Loyale Opposition in der Katholischen Kirche – ein Widerspruch

Ein Wort vorweg:
Manchmal kommt das Philosophieren, das besinnliche Denken, wie Heidegger richtig sagt, nicht zur gebotenen Ruhe, weil im Rahmen der Religionskritik ständig Stellungnahmen erforderlich sind.
Ende 2010 hatte ich in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM einen Beitrag geschrieben zu der Frage: Hat die sogenannte „loyale Opposition“ innerhalb der römischen Kirche einen gewissen Sinn. Meine in der damals vorgeschriebenen Kürze gegebene Antwort heißt: Nein.
Weil mich viele FreundInnen aus entfernteren Regionen darum baten, diesen Text (nach)lesen zu können, biete ich ihn hier gern zur Lektüre an, zumal durch die Erklärung der mehr als 140 TheologInnen in Deutschland von Anfang Februar 2011 wieder der Eindruck entsteht und die Hoffnung geweckt wird, verbale loyale Opposition, hätte noch einen gewissen Sinn. Von daher ist der folgende Text aus PUBLIK FORUM nach wie vor aktuell. copyright: christian modehn.

Loyale Opposition in der römischen Kirche – eine Illusion
Von Christian Modehn

Keiner kann es leugnen: Grundlegende Veränderungen in Lehre und Struktur der römischen Kirche wurden von Reformkatholiken nicht bewirkt. Es wird Zeit, sich damit abzufinden: Das römische System versteht sich als gottgewollt und unveränderlich. Die Herren der Kirche lassen sich von niemandem außerhalb der Hierarchie in ihr Regieren hineinreden. Das heißt: Jegliche Hoffnung auf synodale Strukturen ist illusorisch.

Die Selbstdefinition der Reformkatholiken als einer »loyalen Opposition« ist ein Missverständnis: Opposition ist wesentliches Element der Demokratie; oppositionelle Parteien haben grundsätzlich die Möglichkeit, nach den Wahlen die Regierung zu übernehmen. Selbst außerparlamentarische Gruppen haben einmal die Chance, die Demokratie mitzubestimmen.

Die Machthabenden der römischen Kirche dagegen definieren ihre Kirche nicht als Demokratie, sondern als eigenständige Organisation – zum Beispiel als »mystischen Leib Christi«. Der katholische Theologe Hans Küng nennt die Kirche treffend »das einzige bestehende absolutistische System der westlichen Welt«. »Loyal Oppositionelle« haben keine Chance, ihre Anliegen demokratisch mit der Hierarchie zu diskutieren, geschweige denn umzusetzen.

Das römische System freut sich vielleicht manchmal über diese Kreise, denn sie vermitteln den Eindruck, als gäbe es ein bisschen Progressives im Katholizismus. Im Alltag der Kirche wird hingegen weltweit hart durchregiert. Ohne Mitentscheidung der Betroffenen werden Pastoral- und Finanzkonzepte durchgesetzt, reaktionäre Bischöfe lösen seit Jahrzehnten halbwegs aufgeschlossene Bischöfe ab. Reformkatholiken können dagegen mit Appellen nichts ausrichten. Nach der Freilegung zahlreicher pädophiler Verbrechen durch Priester haben diejenigen, die das Thema in die Öffentlichkeit brachten, keine Chance, an der Reform des Kirchenrechts beteiligt zu werden oder dafür zu sorgen, dass die offizielle Sexuallehre human wird.

Die »loyal Oppositionellen« begehen den Fehler, das Zweite Vatikanische Konzil als Reformkonzil zu idealisieren. Tatsächlich war es aufgrund vieler doppeldeutiger Beschlüsse gerade kein grundlegendes Reformkonzil im Sinne von Reformation. Die Zölibatsgesetzgebung besteht weiter, das ökumenische Abendmahl ist keinen Schritt vorangekommen, synodale Strukturen gibt es nur auf Bischofssynoden, bei denen der Papst das letzte Wort hat. Progressive Konzilstheologen, »loyal Oppositionelle« der Frühzeit, sind auf halbem Wege gescheitert. Die Anerkennung der Religionsfreiheit hat die kirchenkritische Öffentlichkeit erzwungen, kein »loyal Oppositioneller«. Eine Rückbesinnung auf dieses Konzil kann deshalb nicht die dringende Reformation der römischen Kirche herbeiführen.

Der Begriff »loyal« bedeutet so viel wie »die Autoritäten respektierend«. Loyal oppositionelle Katholiken wollen also doch »treu« zur verfassten Hierarchie sein. Sie sind getrieben von der »Liebe zur Mutter Kirche«. Dabei sollte ein Christ nur Gott lieben und den Nächsten und sich selbst. Die »Liebe zur Mutter Kirche« wird dagegen von der Hierarchie nahegelegt, um die permanente Hartherzigkeit des kirchlichen Apparates zu verschleiern.

Zwei Möglichkeiten bleiben: Zum einen die nüchterne Anerkennung, dass die römisch-katholische Kirche eine konservative Großorganisation ist und bleiben wird, heute mit einem Mix aus Opus Dei und Pater Pio, Fatima und dem Neokatechumenat. Zum anderen die kritische Beobachtung dieser in sich verkapselten Großorganisation, die man getrost den demokratischen Medien überlassen kann. Reformkatholiken könnten angesichts des absolutistischen Systems Kirche besser als Dissidenten leben. Das würde nicht nur die Finanzsituation der Kirche ändern.

Es wäre über die Gründung freier ökumenischer Gemeinden nachzudenken (die es in Holland und der Schweiz seit Jahren gibt), auch über die befreiende Kraft der Konversion in protestantische und freisinnige Kirchen. Braucht denn die Verbindung mit Gott immer einen kirchlichen Rahmen? Reformkatholiken sollten Befreiungstheologie leben – zum Beispiel beim Aufbau neuer spiritueller Orte.

Benedikt XVI. ist politisch “rechtslastig” – Religionskritische Perspektiven zu Joseph Ratzinger

Vorwort:
Von verschiedenen FreundInnen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons“ aus dem fernen Ausland wurden wir gebeten, einen ziemlich grundlegenden Beitrag von mir über die politische Rechtslastigkeit von Joseph Ratzinger bzw. Benedikt XVI. auch im Internet zugänglich zu machen. Der Beitrag ist 2009 in einem Buch des Verlages PUBLIK FORUM erschienen, unter dem Titel: „Rolle rückwärts mit Benedikt“, hg. von Thomas Seiterich und Norbert Sommer. Das Buch mit Beiträgen verschiedener Autoren ist sehr empfehlenswert, auch anläßlich der bevorstehenden Deutschland Reise des Papstes im September 2011. Mein Beitrag wurde bereits viel zitiert usw., es wäre nett, wenn dies immer mit einer Quellenangabe geschieht. Ansonsten gilt für den Text: : copyright: christian modehn.
Dieser Beitrag gehört ins Zentrum einer aktuellen Form von Religionskritik.

Die rechte Hand Gottes
Politisch – theologische Optionen Joseph Ratzingers
Von Christian Modehn, verfasst am 22. 3. 2009

Ergänzung am 9.2.2024: Papst Bendikt XVI. veröffentlichte im Oktober 2012 im Verlag des rechtsextremen Publizisten und Unternehmers Hans-Ulrich Kopp, dem Lepanto Verlag,  das  Buch „Kirchenlehrer der Neuzeit“. Es enthält Katechesen, also Glaubensunterweisungen, die Benedikt XVI. als Papst hielt. Schon damals waren die Aktivitäten Hans-Ulrich Kopps im rechtsextremen Milieu allgemein bekannt. Warum bloß hat Papst Benedikt XVI. in diesem Verlag eines Rechtsextremen ein Buch veröffentlichen müssen, wo er doch beste Beziehungen etwa zum Herder Verlag hatte? Wer war der Vermittler? Vielleicht Kardinal Müller, der auch ein Buch in diesem Lepanto Verlag veröffentlichte? War Papst Benedikt vielleicht schon so senil, dass er den politischen Background des Lepanto – Verlegers nicht kannte? Sicher nicht! Benedikt XVI. hatte ja 2013 noch so viel Vernunft, als Papst zurückzutreten. Unsere Vermutung, die in den folgenden Ausführungen ihre Begründung findet: Ratzinger/Bendikt XVI. fühlte sich als politisch sehr Konservativer in diesem Milieu vielleicht sogar wohl! Kopp war Teilnehmer an den „Gesprächen“ und Planungen Rechtsextremer im November 2023 in einem Hotel in Potsdam. (TAZ, 27.1.2024, Seite 5).

1. Regensburg
„Joseph Ratzingers Bruder ist der Chef der Regensburger Domspatzen. Aber das könnte eigentlich kein Grund sein, von Tübingen weg zu gehen“, bemerkte der katholische Theologe Karl Rahner in der ihm eigenen Ironie (1). Tatsächlich war es nicht die Liebe zur Musik, die Professor Ratzinger dazu führte, schon nach drei Jahren, 1969, seinen Dogmatik Lehrstuhl an der Universität Tübingen aufzugeben. Es war eher die Frustration darüber, dass z. B. sein Kollege Hans Küng sehr wohl mit den rebellierenden Studenten 1968 diskutieren konnte. Dem eher schüchternen Ratzinger aber war das „rebellische Aufbegehren“ zuwider. (2) Der Wechsel nach Regensburg wurde für die weitere Zukunft zur entscheidenden Neuorientierung. Karl Rahner betont: „Ratzinger hat eingestandenermaßen eine Wendung gemacht, als er von Tübingen nach Regensburg ging“. (3) An die theologische Fakultät in Regensburg wurde er nur deswegen berufen, weil ein ursprünglich für Judaistik bestimmter Lehrstuhl dort nicht besetzt werden konnte und der freie Platz nun in katholische Dogmatik umgewidmet wurde! Den Start in Regensburg empfand er als glücklich, wie er gesteht: „So war bald wieder das rechte universitäre Fluidum gegeben, das mir für meine Arbeit so wichtig war“ (4). Sein Dogmatik – Kollege war nun der konservative Johann Auer, ein Verteidiger mittelalterlicher Theologie und Liebhaber eines von der Tradition her geprägten römischen Lehrsystems. Hans Küng bezeichnete den Umgang des Dogmatikers Auer mit der Bibel eine „neuscholastische Steinbruchexegese“ (5) Aber Ratzinger war mit Auer „in inniger Freundschaft verbunden“. (6), vor allem weil beide die Kirchenväter vom 1. bis 5. Jahrhundert über alles schätzten. Ratzinger beteiligte sich sogar an Auers Lehrbuch (!) „Kleine Katholische Dogmatik“. Mit dem Umzug nach Regensburg begann für Ratzinger die intensive Mitarbeit an der „Internationalen Katholischen Zeitschrift Communio“ , an deren Gründung er im Herbst 1969 beteiligt war. (7) „Communio“ erschien 1972 als Gegenprogramm zur internationalen progressiven Zeitschrift CONCILIUM, die an einer Fortschreibung des II. Vatikanischen Reformkonzils arbeitet, zahlreiche renommierte Konzilstheologen wie Rahner, Küng, Schillebeeckx gehören zu den Gründern. Bei „Communio“ sammelten sich von Anfang konservative Denker, etwa der erklärte Rahner-Gegner und konservative Ex- Jesuit Hans Urs von Balthasar, der CSU Kultusminister Hans Maier oder der CDU Publizist Otto B. Roegele. Er war Herausgeber des bischöflichen, „linientreuen“ Rheinischen Merkurs. Auch Karl Lehmann gehört von Anfang zum COMMUNIO Kreis! War er und ist er das etwas liberale „Alibi“ dieser Zeitschrift? Wichtig ist: Von Anfang an gehörte zum engen COMMUNIO Kreis auch Jorge Medina Estevez, ein Theologe aus Santiago de Chile. 1987 wurde er Bischof von Rancagua, später von Valparaiso. Dort war er als ein enger Freund des Diktators Pinochet bekannt, den er bis zu dessen Tod öffentlich verteidigte! Als Kardinal kümmerte sich Medina in Rom später sehr wohlwollend um die Versöhnung mit den Pius Brüdern. Und ihm kam die schöne Aufgabe zu, am 19. 4. 2005 sozusagen „urbi et orbi“ mitzuteilen, dass „Josephus Ratzinger“, sein bewährter „Communio – Freund“, zum Papst gewählt wurde.
So wirken Regensburger Verbindungen bis zur Papstwahl und zur Versöhnung mit den Piusbrüdern weiter. Wichtig ist, dass schon von Regensburg aus Joseph Ratzinger über Jorge Medina Kontakte vor allem zu Jesuitenpater Roger Vekemans in Chile bekam: Er schrieb schon 1973 gegen die Befreiungstheologie in „Communio“. Vekemans, auch er ein erklärter Feind von Staatspräsident Allende und allen Linken, gehörte auch seit 1976 mit dem Adveniat Chef und Opus Dei Freund Bischof Franz Hengsbach zu dem Studienkreis Kirche und Befreiung, der gegen diese lateinamerikanische Theologie der Armen polemisierte. Die Wurzeln von Ratzingers Feindschaft gegen die Befreiungstheologie liegen in Regensburg! Der damalige, für Ratzinger „zuständige“ Regensburger Bischof Rudolf Graber war ein unumstrittener Marienverehrer (Sein Motto: „Durch Maria zu Jesus“), er bewunderte vor allem die Wunder von Fatima. Überdies war er ein Verehrer der stigmatisierten Theresa Neumann von Konnersreuth. Als „leidenschaftlicher Mahner“ vor den Übertreibungen des II. Vatikanischen Konzils gehörte er auch zu den Autoren der von Ratzinger geprägten „Communio“. Bischof Graber imponierte wohl dem Theologen Ratzinger, weil sein Bischof ein Gegner alles „Modernistischen“ war und durchaus Sympathien hatte für die neu gegründete, explizit papsttreue Zeitschrift „Der Fels“. In einem Interview mit KNA vom 28. Juli 1989 legte Ratzinger noch einmal dar, „dass es auch viel Treue und Liebe zu Rom in der Katholischen Kirche in Deutschland gibt“. Treue und Liebe zu Rom: Das heißt Liebe zum Papst, zum Vatikan, zum „Römischen“, das wurde in Regensburg schon gepflegt! Unter einem Bischof wie Rudolf Graber muss sich Professor Ratzinger recht behütet gefühlt haben. Weitere Autoren von „Communio,“ die ein internationales Netz konservativer Denker knüpfte, waren die späteren Opus Dei Freunde Prof. Nikolaus Lobkowicz und der Philosoph Robert Spaemann.
In Regensburg trat eine andere Gestalt in Ratzingers Freundeskreis: 1975 wurde Kurt Krenn, ein bislang völlig unbekannter Theologe mit extrem wenigen Publikationen, in Regensburg Ratzingers Kollege im Fach Systematische Theologie. Diese verstand Krenn vor allem als scholastische neothomistische Doktrin. Ratzinger hat mit Krenn, wie er als Papst jetzt sagt, eine „alte Verbundenheit“. Auf die Liaison Krenn – Ratzinger wird später noch hingewiesen.

2. München
Als Professor Ratzinger am 28. Mai 1977 zum Erzbischof von München und Freising geweiht wurde, setzte sich die Regensburg – Connection fort: Zu den Bischöfen, die Ratzinger „weihten“, gehörte der bereits erwähnte Bischof Graber aus Regensburg und auch Bischof Stangl aus Würzburg. Dass Bischof Stangl von Ratzinger zur Weihe in den Liebfrauendom in München eingeladen wurde, verwundert insofern nicht, als auch Stangl und Ratzinger befreundet waren. Und daran ist erstaunlich: In Stangls Diözese Würzburg war ein Jahr zuvor, am 1. 7. 1976 in Klingenberg am Main, die Studentin Anneliese Michel infolge zahlreicher Exorzismus Sitzungen an Entkräftung gestorben. Die beiden Exorzisten, die Priester Arnold Renz und Ernst Alt, wurden wegen fahrlässiger Tötung zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Bischof Stangl als der verantwortliche Oberhirte muss ja von Amts wegen jeden Exorzismus genehmigen, er aber betonte, von „allem nichts gewusst zu haben“. „Die beiden Exorzisten deckten letztendlich Joseph Stangl und seine Berater, zu denen auch der damalige Theologie-Professor Joseph Ratzinger gehört haben könnte. Denn Stangl und Ratzinger hatten eine „tiefe Beziehung“ (Main-Post, 6.9.2006) zueinander. Und es wäre unwahrscheinlich, wenn der heutige Papst von dem Exorzismus ebenfalls nichts gewusst hätte“. (8). Es ist bekannt, dass Benedikt XVI. bis heute den Exorzismus ausdrücklich verteidigt. Bei seiner ersten Generalaudienz 2005 ermunterte er die versammelten Exorzisten „weiterzumachen“…
Als Erzbischof von München hatte sich Ratzinger das für ihn so typische Motto „Cooperatores Veritatis“ gewählt. Als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ fühlte er sich seitdem nun auch von seinem bischöflichen Amt her. Er hatte nichts Eiligeres zu tun, als die schon damals weltweit umstrittene missionarisch offensiv werbende, theologisch äußerst konservative und Papst – ergebene Gemeinschaft der „Neokatechumenalen“ in seinem Erzbistum zu etablieren. Das berichtet der Neokatechumenale Führer Giuseppe Gennarini aus den USA und er fährt fort: “Als Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre hat er uns später stets geholfen und in mehreren seiner Bücher den Neokatechumenalen Weg wirklich positiv bewertet“ (9)

Als „Mitarbeiter der Wahrheit“ betonte er schon in seiner Münchner Sylvesterpredigt, dass Gehorsam die Antwort auf die Wahrheit sei, weil der christliche Glaube eindeutig sei. Das sagte er in einer allgemein erregten Situation, weil sein Tübinger Kollege Hans Küng wenige Tage zuvor durch Maßnahmen der römischen Glaubensbehörde seine Lehrbefugnis als katholischer Theologe verloren hatte. Ratzinger sagte in München: „Im hochmütigem Verzicht auf die verbindliche Wahrheit stellt sich der Mensch Christus entgegen“ ( 10) Schon damals zeigte sich der „so bedeutende Intellektuelle“ als ein heftiger Kritiker der kritischen Vernunft: “Dem kirchlichen Lehramt ist es aufgetragen, den Glauben der Einfachen gegen die Macht der Intellektuellen zu verteidigen“(11). Hier klingen spätere Vorlieben Benedikt XVI. für populäre Volksheilige an, etwa für den angeblich stigmatisierten, von vielen Beobachtern aber als Scharlatan bezeichneten Kapuziner Pater Pio in Süditalien an, und auch an den völlig anti – intellektuellen Heiligen Pfarrer von Ars in Frankreich; dieser Johannes Vianney, der sich selbst „schlicht im Denken“ nannte, wird nun im Jahre2009 von Benedikt XVI. offiziell als Vorbild aller Priester gepriesen.
Als Mitarbeiter „der“ rechten Wahrheit zeigte sich Ratzinger beim Durchgreifen gegen aufmüpfige Pfarrer: Ungehorsam und eignes Denken haben in einem autoritären Denken keinen Platz. Deswegen wollte er im Sommer 1980 den Pfarrvikar Willibald Glas aus Arget aus seinem Amt entfernen: Dieser hatte dem Aufruf des Erzbischofs widersprochen, die Gemeinden sollten großzügig für den Peterspfennig spenden: Dadurch sollten die vatikanischen Finanzen saniert werden. Pfarrer Glas widersprach: Johannes Paul II, der so unmenschlich mit den Wiederverheiratet Geschiedenen umgeht, verdiene keine Geldspende. Der Kardinal war empört. Wegen deutlicher Solidarisierung der Laien mit ihrem Pfarrer durfte dann Glas im Amt bleiben. (12)
Auch seine theologischen Abneigungen gegen progressive, angeblich linke Theologen setzte Ratzinger in München durch. Als Nachfolger des Theologieprofessors Heinrich Fries wurde von der Münchner Theologischen Fakultät der kritische und „politische Theologe“ Johann Baptist Metz aus Münster, ein Freund des Konzilstheologen Karl Rahners, vorgeschlagen. „Der Kardinal Ratzinger hat in Zusammenarbeit mit dem Kulturminister (und Communio Mitarbeiter) Hans Maier, der Metz auch nicht mochte, bewirkt, dass 1979 das Ministerium Metz bei der Berufung überging“ (13), schreibt Karl Rahner. Metz hatte schon damals seine Sympathien für die Befreiungstheologie bekundet. Hans Maier hat als Präsident der Zentralkomitees der Deutschen Katholiken lange Jahre die Entwicklung der katholischen Kirche in seinem konservativen Sinne (im Einverständnis mit Kardinal Ratzinger) geprägt. Nur 4 Jahre konnte Joseph Ratzinger als Erzbischof gewisse Erfahrungen an der kirchlichen Basis machen.

3. Rom
Als Leiter der obersten Glaubensbehörde im Vatikan seit November 1981 hat er linke, kritische Theologen und Bewegungen bekämpft und ausgegrenzt, das ist bekannt. Weniger bekannt sind seine gleichzeitigen expliziten Vorlieben für eher rechtslastige Strömungen und Theologen in Kirche und Gesellschaft. Diese „rechte Vorliebe“ kann hier nur an exemplarischen Beispielen verdeutlicht werden. Sie zeigen aber einmal mehr, wo die Interessen des Kardinal Ratzinger bzw. Papstes liegen. Wer von der „rechten Seite“ her die Kirche schützen will, kann der Moderne angemessene demokratische Formen der Mitentscheidung von Laien in der Kirche, etwa im Rahmen von Nationalsynoden, nur als „Hirngespinst“ bezeichnen, wie der kanadische Jesuit Michael Fahey (im Januar Heft von Concilium 1989, S. 84) schreibt: „Für Ratzinger ist diese Idee einer gemischten Synode als einer permanenten Form höherer Autorität in der Kirche ein ausgewachsenes Hirngespinst. Auch kann er es sich nicht denken, dass je ein Laie Autorität über eine Diözese ausüben könnte“. Aufgrund dieser tiefen Abneigung gegen das Demokratische in der Kirche kann Ratzinger nur Gruppen anerkennen, die „Rom nicht nur lieben“, wie er gern sagt, sondern die auch die klerikale Macht- Struktur und den Vatikan als ein absolutistisches System ohne jegliche Kontrolle durch das viel beschworene „Kirchenvolk“ prinzipiell unterstützen und verteidigen. Die Psyche solcher Menschen, die sich für solche Verteidigung hergeben, ist ein eigenes, viel zu wenig bearbeitetes Thema…
Als Chef der obersten Glaubensbehörde ging es ihm darum, sein eigenes Verständnis von Glauben und Theologie, von Freiheit und Autorität, in der ganzen Kirche, ja möglicherweise in der westlichen Gesellschaft durchzusetzen. Karl Rahner hat diese Haltung von Anfang kritisiert. Er schreibt im Jahr 1984: „Wichtig wäre für Ratzinger, eindeutig und klar zu unterscheiden zwischen Ratzinger als Theologen mit seinen berechtigten, vielleicht auch problematischen Eigenmeinungen, und Ratzinger als Chef der Römischen Glaubenskongregation. Das sind zwei ganz verschiedene Sachen. Es ist selbstverständlich, dass ein römischer Prälat eine bestimmte theologische Meinung hat. Trotzdem darf er sie anderen nicht amtlich aufzwingen“. (14). Tatsächlich aber hat Ratzinger gemäß seinem bischöflichen Wahlspruch als „Mitarbeiter der Wahrheit“ seine Interpretation der Wahrheit, die er als ein ewiges und festes depositum fidei (“fix und fertiges Glaubensgut“) versteht, auch mit Zwangsmaßnahmen und unter Druck durchgesetzt. Die Liste der von Ratzinger z.B. ausgestoßenen, international hochgeschätzten Theologen ist sehr lang. Noch länger ist die Liste derer, die aufgrund dieses rigiden Systems sich von der römischen Kirche befreit haben. Ratzinger hat insofern als „Befreiungstheologe“ ganz besonderer Art gewirkt.
Wie stark die Verbundenheit Ratzingers mit rechten Gruppen ist, zeigt auch die Auswahl seiner Haushälterinnen: Als Kardinal in Rom versorgten ihn Frauen der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“, eine Gründung von „Mutter Julia Verhaghe“ aus Flandern, 1996 beschuldigten 2 Priester aus Limburg/Niederlande diese inzwischen internationale, auch in Deutschland arbeitende Bewegung würde sich sektiererisch benehmen und ihre Mitglieder unter schweren moralischen Druck setzen bei einer mittelalterlichen Spiritualität. Der zuständige holländische Bischof Wiertz durfte die Vorwürfe nicht untersuchen, weil „Das Werk“ direkt dem Papst unterstellt ist…(siehe Volkskrant, Amsterdam, 28.8.1996).
Im päpstlichen Palast kümmern sich jetzt Frauen der ebenfalls konservativen Bewegung „Comunione e Liberazione“ ums leibliche Wohl des Papstes. Diese internationale Bewegung war früher der Motor der italienischen Christdemokraten, heute steht sie Berlusconi sehr nahe.
Im Haushalt des Papstes geht ihm sein Privatsekretär zur Hand: Prälat Georg Gänswein hat Beziehungen zum Opus Dei: Er war als Kirchenjurist einige Jahre Dozent an der römischen Opus Dei Universität. Selbst wenn er nicht zum Opus gehören sollte: Diese Universität beschäftigt zweifelsfrei nur Leute, die der Opus Dei Richtung zumindest nicht kritisch gegenüber stehen!

Was Ratzingers theologischen Vorlieben für Deutschland betrifft, so ist seine Unterstützung für das im sehr konservativen Bereich angesiedelte „Forum deutscher Katholiken“ bemerkenswert. Das „Forum“ versteht sich als Alternative zu den immerhin ökumenisch interessierten Deutschen Katholikentagen. Das Forum deutscher Katholiken organisiert seit 2001 Jahrestreffen, bei dem sich das ganze einschlägige Spektrum eines explizit römischen Katholizismus versammelt. Mit dabei sind die Legionäre Christi, die Gemeinschaft der Seligpreisungen, das Opus Dei, die Totus Tuus Bewegung, die sich der so von Rom propagierten „Gesamthingabe“ befleißigen sowie Vertreter des deutschen Hochadels, die im Regnum Christi mittun, der Laienorganisation der Legionäre Christi usw. usw. „Kardinal Ratzinger war bei unserem ersten Treffen natürlich dabei und 2005 sollte er bei uns den Schlussgottesdienst halten, aber da war er schon Papst“, berichtet der Organisator Hubert Gindert. Er ist auch Chefredakteur der dem Papst noch aus Regensburger Zeiten bekannten Monatszeitschrift „Der Fels“. Gindert fährt fort: „Ich habe natürlich Kardinal Ratzinger damals auch aufgesucht in seiner Wohnung in Pentling bei Regensburg, dort hat er mir gesagt: Mir kommt es nicht auf die große Zahl an. Mit kommt es darauf an, ob es in der Kirche missionarische Zellen gibt“. (15)
Es ist kein Wunder, dass Kardinal Ratzinger von Anfang auch die „missionarischen Zellen“ der traditionalistischen Petrus Brüder unterstützte, jene Priester, die sich 1988 von Erzbischof Lefèbvres Gruppen losgesagt haben, aber treu die alte lateinische Messe weiter feiern dürfen. In deren Priesterseminar Wigratzbad in Bayern war Kardinal Ratzinger neben den ebenfalls ultrakonservativen Kardinälen aus Österreich Groer, Stickler und Mayer gern gesehener Gast! (16)
Die tiefe Verbundenheit mit diesen Kreisen ist bei Ratzinger sicher auch in der Sehnsucht nach der gehorsamen und uniformen, in sich geschlossenen, „schönen“ Kirche der Kindheit und Jugend begründet. Aber auch harte Berechnung ist dabei: Denn die ultrakonservativen Priestergemeinschaften, wie die Petrus Brüder oder die Legionäre Christi, haben viele Priesteramtskandidaten, die mit Begeisterung ihre klerikale Identität im schwarzen Priestergewand bekennen und Gehorsam als oberste Tugend praktizieren. Diese Kreise sollen in der Sicht Ratzingers die Macht der alten klerikalen Kirche retten!

Auch in Österreich hat Kardinal Ratzinger stets auf die kleinen, absolut kirchentreuen und rechtslastigen Kreise gesetzt, etwa auf den „Linzer Priesterkreis“. Ende der 1980Jahre war Ratzinger Referent bei den jährlichen Sommerakademien in Aigen, wo er schon damals ausdrücklich die lateinische Messe verteidigte. Ständige Referenten waren die Kardinäle Scheffczyk vom Opus Dei oder der konservative Dogmatiker Prof. Anton Ziegenaus.
Schon früh ist also Ratzinger bestens mit Oberösterreich vertraut. Auch der nach heftigen Protesten zurückgetretene Linzer Weihbischof Gerhard Maria Wagner gehört diesem Priesterkreis an (17). Der Linzer Priesterkreis wurde entscheidend geprägt von Ratzingers Freund und ehemaligen Regensburger Kollegen Kurt Krenn. 1987 wurde er zur Überraschung aller Insider zum Weihbischof in Wien ernannt, offenbar hatte sein Freund Ratzinger daran mitgewirkt: „Die Wiener wunderten sich noch mehr darüber, dass dem neu ernannten Weihbischof Krenn besondere Verantwortung für die Welt der Kunst, Literatur und Wissenschaft übertragen wurde. In einem Fernsehinterview konnte er keinen einzigen zeitgenössischen österreichischen Künstler, Maler, Dichter, Bildhauer, Schriftsteller, Musiker oder Wissenschaftler nennen. Das war beunruhigend. Der wahre Grund, warum Krenn ernannt wurde, war der, ein Wachhund über die österreichische Bischofskonferenz zu sein, wo er, trotz seines Status als dienstjüngster, dadurch Gewicht bekam, dass er als einer galt, der „das Ohr des Heiligen Vaters hatte“. (18) 1991 wurde Krenn zum Bischof von Sankt Pölten ernannt: Dort konnten sich ohne römischen Widerspruch etliche spirituell extrem konservative Gruppen etablieren, die selbst aus bayerischen Diözesen wegen ihrer reaktionären Haltung vertrieben wurden, wie der Orden „Servi Jesu et Mariae“, wörtlich übersetzt „Sklaven Jesu und Mariens“. Im Ort Blindenmarkt hat dieser Orden seine Zentrale. Gründer ist der als Initiator der konservativen „Pfadfinder Europas“ bekannte ehemalige Jesuit Pater Andreas Hönisch. Über Krenns autoritäres und für die meisten Laien und Priester unerträgliches Regieren wurde vielfach berichtet, so z.B. von dem früheren Abt von Geras, Joachim Angerer (19) Nach einer Pornografie – Affäre und offensichtlicher homosexueller Kontakte zwischen Seminarleitung und Studenten in seinem Priesterseminar gab Krenn 2004 sein Bischofsamt auf. Seit der Zeit ging es ihm gesundheitlich nicht gut. Am 18.6. 2005, wenige Wochen nach seiner Papstwahl, hatte sein alter Freund und Gönner, Joseph Ratzinger, nichts Eiligeres zu tun, als ihm einen salbungsvollen Brief zu schreiben. Dieses Dokument muss allen, die unter dem Regime von Bischof Kurt Krenn gelitten haben, wie eine Ohrfeige erscheinen. Der Brief offenbart auch die (wahre?) spirituelle Dimension des gegenwärtigen Papstes: Hier nur einige Zitate aus dem handschriftlich unterzeichneten Brief: „Lieber Mitbruder! Wie ich höre, leidest du an Leib und Seele. So liegt es mir am Herzen, Dir ein Zeichen meiner Nähe zukommen zu lassen. Seit langem bete ich jeden Tag für dich! …. Unser Herr hat uns letztlich nicht durch seine Worte und Taten, sondern durch seine Leiden erlöst. Wenn der Herr dich nun gleichsam mit auf den Ölberg nimmt, dann sollst du wissen, dass du gerade so ganz tief von seiner Liebe umfangen bist und im Annehmen deiner Leiden ergänzen helfen darfst, was an den Leiden Christi noch fehlt (Kol 1, 24) Ich bete sehr darum, dass dir in allen Mühsalen diese wunderbare Gewißheit aufgeht……. Von Herzen sende ich dir meinen apostolischen Segen. In alter Verbundenheit! Dein Papst Benedikt XVI. (20).
Die Formulierungen dieses Briefes sind von einer traditionalistisch anmutenden Frömmigkeit geprägt, die ein Lefèbvre treuer Piusbruder wohl nicht anders formulieren könnte, einmal abgesehen davon, dass jeglicher kritische Hinweis auf Krenns unsägliches Verhalten fehlt, etwa seine viel besprochene Nähe zu dem rechtskonservativen Populisten Jörg Haider FPÖ. Kurt Krenn zierte sich auch nicht, ins offizielle Kondolenzbuch für diesen tödlich verunglückten Politiker zu schreiben: „Hochgeschätzte Trauerfamilie,
darf ich Ihnen mein tiefstes Mitgefühl zum so plötzlichen und unerwarteten Tod des Herrn Landeshauptmannes Dr. Jörg Haider aussprechen. Ich durfte mit ihm einige Male zusammentreffen und lernte ihn als integren Menschen und interessanten Gesprächspartner kennen… Im Gebet Ihrer gedenkend, Ihr + Kurt Krenn“ (21). Diese Worte des Ratzinger Freundes sind eine Schande, wenn man bedenkt, welche Hetzreden Haider gegen Ausländer zum Beispiel führte…
Bei seinem Besuch in Österreich ließ es sich Benedikt XVI. nicht nehmen, die ebenfalls als Hort der Tradition bekannte Klosterhochschule Heiligenkreuz bei Wien zu besuchen, die er kurz vor seinem Besuch im September 2007 noch im Januar desselben Jahres zur „Päpstlichen Hochschule“ erhoben hatte. Weihbischof Andreas Laun, extrem konservativer Theologe aus Salzburg, gehört dort zum Lehrkörper… Die Liebe Benedikts XVI. zu Heiligenkreuz hat zwei Gründe: Viel „klassischer Priesternachwuchs“ und die „ewige“, die klassische Theologie!
Manche theologischen Vorschläge Ratzingers finden dann auch Interesse im politisch explizit rechtsextremen Milieu. Das “Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW)“ hat den AULA Verlag in Graz als rechtsextrem eingestuft. Dort wurde 1998 in der von Otto Scrinzi herausgegebenen Festschrift „1848 . Erbe und Auftrag“ Ratzingers COMMUNIO Beitrag von 1995 mit dem Titel: „Freiheit und Wahrheit“ nachgedruckt. Auch wenn dieser Beitrag nicht explizit rechtsextrem ist: Erstaunlich ist es schon, wenn Herausgeber überhaupt auf den Gedanken kommen, Ratzinger in ihrem eigenen Umfeld zu präsentieren. Dem „Spiegel“ liegt der Schriftverkehr des Vatikans mit dem Aula Verlag vor, aus dem hervorgeht, dass der damalige Sekretär des Kardinals, Josef Clemens, der Publikation des Aufsatzes ausdrücklich zustimmte. Der Aula Verlag hatte Arbeiten des Holocaust Leugners Walter Lüftl gelobt, woraufhin sich sogar die FPÖ vom Verlag distanzierte(22). Der Aula Verlag wirbt in seinem Internetauftritt für das umstrittene Buch über 1848 bis heute (21. 3. 2009) mit dem ausdrücklichen Hinweis „Mit einem Beitrag von Kardinal Ratzinger“. Dem Papst scheint dieser Hinweis nicht unangenehm zu sein, oder er liest nicht die internationale Presse, die seit dem 14..3. 2009 über diese Zusammenhänge berichtet.

Auch in Frankreich hat Joseph Ratzinger immer wieder bewiesen, dass er zu rechtslastigen und ultrakonservativen Gruppierungen eine besondere Nähe, wenn nicht Fürsorglichkeit hat. Typisch ist sein Bemühen um Versöhnung mit dem ursprünglich schismatischen, Lefebvre hörigen Kloster Sainte Madelaine in Le Barroux bei Avignon. 1989 kehrte das Kloster mit Abt Calvet wieder in den „römischen Mutterschoß“ zurück, weil die Mönche den Papst formal anerkannten; die alte neu-thomistische Theologie des 19. Jahrhundert wird dort weiter verbreitet und die Messe natürlich im Ritus des 16. Jahrhundert nach den Weisungen Pius V. weiterhin zelebriert. Zahlreiche Zeitungen hatten seit den 1980Jahren die engen Verbindungen von Abt Calvet mit rechtsextremen Politikern aus der Partei Front National (FN, Führer: Jean Marie le Pen) nachgewiesen. Bernard Antony, der „national- katholische“ Europa Abgeordnete dieser Partei, ist genauso eng mit dem Kloster verbunden wie der ebenfalls dem FN nahe stehende Publizist Jean Madiran. Er hat mit Abt Calvet Interviews in dem mit dem FN sympathisierenden „Radiosender Courtoisie“ geführt. Der nationale Katholik Jean Madiran hatte 1995 eine Gedenkfeier für den bekannten französischen Nazi Propagandisten Robert Brasillach (hingerichtet 1945) gehalten…
Diese Zusammenhänge waren dem „Mitarbeiter“ der offenbar nur göttlichen, nicht aber politischen „Wahrheit“ Joseph Ratzinger egal! Als diese Mönche dort ihr Messbuch nach den Weisungen des 16. Jahrhunderts herausgaben mit den entsprechenden Weisungen, am Karfreitag für die abtrünnigen Juden zu beten, schrieb Kardinal Ratzinger 1990 das Vorwort. (23) Das Messbuch ist noch heute in Klosterladen dort zu haben. Im September 1995 besucht Ratzinger als der oberste Glaubenchef das Kloster und feierte dort die Messe. Offenbar ist er dort sehr angetan, weil die vielen jungen Mönche noch die radikale Tonsur tragen und die alten Mönchsgewänder lieben. (24)
Benedikt XVI. hat am 6. September 2006 das ebenfalls im rechts außen angesiedelte „Institut du Bon Pasteur“ (Institut vom Guten Hirten) in Bordeaux zugelassen. Ein eigenes Priesterseminar „Sankt Vinzens von Paul“ wurde auf dem Besitz des Marquis de Gontaud-Biron in der Diözese Chartres erricht. Der oberste „gute Hirte“ ist der ehemalige Lefèbvre Priester Philippe Laguérie. Er hatte 1987 den rechtsextremen Politiker Le Pen offen verteidigt, als dieser behauptete es gäbe keine Gaskammern. „Die Thesen der negationistischen Professoren Roques und Faurisson, auf die sich Le Pen bezieht, sind perfekt wissenschaftlich“, meinte er damals. Pater Laguérie war Pfarrer von Saint Nicolas du Chardonnet in Paris, die seit 1977 von Traditionalisten besetzt wird, 1994 wollte Laguérie in Paris erneut eine Kirche dem Bistum Paris durch Besetzung entwenden, aber die Polizei griff diesmal ein. Er hat ein Requiem gehalten für Paul Touvier, den antisemitischen Chef der Miliz aus der Pétain Zeit. (25) Sein Mitbruder in Bordeaux ist Père de Tanoüarn, er war Mitarbeiter der rechtsextremen Zeitung „Choc du mois“ und des Le Pen Senders „Radio Courtoisie“. Jetzt sind diese Priester mit Zustimmung Benedikt XVI. wieder mit Rom vereint. Sie können nun offiziell katholisch inmitten der Kirche ihre rechtsextremen Gedanken verbreiten.
Internationale Verbindungen gibt es längst. Nur ein Beispiel: Probst Gerald Gösche von der ebenfalls mit Rom versöhnten Traditionalisten Gemeinschaft des Oratoriums Philipp Neri in Berlin (von Berlins Kardinal Sterzinsky wurde die Gründung genehmigt) gratulierte Pater Laguérie zu seiner neuen Rolle als guter Hirte in Bordeaux, Gösche hatte übrigens auch gute Beziehungen zum Kloster La Madelaine mit Abt Calvet. (26)
Auch an der Absetzung des linken, progressiven und von vielen Menschen außerhalb der Kirche hoch geschätzten Bischofs von Evreux, Jacques Gaillot im Jahr 1995, war das mit Rom versöhnte und von Ratzinger geschätzte Kloster in Le Barroux beteiligt: „Gruppen wie das Opus Dei und der Abt des Klosters in Le Barroux wurden in Rom zu meiner Sache gehört. Sie hatten sich geschworen, meine Haut zu bekommen. Jetzt haben sie sie, diese Leute haben gewonnen“ (27). Seit der Zeit seiner Degradierung und Bestrafung lebt der so beliebte Bischof Gaillot als Oberhirte des virtuellen Wüstenbistums Partenia in einem Zimmerchen im Kloster der „Väter vom Heiligen Geist“ in Paris. Und als der in die Wüste geschickte Bischof Gaillot im Oktober 2004 einen Vortrag in Bonn halten wollte, wurde ihm von Kardinal Meisner (Köln) ein Redeverbot erteilt. Vom „Kölner Stadt Anzeiger“ wurde Gaillot aus diesem Anlass die Frage gestellt: „Haben sie den Eindruck, dass Meisner versucht, Kardinal Ratzinger und vielleicht auch den Papst persönlich gegen sie zu mobilisieren?“ Da antwortete Bischof Gaillot: „Ja, das befürchte ich. Ich gehe davon aus, dass es da enge Kontakte gibt, die meine Person betreffen… meine Liberalität macht Angst“
(28)

4.
Die Beispiele für die konservativen Vorlieben Joseph Ratzingers und für seinen entschiedenen Kampf gegen alle Liberalen, Linken, freiheitlich gesinnten Katholiken könnte für viele Länder fortgesetzt werden. Interessant ist, dass er in Deutschland bislang völlig unbekannte, aber bereits machtvolle rechtslastige Orden fördert. Dazu gehört das „Instituto del Verbo Incarnato“ aus Argentinien, das inzwischen über 500 vor allem junge Mitglieder zählt. Dieser offizielle, römisch – katholische Orden ist ausdrücklich dem argentinischen Nationalismus eng verbunden. Er will „die reinen und natürlichen Werte Argentiniens“ gegen die Atheisten verteidigen. „Dieser Orden will die Gesellschaft bestimmen in Fragen der Politik, der Moral, der Erziehung“, berichtet die argentinische Soziologin Prof. Veronica Gimenez Beliveau in einem Artikel für „Courrier International“. Zahlreiche Bischöfe Argentiniens haben diesem Institut verboten, ein Priesterseminar zu eröffnen. Im Jahr 2001 fand sich Kardinal Ratzinger bereit, diesen bischöflich umstrittenen Orden in seinem eigenen Bistum Velletri-Segni in Italien anzusiedeln. Dazu muss man wissen. Kurienkardinäle sind immer auch dem Titel nach Bischöfe“ eines bestimmten Ortsbistums, so ist eben Kardinal Ratzinger Bischof von Velletri-Segni, Italien. Das „Institut vom Inkarnierten Wort“ hat darum gejubelt und so wörtlich der „Vorsehung gedankt“, als „Ihr Titularbischof“ auch noch Papst wurde (29). Die internationale Kulturzeitschrift „Courrier International“ gab ihrem Beitrag über den Orden den Titel: „Die Soldaten des Inkarnierten Wortes : wie im Mittelalter“. Inzwischen arbeiten diese jungen „dynamischen Missionare“ in vielen Ländern der Erde, darunter in Holland, Island und Grönland.

Zum Schluss muss noch auf Spanien hingewiesen werden, weil der Kampf zwischen fundamentalistischen Papst Fans und einer modernen Demokratie am heftigsten tobt. Am 28. Oktober 2007 hatte Benedikt XVI. fast 500 Opfer aus dem Spanischen Bürgerkrieg selig gesprochen, sie alle kämpften auf der „rechten Seite“, also auf Seiten des „Erzkatholiken“ und Dikators Franco. Dass es auch Priester und katholischen Laien gab, die ihr Leben im Rahmen der Volksfront gegen den Faschismus einsetzten, wurde vom Papst gen übersehen. So wurde die Seligsprechung zur späten Verklärung des Kreuzritters Franco und zur deutlichen politischen Kritik am sozialistischen Spanien von heute, wo so „gottwidrige Dinge“ passieren, wie die völlige Gleichberechtigung homosexueller Paare. Die oppositionelle „Volkspartei PP“ jubelte natürlich über diese politische Massenseligsprechung. Zwar hat Benedikt XVI. diese Zeremonie nicht selbst vorgenommen, aber sie geschah in bestem Einvernehmen mit ihm als dem Verantwortlichen für alle Selig – und Heiligsprechungen. Benedikt XVI. hat jetzt einen der heftigsten PP Anhänger und Verteidiger der „alten spanischen Ordnung“, Kardinal Canizares von Toledo, nach Rom berufen, er soll sich als oberster Chef um die „rechte Gestalt der Gottesdienste“ kümmern…Die vatikanische Bürokratie wird immer mehr zur Ansammlung sehr konservativer Kirchenfürsten und untergeordneter Prälaten, diese Entwicklung hatte unter Papst Johannes Paul II. bereits begonnen.
So schließt sich der Zirkel einer in sich abgeschotteten, antimodernen Kirche, die wesentlich von Joseph Ratzinger bestimmt wird. „Können sogenannte Sekten auch viele Millionen Mitglieder zählen“ ?, fragen sich kritische Intellektuelle im Blick auf den Zustand der römischen Kirche heute. Sie wissen natürlich, das allein schon die Frage vom „Hof“, also vom Vatikan, bestraft werden könnte…

Diese kurzen Beobachtungen zeigen: Die Liebe Joseph Ratzingers zu allem Rechtslastigen zieht sich wie ein „roter (?) Faden durch sein Leben „seit Regensburg“. Darum ist die Aufhebung der Exkommunikation der 4 traditionalistischen Bischöfe der Pius – Bruderschaft keine „Ausnahme“ und kein „Versehen“. Joseph Ratzinger wähnt sich als „Mitarbeiter DER Wahrheit“ wohl als die „rechte Hand Gottes“.

PS:
Wenn in dieser kleinen und unvollständigen Übersicht häufig das etwas plakative Wort „konservativ“ verwendet wird, so steht es in diesem Zusammenhang als Symbol für anti – feministisch, anti-emanzipatorisch, für schwulenfeindlich und eher anti-ökumenisch, und „mit Vorbehalt demokratisch usw., um dem Leser diese Aufzählungen dieser Prädikate ständig zu ersparen, verwende ich das zusammenfassende und keineswegs, wie man sah, „abgegriffene“ Symbol „konservativ“.

Fußnoten:
1)Karl Rahner, Bekenntnisse, Wien – München 1984, S. 40

2) so berichtet Prof. Hermann Häring, 1968 Theologiestudent in Tübingen, in einem Interview mit dem Autor im Jahr 2007.

3)Karl Rahner, ebd.. Die gleiche Meinung hat der Theologe Wolfgang Beinert, in: „Der Theologe Joseph Ratzinger“, 1977, Kösel Verlag, S. 4.

4) So zitiert die internetzeitung tagespunkt vom 1. 9. 2006, http://www.tagespunkt.de/

5) Hans Küng, Theologie im Aufbruch 1987.

6)Ulrich Lehner, Artikel Johann Auer, siehe http://www.bautz.de/bbkl/a/auer_j.shtml

7) Joseph Ratzinger, Symposium vom 28. Mai 1992 anläßlich des 20jährigen Bestehens von COMMUNIO an der Gregoriana, Rom, S. 3

8) siehe: www.theologe.de/bischof_josef_stangl.htm

9) Zenit, Informationsdienst der Legionäre Christi, 9.1.2006

10) Süddeutsche Zeitung vom 2. 1. 1980, ein Beitrag von Rosel Termolen.

11) ebd. Ein Argument, das immer wiederkehrt: “Die sehende Sicherheit des Glaubens ist oft weit mehr zu Hause
als da, wo Reflexion großgeschrieben wie. Umgekehrt macht der Intellekt nicht immer sehend“. So Ratzinger in: „Die Situation der Kirche heute“, Köln 1977, S. 24 f.

12) Hartmut Meesmann, in „Die Zeit“ vom 23. 1. 1981

13) Karl Rahner, ebd. S 42.

14) Karl Rahner, ebd. S 40f.

15) Hubert Gindert in Kaufering in einem Interview mit dem Autor 2006.

16) siehe die Internetseite der Petrusbrüder http://fssp.eu

17) Josef Bruckmoser, Salzburger Nachrichten vom 3.Februar 2009.

18)The Tablet, Katholische Wochenzeitung in London, 21. 2. 1991

19) Joachim Angerer, als progressiver Abt eines Prämonstratenser Klosters, selbst ein Krenn-Geschädigter, schrieb u.a. das Buch „Österreich nach Krenn und Co“, Wien 2000.

20) Dieser bemerkenswerte Brief ist (noch) nachzulesen unter: http://stjosef.at/bischof .k.krenn, unter der Rubrik News.

21) siehe das Jörg Haider Kondolenz Buch unter: http://kondolenz.ktn.gv.at/default.aspx?SIid=95&page=12

22) http://aula.buchdienst.at/buecher/?id=445

23) La Vie, Paris, L Hebdomadaire Chrétien d Actualité, Num. 3309, 29. Janvier 2009, S. 28.

24) Henri Tincq, Le Monde, Paris, 14. 06. 1998.

25) siehe im Internet: http://intransigeants.wordpress.com/2008/08/10/vive-labbe-laguerie/
auch
http://fr.wikipedia.org/wiki/Philippe_Lagu%C3%A9rie

26) Probst Gösche in einem Interview mit dem Autor in der Kirche St. Afra Berlin im Jahr 2003. Auf seine „freundlichen Kontakte den Benediktinern von „Le Barroux“ wird im Internet http://www.institut-philipp-neri.de/institut immer noch verwiesen!

27) in: Elie Maréchal, L Affaire Gaillot, Paris 1995, Seite 189, das Interview fand am 5. Februar 1995 im Ersten Französischen Fernsehen TF 1 statt.

28) Harald Biskup interviewt Jacques Gaillot, Kölner Stadtanzeiger, 26.10.2004.

29) Courrier international. Hors Serie: „Au nom de Dieu. Pourquoi les religions se font la guerre.“ Mars 2007, Seite 62.

Zur Verehrung des „Instituts des Inkarnierten Wortes“ für ihren Gönner Joseph Ratzinger: Siehe auch deren Internetseite: http://www.ive.org. Die hier genannte Information findet sich unter “Noticias“ vom 4/20/2005 mit dem Titel: „El Papa Benedicto XVI era nuesto obispo titular“.

Jesus der Hund: War Jesus ein Zyniker?

War Jesus ein Zyniker?

Um die Antwort – für möglicherweise beunruhigte Leser – gleich vorwegzunehmen: Jesus war wohl kein Zyniker, sondern ein Kyniker. Aller Wahrscheinlichkeit nach. Aber, wie in der neuen „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010, S.3137) betont wird, gibt es durchaus einen sachlichen und nicht nur sprachlichen Zusammenhang zwischen Kynismus und Zynismus.
Worum geht es?
In vielen unterschiedlichen Bildern und Begriffen wird von Jesus von Nazareth gesprochen. Gerd Theißen, der „Neutestamentler“, nennt ihn z.B. einen „Wandercharismatiker“. Jetzt legt der bekannte Paderborner „Alttestamentler“ Bernhard Lang in einer Art Zuspitzung dieser These eine neue, sehr ernsthafte Diskussionsebene vor: Jesus war ein Kyniker, also ein Weiser, der nach Art der damaligen „Kyniker“ Schule lebte, und das Lebensprinzip war die Bedürfnislosigkeit, die Feindesliebe, die Unruhe, in dieser Welt keinen Platz zu haben, was man gern „Unbehaustheit“ nennt. Bernhard Lang ist also als Historiker der Meinung, dass diese philosophische Orientierung, wenn nicht die „Schule“ der Kyniker, durchaus präsent und prägend war im damaligen Israel; der Kulturaustausch war damals – nebenbei gesagt – sehr viel größer, als sich heutige Menschen vorstellen, die meinen, die Globalisierung sei ihre Erfindung des 20. Jahrhunderts…Griechenland und Israel, oft gegeneinander als unvermittelbare Konzepte ausgespielt, scheinen doch einander gar nicht so fern zu sein…“Jesus und die griechischen Kyniker haben vieles gemeinsam: Sie verzichten auf Besitz, Ehe und Lebensvorsorge, sie verstehen Gott als Vater aller Menschen, ….sie lehnen Vergeltung ab, und sind bereit zum Leiden. Mit traditionellen religiösen Geboten gehen sie unbefangen um“, schreibt Bernhard Lang.
Im Rahmen unseres religionsphilosophischen Salons ist es äußerst interessant zu sehen, dass Jesus offenbar nicht nur in Johannes dem Täufer einen „Vorläufer“ hat, sondern wahrscheinlich eine Art (mythischen) Vorläufer in der Gestalt des Diogenes von Sinope (400 – 328), er wurde wegen seines sehr alternativen Lebensstils von der Öffentlichkeit verächtlich „Kyon“ auf Griechisch, also Hund, also Kyniker, genannt. Später wurde Antisthenes, dein Schüler des Sokrates, zum Inspirator der kynischen Bewegung erklärt. Kyniker haben sich vom Staat und der bürgerlichen Ordnung abgewandt, sie wollten als Bettler das Ideal der völligen Unabhängigkeit verkörpern. „Um die Zeitenwende erfährt der Kynismus ein Wiederaufleben in Rom und hält sich dort bis ins 5. Jahrhundert“, schreibt Josef Fellsches in dem überaus empfehlenswerten Buch „Enzyklopädie Philosophie“ (Meiner Verlag 2010) auf Seite 3137. Jesus als Kyniker – das könnte eine heiße theologische und philosophische Debatte von 2011 werden. In dem modernen Begriff „zynisch“, von „Kynisch“ abgeleitet, wird nur noch eine Seite des Kynismus festgehalten, die Moralverachtung, alles Spöttische und Schamlose wurde in der späteren kirchlichen Entwicklung erst „cynisch“, dann „zynisch“ genannt, darauf hat der Philosoph H. Niehues – Pröbsting hingewiesen. Interessant wäre die Frage: Wie könnten sich Kirchenführer, Päpste und Bischöfe z.B., neu orientieren, wenn sie sich auf Jesus den Kyniker einließen? Diese Frage ist nicht zynisch, sondern kynisch gemeint. Trotzdem: Würde Jesus von Nazareth als Kyniker heute vielleicht auf die real existierenden Kirchen in ihrer z.T. barocken Macht und ihrem Reichtum doch ein bißchen zynisch reagieren? Wer weiß.

Bernhard Lang, Jesus der Hund. Leben und Lehre eines jüdischen Kynikers. C H Beck Verlag, 2010.

Vom Glauben an ein “Höheres Wesen”

Vom Glauben an ein „Höheres Wesen“. Eine Bemerkung vorweg:
„Ich bin weder gläubiger Christ noch fühle ich mich als Atheist. Ich glaube nur noch an etwas Höheres, Größeres“. Ein Bekenntnis, das heute in allen Teilen Europas immer mehr Menschen formulieren. Religionssoziologen bestätigen diesen Abschied vom „klassischen“ biblischen Gottesbild. In den Niederlanden wird schon von der stetig wachsenden Konfession der „Ietsisten“, also der „Etwas – Gläubigen“, gesprochen. Theologen untersuchen dort dieses Phänomen. In Deutschland gab es schon in der Romantik Menschen, die angesichts außergewöhnlicher Lebenserfahrungen ins Staunen gerieten: „Da muss es doch noch etwas geben zwischen Himmel und Erde“… In den neuen Bundesländern ist diese Überzeugung längst zur „zahlenmäßig größten Spiritualität“ geworden, wie Forscher an der Universität Leipzig betonen. Aber auch immer mehr Kirchenmitglieder im „Westen“ begrenzen ihre Spiritualität auf die Verehrung dieses „höheren Etwas“. Ist dieses unnennbare „Etwas“ vielleicht sogar der letzte Gott, den man, von allen Eigenschaften befreit, als säkularer Mensch heute noch bejahen können?

Die Langfassung der Ra­dio­sen­dung:
WDR am 13, Mai 2010 um 8.30.

„Da muss doch noch etwas sein…“
Wenn Menschen noch an ein „Höheres Wesen“ glauben
Von Christian Modehn

Der Text wird hier so präsentiert, wie er für eine Hörfunk Sendung üblich ist.

1.SPR.: Erzähler
2.SPR.:Zitator
3.SPR.:ÜbersetzerIN

31 O TÖNE insges. 17 45“.

1. O TON, 0 31“, Bärbel Jaeschke
Im Grunde interessiere ich mich für das Baudenkmal Kirche, weil die alten Kirchen sehr interessant sind und die bunten Fenster, wie das Licht einfällt. Dann hat es sich so ergeben, nachdem mein Mann gestorben war, dass ich zum ersten Mal eine Kerze angezündet hatte, beim nächsten Kirchbesuch irgendeiner anderen Kirche habe ich dann wieder eine Kerze angezündet.

1. SPR.:
Bärbel Jaeschke, im Ruhrgebiet aufgewachsen, lebt jetzt an der Ostsee. Vor einigen Jahren ist sie aus der Kirche ausgetreten.

2. O TON, 0 15“, Bärbel Jaeschke
Ich sehe die Kirche nur als etwas Gesetzgebendes. Wenn ich so sehe, was in der Katholischen Kirche passiert: Für meine Person muss ich das total ablehnen, weil sehr viel Verlogenheit für mich darin steckt.

1. SPR.:
Auch an der offiziellen Kirchenlehre hat Bärbel Jaeschke kein Interesse. Für sie ist allein wichtig ihr privater, persönlicher Glaube. Ihre Hoffnung wird unterstützt von einem bescheidenen Ritus, dem Anzünden einer Kerze für ihren lieben Mann:

3. O TON, 0 26“, Jaeschke
Das drückt Verbundenheit aus oder Sehnsucht oder Erleuchtung. Ich kann es nicht genau beschreiben, warum. Mittlerweile ist es allerdings zur gewissen Tradition von mir geworden. Wenn ich in eine Kirche gehe, suche ich den Kerzenständer auf und zünde für meinen Mann eine Kerze an. Es ist irgendetwas Überirdisches, ich weiß es nicht.

1. SPR.:
Selbst wenn sich Bärbel Jaeschke vom Glauben der Kirche verabschiedet hat:, unreligiös oder atheistisch ist sie nicht geworden. Sie lebt in Verbundenheit mit „irgendetwas Überirdischem“, wie sie sagt. Auch Musik erleben viele Menschen als eine offene, undogmatische religiöse Sprache. Sie gehört nicht mehr zu dieser „irdischen Welt“, meint Nikolaus Wilcke, er arbeitet als Pädagoge.

4. O TON, 0 46“. N. Wilcke
Um Abstand vom Alltag zu finden oder auch die Herausforderungen des Schicksals zu bewältigen, zu überstehen, hilft mir vor allem das Hören vom klassischer Musik. Es ist für mich wie das Eintreten in eine andere Welt, vor allem in den Solopartien von Opern oder auch Kantanten erlebe ich den Ausdruck von Demut, Erhabenheit Schmerz Liebe und Erbarmen. Also meinen ganzen Weltschmerz, wenn man so will, der durch die Musik ausgedrückt wird und in eine andere, vielleicht geheimnisvolle Wirklichkeit gehoben wird. Dort bekomme ich neue Kraft, die andere vielleicht in einem Gebet oder einer Meditation finden.

1. SPR.:
Es gibt viele Möglichkeiten, „die geheimnisvolle Wirklichkeit“ mitten im Alltag zu berühren. Einige Menschen zieht es in die Natur, wenn sie meditieren wollen. Uli Scheidl möchte deswegen auf seinen Garten in Brandenburg nicht mehr verzichten:

5. O TON, 0 19“, Scheidl
Herrlich, herrlich. Ich setz mich manchmal um halb sechs hier hin. Die Sonne kommt hoch, die Vögel zwitschern, das ist Beruhigung für die Seele. Das ist einfach schön, kann man gar nicht beschreiben. Die ganze Natur ist ein Wunder. Wie ist die Erde überhaupt entstanden? Normalerweise ist der Mensch viel zu klein, um das zu begreifen.

1. SPR.:
Es sind nicht überschwängliche Esoteriker oder enthusiastische Charismatiker, die von „etwas Wunderbarem“ mitten im Leben sprechen. Sie sind nur überzeugt, dass es eine in sich abgeschlossene, bloß „weltliche Welt“ nicht gibt. Und damit befinden sie sich in guter Gesellschaft. Von einem Verschwinden der Spiritualität oder von einem Triumph des Atheismus spricht heute in Europa kein Soziologe mehr und auch kein Philosoph. „Gott ist tot“ – Diese These wurde noch Ende der neunzehnhundertsiebziger Jahren von Religionssoziologen und Theologen lautstark verbreitet. Die Entwicklung neuer Formen der Frömmigkeit scheint sie jedoch zu widerlegen. Und die außerkirchlich Frommen sind keineswegs immer fundamentalistisch oder evangelikal geprägt. In den Niederlanden z.B. bilden viele tausend Menschen eine Art „neuer Konfession“. Sie ist eher nüchtern, rational, sie kennt keine festen Strukturen und hat keine feste Glaubenslehre. Diese Menschen halten sich für „Ie-t-sisten“. Mit diesem Titel beziehen sie sich auf das niederländische Wort „iets“: Es bedeutet – ganz schlicht – „etwas“. Der Amsterdamer Pastor Dik Mook:

6. O TON, 0 18“, Dik Mook.
Ietsismus heißt: Man glaubt an etwas, weil man nicht glauben kann, dass es NICHTS gibt. Es gibt etwas, da muss etwas sein, das mehr ist, als wir uns denken können, was mehr ist, was wir sehen können.

1. SPR::
„Irgendetwas Besonderes, Erstaunliches oder Wunderbares wird es schon geben“: Im Plauderton, vielleicht am Stammtisch, lässt sich ein solches „Bekenntnis“ schnell formulieren. Aber: Sprechen da die ernstzunehmenden Ietsisten, die „An – Etwas – Glaubenden“? Der protestantische Theologe Herbert Wevers aus Den Haag will doch lieber differenzieren:

7. O TON 0 41“, Herbert Wevers
Iestismus – ist das nicht artikulierte Glauben der ganz großen Menge der Bevölkerung. Das ist ein oberflächliches Glauben. Man sitzt im Sofa, die Beine hoch und denkt ein bisschen mit einem Glas Wein über das Leben. Und nicht so viel weiter. Das ist der dünne Ietsismus. Und man hat auch das dicke Ietsimsus, das ist positiver, ein erster Schritt im Glauben.

1.SPR.:
Mit diesen „dicken“ Ietsisten, wie Herbert Wevers sagt, also denen, die ernsthaft nach einem tragenden Grund der Welt und den Konsequenzen daraus fragen, setzen sich Theologen auseinander, zum Beispiel Professor Gijs Dingemans. Er hat bis zu seiner Emeritierung an der Universität Groningen gelehrt und dabei viele Menschen kennen gelernt, denen die alten, schlichten Gottesbilder der Kindheit zerbrochen sind.

8. O TON, 0 19“ Dingemans,
Dann gibt es sehr viele Leute, die suchen und die sagen, ich hab von der Kirche aus und von meiner Jugend so viel mitgekriegt, das muss ich erst mal loswerden und zu einem Nullpunkt oder so etwas kommen, und dann kann man vielleicht etwas weiter kommen.

1. SPR.:
An „Gott Vater“, der im Himmel thront, zu glauben ist zu viel verlangt für manche vernünftige Menschen. Viele religiös Interessierte in ganz Europa haben auch Probleme, einen „Herrn, der alles so herrlich regieret“, zu verehren. Wer sich von angelernten religiösen Formeln und Lehren befreit, meint an den religiösen Nullpunkt zu gelangen, aber spürt doch eine merkwürdige Nähe von „Etwas“ Göttlichem:

9. O TON, 0 34“, Dingemans
Das Zurückgehen zu einer Nullinterpretation, also dass etwas sein muss, habe ich in Verbindung gebracht mit einer Sache, die in allen Religionen anwesend ist, das ist das Mysterium, dass es etwas gibt, das heilig ist. Das, was unbedingt angeht. Und ich sehe, dass viele Leute suchen, wo fühle ich das Geheimnis der Welt, wie kann ich damit etwas weiterkommen, wie kann ich das erfahren.

1. SPR.:
Und die Menschen finden für dieses „Geheimnis der Welt“ ihre eigene Antwort. Sie fühlen sich gestärkt sich von einem „überirdischen „Etwas“, das sogar den Tod überdauert. Barbara Jaeschke:

10. O TON, 0 23“, Bärbel Jaeschke
Der Mensch besteht aus Energie. Und in der Physik haben wir ja gelernt, Energie geht nicht verloren, sie kann umgewandelt werden. Und diese Energie, die ja in einem Körper steckt, der dann stirbt, die entweicht diesem Körper, wird umgewandelt und ist auch irgendwo noch vorhanden, weil Energie einfach nicht verloren geht.

1. SPR.:
Eine persönliche Antwort auf die Herausforderung der eigenen Endlichkeit: Eigenwillig vielleicht, aber wahrhaftig. Mit eindeutigen, wissenschaftlich – exakten Antworten ist bei diesem Thema ohnehin nicht zu rechnen. Der Sinn des Lebens und der Sinn des Sterbens, dieses große „Warum“, bleibt auch für den Theologen Gijs Dingemans immer etwas Geheimnisvolles.

11. O TON, 0 15“, Dingemans
Wir haben verschiedene Antworten auf die Weise, worauf wir das Mysterium sehen. Ich denke, es wäre besser, als wir nicht die Wahrheitsfrage stellen. Da kommt man nicht weiter, wer die Wahrheit hat.

1. SPR.:
In Holland begleiten einige Pfarrerinnen und Pfarrer ausdrücklich auch Menschen außerhalb der Kirchengemeinden. Oft sind es „Ietsisten“, die sich bei ihrer Suche nach dem „Etwas“, dem Mysterium, sogar nach neuen Ritualen sehnen. Jeder zweite Niederländer ist aus der Kirche ausgetreten; für diese Menschen kommen die klassischen katholisch oder evangelisch geprägten Riten nicht mehr in Frage. Pfarrerin Christiane Berckvens (Aussprache?) stammt aus Belgien, sie arbeitet in der holländischen Remonstranten – Kirche als „Ritual-Lehrerin für Ietsisten“:

12. O TON, 0 48“, Christiane Berckvens
3. Sprecherin:
Es gibt viele Menschen, die wollen einen Übergangsritus beispielsweise anlässlich einer Geburt, Hochzeit oder Bestattung. Viele Menschen, die nicht einer Kirche angehören, wünschen einen Ritus, der etwas ihrem Leben mehr Tiefe verleiht. Darin zeigt sich ein spirituelles Bedürfnis! Deswegen entwickele ich Riten für die unterschiedlichen Menschen, etwa, wenn ein Partner gläubig ist und der andere nicht. Wichtig ist allein, mit diesen Menschen die Spiritualität zu vertiefen.

1.SPR.:
Und diese „Hilfe“ beginnt bei neuen religiösen Riten zur Geburt eines Kindes, sie gilt für Eheschließung oder auch Ehescheidung sowie für die Trauerfeier. Die Etwas–Gläubigen erleben die neuen Riten als Hilfe, den Übergang in neue Lebensphasen zu bewältigen. In repräsentativen Umfragen, wie z.B. dem „Religionsmonitor“, wurde deutlich: 15 Prozent der nicht–religiösen Menschen beten noch regelmäßig. Und eine noch größere Gruppe von bisher ungläubig genannten Menschn bezeichnet sich ausdrücklich als spirituell interessiert. Im Angesicht des Todes suchen offenbar sehr viele Menschen nach etwas Bleibendem, vielleicht Zeitlosem. Andrea Richau gestaltet als Rednerin Trauerfeiern in Berlin. Sie versteht sich als atheistische Humanistin, organisiert aber doch regelmäßig wie sie sagt, etwas „romantische“ Feierstunden für Trauernde.

13. O TON, 1 01“, Andrea Richau.
Wir haben immer wieder dasselbe Motto: Nicht derjenige ist tot, der gestorben ist, sondern derjenige, der vergessen wird. Das heißt, alle, die kommen, schreiben den Namen auf, der ihnen wichtig ist an dem Tag. Und die Namen werden vorgelesen und für jeden eine Kerze angezündet. In diesem Kerzenschein spiegelt sich Warmherzigkeit, Ruhe, Besinnung, auch ein Leuchten. Und das Schöne ist ja, wie sich Erinnerungen in Gesprächen von Generation zu Generation weiterreichen. Das verknüpft sich für mich z.B. mit dem so genannten ewigen Leben. Dieses ewige Leben, das eben sich aufhebt in den Erzählungen derer, die es mit denjenigen zu tun hatten. Also ein Urenkel z.B. erzählt: Meine Oma hatte meine Mutter gehabt, was Schöneres kann doch dem Menschen gar nicht passieren, als dass er in den Erinnerungen der anderen fort besteht.

1. SPR.:
Der Tote lebt „irgendwie“ weiter, selbst wenn Humanisten das „ewige Leben“ des Verstorbenen eher zeitlich begrenzt ansetzen und die Erinnerung auf zwei oder drei nachfolgende Generationen einschränken. Trotzdem: Das Gedenken als eine geistige, spirituelle Haltung bleibt etwas Besonderes.

14. O TON, 0 12“, Andrea Richau
Was heißt denn Glauben? Glauben ist ja nun nicht eindeutig definiert. Glauben heißt Treue, Glaube heißt auch Unerschütterlichsein oder Glauben heißt, jemanden mein Herz verschenken.

1. SPR.:
Wer es nicht fertig brachte, einem Angehörigen zu Lebzeiten „sein Herz schenken“, will wenigstens noch dem Toten seine Liebe ausdrücken; ein merkwürdiger Wunsch, für den die Bestatterin Claudia Marschner in Berlin durchaus Verständnis hat: Sie nimmt die Menschen ernst, die meinen, dass die Toten in „irgendetwas Überirdischem“ noch erreichbar sind:

15.O TON, 0 23“, Marschner.
Hier gibt es einen Briefkasten: Und wenn du wütend bist, traurig bist, wenn du noch Fragen offen hast, weil deine Mutter sich das Leben genommen hat oder durch einen Unfall gestorben ist oder dein Freund oder deine Oma, dann kannst du einen Brief schreiben, den ganz geheim zukleben, der wird nicht gelesen, und in die Post to heaven geben. Und da ist auch ne Briefmarke, die kostet auch Geld, das ist richtig ein Postamt.

1. SPR.:
Mit dem kleinen Unterschied, dass dieser Briefkasten von der Bestatterin geleert wird. Wenn 20 Briefe zusammengekommen sind, werden sie im Krematorium feierlich verbrannt, die Verfasser der Briefe sind dann dabei:

16. O TON, 0 07“, Marschner
Und die Asche ist dann Zeichen nach der Kremierung für die Ankunft der Briefe. Und dann ist die Post im Heaven.

1. SPR:
Post in den Himmel senden: Der individuellen Suche nach „etwas Überirdischem“ sind heute keine Grenzen gesetzt. Religionssoziologen haben für diesen Glauben an „etwas Transzendentes“, an ein „großes Weltgeheimnis“, einen Begriff geprägt: „Believing without belonging“. Glauben, ohne einer festen Konfession anzugehören. Volker Krech arbeitet als Religionssoziologe an der Universität Bochum:

17. O TON, 0 32“, KRECH
Religionswissenschaftlich haben wir zu beobachten und zu analysieren. Und in dieser Perspektive ist es schon eine längere Entwicklung, dass zugespitzt: Hauptsache etwas glauben, woran man glaubt, wird dann gewissermaßen den religiösen Experten überlassen. Seit wir Umfragedaten haben seit den 60 Jahren in repräsentativer Hinsicht kann man durchaus diese Entwicklung bestätigen, dass die allgemeine, inhaltlich unbestimmte Religiosität zunimmt.

1.SPR.:
Diese Entwicklung ist in ganz Europa zu beobachten, nicht nur im säkularisierten Holland oder in Schweden, auch in Spanien oder Frankreich. Im Osten Deutschlands wurden über viele Jahre atheistische Überzeugungen vom Staat selbst propagiert. Aber auch dort ist ein Wandel der „weltanschaulichen Mentalität“ festzustellen, betont die Soziologin Monika Wohlrab–Sahr .

18. O TON, 0 21“ Wohlrab
Es hat sicherlich etwas damit zu tun, dass mit der Wiedervereinigung ein anderes gesellschaftliches Klima entstanden ist. Es ist mehr an Wissensbeständen verfügbar. Es ist auch nicht mehr so klar, dass religiöse Denkgebäude per se illegitim sind. Das macht einen großen Unterschied, also dass man einen breiteren Horizont an legitimen Denkmöglichkeiten hat.

1.SPR.:
Monika Wohlrab-Sahr arbeitet als Professorin an der Universität Leipzig. Mit ihrem Team hat sie kürzlich ein genaues Bild zur neuen religiösen Befindlichkeit im Osten Deutschlands gezeichnet:

19. O TON, 0 38“ WOHLRAB
In einem Teil dieser Gespräche haben wir eine Frage gestellt an die Familien, was glauben Sie, kommt nach dem Tod. Und in diesem Zusammenhang fällt eben diese Äußerung: Ich würde mir das offen lassen. Das ist gewissermaßen so eine Zwischenstellung zwischen einer klar entweder atheistischen oder christlichen Positionierung und in der Mitte eben diese Haltung: ich lass mir das offen. Man sagt klar nicht mehr dezidiert: Da kommt gar nichts. Also man ist nicht mehr klar atheistisch positioniert. Eine Tür steht offen im Hinblick auf das was da vielleicht kommen könnte. Aber es deutlich eine Grenze da gegenüber einer klar inhaltlichen Füllung.

1. SPR.:
An „irgendetwas“ Höheres und Größeres glauben: Noch sind es Minderheiten, die in den neuen Bundesländern solches bekennen. Aber besonders junge Leute orientieren sich neu:

20. O TON, 0 47“, Wohlrab
Es gibt aber natürlich auch Umfrageergebnisse, die sich auf 19 bis 29 beziehen. Da ist deutlich, dass sich eine spirituelle Öffnung andeutet.
Oder eine Öffnung gegenüber religiösen Denkräumen. Das zeigt sich auf statistischer Ebene insbesondere daran, dass diese Altersgruppen wieder stärker von sich sagen, dass sie an ein Leben nach dem Tod glauben. Also die Zahlen sind stark angestiegen. Und interessant ist, dass der Glaube an ein Leben nach dem Tod oder der Glaube, dass da was sein könnte, um es mal vorsichtig auszudrücken, nicht unbedingt was zu tun hat mit christlicher Orientierung oder hinduistischer Orientierung, also mit einer inhaltlichen religiösen Orientierung, sondern eher einen Denkhorizont aufstößt.

1. SPR.
20 Jahre nach der Wende ist also der vom Staat verordnete Atheismus alles andere als selbstverständlich.

21. O TON, 0 28“, Wohlrab
Dieses Spekulieren über das Leben hat was mit Transzendenz zu tun. Das Leben ist nicht begrenzt auf das, was hier und jetzt erfahrbar ist. .
Ob da was Göttliches mitspielt, da wäre ich vorsichtig. Ich hab den Eindruck, dass eher gedacht wird in Vorstellungen, es gibt vielleicht eine höhere Macht, aber dass diese höhere Macht doch in der Abstraktion belassen wird und nicht personalisiert im Sinne einer christlichen Gottesvorstellung etwa gedacht wird.

1. SPR.:
Kirchliche Mitarbeiter im Osten Deutschlands können diese Entwicklung aufgrund ihrer praktischen Erfahrung nur bestätigen. Die Jesuiten z.B. haben in Leipzig das Informations- und Beratungszentrum „Orientierung“ eingerichtet. Es soll katholisches Leben darstellen in einer Stadt, in der 85 Prozent der Bewohner „konfessionslos“ sind. Unter den zahlreichen Kursen zur religiösen Vertiefung finden einige ganz besonderen Zuspruch, betont Pater Hermann Kügler:

22. O TON, 0 55“ Kügler
Rein von den Zahlen her sind unsere Angebote von Yoga und Zen, diejenigen regelmäßigen Veranstaltungen, die die größte Teilnehmerzahl haben. Nämlich dreimal in der Woche jedes Mal etwa 20 Personen. Da kommen junge Leute, 20 Jährige, alte Leute bis 70, und solche, die religiös oder auch christlich, aber auch sehr viele, die keine religiöse Orientierung haben. Und offenbar merken sie etwas, das hört man ja nachher beim Nachgespräch nach den Meditationsabenden, dass sie da Erfahrungen machen, die sie in ihre wirkliche eigene Tiefe führen. Jetzt wird’s es ein bisschen lyrisch, aber anders kann ich es nicht sagen, die sie wirklich auf den Grund ihrer Seele, ihrer Existenz führen. Und es ist, als wenn sie da durch eine Tür gehen in Räume ihres Lebenshauses, die ihnen anders verschlossen werden.

1. SPR.:
Pater Kügler fühlt sich in Leipzig nicht als Missionar, er macht keine direkte Werbung für seinen klassischen kirchlichen Glauben.

23. O TON, 0 38“, Kügler
Wir haben ja in den letzten 50 Jahren einen sehr starken Individualisierungsschub. Und da ist es nicht mehr so, dass Menschen sich von einer Institution, sei es die Kirche oder der Staat, ihr Verhalten vorschreiben lassen. Sondern sie bestimmen selbst Nähe und Distanz zur Institution. Und das heißt, sie sind auch ehrlich ihren eigenen Erfahrungen gegenüber. Das heißt, das habe ich zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn ich es dann bewerte, dann muss ich sagen: Das ist doch toll, wenn Leute in Kontakt sind mit ihrem eigenen Inneren und ehrlich sind. Manchmal sage ich: Dann hört aber bitte nicht zu früh mit dem Nachdenken und Nachfühlen auf.

1.SPR.:
Die meisten Menschen, so berichtet Pater Kügler, halten sich an einen unbestimmten Glauben an „etwas Höheres“. Aber gerade diese offene Haltung im Leben, das Fragen und Suchen, auch das Zweifeln, sind die Voraussetzungen für einen wirkliche Beziehung zu Gott. Der weltbekannte Theologe und Jesuit Karl Rahner hat immer wieder betont: Mitten im menschlichen Alltag zeigen sich die Spuren des „göttlichen Geheimnisses“. Hier eine Archiv-Aufnahme des im Jahr 1985 Verstorbenen:

31. O TON. 1 03“, K. Rahner
So etwa, wenn der Mensch plötzlich einsam wird, wenn alles einzelne wie in eine schweigende Ferne hinein sich zurückzieht und darin auflöst. Wenn alles “fraglich“ wird, wie wir zu sagen pflegen. Wenn die Stille dröhnt, eindringlicher als der übliche Alltagslärm. So etwa, wenn man plötzlich unerbittlich sich seiner Freiheit und Verantwortung überantwortet erfährt, ihr als einer und ganzer, die das ganze Leben umgreift, keine Ausflucht mehr zulässt, keine Entscheidung. Was mit Gott gemeint ist, ist zu verstehen von dieser Erfahrung her, weil sonst immer die Gefahr droht, sich unter dem Wort Gott etwas Sinnloses zu denken.

1. SPR.:
Die Suche nach dem „göttlichen Geheimnis“, dem „Mysterium“ und „Etwas“, ist ein deutlicher Ausdruck für den religiösen Wandel heute.
Religionswissenschaftler erinnern allerdings daran, dass diese Entwicklung so neu gar nicht ist. Volkhard Krech:

24. O TON, 0 18“, Krech
Soweit ich die Daten einschätzen kann, ist das schon ein länger andauerndes Phänomen. Vielleicht, wenn man tiefer in die Geschichte guckt, ist das auch eher die Ausnahme, dass man einen inhaltlich sehr bestimmten Glauben hat, und zwar eben nicht nur bei den theologischen Experten, sondern auch in der Normal-Bevölkerung.

1. SPR.:
Diese „Normalbevölkerung“ ist heute von dem allgemeinen, kulturellen Klima geprägt. Der inhaltlich eher unbestimmte Glaube an „etwas Transzendentes“ wurde z.B. schon von Philosophen im 18. Jahrhundert als authentische, menschliche Lebensmöglichkeit dargestellt. Immanuel Kant hat die klassischen Gottesbeweise zwar entschieden zurückgewiesen. Aber er hat sehr wohl in seiner praktischen Philosophie für einen vernünftig vertretbaren Glauben an „Etwas Höheres“ plädiert:

2. SPR.:
Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender
Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das
Nachdenken damit beschäftigt, der gestirnte Himmel über mir
und das moralische Gesetz in mir.

1. SPR.:
Kant denkt dabei nicht an den Gott der Bibel, sondern an die göttliche Stimme, die sich im Gewissen „unbedingt“ äußert. Das wunderbare Etwas hat also seinen Platz im menschlichen Geist! Der Philosoph Martin Heidegger hat weitergedacht und die entscheidende Frage vorgelegt: Warum ist überhaupt ETWAS und nicht vielmehr Nichts? Was ermöglicht das Bestehen der Welt? Heidegger hat dabei selbst eine Art Elementar–Religion gefördert, die heute noch aktuell sein kann, betont der Freiburger Philosoph Professor Günter Figal:

25. O Ton, 1 04“, Figal
Heidegger hat versucht, den Erfahrungsgehalt von Religion in eine philosophische Sprache zu bringen, nämlich hinter die dogmatischen Theologien zurückzugehen, also hinter die Theologien, die eine bestimmte Lehre verkünden zurückzugehen. Und das Geschehnis von Gottespräsenz als eine für sich bestehende Möglichkeit zu denken. Also er hat nicht weniger versucht, als sich vorzustellen, wie das Göttliche oder ein Gott jenseits religiöser Dogmen als geschehend erfahren werden kann. Es ist das Wesen des Göttlichen, befreit von religiösen Erscheinungsformen.

1. SPR.:
Dieses Namenlose, Heilige, das allem Dasein gewährt, ist mehr als ein abstrakter Begriff. Es kann zu einer persönlichen Spiritualität inspirieren, meint der Berliner Philosoph Lutz von Werder:

26. O TON, 0 42“, L. v Werder
Meine Konsequenz ist ein Beten ohne Worte, das heißt also ein Schweigen. Das heißt also: Wenn man am Tag einmal, zweimal absolut ruhig ist, dann ist das dem Gemeinten und Erfahrenen vielleicht am angemessensten. Eine Meditationstechnik, die ich mache, indem ich mich in einen Zustand völliger Gedankenlosigkeit begebe. Und das ist ein Zustand, der in gar keiner Weise irgendein weder positives noch negatives Gefühl hervorruft, ein Zustand der schlichten, unbefragbaren Vorhandenheit.

1. SPR.:
Christen und Theologen, die an der traditionellen Kirchenlehre und ihrer Dogmatik festhalten, haben noch ihre Probleme mit diesem relativ neuen Phänomen, dem Auftreten der „Etwas–Glaubenden“. Ein entschiedener Kritiker ist Christian Lehnert, er arbeitet als Theologe an der Evangelischen Akademie in Wittenberg:

27. O TON, 0 52“, Lehnert.
Es gibt ja eine weite Volksfrömmigkeit, dass Gott als irgendein Prinzip gibt oder dass es irgendwo ein kosmisches Wesen gibt, das Sinn mir schenkt. Und diesen Gott verehre ich, indem ich in der Natur spazieren gehe, und Sonnenaufgang genieße, das ist ja eine ganz weit verbreitete Meinung. Es ist einfach ein Zeichen von mangelnder Kompetenz im Umgang mit Religion. Weil es eben diesen Gott nicht gibt jenseits der großen Traditionsströme der christlichen Religion, ja. Diesen Gott gibt es nicht jenseits des Zentrums Jesus Christus z.B. Es gibt keinen Gott in der Natur ohne Jesus Christus. Es entstehen ja selbst gebastelte religiöse Welten. Das ist eine, für meine Begriffe, dürre Basis, weil diese selbst gemachten Bilder, wenn es denn hart auf hart kommt, oft nicht tragen.

1. SPR.
Warum können sich Menschen nicht in einem göttlichen Geheimnis genauso geborgen fühlen wie in einem als Dreifaltigkeit gedachten „personalen“ Gott? Ein göttliches Geheimnis kann doch auch „trösten“ und „Halt bieten“, meint Professor Gijs Dingemans:

28. O Ton, 0 32“, Dingemans
Ich habe mehr den Eindruck, dass Menschen, die aufgewachsen sind in einer gewissen Religion, dass sie mehr egoistisch, subjektiv sind in der Welt und mehr ihre Meinung weiter tragen als Ietsistsen. Die sind doch relativierender, sie wissen; Es gibt es ein Geheimnis, ich weiß nichts genau, wie das ist. Ietsismus führt zu Offenheit, Toleranz. Ich finde es interessant etwas von anderen Leuten zu lernen, das ist auch da drin.

1. SPR.:
Zu dieser Lernbereitschaft sind einzelne Christen durchaus in der Lage. Die Ordens – Schwester Susanne Schneider hat in Leipzig viele Kontakte mit Atheisten, Skeptikern, Menschen, die an „etwas“ glauben. Im Gespräch mit diesen Menschen hat sie zu ihrem persönlichen Gottesbild gefunden.

29. O Ton, 0 45“, Susanne Schneider.
In einer normalen guten Dogmatik, wird sogar gesagt, das ist sogar Lehre, Laterankonzil, wir können über Gott mehr sagen, was er nicht ist, als was er ist. Und das haben wir vergessen. Über Gott werden Sätze gemacht, die müssen falsch sein, weil das nicht geht, über Gott zu reden wie über einen Gegenstand. Wir wissen alles ganz genau, das stimmt nicht. Was ich wirklich als Häresie brandmarken täte, wenn ich zu klar weiß, was der liebe Gott will, was nicht, womöglich noch für andere, das ist eine Katastrophe, so hat die Kirche lange sich verhalten

1.SPR.:
Noch ist nicht abzusehen, ob ein Austausch zwischen den traditionell geprägten Christen und den undogmatischen Freunden des göttlichen Lebensgeheimnisses, den Ietsisten, gelingen kann. Offensichtlich fühlen sich viele amtliche Vertreter der Kirchen in ihrem eigenen Milieu besonders wohl, ungewöhnliche spirituelle Erfahrungen irritieren da eher. Einzelne Bischöfe empfehlen aber dringend eine dialogbereite Haltung. Zu ihnen gehört der Alt – Erzbischof von Uppsala in Schweden, Karl Gustav Hammar. Er kennt die vielen „Etwas–Glaubenden“ aus zahllosen Begegnungen und Gesprächen. Seine Vorschläge, so meint der lutherische Theologe, hätten Gültigkeit für ganz Europa:

3O. TON. 0 46“, KG Hammar
2.SPR.:
Es gibt in Schweden eine Spiritualität, die sehr eng verbunden ist mit der Natur, es gibt eine Verbindung mit dem Ganzen, der Schöpfung. Sicherlich, diese Spiritualität ist nicht kirchlich geprägt, die Leute sind nicht kirchlich gebunden. Aber sie sind doch spirituell. Aber die Kirche ihrerseits muss betonen: Nicht die Beziehung zur Kirche als einer Institution ist wichtig. Entscheidend ist die Verbindung mit der Tiefe unserer Wirklichkeit. Darüber muss man öffentlich sprechen: Die Kirche muss in dieser Situation ein Partner sein, nicht jemand, der die Lösungen und die Antworten parat hat. Wir müssen die Leute nicht „erwecken“, sondern mit ihnen zusammen unterwegs sein.
copyright: christian modehn.

Neues über die „Legionäre Christi“: Die Pathologien eines Ordensgründers und eines Ordens

Ein Wort zuvor: Weil wir so viel Interesse und Zustimmung fanden („die einzigen ausführlichen Informationen zu diesem Thema in deutscher Sprache“) zu unseren bisherigen Beiträgen über die Legionäre Christi, setzen wir noch einmal die aktuellen Hinweise fort. Wir verstehen diese Beiträge als ein Stück kritischer Information und vor allem als ein Stück aktueller religionskritischer Analyse, deswegen gehören sie auch in einen „religionsphilosohischen Salon“. Und sie gehören in eine aufgeklärte, demokratische Kultur.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon spielt sich Religions – bzw. Kirchenkritik nicht im luftleeren Raum ab. Immer wieder werden wir nach neuen Entwicklungen im umstrittenen Orden der Legionäre Christi gefragt. Wir sehen in der Weitergabe dieser Informationen einen kleinen Beitrag im Rahmen einer zeitgemäßen „Philosophie der Aufklärung“. Verfasst am 8.1. 2011 Weiterlesen ⇘

Alle Gottesbilder sind relativ

Sind Gottesbilder Bilder von Gott?
Fragen und Überlegungen beim Treffen der Freunde der Remonstranten am 3. Oktober 2010
Siehe auch www.remonstranten-berlin.de

Ist unsere Beziehung auf die Wirklichkeit nicht zumeist von Bildern geprägt?
Denken wir nicht äußerst häufig in Bildern? Können wir in unserem Umgang mit der Welt auf Bilder verzichten?
Nehmen wir uns selbst, die anderen, die Welt, nicht sehr oft (notwendigerweise) bildhaft wahr? Siehe „Weltbild“ als Begriff.

Wenn das so ist: Warum soll das Sich Beziehen auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit in Bildern dann etwas zu Überwindendes sein? Man denke an das Bilderverbot in der jüdischen Tradition oder in
calvinistischen Kreisen.

Was passiert jedoch bei Menschen, die Heiligenbilder (z. B. Maria) oder das Kreuz oder eine Dreifaltigkeits – Ikone küssen? Sehr verbreitet im Katholizismus und der Orthodoxie. Wollen diese Glaubenden (magisch??) Anteil haben an der heiligen Wirkkraft der Dargestellten?

Wie ist die barocke Bilderflut, die in manchen Barock Kirchen den Menschen erschlägt oder zumindest zu einer permanenten Zerstreuung verleitet, einzuschätzen?
Ist Barock die religiöse Kultur der Ablenkung vom Wesentlichen? Will die barocke Bilderwelt vielleicht sogar das Wesentliche gar nicht freilegen? Ist die Barocke Kultur Herrschaftskultur, im Sinne von:_ „katholische Missionskultur“.
Ist das reformierte Bilderverbot und die Betonung auf dem gesprochenen Wort der Predigt realistisch, wenn man bedenkt: Auch eine gute Predigt, die anschaulich sein will und wohl sein muss, erzeugt Bilder beim einzelnen Hörer. Welcher Unterschied liegt in der Bildererzeugung des einzelnen zur Bildkonfrontation eines Menschen, der in einer Barockkirche sitzt? Wahrscheinlich ist der einzelne Hörer einer bildhaften (reformieren) Predigt persönlich freier in seiner Phantasie.

Wird Gott immer in Bildern erfahren und gedacht? Selbst die Psalmen, die sich gegen den bildhaften Gott wehren, sagen: Gott ist gerecht und gütig. Wecken solch Gottesprädikate nicht auch wieder Bilder? Wer in die farblosen (weiß – grauen) Fenster reformierter Kirchen schaut, stellt sich Gott vielleicht farblos vor. Ist das ein persönlicher Gewinn oder ein Verlust?

Wahrscheinlich müssen wir betonen: Wir brauchen immer Gottes – Bilder, wir machen sie notgedrungen, aber wir dürfen uns an kein festes Gottesbild binden, kein Gottesbild für endgültig und ewig halten. Jedes Gottesbild ist relativ, das heißt: es wird im Laufe der Lebensgeschichte wieder überwunden und durch ein neues (natürlich lebensmäßig wieder begrenztes) ersetzt.
Also: Ja zu Gottesbildern. Aber bitte alle sehr relativ nehmen.
Relativität ist kein Schimpfwort, schon gar nicht eine Schande, oder Ausdruck des Kulturverfalls, wie Joseph Ratzinger (Benedikt XVI) behauptet: Relativität ist die Rettung: spirituell und menschlich. Tatsächlich, es handelt sich um eine menschliche Rettung, weil die Relativität ALLER BILDER von Fixierungen und Festlegungen befreit. Das Leben kann wieder lebendig sein, kann fließen, für Überraschungen und neue Einsichten offen werden. Wahrscheinlich gehören (heiliger) Geist und Relativität ganz eng zusammen. Und fundamentalistischer Ungeist äußert sich als Macht der Herrscher in ihrem Kampf gegen „Relatives“.

Jacques Gaillot. Wesentliches über einen ungewöhnlichen Bischof.

Die Freiheit zuerst
Jacques Gaillot wird 75 Jahre alt.
Ein katholischer Bischof, der für eine moderne und evangelische Kirche eintritt

Lesen Sie auch eine aktuellen Link vom Juni 2013, klicken Sie hier.

Auch ein katholischer Bischof kann sich im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ wohl fühlen, weil er mit den Philosophen die Hochschätzung der Freiheit (von keiner Institution antastbare Freiheit zu denken, zu sprechen, als Freiheit eines jeden Menschen) teilt:
Bischof Jacques Gaillot (Paris) wird am 11. September 2010 75 Jahre alt. Er ist zweifellos eine der bedeutenden religiösen Gestalten der Gegenwart, weil er innerhalb des Katholizismus über viele Jahre ausdauernd und unermüdlich für demokratische Reformen, für grundlegende Veränderungen (z.B. Aufhebung des Zwangzölibates, für das Priestertum der Frauen usw.) eingetreten ist. Dabei ist sein Hauptanliegen die einfache, möglichst dogmenfreie „praktische“ Spiritualität im Sinne Jesu von Nazareth: Nächstenliebe, Solidarität, Gewaltfreiheit. Seit seiner Absetzung als Bischof von Evreux, Normandie, durch den Papst im Januar 1995 ist er Bischof des imaginären Wüstenbistums Partenia. Der Vatikan glaubte, den Reformer kalt zu stellen, aber das Gegenteil war der Fall: Über das Internet, meisterhaft betreut durch die Verlegerin Katharina Haller (Küsnacht, Zürich), haben sich weltweit Glaubende und „Nichtglaubende“ zusammengefunden. Partenia.org wird auch nach seinem 75. Geburtstag noch als Archiv fortbestehen. Gaillot war als Bischof von Partenia vielfach zu Gast in Deutschland. Kardinal Meisner hat ihm noch im Jahr 2004 einen Auftritt in Bonn verboten. Reisefreiheit und Redefreiheit gibt es offenbar nicht im Katholizismus….

Aus philosophischer Sicht ist bemerkenswert:

-Bischof Gaillot hat als einziger katholischer Bischof an den Feierlichkeiten zu Ehren des republikanischen Priesters Abbé Grégoire (1750 – 1831) teilgenommen, dessen Gebeine zum 200. Gedenken an die Französische Revolution im Panthéon 1989 in Paris einen Ehrenplatz erhielten. Abbé Gregoire wollte im 18. Jahrhundert als Förderer der Republik eine demokratische katholische Kirche in Frankreich aufbauen, er ist angesichts der Machtverhältnisse gescheitert. Michelet schreibt über Abbé Grégoire: „Er glaubte an zwei göttliche Wesen: Christus und die Demokratie. Beide waren eng für ihn verbunden, denn es ist das dasselbe Ideal: Gleichheit und Brüderlichkeit“. Abbé Grégoire war übrigens alles andere als ein leidenschaftlicher (gewaltbereiter) Jacobiner. Bischof Gaillot aber wollte die Erinnerung an diese ungewöhnliche Gestalt fördern und seinerseits Demokratie und Katholizismus verbinden. Auch er ist in diesem Punkt gescheitert, aber in ca. 500 Jahren werden sich dann vollends demokratische Katholiken an Gaillot als „Vorläufer“ erinnern.

-Es kommt äußerst selten vor, dass ein katholischer Bischof ausdrücklich den Religionskritiker und Philosophen VOLTAIRE lobt, Bischof Gaillot hat dies getan. In seinem Buch „Ma liberté dans l Eglise“, Albin Michel, 1989, S. 189 f. verteidigt er sogar ausdrücklich das „Recht auf Gotteslästerung“, auf „Blasphemie“. Dieses Recht verteidigt er im Blick auf den damals in katholischen Kreisen äußerst umstrittenen Film von Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“. Gaillot hat den Film als Ausdruck der Freiheit der Kunst ausdrücklich unterstützt. Er schreibt in dem genannten Buch: „Ich bezog mich damals ausdrücklich auf Voltaire, im Moment, als die Affäre des Chevalier de la Barre 1766 die Gemüter bewegte. Der Chevalier wurde angeklagt, ein Kreuz beschädigt zu haben. Er gestand auch ein, dass er antireligiöse Lieder singe und das Philosophische Wörterbuch von Voltaire lese. Er musste öffentlich Abbitte leisten, dann schnitt ihm der Henker die Zunge aus dem Mund, dann köpfte er den Chevalier. Danach wurde sein Körper verbrannt. Der Philosoph Voltaire versuchte ohne Erfolg, ihn zu rehabilitieren. Der Nationalkonvent (der Revolution von 1789) tat es dann später. Voltaire sagte damals: Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine wahre Freiheit“.
Ich habe dieses Wort aktuell aufgegriffen, weil ich eine wesentliche Frage nach der Dimenison der Freiheit stellen wollte. Indem die Kirche mit Verboten um sich schlägt, entfernt sie sich von allen Menschen, die die Freiheit lieben. Die Kirche wird dadurch sektiererisch und sie pflegt die Jagd auf Hexen. Voltaire meinte: Wenn man die Freiheit garantieren will, dann akzeptieren wir wenigstens auch das Recht auf Gotteslästerung. Verdient denn ein Filmemacher den Tod, wenn er einen „unfrommen“ Film dreht? Oder wenn ein Schriftsteller ein Buch über den Propheten schreibt, verdient er dann den Tod? Unser wesentliches Ziel muss darin bestehen: Bewahren wir die Freiheit, und sicherlich, auch die Freiheit des kreativen Ausdrucks. Um diese Freiheit zu verteidigen, muss man bis zur Gotteslästerung gehen“. In einem späteren Interview hat Bischof Gaillot betont, dass die so verstandene Gotteslästerung natürlich dem von Menschen gemachten, dem von Herrschern konstrierten „ideologischen“ Gott glt, wahrscheinlich sollte man da eher von Göttern sprechen. Der wahre, der transzendente, ewige Gott ist in der Gotteslästerung nicht gemeint. Gotteslästerung kann also einen reinigenden, kritischen Aspekt haben…

-Philosophisch bedeutsam ist auch, dass Bischof Gaillot den Einladungen von Freimaurern zum Dialog folgte. In dem Buch „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“, Herder Verlag (!) 1990, S. 127, schreibt Gaillot: „ Kürzlich haben die Freimaurer mich zu einer „Sitzung in Weiß“ eingeladen, d.h. zu einem Vortrag mit anschließender Diskussion ausschließlich für Initiierte in der Loge des „Großen Orient“ in Paris. Eine wirkliche Überraschung! Mit 400 Teilnehmern. Ich spreche vom Evangelium, von der Freiheit. Ein Funke springt über. Ein Teilnehmer fragt mich: „Können Sie mir einmal ganz offen sagen, ob ein Priester Freimaurer werden kann? Ohne Zögern antworte ich: „Heute abend haben Sie in Ihrer Versammlung einen Priester“. …Die Freimaurer haben Vertrauen in den Geist der Wissenschaft, ihre Bindung an die Vernunft ist eine Errungenschaft der Französischen Revolution“…

Ein neues Buch:
Am 10. September 2010 erscheint das Buch (mit verschiedenen Beiträgen seiner Freunde) über Jacques Gaillot: Der ihm gemäße Titel heißt: “Die Freiheit wird euch wahr machen“. Hg. von Roland Breitenbach. ISBN: 978-3-926300-64-5.
PS:
Ich habe zahlreiche Ra­dio­sen­dungen über J. Gaillot verfaßt und über ihn auch seit 1984 Beiträge in PUBLIK FORUM geschrieben. Hinzu kommen zwei Halbstundenfilme über diesen außergewöhnlichen Bischof:
-Im Oktober 1989 im Saarländischen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel:“Machtlos und frei“. Red. Norbert Sommer
-im Februar 1995 im Westdeutschen Rundfunk für die ARD 1. Programm mit dem Titel „In die Wüste geschickt“. Red. Friedhelm Lange.

Aus der Gemeinde des Herausgebers des neuen Buches über Jacques Gaillot, Pfarrer Roland Breitenbach in Schweinfurt:

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts“

Bewegende Geburtstagsfeier für Bischof Jacques Gaillot in St. Michael am12. 9. 2010:

SCHWEINFURT · Außergewöhnlich ist es schon, wenn eine deutsche Gemeinde den 75. Geburtstag eines französischen Bischofs, noch dazu in dessen Abwesenheit, feiert. Seit 15 Jahren ist St. Michael mit Jacques Gaillot, diesem außergewöhnlichen Kirchenmann durch Besuche, gemeinsame Tagungen und dessen Texte, zum Beispiel seinem „Katechismus, der Freiheit atmet“, verbunden.

Von einigen deutschen Bischöfen, so auch vom Würzburger Oberhirten, ist der liberale Bischof, der sich ganz im Geist des Evangeliums für die Außenseiter und Randständigen der Kirche wie der Gesellschaft einsetzt und deswegen auch Konflikte mit dem Staat und seiner Kirche nicht scheute, zur „unerwünschten Person“ erklärt worden.

Der festliche Gottesdienst in St. Michael, musikalisch eindrucksvoll vom Chor Cantate Vocalis (Leitung und Orgel Bernd Pawellek) aus Lage in Nordrhein-Westfalen gestaltet, lebte vor allem aus den Texten Jacques Gaillots: „Wer gegen die Ausgrenzung von Menschen kämpfen will, muss ihnen zunächst auf die Beine helfen“. Oder: „Christen freuen sich darüber, dass Gott sich auf der Straße zeigt.“ Und: „Wenn er echt ist, kann der Ungehorsam zum Gehorsam werden.“ Aber auch: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

Besonders geprägt wurde der Jubiläumsgottesdienst durch Christof Bretscher, der statt einer Predigt, unter lang anhaltendem Beifall seinen Beitrag aus dem Buch „Die Freiheit wird euch wahr machen“, der Geburtstagsgabe von St. Michael an Jacques Gaillot, las. Er verglich die Absetzung des Bischofs vor 15 Jahren durch den Vatikan und seine Verbannung in das untergegangene Wüstenbistum Partenia in Algerien mit dem Absurdum, als Chefarzt durch die Würzburger Generaloberin an das Krankenhaus von Pompeji, das vor 1900 Jahren durch den Vesuv zerstört wurde, ausgesetzt zu werden. „Dieser Bischof“, so Bretscher in der Lesung, „vermittelt mir das Gefühl einer freien Gottsuche und der Ahnung einer Kirche, die nicht von ihren eigenen Systemen und Strukturen erstickt wird. Jacques Gaillot hat mir gezeigt, wie einfach und fruchtbar Gespräch und Kommunikation in der Kirche sein können, wenn man es will und ohne Hintergedanken tut.“

Nach dem Gottesdienst, der von Roland Breitenbach und Diakon Stefan Philipps liturgisch gestaltet wurde, trafen sich die zahlreichen Gottesdienstbesucher zu einem Frühschoppen und nutzten die Gelegenheit, das neue Buch zu erwerben, das ab sofort auch im Buchhandel zu haben ist.

© (ola)
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Quelle: Schweinfurter Volkszeitung