbat wollen wir begrüßen.

Auf mein Freund, der Braut entgegen,

Die Königin Sabbat wollen wir begrüßen“.

Rabbi Shlomo Alkabez hat diese Worte im 17. Jahrhundert geschrieben, Worte, mit denen die Gläubigen am Sabbat für ein paar Stunden die alte Welt hinter sich lassen, die Arbeit und Plackerei, die Gier nach Erfolg und Geltung. Ist es  nur ein Traum, dass dieses Fest „der neuen Welt“  „auf ewig“ Bestand haben sollte?

Wer den Tod, den definitiven Abschied, mitten in sein eigenes Leben einbezieht, muss nicht in eine Angststarre geraten. Von Kurt Marti, dem weltweit geschätzten Dichter und Theologen in Bern, berichten seine Freunde: Kurt Marti habe jetzt als 90 Jähriger tatsächlich losgelassen und sich aus dem früheren Leben verabschiedet. Seine schöne Wohnung hat er aufgegeben und sich in einem Heim für alte Menschen sozusagen ein „leeres Zuhause“ geschaffen. Wer ihn besucht, findet tatsächlich neben dem Bett nur einen Sessel. In der Mitte steht ein Tisch mit zwei Stühlen, in einem Regal sind nur noch wenige Bücher. Kurt Marti, der Bücherliebhaber und Schriftsteller, nennt diese wenigen verbliebenen Gegenstände, sein „Gepäck“, von dem er sich leicht verabschieden kann, wenn das Leben zu Ende geht. In diesem Abschieds Zimmer hat er vor kurzem ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Heilige Vergänglichkeit“. Darin heißt es:

„Erwünscht wäre im Alter wahrscheinlich: Heitere Resignation. Noch besser ist allerdings – womöglich dankbare – Bejahung unserer Vergänglichkeit. Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb: Heilige Vergänglichkeit“.

Die Vergänglichkeit kann Kurt Marti, der Christ und Theologe, „heilig“ nennen, weil sie von Gott so gewollt ist: Wir sind als endliche Wesen mit einer begrenzten Lebensdauer für eine unvollkommene Welt von Gott geschaffen. Das ist eine Grundüberzeugung christlicher Spiritualität. Was wäre denn auch die Alternative? Die Vorstellung etwa, wir bräuchten als Unsterbliche uns niemals von unserer Existenz zu verabschieden, könnten also ewig leben auf Erden: Da würde man jede Entscheidung auf ewig verschieben, ohne Entscheidung aber gibt es keine Freiheit. Unsterblichkeit auf Erden: Das wäre zutiefst unmenschlich.

Darum bleibt die Frage entscheidend: In welcher Weise und in welcher Stimmung, können sich Menschen würdig verabschieden? Die christliche Religion hat darauf eine provozierende Antwort: Jesus von Nazareth hatte noch die Kraft, einen Tag vor seinem Leiden, den definitiven Abschied im Kreis seiner Freunde zu feiern, also in Ruhe zu speisen und Wein zu trinken. Die Bilder vom Letzten Abendmahl, etwa das Gemälde Leonardo da Vincis, sind weithin bekannt. Jesus hat sich hier die Gelassenheit bewahrt in tiefster Erschütterung, im Angesicht der bevorstehenden Verurteilung, nicht völlig verloren zu sein. Selbst sterbend am Kreuz betete er noch einen Psalm.

Aber wer kann heute seinen eigenen definitiven Abschied wirklich feiern? Sterben nicht die meisten abgeschoben, isoliert, verlassen?  Ich habe in Holland schwerstkranke Menschen erlebt, die im Kreis ihrer Familie und manchmal in Anwesenheit eines Pfarrers im Rahmen der frei gewählten Sterbehilfe würdig Abschied nehmen konnten. Letzte Küsse, letzte Worte, ein Lächeln. Ein „Adieu“. Wer das miterleben konnte, scheut sich vor übereilten Urteilen und Vorurteilen über die gelegentlich angewandte aktive Sterbehilfe…

Aber darüber hinaus gilt: Diese Gelassenheit, in schweren Stunden zuversichtlich „das endgültige Adieu“ zu sagen, verstehen viele Menschen als Geschenk göttlichen Energie. Der Briefwechsel zwischen James Graf Moltke mit seiner Frau Freya ist dafür ein Zeugnis. James Moltke, der Widersacher der Nazis, wartet im Gefängnis Berlin – Tegel auf sein Todesurteil. Beinahe täglich konnten die  Liebenden einander schreiben und so ihre Verbundenheit ein wenig spürbar werden lassen. Als dann das definitive Ende für ihren Gatten nahte, schrieb Freya Moltke: „Ich verlasse dich nicht, denn meine Gefühle und alles, was lieben kann in mir, gehört ja Dir“.

Eine Philosophie des Abschieds wird keine treffenderen Worte finden: Trotz der definitiven Trennung blieben wir im Geist verbunden, im Geist der Liebe. Denn „die Liebe währet ewiglich“, sagen die Weisen aller Religionen.

Dieser Beitrag erschien am 5. November 2011 in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM,

copyright: christian modehn

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Poesie und Selbsterkenntnis – Das „Bittgebet“. Ra­dio­sen­dung HR 2

Orte der Transzendenz – Charles Taylor wird 80

Orte der Transzendenz: Der Philosoph Charles Taylor (Montréal, Kanada)

Anläßlich seines 80. Geburstatags am 5. November

Er ist einer der vielseitigsten Philosophen der Gegenwart: Charles Taylor hat viele Jahre als Professor für Philosophie und Politologie an der Mc Gill University von Montreál gearbeitet. Hermeneutik, Anthropologie, Sprachphilosophie, Sozialphilosophie sind einige seiner Themen, abgesehen vom praktischen Engagement in der Provinz Québec, neu die Laizität des Staates und damit das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen und Religionen vernünftig zu gestalten (siehe dazu auf Deutsch sein neues Buch „Laizität und Gewissensfreiheit“, Suhrkamp). Taylor hat den berühmten Hegelpreis 1997 erhalten, sowie den „japanischen Nobelpreis“, den Kyoto-Preis, im Jahr 2008. Wir weisen darauf hin, dass der beste Kenner der Taylorschen Philosophie der in Jena lehrende Soziologe Hartmut Rosa ist.

Das besondere Interesse Taylors gilt der Frage, wie Religion heute begründet werden kann, angesichts der Tatsache, dass die westliche Kultur von der Säkularität, also der Immanenz und der Weltlichkeit, bestimmt ist.

Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon können nur einige Denkanstöße Taylors zur Diskussion weiter gegeben werden.

Taylor erinnert an grundlegende historische Entwicklungen:

1. Wir leben heute in einer “entzauberten Welt“. Der Glaube ist weithin verschwunden, dass etwa Naturgewalten mit kirchlich – religiösen Riten und Gesten besänftigt werden können (etwa das Läuten der Glocken bei Unwetter – zur Besänftigung Gottes – ist praktisch ganz verschwunden).

2. Es setzt sich immer mehr die Überzeugung durch, dass menschliche Existenz ausschließlich immanent verstanden werden soll. Bei der Bestimmung des Begriffes des Guten wird mit „auf jeden Transzendenzbezug verzichtet“.

3. Anstelle des Kosmos wird heute das unendliche Universum erlebt. Aber da passiert nach Taylor etwas Merkwürdiges: Auch Ungläubige „kommen nicht umhin, eine tiefe Demut und Verwunderung angesichts dessen zu empfinden, das uns so über alles Maß übersteigt“ (zit. in einem Beitrag Taylors für die Zeitschrift „Information Philosophie“, Juni 2003, S 12). Nur evangelikale Fundamentalisten und „eingefleischte Materialisten“, so Taylor, sehen in dem Universum nichts Geheimnisvolles; die einen, weil sie alles biblisch erklären, die anderen, weil sie alles naturwissenschaftlich in den Griff zu bekommen meinen.

4. Wir leben, so Taylor, in einer Kultur der Gottesfinsternis. „Die Transzendenz ist aus dem öffentlichen Feld geschlagen“ (ebd., S. 14). Aber es hat keinen Sinn, das „Rad der Zeit“ zurückzudrehen. Die alte „Christenheit“ als machtvolles System kann nicht wiederhergestellt werden, das gilt vor allem im Blick auf die katholischen Traditionalisten. Wir sollen sehen, was jenseits der Gottesfinsternis für Möglichkeiten des Denkens liegen.  Taylor verweist auf die radikale Liebe zum Nächsten, „eine Liebe, zu der wir nur durch Gottes Gnade fähig sind“.

5. Die Musik, die Poesie und die Malerei hat uns neue Möglichkeiten gezeigt, die Wege in die Transzendenzerfahrung weisen.

6. Es gibt offenbar eine strikte Kontinuität im Denken Taylors. Religionsphilosophisch ist diese Dimension in der Frage nach Orten der Transzendenz fundiert. Dabei sieht der Philosoph, der sich als Katholik bezeichnet, auch die vielen Fehler, die vonseiten der Kirchen und ihrer Institutionen begangen wurden und werden. Er prognostiziert einen weiteren Exodus aus der katholischen Kirche aufgrund des rigiden Lehramtes und der moralischen rigorosen Gebote, die der Klerus, der diese verordnet, selbst oft nicht respektiert. Dann werden die Menschen wohl frei, eine vernünftige Form von Spiritualität selbst zu suchen und zu leben,  an neuen Orten der Transzendenz.

7. Zur jüngsten Veröffentllichung Taylors in deutscher Sprache über die Laizität: Darin trtt er für eine offene Laizität ein, er unterstützt den kulturellen, also den nicht- konfessionellen Unterricht über Religionen an öffentlichen und privaten Schulen, wie er in Québec eingeführt wurde, für Kinder wie für Jugendliche. Außerhalb des verbindlichen und gemeinsamen Lehrplanes können nur Privatschulen weiterhin einen konfessionellen Religionsunterricht anbieten.

Entscheidend ist für den Philosophen, das Zusammenleben in einer pluralistischen Gesellschaft auf diese Weise zu fördern.

8. Zentral ist für Charles Taylor die Gleichbehandlung der Religionen, auch der nicht-religiösen Gemeinschaften, in einer pluralistischen Gesellschaft.

Das Thema: Neue Orte der Transzendenz wird das Motto unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons im Jahr 2012 sein.

Die wichtigsten Publikationen von Charles Taylor in deutscher Sprache:

– Ein säkulares Zeitalter, 2007, dt. Ausgabe 2009.

– Die Formen des Religiösen in der Gegenwart, 2001

– Wie viel Gemeinschaft braucht die Demokratie? Politische Aufsätze, 2001

– Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, 1994, dt. 1996

– Das Unbehagen an der Moderne, 1995,

– Negative Freiheit? Zur Kritik des neuzeitlichen Individualismus, 1992,

– Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, 1992,

– Hegel, 1978 und 1983

– Erklärung und Interpretation in den Wissenschaften vom Menschen, 1976

 


 

 

 

 

 

Der Kampf um Befreiung – und die Theologie

Neue Herausforderungen und Perspektiven für die Befreiungstheologie

Von Alfons Vietmeier, Mexiko – Stadt, Mitte Oktober 2011

Alfons Vietmeier lebt seit vielen Jahren in Mexiko, er beobachtet als Theologe die religiöse, soziale und polische Entwicklung in Mexiko und Lateinamerika. Als Gastautor schreibt er in der Rubrik „Der andere Blick“ über Themen, die sich im Zusammenhang von Befreiung und Unterdrückung stellen. Der religionsphilosophische Salon ist der philosophischen Aufklärung – und der Kritik der Religionen – verplichtet, deswegen haben Alfons Vietmeiers kritische Berichte zur Gegenwart Lateinamerikas ihren wichtigen Platz.

“Befreiende Hoffnung und Theologie”, so stand es groß auf der Leinwand im Versammlungszelt der Veranstaltung  “Theologische Tage” in Mexiko. Über 200 engagierte Christinnen und Christen waren Anfang Oktober dreieinhalb Tage zusammengekommen, um – endlich, so sagte eine ältere Teilnehmerin – die Impulse der lateinamerikaischen Befreiungstheologie im heutigen Kontext noch einmal grundlegend neu zu buchstabieren und zu “dynamisieren”, wie es hieß.

Es war kein akademischer Kongress. Natürlich haben auch einige akademisch in Sozialwissenschaften und Religionswissenschaft Arbeitende teilgenommen, aber Mexiko hat fast keine universitäre Theologie, wegen der historisch gewachsenen scharfen Trennung von Kirche und Staat. Einstiegsreferate als persönliches Zeugnis haben eingebracht Enrique Dussel, seit vielen Jahren in Mexiko  lebender Historiker und Philosoph, und María Pilar Aquino, in den USA lehrende mexikanische Theologin. Es war auch kein Dialogforum mit Representanten  aus Kirche, Gesellschaft und Politik. Wohl gab es ein öffentliches Forum im überfüllten Auditorium der Menschrechtskommision über “Menschrechte und Friedensarbeit”, mit Zeugnissen des Koordinierungsteam der neuen mexikanischen Friedensbewegung, alle sind  engagierte Christinnen und Christen.  Das hatte Resonanz in den Medien, wobei man sehen muss: Das öffentliche, “mediale”  Kirchenbild ist fixiert auf amtskirchliche Äußerungen!

Es war ein seit Jahren immer erneut gefordertes und endlich gelungenes (Wieder-) Treffen der befreiungsttheologisch Motivierten im gesellschaflichen und kirchlichen Feld: sicher eine Minderheit, die sich jedoch bewegt. Wichtig war ein kreatives Miteinander dreier Generationen. Es brachten sich viele ältere “AktivistInnen” ein, insbesondere Ordensschwestern und Priester progressiver Provenienz, erfahren in ungezählten Auseinandersetzungen innerkirchlicher und außerkirchlicher Art, wenn sie sich bemühten die “Option für die Armen” und für eine gerechte Gesellschaft konkret, “vor Ort”, zu gestalten. Dann war dabei die Generation der 30- bis 50 Jährigen. Viele haben in den letzten 20 Jahren sogenannte “Zivilorganisationen” geschaffen, haben dort ihr Christsein gestaltet, weil das innerkirchliche Milieu zu erstickend für sie wurde. Und – das ist besonders erfreulich – war eine erstaunlich grosse Gruppe junger Leute unter 30 Jahren dabei, die  sich “frisch und munter”, möchte man sagen, in die Diskussionen einbrachten. Für Mexiko absolut neu war eine ökumenische Orientierung und zugleich ihre organisative Vernetzung mit einem progressiven Spektrum freikirchlicher Organisationen, insbesondere baptistischer, methodistischer und presbyterianischer Herkunft. Diese und andere prostestanische Kirchen haben in Mexiko – Stadt ein gemeinsames Aus- und Fortbildungsseminar; dort war auch der Tagungsort. Prägend war insbesondere die Teilnahme von Schlüsselleuten der mittlerer Führungsebene in Kirchen und Zivilgesellschaft, d.h. Multiplikadoren mit der Fähigkeit, sozialwissenschaflich und zugleich theologisch zu denken und zudem mit realem Einfluss in Prozessen vor Ort. Das brachte immer wieder frische Luft in den Erfahrungsaustausch und deren Vertiefung.

Das vitale, vieles umgreifende Thema war: “Gewalt und Spiritualität für den Frieden”. Befreiung geschieht immer im konkreten Kontext und dieser ist derzeit in Mexiko die schreckliche Realität von wachsender Gewalt und gleichzeitig ist der Schrei nach Gewaltlosigkeit, nach Frieden – Schalom, immer deutlicher zu vernehmen. Das Thema wurde vertieft in sechs Arbeitsforen: Ökonomie, Ökologie, Migration, Menschenrechte, Bürgerbeteiligung und kirchliche Praxis. Schon diese Auffächerung zeigt, wo es derzeit brennt und wo man sich bemüht um eine christlich befreiende Praxis und eine entsprechende theologische Vertiefung.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat ihre 40 – jährige Geschichte: Katholischerseits formulierte sie 1971 der Peruaner Gustavo Gutiérrez in seinem Buch “Theologie der Befreiung” , so wurde der Titel dieser neuen weltweiten theologischen Orientierung verbreitet. Seitens des Protestantismus hatte der Brasilianer Rubem Alves schon 1968 theologisch am Thema gearbeitet über “Theologie der menschlichen Hoffnung als Befreiung”.

Damals waren  autoritäre Regime, fast ausnahmslos von Militärdiktaturen, der gesellschaftliche Kontext in Lateinamerka. Davon galt es sich zu befreien. Das beinhaltete den Sturz der Diktaturen und das kostete auch ungezählte Opfer, Christen ließen ihr Leben, sie werden als Martyrer verehrt. Der kirchlich wohl bekannteste Martyrer ist Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador in Zentralamerika.

Aber leben wir seit dem Ende dieser grausigen Miilitärdiktaturen etwa im “gelobten Land” der formalen Demokratien und deshalb in Gerechtigkeit und Frieden?

Im bewährten befreiungstheologisch  – methodischen Dreischritt “Sehen – Urteilen – Handeln” ging es zuerst um eine kritische Bestandsaufnahme und Analyse der derzeitigen und zu erwartenden und zu befürchtenden gesellschaftlichen Grundprobleme. Es gibt mehr Verarmte als vor 10 Jahren (siehe den neuen Welthungerbericht der UNO), diese Verarmten, arm gemachten Menschen, haben konkrete Gesichter und Leidensgeschichten. Das Ökosystem geht kaputt (grossflächige Abholzungen, zerstörerische Ausbeutung der Bodenschätze etc.). Die ländliche Räume bluten bevölkerungsmäßig weiter aus (Mais-, Kaffee- und andere Agrarrohstoffe werden an den Börsen hochspekuliert; die Gewinne bleiben im Agrobusiness). Das ist ein zentraler Grund für die Migration in die Megastädte (die chaotisch wachsen, sich mit Konsumtempeln füllen, wo alles mit immer mehr Pump finanziert wird und damit neue Elendsformen sich ergeben). Es gibt die Migration in den “Norden”, in die USA, dort sind die Latinos ohne Papiere wehrlos der Diskriminierung ausgesetzt. Aber auch dort ist Krise, z.B. in der Bauwirtschaft oder in der Hotelbranche: also Handlanger, Zimmermädchen und Kellner “raus”, heißt dort das Motto. Also zurück nach Mexiko! Und dort? Kanonenfutter der Drogenkartelle?! “Menschenrechte” verkommen dabei zu frommen Sprüchen und “Demokratie” wird zu einer leeren Worthülse, denn die wahre Macht haben einige Wenige , die minutenschnell mit Billionen “Wertpapiere” weltweit spekulieren, verzocken und vor allem ruinieren. Ein Teufelskreis wird sichtbar, zuerst einmal in konkreten Geschichten von Angehörigen und Bekannten in den eigenen Regionen.

Eine Systemkrise des “neoliberaler Spätkapitalismus” wird immer deutlicher: Ein sich immer schneller um Gewinnmaximierung drehendes Teufelsrad schmeisst immer mehr aus dem halbwegs menschlichen Leben “raus”: Riesige Bevölkerungsmehrheiten und nun auch ganze Länder. “Wir stecken im Sumpf.  Alle milliardenschwere Umschuldungen und Rettungsschirme sind wie der Versuch von Münchhausen, sich an den eigenen Haaren  aus dem Sumpf herauszuziehen!” merkte ein Teilnehmer an. Eine Teilnehmerin zitierte daraufhin Einstein: “Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind!” Und unter viel Zustimmung sagte sie energisch:  “Hier sind wir als Cristen eingefordert, Bekehrung voranzubringen in Gedanken, Worten und Werken! Schon Paulus ermahnte: Gleicht Euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt Euch!” Die Reflexion konzentrierte sich auf das, was “Wandel” konkret beinhaltet: er beginnt im eigenen Leben und in den Nahbeziehungen (= In Basisgemeinden und solidarischen Kollektiven schon praktizieren, was wir “nach aussen” als Gesellschaftsveränderung fordern.)  Zudem und zugleich beinhaltet der Wandel auch Vernetzung mit gesellschaftsverändernden Initiativen und deren Agenda.

Christsein ist befreiende Botschaft und befreiende Praxis. Diese ist natürlich verwoben mit Ökologie und Ökonomie, mit Migration, Menschenrechte und Bürgerbeteiligung. Gott ist nicht ausserhalb der realen Lebens mit ihrer Nöten und Hoffnungen. Dies ist keine Kopfgeburt einiger Theologen, sondern vitale Notwendigkeit der unter Sklaverei, Ausbeutung und Willkürherrschaft Leidenden. Diese Menschen sind weiterhin in vielen Teilen der Welt die absolute Bevölkerungsmehrheit.

Deshalb ist es auch für alle Religionen notwendig, klar zu sagen,wo konkret ihr Gott beheimatet ist: bei den Mächtigen oder bei den Ohnmächtigen? Gott verkörpert im ägyptischen Pharao? Nein! Jahwe hörte den Schrei der Sklaven und begleitete sie auf dem Weg der Befreiung! Gott verkörpert im römischen Kaiser? Nein, sagten die Christinnen und Christen, auch wenn es ungezählte Martyrer kostete. Macht darf nicht vergöttlicht werden. Gott selbst ist ein armer Machtloser geworden In Jesus von Nazareth. Wegen seiner Parteilichkeit (vgl. die Bergpredigt und sein Durchbrechen von Systemregeln) ist er selbst Opfer geworden. Ostern ist das neue Leben, trotz allem…  Von unten, von und mit den Verarmten und Opfern, wächst die andere Art von Sinn und Zukunft als Gerechtigkeit für alle!

Das seit etwa 20 Jahren sich immer mehr verschärfende “Gesetz der totalen Gewinnmaximierung” als Systemregel und Grundstruktur wirtschaftlichen Handeln ist Götzendienst. “En god we truth” steht auf der Dollarnote: “Nein, an diesen Götzen glauben wir nicht, davon müssen wir uns befreien!”, war einhellige Meinung. Christsein ist in seiner Essenz antikapitalistisch: “Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Geld!”, sagte Jesus und praktizierte einen anderen, den solidarischen Weg. “Alle teilten untereinander was sie hatten und alle wurden satt”, so bei der Brotvermehrung., einer Geschichte aus dem Leben Jesu von Nazareth.

Die bei den “Theologische Tagen” Versammelten sahen genau hier die neuen Herausforderungen für “die befreiende Hoffnung und Theologie”. Ähnliche Treffen fanden in den letzten Monaten in anderen Regionen Lateinamerikas statt oder werden noch stattfinden. Das mündet im Oktober 2012 in einen lateinamerikanischen Kongress in Brasilien. “Die Befreiungstheologie ist nicht tot!”, unterstrich die Sprechergruppe  der Begegnungstage. “Die Herausforderungen sind heutzutage anders als vor 40 Jahren. Viele der damaligen Theologen sind alt geworden oder leben nicht mehr. Wir haben eine neue Generation, die befreiungstheologisch denkt und kämpft. Sie ist aktiv im solidarischen Teil unserer Kirchen, in Basisgemeinden und auch in  Bürgerinitiativen zugunsten der Zivillgeschaft, es gibt neue Vernetzungen, daraus erwächst eine neue Spiritualítät mit einer neuern  Agenda. Wir finden sie in fast allen Regionen Mexikos und über die Grenzen hinaus.”

Worum geht es in der neuen Agenda? Da ist zuerst und vor allem eine neue “Öko – Theologie”, die Ökologie, Ökonomie und Ökosysteme als integrales Ganze und göttliche Gabe begreift, daraus werden ökumenische Projekte: Befreiung von Ausbeutung der Natur und der Menschen, einfach Leben und gesund Leben und das in solidarischer Vernetzung (solidarische Wirtschaft). Das schließt ein, mit der Logik zu brechen von “Alles auf Pump” mittels Kreditkarten und dann mit lebenslanger Verschuldung. Deshalb gilt es, vor allem ein kritisches Konsumbewußstsein zu entwickeln, das sich emanzipert vom manipulierenden Marketing. So wie Drogenabhängige nicht mit gut gemeinten Ratschlägen, sondern nur einen Entziehungtherapie (“Entgiftung”) sich von dieser Abhängigkeit befreien können, benötigt auch ist unsere Konsum – (Kredit-, IPod-, Tabletten- etc.) Sucht viele Selbsterfahrungsgruppen, die diese “Entziehungskuren” einüben (“anders besser Leben”), wir brauchen therapeutische Begleitung. So wachsen und vernetzen sich immer mehr “Alternativ – Zellen”, die sich wiederum einsetzen für eine psycho – sozial gesundere Gesellschaft, die ihre plurikulturelle Vielfalt als Bereicherung annimmt und deshalb jegliche Diskriminierung  (aus sexuellen, rassischen, kulturellen, religiösen u.a. Gründen) überwindet. Das benötigt neue Sprach-, Aktions- und Organisationsformen, insbesondere in Vernetzung mit und inmitten der Vielfalt der Zivilgesellschaft.

Perspektiven und motivierte Leute sind da. Nun gilt es weiter machen.

 

 

Für eine neue „Männlichkeit“ in Lateinamerika

Für eine neue Männlichkeit
Respekt für homosexuelle Männer. Erfahrungen im zentralamerikanischen El Salvador

Der religionsphilosophische Salon ist den bleibenden Werten der philosophischen Aufklärung verpflichtet. Dazu gehört immer das Eintreten für die Rechte von Minderheiten. Insofern ist der religionsphilosophische Salon immer politisch im Sinne der Befreiung.
Anlässlich des Welttages zugunsten des „COMING OUT“ am 11. Oktober (dieser Coming Out Welttag wurde von dem us – amerikanischen Psychologen Robert Eichberg 1988 ins Leben gerufen) freuen wir uns, einen Bericht zu veröffentlichen über den mühevollen Kampf, in einer von Macho Mentalitäten geprägten lateinamerikanischen Gesellschaft für die Gleichberechtigung von Homosexuellen einzutreten.
Den Beitrag verdanken wir der Christlichen Initaitive Romero in Münster (weitere Informationen siehe unten).

Trotz angeblich wachsender medialer und politischer Akzeptanz von Homosexuellen ist und bleibt Homophobie (Feindseligkeit oder Hass gegenüber Schwulen und Lesben) in El Salvador und ganz Mittelamerika ein alltägliches Problem und nimmt in gezielten Ermordungen Homosexueller oder Transvestiten auch immer wieder bestialische Züge an. Eine Ursachenforschung und Zustandsbeschreibung

In den meisten Ländern der westlichen Welt erinnert man mit dem Christopher Street Day an die öffentliche Revolte einer Gruppe Homosexueller und einiger Lesben am 27. Juni 1969, die sich im New Yorker Viertel Greenwich Village Gewalt und Razzien der Polizei widersetzten. Dieses Ereignis wird als Grundstein der Homosexuellen Bewegung im Westen angesehen. Als Teilnehmer diverser Märsche in Chile, Argentinien, Brasilien und El Salvador, als Fernsehzuschauer und Internetnutzer habe ich den Eindruck, dass die Forderungen der lateinamerikanischen Homosexuellen Bewegung seit ihren Anfängen immer mehr an Kraft verlieren. Mittlerweile gleichen ihre Forderungen oft denen der Feministinnen und der indigenen Minderheiten, den Forderungen nach mehr Gerechtigkeit in den kapitalistischen Wirtschaftsmodellen und ihrer neoliberalen Ausrichtung und den Forderungen der gesamten LGBTI*-Bewegung. Sie schlagen sich in oberflächlichen Sprüchen wie „Eine andere Welt ist möglich“ und „Wir wollen Gleichheit“ nieder.

El Salvador: Ziel für die Einen, Fluchtgrund für Andere
Meine Gespräche mit Schwulen, lesbischen Freundinnen und Transfrauen in El Salvador und Region haben mir geholfen, zu erkennen, dass die Homophobie untereinander einen starken Einfluss auf die gesamte mittelamerikanische LGBTI-Bewegung hat. Die Abgrenzung von Schwulen gegenüber Lesben und Transpersonen** wurde durch die Dominanz der Schwulen und durch die Frauenfeindlichkeit innerhalb der schwulen Gemeinschaften verursacht. Dies betrachte ich als sehr problematischen Aspekt.
Zudem fällt auf, dass es in den meisten größeren Städten der westlichen Welt so genannte Schwulenviertel gibt, geographisch und wirtschaftlich abgegrenzte Bereiche für Nicht-Heterosexuelle. Diese Viertel finden sich eins-zu-eins in den Ländern Mittelamerikas wieder. Marktwirtschaftliche Strategie ist es, wesentlich mehr Vergnügungsorte, wie Bars, Diskotheken, Saunas, Bekleidungsgeschäfte, Parfümerien und Themen-Cafés, für den schwulen Mann als für die lesbische Frau oder für Transpersonen anzubieten. Dies entspricht der typisch patriarchalischen Sichtweise, die den Mann mehr dem öffentlichen und die Frau mehr dem privaten Bereich zuordnet.

Der Handel mit den Identitäten

In El Salvador besteht zunehmend die Möglichkeit, seine schwule Identität über Angebote des Marktes sichtbar zu machen, sich eine bestimmte Ästhetik und eine entpolitisierte Ethik anzueignen. Diese Entwicklung macht es den Politikern und den Medien leichter, Toleranz gegenüber Homosexuellen zu propagieren. In den sexuellen Identitäten eine Geschäftschance zu sehen, hat zweifellos zu einem Handel mit den Identitäten und deren Strukturierung geführt, basierend auf den finanziellen Möglichkeiten des Einzelnen – ganz nach dem Motto „Wenn Du schwul sein willst, brauchst Du Geld, um so zu sein und so zu erscheinen“. Nur mit dem nötigen Kleingeld kann man die Orte aufsuchen, wo man Erfahrungen in Bezug auf Zusammenleben, Liebe und Paarbeziehungen mit Gleichgesinnten austauschen kann. Dieser Handel mit sexuellen Identitäten stellt für mich eine weitere problematische Entwicklung dar.

Die Logik des weltweiten Kapitalismus hat dazu gedient, die politischen Forderungen der Homosexuellen abzuschwächen und einen gewissen schwulen Lebensstil, ein politisches und marktwirtschaftliches Funktionieren der schwulen Identität zu fördern. Sie hat dazu geführt, dass die Kritik der Homosexuellen an der vorherrschenden Heteronormativität (gesellschaftliches System, in dem die Sexualität zwischen Mann und Frau als soziale Norm gilt) immer leiser wird. Zudem hat sie eine Randgruppe aus Personen geschaffen, die aus ethisch-politischen oder finanziellen Gründen von dieser exklusiven Szene ausgeschlossen sind. Die Ausgeschlossenen erfahren die stärkste Benachteiligung und sind Opfer der sichtbarsten Diskriminierung, der gewaltsamsten Homophobie und der brutalsten Ermordungen. Besonders Transvestiten haben immer wieder unter der geballten Raserei der salvadorianischen machistisch-motivierten Gewalt zu leiden.

Homophobie (inkl. Lesbophobie und Transphobie) in El Salvador richtet sich nicht gegen schwule Weiße oder schwule Mestizen aus der Mittel- oder Oberschicht, die studiert haben und die vor allem die von der Gesellschaft als männlich klassifizierten äußeren Merkmale zeigen, sondern immer gegen Minderheiten wie weibische Homosexuelle aus der Unterschicht ohne Zugang zu Bildung, Kultur und sozialer Mobilität. Je größer die Verletzbarkeit der Diskriminierten, desto stärker der Grad der Homophobie. Die Frauenfeindlichkeit und der Hass auf etwas Weibliches im männlichen Körper sind der Grund für die schrecklichen Misshandlungen, die viele Transpersonen und Homosexuelle in El Salvadors Städten das Leben gekostet haben.

Es ist von größter Notwendigkeit, die aktuelle salvadorianische „Politik der (angeblichen) Toleranz“ und die von ihr festgelegte Ordnung und Rolleneinteilung der Geschlechter kritisch zu hinterfragen und zu durchbrechen. Die Politik, die mittlerweile eine bestimmte homosexuelle Identität in separaten Schwulenvierteln toleriert, ändert nichts an der mangelhaften Sexualkunde an Schulen und Universitäten, am Fehlen eines Antidiskriminierungsgesetzes oder an der Praxis, Leute zu entlassen, deren Aussehen nicht den Heteronormen entspricht. Sowohl das vorherrschende patriarchalische Gesellschaftsbild als auch die politisch-strategische Struktur El Salvadors, welche sexuelle Unterschiede immer noch bewusst als exotische Ausnahme einordnet und somit wahre Toleranz verhindert, muss verändert werden.■

* LGBTI ist eine englische Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans und Intersex (dt. Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transpersonen und Intersexuelle).
** Der Ausdruck Transpersonen fasst im Text unterschiedliche Geschlechteridentitäten zusammen, so Transsexuelle, Transgender und Transvestiten.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel „Die Abscheu vor dem Weiblichen im Mann“ in dem empfehlenswerten Heft 3 / 2011 „presente“ der „Christlichen Initiative Romero“ in Münster.

Zum Autor:
Héctor Guillermo Núñez, geboren in Chile, ist homosexuell, lebt seit 2008 in El Salvador und arbeitet bei der CIR-Partnerorganisation Centro Bartolomé de las Casas (CBC) im Bereich der Männerarbeit zur Vorbeugung geschlechtsspezifischer Gewalt.

Übersetzung: Joana Eink (CIR)

Wer das Projekt für eine neue Männlichkeit des “Centro Bartolomé de las Casas” (=CBC) unterstützen will: Spenden sind willkommen und werden über die “Christliche Initiative Romero (CIR)” in Münster nach El Salvador weiter geleitet unter dem Stichwort „CBC“

Spendenkonto:
Konto 3 11 22 00
DKM Darlehnskasse Münster
BLZ 400 602 65
IBAN DE67 4006 0265 0003 1122 00

Der Religionsphilosophische Salon Berlin dankt herzlich der Christlichen Initiative Oscar Romero in Münster für die Möglichkeit der “Weitergabe” des Beitrags auf dieser website.

Die Christliche Initiative Romero hat diese empfehlenswerte website:

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Island: Faszinierend, befremdlich, inspirierend. Interview mit der Island Spezialistin Marie Krüger, Berlin

Island – faszinierend, befremdlich, inspirierend
Christian Modehn im Interview mit der Islandexpertin Marie Krüger, Berlin- Reykjavik

In der Zeitschrift PUBLIK FORUM erschien am 23. 9. 2011 ein Interview mit der Island Spezialistin Marie Krüger. Sie hat jetzt ihr empfehlenswertes Buch veröffentlicht: „Island“ – Ein Länderporträt“, Christoph Links Verlag, Berlin. Wer in Island das Land und die Menschen hinter der Landschaft sucht, sollte mit Marie Krüger auf diese literarische Entdeckungsreise gehen. Das Buch kostet 16.90 EURO. |
in PUBLIK Forum konnte (aus Platzgründen) nur eine Kurzfassung des Interviews erscheinen, hier die ausführliche Fassung.

Wie sind Sie mit Island in Kontakt gekommen?
Ich wurde in (Ost-) Berlin geboren und habe hier auch Abitur gemacht. Außerdem habe ich als Schülerin ein Stockholmer Gymnasium besucht und mit dem schwedischen Abitur verlassen. Ich studiere Skandinavistik, Deutsch als Fremdsprache und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und war auch an der Universität Islands als Stipendiatin des DAAD. Derzeit arbeite ich als Schwedischlehrerin, Fremdenführerin, Übersetzerin und Kellnerin in Berlin und Reykjavík. In meinen Stadtspaziergängen mit vor allem nordeuropäischen Touristen spielt die deutsche Teilung eine große Rolle. Dieses Thema ist für mich mindestens genauso bedeutend wie Island.

Sie fühlen sich mit Island verbunden?
Ich habe in meinem Studium von Anfang an den Schwerpunkt auf Island gelegt, einfach weil ich es aus einer wissenschaftlichen Perspektive von den fünf nordischen Ländern am interessantesten finde. Seine Geschichte ist einzigartig genauso wie seine Natur. Außerdem glaube ich, dass man aufgrund der Insellage und der Übersichtlichkeit der Bevölkerung hier Entwicklungen eher und genauer nachvollziehen kann als anderswo. Ich bin also kein klassischer „Islandfreund“, weil ich nicht über Urlaubsreisen oder die Islandpferde zu Island gefunden habe. Als ich im Jahr 2000 das erste Mal dorthin kam, war das zum Zwecke eines Praktikums. Ich habe mich von Anfang an dem isländischen Alltag ausgesetzt und das Land erst dann nach und nach durch Reisen entdeckt. Ich hatte nie diesen Moment, den viele Touristen erleben, wenn sie von Island vollkommen überwältigt sind. Vielmehr hatte ich von Anfang an ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Land – eben zwischen meinem „wissenschaftlichen“ Interesse, mit dem eine ständige Kritikbereitschaft einhergeht, und meinen persönlichen Begegnungen mit „Land und Leuten“. Meine Neugier ist bis heute nicht gestillt und ich habe eben viele Freunde dort, weshalb ich noch immer so oft nach Island fahre.

Was fasziniert Sie an Island?
Ich habe die Sprache – streng genommen – vor allem an der Uni in Berlin gelernt. Ich hatte einfach exzellente Lehrer und konnte außerdem von Anfang an ausschließlich Isländisch lernen, da ich mit Schwedisch bereits eine festlandskandinavische Sprache beherrschte. Deshalb hatte ich nicht die „Doppelbelastung“, die Skandinavistikstudenten sonst haben, wenn sie Isländisch nur parallel zu Dänisch, Norwegisch oder Schwedisch, von denen eins Pflicht ist, studieren können. All das und die Tatsache, dass ich schon nach meinem ersten Studienjahr zu einem längeren Islandaufenthalt aufgebrochen bin, haben dazu beigetragen, dass ich die Sprache relativ schnell gelernt habe. Außerdem habe ich immer bei oder mit Isländern gewohnt und viel Zeitung gelesen.

Ab Herbst werden die Tage immer kürzer. Muss man auch die Dunkelheit lieben, um Island zu lieben?

Nicht zwangsläufig, denn die Meisten kommen als Touristen während des Sommers ins Land, wenn die Dunkelheit gerade keine Rolle spielt. Nur Wenige kommen im Winter oder für längere Zeit. Ich komme häufig gerade dann, wenn es besonders dunkel ist, einfach weil ich gern über den Jahreswechsel in Island bin, jedoch nicht, weil ich die Dunkelheit liebe. Ganz im Gegenteil, sie macht Einem das Leben schon schwer. Ich habe irgendwie gelernt, mit ihr umzugehen, einfach weil ich das während meines Studienjahres musste. Damals achtete ich darauf, in den Stunden des Tageslichts möglichst keine Lehrveranstaltung besuchen zu müssen, um diese Zeit draußen zu verbringen. Oft ging ich mittags ins Schwimmbad oder eine Runde um den Stadtteich spazieren, um möglichst viel Tageslicht abzukriegen. Nichtsdestotrotz brauchte ich von November bis März mindestens neun Stunden Schlaf pro Nacht. Ich hatte einfach deutlich weniger Energie, und das ist auch heute so.
Viele meiner isländischen Freunde schwören darauf, gleich nach dem Aufstehen an die frische Luft zu gehen, um in Gang zu kommen. Andere schlafen im Winter fast gar nicht, weil sie den Unterschied zwischen Tag und Nacht kaum spüren. Ich kenne eine Deutsche, die vor vielen Jahren nach Island ausgewandert ist und sich in ihrem dritten Jahr einen Zusatzjob als Zeitungszustellerin gesucht hat, um morgens zeitig rauszumüssen. Ihr hat das gut getan.
Als mich deutsche Freunde über Weihnachten in Reykjavík besuchten, musste ich sie jeden Morgen wecken und schaute immer in verdutzte Gesichter, wenn ich versicherte, dass es bereits zehn Uhr sei, während draußen noch stockfinstere Nacht herrschte… Es gibt also viele Arten, mit der Dunkelheit umzugehen, und jeder muss seinen persönlichen Weg finden. Im Gegensatz zu Deutschland aber muss man sich eben mit diesem Thema auseinandersetzen und schauen, wie man sich arrangiert.

Haben Sie eine „innere Beziehung“ zur Dunkelheit?

Ich ziehe die hellen Sommer klar vor und habe mit der permanenten Helligkeit – wiederum auch im Gegensatz zu einigen meiner isländischen Freunde – kein Problem. Allerdings wäre es auch falsch, die Dunkelheit völlig zu verteufeln. Man wird sich im Herbst, Winter und Frühjahr des Lichtes und seiner Wichtigkeit stärker bewusst, betrachtet es als Schatz, den man für sich nutzen muss. Man gerät weniger unter gesellschaftlichen Druck, der einem ja gern suggeriert, dass Schlafen Zeitverschwendung ist, denn in Island muss man sich nicht rechtfertigen, wenn man eben neun/zehn Stunden pro „Nacht“ braucht. Und dann sind der späte April und der Mai wunderbare Monate, wenn es immer, immer heller wird und irgendwann auch die Natur wieder anfängt, sichtbar zu werden. Wie gesagt: In Island ist das Licht einfach das ganze Jahr über Thema.

Haben Sie mal im Winter in entlegenen Dörfern verbracht? Wie haben Sie Einsamkeit dort erlebt?

Ich habe einmal ein Frühjahr auf Heimaey (Westmännerinseln) verbracht und dort Deutsch unterrichtet, wo allerdings etwa 4100 Menschen leben… Von einem Dorf kann also nicht die Rede sein. Dennoch habe ich dort eine Isolation erlebt, die ich aus Reykjavík nicht kannte. Sie entstand allerdings, weil es oft unglaublich windig war und es mir deshalb sehr schwerfiel, mich zu Aktivitäten aufzuraffen. Schon der Weg zur Schule war an solchen Tagen so anstrengend, dass mir für mehr die Kraft fehlte. In jenem Frühjahr habe ich sehr viel gelesen, war aber gleichzeitig auch genervt von meiner eingeschränkten Mobilität.

Dunkelheit, Ruhe, Schreiben: Gibt es da eine Verbindung zur Tatsache, dass so viele Isländer Schriftsteller sind?

Wenn ich das wüsste… Das geschriebene Wort hat einfach in Island generell eine viel größere Bedeutung als in Deutschland. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die mittelalterliche Überlieferung sehr umfangreich ist. Wir haben aufgrund vieler Umstände einfach heute Zugriff auf eine enorme Anzahl mittelalterlicher Quellen, die außerdem in sich ganz verschieden sind. Wenn man sich, seine Geschichte, ja seine Kultur so weit zurückverfolgen kann, wie es die Isländer können, wird die Schrift an sich zum identitätsstiftenden Moment. Schreiben ist Isländischsein. Hinzu kommt, dass die Gesellschaft durch alle Jahrhunderte hindurch insgesamt egalitärer organisiert war als viele andere in Europa. Dadurch entsteht vielleicht ein Gefühl, dass Literatur immer alle betraf und nicht – wie zum Beispiel im deutschsprachigen Raum – lange Zeit nur eine Elite.
Das Bildungslevel ist in Island erst seit Kurzem so hoch. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Bildung ein Privileg, weshalb ich nicht glaube, dass hier die hauptsächlichen Gründe für die Bibliophilie der Isländer zu suchen ist.
Dahingegen gibt es tatsächlich einige Mediävisten, die in den langen Wintern, in denen die Landwirtschaft brach lag, mit einen Grund für das emsige Schreiben der mittelalterlichen Isländer sehen. Inwieweit das stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich habe ausgerechnet, dass in Island im Jahr 2010 durchschnittlich 1,5 Romane pro Woche erschienen – ohne Kinder- und Jugendliteratur. Wie auch immer die Qualität des einzelnen Werks zu bewerten ist, zeigt diese Zahl zumindest, wieviel Raum und Geld den Texten eingeräumt wird.

In den vielen dunklen Stunden ist das Leben in Reykjavik natürlich lebendig, quirlig?

Das Leben in Reykjavík ist jeden Freitag und Samstagabend quirlig – allerdings nur in der unmittelbaren Innenstadt. Isländer und Touristen feiern dort das ganze Jahr über an jenen Abenden auf einem Gebiet von etwa einem Quadratkilometer in unzähligen Bars, Kneipen und Klubs. Da sind die Lichtverhältnisse völlig egal. Die Theater machen natürlich auch in Reykjavík Sommerpause, so dass in dieser Hinsicht auf jeden Fall mehr im Winter los ist.

Nur 320 000 Einwohner zählt Island. Trotz der Größe des Landes: Die meisten leben in der Stadt, da kennt man sich, man weiß von einander, ist das ein Vorteil?

Das kann man so einfach nicht beantworten. Ich denke, dass eine übersichtliche Gesellschaft viele Vorteile birgt. So funktioniert zum Beispiel die Kommunikation zwischen Volksvertretern und Volk direkter und die Familien übernehmen aufgrund der räumlichen Nähe und ihrer Größe oft Betreuungsaufgaben, die meine Berliner Freunde auf Personal abwälzen müssen.
Auch wenn man erwarten sollte, dass die Isländer vielleicht gerade deshalb eher sorgsam mit ihrer Privatsphäre umgehen, ist das Gegenteil der Fall. Sie nutzen Facebook exzessiv, weisen sich mit einer Kennzahl aus, die das Geburtsdatum enthält, und haben Datenbanken, die relativ sensible Daten einem großen – aber nicht unbeschränkten – Personenkreis zugänglich machen.

Ist es schwer für Sie als „Ausländerin“ in Island Freunde zu finden?

Natürlich bin ich nach wie vor Ausländerin in Island, auch wenn ich Isländisch spreche, zumal ich ja nicht das ganze Jahr dort lebe. Freunde zu finden, war hier für mich nicht einfacher oder schwerer als zum Beispiel in Schweden. Eine gute Freundschaft braucht ihre Zeit und entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Ich habe aber zum Beispiel noch Kontakt zu Menschen, die ich schon während meines ersten Islandaufenthaltes kennengelernt habe. Außerdem habe ich die Isländer grundsätzlich als sehr gastfreundlich erlebt. Auf der anderen Seite konnte ich im Umgang mit Fremden große Unterschiede von Mensch zu Mensch beobachten, aber das ist ja wohl auch in Deutschland so. Ich würde also nicht sagen, dass die Isländer generell verschlossener als die Deutschen sind.

Was sind die Sagas, noch heute gelesen, sind sie für die Leute relevant?
Die Sagas kannte ich schon, bevor ich das erste Mal nach Island kam, weil ich mich bereits als Schülerin für sie interessierte. Deshalb hatte ich viele von ihnen bereits gelesen, bevor ich sie im Rahmen meines Studiums genauer kennen lernte.
Erstmal muss man wissen, dass die Sagaliteratur ein Genre ist, das es so nur im mittelalterlichen Island gab. Sie gehört zu den so genannten genuin-autochthonen Gattungen. Es handelt sich dabei um Texte, die in ungebundener Sprache verfasst wurden und ganz unterschiedliche Themen behandeln können. So gibt es Sagas, die die Lebensgeschichten von Königen oder Geistlichen behandeln. Andere berichten von Begebenheiten, die sich vor der Besiedlung Islands ereigneten. Die Isländer meinen jedoch meistens die so genannten Isländersagas, wenn sie von den Sagas sprechen. Das sind auch die Texte, die jetzt gerade aufwändig neu übersetzt wurden. In ihnen spielen eben Isländer die Hauptrolle – „normale“ Männer und Frauen. Es geht immer um Konflikte, verletzte Ehre, Rache und Blutfehde. Dabei entscheiden die damals geltenden Gesetze und eben ein strenger Ehrenkodex, aber auch das Schicksal als unausweichliche Kraft. Sie spielen in Island und Norwegen und an konkreten Orten, weshalb sie lange Zeit als Texte aufgefasst wurden, die die Wahrheit berichten. Heute weiß man, dass es sich um literarische Texte handelt, denen eventuell reale Begebenheiten und Personen zugrunde liegen. Wo die Grenze zwischen Ereignisgeschichte und Mythos verläuft, können wir heute nicht mehr nachvollziehen.
Die (Isländer)Sagas sind schon die mittelalterlichen Texte, die für die modernen Isländer die größte Rolle spielen. Es geht eben um Menschen, die man auch heute noch irgendwie verstehen kann, und um Orte, die man kennt. Es gibt eigentlich für alle Gegenden Islands Sagas, weshalb sie eine wichtige Rolle für die lokale Identität spielen. Im Osten ist man stolz auf Hrafnkell, der die Hauptrolle in der Hrafnkels saga spielt, während man auf der Halbinsel Snæfelsnes besonders die Saga von Erik dem Roten erzählt.
Für die Isländer ist die Sagaliteratur so wichtig, weil sie im Kontext der gesamteuropäischen mittelalterlichen Literatur einzigartig und besonders ist. Sie ist also ein geeignetes Mittel, um sich von „Anderen“ abzuheben. Deshalb haben sie den Status von Nationalepen. Und dann sind sie ja auch noch ziemlich spannend und vermitteln aufgrund ihrer eher nüchternen Sprache einen Eindruck von Authentizität.
Es stimmt schon, dass sich Isländisch über die etwa 800 Jahre, die es die Sprache jetzt ungefähr gibt, relativ wenig verändert hat. Dennoch müssen die alten Texte schon ediert und zum Beispiel in der Orthografie aufbereitet werden, damit der heutige isländische Leser sie versteht. Und natürlich gibt es Worte und Formulierungen, die heute unverständlich sind. Die Veränderungen sind aber keinesfalls mit denen zu vergleichen, die zum Beispiel das Deutsche durchlaufen hat.

Lesen auch Sie selbst auch die Sagas?
Ich bin neugierig auf die Neuübersetzungen, unter denen sich auch Texte finden, die ich noch nicht kenne. Ich denke aber ehrlich, dass sich die Texte nur für sehr interessierte Leser eignen. Meine deutschen Freunde, die keine Verbindung zu Island haben, finden die Texte krude, unverständlich und deshalb letztlich langweilig, was ich nachvollziehen kann. Mich interessiert eben Island und deshalb auch die Sagaliteratur und vor allem der Umgang der Isländer mit ihnen. Für sie sind die Sagas zweifelsohne ein sehr konkreter Schatz, dessen Bedeutung sich eben aus der Einzigartigkeit und der Islandspezifik speist. Der Bezug zur Gegenwart besteht durchaus, eben weil die Schauplätze so konkret sind.

Es gibt in Island die so genannten „heidnischen Kulte“. Ist das echt? Ist das etwas sehr „Rechtslastiges“?

Erstmal: Über Kulte wissen wir fast nichts. Die mittelalterlichen Quellen überliefern Mythen und eine Kosmogenie, allerdings kaum liturgische Handlungen. Insofern ist eine Rekonstruktion der heidnischen Religion und ihrer Ausübung nicht möglich.
Darum geht es der „Gemeinde der Asengläubigen“ (ásatrúarfélag) aber auch gar nicht. Diese Gemeinde ist zwar in Island die größte nicht-christliche Glaubensgemeinschaft, allerdings stehen hier die Pflege von Traditionen sowie der Eintritt für heidnische Wertevorstellungen wie Toleranz, Ehrlichkeit, Anständigkeit, Eigenverantwortung und Respekt vor Erde und Natur im Mittelpunkt. Man kann dieser Gemeinde beitreten, ohne ein Glaubensbekenntnis oder dergleichen abzulegen. Es ist jedem selbst überlassen, ob und an wen oder was er glaubt. Bezugsgrößen können vielleicht Thor und Odin sein, genauso aber auch das Schicksal, maßvolle Lebensweise, Schutzgeister oder Elfen. Dabei konzentriert sich der Glaube nicht unbedingt auf Götter oder Elfen an sich, sondern auf das, was sie verkörpern und auf die Werte, für die sie stehen.
Aufgrund ihres Status’ als staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaft kann man in Island nach heidnischem Brauch heiraten und beerdigt werden. Diese und andere Zeremonien, zum Beispiel Namensfeste für Neugeborene, nehmen so genannte Goden vor. Das Wort goði ist überliefert und bezeichnete interessanterweise auch im Mittelalter ein Amt, das sowohl religiöse als auch weltliche Dimensionen hatte. Die Goden des ásatrúarfélag schwören bei ihrer Amtseinführung einen Eid, der ebenfalls mittelalterlichen Texten entstammt.
Auf den Treffen der Gemeinde steht das Studium der mythologischen Quellen im Mittelpunkt. Auch die konkreten Aktivitäten der Gemeinde sind Traditionspflege. Sie konzentrieren sich neben einem wöchentlichen Gesprächskreis vor allem auf die Opferfeste zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst, zur Winter- und Sommersonnenwende sowie zum ersten Sommertag. Auf diesen Zusammenkünften werden die entsprechenden Quellen zitiert, bevor überlieferte rituelle Handlungen, wie zum Beispiel das Segnen der Erde mit Met, vorgenommen werden. Danach wird gemeinsam gegessen und getrunken. Außerdem gehen Mitglieder der Gemeinde auch in Schulen, wo sie über heidnische Sitten und Religion berichten.
Ich habe niemals an solchen Treffen teilgenommen.

Und der Glaube an die Feen: Ist das Folklore?

Ich kenne niemanden, der an Elfen, Feen, Trolle oder Zwerge glaubt. Dass in Island Straßen mit Rücksicht auf mögliche Wohnstätten von Elfen gebaut wurden, hat wieder etwas mit Texten zu tun. Es gibt nämlich auch Märchen und Sagen, die in etwa in der Zeit aufgezeichnet wurden, in der die Gebrüder Grimm die Hausmärchen sammelten. In den isländischen Märchen geht es viel um Elfen, Trollweiber und andere Fabelwesen, die wiederum auch oft regional verankert sind. Kommt jetzt ein bestimmtes Gebiet in einem solchen Märchen vor, wird eben beim Bau der Straße auf diesen Ort Rücksicht genommen. Ehrlich gesagt, wurden viele Isländer, die ich nach ihrem Verhältnis zu Elfen befragt habe, richtig sauer, weil sie meinten, dieser Elfenglaube sei ein nerviges Vorurteil, das viele Deutsche von den Isländern haben. Insofern muss diese „Religion“ eher als Folklore und Rücksicht auf lokale Mythen verstanden werden. In Deutschland baut man ja auch keine Schnellstraße über den Hexentanzplatz.

Welchen Stand haben die Kirchen? Ist die lutherische Kirche progressiv?

In Island gibt es eine Volkskirche, deren Stand in der Verfassung festgeschrieben ist. Derzeit sind 247 000 Isländer in der Volkskirche, also etwa drei Viertel der Bevölkerung. Das Verhältnis zur Kirche ist insgesamt jedoch weniger ein meditatives, als vielmehr ein traditionelles, kulturelles. Wenn ich Isländer nach ihrer Einstellung zur Kirche befrage und warum sie ihre Kinder taufen und konfirmieren lassen, verweisen viele darauf, dass das eben so Usus sei. Gleichzeitig bekennen sie sich freimütig dazu, nicht an Gott zu glauben. Irgendwie hat also die Institution die Inhalte abgelöst und geleitet die Isländer nun durch ihr Leben. Ich kenne nur einen Jungen, der eine bürgerliche Konfirmation bei einem Humanistenverband gewählt hat, alle anderen mir bekannten Jugendlichen sind konfirmiert. Auf der anderen Seite geht man nicht mal an Heiligabend in die Kirche, zu der man sich offiziell bekennt. Wie ambivalent die Bedeutung der Kirche ist, zeigt sich auch daran, dass es meines Wissens nur einen einzigen Friedhof in Reykjavík gibt, wo man in nicht-geweihter Erde beerdigt werden kann. Die letzte Ruhe ist also unglaublich eng mit der Kirche verbunden.
Ob und wie progressiv die lutherische Kirche ist, kann ich nicht beurteilen. In jedem Falle können auch homosexuelle Paare in der Kirche heiraten, sofern sie einen Pfarrer finden, der sie traut. Es steht den Geistlichen nämlich frei, ob sie eine Trauung vornehmen würden, oder nicht. Die Mehrheit der Pfarrer hat jedoch bekundet, dass sie gegen eine solche nichts einzuwenden hätte.
Quelle: http://einhjuskaparlog.tumblr.com/page/2

Vielleicht ein Wort: Die ersten „Missionare“ kamen ja recht spät nach Island. Und die Reformation war politisch erzwungen.
Sowohl die Christianisierung als auch die Reformation geschahen unter besonderen Umständen.
Zum Einen ist das Datum der Christianisierung markant, denn die Isländer nahmen im Jahr 1000 durch einen Beschluss des Althings offiziell den christlichen Glauben an. Vorher waren bereits einige Missionare, darunter auch ein „Deutscher“, im Land gewesen und der norwegische König war sehr erpicht darauf, dass Island bekehrt würde. Unter diesem Druck und weil auch schon einige wichtige Thingmänner freiwillig Christen geworden waren, entschied der Vorsteher der Versammlung, dass sich alle taufen lassen sollten. Allerdings legte er auch fest, dass man mit alten Sitten und Bräuchen tolerant verfahren sollte. Die Geistlichen waren fast alle Isländer und in den ersten Jahrhunderten waren die mächtigsten Familien sozusagen im Besitz von Kirchen, die sie bauen ließen. Insofern gab es durch die Christianisierung keinen Bruch in den herkömmlichen Strukturen, sondern einen sanften Übergang. Das wird mit dazu beigetragen haben, dass auch nicht-christliche Inhalte aufgeschrieben wurden, als schließlich mit der Kirche Pergament und Letter nach Island kamen. Es waren de facto Christen, die die Texte aufgeschrieben haben, die heute viele als „heidnisch“ empfinden.
Die Reformation geschah vor allem gegen den Widerstand des einen der zwei Bischöfe. Jón Arason, der letzte katholische Bischof, widersetzte sich den Boten des „neuen“ Glaubens stur – und damit dem dänischen König. Das führte dazu, dass er schließlich zusammen mit seinen Söhnen (!) geköpft wurde. Nach einem running gag der Isländer stammen sie alle von Jón Arason ab. Da Jón der Vater von mindestens sechs Kindern war, die wiederum ebenfalls viele Kinder bekamen, ist es ein leichtes Spiel, mit den Methoden der Kombinatorik die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, dass jeder Isländer ein mehr oder weniger direkter Nachkomme Jóns sei, ja sein muss.
Was die Reformation „angerichtet“ hat, vermag ich nicht zu sagen. Deshalb kann ich mich auch zu Sjóns Urteil über die Heiligenlegenden nicht positionieren. Allerdings haben die Isländer immerhin einen eigenen Schutzheiligen, nämlich den heiligen Þorlákur. Nach ihm ist der Abend vor Heiligabend benannt.

Mit welchen SchriftstellerInnen fühlen Sie sich besonders verbunden?
Ich finde sehr viele isländische Schriftsteller wirklich interessant und toll. Natürlich habe ich Halldór Laxness gelesen und die Bücher von Einar Kárason und Einar Már Guðmundsson, die auch auf Deutsch erschienen sind und sich mit dem Island der 1940er Jahre bis heute beschäftigen. In dieser Zeit hat Island seine rasante Entwicklung zu einer der reichsten Nationen der Erde durchlebt, was beide Herren gut zu erzählen wissen.
Ich liebe die Bücher von Vigdís Grímsdóttir, von denen es nur wenige auf Deutsch gibt, und in denen sehr starke Männer und Frauen vorkommen. Ihr Erzählstil erinnert in vielerlei Hinsicht an lateinamerikanische Erzähler und ihre Figuren berühren einen sehr, und manchmal verstören sie den Leser auch.
Zu einiger Berühmtheit in Deutschland hat es Hallgrímur Helgason gebracht, von dem zahlreiche bitterböse Romane auch bei uns erschienen sind. Sein Humor und Zynismus macht auch vor Vielem, das den Isländern heilig ist, nicht Halt.
Etwas subtiler geht Sjón vor, der vor einiger Zeit die Samuel-Fischer-Gastprofessur am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin innehatte und eine wunderbar zarte, zu Recht preisgekrönte Prosa schreibt.

Wie erleben ihre isländischen Freunde Deutschland, vor allem Berlin?
Es gibt in mehreren deutschen Städten sehr aktive Isländervereine und in Berlin zum Beispiel einen regelmäßigen Stammtisch, zu dem auch deutsche Islandfreunde gehen können. Ich bin da eher selten, habe aber ein paar gute isländische Freunde in Berlin. Sie mögen die Stadt aufgrund ihrer geringen Lebenshaltungskosten und vielen Möglichkeiten, haben aber auch fast alle irgendwie Heimweh nach Island. Eigentlich alle sagen, dass sie früher oder später dorthin zurückkehren möchten. So gesehen lässt Island einen nicht mehr los.

Copyright: Marie Krüger, Berlin.

Welttag der Philosophie

18. November, 19 Uhr, ein besonderer Salonabend anläßlich des Welttages der Philosophie. Cafe „Antikflair“ in Schöneberg. Thema: „Geben wir der Vernunft noch eine Chance ?“

An diesem Abend wird die Philosophin Prof. Petra von Morstein bei uns sein, das freut uns besonders. Sie wird ein einleitendes Statement halten: „Und wozu Denken in dürftiger Zeit: Wie kann Vernunft in der gegenwärtigen Welt wirksam werden?“.

Wir bitten um Anmeldung: christian.modehn@berlin.de   Diesmal bitten wir um einen Beitrag von 5 Euro.

Eine Liste der Veranstaltungen zum Welttag der Philosophie in Deutschland siehe:

http://www.unesco.de/tag_der_philosophie_2011.html