Langeweile – Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen

Langeweile – Eine Chance, sich selbst wahrzunehmen
Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag wurde im Mai 2013 in der Zeitschrift PUBLIK FORUM veröffentlicht. Der Beitrag bleibt anregend, ist nicht veraltet. Denn Langeweile mag sich ja bei vielen mal einstellen in diesen Corona – Zeiten…(Siehe am Ende dieses Beitrags einen Hinweis auf das künstlerische Werk von Edward Hopper).

1.
Ich habe den Zug verpasst. Der nächste wird erst in zwei Stunden fahren. Die Bahnhofskneipe ist geschlossen, sie „lohnt“ sich nicht mehr an der Strecke der »Regionalbahn«. Weit und breit kein Mensch. Die Sonne bringt die Wälder und Wiesen fast zum Glühen. Was kann ich bloß machen, wo ich meine Zeitung schon längst »ausgelesen« habe. Ich gehe auf dem Bahnsteig hin und her, betrachte immer wieder den Fahrplan, als könnte er plötzlich Änderungen verheißen. Dann beginne ich die Kiefern vor mir zu zählen, schaue auf die Gleise, blicke in die Ferne: Wann kommt endlich der Zug? Die Minuten dehnen sich, sie werden zur Qual: Was versäume ich bloß alles zu Hause? Ich fühle mich wie aus dem Leben geschleudert.
2.
Als ich dann endlich im Zug sitze, habe ich schon nach einigen Minuten die beiden Stunden verdrängt; mich interessieren nur noch die nächsten Verabredungen, die Familie, die Arbeit. Das Erlebnis der Langeweile wird schnell aus dem Bewusstsein vertrieben. Denn eine leere Zeit ohne jegliche Aktivität sei nicht lebenswert, das haben wir verinnerlicht. So wird dann sofort die Routine des Alltags fortgesetzt. Die Frage wird nur selten gestellt: Kann Langeweile nicht vielleicht auch ein Segen für uns sein?
3.
Aber wir gehorchen offenbar unerschütterlich den »Dogmen« der Moderne, die da heißen: »Es muss etwas geschehen!« Oder: »Du hast nur Bedeutung, wenn du Beschäftigungen hast.« Langeweile darf kaum besprochen werden, sie gilt in unserer Kultur nicht nur als peinlich, sondern von vornherein als schändlich.
4.
Wenn sich mehrere Menschen, vor allem Männer, auch noch als Gruppe langweilen, kann es gefährlich werden. Kriminologen wissen: Gewalttätigkeiten, Überfälle, Einbrüche und Ähnliches entstehen auch aus dem Gefühl der Orientierungslosigkeit und Unfähigkeit, mit der eigenen freien Zeit etwas Sinnvolles anfangen zu können. Davon ist der Psychologe und Sozialarbeiter Kazim Erdogan überzeugt. Er ist als »türkischstämmiger« Berliner seit etlichen Jahren bemüht, sinnvolle Freizeitaktivitäten besonders für Jugendliche und junge Männer im »Problembezirk« Berlin-Neukölln anzubieten: »Ich höre immer wieder von den jungen Leuten, wenn sie negativ auffallen und gewalttätig werden: Das hat mit meiner Langeweile zu tun. Sie hätten halt nicht gewusst, was sie am Samstag machen, und haben sich dann mit anderen auf der Straße getroffen. Und dann sind wir auf ›komische Ideen‹ gekommen, haben dies und jenes angestellt.“ Kazim Erdogan bietet Alternativen: Er gründet Gruppen und Gesprächskreise, die sich bemühen, die eigenen Lebensfragen einmal in Ruhe zu besprechen, auch die Erfahrung der Langeweile. Wer mit einer leeren Zeit ohne »Action« und »Betrieb« nicht umgehen kann, fragt sich dann notgedrungen, wie man die freie Zeit totschlagen kann: Aber wer die eigene Lebenszeit totschlagen, auslöschen möchte, der verhält sich, wie die Sprache verrät, aggressiv zum Leben, zu seinem eigenen wie dem Leben der anderen.
5.
Schon die Mönche im frühen Mittelalter wussten, dass Langeweile gefährlich werden kann: Wenn die Ordensbrüder ihre Arbeit in den Klostergärten getan hatten und die Zeit des Studiums beendet war, beteten sie zur Mittagszeit nicht ohne Grund den Psalm 91. Einen Vers sangen sie mit besonderer Inbrunst: »Des Herrn Wahrheit ist Schirm und Schild vor der Pest, die im Finstern schleicht und die am Mittag Verderben bringt.« Diese Pest »am Mittag« nannten Mönche den »Mittagsdämon«. Und den hielten sie für den großen Verführer, der den braven Mönchen einredet: »Gönn dir doch mal die Langeweile, sie ist doch nicht so schlimm, du musst nicht immer nur beten und arbeiten.« Aber nein! Das passte wenig in die Klosterordnung, die auf ständige spirituelle Konzentration fixiert war. Zeigte sich Langeweile, musste der Mönch tätig werden. Abt Cassian hatte schon im fünften Jahrhundert eine Empfehlung parat: »In solcher Anfechtung von Langeweile durch den Mittagsdämon besucht der Mönch die anderen Klosterbrüder. Er besucht die Kranken in der Ferne; er legt sich religiöse Pflichten auf; er beschließt, Verwandte wieder zu sehen und die Menschen in der Umgebung zu begrüßen.«
6.
Das weithin unbefragte Motto heißt: Langeweile gilt es zu verdrängen. Auch viele christliche Philosophen halten sich daran, etwa Blaise Pascal (1623-1662). Er hat in seinem noch heute viel zitierten Hauptwerk, den fragmentarisch hinterlassenen »Pensées«, gelehrt: Nichts sei für den Menschen unerträglicher, als ohne Aufgaben zu leben. Dann stelle sich das Gefühl der Verlassenheit ein, Düsternis und Trauer machten sich breit. Es entstehe die Langeweile, und dies sei eine elende Situation, die nur in einem mutigen Sprung in den Glauben überwunden werden kann, meinte der fromme Pascal. Nur Gott befreie von der »furchtbaren« Langeweile. Gleichzeitig kritisiert Pascal aber alle, die nicht glauben wollen, sondern sich im Amüsement »zerstreuen« (Pensée Nr. 131).
7.
Auch die gläubigen Schriftsteller der Romantik verbreiten dann zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre tiefe Verachtung der Langeweile. Der Dichter Ludwig Tieck (1773-1853) schreibt in seinem Roman »William Lovell«: »Langeweile ist gewiss die Qual der Hölle. Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme: So wie ich dasitzen und im Zimmer die Nägel betrachten, auf- und niedergehen, aus dem Fenster sehen, um sich wieder hin zu setzen, um sich auf etwas zu besinnen … und man weiß nicht worauf: Nenn mir eine Pein, die diesem Krebse gleichkäme. Der nach und nach die Zeit verzehrt, wo die Tage so lang und der Stunden so viele sind.«
8.
Aber weder Abt Cassian noch Pascal oder Tieck kamen auf den Gedanken, die Erfahrung der Langeweile als solche erst einmal anzunehmen und in Ruhe anzuschauen. Und dann zu fragen: Könnte es nicht eine sinnvolle Aufgabe sein, dieses Lebensphänomen Langeweile auch einmal ohne Vorurteile gedanklich auszuhalten?
9.
Mit Nachdruck weist die Psychotherapeutin Verena Kast (Zürich) heute darauf hin: »Wir können von der Langeweile ›profitieren‹, also Nutzen ziehen für unser weiteres Leben, wenn es uns gelingt, uns darauf zu konzentrieren und zu sagen: Ja, es spricht uns jetzt gar nichts mehr an, wir erleben die Langeweile. Wenn man das aushält, dann kann auch eine neue Idee auftauchen. Dann merken wir plötzlich, wo eigentlich unsere Interessen wären, was uns von innen her wirklich ansprechen würde. Aber dazu braucht man eben einen Mut zur Langeweile, sie aushalten zu wollen. Und das wissen Menschen verhältnismäßig gut, die kreativ sind. Sie haben vorher etwas geschaffen, haben eine Idee ausgearbeitet. Und dann fällt ihnen zunächst mal nichts ein. Eine Leere entsteht, sie langweilen sich. Aber sie wissen aus Erfahrung: Wenn ich mich auf diese Langeweile konzentriere, sie aushalte, dann wird wieder etwas Neues entstehen.«
10.
Philosophen unterstützen diese Empfehlung. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855) machte da einen Anfang, betont der Theologe Professor Michael Bongard: »Kierkegaard nennt Langeweile ausdrücklich eine Kunst, nämlich die Kunst, sich selbst zu langweilen! Und das ist schon wieder ein bewusster Akt. Die Langeweile ist dann eine Form des Menschseins, die für sich selbst wertvoll ist. Und wenn sie dann auch nur damit gefüllt wird, dass einem spontan Bilder, Ideen, Gedanken kommen, die man für nichts brauchen kann, die einfach aber auch ihre Qualität darin haben, dass sie für mich bereichernd sind.«
11.
Im 20. Jahrhundert ist dann der Philosoph Martin Heidegger noch viel weiter gegangen. Er ist da ganz radikal: Ohne die ausgehaltene und dann auch reflektierte Langeweile kann es kein wahres menschliches Leben geben. Er hat die Langeweile von der so tief sitzenden negativen, unheilvollen Färbung befreit. Vor allem sein Buch »Die Grundbegriffe der Metaphysik« ist in dem Zusammenhang wichtig. In diesem Text wird deutlich, dass Philosophie durchaus helfen kann, das eigene Leben sinnvoller zu gestalten, wenn wir nur nicht die Langeweile verdrängen! Um den schwierigen Text allgemein zugänglich zu »übersetzen«, könnte man sagen, Heidegger legte den Menschen nahe: Nimm die Langeweile als eine wichtige Grundstimmung an. Dabei ist die Achtsamkeit auf die so genannte »tiefe Langeweile« entscheidend, wo du sozusagen tief erschüttert »den Boden unter den Füßen« verlierst. Die tiefe Langeweile findet ihren sprachlichen Ausdruck in der Alltagssprache, etwa in der Formel »Es ist einem langweilig geworden«. Wer so spricht, nimmt sich in der Langeweile gar nicht mehr als »Ich« oder als Person wahr. Der Mensch ist dann nur noch »einer«, also ein anonymes Wesen, dem es da langweilig wird. Der Mensch erlebt, wie die ganze bisherige vertraute Welt »einem entgleitet«, wie sich das bedrängende Gefühl der Sinnlosigkeit breitmacht. Aber gerade an dem Punkt gilt es, die Widerstandsreserven des Denkens zu aktivieren, meint Heidegger. Gerade im tiefsten Moment der Leere und Langeweile, so hat es der Philosoph selbst erlebt, kann der Mensch noch so viel Energie wecken, dass er diese tiefe Langeweile überwinden kann. Der Mensch muss nur in der tiefsten Not der Langeweile die »Wachheit« des Fühlens und Denkens weiter pflegen. »Höre auf das, was die Langeweile zu sagen hat«, heißt Heideggers Aufforderung. Langeweile ist dann nichts »Schlimmes«, im Gegenteil: Im Sinne Heideggers »spricht« die Langeweile, sie sagt, wieder in freier Übersetzung aus dem Buch »Die Grundlagen der Metaphysik«: »Du bist jetzt mit dem Grund deines Lebens, deines Daseins, konfrontiert. Du siehst, wie du in die stetig weiter laufende Zeit hineingestellt bist. Du kannst der Zeit nicht entkommen. Aber du bist ihr nicht hilflos ausgeliefert: Wenn du Langeweile erlebst, mach daraus eine lange Weile, also eine lange Gegenwart. Erfreue dich der Dinge um dich herum. Etwa auf dem Bahnhof: Zähle nicht die Bäume, sondern bedenke das Geschenk der Natur. So kannst du deine Lebenszeit selbst gestalten. Du merkst: Auch meine Zukunft kann ich mir formen, ich bin nicht der Sklave meines Terminkalenders. Du musst nicht ein Leben führen, das andere dir vorschreiben.
ür Heidegger wird die akzeptierte und bedachte Langeweile zur Chance im Leben, wenn er betont: »Es geht um die äußerste Zumutung an den Menschen. Was ist das? Es ist dieses, dass dem Menschen das Dasein (sein eigenes Leben) als solches zugemutet wird, dass ihm aufgegeben ist – da zu sein.« Mit anderen Worten: In der eigentlich belastenden Langeweile wird mir augenblicklich klar, mir ist mein eigenes Leben übergeben, ich habe es selbst zu leben, nur ich sollte der Gestalter meines Lebens sein. Oder wie Heidegger sagt: »Ich habe mein Dasein auf meine Schultern zu werfen«, muss also mein eigenes Leben wie eine Gabe tragen und manchmal auch ertragen, aber immer bin ich es, der mein Leben selbst gestaltet.
12.
Aber der immer weiter fragende Philosoph Heidegger bleibt auch da noch nicht stehen: Wenn ich mein Leben in der tiefsten Not der Langeweile ergreife, dann nehme ich auch den unergründlichen Grund meines Lebens wahr und sehe: Ich bin in diese Welt hineingesetzt, bin aber getragen und umfangen von einem gar nicht greifbaren Geheimnis allen Seins. Der Weg in eine philosophisch zu denkende Welt der Transzendenz eröffnet sich hier, dank einer neuen, radikal positiven Deutung der Langeweile.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
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Ein NACHTRAG: Zu Edward Hopper:
Viele Interpreten der Arbeiten des us – amerikanischen Künstlers Edward Hopper (1882 – 1967) weisen darauf hin, dass seine Gemälde zur us – amerikanischen Lebenswelt (und damit wohl auch der westeuropäischen des 20. Jahrhunderts) das herrschende Lebensgefühl kritisch bearbeiten. Langeweile ist dabei ein häufiges Thema der dargestellten Lebenswelt, etwa die Arbeit „Room in New York“ von 1932. Es „liefert einen voyeuristischen Einblick durch ein Fenster. Im Zimmer sitzt ein Mann auf einem Polstersessel, über eine Zeitung gebeugt. Im rechten Bidrand schlägt eine Frau auf einem Klavier eine Taste an…Hopper hat offensichtlich Degas`Bild „Bouderie“ zum Vorbild genommen, dieses aber umgedeutet. Nicht Missstimmung ist nunmehr der Tenor des Bildes, sondern Langeweile, =ennui=“, so Ivo Kranzfelder in „Edward Hopper“, Taschen Verlag 206, S. 129. Die beiden Personen, nebeneinander und ohne jegliche Verbundenheit, langweilen sich, weil sie ihren eigenen „ennui“ nicht als solchen wahrnehmen, sich also ihrer Langeweile nicht bewußt stellen, sondern im Dämmerzustand des „Zeitvertreibens“ nebeneinander hockend verharren. Erst die bewusste Langeweile kann hilfreich sein.

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Halt finden im Leben

Wo finden wir Halt?

Von Christian Modehn am 17.3.2020
Diese Hinweise gehen auf Gespräche im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 23.3. 2018 zurück. Siehe auch den Beitrag „Lob der Langeweile. Von der leeren Zeit zum Lebenssinn“.

Viele Menschen haben den Eindruck, angesichts schlimmer und bedrohlicher Erfahrungen heute, den seelischen und geistigen HALT zu verlieren: Inmitten der Corona – Pandemie, aber auch in der tatsächlich schon dauerhaften Krise durch kriegerische Aggressionen, nationalen Egoismus, Rechtsextremismus, Ignoranz gegenüber dem Klima oder sozialer Ausgrenzung, bedingt durch die wirklich horrende zu nennende ungleiche Verteilung des Eigentums usw….

Was früher religiös „stützte“ und Halt in aller Not bot, ist heute für viele zerbrochen und entschwunden. Man meint, seelisch und geistig heillos ins Schwanken und Wanken gelangt zu sein.

Die entscheidende Beobachtung ist: Wer nach Halt sucht, meint den „Sinn“. Und diese Suche gehört, möchte ich sagen, zum Wesen des Menschen. So dass jeder Mensch förmlich einen Anspruch hat, für sich selbst nicht nur einen Halt zu suchen, sondern auch zu finden. Selbst der Hungernde denkt noch über sein materielles Überleben hinaus. Er weiß, dass er einen Anspruch hat, in seinem Leben Halt, Sinn, (nicht nur Speise) zu finden. Sondern auch Gerechtigkeit, die erst den umfassenden Halt für ihn bieten könnte.

Die Frage nach dem Haltfinden gehört offenbar zur „Struktur“ des menschlichen Geistes und der Seele.

1.
Eine Alltags – Erfahrung:

Wenn wir menschliches Leben im Alltag als Unterwegssein verstehen und nicht als „Zustand“, sondern als dauerndes Suchen und Sich Orientieren, dann brauchen wir dabei immer auch Halt und Stütze. Und wir deuten diesen Halt, diese Stütze, nicht schon sofort als Fremdbestimmung oder als Einmischung in unser individuell freies Leben: Etwa beim Anstieg oder Abstieg in schmalen Treppen, etwa bei Turmbesteigungen: Da greifen wir nach dem Geländer; brauchen wir stützende, Halt gebende Sicherheit. Oder beim Bergbesteigen, da benötigen wir Stützen, Seilschaften… Leitplanken/Schutzplanken sind auf abschüssigen Autostraßen not-wendig und sehr hilfreich. Wer auf Dauer FREI laufen und FREI leben will, sucht auch Halt. Wer hingegen wie auf einer Schiene läuft – oder auf eine Schiene gesetzt wurde – und so sein Leben förmlich von anderen bestimmen und „leben lässt“, fragt nicht mehr nach einem Halt. Er hat ihn ja „vorgegeben“ und will diesen zwingenden, nicht frei gewählten Halt – aus Angst, Bequemlichkeit – nicht aufgeben. Ein solches „fixiertes“ Leben ist nicht auf der Höhe eines reifen Daseins.

Die Suche nach Halt bestimmt uns dauernd, auch wenn wir uns an „Halte-Stellen“ aufhalten. Aber an Haltestellen verweilt man nur kurzfristig. Aber sie sind Orte für Denk – Pausen.

Die Frage nach Halt ist förmlich eine Ehre für den freien, suchenden, fragenden Menschen. Diese Frage und das Suchen nach Halt sind also nichts Krankhaftes.

2.
Ein Buch von Hannah Arendt hat den Titel „Denken ohne Geländer“.
Diese These hat zur Voraussetzung: Denken schützt sich selbst, weil es sich selbst prüft und alles Gegebene vor „den Richterstuhl der Vernunft bringt“ (Kant) bringt, also auch alles kritisch prüft, was im Denken und durch das Denken als geistiger Halt erreicht werden kann. Denken erzeugt also nicht-materielle, d.h. unsichtbare, geistige Geländer. Das kann die Klarheit im Denken sein, der Respekt für Logik und Differenzierung. Es gilt nur, diese kritische Prüfung und das selbstkritische Fragen beständig zu pflegen. Dann werde ich in einen neuen Denkraum geführt, der sich zu einem neuen weiten Raum des Lebens weitet… und zur Aufgabe bisheriger Stützen und Halte aufgefordert.

3.
Was zeigt sich als Halt, das sich im Denken und Erfahrungen offenbart?
Wir können Halt nur finden bei etwas, das über den momentanen Gebrauch, kurzfristig oder zerbrechlich, hinausreicht. Was also insofern „erhaben“ ist. Ich will damit nicht sagen, dass das, was Halt gibt, immer schon „das Ewige“ ist. Aber es muss auch etwas anderes sein als das Greifbare und Sich – Schnell – wieder Auflösende und Schnell-Verschwindende. Konsumgüter sind meist Wegwerfprodukte, sie bieten keinen dauerhaften Halt. Also, Halt bietet etwas oder jemand, das bzw. der (die) mich für eine gewisse Zeit begleitet, mit mir geht, mit mir lebt, neue Perspektiven von Dauer erschließt. „Woran man sich halten kann“! Das kann auch eine schöne, immer wieder gehörte geliebte Musik sein, ein Kunstwerk, Literatur, Menschen, Freunde. Die uns Halt gebende Gemeinschaft von Menschen, die sich um einen reifen Umgang mit einander bemühen.
Damit ist keineswegs bestritten, dass in Situationen materieller und gesundheitlicher Not, eben das unmittelbar hilfreiche Materielle, etwa Medizin, wieder neuen Halt im Leben gibt. Aber die Frage nach dem dauerhaften Halt, selbst dann, wenn materielle Nöte behoben sind, die bleibt. Und es ist wohl so: Menschen, die diesen geistigen Halt gefunden haben, sind in der Lage, auch in Situationen der Gefahr menschlich zu handeln.
Halt ist für uns eben tatsächlich etwas Bleibendes, das sich als einzelnes Bleibendes natürlich im Laufe der Geschichte unseres Daseins je neu zeigen kann…

4.
Warum erschließen Stimmungen einen Halt im Leben?
Wie ist dann etw die Stimmung der Melancholie?
Es gibt eine lange Geschichte der Melancholie-Forschung, vielleicht zentral schon bei Aristoteles, in den „Problemata physica“. Darin fragt Aristoteles eher rhetorisch: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder in den Künsten als Melancholiker?“ Warum wohl: Weil diese Stimmung der Melancholie über das oberflächliche Dahinleben in die Tiefe des eigenen Daseins führt. Melancholie vermittelt ja immer die Erfahrung, dass ich mit meinem jetzigen Zustand nicht zufrieden bin; dass es anderes gibt als die Gestalt dieses momentanen Lebens. Oft wird dieses andere, bessere Leben in der Vergangenheit gesucht. Oder es wird erträumt in ferner Zukunft. Der Melancholiker kann nicht behaupten: „Dieses Leben ist so, wie es jetzt ist, immer sinnvoll und schön und sollte auch so, wie es jetzt ist, immer bleiben“. Es gibt also einen versteckten, oft impliziten Willen zur Veränderung im Melancholiker, eine Suchbewegung nach einer Wahrheit, die größer sein sollte als die gegenwärtige, bene als unvollvollkommen erlebte Alltags – Wahrheit.
Trauer hingegen ist fixiert auf ein Ereignis, auf einen Verlust etwa eines Menschen. Trauer kann nachlassen, vielleicht verschwinden, weil wir den verlorenen Menschen in einer neuen nichtweltlichen (göttlichen) Wirklichkeit wissend glauben…
Melancholie aber hält an. Sie ist eine oft dem einzelnen gar nicht bewusste, dunkle, manchmal schmerzhafte Beziehung zur Wirklichkeit. Im Unterschied zur Depression als Krankheit bietet Melancholie die Chance, zur tieferen Wirklichkeits- Erfahrung zu kommen. Und damit auch wieder zu einer Lebensfreude… Melancholie ist etwas Gesundes!

5.
Durch die Wahrnehmung unserer Stimmungen werden wir in die Tiefe unseres Daseins geführt. Und können so Halt finden.
Wir sind in Tiefe unseres geistigen und seelischen Erlebens über alle Oberflächlichkeiten des Alltags immer hinausgewiesen. Martin Heidegger hat in seinem Buch „Sein und Zeit“ (1926), dann aber auch in den Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (1929) gezeigt: Stimmungen haben einen offenbarenden, einen erschließenden Charakter, wenn der Mensch die Tiefe seines Daseins ausleuchten und verstehen will. Die Vorlesungen über die „Grundbegriffe der Metaphysik“, sind, geschrieben vor der viel besprochenen philosophischen „Wende“ im Denken Heideggers um 1933, anregende und mitvollziehbare philosophische Vorlesungen. Hier finden sich auch die viel beachteten philosophischen Analysen zur Langeweile.
Wenn wir fragen: Wie gelangt der Mensch, das Dasein, zur tieferen Seins – Erfahrung: Dann ist die überraschende Antwort Heideggers in Sein und Zeit: Durch die Stimmungen: „In den Stimmungen wird das Dasein vor sein Sein (also seine unverfügbare Tiefe) gebracht“. (Heidegger, Sein und Zeit, S. 134).
Stimmungen und Gefühle werden insofern von Heidegger philosophisch aufgewertet. Sie sind „Organe des Erkennens“. Aber Heidegger wehrt sich dagegen, dass nun Philosophie in ihrem Respekt für Stimmungen ins Irrationale der Stimmungs-Begeisterung sich drängen lässt.
Er sagt: Immer ist der Mensch irgendwie gestimmt. Uns prägen immer schon Stimmungen. Sie sind immer meine Befindlichkeit. Besondere Stimmungen überkommen uns, sie stellen sich ein, sie überfallen und beschleichen uns, wie Heidegger sagt. Wir sind nicht Herr dieser Stimmungen. Unsere Selbstbestimmung ist insofern eingeschränkt.

6.
Langeweile ist eine Stimmung, die „man“ durchlebt, wenn eine offene Zeit uns überfällt.
Das ist ein Thema der Vorlesungen „Die Grundbegriffe der Metaphysik“. In der Langeweile werde ich konfrontiert mit der unabwerfbaren Tatsache, dass ich in die Zeit gestellt, förmlich in die Zeit verfügt bin, also in einer Art Zeitlinie unausweichlich bin. Diese Zeit bin ich gewohnt auszufüllen durch allerlei Aktivitäten. Wenn es dann unvorhergesehen Momente gibt, in denen es für mich nichts zu tun, nichts mehr zu machen gibt, dann entsteht eine „Leere“ in mir. Dann falle ich förmlich ins Bodenlose. Ich habe den üblichen Halt, meinen alltäglichen Zeit – Rhythmus verloren. Ich stehe orientierungslos da.
Heidegger meint: Diese Leere, die sich in der Langeweile zeigt, sollte ich nicht überspielen, nicht verdrängen, sondern als Chance nützen, denn sie offenbart mir die Tiefendimensionen meines Daseins! Ich sollte also etwa fragen: Was ist eigentlich Zeit? Was ist „meine Zeit“? Warum will ich bloß immer die gegebene Zeit füllen, „voll stopfen“? Warum möchte ich im Gefühl einer für mich jetzt leeren Zeit diese nun frei für mich angebotene Zeit gleich „totschlagen“. Diese Alltags-Sprache sagte alles, wie ich mich meiner Lebens – Zeit gegenüber selbst als aggressiv verhalte…

7.
In der Stimmung (Melancholie oder Langeweile) kann ich, wenn ich die Stimmung aushalte, also auch reflektiere, in die Tiefe des Daseins geführt werden.
Vielleicht zeigt sich da inmitten der Suche ein Halt: Der Mensch kann sich selbst dann verstehen: Es gibt etwas ihn Übersteigendes, Größeres, Tieferes. Der Mensch ist mit diesem in seinem Geist, in seiner Seele, eng verbunden. Das sind, wie so oft in der Philosophie, hilflose Begriffe, die über das Greifbar – präzise „wissenschaftlich“ Sagbare hinausweisen. Aber Menschen können auf diese Worte und Begriffe für das Unanschauliche, aber Lebenswichtige, nicht verzichten. Tatsache ist auch: Viele haben diesen Sinn für das Nicht – Anschauliche verloren.

Man merkt, wie schwer es ist, das Sein angemessen sprachlich auszudrücken. Dieses Größere ist „im“ Menschen, aber es ist nicht Werk des Menschen. Heidegger spricht vom Sein, das der Mensch versteht und in dem er sich, das Sein verstehend, immer schon bewegt: Das Sein erschließt sich dem Menschen, er „IST“ Da – Sein. Der Mensch ist DA — SEIN. Das Sein ist in ihm „da“. Als Gabe, als das vom Menschen Nicht – Gemachte.
Das Sein ist das nicht Manipulierbare, das Nicht Zu-Umgreifende, also nicht Zu Definierende. Dieses nicht definitorisch exakt Sagbare ist aber das alles Prägende und im Dasein das Stützende. Es offenbart sich in der Stimmung.

Stimmung erkennen und Haltfinden gehören also eng zusammen.

8.
Wenn der Mensch sich auf etwas stützen will, das dauerhaft Halt bietet: Dann ist es genau das Nicht Verfügbare, das Nicht Dinghafte, sondern z. B. „das Sein“.
Religiöse Menschen sprechen von dem ebenfalls niemals dinglich zu verstehenden Gott, dem Göttlichen. Also dem, der im Innern des Menschen, in Geist und Seele, als das Ewige lebt. Oder jener Gott, den die Menschen, sprachlich hilflos, dann doch beim Namen anrufen und nennen, als den großen Gott, der in der Wüste des Lebens … Halt gibt. Als der Ewige, alles Gründende! Mit ihm und in ihm, den göttlichen, nicht dinghaften Gott, finden viele Halt. Als Geborgensein. Als Beschütztsein. Als Getragensein, wie auch immer!
Dies und nur dies ist der wahre Kern von Spiritualität und Religion. Alles andere, alles „Konfessionelle“ und Dogmatische, ist nettes (leider oft belastendes) Beiwerk, oft allerdings störend, weil es den göttlichen Gott verstellt und verdeckt.

9. Dieses alles umgreifende Sein können Menschen je nach ihrer Lebensgeschichte je verschieden, je anders, erfahren und zu Wort bringen.
Es kann Gott, ewige Natur, Buddha, Jesus usw. Immer aber muss es etwas sein, das den Charakter des Ungreifbaren, aber Umgreifenden hat. Ohne solche paradoxen Formulierungen kommen wir in der denkenden Lebensorientierung kaum weiter.
Dieses Stützende und Halt Gebende ist förmlich wie ein dinglich ungreifbares „Nichts“ gegenüber der Dingwelt.

10.
Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten.
Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann jeweils verschiedene Antworten. Aber diese Antworten rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes!
Das Fragen befragt sich selbst und entdeckt dabei die Kraft des lebendigen Geistes, der über alle einzelne Fragen, selbst über die Skepsis, erhaben ist. Die umfassende Skepsis betrachtet nämlich die Skepsis selbst noch einmal skeptisch und gelangt so über eine dogmatische Skepsis – Bindung hinaus. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und unerschütterlich fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Lebendigkeit des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden. Und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“ bleibt, wie der niederländische Theologe Koen Holtzapffel (Rotterdam) sagt, eigentlich nur Leere. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht eine wohltuende Leere, das Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.)

Koen Holtzapffel beschließt sein inspirierendes Buch „Hou-Vast“, Meinema Verlag, Niederlande): „Leere schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.