Leszek Kolakowski: Vor 10 Jahren gestorben und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn auf den „König von Mitteleuropa

„Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht nicht darin, die Wahrheit zu verkünden, sondern den ‚Geist der Wahrheit’ herauszuarbeiten. Und das heißt: niemals die Wissbegierde des Verstandes einschlafen zu lassen. Niemals aufzuhören, das zu hinterfragen, was selbstverständlich und endgültig erscheint…“

Was für ein Satz eines Philosophen, der sich der großen Tradition humanistischer und skeptischer Philosophie anschließt: Eine Erkenntnis des polnischen Philosophen Leszek Kolakwoski, an den zu denken und mit ihm zu denken es jetzt allen Anlass gibt: Vor 10 Jahren, am 17. Juli 2009, ist der polnische Philosoph gestorben. Geboren wurde er am 23. 10. 1927 in Radom, einer Industriestadt bei Warschau. Er war als junger Mann in die Kommunistische Partei eingetreten, weil er dort hoffte, nach dem Grauen des 2. Weltkrieges und dem Wahn des Nationalismus (Nationalsozialismus) universale Werte der Menschheit gestalten zu können. Ein Irrglaube, von dem er sich auch als Professor für Philosophie kontinuierlich befreite. Ein Schlüsselerlebnis war die Freilegung der Verbrechen und Massenmorde von Stalin. In der umfangreichen Studie „Hauptströmungen des Marxismus“ wirft er dem ihm bekannten Marxismus “Selbstvergötterung des Menschen“ vor.
Biographische Details lassen sich leicht im Internet finden.

Inspirierend bleiben Kolakowskis Bücher bis heute. Um nur das einleitende Zitat aus dem Buch „Narr und Priester, Ein philosophisches Lesebuch“ fortzusetzen: „Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht darin, immer wieder zu vermuten, dass es auch die ‚Kehrseite’ dessen geben könnte, was wir als sicher annehmen, und niemals zu vergessen, dass es Fragen gibt, die jenseits
des legitimen Horizonts der Wissenschaft liegen und dennoch für das Überleben der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutend sind.
“ (Kolakowski, „Ende der Utopie aufs Neue erwogen“, in: ders: Narr und Priester. Ein philosophisches Lesebuch, hrsg. von Gesine Schwan, Frankfurt/M. 1995, S. 236 – 259).
Da spricht Kolakowski von seiner zentralen, für manche unbequemen Einsicht: Es gibt lebenswichtige Fragen jenseits der Wissenschaften, es gibt also unabweisbare, immer existentiell wichtige und bleibende Fragen nach der Transzendenz, dem Mythos, der Religionen. Es gibt für Kolakowski unbedingte geistige Wirklichkeiten wie Wahrheit, Wert, Sein… Mit dem Thema befasste sich Kolakowski in seinem Exil in Kanada und England ständig; unbequem war er, manche nannten ihn etikettierend „konservativ“. Bewahren wollte er eine moderne Form der Transzendenz, ist das konservativ? Auch hat er leicht nachvollziehbare Einführungen ins Denken „großer“ Philosophen der Vergangenheit verfasst.
Nicht zu vergessen: Jürgen Habermas schätzte Kolakowski sehr und wollte ihn gern 1970 als Nachfolger von Adorno auf dem Lehrstuhl in Frankfurt am Main sehen; was die „Fachschaft“ ablehnte.
In einem seiner letzten Interviews erinnerte Kolakowski daran, dass sich die heutige Welt der Grenzen des eigenen Wohlstandes bewusst sein sollte. Es komme sogar darauf an, die eigenen so selbstverständlichen Wünsche um des Überlebens der Menschheit zurückzustellen. Man könnte das auch VERZICHTEN nennen. Aber das werde nur gelingen, wenn die Menschen ein religiöses Bewusstsein pflegen bzw. neu entdecken.
Sonst werde alles, so Kolakowski, „in furchtbarer Frustration und Aggression enden, was katastrophische Ausmaße annehmen könnte. Der Grad von Frustration und Aggression hängt dabei nicht vom Grad einer absoluten Befriedigung ab, sondern von der Lücke, die zwischen den Wünschen und ihrer wirkungsvollen Befriedigung klafft. Die religiöse Tradition hat uns Beschränkung gelehrt. Alle großen religiösen Traditionen haben uns über Jahrhunderte gelehrt, uns nicht an eine Dimension allein zu binden – die Akkumulation von Reichtum und die ausschließliche Beschäftigung mit unserem gegenwärtigen materiellen Leben. Sollten wir die Fähigkeit verlieren, diese Distanz zwischen unseren Wünschen und Bedürfnissen aufrechtzuerhalten, wäre das eine kulturelle Katastrophe. Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation“. Das Interview mit Nathan Gardels hatte den Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“ (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4455514/Ich-rechne-nicht-mit-dem-Tod-Gottes.html)
Kolakowski war ein vielseitiger Autor, auch begabt im Erzählen und Erfinden phantastischer Zusammenhänge, man denke an sein Buch „Gespräche mit dem Teufel“. Er hat sich auch vielfach mit theologischen Fragen befasst, etwa, so ein Beitrag von Christian Modehn, mit der Bedeutung bzw. Nicht-Bedeutung der Philosophie für die Reformatoren Luther und Calvin. Oder eben mit kurzen Einführungen wie „Mini-Traktate über Maxi-Themen“, Reclam Verlag, Leipzig 2000, Taschenbuch, 108 Seiten. Philosophisch inspirierend sind die Beiträge, die in dem Buch „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“ (1971) zusammengestellt sind. Darin auch der Beitrag „Der philosophische Sinn der Reformation“ sowie sehr lesenswert: „Erasmus und sein Gott“.
Der Leichnam Leszek Kolakowskis wurde mit einem Flugzeug der polnischen Luftwaffe nach Warschau transportiert, von Polens Außenminister Sikorski am Flughafen mit militärischen Ehren in Empfang genommen und auf dem Powszki-Friedhof in einem Staatsbegräbnis beigesetzt. „Polen in Trauer“ titelte die Tageszeitung „Gazeta Wyborczka“ ihren Nachruf und krönte Kołakowski posthum zum „König von Mitteleuropa“.
Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Giorgio Agamben: Was ist Philosophie ?

Ein Buch aus dem S. Fischer Verlag. 188 Seiten. 18 €
Ein Hinweis von Christian Modehn

Philosophie gibt es nur im Plural. Darum ist der Titel irreführend: Der italienische Philosoph bietet in 5 Essays einige Hinweise zu seinem eigenen Denken. Diese zum Teil älteren Aufsätze sind hochkomplex, reflektieren Zeitloses und esoterisch Wirkendes. Sie handeln von „Elementarem“, von der Stimme und dem Sprechen, dem Sagbaren und der Möglichkeit, überhaupt philosophisch zu schreiben. Aber dies interessiert wohl nur den Kreis derer, die sich bereits in das Werk des viel-schreibenden Philosophen vertieft haben. Etwas aktuell-politisch wirkt der Aufsatz über das „Erfordernis“, also über die Vorstellung, dass sich etwas Dringend-Gebotenes in alle seine Möglichkeiten entfalten können sollte. Aber auch dies bleibt für den Autor nur eine „Idee“. Man spürt, dass Agamben beim späten Heidegger studiert hat und dessen allgemeine Abgehobenheit (um nicht zu sagen Esoterik) des philosophischen Denkens hier fortführt. Wer Einführungen ins philosophische Denken sucht, sollte sich anderswo umsehen.

Gregor Dotzauer schreibt in seinem Beitrag über Agamben im „Tagesspiegel“ (14. Juni 2019, Seite 19) sehr treffend: Dass Agamben wohl auch sehr das poetische Denken liebt, „das Schärfe und Unschärfe zwischen den Textgattungen vereint“. Und an anderer Stelle: „Abstraktion und vermeintliche Konkretion gehen (bei Agamben) eine raunende Liaison ein“. Siehe Heidegger. Alles werde „dunkel“. Im ganzen nennt Dotzauer sehr treffend vieles von Agamben Publizierte ein „Vorgehen, das die Würde von Philosophie und Poesie gleichermaßen beschädigt“. Warum? Weil hier Philosophie wie eine Obskur-Wissenschaft betrieben wird, sage ich. Philosophie lebt aber prinzipiell vom Dialog, und Dialog ist nur möglich ohne obskures Raunen. Es gibt ja einen philosophischen Begriff des Geheimnisses, aber der bezieht sich einzig und allein auf die Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Dies ist das einzige „Geheimnisthema“ der Philosophien.
Und man darf sich doch wohl wundern, warum so viele Menschen diesem Geheim-Obscur-Philosophen Agamben nacheifern und ihm – hoffentlich verstehend- zuhören. Es darf doch wohl noch philosophische Philosophen-Kritik geben, ohne dass der Kritiker als Banause hingestellt wird!
Vielleicht lesen dieselben Agamben Freunde auch alsbald wieder den späten Heidegger, etwa „Vom Ereignis“: Dann beginnt hoffentlich das Sein sich ihnen zuzusprechen, falls sie hörend und gehorsam sind und zu Hirten und Horchern des Seins bzw., sorry, des Seyns bzw. Sein (kreuzweise durchgestrichen) werden. Oder vielleicht gleich die „Schwarzen Hefte“ des Schwarzwald-Philosophen lesen und be—denken.
copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ende der Volksparteien – Ende der Volkskirchen

Hinweise, Fragen, Vorschläge von Christian Modehn

1.
Die Volksparteien finden immer weniger Zustimmung, nicht nur in Deutschland. Das ist vielfach dokumentiert worden in den letzten Tagen und Wochen. Besonders dramatisch ist das langsame Verschwinden der SPD: Niemand weiß mehr, wofür diese sich sozial (einst sozialistisch?) nennende Partei steht. Und wer weiß noch, was das „C“ der so genanten Volksparteien CDU/CSU bedeutet, außer: Abwehr der Sterbehilfe und Eintreten für Pro Life und für Privatschulen! Dabei ist auch durch die Vereinnahmung des Begriffes „Volk“ durch rechtsextreme Parteien dieser Begriff Volk ohnehin problematisch geworden. Wer gehört denn zum so genannten deutschen Volk? Nur die AFD Mitglieder und Wähler etwa? Nicht aber die seit langem hier lebenden Deutschen (mit deutschem Pass) etwa türkischer Herkunft? Auch die Menschen, die als Flüchtlinge hier Zuflucht suchen und finden, gehören zum „deutschen Volk“. Sie sind doch nicht auf ewig Staatenlose!.Von daher ist es gut, dass der Begriff Volks-Partei auch langsam verschwindet.Zumal Volk und Nation bzw. Nationalismus eng verbunden sind. Nationalismus aber das Grundübel unserer Welt ist.
2.
Es drängt sich eine weitere Erkenntnis auf, und dies ist überhaupt keine Attacke eines philosophischen Religionskritikers: Auch die so genannten Volkskirchen werden als Großorganisationen verschwinden. In England sind diese Kirchen längst verschwunden, genauso in Frankreich, in Spanien, in den Niederlanden, Belgien, selbst in Irland: Überall dasselbe Bild. Ich will diese Erkenntnis nicht durch tausend Belege ins Endlose steigern. Denn die Erkenntnis vom Ende der Volkskirchen in Europa ist eine unumstößliche religionssoziologische Tatsache. Die Menschen, vor allem die Jüngeren, distanzieren sich von den einst sich Volkskirchen nennenden Kirchen. Wenn es diese Volkskirchen als Versammlung unterschiedlicher Menschen unterschiedlicher Kulturen und unterschiedlicher Lebenseinstellungen denn jemals gegeben hat: Dann wäre der Verlust dieser offenen, von Gleichberechtigung aller Mitglieder geprägten Volkskirchen tatsächlich ein Verlust. Aber diese offenen, all-umfassenden, d.h. im Wortsinne katholischen Volkskirchen hat es wohl nie de facto gegeben. Die Volkskirchen hatten stets den Mief des Kleinbürgerlichen, Anti-Intellektuellen und Autoritären gehabt. Und die Restbestände dieser Volkskirchen haben noch immer diese „Qualitäten“. Oder kann mir jemand Intellektuelle, Künstler, Wissenschaftler, Journalisten nennen, die sich explizit etwa zur katholischen „Volkskirche“ in Deutschland oder in Holland oder in Frankreich bekennen und diese auch verteidigen und mit ihren freien Beiträgen auch verändern und „bereichern“? Das Eintreten für die Volkskirchen leisten sich nur noch Katholiken, die von der Institution fest angestellt sind und von der Instutution bezahlt werden.
3.
Für Deutschland lautet die neueste Prognose der Forscher-Gruppe um Bernd Raffelhüschen: In 40 Jahren, also 2060, „haben die Kirchen in Deutschland halb so viele Mitglieder und halb so viel Geld wie heute“. Auch diese Studie wurde mehrfach diskutiert. Wenn denn diese „Halbierung“ nicht schon viel früher kommt. Und sie versetzt die Kirchenführungen in eine gewisse Krise, und zwar vor allem: Weil das Geld knapper wird.
4.
Selbst die Kirchenmitglieder wissen nicht genau, wofür diese Kirchen eigentlich noch stehen: Sind es die Weihnachtsgottesdienste, die noch ein bisschen dafür sorgen, dass die Menschen noch Mitglieder der Kirchen bleiben, oder die Wallfahrten oder die Konfirmations/ Erstkomunions-Festlichkeiten, oder die soziale Arbeit in „Trägerschaft“ der Kirchen-Institutionen, wobei der Staat ganz überwiegend dafür das Geld gibt…Vielleicht bleiben viele noch Kirchenmitglieder, weil diese Kirchen gut eingepasst sind in die bürgerliche Ordnung. Bürgerliche „Werte“ vertreten. Klar ist: Diese Kirchen stören nicht den staatlichen Betrieb. Sie fordern mal dies und mal das, überall ein bisschen mehr Gerechtigkeit, aber keine globalen Veränderungen oder Revolutionen zugunsten des Lebens der Zweidrittel hungernder Menschen weltweit. Zugunsten einer radikalen, aber hilfreichen Klimapolitik usw.
5.
Wer wirklich weiter kommen will in der Auseinandersetzung mit dieser Frage, muss sehen: Die Menschen haben kein Interesse mehr an diesen Volks-Kirchen, keineswegs nur, weil so viele Priester des sexuellen Missbrauchs überführt wurden; nicht nur weil der Klerus und die Pfarrerschaft so viel Herrschaft nach wie vor haben.
6.
Allein diese Erkenntnis ist wichtig, und sie wird viel zu wenig diskutiert: Die Menschen verlassen die Kirchen, weil sie mit den tradierten und immer wiederholten und gedankenlos nachgesprochenen LEHREN dieser Kirche nichts mehr anfangen können. Die Kirchen sind dermaßen an die alten Dogmen seit dem 3. Jahrhundert gebunden, dass sie keine Kraft haben: Heutiges Leben im Transzendenz-Horizont zu erzählen und zu deuten. Sie verwenden in den Gottesdiensten und den Predigten allzu oft erstarrte Formeln und Floskeln, die niemand als Deutung der eigenen Existenz versteht. Wer etwa die offiziellen Weihnachtslieder in den Kirchen noch mitsingt oder die Karfreitags-Ostern -Choräle, der muss förmlich seine Vernunft ausschalten und wie in eine ferne Märchenwelt flüchten. So werden Gottesdienste zu Orten sentimentaler Kindheitserinnerungen. Man hat vielleicht Tränen in den Augen, aber seelisches Reifen, ein neues Miteinander, passiert nicht.
7.
Mit anderen Worten: Die Kirchen verschwinden gerade wegen ihres so orthodoxen, so korrekten Festhaltens an den alten Dogmen.
8.
Sie verschwinden, weil sie keine Kraft haben, die alte Liturgie im Gottesdienst beiseite zu stellen und ganz neu Feiern des Lebens, Feiern des Suchens, Feiern der Transzendenz in den Kirchen zu gestalten. In den Kircheninstitutionen herrscht totale Angst, „Wesentliches“ aufzugeben, gerade deswegen leeren sich die Kirchen permanent. Wegen dieses Festhaltens an uralten, aber leer gewordenen Lehren. Die Kircheninstitutionen werden wohl keine Kraft mehr zu haben, ihre Lehren und Gesetze sehr schnell und kräftig zu entrümpeln. Die Starre herrscht vor und die starren Herrscher haben das Sagen. So werden die Kirchen förmlich an ihrer eigenen Traditionstreue unsanft entschlafen. Was es heißt, „Einfach zu glauben“, habe ich immer wieder versucht zu beschreiben, auch im Zusammenhang der neuen liberalen Theologie, für die sich auch der protestantische Theologe Wilhelm Gräb einsetzt. In Holland ist die protestantische Remonstranten Kirche die einzige, die für eine konsequent liberale Theologie eintritt.
9.
Das Verschwinden der Volkskirchen führt vor allem philosophisch zu der Frage: Wer tritt dann noch für Transzendenz ein, wer stellt noch die Gottesfrage. Dabei ist klar: Der Gott dieser Volkskirchen war der griffige Gott, der handhabbare, der als Herrscher gefürchtet, als lieber Gott wiederum verehrt wurde. Wie viel Aberglaube in Form des maßlosen Wunderglaubens wurde von den Kirchen verbreitet? Pater Pio, der angeblich stigmatisierte Volksheilige, ist bekanntlich in Italien bekannter als Jesus Christus. Tatsache ist: Der weitverbreitete Wunderglaube stört die Entwicklung kritischer Vernunft, auch im politischen Bereich. Der irrationale Volksglaube und die irrationale Politik sind eng verklammert. Auch das wird zu selten untersucht: Ist die Kirchenführung korrupt, wie in Italien, Spanien und Lateinamerika, leisten sich die Menschen guten Gewissens auch die Freiheit, wie der „vorbildliche“ Klerus selbst korrupt zu sein, siehe Italien heute wie gestern.
10.
Philosophisch muss man sich dringend die Frage stellen: Wo wird die Frage nach der Transzendenz, die Frage nach dem Göttlichen, neu gestellt, ohne naiven Wunderglauben, ohne klerikale Bevormundung?
11.
Es müssten viele Orte entstehen, in denen in aller intellektuellen Freiheit um diese Fragen gerungen werden kann. Dies wären Plätze, die man „Orte und Schulen des Lebens“ nennen könnte, wo Menschen selbst bestimmt im Dialog zu einem reifen Verständnis ihrer selbst und möglicherweise der Transzendenz gelangen. Dort kann auch die Mystik wieder entdeckt und gepflegt werden, die Mystik eines Meister Eckart oder eines Johannes vom Kreuz oder die Mystik Dietrich Bonhoeffers in den letzten Wochen seines Lebens,um nur Beispiele aus dem christlichen Bereich zu nennen.
12.
Das Ende der Volkskirchen stellt also neue Fragen nach der Zukunft und der entsprechenden Verbreitung religionsphilosophischer Gesprächskreise oder Salons.
13.
Was wird beim Ende der Volkskirchen aus den Treffpunkten, die nun einmal viele volkskirchliche Gemeinden haben? Bleiben sie weiterhin wie die vielen Kirchengebäude verschlossen? Werden die vielen zu Konzerthallen dann umgewandelten Kirchengebäude noch Orte religiöser Musik sein, werden sie Orte der Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur und Philosophie werden? Orte der Verabredung für politische Aktionen zugunsten einer gerechten Gesellschaft?
14.
Wo kann in vernünftiger, argumentierender Weise noch von den Propheten der Bibel, und damit auch von Jesus von Nazareth, gesprochen werden? Wird prophetische Gesellschaftskritik noch einen Platz haben?
15.
In jedem Fall kann das Ende der Volkskirchen eine Chance sein, so dass jeder sich selbst fragt: Was ist eigentlich der Mittelpunkt meines Lebens? Wo will ich hin, welches Leben will ich selber führen in dieser verrückten Welt? Insofern kann das Ende der Volkskirchen auch einen neuen Aufschwung bieten für eine neue Vielfalt spiritueller Gruppen.
16.
Vielleicht kann nun die plurale Verbundenheit mit mehreren spirituellen Traditionen besser gelebt werden, etwa Christentum-Buddhismus oder Christentum-Sufitraditionen; Christentum und skeptische Philosophie…
17.
Der Bedarf an Gesprächen wird also bleiben. Seelsorge, wenn man so will, wird wichtig bleiben; vielleicht werden die Menschen einander helfen, sich um ihre Seele zu sorgen. Und politisch gemeinsam zu handeln: Dass diese Welt nicht durch die Verblendung unfähiger Politiker und raffsüchtiger Ökonomen untergeht. Dass die gestressten Pfarrer heute noch Seelsorger, qualifizierte Seelsorger sind, glaubt eigentlich niemand mehr so recht. Welcher Pfarrer ist schon bereit, mit anderen die Poesie der Seele, also das persönliche Beten, zu lehren? Geschweige denn, Meditieren zu lehren? Oder vernünftige Auskunft über den Glauben zu geben?
18.
Manche meinen, das Ende der Volkskirchen bewirkt den Aufstieg der so genannten Freikirchen, also der evangelikalen oder pfingstlerischen Kirchen und Gemeinschaften. Das mag faktisch so sein, weil diese Kirchen oft eine sehr emotionale Gemeinschaft bieten. Aber ihre theologische Lehre ist so schwach, so wenig vernünftig vermittelbar, dass diese so genannten Freikirchen keine Kraft haben, diese Welt vernünftig zu gestalten. Bestes Beispiel ist jetzt der brasilianische Präsident Bolsonaro, der als Ex-Katholik leidenschaftliches Mitglied einer dieser Freikirchen ist: Seine politische Konzeption und Herrschaft nennen viele objektive Beobachter einfach nur faschistisch. Aber: Der Widerstand gegen diesen Wahn regt sich! Vielleicht wird Bolsonaros Freund, Mister Trump, endlich durch eine Art Aufstand der Anständigen in den USA aus dem Amt gefegt. Aber auch dort sind es die Evangelikalen und Pfingstler, die an Mister Trump, stur und dumm festhalten. Die einst machtvollen „mainline-Churches“, also gewissermaßen Volkskirchen der USA, sind ebenfalls zu schwach, wie die Episcopals, einige Lutheraner, Presbyterians usw…Die Katholiken sind heillos zerstritten und müssen alle Energien aufwenden, um die maßlosen Verbrechen vieler Priester „aufzuarbeiten“. Der sexueller Missbrauch im Klerus verhindert also den kritischen gesellschaftlichen Elan.
19.
Dringend wäre ein Bündnis mit den jungen Menschen, die etwa in den Friday-for-future-Demos die Bewahrung der Natur und der Menschen JETZT einfordern. Diese Bewegungen junger Menschen sind außerhalb der Kirchen entstanden, das ist bezeichnend. Vielleicht sollten wir uns also nicht zu viele Sorgen machen, wenn die Volkskirchen klein und kleiner werden. Der Geist, der heilige, weht eben wo er will und wann er will: Und der Geist weht in diesen Bewegungen junger Menschen, ohne dass man diese gleich heilig sprechen muss. Aber in allem Nein zu lebensfeindlichen und unvernünftigen politischen Konzepten der kapitalistischen Herrschaft zeigt sich der Geist der heilige. Der heilige Geist liebt das Nein, die dialektische Bewegtheit, das lehrt uns Hegel.
20.
Wie auch immer es mit den „Volkskirchen“ weitergeht: Ihr Ende haben sie zum großen Teil selbst zu verantworten. Schuld daran sind sie selbst wegen ihrer dogmatischen Erstarrung und bürokratischen „Herrlichkeit“. Und nicht, wie etwa der Religionssoziologe Detlef Pollack vermutet (in: Christ und Welt, 29. Mai 2019, Seite 1) ist verantwortlich zu machen „das wachsende Einkommen heute“, womit sich „immer mehr Menschen die säkularen Waren -und Freizeitangebote leisten“. Solche Äußerlichkeiten, „wachsendes Einkommen“, zählen nicht!
Zu fragen wäre ja, ob denn tatsächlich in den Blütezeiten der Volkskirchen, als man noch um 1900 riesige Kirchen mit 1000 Sitzplätzen baute, tatsächlich die Kirchgänger und Kirchenmitglieder freiwillig und aus Überzeugung und innerem Bewegtsein die Gottesdienste besuchten. Studien zeigen: Dies waren meist nur äußerliche, oft von den Arbeitgebern erzwungene Kirchenbindungen. Sonst hätten sich doch nicht Christen aus Deutschland und Christen aus Frankreich in dem Getümmel des Ersten Weltkrieges gegenseitig totgeschlagen. Die Volkskirchen offenbaren also ihre innere Schwäche. Sie haben die Menschen nicht nachhaltig geprägt, nicht friedlicher gemacht, sondern eher noch im Nationalismus, dieser Ursünde, bestärkt.
21.
Ist es also so „schlimm“, wenn diese Volkskirchen zur Minderheit werden? Ich meine: Eher nicht. Denn: Der Geist, der heilige, weht wo er will (vgl. Johannes Evangelium 3,18). Er weht auch vermehrt außerhalb der Kirchen, in den Aktionen zugunsten der Menschenrechte z.B., im Kampf gegen Nationalismus und Rassismus, im Eintreten für den Schutz der noch verbliebenen Natur…Es gibt ja bekanntlich in der philosophischen Überzeugung eine große “Kirche“ der Menschen außerhalb der (Volks)Kirchen, also die Gemeinschaft derer, die sich vom Geist, der Vernunft und der Empathie leiten lassen. Für den Propheten Jesus von Nazareth war dies am wichtigsten im Leben eines Menschen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Hässliches Sehen. Ein neues Buch der Philosophin Bettina Stangneth

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bettina Stangneth, inzwischen weltweit bekannte Philosophin und Historikerin in Hamburg und Interpretin der (religionsphilosophischen) Werke Immanuel Kants, hat ein eher knappes Buch mit dem Titel „HÄSSLICHES SEHEN“ vorgelegt. Es fällt mit 142 Seiten viel kürzer aus als ihre früheren Bücher über das Lügen und das Böse. Wobei die Autorin in ihrem neuesten Buch pragmatisch gesteht: “Dass sich das Böse, die Lüge und das Hässliche leichter an den Leser bringen lässt als das Gute, Wahre und Schöne … habe ich erst durch die Praxis gelernt“ (S. 142). Dies wäre ein Thema, ob sich ein Philosoph diesem Trend anpassen sollte, um wahrgenommen zu werden. Ich bezweifle das.
Was mir mehr Mühe bereitet ist der irgendwie zwiespältige Titel: HÄSSLICHES SEHEN. Im Buchumschlag selbst sind beide Begriffe immer groß gedruckt, so dass man zuerst erwartet, dass tatsächlich „Objekte“ mit Hässliches gemeint sind. Aber auf Seite 75 wurde ich irritiert, weil da „hässlich“ offenbar als Qualität des Sehens selbst gemeint ist. „Wer moralisch zu bessern versucht, indem er die Menschen das hässliche („hässliche“ klein geschrieben, CM) Sehen lehrt, erteilt die Lizenz zu hassen…“ Wie kann das Sehen selbst hässlich sein? So eine Art böser Blick? Etwas „Verhextes“ im Blick selbst? Aber kann man diese hässliche Qualität des Sehens „lehren“? Oder liegt da ein Druckfehler vor? Offenbar nicht. Denn „hässliches Sehen“ (hässlich wieder klein geschrieben) kommt auf Seite 66 noch einmal vor.
Mühe macht vor allem die erwartete eher stringente Argumentation zum Thema; alles ist dicht geschrieben, konzentriert, über einzelne schöne (!) Sätze könnte man lange meditieren. Aber es sind meines Erachtens eher 14 in sich stehende Essays in dem Buch enthalten, die das Denken der Philosophin selbst in einer gewissen Unmittelbarkeit des Ringens zeigen. Das ist schon interessant. Aber das Thema Hässliches Sehen (oder auch das hässliche Sehen) erschließt sich nicht unmittelbar überall, so sehr auch manche Reflexionen zur Erkenntnistheorie, zur Verteidigung der Aufklärungsphilosophie im Sinne Kants, zu Fragen der Identität irgendwie damit zu tun haben.
Oft ist auch vom „dialogischen Denken“ die Rede. Aber Dialoge im unmittelbaren Sinne mit mehreren gleichberechtigten Gesprächspartnern kommen jedenfalls nicht vor; gemeint ist mit „dialogisch“ wohl der innere Dialog der Philosophierenden selbst.
Aber warum ist die Beschäftigung mit dem Sehen des Hässlichen denn so wichtig, um es einmal bei dieser Objektbezogenen Eingrenzung des „Hässlichen“ zu belassen. Damit wir im Angesicht des Hässlichen aus der so einfachen und so schnellen Haltung der aufgespreizten, wichtigtuerischen und egozentrischen Empörung herauskommen. Und warum ist diese Empörungs-Haltung so falsch? Sie bleibt äußerlich, meint Bettina Stagneth, führt nicht zur kritischen Selbstreflexion und damit zur menschlichen Reife, sage ich in meinen Worten.
Aber ist das wirklich immer so? Waren denn die erfolgreichen Plädoyers von Stephane Hessel für die Empörung so unsinnig? Haben sie nicht viele tausend Empörte, Indignados in Spanien usw., vereint? Natürlich sind auch AFD Leute und andere Unvernünftige empört. Also gibt es treffende, nach vorne weisende Empörung zugunsten besserer Demokratie und eben auch reaktionäre Empörung zur Abschaffung der Demokratie. Irgendwie hätte ich in dem Buch mehr Konkretes, Politisches, gewünscht. Der Text ist eben zu kurz! Zu schnell? Ist denn die Einschätzung von etwas als Hässlichem so eindeutig? Sind die Kunst – Objekte von Joseph Beuys etwa nicht bewusst etwas Hässliches, aber gerade darin eben erstaunliche Kunst?
Gewiss, viele einzelne Hinweise von Bettina Stagneth geben zu denken, etwa der Kult um Vorbilder, die Sehnsucht nach Helden. Aber das sind nicht hässliche Gestalten. Und: Aber warum sehen so viele Menschen gern und so oft objektiv Grausames, also Hässliches, also Mord und Krieg und Waffen und Gemetzel? Ich hätte gern nachvollziehbar gelesen, ob der Anblick von ca. 100 Leichen pro Fernsehabend in der Distanz des Zuschauers als abstoßend, als so Hässliches, erlebt werden, dass man sich dann ekelerregt hochherzig dem Guten und Schönen zuwendet? Oder stärken diese ca. 100 Leichen pro Fernsehabend, trotz schauspielerischer Glanzleitungen manchmal, auch den Trend, sich selbst auf den Weg des Hässlichen zu begeben, weil ja da Hässliches und Böses in eins fallen. Hat das internalisierte Hässliche, also das hässliche Ästhetische, die Kraft, ins Böse, ins Böses-Tun, umzuschlagen? Wenn ich etwa bei google den Suchbegriff „Mord nach einem Vorbild im Fernsehen“ eingebe, erhalte ich am 14.5.2019 1.060.000 Ergebnisse, u.a auch zu „Columbine“ ! Indem die ja wohl manchmal hübsch anzusehenden Waffen tatsächlich nach Mord und Totschlag als hässlich gedeutet werden, weil mörderisch, kippt das Ästhetische ins Moralische, ins Böse, um.
Interessant, dass die Religionsphilosophin Stangneth auch ganz knappe Hinweise bietet zum Kreuz Jesu, an dem sich ein „allein gelassener Mann … unter Schmerzen windet“ (S. 100). Wie können fromme Christen solch ein hässliches Bild wertvoll finden, fragt Bettina Stangneth? Die Antwort ist: Weil diese gebildeten Frommen die ganze Lebensgeschichte dieses Jesus von Nazareth kennen und wissen, dass er wegen seiner radikalen Menschenfreundlichkeit umgebracht, ans Kreuz gehängt wurde. Sie sehen also im Gekreuzigten den ganzen historischen Menschen. Übrigens haben die ersten Christen das Kreuz als Symbol für Jesus gar nicht gekannt, sie verwendeten eher das Symbol des Fisches, ICHTHYS auf Griechisch, aber das ist ein anderes Thema. Der sehr originelle Salzburger Theologe Gottfried Bachl ist übrigens einer der wenigen, die sich mit dem Thema „der hässliche Jesu“ explizit auseinandersetzten, in seinem lesenwerten Buch „Der schwierige Jesus“ (Tyrolia Verlag, 1966, dort S. 77 ff.)
So eröffnet das Buch „Hässliches Sehen“ viele weitere Fragen, die einer ausführlicheren Reflexion noch bedürfen. Aber ist das nicht schon ein schönes Prädikat für ein philosophierendes Buch?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Muttertag: Erlebnis des Schöpferischen. Hinweise zu einer Philosophie der Geburt und des Geschaffenseins. Anläßlich des „Muttertages“

Erlebnis des Schöpferischen: Hinweise zu einer Philosophie der Geburt. Nicht nur angesichts des „Muttertages“

Von Christian Modehn am 10.5. 2014 und leicht überarbeitet am 10.5. 2019.

Zur Überarbeitung: Ich muss gestehen, ich habe diesen nun 5 Jahre alten Text von mir noch einmal gern gelesen. Und viele andere haben es getan. Weil dieser Hinweis die Banalität eines Kommerz-Festes überwindet zugunsten eines tieferen Denkens und Lebens/Liebens.

Ins Philosophieren kommt jeder Mensch immer. Auch angesichts von Feiertagen, die ein auf Kommerz und Konsum ausgerichtetes Ziel haben, wie dem „Muttertag“. Kann es also eine „Philosophie des Muttertages“ im Ernst geben? Naturgemäß heißt die Antwort „Ja. Denn kein Ereignis dieser Welt entzieht sich philosophierender Betrachtung. Und diese tief im Alltag verwurzelte philosophische Denkweise ist bekanntlich der  legitime Ausgangspunkt, um dann in ein systematisches philosophisches Denken weitergeleitet zu werden. Philosophie ist für uns im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ kein „l´ art pour l´ art“ Spielchen, kein Jonglieren mit Begriffen.

Nun also der Muttertag: Da wird philosophisch daran erinnert, und wir sollten diese dem ersten Hinblick nach banal erscheinende Aussage wirklich bedenken, dass wir alle geboren wurden; dass wir alle eine Mutter (und einen Vater) haben, die uns freundlicherweise unter Schmerzen zur Welt brachte und – in den allermeisten Fällen – nicht sterben ließ, sondern irgendwie liebevoll behütete; dass wir alle aus einer sexuellen Begegnun, welcher Art auch immer, hervorgegangen sind; dass ohne Sex, auf welche Art auch immer, kein personales neues Leben ist (das sagen wir nebenbei jenen, die Sex peinlich oder gar schmutzig finden und am liebsten nur für die Zeugung gelten lassen, wie etwa der heilige Augustinus. Dass wir alle uns dann als Wesen, die aus dem Mutterleib befreit wurden, Geschöpfe nennen, also Geschaffene sind. Auch die Eltern wurden geschaffen, sie sind selbst Geschöpfe… Und wir alle sind in dieser Konkretheit unserer Existenz naturgemäß immer auch genetisch „zufällig“ geprägt, später von der Umwelt, von der Gesellschaft usw. Aber jeder und jede bringt doch auf seine/ihre Weise das individuelle Eigene und Einmalige mit. Ist das nicht erstaunlich? Warum vergessen wir so schnell solche Einsichten?

Der Mensch ist also in dieser Sicht ein Geschöpf, ein Wesen, das in die Welt gelangt, das dann für sich die Freiheit des Anfangs erlebt, dieses Herausforderung bzw. das Glück des Neuen erleben ja auch die Mütter und die Väter. Geborenwerden ist die Erfahrung: Etwas einmalig Neues, eine neue Person, betritt diese Welt: Eine einmalige Person.

Diese Philosophie der Geburt bzw. des Geborenwerden verändert das „Klima“ des philosophischen Nachdenkens: Sartre und andere sprachen vom Geworfensein. Das Baby soll also ein Geworfenes sein. Eigentlich furchtbar, man könnte dabei hart aufprallen nach dem „Wurf“ des (ja welchen?) Werfenden. Emile Cioran liebte wohl diesen Gedanken, als er in seiner Lust des Neinsagens vom „Nachteil geboren zu werden“ sprach. Auch Erich Fromm hat in seinem Text „Wege aus einer kranken Gesellschaft“ (1955)  die Geburt als etwas Negatives angesehen. Und zwar, weil der Neugeborene und Unbeholfene und Gefährdete, also das winzige Baby, „einen sicheren Zustand, der relativ bekannt ist (im Mutterschoß) für einen anderen Zustand aufgibt, der neu ist und den man noch nicht beherrscht“ (Erich Fromm, Gesamtausgabe, Band IV, Seite 23).

Hannah Arendt hat (als Frau, also doch etwas anders denkend, anders fühlend?) sich gegen diese Negativ-Deutungen des Geborenwerdens zurecht argumentativ gewehrt, als sie ihre Philosophie der Natalität entwickelte.Und eine Sensibilität beschrieb, die in der Lage ist, das Wunderbare des Neuanfangs mit jedem neu geborenen Menschen zu bedenken.

Der Mensch ist also Schöpfung: Der geborene und geschaffene und eher zufällig SO entstandene Mensch kann nur staunen über die Konkretheit seines Wesens. Das Erstaunliche ist nicht in fernen Himmelswelten, das Erstaunliche sind wir selbst als Geschöpfe. Die von Heidegger und Sartre her lancierten Begriffe, die ja durchaus in einem ontischen Verständnis irritierend klingen, etwa das Geworfensein, werden so überwunden.

Wie könnte eine Philosophie des Daseins und damit das durch sie geprägte Lebensgefühl aussehen, wenn nicht in den Köpfen die Geworfenheit und das Sein zum Tode“, sondern das Erstaunen über die Neuschöpfung, d.h. die Geburt, im Mittelpunkt stehen würde? Bestimmte philosophische Grundwörter, „Slogans“,  haben das Denken sehr vieler Menschen in eine begrenzte Sicht der Existenz geführt. Eine Philosophie der Geburtlichkeit, des „Geschaffenseins“, korrigiert das nahezu ständig zitierte Wort Heideggers vom „Vorlaufen in den Tod“ (Sein und Zeit). Vielleicht sollten wir eher auch „Zurücklaufen“ in das Wunderbare des Geborenseins/Daseins und von daher eine andere Fundamentalontologie bzw. Phänomenologie des Daseins entwickeln, die Rücksicht nimmt auf das Erstaunliche des Anfangs. Natürlich wäre es im Rahmen einer „alltäglichen Metaphysik“ oder auch „alltäglichen Phänomenologie“ möglich und wohl auch erlaubt, nach dem „Werfenden“ zu fragen, also nach dem, der da wirft, wenn man schon von Geworfensein groß tönend redet.

Jedenfalls verändert sich der Blick auf den Menschen grundlegend, wenn auch das GeborenWERDEN als zentrale und grundlegende Dimension des DASEINS mitbedacht wird. Dann kommt die Dimension des Erstaunlichen hinein, vielleicht des Wunderbaren des Menschseins. Eine neue Anthropologie (oder Fundamentalontologie) könnte entstehen.  Dann wird aber auch das viel besprochene und so oft wie selbstverständlich zitierte „Sein zum Tode“ (Heidegger) als Form der absoluten Endlichkeit in ein anderes Licht gerückt werden. Wird der Schöpfer jemals sein Geschöpf verlassen? wäre eine Frage, die ins Religionsphilosophische weist.

Das (von Heidegger und anderen so viel beschworene) „Ganze des Daseins“ ist dann eben nicht mehr so einfach überschaubar, weil wir unsere Herkunft als Geschaffene aus dem Göttlichen gar nicht exakt überschauen. Wir entstammen sozusagen einem „offenen Beginn“, weil wir eben nicht wissen, was Schöpfung eigentlich exakt und wissenschaftlich bedeutet. Die Naturwissenschaft wird darauf ohnehin keine Antwort geben, sie untersucht das bereits Vorhandene, Gegebene, nicht aber die Welt ALS Schöpfung. Die Grenzen werden also fließend, wenn wir nicht genau „wissen“, woher wir kommen. Dieses Verschwinden exakter Grenzen ist ein Gewinn. Das Geheimnis des Lebens lässt sich nicht definitiv, also umgrenzend, festschreiben und festlegen.

Und der Tod steht in neuem Licht da. Vielleicht als Rückkehr in die Herkunft des Schöpferischen? Aber wer oder was ist denn das Schöpferische aller schöpferischen Akte? Kann man bei dieser Frage, tastend-suchend, im Ernst auf eine Wirklichkeit verzichten, die in einer langen religiösen und philosophischen Tradition „das Göttliche“ oder „Gott“ genannt wurde?

Der immer wieder erlebte, eher arrogant wirkende Stolz vieler Philosophen, von Heidegger angestoßen, das ganze Daseins („ganz“ definiert durch den Tod) zu überschauen, kommt also etwas ins Weiter-Fragende „Schleudern“. Und das ist gut so. Philosophisch sollte man auch über gängige und wie Dogmen gehandelte philosophische Sätze hinausdenken und … weiter suchen.

Insofern gilt: Schön, dass es einen Muttertag gibt. Er gibt nämlich Neues zu denken …und zu leben, beleben. Dieser Feiertag lädt ein zum Philosophieren, verstanden als Form der Lebensorientierung. Ohne dabei die Dankbarkeit gegenüber der Mutter (und dem Vater) zu vergessen…und dann doch das Leben, unser Leben, zu feiern. Gemeinsam, wenn es denn noch möglich ist in dieser Unkultur des totalen Invidualismus.

Copyright: Christian Modehn. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Misstrauen – Vom Wert eines so genannten Unwertes

Ein Religionsphilosophischer Salon am 3.5.2019
Hinweise zur Einführung von Christian Modehn

Ich beziehe mich auch auf einige Vorschläge und Einsichten, die Florian Mühlfried in seinem Buch „Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes“ (Reclam, 2019) nennt.

Es geht also um die Erkenntnis: Misstrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Wert. Und Vertrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Unwert. Die strikte Trennung, das absolute Gegeneinander von Misstrauen und Vertrauen, ist philosophisch also Unsinn: Tugenden können Laster sein und umgekehrt. Darauf hat etwa der Philosoph Martin Seel in seinem Buch „111 Tugenden – 111 Laster“ (Frankfurt 2011) hingewiesen.
1.
Misstrauen steht begrifflich nahe zur Skepsis. Sie ist meist identisch mit einer Haltung, einer ziemlich umfassenden Lebensform, dem Skeptizismus.
Dieser Skeptizismus als Lebensform, (beschrieben von Sextus Empiricus, bezogen auch auf Pyrrhon) lehrt: Der Mensch sollte sich aller Urteile enthalten, denn alle Dinge und alle Erkenntnisse sind gleichwertig. Keine Bevorzugung für angeblich Wahres und Falsches. Diese Haltung wird praktiziert, um zur individuellen Seelenruhe als dem Ziel des menschlichen Lebens zu kommen. Die Haltung, die dahin führt, ist das ständige Fragen, besonders das Zweifeln an allem.
Skepsis ist aber in sich widersprüchlich: Denn Skepsis wird vom Skeptiker als Wahrheit empfunden, also bevorzugt. Und: Allen Dingen kann der Skeptiker auch nicht gleichgültig gegenüberstehen: Etwa dem eigenen Schmerz. Als Ausweg kann man Skepsis als eine private Überzeugung gelten lassen, wie dies Montaigne tat.
Skepsis und Zweifeln als Aktivität des Geistes sind eng verbunden. Methodisches Zweifeln in der Wissenschaft soll gerade zu sicherer Erkenntnis führen, wenigstens vorübergehend.
Misstrauen ist mehr emotional strukturiert. Zweifeln mehr intellektuell.
2.
„Misstrauen“, darauf weist Florian Mühlfried zurecht nachdrücklich hin, ist ein politisch aktuelles Thema: Ich konkretisiere diese Einsicht: Etwa jetzt im Umfeld der Europa Wahlen im Mai 2019, wo von den Populisten so viel Unwahres, so viele Fakes, verbreitet werden, dass eine tiefe Irritation erzeugt werden soll unter den Bürgern. Bestimmte extrem rechte Parteien, wie die AFD, fordern z.B. die Schüler auf, misstrauisch gegen ihre Lehrer zu sein und bei „linken“ Äußerungen der Lehrer diese anzuzeigen. Die FPÖ will die Pressefreiheit behindern (siehe den Kampf um die Pressefreiheit im ORF).
Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und Werten wird von populistischen Parteien verbreitet. Damit wird das Vertrauen als Basis des Miteinanders erschüttert. Lügen sind nicht nur auf den engeren intellektuellen Bereich bezogen; sie haben eine globale zerstörerische Kraft. Dies will Mister Trump. Und den Bürgern gelingt es bis jetzt nicht, dieser Herrschaft ein Ende zu setzen… Wie kann Demokratie so schwach sein???
Das Paradoxe ist ja heute: Demokraten müssen ebenfalls Misstrauen entwickeln gegenüber gewählten Politikern, etwa Trump, Orban, FPÖ Leuten, Polnischen Herrschern, etc, die ebenfalls Misstrauen verbreiten als ihre politische Strategie zur Zerstörung von Demokratie. Der Unterschied ist: Diese genannten Politiker wollen eine ganze andere politische Ordnung, letztlich außerhalb der Menschenrechte. Die misstrauischen Bürger hingegen kämpfen um eine bessere Gestalt der Demokratie und der Geltung der Menschenrechte.
Wir wollen mit unserem Misstrauen, unserer Skepsis, unserer Pflege der unabhängigen Medien etc., die Menschenrechte weiter beleben und die liberale und soziale Demokratie.
Ohne Misstrauen kann keine Demokratie bestehen. Die Politiker sollten froh sein, wenn misstrauische Bürger ihnen beim „Politikersein“ zusehen und Einspruch erheben, Widerstand leisten. Nur das ist Demokratie. Am schlimmsten wird es, wenn die Opposition erlahmt, schweigt oder gar von der Regierung, wie der FPÖ in Österreich, letztlich als überflüssig betrachtet wird. Das ist das Ende einer noch so bescheiden gewordenen Demokratie.
Schlimm sind die Regime, die keine institutionelle Opposition zulassen. Und darauf noch stolz sind. Man denke an den Vatikan, der stolz darauf ist, keine (!) Demokratie mit der umfassenden Geltung der Menschenrechte zu sein. Hans Küng nannte dieses Regime treffend „Diktatur“.
3.
Florian Mühlfried versteht Misstrauen als aktive Tätigkeit: Weil man in seinen Planungen nicht automatisch mit einem guten Ende rechnet, denkt man auch ein Scheitern, überlegt also Alternativen. Misstrauen hat also sehr viel mit Zukunftsplanung zu tun.
Misstrauen löst Handlungen aus. Misstrauen kostet etwas, kostet Nerven und Geld.
Diplomaten sind Menschen, die einander mit Misstrauen und skeptischer Vorsicht begegnen. Nur selten gelingen „vertrauensbildende Maßnahmen“ der politischen Feinde.
Das diplomatische Taktieren, immer wieder bloß die halbe Wahrheit sagen, hat sich wohl auch in die persönlichen Umgangsformen „eingeschlichen“: Sind wir im Miteinander der Gemeinschaften und Gesellschaft längst nur noch diplomatisch-misstrauische „Bekannte“ und diplomatisch sich benehmende „Freunde“ und „Verwandte“ geworden? Kann also Misstrauen auch das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
4.
Das Misstrauen als Grundhaltung der Menschen in der Gegenwart zeigt sich an vielen Beispielen:
Es gibt eine Art Boom der Versicherungen. Der Sicherung von Häusern und Villen, „gatend cities“, wird immer üblicher. Mit dem Sicherheitswahn als Ausdruck eines total werdenden Misstrauens geht die Militarisierung der Gesellschaft voran, auch der Klassenkampf, die Missachtung der Menschenrechte. Man denke, wie viele hundert Menschen etwa in Rio de Janeiro in diesen Kämpfen um Gerechtigkeit und Lebensmöglichkeit für alle täglich in diesen Tagen erschossen werden, von paramilitärischen und offiziellen militärischen Organisationen. Absolutes Misstrauen als Herrschaftsform ist tödlich. Der gewählte Präsident Brasiliens, ein Freund von Mister Trump, wird von vielen klugen Beobachtern als prä-faschistisch bezeichnet. Höchstes Misstrauen ist also angesagt: Doch die Holzhändler und Rinderzüchter Imperien werden ihn, weil gewissenlos, bei dieser Abholzung des Amazonas-Waldes, also einem Verbrechen, unterstützen. Auch aus Europa? Aber gewiss doch. Wir protestieren zwar, aber es bewirkt nichts. Wir werden müde gemacht von diesen Herren.
5.
Misstrauen ist die Haltung des total gewordenen Individualismus: Ich vertraue nur noch mir, vertraue nur noch meiner Leistung, meinem Gewinn, dieses alles muss ich gegen andere schützen und verteidigen.
Das ist üblich geworden in der Kommunikation: Sich nur durch Pseudonyme äußern. Aber: Weiß ich zum Schluss noch, wie viele Pseudonyme ich habe? Wer bin denn „real“?
6.
Waren die Menschen im Mittelalter weniger misstrauisch? Waren sie nicht vielmehr auch und noch mehr von Angst zerfressen, siehe das Buch „Angst im Abendland“ von Jean Delumeau. Es ist wohl ein Märchen, dass wir jetzt und erst jetzt in einer „Risikogesellschaft“ leben. Aus dem Misstrauen und der Lebensangst flüchteten sich die Menschen im Mittelalter in einen von Aberglauben durchsetzten Glauben. Er baute die Kathedralen etc.
7.
Misstrauen als –begrenzte – Tugend im privaten Leben: Misstrauen hat eine Art reinigende Wirkung, wenn wir uns selbst gegenüber misstrauisch verhalten und uns selbst gegenüber skeptisch fragen: Folgen wir in unserem Leben immer dem Trend der Zeit? Mode, Religionen, Bestseller-Kultur, die „besten Filme (aus Hollywood) herrschenden Ideologie?
Wie können wir also uns selbst gegenüber misstrauisch sein? Misstrauisch gegen sich selbst ist nur eine Variante der tieferen Befragung des Selbst in Situationen der Entscheidung.
8.
Aber Misstrauen kann es nur geben, weil VERTRAUEN der Rahmen, die Basis, im menschlichen und geistigen Leben ist. Nur auf „dem Boden“ des Vertrauens hat Misstrauen einen Platz. Vertrauen ist also das Erste, die Basis. Vertrauen eine emotionale und reflektierte Lebens-Haltung. Vertrauen ist kein Affekt, also keine punktuelle Gefühlswallung, kurzfristige Freude, Jauchzen, aber schnell aufbrechender Hass.
Vertrauen ist eine dauernde Haltung.
Die dümmste, leider weit verbreitete „Lebensweisheit“ ist: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“. Der Autor heißt Lenin. Es wird unterstellt, als könnte jemand, oder eine Institution, uns alle so total kontrollieren, dass Vertrauen „überflüssig“ wird. Die Stasi der DDR ist in diesem Kontrollwahn letztlich gescheitert. Auch Stalin, der absolut Misstrauische, wurde überwunden. Ob die jetzigen Regime mit ihrer neuen, umfassenden totalen Kontrolle der Bewohner (etwa in China) scheitern, ist eine andere Frage. Gegen den Kontrollwahn gilt es, sich mit allen Mitteln zu wehren.
9.
Aber: Auch IM Vertrauen sollte eine gute „Dosis“ Misstrauen stets anwesend sein: Blindes Vertrauen ist, wie der Name sagt, kein erstrebenswertes Lebensziel. Blindes Vertrauen ist naiv, vielleicht Ausdruck der Verzweiflung und der Sehnsucht, nun endlich den Heilsbringer, politisch, emotional, erotisch usw. gefunden zu haben. Kein Mensch und keine Institution sind so perfekt, das man ihnen blind (also unkritisch, mit Ausschaltung des Nachdenkens) vertrauen darf und soll.
Diktaturen verlangen absolutes Vertrauen, oft Loyalität genannt ,als Maßnahme der Einschüchterung.
Liebesbeziehungen wachsen und reifen, wenn in ihnen kritisches Nachfragen als Ausdruck wohlwollenden Vertrauens lebendig ist.
10.
Misstrauen und Vertrauen sind also eng miteinander verbunden. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Die Frage ist: Werden wir in diesem stets schaukelnden Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen verbleiben und sozusagen beide Haltungen gleich wichtig finden?
Ich bin der philosophischen, beweisbaren Überzeugung, dass Vertrauen die Basis ist für das dialektische Miteinander, Verschränktsein, von Misstrauen und Vertrauen.
Vom Urvertrauen wäre zu sprechen. Manche nennen es auch Gott-Vertrauen als eine Art „Netz“, „unzerstörbare Basis“, des geistigen Lebens. Wie viele Menschen haben es noch? Wie lässt es sich wieder gewinnen? Dass wird diese geistige Basis brauchen, ist wohl keine Frage. Ist sie nicht vorhanden, spricht etwa Nietzsche von Nihilismus. Man lese seine Reden (Zarathustras Reden) vom „Tod Gottes“.
11.
Menschliches Dasein gestalten wir in der ständigen Spannung von Vertrauen und Misstrauen. Für das gesuchte Gleichgewicht innerhalb dieser Spannung gibt es keine allgemeine Regel für alle und immer.
Das Dasein ist also eine ständige Bewegtheit und ständige Suche auf dem „Boden“ des Vertrauens, des Urvertrauens?
12.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat 1968 eine Studie, leider für die vielen zu hochkomplex, geschrieben, zum Thema Vertrauen. Wichtig ist seine Erkenntnis: Wer Vertrauen lebt, nimmt Zukunft vorweg, handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre. Ein Thema, das vertieft werden sollte. Auch das Misstrauen ist auf Zukunft angelegt, man will misstrauisch Schlimmes für die Zukunft verhindern.
13.
Es wäre nachzudenken, warum ausgerechnet die USA als Inbegriff des Kapitalismus auf ihre Münzen und Geldscheine den Spruch gesetzt haben: IN GOD WE TRUST. Sollte damit vielleicht selbstkritisch gegenüber dem Kapitalismus gesagt werden: Aufs Geld vertrauen wir doch nicht so stark, sondern auf Gott. Oder war vielleicht mit „God“ eher das Geld selbst als (der biblische) Gott gemeint? Ich vermute eher dieses.
14.
Sollte in der religiösen Beziehung, auch im christlichen Glauben, das Misstrauen eine Rolle spielen? Ich meine JA!
Den Texten des Neuen Testaments nach zu urteilen jedoch offenbar nicht!
Beispiele:
Der „ungläubige Apostel Thomas“ wird im Johannes Evangelium NICHT als Vorbild dargestellt. Jesus sagt zu ihm: „Selig, die nicht sehen, (also nicht misstrauisch, skeptisch, prüfen) und doch glauben“.
Dabei wird implizit gesagt: Das Fragen und Zweifeln hat im Glauben keinen Platz.
Ich halte diese These für falsch, sie ist bereits Ausdruck einer sich dogmatisch einschließenden Kirche, wo einige Apostel vorschreiben, was Glauben ist. Warum soll denn eine Gottesbeziehung nicht sehen dürfen, nicht vernünftig sein dürfen? Glauben ist doch kein diffuses Fürwahrhalten…
Weitere Beispiele:
Philipperbrief: 2,14: „Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel.
Römerbrief 4, 20: Da ist auch von Abraham die Rede: „Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes“. (d.h. Zweifel und Unglauben sind identisch gesetzt).
1 Timothus 2,8: Da heißt es zu der Frage, wie Männer beten sollen: „Ohne Zorn und Zweifel“.
Jakobus Brief,1,8 : „Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen“.
In der katholischen so gen. Einheits-Übersetzung heißt es: „Ein Zweifler ist ein Mann mit zwei Seelen“.
15.
Ich betone: Christlich glauben heißt: Fragend nach dem Göttlichen (dem „Sinngrund“) suchen und dieses Fragen bereits als Gabe des Göttlichen an uns verstehen. D.h. dieses glaubende Fragen ist vom Göttlichen selbst „begründet“.
Glaube ist diese Suche nach dem geliebten Gott/Göttin, Göttlichen, den, die, wir gelegentlich sehen, ahnen, „berühren“ im Denken und Fühlen. Wer sucht, hat schon gefunden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

Das Böckenförde-Diktum: Aktuell noch heute?

Anlässlich des Todes von Ernst-Wolfgang Böckenförde (19.9.1930-24.2.2019)
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Es gibt wahrscheinlich kaum ein anderes so häufig zitiertes „Diktum“ wie das von Ernst-Wolfgang Böckenförde: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“.
Dieser Satz wurde von dem Professor für Öffentliches Recht und späteren Richter des Bundesverfassungsgerichts 1967 publiziert. Seitdem wird dieses „Böckenförde-Diktum“ immer wieder, auch bei Sonntagsreden, zitiert, wenn über die geistigen, auch die religiösen Grundlagen, „Voraussetzungen“, des modernen freiheitlichen und säkularisierten demokratischen Staates debattiert werden soll. Böckenförde wandte sich damals vor allem an Katholiken: Sie sollten seiner Meinung nach den säkularisierten Staat akzeptieren, einen Staat, in dem nicht mehr die Kirche alles bestimmend sein kann wie einst… Aber das ist ein anderes Thema…
2.Oft wird das berühmte „Diktum“ aus dem Gedächtnis zitiert, soweit reicht seine Wirkung. Dann wird gesagt: Der demokratische Staat lebt von Voraussetzungen, welche die Demokratie nicht schaffen kann. Von „Schaffen“ ist aber bei Böckenförde keine Rede, sondern von geistigen, kulturellen, vor allem religiösen Voraussetzungen, die der freiheitliche, säkularisierte Staat nicht GARANTIEREN kann. Das heißt: Der freiheitliche Staat kann diese Voraussetzungen in ihrer Existenz und Entfaltung nicht schaffen und nicht erhalten; er kann das Fortdauern, etwa der Religionen, nicht gewährleisten, nicht durch staatliche Hilfe „garantieren“. Der Staat kann auch Religion nicht hervorbringen. Aber für „den Bestand und die Lebenskraft des säkularisierten Staates“ braucht der Staat diese Voraussetzungen, so Böckenförde in einem Vortrag im Jahr 2006 im Rückblick auf seine Aussage von 1967 (in: Der säkularisierte Staat; Vortrag in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, publiziert in München 2007, Seite 9).
3.Aber auch 2006 ist Böckenförde überzeugt: Der demokratische Rechtsstaat braucht förmlich zu seinem „inneren“ Zusammenhalt mehr als das bloß formale und von (gerechten!) staatlichen Gesetzen der Demokratie erzwungene gesetzeskonforme Verhalten der Bürger. Aber 2006 konkretisiert Böckenförde diese Einsicht angesichts der zunehmenden Präsenz von islamischen Mitbürgern in Deutschland. Er meint: Der demokratische Staat (Deutschland) könnte sich auch damit begnügen, wenn Muslime diese hier geltenden demokratischen Gesetze rein äußerlich befolgen. Der demokratische Staat kann und darf nicht die Gesinnung der einzelnen Bürger prüfen (S. 38). Trotzdem: Böckenförde behauptet: „Ein solches Konzept (der bloß äußerlichen Zustimmung zur Demokratie, CM) erscheint nicht von vornherein utopisch“ (ebd). Heute ist es aber mehr als fraglich, ob eine solche bloß formale, vielleicht sogar in gewisser Weise „verlogene“ Loyalität den (tatsächlichen!) demokratischen Gesetzen gegenüber zu einer „Integration“ muslimischer Bürger ausreichend ist.
4.Man sieht an diesen Beispielen, dass es Böckenförde wohl mehr um eine Problemanzeige geht als um eine Problemlösung.
Böckenförde hat in seinem Vortrag von 2006 die veränderten konfessionellen Verhältnisse in Deutschland für seine These respektiert. 1967 sprach er noch unter den Bedingungen der „alten“ Bundesrepublik, mit einer fast absoluten Mehrheit christlicher Bürger. 2006 gibt es nicht nur viele Konfessionslose, sondern eben auch muslimische Mitbürger. Dabei ist interessant, dass Böckenförde 2006 von einer gewissen Angst geplagt ist, wenn er andeutet: Eines Tages könnten die muslimischen Menschen in Deutschland sogar die Mehrheit bilden, so behauptet er. Böckenförde formuliert da eine Angst, die in ultra-konservativen Kreisen immer wieder reflektiert wurde und wird, etwa von der jüdischen Kulturwissenschaftlerin Bat Ye Or.Ausführlicher dazu: Klicken Sie hier.
5.Angesichts dieser doch eher diffus zu nennenden Angst vertritt Böckenförde im Jahr 2006 die merkwürdige Auffassung: Wenn es soweit kommen sollte, dass Muslime den freiheitlichen Staat hier, wie er schreibt, „von innen her aufrollen“, also auflösen wollen, dann soll dieser freiheitliche Staat dafür sorgen, „dass diese Religion beziehungsweise ihre Anhänger in einer Minderheitsposition verbleiben“. Das heißt doch wohl für ihn: Grenzen dicht machen. Er fährt fort: „Das würde gegebenenfalls entsprechende politische Gestaltungen im Bereich der Freizügigkeit, Migration und Einbürgerung notwendig machen“ (S. 39). Äußerst vorsichtig und diplomatisch unklar formuliert er, könnte man sagen. Denn diese „entsprechenden Gestaltungen“ der Begrenzung so genannter muslimischer Ausländer (Einwanderer/Flüchtlinge) sind ja jetzt in ganz Europa bereits üblich. Man nennt das im Klartext die Abschottung des Abendlandes vor den Fremden, den „anderen“.
6.Man sieht, wie problematisch einzelne Vorschläge des so viel zitierten katholischen Rechtswissenschaftlers tatsächlich sind.
Böckenförde kam es darüberhinaus offenbar nicht in den Sinn, dass der sich demokratisch nennende Staat sich soweit von den Grundlagen demokratischer Prinzipien entfernt, etwa in seiner Sozialpolitik. Wirtschaftspolitik, Beziehung zu Lobbyisten usw., dass dieser demokratische Staat selbst nur noch mit Mühe demokratisch genannt werden kann, zumal wenn sich die Korruption immer mehr durchsetzt. Dann wird die Bindung der Bürger an den Staat, ja, auch der “Glaube“ an den Sinn demokratischen Zusammenlebens, erschüttert. Und mit diesem „Glaubensschwund“ geht oft einher eine Grunderschütterung in anderen Bindungen an Glaubensdinge, etwa gegenüber den Führungsgruppen einer Religion.
Hinzukommt, dass bei den freundlichen Beziehungen des Staates zu den Kirchen in Deutschland der Staat oft zu nachsichtig die besondere Rolle der Kirchenführungen innerhalb der Gesellschaft einschätzt: Wenn etwa vor dem Bundesverfassungsgericht zugunsten der Kirchengebote und nicht im Sinne eines demokratischen Dienst-Rechtes entschieden wird. Etwa im Falle von Ärzten, die ihren Job an katholischen Kliniken verloren hatten, nur weil sie ein 2. Mal eine Ehe eingegangen waren. Oder wenn der Staat es respektiert, dass die katholische Kirche allein entscheidet, ob ein katholischer Theologe als Wissenschaftler an einer staatlichen Universität lehren darf, etwa wenn der Theologe Priester ist und heiratet. In solchen Fällen erzeugt die große Freundlichkeit des Staates gegenüber der Kirchenführung nur sehr viel Kritik unter den nachdenklichen Gläubigen und sehr viel Abstandnehmen von der Kirche. Das heißt: Der demokratische Staat kann selbst auch zur „Entkonfessionalisierung“ beitragen. Das heißt, der Staat zerstört in gewisser Weise „die Voraussetzungen“, von denen er lebt. Natürlich, der Staat respektiert dabei oft die Konkordatsbestimmungen, aber die bis jetzt in der Bundesrepublik geltenden Konkordatsbestimmungen stammen aus Verträgen mit Nazi-Deutschland, mit Hitler. Das ist philosophisch gesehen nicht gerade ein idealer Zustand, für die rechtlich bevorzugte Kirche vielleicht schon…
Und wenn jetzt die Kirchen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren, etwa angesichts der vielen freigelegten Untaten von Priestern an Kindern usw: Die Voraussetzungen, von denen der freiheitlich säkularisierte Staat lebt, schwinden also heute dahin. In der Sicht Böckenfördes wäre also der innere Zusammenbruch kirchlichen Lebens für den Staat eine Katastrophe.
7.Böckenförde weist allerdings auch darauf hin, wie schwierig es ist zu verhindern, dass auch die Bürger in Deutschland politisch „umkippen“ und die offene demokratische Ordnung bei den üblichen Wahlen etwa abwählen. Der sanfte Umsturz zur Diktatur also durch demokratische Mehrheits-Entscheidungen und Wahlen: Das ist die eigentliche Gefahr für die freiheitlichen Demokratien heute. Man denken an Trump, an Ungarn, an Polen, wo überall Autokraten und Diktatoren durch Mehrheitsentscheidungen an die Macht gekommen sind.
Was hält denn nun die Demokratien heute in der religiösen Pluralität zusammen? Die vielen Gesetze allein können dies nicht leisten.
Noch einmal: Es ist der demokratische Geist, der Demokratien leben lässt. Aber was ist heute der allen (!) vermittelbare demokratische Geist? In den Menschenrechten ist er objektiv formuliert. Sie werden aber selbst von so genannten Demokratien eher selten respektiert. Böckenförde sieht selbst die Möglichkeit, dass die Menschenrechte die „Grundlage aller menschlichen Gemeinschaft“ sein sollten (S. 18f.) Aber wie sollen die Menschenrechte wirksam Vernunft und Seele der Menschen, aller Menschen, auch der Politiker und der Kirchenführer bestimmen? Das ist die große Frage!

Copyright: Christan Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin