Das wundersame Leben

Über die Trilogie „Vaim“ von Jon Fosse

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27.1.2026

Dieser Hinweis will durch seine knappen Erläuterungen eine Ermunterung und Anregung sein, „Vaim“ von Jon Fosse zu lesen.

1.
Der neueste Roman des norwegischen Literaturnobel – Preisträgers Jon Fosse hat den Titel „Vaim“: Er bezieht sich auf ein fiktives Fischerdorf in Norwegen. Die drei Kapitel der Erzählung von nur 145 Seiten stellen vier Personen in den Mittelpunkt: die beiden Fischer Jatgeir und Frank sowie Eline, die Frau, die die beiden Männer beherrscht und bestimmt. Von Elias, einem Freund von Jatgeir, handelt das eher kürzere zweite Kapitel.

2.
Der Roman „Vaim“ berichtet vom Leben dieser Menschen in Norwegen, aber sie ist keine begrenzte „norwegische Heimat-Story“.
Vaim ist vielmehr ein Text, der auf das „Wundersame“ im menschlichen Leben aufmerksam macht. Das „Wundersame“ im Sinne Fosses ist nicht das Wunderbare. „Wundersam“ ist für ihn das Erstaunliche, Überraschende, Zufällige, sogar Schicksalhafte im menschlichen Leben. Darauf will Fosse aufmerksam machen: Dieses „Wundersame“ ereignet sich in einem schlichten Alltag schlichter, einfacher Menschen. Sie sind selbst erstaunt und verwirrt, welche überraschenden, nicht geplanten, nicht erwarteten Konstellationen sich in ihrem gewöhnlichen Alltag ereignen. Und sie erleben als Fischer auf ihren Booten oft das erstaunliche Schöne und Friedvolle der Natur. Zu ihren Booten haben die beiden Fischer ein geradezu liebevolles Verhältnis, offenbar dankbar für die hilfreichen und sicheren Dienste der Boote.

3.
Der Text ist für einige LeserInnen vielleicht etwas schwierig zu lesen: Fosse setzt keine Punkte, lediglich Kommas strukturieren den Redefluss: Tatsächlich wird der Leser dadurch wie in einen Text-Fluss hineingezogen. Die Personen sprechen unmittelbar wie im O-Ton life ihre Gedanken und Gefühle aus. In einer schlichten Sprache schlichter Leute, die sich gern wiederholen und den Leser unmittelbar teilhaben lassen an ihrem Denken, ihrer Angst, ihrer Zweifel. Und mancher Gedanke wird, weil erstaunlich oder wundersam, oft hin und her gewendet und wiederholt.

4.
Die beiden Männer, beide Fischer, Jatgeir und Frank verdienen besonders Aufmerksamkeit der LeserInnen.
Jatgeir steht im Mittelpunkt des 1. Kapitels. Er ist als Jugendlicher in Eline aus seinem Dorf verliebt, ohne ihr dieses Verliebtsein offen zu gestehen. Aber er gibt einem seiner Boote den Namen Eline. Nach dem Tod seiner Eltern lebt er allein in dem ererbten Haus, er fährt mit dem Boot in die nächst größere Stadt. Dort hofft er die seine Nähutensilien, Faden und Nadel, kaufen zu können: Er landet schließlich in einem Modehaus, dessen Besitzer sich ihm gegenüber, dem etwas unbeholfenen Mann vom Lande, arrogant zeigen.Und sie sind so unverschämt und verkaufen ihm ihm die gewünschten Sachen zu einem Wucherpreis: Jatgeir ist darüber hoch erstaunt und wütend. Aber er hat nicht die Kraft, diesen Handel abzulehnen oder einen angemessenen Preis zu verlangen.

5.
Hier soll nicht die Erzählung nach-erzählt werden: Wichtig ist: Jatgeir ist ein schwacher Mann, er kann nicht Nein sagen. Als er wie im zwanghaften Verhalten dann auch in einem anderen Ort noch einmal Garn und Nähnadel kauft, wird wieder ein Wucherpreis verlangt: Jatgeir akzeptiert diese Unverschämtheit, er ist schwach, man möchte sagen, er ist existentiell ermüdet. Das gilt vor allem auch, als er plötzlich die alt gewordene Eline trifft, die heimliche Liebe aus der Jugend. Sie tritt unwiderstehlich fordernd auf, will unbedingt mit dem Boot Jatgeirs in dessen Dorf reisen und dort bei ihm einziehen. Sie hat sich ganz plötzlich von ihrem Mann („Frank“) getrennt … und will unbedingt zu Jatgeir. So fährt Eline also mit Jatgeir auf dessen Boot davon, mit dem Namen Eline…Und Jatgeir beugt sich seinem Schicksal, das ihm diese Frau zuweist. Wundersame Konstellationen…

6.
Eline, die alles bestimmende Frau, die keine Widerrede duldet, die wie eine Art Schicksalsengel auftritt: Das gilt auch für die Begegnung mit Olaf in einer Kneipe in der großen Stadt, davon spricht das dritte Kapitel. Ein Olaf sitzt mit seinen Fischer – Kollegen in der Kneipe, Eline stürzt förmlich auf ihn zu und nennt ihn einfach Frank. Olaf erhält also von Eline den neuen Namen: Frank! Olaf kann sich dagegen nicht wehren. Er gilt von nun als Frank, wird also mit dem neuen Namen förmlich eine andere Person, auf Befehl Elines. Mehr noch: Eline befiehlt Frank, die Kneipe zu verlassen und mit ihr in Franks Haus zu fahren: Denn sie hat beschlossen, mit Frank zu leben. Und Frank hat keine Kraft, Nein zu sagen. Wundersame Dinge geschehen mit diesen beiden Männern, wundersam, was sie alles so mit sich machen lassen. Sie sind förmlich dem „Schicksalsengel“ Eline hilflos ausgesetzt… Auf S. 150 heißt es in den Worten Franks über das wundersame Verhalten Elines, die nun plötzlich doch wieder mit ihm zusammenleben will: Frank also denkt sich:„Ich versteh, dass das, was ich will oder nicht will, nichts zu bedeuten hat, Elines Wille herrscht, jetzt wie früher, jetzt wie immer, was ich auch meinen und sagen sollte, ja es zählt nicht im geringsten, so war es, und sie ist es, und so wird es wohl auch bleiben, denke ich.“ Eine Art unveränderbarer Ewigkeitsaspekt wird da im Verhalten Elines angedeutet, fast eine göttliche, eine nicht zu korrigierende Allmacht. Das Wundersame im Sinne von Fosse kann auch furchtbar sein…Wobei man sicher nicht darauf abheben sollte, dass nun eine furchtbare Frau herrscht über existentiell müde, erschlaffte Männer. Es wird die Realität der Herrschaft angesprochen, die Menschen „so einfach“, mitten im Alltag über andere ausüben, wenn diese anderen denn müde und erschlafft sind und nicht mehr Nein sagen können. Das ist auch ein Stück Gesellschaftskritik, nicht nur Kritik an gehorchenden, müden Männern oder tyrannisch wirkenden Frauen.

7.
Wundersam ist das ganze zweite Kapitel: Da steht Elias im Mittelpunkt, der sehr einsam und ziemlich verwahrlost in seinem Häuschen, in Vain, dort wohnt auch Jatgeir, der Freund. Die LeserInnen haben Anteil an der tiefen Irritation des Elias: Er hört das ständige Klopfen an seiner Tür, will nicht aufmachen, öffnet nach langem Hin und Her schließlich doch: Dann tritt sein Jatgeir ein, ein seltener Gast, der aber schnell wieder sich verabschiedet: Elias ist total irritiert über diesen wundersamen Besuch. Schließlich hört er später von Leuten am Hafen, dass Jatgeir längst tot aus dem Meer geborgen wurde. Hat Elias also geträumt, hatte er Halluzinationen? Der Autor lässt das offen, er will den Sinn wecken für das Ungewöhnliche mitten im Alltag einsamer Menschen, es geht auch hier um das plötzliche Eintretende, das Erstaunliche…das „Wundersame“.

8.
Jon Fosse äußert sich öffentlich explizit als Christ, in Norwegen ist er im Jahr 2012 zum Katholizismus konvertiert. Von daher ist es für uns nicht erstaunlich, dass am Rande auch das Gebet in der Erzählung Vaim erwähnt wird. Jatgeir erzählt etwa, das Vater Unser regelmäßig zu beten. Und vor allem Elias ist mit der Kirche in Vaim verbunden, mehr aber mit dem „Bethaus“, was immer „Bethaus“ bedeuten soll. Vielleicht will Fosse sagen: In den großen Kirchengebäuden der lutherischen Staatsreligion in Norwegen wird eher zu wenig gebetet, „wirklich“ gebetet wird in den kleinen Kapellen, den Bethäusern der eher am Rande lebenden kleinen Konfessionen.
Und Frank, der sich selbst nicht als „besonders gottgläubig“ (S. 156) versteht, setzt dann doch als seinen Erben das Bethaus zu Vain ein. Im Rückblick sagt der alte Frank, nachdem auch Eline gestorben ist: „Ich bin nie zu einem anderen Schluss gekommen, als das all das wundersam war“. Und er wollte diese seine Weisheit sogar auf seinen Grabstein setzen lassen, entschied sich dann für etwas Schlichteres: Nur ein Kreuz sollte auf dem Grabstein sichtbar sein und sein eigentlicher, sein wahrer Name Olaf darauf stehen.

Jon Fosse, „Vaim, Roman.“ Rowohlt Verlag ,2025, 156 Seiten, 24€. Aus dem Norwegischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin