Viel zu viele Kirchengebäude in Frankreich

Nun sorgt sich der Staat um die Zukunft der Gotteshäuser
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Nicht nur in Deutschland, vor allem im Osten, in den „neuen Bundesländern“, gibt es viele hundert (Dorf)Kirchen entweder in einem desolaten architektonischen Zustand oder in trauriger, ungenutzter Leere. Die Kirchenmitglieder sind eine Minderheit.

2.
In Frankreich beginnt jetzt der Staat, sich um viele selten genutzte, oft verfallene Kirchengebäude zu kümmern. Sie kosten den Kommunen einfach zu viel Geld, wenn nicht neue Konzepte realisiert werden.

3.
Das Thema hat in Frankreich einen anderen Charakter als in Deutschland: Gemäß den Gesetzen der Trennung von Kirchen und Staat aus dem Jahr 1905 ist der Staat für den äußeren Erhalt der Kirchengebäude verantwortlich, aber nur für solche, die bis zum Jahr 1905 errichtet wurden. Um die später errichteten Kirchengebäude haben sich die Kirchen allein zu sorgen.
Aber es sind natürlich viele hundert Kirchen, die vor 1905 errichtet wurden, und die von den Kirchengemeinden genutzt wurden oder noch genutzt werden: Dabei sind die Bistümer für die Pflege und den Erhalt der „inneren Strukturen“ ihrer Kirchen (Mobiliar, Sauberkeit, Farbgebung der Wände etc.) verantwortlich. Und die Katholiken können dem Gesetz entsprechend „ihre Kirchen“ für ihre religiösen Veranstaltungen nutzen, wie sie es und wann sie es wollen. Darauf hat der Staat keinen Einfluss, er muss nur für den äußeren Erhalt der Kirchenmauern sorgen. Und das ist manchmal voller Probleme: Weil die Kommunen wenig Geld haben, machen selbst die noch genutzten Kirchen von außen (und manchmal leider auch von Innen) einen verwahrlosten Eindruck.

4.
Genaue Statistiken gibt es nicht, wie viele Kirchengebäude es denn in Frankreich heute noch gibt, zumal solche, die vor dem Jahr 1905 errichtet wurden. Lediglich die Vereinigung „Observatoire du patrimonie religieux“ verfügt über Schätzungen, danach gehörten etwa 40.000 Kirchengebäude den staatlichen Gemeinden, 500 sind bereits wegen Baufälligkeit total geschlossen, etwa 2.500 bis 5.000 befinden sich in einem bedenklichen architektonischen Zustand…Dazu liegt eine interessante Foto – Dokumentation vor. LINK.  Über umgewandelte Kirchengebäude in ITALIEN fand schon 2016 in Basel eine interessante Azsstellung statt: LINK.

5.
Über die ungewisse Zukunft der vielen (ungenutzten) Kirchengebäude beraten nun französische Politiker: Sie wissen: Wenn sich nur noch 29 Prozent der Franzosen katholisch nennen und die Teilnahme an der Messe in vielen Regionen minimal ist, dann muss gefragt werden: Wie können diese Gebäude, wenn sie denn vor dem Verfall bewahrt werden sollen, zu einer neuen Verwendung kommen. Es geht also um die Zukunft des „patrimonie culturel“, des Kulturerbes, zum dem auch das „patrimonial cultuel“, das religiöse („kultische“) Erbe gehört.
Die Frage ist: Sollen diese Kirchengebäude also der bislang einzigartigen Verfügung der Bistümer und Pfarrgemeinden entnommen werden, „wo es doch eine quantitative Überdimensionierung“ der Kirchengebäude gibt, wie eine entsprechende Studie aus den Editions L Harmattan im Jahr 2006 schon feststellte?

6.
Es gibt auch in Frankreich schon die Praxis, Kirchen, wenn sie denn nicht gut erhalten sind, als Orte für Konzerte und andere Kulturveranstaltungen zu nutzen. Allerdings protestieren dagegen in letzter Zeit immer wieder extrem konservative Katholiken, sie stören diese Kulturveranstaltungen, etwa Orgelkonzerte, in Kirchen. Die politisch und theologisch rechtsextreme Bewegung CIVITAS hat sich entsprechend „betätigt“ und sogar den Abbruch eines Orgelkonzerts als Kulturveranstaltung durchgesetzt. Zur rechtsextremen katholischen Bewegung CIVITAS: LINK.

7.
Die Bischofskonferenz Frankreich will sich im September 2023 mit dem Thema befassen. Die entsprechenden offiziellen „Blockaden“ zu einer erweiterten Nutzung der Kirchengebäude waren noch 1990 üblich, aber sie sind nun wohl angesichts des Zustandes dieser Kirche insgesamt wohl verschwunden.

8.
Die (katholische) Kirchenleitung ist in Frankreich wie auch in Deutschland nicht imstande, neue Konzeptionen für eine dauerhafte lebendige Gestaltung der Kirchengebäude zu entwickeln und genehmigen: Warum können nicht Laien zu Verantwortlichen „ihrer“ Kirchen ernannt werden, zu Moderatoren, zu Inspiratoren, die dann auch in den ebenfalls oft leerstehenden „Pfarrhäusern“ mit ihren Familien oder Partnern wohnen: Das müssen ja nicht Theologen sein, auch Pädagogen, Schriftsteller auf der Suche nach einem „Zusatzjob“, pensionierte Lehrer usw… Sind solche Überlegungen immer nur von dem Argument „kein Geld vorhanden“ abhängig? Wo können und sollten die Kirchenbehörden sparen, um den Menschen in den Dörfern ein lebendiges kulturelles und religiöses Leben in ihren renovierten Kirchen zu ermöglichen? Und warum können diese Kirchengebäude nicht auch anderen Religionen übergeben werden, Protestanten, Juden, Buddhisten, islamischen Sufis oder auch säkularen Humanisten?

9.
Der Abriss alter (Dorf) Kirchen wird selbst von vielen säkularen Franzosen noch als Problem erlebt, weil dann in den (kleinen), entlegenen Dörfern sozusagen alles über das unmittelbare Wohnen Hinausweisende verschwindet: Schulen sind schon geschlossen, die Postämter auch, die Bäckerei auch, die Cafés ebenso. Die Bussverbindungen sind miserabel… Verschwinden nun auch noch die Kirchengebäude und vielleicht auch die Reste einer Kirchengemeinde(- gemeinschaft!), dann ist der esprit, die Aura, der Geist, der Dörfer gänzlich am Ende, sagen manche Dorfbewohner. Dann ist alles nur noch grauer, schwarzer Alltag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.