Ostern und die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 30.3.2022.  Zugleich ein Versuch, das Ewige im Menschen zu denken und in Kriegszeiten zu retten.

Ein Vorwort:

Wenn hier vom “Ewigen im Menschen” gesprochen wird, bedeutet dies keine Flucht ins religiös Beliebige oder gar ins “Mystische” (im Sinne von “Opium des Volkes”). Das “Ewige im Menschen” benennt den unendlichen Wert des Menschen, von dem die universalen Menschenrechte sprechen. Wer als Kriegsherr Menschen tötet (bzw. töten lässt), leugnet den ewigen Wert eines jeden Menschen. Der aggressive Kriegsherr stellt sich damit ins Außerhalb der Menschheit und Menschlichkeit.

Wer im Krieg die Opfer des Tötens im Angriffskrieg bedauert, weiß: Diese armen Menschen, Opfer des Krieges, fallen nicht ins Nichts, sie sind mehr als eine zerstückelte Masse von Menschenfleisch, das in Plastiktüten in Massengräbern bestattet wird. Die Opfer des Krieges haben selbstverständlich Anteil am “Ewigen im Menschen”. Und dieses Ewige im Menschen muss als menschliche Lebendigkeit unbedingt gerettet und geschützt werden! Die Kriegsherren, ohne Gewissen, dem Nichts vertrauend, haben dieses Ewige in sich selbst längst getötet, zum Stillstand gebracht.

1.
Es erscheint vielen als eine Ungeheuerlichkeit, wenn Menschen von der Auferstehung Jesu von Nazareth mit vernünftigen Begriffen sprechen, also nicht, wie üblich, ins fromme Stammeln oder enthusiastische Schwärmen ausweichen. Diese Haltung ist nur die kaschierte Hilflosigkeit oder die Gedankenlosigkeit.
Die Frage nach der Auferstehung ist Teil einer christlichen Lebensphilosophie, und diese kann niemals auf ein Verstehen in Worten und Begriffen verzichten. Wer die Frage nach der Auferstehung Jesu und der anderen Menschen stellt, macht auch deutlich, wer der Mensch „wesentlich“ ist.

Dass dieser Hinweis noch Fragen offen lässt, versteht sich bei dem Thema von selbst. Siehe dazu einige Fragen am Ende dieses Beitrags (Nr.16 – 19).

2.

Natürlich bewegt die Frage nach einer erklärbaren Auferstehung nicht alle Menschen. Aber wer sich für diese Frage interessiert, ist alles andere als ein Egozentriker, der das eigene „Weiterleben“ post mortem wichtig findet. Unsere Antwort fällt bescheiden aus, wie wir sehen werden. Aber sie ist intellektuell redlich.

3.

Dass die Antworten zur Auferstehung dann im ganzen eher bescheiden ausfallen, liegt an der Kraft des vernünftigen Denkens. Hier werden nicht die alten Mythen aus dem Neuen Testament zum Tausendsten Mal einfach wiederholt, wie dies leider in vielen Predigten üblich ist. Es geht hier also überhaupt nicht darum, ob wir post mortem die Großmutter im Himmel wiedersehen usw. So viel Phantasievolles, wenn nicht Spinöses, hat in einer christlichen Lebensphilosophie keinen Platz. Damit wird nicht geleugnet, dass ein einzelner in dieser Glaubenshaltung sein privates Illusions – Glück finden kann…Vielleicht.

4.

Dieser kurze Essay zeigt also: Die Auferstehung Jesu von Nazareth, nach seiner Hinrichtung am Kreuz im Jahr 34, lässt sich in Worten, in Begriffen, aussagen. Einen unvernünftigen „Sprung des Glaubens“ ins Nichtverstehen darf es nicht geben. Es muss also heute in neuen, für viele vielleicht in ungewöhnlichen Worten von der Auferstehung gesprochen werden.

5.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist eine Erkenntnis von Jesu Freundinnen und Freunde: Dieser ungewöhnliche Mensch, in dem sie Gottes Güte sichtbar erlebten, kann mit seinem Tod nicht ins Nichts versunken sein. Diese geistvolle Erkenntnis der Gemeinde, der Freunde, korrespondiert mit der inneren, seelischen und geistigen Qualität Jesu von Nazareth: Die geistvollen Menschen erkennen den von Gottes Geist der Güte bestimmten Jesus von Nazareth.Sie erkennen ihn in dieser Gemeinschaft, dieser Korrespondenz des einen Geistes, und sagen dann: Jesus ist kraft des göttlichen Geistes auferstanden. Und dieser göttliche Geist lebt genauso in der Gemeinde und der Menschheit.

6.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in unserer Sicht nur aufgrund einer philosophischen Einsicht zu verstehen, sie gehört zu den Grundüberzeugungen vieler nicht-religiöser Menschen: Es ist das Bild und die Metapher von der „Schöpfung der Welt und der Menschen durch Gott“. In diesem Bild wird gesagt: Gott, das Göttliche, der Ewige, der absolut Schöpferische, hat die Welt„geschaffen“, und dabei zugleich der Menschheit an seiner göttlichen Wirklichkeit Anteil gegeben. Eine Welt, die als Schöpfung eines Gottes sozusagen völlig losgelöst von ihm existierte, würde dem Begriff des Göttlichen widersprechen, das ist eine Einsicht der Metaphysik, die zwar alt, aber deswegen nicht falsch ist. Das aber heißt: Die Welt und die Menschheit sind von göttlichem, d.h. ewigen und lebensspendendem Geist geprägt. Welt ist also Welt in Gott, Menschen sind Menschen in Gott, d.h. mit Gottes Geist verbunden; wobei Gott, wie schon angedeutet, auch als Göttliches, Ewiges, Absolutes unbeholfen begrifflich benannt werden kann.

7.

Die Welt als eine Schöpfung Gottes verstehen ist das einzige Wunder fürs kritische Denken. Andere „Wunder“ braucht kein Christ, kein religiöser Mensch. Der evangelische Theologe Prof. Stefan Alkier (Uni Frankfurt.M) schreibt in seinem Buch „Die Realität der Auferstehung“ (2009) diese entscheidenden Sätze: „Die Welt, alles Leben und auch das je meinige Leben entspringen […] nicht einem blinden Zufall, sondern der intentionalen Kreativität des sich liebevoll in Beziehung setzenden Gottes…Wer diese Hypothese nicht teilt, kann auch nicht mit den Schriften des Neuen Testaments […] von der Auferweckung Jesu Christi und der Hoffnung auf die Auferweckung der Toten sprechen“ (S. 238).

8..

Die alles entscheidende Basis für ein Verständnis der Erzählung von der Auferstehung Jesu, also der Überwindung des Todes, ist: Gottes lebendiger Geist als das „Wesen“ auch des Menschen Jesus von Nazareth ist stärker als der Tod. Der Tod ist überwunden, weil der Geist und die Seele der Menschen ewig sind, d.h. weil sie Anteil haben am Ewigen, an Gott.

9.

Diese Erkenntnis wird von den 4 Autoren, den Evangelisten, im Neuen Testament, naturgemäss in einer ganz anderen Sprache, in ihrer bildhaften und enthusiastischen Sprache beschrieben. Diese Evangelien-Texten, in den Jahren 70 bis 100 verfasst, müssen selbstverständlich unter heutigen Bedingungen verstanden werden. Zum Beispiel: Das Grab Jesu war nicht leer, gerade weil er als der Auferstandene, als der auf neue Art Lebendige, erkannt wurde. In der Bildwelt der Autoren des Neuen Testaments damals gab es keine Möglichkeit, die Auferstehung nüchtern, sachlich, vernünftig zu erzählen. Heute ist dies notwendig.

10.

Der katholische Theologe Hans Kessler und Autor umfassender Studie zum Thema schreibt: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu, ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet das Menschsein Jesu Christi. Aber dass Jesus ganz Mensch ist, bleibt eine unaufgebbare Einsicht der Christenheit“.Und Karl Rahner, einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts betont: „Der Auferstandene darf als einer, der den Tod überwunden hat, nicht unserem menschlichen Stoffwechsel untertan sein; er darf nicht wieder in der Zeitlichkeit sein; er darf nicht von physikalischen Größen, wie dem Berührtwerden, abhängig sein“. Wäre Jesus leibhaftig greifbar auferstanden, wäre die Frage nach seinem Tod und was dann danach „geschieht“, erneut aufgekommen.

11.

Die nach dem Tod Jesu zeitlich früheste uns vorliegende Erzählung zur Auferstehung Jesu von Nazareth hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ mitgeteilt: Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Bis dahin hatten die Freundinnen und Freunde Jesu, also die erste Gemeinde, von Jesus nur gesprochen, von seinem Leben und Leiden sowie von der Einsicht: Dieser Jesus, die leibhaftige Güte Gottes, ist nicht tot. Im Kapitel 1, Vers 10, des 1. Thessalonicher – Briefes schreibt Paulus lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreißt“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu konfrontiere die Menschen auch mit dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist hier: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth konnte schon 17 Jahre nach seinem Tod schriftlich mitgeteilt werden. Gleichzeitig betont Paulus: Das Auferstehen aus dem Tod betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 des 1.Thessalonicher Briefes heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“.
Die Auferstehung Jesu zeigt, dass die Menschen, auch die Verstorbenen, den Tod überwinden. Noch einmal später, in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden“ (1. Korintherbrief 15, 16). Jesus offenbart nur, dass alle Menschen, wie er vom Geist Gottes bestimmt, kraft dieses göttlichen Geistes auferstehen. Dieser Gedanke bewegt bis heute die Theologen, Giuseppe Barbaglio von der Universität Mailand betont in der Zeitschrift CONCILIUM: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
Die Auferstehungs-Erzählungen der vier Evangelisten sind sehr reichhaltig ausgeschmückte und phantasievolle Predigten, sie sind selbstverständlich KEINE historischen Berichte. Wer sie als Tatsachenberichte liest und so noch heute mit einzelnen Sätzen zitiert, irrt gewaltig! Und flüchtet sich in eine religiöse Naivität und leider auch dies: Dummheit. Aber viele Menschen meinen, sie könnten technisch-praktisch hochgebildet sein, gleichzeitig aber auf einem naiven Kinder-Glauben beharren, der letztlich auch glauben kann: Im Himmel ist Jahrmarkt.

12.

Die Auferstehung Jesu als Erfahrung und Entdeckung der Jünger Jesu hat selbstverständlich kein präzises Datum. Leider, haben viele „wunderschöne“ Gemälde großer Künstler das direkte, materiell greifbare Auferstehungsgeschehen übertrieben viel zu sachlich sachlich – drastisch geschildert, wie etwa Caravaggios bekanntes Gemälde vom „Ungläubigen Thomas“ von 1601: Thomas greift förmlich, von Jesu unterstützt, in dessen Seitenwunde der Kreuzigung. Dieses „künstlerisch großartige Gemälde“ aber ist theologisch irreführend und missverständlich. Solche Bilder, naiv interpretiert, haben den Glauben an das geistige Auferstehungsgeschehen als Bewusstseinsgeschehen eher gestört, wenn nicht ins Infantile geschoben. Die so genannte christliche, eigentlich „katholische Kunst“ des überschwänglichen Barock hat den Glauben oft verfälscht, man denke auch an die vielen maßlosen Mariendarstellungen oder an den „Gott Vater“ als alten Mann mit Bart. Man versteht in dem Zusammenhang vielleicht die Abwehr reformierter Christen gegenüber „religiöser Kunst“.

13.

Diese Reflexionen über ein vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu sind alles andere eine neue Form von weltflüchtigem Mystizismus. Diese Interpretation der Auferstehung hat politische Konsequenzen: Es gibt diese Menschen, die schon jetzt wie Auferstandene leben. Sie haben sich von Ängsten um ihr eigenes kleines Leben befreit und handeln zum Wohl der Leidenden, treten für die Geltung der universalen Menschenrechte und werden zu Repräsentanten des göttlichen Geistes in dieser Welt. Zum Beispiel gehört Erzbischof Oscar Romero im zentralamerikanischen Staat El Salvador zu diesen „Auferstandenen“. Mitten im Bürgerkrieg seines Landes kämpfte er leidenschaftlich gegen die Militärs zugunsten des verarmten indianischen Volkes. Kurz vor seiner Ermordung durch die katholischen (in den USA ausgebildeten) Militärs im Jahre 1980 sagte Oscar Romero: „Ich bin schon oft mit dem Tod bedroht worden. Ich muss Ihnen sagen, dass ich als Christ nicht an einen Tod ohne Auferstehung glaube. Sollte ich umgebracht werden, so werde ich im salvadorianischen Volk auferstehen. Ich sage Ihnen dies in aller Bescheidenheit. Als Bischof bin ich aufgrund göttlichen Auftrags verpflichtet, mein Leben hinzugeben für jene, die ich liebe. Sofern Gott das Opfer meines Lebens annimmt, dann möge mein Tod zur Befreiung meines Volkes dienen und ein Zeugnis der Hoffnung auf die Zukunft sein“. Oscar Romero ist schon kurz nach seiner Ermordung in seinem Volk auferstanden, von der anderen Form der Auferstehung als Fortdauern in Gott war dann später noch einmal die Rede, als Oscar Romero heilig gesprochen wurde.

14.

Die Auferstehung Jesu wird also in eine vernünftige christliche Lebensphilosophie gestellt. Sie beschreibt die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.

15.

Was bedeutet also für spirituelle Menschen heute OSTERN als FEST der Auferstehung von den Toten? Es ist die Überzeugung vom bleibenden Verbundensein des Menschen mit Gott als dem lebendigen Geist über den Tod hinaus. Mehr kann nicht gesagt werden, und das ist eigentlich viel. Das Wenige, das hier gesagt wurde, erschließt sich der Vernunft. Und nicht einem willkürlichen, nur enthusiastischen – charismatischen oder autoritätsgebundenen Glauben.

Es ist das Ewige im Menschen, an das erinnert wird zu Ostern und im Gedenken an die Auferstehung Jesu von Nazareth und aller Menschen. Das Ewige im Menschen zu denken und zu leben hat weitreichende Konsequenzen fürs Zusammenleben in der globalen Welt. Mord und Krieg sollten unter der Bedingung nicht mehr möglich sein, wer Krieg führt, tötet nicht nur Menschen, vor allem tötet er das Ewige, das den Menschen als Menschen Auszeichnende,  in sich selbst. Er fällt also als Kriegsherr und Kriegsideologe aus der Gemeinschaft der Menschen heraus.

WEITERE FRAGEN:

16.

Die enge Verbindung der Auferstehung Jesu und der Menschen mit einer Idee der “Schöpfung” der Welt und der Menschen durch Gott, das Göttliche, berührt auch die Frage nach den Grenzen der Welt als Schöpfung, sie zeigen sich etwa in Naturkatastrophen. Die Welt insgesamt selbst ist nicht göttlich, sie ist vielmehr das “Andere” des Unendlichen und Ewigen, Welt ist also das Endliche und Begrenzte. Aber dieses endliche Andere, die Welt, bleibt als Anderes einbezogen in Gott, das Göttliche. Das ist eine wesentliche Einsicht Hegels, der in meiner Sicht Gültigkeit hat.

17.

Theologisch gesehen wird in diesem Hinweis die wesentliche Erkenntnis freigelegt: Die Kraft der Auferstehung beruht in der Gegenwart des Göttlichen im Menschen. Damit werden die Interpretationen der biblischen Erzählungen im Neuen Testament nicht überflüssig, aber sie sind bloß bildhafte Illustrationen für die überraschende Einsicht der ersten Christen: Jesus von Nazareth und mit ihm auch die Menschen haben den Tod überwunden. Was dann im einzelnen “post mortem” passiert, entzieht sich jeder Spekulation. Bezeichnenderweise entweicht der Auferstandene in den Himmel, “Himmelfahrt” Jesu, d.h. er erscheint nicht mehr, wie die Erzählungen ausmalen, plötzlich in der Gemeinde.

Jesus entzieht sich post mortem in den “Himmel” der göttlichen “Welt”, und in dieser Region endet alles Denken.

18.

In den Erzählungen des Neuen Testamentes werden Auferstehung (Ostern), Pfingsten (Geistsendung) und Himmelfahrt Jesu als drei verschiedene “Ereignisse” dargestellt. Dass es sich bei den genannten Erfahrungen (“Ereignisse” in der Sicht der damaligen Autoren) nicht um Tatsachen historischer Art handelt, ist selbstverständlich.

Die damaligen Autoren des Neuen Testaments, die ihre Erkenntnisse erzählten, konnten nur diese drei Erfahrungen, chronologisch als Geschehen hintereinander, aussagen. Tatsächlich aber müssen bei heutigem Wissen diese drei Erfahrungen (“Ereignisse”) als eine Einheit verstanden werden.

Das heißt: Die Freunde Jesu, die erkennen: Jesus ist auferstanden, kommen zu dieser Aussage nur, weil sie den göttlichen, den heiligen Geist bereits (seit der Schöpfung durch Gott) “in sich haben”, so wie Jesus auch schon zu seinen Lebzeiten von diesem göttlichen Geist belebt wurde. Und die “Himmelfahrt” Jesu ist nur noch einmal ein anderes Bild für die Auferstehung Jesu, also dafür, dass Jesus den Tod überwunden hat und in die Ewigkeit des Göttlichen eintritt.

19.

Dieser Hinweis zur Auferstehung Jesu und der Menschen sagt nur: Die Menschen, mit göttlichem Geist durch die Schöpfung Gottes beschenkt, haben Anteil an dem geistigen Leben des Ewigen, Gottes. Weitere Aussagen zum “post mortem” sind nicht möglich, aber diese Aussage ist schon viel.

Vor allem befreit die Erkenntnis dieses Hinweises von der Bindung an die dogmatische Ideologie der Erbsünde, eine Erfindung des heiligen Augustinus (354-430). Er deutete die Menschheit so schlecht und verdorben und gottfern, dass ihm nur die Erbsünde als Konstruktion einfiel. Tatsächlich aber wollte er mit dieser konstruierten Ideologie die Menschen drängen, sich taufen zu lassen, also eine Bindung an die Kirche und den die Taufe spendenden Klerus einzugehen. Der “Witz” ist nur: Trotz Taufe als der angeblichen Überwindung der Erbsünde haben die Menschen Böses getan. Warum also die Erbsünde?

In unserem Hinweis wird deutlich: Die Menschen, mit dem göttlichen Geist ausgestattet, können sich in ihrer Freiheit auch gegen die Erkenntnisse ihrer Vernunft und ihres Gewissens wehren und Böses tun. Aber sie können kraft des Geistes als der Vernunft und des Gewissens sowie der Gemeinschaft anderer wieder zur Menschlichkeit zurückfinden.

20.

Ostern als Fest der Auferstehung Jesu und der Menschen ist ein Fest der Besinnung in Gemeinschaften, auch der Lebensfreude, auch ein Fest der Kontemplation als der kritischen Vertiefung in biblische Einsichten und Grundlagen vernünftiger Theologie; ein Fest auch der Meditation, als Versuch, seinen Geist zu befreien von so vielem ideologisch-religiös Belastendem, das den Menschen im Laufe einer kirchlich-dogmatischen Bildung bzw.Unbildung  angetan wurde.

Literaturhinweise:
Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hans Kessler, Auferstehung? Matthias Grünewald Verlag Mainz, 2021, 203 Seiten, 22 Euro.

Elisabeth Moltmann- Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit 2005.
Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

Der unterlegene, aber siegreiche Knecht: Eine Christus-Interpretation auf Anregung Hegels

Von Christian Modehn

Es sollte versucht werden, philosophische Denkmodelle mit religiösen, christlichen Inhalten nicht nur zu konfrontieren, sondern diese christlichen Inhalte, etwa aus dem Neuen Testament, hineinzutragen in philosophischen Denk-„Modelle“. Um möglicherweise einen neuen Blick auf religiöse Traditionen zu gewinnen.

Dies gilt für die Erzählung von „Herr und Knecht“ bei Hegel („Phänomenologie des Geistes“ und „Enzyklopädie“).

Im Brief des Apostels Paulus an die Philipper (Kapitel 2, Vers 7) wird Jesus Christus erstaunlicherweise als KNECHT bezeichnet. Von dem Himmelsherrn – siehe die Mosaike der Basiliken – ist da noch keine Rede!
Die Aussage des Theologen Paulus: Der eigentlich (himmlische, ewige) „Gott-gleiche“ Christus, (der „Logos“ im johanneischen Sinne), hat sich in die Welt der Menschen begeben, hat sich ent – äußert. Er wurde hier zum Knecht, genauso, wie andere Menschen in den Verhältnissen dieser Welt auch Knechte sind. Paulus selbst verwendet in seinem Philipper – Brief das altgriechische Wort „doulos“: Das ist präzise der Knecht, sogar der Sklave. Ins Lateinische übersetzt ist dann die Rede von „servus“, Knecht und Diener.

Christen sind also Freunde eines „Knechts“, der gegen die Herren kämpft. Wer hat diese Definition Jesu Christi jemals in einem Gottesdiest gehört? In welcher Bischofskirche? In welcher Kirche in Rom=

Wenn man diesen Knecht Jesus Christus hineinschreibt in die Konstellation „Herr und Knecht“ im Sinne Hegels, ergeben sich diese Erkenntnisse:

Auch der Knecht Jesus Christus steht in seinem Leben in Judäa/Galilea, selbstverständlich, wie in der Erzählung Hegels, dem Herren bzw. historisch-konkret den Herren gegenüber. Diese sind die Mächtigen in Religion und Politik. Ihm, dem ungewöhnlichen Propheten, dem Interpreten dessen, was gottgefällig und Gesetz ist, setzen diese Herren zu, misstrauen ihm, verfolgen ihn, machen ihm den Prozess, morden ihn schließlich am Kreuz.
Dieser Knecht Jesus Christus ist ein sonderbarer Knecht, er hat – im Unterschied zu Hegels Erzählung – nicht den Willen, ein Herr zu werden oder den Herrn, bzw. die Herren, siegend zu überwältigen. Er will überzeugen, aber die Herren sind verblendet. Dem Knecht genügt es dann, die Herren in ihrer Macht zu blamieren und dadurch in ihrem „guten Ruf“ etwas zu erschüttern. Die Herren verändern sich allerdings nicht in ihrem Herr-Sein.

Jesus Christus siegt zwar nicht über diese Herren. Aber er zeigt überragende geistige und seelische Größe, er lässt sich nicht verführen hin auf die Seite der Mächtigen und deren Ideologien. Dies macht ihn in den Augen seiner Freunde dann doch zu einem (ganz anderen) „Herrn“, zu einem gewaltlosen, machtfreien Herrn.
Der Kampf zwischen Herr und Knecht endet also in der Sicht des Neuen Testaments zwar mit einem politischen Sieg der Herren dieser Welt. Jesus Christus stirbt, politisch betrachtet, als religiöser Aufrührer, als Kritiker, als Umstürzler, dann als Verfolgter, im Elend der Kreuzigung.

Aber es gibt einen dialektischen „Umschlag“: Denn Jesus hat in seiner Menschenfreundlichkeit zugunsten der Kleinen, der Vernachlässigten, der Armen, der Verachteten, eine Gemeinde der Freunde hinterlassen, einen Kreis von Frauen und Männern, die man ApostelInnen und JüngerInnen nennt. Der gescheiterte Knecht hat also förmlich eine kleine Widerstands – Bewegung der Schwachen bewirkt; sie steht den Herren ebenfalls prinzipiell kritisch gegenüber. Später ämderte sich das und da stand die Kirche aufseiten de Herrscher, bis heute, aber das ist ein anderes Thema…

Die Gemeinde der „Freunde des Knechtes Jesus Christus“ überlebt trotz Verzweiflung auch geistig den Tod ihres Vorbildes und Meisters.

Der gescheiterte Knecht Jesus Christus stirbt zwar elend. Aber seine Gemeinde, die treuen FreundInnen, wissen nach seinem Tod: Solch ein „Knecht“ kann nicht sterben. Diesen Menschen wird also die Einsicht geschenkt: Dieser gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Er ist stärker als die tötende Macht der Herren. Er ist also kein unterlegener Knecht mehr. Er ist –letztlich – der Sieger. Das sind keine Wahnvorstellungen „Gestörter“. Vielmehr die Konsequenzen einer sinnvollen Lebensphilosophie, Glaube genannt.

Genau dies ist die Erfahrung, die man Ostern nennt: Der gescheiterte Knecht Jesus Christus lebt. Und zwar anders als eine „irdische“ Gestalt, anders als ein leiblicher Mensch dieser Welt. Man nennt dieses andere Leben über den Tod hinaus ein ewiges Leben, in das Jesus eingetreten ist. Denn in ihm, Jesus Christus, wirkt und lebt, wie in den Menschen, seinen Freunden auch, der göttliche Geist. Dieser ist, weil göttlicher Geist auch der ewige Geist, nicht tot zu kriegen in dieser Welt. Mit anderen Worten: Der tote Jesus liegt im Grab – und lebt … auf ewig. Daran hält sich die Gemeinde, weil sie weiß: Auch wir Menschen haben – wie Jesus – Anteil am ewigen Geist Gottes.

Die Herr-Knecht-Beziehung am Beispiel Jesu Christi hat eine allgemeine Bedeutung: Sie zeigt: Die Niederlage, das Scheitern des Knechtes, letztlich jedes menschlichen Knechtes, ist nicht definitiv das Ende. Mit anderen Worten: Es ist sinnvoll, gegen die Herren der Welt den Kampf der Menschlichkeit (und Demokratie) zu führen. Selbst die furchtbare Form der Todesstrafe, die Kreuzigung, ist kein Beweis für den definitiven Sieges der Herren dieser Welt.

Es ist das Ewige, als das Göttliche, das sich im Scheitern des Knechtes, aller Knechte, im Kampf gegen die brutalen Herren sozusagen „durchhält“ und letztlich nicht zum Verschwinden gebracht werden kann.

Diese Erkenntnis ist kein Opium der Vertröstung auf ein ewiges „Jenseits“. Diese Erkenntnis drängt sich auf, wenn man die Anwesenheit göttlichen Lebens in der von Gott „geschaffenen“ Welt trotz aller irritierender Fakten sieht. Die Welt als die von einer göttlichen Lebendigkeit „geschaffene“ Wirklichkeit mit ihrer Natur und ihren Menschen kann gar nicht anders gedacht werden, als: dass Göttliches eben auch in der Welt und den Menschen anwesend ist und lebt. Dies ist ein Bereich, in dem alle, auch die festesten „Naturalisten“ und/oder militanten Atheisten insgesamt auch eher andeutend, suchend, fragend, im „Vielleicht“ sprechen.

Die innere Verbindung der “geschaffenen“ Welt mit dem schöpferischen Gott ist der zentrale Gedanke der Philosophie Hegels, die bekanntlich insgesamt Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist, wie der große Philosoph Michael Theunissen gezeigt hat.

Aber die anderen, die Freunde Jesu, wissen: Wenn sie jene Menschen ehren und feiern und im Gedächtnis bewahren, die, wie Jesus Christus, den Weg der Konfrontation mit den Herren der Welt wagten und dabei ihr Leben lassen mussten: Dann sind diese mutigen Menschen über ihr Martyrium hinaus bleibend lebendig, auch inmitten der Gemeinde: Man denke an Bischof Oscar Romero (El Salvador) oder Dietrich Bonhoeffer und einige andere.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.