Wenn die Philosophie schläft. Ein kritischer Hinweis des Philosophen Wolfram Eilenberger

Ein Beitrag von Christian Modehn am 18.3.2026

1.
Der Philosoph und Buchautor Wolfram Eilenberger hat in der „ZEIT“ vom 12.3.2026, Seite 49, eine kurze provozierende Analyse zum Zustand der Philosophie in Deutschland verfasst. Der sehr ausführliche Titel seines Beitrags: „Ist da jemand noch wach? Das Jahrhundert bebt, doch die zeitgenössische Philosophie scheint zu schlafen. Eine Ermunterung zur Geistesgegenwart“. Die Ausführungen Eilenbergers sind provozierend gemeint. Er ist wohl überzeugt, nur auf diese Weise, die PhilosophInnen (denn nur durch PhilosophInnen gibt es „die“ Philosophien) aus dem Schlaf aufwecken zu können. Philosophen schlafen in der Sicht Eilenbergers, weil sie sich zu wenig mit dringenden und drängenden Problemen und Katastrophen der Gegenwart befassen.

2.
Zum Mittelpunkt der Kritik an der mangelnden kritischen Präsenz der Philosophie in der heutigen Welt nennen wir nur einige zentrale Stichworte Eilenbergers:
Die „analytische Philosophie“ hat die klassischen Philosophien, also die „Liebe zur Weisheit“, wie der Name sagt, verdrängt; die „analytische Philosophie“ ist für Eilenberger „eine reine – nicht zuletzt gegenwartsgereinigte – Begriffswissenschaft. Man glänzt durch öffentliche Abwesenheit.“
Diese analytische Philosophie dominiert, sie ist hoch spezialisiert, extrem ausdifferenziert, es gibt bei ihr „kein geteiltes Fundament, nirgendwo“, so Eilenberger.

3.
Er kritisiert auch die „scheußliche Art“ der PhilosophInnen in ihrer traditionell arroganten Art zu schreiben, in dieser wohl sehr oft zutreffenden Erkenntnis schließt sich Eilenberger dem Urteil der us-amerikanischen Philosophin Christine Korsgaard an.

4.
Eilenberger kritisiert die Publikationsfluten zumal der analytischen PhilosophInnen; viele dieser hoch spezialisierten Publikationen werden „auch fünf Jahre nach ihrer Veröffentlichung kein einziges Mal zitiert.“ Dass die analytische Philosophie ein Versuch ist, an den Universitäten sozusagen wissenschaftlich mit den anderen Wissenschaften „mithalten“ zu können, erwähnt Eilenberger nicht.
Es ist bekanntlich eine lange Geschichte, dass die Philosophen sich mit ihrem Auftrag, die Liebe, die Freundschaft, zur Weisheit zu verbreiten, nur abfinden konnten, indem sie ins Mathematische, Begriffliche, Logische allein abdrifteten. Über Husserl wäre in dem Zusammenhang zu sprechen.

Unsere Mweinung: Das Eigene, Einmalige der Philosophie als „Liebe zur Weisheit“ könnte und sollte zu Kooperationen mit Literaturwissenschaften, Kunstwissenschaften, Theologien, Religionswissenschaften, Sozialwissenschaften, Biologie, Medizin führen. Philosophie wird es wohl nur in Kooperation mit diesen Wissensformen geben. Jürgen Habermas, der jetzt hoch gerühmte „große Philosoph“, war ja auch Soziologe und politisch, politologisch hoch gebildet, das machte die exzellente Qualität seines Denkens aus. Darauf weist Eilenberger nicht hin, aber gerade das wäre wichtig: Philosophie sollte bei diesen Kooperation niemals auf sich selbst verzichten, sie sollte sozusagen „tonangebend“ auch normativ bleiben!

5.
Der zentrale, uns sehr wichtig und treffend erscheinende Vorschlag Wolfram Eilenbergers: Die Philosophie sollte wieder ganz deutlich und stark „Liebe zur Weisheit“ werden. Eilenberger kann bei diesem seinen Plädoyer leider nicht auf ein Wort-Ungetüm verzichten und spricht also von, so wörtlich, „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“.
Nebenbei: Da wird also die aufklärerische Mündigkeit mit dem an Heidegger erinnernden „Dasein“ verbunden. Also arbeiten wir bitte an „mündigkeitserhöhender Daseinstransformation“. Das heißt: Denken wir, treffender gesagt, nach, was Philosophien jenseits der analytischen Begriffswissenschaft sein könnten und sein sollten. Vor allem doch wohl auch Orientierung im Leben, „Daseinstransformation“ ist da noch weitreichender, das Wort erinnert an Rilkes „Du musst dein Leben ändern“… Und das kann nur eine Philosophie, die sich als Liebe zur Weisheit versteht. Pure Logik oder Begriffsanalysen sind da nicht kompetent.

6.
Eilenberger deutet am Schluß seines provozierenden, aus dem „Schlaf der Vernunft“ (aus dem bekanntlich Ungeheuer hervorgehen, siehe Goya) heraus-weisenden Beitrags auf das in unserer Sicht Wichtige hin:
Es ist die „wache Sorge um das eigenen Selbst sowie das der Mitwesen“. Dieser Satz klingt ein bißchen nach dem Populärphilosophen Wilhelm Schmid. Eilenberger plädiert im Sinne der Philosophie für die meditative Lektüre der alten philosophischen „Gründungstexte“, auf die niemals verzichtet werden darf. Und auch das ist wichtig: Die knappe Andeutung wenigstens, dass es auf eine Öffnung „für außerweltliche Weisheitstraditionen ankomme.“ In dieser Rezeption asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Philosophien erhielte die neue Aufklärung – verbunden mit Weisheit – einen wichtigen Durchbruch. Aber wo wird in Deutschland asiatische oder afrikanische Philosophie gelehrt und entsprechend unters Volk gebracht? Philosophie in Deutschland ist doch sehr deutsch und manchmal europäisch bzw. us-amerikanisch….

7.
Die eigene philosophische Meinung für eine „wache Philosophen heute“ teilt uns leider Eilenberger nicht ausführlich mit, also wie Philosophie sich verhält zu dieser gegenwärtigen Welt der Kriege, der Gewaltherrscher, der Diktatoren, des total unbeherrschten, moderat gesagt „unklugen“ Präsidenten der USA, der reaktionären permanent nur ans Töten der Feinde denkenden Politiker in Israel, der Verirrungen der Religionen in Richtung Fundamentalismus, der Abwehr der rettenden Klimapolitik durch neoliberale Politiker etwa in der CDU, die Zunahme des Faschismus in ganz Europa usw. Erst wenn diese Themen sehr gut nachvollziehbar philosophisch gedacht und entsprechend publiziert werden, kann die Philosophie aus dem Schlafzustand befreit werden. Insofern ist dann Eilenbergeres Beitrag etwas „verschlafen“. 

8.
Die Frage ist natürlich, ob es nicht auch PhilosophInnen heute auch in Deutschland gibt, die diese in Nr. 7 genannten Themen nachvollziehbar bearbeiten und publizieren. Ich habe den Eindruck, diese gibt es. Eilenberger nennt leider keine Beispiele. Ich nenne nur: Lea Ypi oder Rahel Jaeggi oder Bettina Stangneth oder Eva von Redecker….

9.
Absolut wichtig für uns im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist:
Von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie oder Metaphysik spricht Eilenberger nicht! dDes sind aber die klassischen Themen der Philosophien, die sich als Liebe zur Weisheit verstehen. Angesichts der viel besprochenen Säkularisierung in Europa und dem rasanten Niedergang der Kirchen in Europa ist doch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (auch im Plural natürlich) dringend, auch dringend als Orientierung not – wendig.

Leider gibt es nicht in allen Städten religionsphilosophische Salons, also kleine Schulen der Liebe zur Weisheit. Das Interesse der etablierten Universitätsphilosophie an dem Projekt praktischer Philosophie ist überhaupt nicht dokumentiert, also wohl nicht vorhanden. PhilosophInnen bleiben in ihren Seminarbibliotheken hocken… Die schrumpfenden Kirchen könnten erkennen, dass sie noch hilfreich sein können, wenn sie mit ihrme immer noch reichlich vorhandenen ihrerseits freie Orte des philosophischen und theologischen Austauschs schaffen und wieder mehr offene, undogmatische geistige Präsenz zeigen, gerade in Gegenden, in denen sich der kritische Geist verabschiedet, wie in vielen Bundesländern im Osten Deutschlands. ….Abschied von den Kirchen wird dann das philosophische Thema einer philosophischen Zeitanalyse.

10.
Warum spricht Eilenberger, warum sprechen Uni – Philosophen, nicht von neuen philosophischen Studiengängen: Etwa den Beruf der philosophischen Praktiker, die in freien philosophischen Salons, in der Erwachsenenbildung, in den Schulen, in Galerien, in den Medien usw. diese Liebe zur Weisheit lehren und verbreiten?

11.
Der Beitrag von Wolfram Eilenberger in der „ZEIT“ ist nach unserem Eindruck  inspirierend und – wie gezeigt – weiter führend. Wirklich ins Weite führend wäre eine sehr breite Diskussion über Hegels Verständnis von Philosophie als „Erkenntnis, die ihre Zeit in Begriffen aussagt“. Also: Geschichtsphilosophie wäre doch wohl auch hilfreich. Anläßlich des 150. Geburtstages von Martin Heidegger könnte man die ins Weite führende Frage erörtern: Was gewinnt Philosophie, wenn sie sich intensiv mit Dichtung, Poesie und Kunst befasst?

Vielleicht haben Philosophie  eine Zwischenstellung: Zwischen Wissenschaften und Kunst und Religion? Und trotzdem gehört sie an die Universitäten… wegen ihrer „besonderen Bedeutung“ als Verteidigerin der universell geltenden Vernunft (Kant).

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Die Lehrer der Weisheit und die Flüchtlinge in Deutschland. Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“

Die Lehrer der Weisheit und die Flüchtlinge in Deutschland: Zum neuen Heft „Philosophie Magazin“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie die „TAZ“ am 16. Januar 2016 auf Seite 2 berichtet, hatte Wolfram Eilenberger, Chefredakteur des „Philosophie Magazin“ in Berlin, eine Art philosophische Erleuchtung: Er fand die Planung des ursprünglichen Schwerpunktthemas fürs neue Heft („Sind wir dafür geschaffen in Paaren zu leben?“) höchst unpassend angesichts der drängenden aktuellen politischen Entwicklung in Deutschland und Europa: Darum setzte er durch, dass das Thema Flüchtlinge im Mittelpunkt des Februar Heftes steht. In Abwandlung des ursprünglich vorgesehenen Themas hätte man auch sagen können: „Sind wir Deutschen und Europäer dafür geschaffen, mit vielen tausend Flüchtlingen zusammenzuleben“? Die Antwort „Ja“ hätte von verschiedenen Seiten begründet werden können!

Wie auch immer: Man kann ihm und seinem Team nur gratulieren: 27 PhilosophInnen (mehr Männer als Frauen) sind also in dem Heft auf 20 Seiten, nach einer Einleitung von Wolfram Eilenberger, versammelt. Sie geben unter der großen Leitfrage „Was tun ?“ – angesichts der Flüchtlinge (in Deutschland) – Impulse zum Weiterdenken und Widersprechen, hoffentlich auch zum politischen Handeln. Nicht alle 27 Autoren sind so genannte „Fach-Philosophen“ an Universitäten, einige sind z.B. Professoren der Literaturwissenschaftler oder Politologen. Und das ist auch gut so, denn philosophische Dimensionen melden sich bekanntlich in jeder Wissenschaft und Forschung, vor allem in jedem nachdenklichen Menschen förmlich von selbst. Schade ist in unserer Sicht, dass kein Religionswissenschaftler und kein kritischer Theologen zu Wort kommt. Zeigt sich da eine traditionelle, tief sitzende Abwehr philosophisch arbeitender Journalisten, diese Ablehnung von Religionswissenschaft und kritischer Theologie? Das ließe sich und sollte sich ändern, unserer Meinung nach.

Und schade ist auch, dass kein „Engagierter“ aus der Flüchtlingshilfe, der oder die ja zweifelsfrei auch philosophierend nachdenkt, zu Wort kommt. Denn Philosophie ist sicher immer sehr viel mehr als das, was sich an den philosophischen Uni-Seminaren oder in Fachpublikationen für ein Fachpublikum von ca. 500 Buchkäufern so alles abspielt. Das Philosophie Magazin, in gewisser Weise eine Dependance des großen „Philosophie Magazine“ aus Paris, hält dagegen und vermittelt ein anderes Bild von Philosophie! Dafür sollte man diese Initiative loben. Aber schade ist auch, dass bei dem Thema kein philosophierender Mensch oder gar ein „Fachphilosoph“ aus dem arabischen Raum, und das heißt immer auch aus dem muslimischen Raum, zu Wort kommt. Abgesehen von Souleymane Bachir Diagne, New York und Lamya Kaddor, Bochum.

Aber : Diese kritischen Hinweise einmal beiseite lassend: Das Februar Heft des Philosophie-Magazin verdient alle Aufmerksamkeit allein schon des Schwerpunktthemas wegen. Nebenbei kann man sich auch u.a. mit Henri Bergson befassen und seiner Lehre vom Gedächtnis… und viele wichtige Buchempfehlungen lesen. Wir empfehlen ebenso das Buch „Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert. Ein Epochenbild“ (Rowohlt Verlag Berlin ) von Steffen Martus. Besonders wichtig und zu neuem Handeln auffordernd ist sicher das ausführliche Interview mit dem französischen Philosophen und Soziologen Bruno Latour unter dem Titel:“Die Natur muss ins Parlament“. Dabei geht Bruno Latour von der Erkenntnis aus, dass die Natur nicht länger Objekt, sachliches Ding, ist; sondern Lebewesen, wie die „Große Mutter der griechischen Mythologie“. „Die Erde ist nicht leblos, unsere Umwelt besteht komplett aus Lebendigem“. Dabei bezieht sich Latour oft auf James Lovelock und dessen „Gaia-Hypothese“, ohne dass Latour dabei in eine „esoterische Position“ gerät. Die Ergebnisse des Pariser Klimagipfels 2015 sieht Latour als ermutigend, wenn auch nur als ersten Schritt“ (S.38). Fast noch utopisch, aber richtig, ist Latours Vorschlag, ein Parlament zu schaffen, in dem Vertreter der konfliktreichen Gebiete vertreten sind, Vertreter, die also die bedrohten Wälder, die verschmutzten Gewässer, die sich zurücknehmenden Küsten verteidigen, direkt und ständig. „Wir brauchen einen Rat, der auch die Nicht-Menschen“ vertritt, also die Natur, das ist ein Parlament der Dinge=“.

Um etwas Geschmack am Heft zu machen, und um zum Lesen der Texte selbst aufzufordern, nur einige Zitate aus den Beiträgen zum Thema Flüchtlinge, Beiträge, die zu denken geben. Die Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann (Konstanz) schreibt im Blick auf die unsäglichen Versäumnisse der Deutschen angesichts der Judenvernichtung unter den Nazis: “Die Lehre aus der Geschichte kann nur heißen: Nie wieder ein solcher Mangel an Mitgefühl gegenüber Menschen, die am Nullpunkt ihrer Existenz angekommen sind. Weil wir genau wissen, wozu es führen kann, Menschen als fremd zu etikettieren und ihnen unsere Empathie zu entziehen…“ (S. 48). Der vielseitige, höchst interessante Philosoph Armen Avanessian (von dem wir hoffentlich noch sehr viel hören und lesen werden) schreibt: “Kriegsflüchtlinge sind Opfer einer bellizistischen Wirtschaftspolitik. Und Wirtschaftsflüchtlinge sind Opfer einer Durchsetzung geopolitischer Interessen mit anderen, „nur“ ökonomischen Mitteln“. Und Prof. Julian Nida-Rümelin (München) schreibt im Blick auf die „deutsche Leitkultur“: „Es bedarf keiner spezifisch deutschen Leitkultur, sondern einer alltäglich praktizierten Leitkultur der Humanität, des wechselseitigen Respekts, der gleichen kulturellen Anerkennung, der Akzeptanz von weltanschaulichen und kulturellen Unterschieden“.

Wir könnten uns vorstellen, dass das Heft Philosophie Magazin mit seinem Schwerpunkt „Flüchtlinge“ auch weiter die Philosophie und das Philosophieren mit den aktuellen politischen und sozialen und religiösen Fragen verbindet, damit das Hegelsche Projekt „Philosophie ist die Zeit in Gedanken erfasst“ immer neu belebt wird. Ein Schritt dahin ist mit diesem Heft gemacht.

Im August 2015 hat unser religionsphilosophische Salon einen Beitrag (als Forschungsprojekt) verfasst zum Thema „Philosophen und Theologen, die Flüchtlinge sind“, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

Das Philosophie Magazin erscheint in Berlin, es ist in größeren Zeitungsläden zu haben. Tel. des Verlages:

030 47377118.   email: redaktion@philomag.de

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon