„Schwebende Gläubige“. Neues aus Holland

„Schwebende Gläubige“
Neue Untersuchung zu Religion und Kirchen in den Niederlanden

Ein neuer Titel wurde in Holland „geboren“, ein Name für jene Menschen, die nicht mehr kirchlich gebunden, aber doch religiös/spirituell interessiert sind: Es sind die „schwebenden Gläubigen“, so auch der Titel einer gerade jetzt erschienen Studie von Joep de Hart, er ist Professor für Religionssoziologe an der Universität Leiden. Erneut wird faktenreich dargestellt: Die niederländische Gesellschaft wird zunehmend unkirchlich, aber nicht unreligiös. „Nur 14 Prozent der Bewohner betrachten sich selbst als Atheisten“. Kirchenmitglied ist (nur noch) jeder dritte, wobei in den Kirchen eher die älteren Bewohner versammelt sind. Die meisten Holländer seien „Ietsisten“, also Menschen, die an „etwas Höheres“, eine göttliche Kraft, einen transzendenten Mittelpunkt im Leben glauben. Ietsisten bedeutet „an etwas Gläubige“, Menschen, die ihre Individualität ernst nehmen, auch ihre Selbstbestimmung in religiösen Fragen. Nebenbei: Ich habe zu dem Thema 2010 im WDR, Reihe Lebenszeichen, ein Radiofeature gemacht. Kriterium für die individuelle Annahme religiöser Traditionen seien, so Joep de Hart, „das gute Gefühl“, die Emotion, die wach wird, wenn man sich mit einer Tradition befasst und sie ins eigene Leben integriert. Die ersten Kritiker dieses Buches weisen zu recht darauf hin, dass die radikale Säkularisierungsthese nicht mehr gültig ist. Viele Jahre wurde betont: Die Entkirchlichung führe automatisch zu einem säkularisierten, also „nur“ weltlichen Denken. Ob die neue „Verzauberung“ der Welt immer harmlos und gesellschaftlich „ungefährlich“ ist, bleibt eine ganz andere Frage. Dringend wünschenswert wäre es unserer Meinung nach, wenn nach dem Abschied von den dogmatisch – rigiden Konfessionskirchen tatsächlich vernünftige, aber doch wenigstens stets vernünftig überprüfte Spiritualitäten entständen.
Joep de Hart bietet als Soziologe nur Fakten; in einem Interview konnte er sich dann aber doch nicht der Prognose enthalten: „Im Jahre 2050 wird das letzte Mitglied der Protestantischen Kirche der Niederlande die letzte Kirchentür schließen. Bei den Katholiken kann das noch etwas länger dauern“, so in einem Interview für Radio 1 Nederland am 29. Mai 2011. Wenn also in 40 Jahren fast alle Holländer „Ietsisten“ sein werden, ist denn der Gedanken so abwegig, dass doch offene und freie, undogmatische Gemeinden entstehen, denn ohne einen sanften Bezug zu anderen spirituell Interessierten hat es ein „Ietsist“ auf Dauer nicht ganz leicht.
Nebenbei: Die Kirche der Remonstranten ist bereits ein solcher Ort, in dem undogmatisch die christliche Tradition interpretiert und gelebt wird, eben „freisinnig“.

Joep de Hart, Zwevende Gelovigen, Oude religie en nieuwe spiritualiteit. Ben Bakker Verlag, Amsterdam, 2001, 326 seiten, 229, 50 Euro.

Wenn die Kirche einen Tyrannen liebt: Ein Hinweis auf die Geschichte der Dominikanischen Republik

Am 30. Mai 1961 wurde Rafael Leonidas Trujillo, Dominikanische Republik, erschossen.
Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 29.5.2011.

Der Schriftsteller Mario Vargas Llosa, gestorben am 13.4.2025 , hat auch den vielfach beachteten Roman „Das Fest des Ziegenbocks“ verfasst (2000, auf deutsch 2001), in dem die politischen Verhältnisse unter dem Diktator Rafael Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik beschrieben werden. Wir haben 2011 einen Beitrag veröffentlicht – anläßlich der Ermordung Trujillos fünfzig Jahre zuvor -, einen Beitrag, der sich vor allem mit der merkwürdigen, d.h. skandalösen Beziehung des Diktators Trujillo mit der katholischen Kirche, auch mit dem Vatikan, befasst. Dies als ein Beispiel für die Verbundenheit des Vatikans unter Papst Pius XII. mit  rechtsextremen Diktaroren, wenn sie denn nur heftig antikommunistisch sind und nach außen hin alles tun, um die katholische Kirche im Land zu fördern. Kircheninteressen sind wichtiger als Menschenrechte, war das Motto, dem Papst Pius XII. schon im Umgang mit Hitler folgte.

1.

Im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist immer Raum für Religionskritik. Und manchmal reicht es aus, anlässlich von „Gedenktagen“ an Tatsachen und Zusammenhänge zu erinnern, die z.B. die enge Verquickung von diktatorischen Regimen mit den Religionen bzw. Kirchen aufzeigen. Etwa die äußerst freundschaftliche Beziehung zwischen der katholischen Hierarchie sowie den meisten Priestern in der Dominikanischen Republik mit dem Regime des Diktators Rafael Trujillo. Er beherrschte das Land von 1930 bis zu seiner Ermordung am 30. Mai 1961. Er wird in Publikationen aus der Dominikanischen Republik heute meist „Tyrann“ genannt, ein Titel, der an die übelsten römischen Willkürherrscher der Kaiserzeit erinnert… In dem dokumentarischen Roman von Vargas Llosa „Das Fest des Ziegenbocks“ wird anschaulich ein Eindruck geboten von den Lebensumständen zur Zeit des Diktators, vor allem in den letzten Wochen vor seinem Tod.

2.

Die Erinnerung an Trujillo ist aus mehreren Gründen wichtig:
Viele Millionen Touristen haben die Dominikanische Republik in den letzten 30 Jahren besucht; die Kenntnis der Geschichte dieses Landes zu vertiefen scheint deswegen eine Notwendigkeit zu sein.
Für religionskritische Fragestellungen ist der Zusammenhang zwischen der Trujillo Diktatur und der Katholischen Kirche des Landes bzw. des Vatikans hoch aktuell, weil dort eine Art Musterbeispiel erlebt werden kann, wie die katholische Kirche bzw. der alles bestimmende Vatikan/Papst einen Diktator duldet und ihn sogar jubelnd unterstützt aus dem einzigen Grund, weil dieser sich finanziell äußerst großzügig gegenüber der Kirche als Institution verhält. Hinzukommt, dass die kirchliche Überzeugung, der Kommunismus sei der allerböseste Feind, das Interesse gefördert wird, einen sich extrem antikommunistisch gebenden Tyrannen zu unterstützen.
So war der Katholizismus in der Dominikanischen Republik damals „doppelt“ gläubig; er glaubte an die Macht seiner immer weiter auszubauenden Institution – selbst mit Geldern des Tyrannen – und er glaubte, dass der Kommunismus der böse Feind sei.

3.

Wir erinnern an einige Fakten:
Rafael Leonidas Trujillo Molina (geb. 1891) war unstrittig einer der extrem brutalen und in vielfacher Hinsicht „gerissenen“ Diktatoren Lateinamerikas; sein Geheimdienst und sein Spitzelwesen haben wahrscheinlich weitere Diktatoren inspiriert…Trujillo betrachtete die Dominikanische Republik als seinen Privatbesitz; die „demokratischen Institutionen“ waren nichts als Kulisse; Menschrechte galten nichts, Oppositionelle wurden verfolgt und bestialisch ermordet; der Diktator beanspruchte den „Zugriff“ auf jede Frau seiner Wahl; die Presse war gleichgeschaltet, das Volk musste diesem grausigen „Benefactor“, dem sich Wohltäter nennenden Herrscher, zujubeln; beinahe jeder Tag des Jahres war ein Gedenktag der Familie Trujillo, die Hauptstadt Santo Domingo wurde nach seinem Namen umbenannt.
Er war nicht nur ein Freund General Francos, sondern auch respektiert von westlichen Politikern, weil er dem Credo der Zeit entsprach, den Kommunismus als den teuflischen Feind schlechthin ausrotten zu wollen. US – amerikanische Politiker unterstützten ihn und er bot ihnen Unterstützung an. Kardinal Spellman (New York) lobte ihn öffentlich in höchsten Tönen. Mit dem Vatikan (Pius XII.) schloss Trujillo am 16. 6.1954 ein Konkordat, Papst Pius XII. empfing ihn persönlich; das Konkordat erklärte den Katholizismus zur offiziellen Religion.

4.

Es ist Ausdruck für Naivität und Dummheit  auch in den „theologischen und kirchenrechtlichen Studien“ in Deutschland, wenn etwa Pater Josef Funk SVD in seinem Buch „Die Religion in den Verfassungen der Erde“ (1960, Kaldenkirchen) auf Seite 135 voller Lob das Konkordat des Vatikans mit dem Diktator Trujillo bewertet:  „Das Konkordat ist ein wahres Musterbeispiel dafür, wie einträchtig Kirche und Staat miteinander verkehren und wie sie zusammenarbeiten können zum Besten des Volkes“. Pater Funk war Jahre lang, bis ca 1975  Dozent, aber „Professor“ genannt an der Ordenshochschule St. Augustin bei Bonn. Ein Foto dokumentiert die Privataudienz, die Pius XII. dem Diktator Trujillo am 16. 6. 1954 gewährte anläßlich der Konkordatsunterzeichnung: LINK:

5.

Vor dem Konkordatsabschluß im Vatikan hatte Trujillo seinen Freund Franco in Spanien besucht, dort erklärte er feierlich: Das dominikanische Volk gehöre zur spanischen Rasse, es sei dadurch zutiefst mit dem katholischen Europa verbunden. Damit grenzte er sich von den „Negern“ im Nachbarland Haiti ab. Dieser Rassismus, diese abgründige Verachtung der Schwarzen, wurde zur volkstümlichen nationalen Ideologie, die das Denken vieler Politiker und so genannter Eliten, aber auch des „einfachen Volkes“ dort bestimmt. So wird den in der Dominikanischen Republik geborenen Haitianern bis heute die gesetzlich zustehende dominikanische Staatsbürgerschaft nicht zuerkannt… „Noch immer kommt es vor, dass Kindern (haitianischer Eltern) in der Dominikanischen Republik die Taufe verweigert wird, damit nicht mit der Taufurkunde die Tür zur Staatsbürgerschaft geöffnet werden könnte“, schreibt Michael Huhn, ein Kenner der Verhältnisse.

6.

Als Trujillo 1930 die Macht übernahm, war die katholische Kirche institutionell und personell äußerst schwach. Der Diktator förderte von Anfang an den Klerus, um im Land Schulen zu errichten; er brauchte die Kirche insgesamt, damit sie in Predigten und caritativen Projekten die Einheit der Nation fördere. Gerade im Grenzland zu Haiti (etwa in Dajabon) setzt er seit 1936 Jesuiten ein, damit sie die „spanische Kultur“ dort verteidigen gegen die ungebildeten „Neger“ im Nachbarland Haiti. Bezeichnenderweise hielt der Diktator dort am 2. Oktober 1937 die Rede, in der die „Bereinigung der Lage“ angekündigt wurde, einen Tag später begann der Massenmord an mindestens 18.000 Haitianern… Die Kirche in der Dominikanischen Republik „bedauerte diese Ereignisse und rief diffus zur Vergebung auf, „als ob nicht klar gewesen wäre, wer Opfer war und wer Täter“, schreibt der Kenner des Landes, der Mitarbeiter des katholischen Hilfswerks ADVENIAT Michael Huhn.

7.

Trujillo ließ es sich nicht nehmen, jede große „kulturelle“ Propaganda – Festivität mit einem Segen des Klerus zu krönen. Er förderte den Bau eines Priesterseminars, „um einen Klerus heranzubilden, der den Kommunismus bekämpft“. Trujillo kümmerte sich persönlich um den Bau des neuen Marienwallfahrtsbasilika „Alta Gracia“ in Higüey, die allerdings erst 1971 eingeweiht wurde, aber er finanzierte den massiven Betonklotz (französischer Architekten), der heute noch von Touristen besichtigt, vor allem aber von frommen Katholiken aus der ganzen Karibik besucht wird.
Der Jesuit Oscar Robles Toledano, Vizerektor der Universität von Ciudad Trujillo und enger Vertrauter Trujillo, wurde 1953 sogar als Mitglied der dominikanischen Delegation zur UNO entsandt; Erzbischof Ricardo Pittini aus dem Salesianerorden (seit 1935 in Ciudad Trujillo) wagte es nie, eine Stimme des Protests in der Öffentlichkeit gegen das brutale Regime zu erheben. „Pittinis öffentliches Verhalten war von totaler Unterwerfung unter die Diktatur geprägt und darüber hinaus lobte er den Diktator öffentlich“, schreibt der Politologe Jesus de Galindez, er wurde nach der Veröffentlichung seiner kritischen Studien vom Diktator umgebracht…
Wer noch einen Rest Glauben sich bewahrt hatte, wurde von dem gleichgeschalteten Klerus enttäuscht.
Dass die Katholische Kirche heute im Land wenig enthusiastisch ist, keine Theologen der Befreiung kennt, rührt von dieser tiefen Entfremdung zwischen den Menschen und der Kirche aus dieser Zeit…

8.

In dem Konkordat verpflichtete sich die Kirche, sonntags in jeder Messe zu beten: „Herr, schütze die Republik und seinen Präsidenten“ (Artikel 26, Protokoll). Katholischer Religionsunterricht wurde nun in allen Schulen obligatorisch; andererseits wurde es der Kirche zugestanden, aus eigener Entscheidung auch ausländische Priester ins Land zu holen. Dadurch hatte sie sich einen letzten Freiraum bewahrt.
Es waren ausländische Priester, Spanier und US Amerikaner, die dann 1960 massiv das Regime kritisierten. Der angeblich so fromme Diktator versuchte, die endlich einmal aufmüpfigen Bischöfe von La Vega und San Juan aus dem Wege zu schaffen. Sie hatten vor allem dafür gesorgt, dass am 25. Januar 1960 von den Kanzeln aller Kirchen ein Hirtenbrief verlesen wurde: Er erinnerte nach dreißig Jahren kirchlichen Schweigens an die Menschenrechte .“Obwohl die Regierung in dem Hirtenbrief mit keinem Satz erwähnt wurde, verstanden die Gläubigen die Kritik“, schreibt Michael Huhn. Als sich allerdings danach der Konflikt zuspitzte, bekamen sie es dann doch mit der Angst zu tun: In einem Brief vom 10. Januar 1961 boten sie dem Diktator als Versöhnungsgeste an, „die Priester aufzufordern, sich nicht weiter zu politischen Fragen zu äußern“, schreibt Michael Huhn, sofern dadurch die Attacken des Diktators auf den Klerus unterbleiben…Diese Ängstlichkeit konnten viele progressive Priester der Hierarchie kaum verzeihen…

9.

Aber als dann nach der Ermordung des Tyrannen in freien Wahlen der eher linke Politiker und Schriftsteller Juan Bosch zum Präsidenten gewählt wurde, unternahm die Hierarchie alles, um ihn als kommunistische Gefahr zu diffamieren. “Noch mehr Ärgernis erregte, dass viele Priester ankündigten, allen Anhängern Juan Boschs die Absolution in der Beichte zu verweigern“, schreibt Michael Huhn…Der Schatten der Tyrannei bestimmte noch Jahre kirchliches Handeln. An einer „Aufarbeitung“ der Vergangenheit zeigt sich die Kirche kaum interessiert… Nach einer nur 8 Monate dauernden Regierungszeit wurde Juan Bosch, auch mit Hilfe des CIA, im September 1963 gestürzt. Ein alter Vertrauter des Tyrannen, Joaquin Balaguer, ein frommer Katholik und Antikommunist, übernahm dann viele Jahre die höchste politische Verantwortung…

10.

30 Jahre lang hat die Kirche der Dominikanischen Republik geschwiegen; sie hat sich unter Trujillo recht wohl gefühlt, weil er den Klerus reich beschenkte, ständig neue Kirchen baute und kirchliche Bildungszentren finanzierte. Bei so viel Wohlwollen war die Kirche bereit zu schweigen, mehr noch: Entgegen aller sonst geltenden rigiden Moralvorstellungen drückten die Bischöfe alle Augen zu, wenn der Diktator seine dritte Ehe nach der Scheidung kirchlich feiern wollte. Und des Diktators unehelichen Kinder wurden kirchlicherseits nicht, wie damals sonst üblich, ausgegrenzt, sondern gefeiert.
Erst als sich weltweit die Stimmung gegen Trujillo drehte, zog die Kirche bzw. der Vatikan mit und entdeckte das Eintreten für die Menschenrechte (auf einmal) als göttliche Pflicht.
Ohne eine Revolution des Denkens, die ein Papst, in dem Fall Johannes XXIII., vollzieht und auch gegen Widerstände durchsetzt, ändert sich nichts Grundlegendes in der römischen Kirche weltweit…

11.

Am 30. Mai 2011 wurde in der Altstadt von Santo Domingo endlich ein Museum eröffnet, das den Widerstand gegen die Trujillo Tyrannei dokumentiert. Es handelt sich um das „Museo Memorial de la resistencia dominicana“, es befindet sich in der Calle Arzobispo Nouel 210, und ist immer dienstags bis sonntags von 9.30 bis 18 Uhr geöffnet; Luisa de Peña Díaz ist die Direktorin des Museums. Dort sind zahlreiche Dokumente des Widerstands gesammelt, es zeigt u.a. die berüchtigte Folterkammer „La 40“ in dem Gefängnis des Tyrannen, es bietet ein Verzeichnis von 50.000 Opfern aus dieser Zeit. Die dominikanische Regierung hat das Museum zusammen mit 5 privaten Stiftungen finanziert. 50 Jahre nach dem Tod Trujillos kann eine Zeit der kritischen Besinnung weiter gefördert werden. Ob die Rolle der Kirche dabei kritisch zur Sprache kommt, bleibt abzuwarten.
Jedenfalls wurde eine staatliche Kommission gebildet, die bis zum Jahr 2012 verschiedene Veranstaltungen organisiert, um vor allem den Schülern und Studenten die Zeit der Tyrannei nahezubringen, „denn sie ist der Ausgangspunkt der dominikanischen Demokratie“, sagte Eduardo Diaz, der Präsident der „Stiftung 30. Mai“. Er sprach an dem „Monumento a los Heroes del 30 de Mayo“, und nannte den Tag der Auslöschung des Tyrannen „la noche luz“, „die Licht Nacht“.

Literaturhinweise:
Der Beitrag von Michael Huhn erschien in dem Buch „Kirche und Katholizismus seit 1945“, Band 6: Lateinamerika und Karbik, 2009, Schöningh Verlag, dort die Seiten 229 bis 247.

Jesús de Galindez, La era de Trujillo, Editorial Americana, Buenos Aires, 1958.
Der baskische Hochschullehrer Galindez wurde von Mitarbeitern Trujillos (in Zusammenarbeit mit dem CIA) in New York entführt, in Santo Domingo wurde er, der Oppositionelle, den Haien zum Fraß vorgeworfen. Er gilt noch heute als „verschwunden“. Manuel Vaszquez – Montalban hat über Galindo einen Roman verfasst.

Wir empfehlen außerdem den dokumentarischen Roman von Julia Alvarez, einer Dominikanerin, die in den USA lebt, über die vier Schwestern Mirabal, die sich dem Widerstand gegen Trujillo widmeten und dabei ihr Leben riskierten. Auf Deutsch erschienen im Piper Verlag. Nur eine der Schwestern überlebte den Widerstand. Der Titel: „Die Zeit der Schmetterlinge“.

Hulio Rodriguez Grullon, Trujillo y la Iglesia, Santo Domingo 1991

Jose R. Cordero Michel, Analisis de la era de Trujillo, Santo Domingo 1999.

Lauro Capdevilla, La dictatura de trujillo, Santo Domingo 2000. (aus dem Französischen übersetzt, dort bei Harmattan).

Esteban Rosario, Iglesia catolica y oligarchia, Santiago de los Caballeros, 1991.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das „Mystische“ und das „Unaussprechliche“ – Wittgensteins Einsichten

Von den Tatsachen zur Mystik
Hinweise von Christian Modehn
Anläßlich des 125. Geburtstages (26.4.) und des 60. Todestages (29.4.) von Ludwig Wittgenstein (1889-1951).

Ludwig Wittgenstein ist ein Philosoph, der „aus dem Rahmen“ üblicher Bilder vom Philosophen fällt. Aus reichem Hause stammend, verschenkt er sein Erbe. Er sucht vielfältige Lebens –und Arbeitswelten, er war u.a. Architekt und er arbeitete als Gärtner, er war Grundschullehrer und Professor, er lehrte in Cambridge und liebte die Einsamkeit in dem selbst entworfenen Haus in den Wäldern Norwegens… (Welche inhaltliche Beziehung gibt es zwischen der Hütte Wittgensteins in Norwegen und der Hütte Heideggers im Schwarzwald? Dies wäre eine spannende Frage).

Ludwig Wittgenstein legt allen Wert auf Klarheit und Eindeutigkeit der Sprache und damit des Denkens. Damit will er Wahnvorstellungen und Sinnloses als solches freilegen: „Alles, was der Philosoph tun kann, ist, Götzen zu zerstören. Und das heißt, keinen neuen Götzen, etwa in der = Abwesenheit eines Götzen =, zu schaffen“.
In einem Brief an Bertrand Russell schreibt er: „Die Hauptsache für mich ist die Theorie über das, was durch Sätze gesagt (und gedacht) wird und was nicht durch Sätze ausgedrückt, sondern nur gezeigt werden kann“.
Sinnvoll sagbar/denkbar ist für Wittgenstein nur, was sich als Tatsachen der Welt präsentiert.

In diesem Bemühen hat er kein philosophisches System geschaffen, sondern eher Essays, manche sagen Fragmente, hinterlassen, die klar Grenzen ziehen zwischen dem Sagbaren/ Denkbaren und dem Nicht Sagbaren/Denkbaren. Dieses kann die Philosophie nur „bedeuten“, also aufzeigen und sehen lassen, ohne es eindeutig besprechbar zu machen. Dieses ist das „Unaussprechbare“.

Für Wittgenstein ist das Mystische die Einsicht: Dass es die Welt gibt. Auf dieses nicht begründbare und besprechbare DASS kommt es an. Wittgenstein hat dieses DASS in das Zentrum seines Denkens gestellt, wenn er etwa von den Grenzen der empirischen Wissenschaften spricht. Naturwissenschaft kann nur das Wie der Welt beschreiben, sie kann aber das Gegebensein der Welt, dieses DASS, nicht philosophisch erklären.

„Für Wittgenstein folgt das Mystische aus der Begrenztheit von Denk- – und Sagbarkeit…. Das Mystische ist das Andere des Logischen des Denkbaren, des Sagbaren“ , schreibt Chris Bezzel, in: Wittgenstein, Stuttgart 2007, S. 75. In seinem Tractatus (6.45) schreibt Wittgenstein: „Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische“. Es geht also um ein „gefühlvolles“ Sehen des Ganzen der Welt, dieses Ganze ist nicht mehr sagbar, sondern es kann nur „bedeutet“, also gezeigt werden, und dabei zeigt sich dieses Ganze als das Unaussprechliche.

Wenn man diese Erkenntnis auf die gelebte Form der Religion überträgt, kommt der Theologe Kurt Studhalter zu der Einsicht: „Philosophie hat zu beschreiben, wie religiöse Menschen in welchem Lebenskontext reden. Sie hat darauf zu achten, wie religiöse Ausdrücke gebraucht werden, in welchem „Sprachspiel“, in welcher „Lebensform“ (in: Ludwig Wittgensein, Junius Verlag, 2011, zur Wittgenstein Ausstellung im Schwules Museum Berlin , S. 134).
Kurt Studhalter erinnert auf Seite 135 an eine Tagebuch Notiz Wittgensteins: „An einen Gott glauben, heißt die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben, heißt sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Atheisten contra Theisten“ ist überholt

Gott, Götter, Gotteswahn

Die »neuen Atheisten« wenden sich aggressiv gegen die Religion. Doch die klassischen Fronten sind längst von gestern

Von Christian Modehn (Dieser Beitrag erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK – Forum am 22. April 2011)

Viele Menschen können der Erkenntnis des Philosophen Friedrich Nietzsche, dass Gott »tot« sei, aus eigenem Erleben nicht zustimmen. In einer Art Kontrapunkt zu Nietzsche wird vor allem in Kreisen der christlichen Evangelikalen und Charismatiker mit fundamentalistischer Bravour an der wörtlichen Auslegung der Bibel festgehalten: Gott ist dann für diese immer zahlreicher werdenden Kreise »allüberall wunderbar sichtbar«. Er wird wie ein selbstverständlicher Gegenstand dieser Welt gepriesen.

Gegen diesen naiven Glauben wenden sich die »neuen Atheisten«. Viele von ihnen wissen genau, dass es auch kritische Christen und moderne Theologen gibt, die ihren Gottesglauben differenziert und keineswegs naiv begründen. Doch halten die Atheisten diese »liberalen« Kreise für »Religion light«, die nach ihrer Überzeugung alsbald verschwinden wird und deswegen nicht der Auseinandersetzung bedarf.

Mit diesem engen Blickwinkel verbreitet zum Beispiel der philosophierende Biologe Richard Dawkins seit 2006 seine antireligiösen Slogans. Einer seiner Sprüche heißt: »Der Glaube an Gott ist eine entsetzliche Krankheit, die ausgerottet werden muss.« Mit seinem Buch »Der Gotteswahn« will er suggerieren, eine Welt ohne Religion sei die beste aller Welten. In mehr als dreißig Sprachen ist dieses Pamphlet erschienen, es hat viele Millionen Käufer gefunden. Die Wirkungen seiner »Gotteswahn«-Kampagne sind weltweit zu spüren: So schreibt The Cambridge Companion to Atheism, ein Handbuch zum Atheismus aus dem Jahr 2008: »Es gibt heute weltweit mindestens 505 Millionen, höchstens 749 Millionen bekennende Atheisten.«

Dieser neue Atheismus will sich in seiner Kritik nicht – wie der radikale Unglaube des 18. Jahrhunderts (Helvetius, Lamettrie, Diderot) – auf die gebildeten Kreise beschränken. Er will auch nicht primär die politische Unterdrückung aufheben. Vielmehr soll eine antireligiöse Mobilisierung der sich selbst als »vernünftig« bezeichnenden Ungläubigen stattfinden. »Es geht um eine säkulare Alternative zur Religion, also um eine Weltanschauung«, sagt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano Bruno Stiftung und führender »neuer Atheist« in Deutschland.

Auch wenn wahrscheinlich nur wenige die Bücher von Dawkins zu Ende gelesen haben: Seine polemischen Sprüche gegen jede Religion haben sich in vielen Köpfen festgesetzt. So starteten am 12. April zum Beispiel in Luxemburg erneut missionarisch werbende Info-Busse. Sie fahren durchs Land mit dem Motto: »Nichtreligiöse sollen stolz sein auf ein rationales und vernunftorientiertes Weltbild.« Ähnlich wie Papst Benedikt XVI. beanspruchen diese atheistischen Zeitgenossen, »die Vernunft« zu vertreten und definieren zu können, was »normal« sei. Wie sehr sich doch fundamentalistische Argumente aus unterschiedlichsten weltanschaulichen Kreisen ähneln können …

Die neue atheistische Bewegung hat zahlreiche Kritiker auf den Plan gerufen. Doch sie fanden nicht jene mediale Aufmerksamkeit, wie sie die Kontrahenten bekamen. Der britische Theologe Alister McGrath zielt ins Zentrum der Debatte, wenn er sagt: Dawkins folge einem wissenschaftlich überholten naturwissenschaftlichen Weltbild. Denn für den Zoologen seien die Naturwissenschaften »der« einzige Schlüssel zum Verständnis »der« gesamten Wirklichkeit. »In der Naturwissenschaft geht es aber gar nicht um Gott«, hält ihm McGrath entgegen, »und kann es methodisch auch nicht gehen.«

Diesen Denkfehler hätten die neuen Atheisten genauso wenig eingesehen »wie ihre Hauptfeinde, die frommen Vertreter des Intelligent Designs eines göttlichen Schöpfers«, betont ein anderer Theologe, der US-Amerikaner Philip Clayton. Die Naturwissenschaften könnten und wollten niemals »alles erklären« – auch wenn Intelligent Designer dies behaupten.

Der nicht gerade religionsfreundliche deutsche Philosoph Peter Sloterdijk kann Dawkins’ Buch nur als »Seichtheit« zur Seite legen und deswegen ignorieren. Die Philosophin Susan Neiman, Direktorin des Einstein-Forums in Potsdam, meint: »Ich finde, Religion nicht ernst zu nehmen ist eine Verachtung der Welt, in der die meisten Menschen heute leben und denken. Die Ansicht Dawkins’, religiöse Menschen seien allesamt irrationale Idioten, ist einfach selber Ausdruck reiner Ignoranz.« Der international geschätzte italienische Philosoph Gianni Vattimo geht noch weiter: »Heute gibt es keine überzeugenden philosophischen Gründe mehr dafür, Atheist zu sein oder die Religion abzulehnen.«

Ungeachtet dieser Kritik gibt es in vielen Ländern Propagandazentren für Dawkins’ philosophierende Biologie. In Deutschland ist es vor allem die Giordano Bruno Stiftung. Sie hat den »Gotteswahn« »als das beste religionskritische Buch« hoch gelobt. Ihr medial allgegenwärtiger Haus-Philosoph Michael Schmidt-Salomon propagiert unbeirrt den Naturalismus als »das Prinzip schlechthin«.

Die Dachorganisation der Atheisten und Konfessionslosen, der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), steht den Thesen Schmidt-Salomons zwiespältig gegenüber. Einerseits ist die Giordano Bruno Stiftung mit dem viel beachteten Humanistischen Pressedienst eng verbunden. »Auf der anderen Seite ist für Humanisten der Atheismus kein ausschließlicher Bezugspunkt«, sagt Horst Groschopp von der Humanistischen Akademie in Berlin. Er weist »einen Krawall-Atheismus« zurück. Groschopp und der HVD wollen sich lediglich um die rund dreißig Prozent konfessionsfreien Bürger in Deutschland kümmern und deren Rechte vertreten; neuerdings vor allem mit der Forderung, endlich auch in Deutschland einen »Universitätslehrstuhl für Humanistik« einzurichten.

Die Kirchen haben noch kaum Konsequenzen aus der Tatsache gezogen, dass viele Argumente aus neuatheistischen Kreisen vor allem kirchenkritisch, man möchte sagen: »antiklerikal« gemeint sind. Klar ist: Nur eine authentische, materiell bescheidene, aber geistig hoch sensible kritische Kirche kann den neuen Atheisten konstruktiv begegnen. Die uralten naiven Gottesbilder sind definitiv zerbrochen. Gott kann nur als Geheimnis, nicht aber als irgendwie greifbare Tatsache ins Gespräch gebracht werden.

Doch es gibt in der Gesellschaft längst einen neuen, fest etablierten Theismus – und der heißt: Verehrung von Göttern mit unterschiedlichsten Namen: ständiges Wirtschaftswachstum, Geld, Profit, Abgrenzung, Krieg gegen die Armen. Angesichts dieser neuen Götter werden Christen selbst zu »A-Theisten«. So können sie ins Gespräch mit den »neuen Atheisten« treten. Die klassische Feindschaft zwischen »Atheisten« und »Theisten« wirkt im Blick auf diese neuen Götter veraltet.

Jesus contra Christus? Zum neuen Buch von Philip Pullman

Jesus contra Christus?
Eine Kritik des neuen Buches von Philip Pullman, „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“
Von Christian Modehn

Dieser Text ist eine ausführliche Fassung eines Beitrags für den NDR am 27.2.2011

Die Gestalt Jesu Christi fasziniert nach wie vor Künstler und Schriftsteller. Jetzt hat der Engländer Philip Pullman, bekannt auch als Autor von Theaterstücken und „Fanatsay – Erzählungen“, seinen Roman über den Mann aus Nazareth vorgelegt. Auf dem Rückdeckel des Buches, auf pech-schwarzem Papier und in knallig goldenen Buchstaben, fasst der Autor den Inhalt seines Werkes zusammen: „Dies ist keine frohe Botschaft“. Und auf der Titelseite, ebenfalls Gold auf Pechschwarz, ist zu lesen: „Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus“.
Auf den ersten Blick wirkt das neue Buch von Philip Pullman wie eine phantastische Geschichte: Da hat Jesus einen Zwillingsbruder mit dem Namen Christus. Er, der Jüngere, theologisch interessiert, wird zum kompetenten Beobachter seines allseits beliebten Bruders. Denn Jesus profiliert sich als erfolgreicher Heiler und Wundertäter, er ist der Prediger eines Gottes, der reine Liebe und Güte zu allen Wesen ist. Jesus glaubt zu wissen, dass sich das Reich Gottes alsbald auf Erden ausbreiten werde.

Eines Tages wird Christus von einem mysteriösen Boten besucht. Dieser befremdlich wirkende Engel fordert ihn auf, sich an der Verhaftung und Kreuzigung seines Bruders zu beteiligen. Denn, so sagt der Bote, Jesus störe einfach das religiöse Establishment. Er verwirre die Menschen mit seinen radikalen ethischen Forderungen. Christus übernimmt also die Rolle des Verräters, die in den Evangelien dem Judas zugewiesen wird. So wird er zum „Schurken“.
Soweit mag der Roman skurril erscheinen, gelegentlich ist er auch etwas spannend angesichts der mysteriösen Engel – Besuche. Man könnte den 230 Seiten langen Text als unterhaltsame Lektüre aber schnell beiseite legen. Tatsächlich aber bietet Philip Pullman einen theologischen Traktat: Jesus wird hier nicht nur als der sympathische Menschenfreund vorgeführt: Er hat, so der Autor, im Unterschied zu seinem Bruder Christus keine Absichten, eine Kirche zu gründen. Pullman lässt Jesus sagen: “Was du, mein Bruder Christus, als Organisation beschreibst, klingt wie das Werk Satans“. Damit wird ein alter Topos aufgegriffen, der von der kritischen Bibelwissenschaft durchaus untergestützt wird: Jesus dachte nicht an eine weltweit agierende Kirche. Andererseits, so die Bibelwissenschaftler, habe der historische Jesus durchaus ein besonderes, ein ausgezeichnetes Selbstbewusstsein gehabt: Er erlebte sich in besonderer Verbindung mit Gott, sah sich als der „Heilsbringer der Endzeit“. Auf Grund dieser Tatsache wurde später die Lehre verbreitet, Jesus sei Mensch und Gott in einer Person.
Diese alte Tradition stellt Pullmann grundsätzlich in Frage. Jesus wird kurz vor seinem Tod ausführlich als radikaler Ankläger Gottes dargestellt: „Du bist im Schweigen, Gott, du sagst nichts…vielleicht bist du gar nicht da“, schleudert der verzweifelte Jesus seinem früheren Gott entgegen. Hier kann der Autor auch seine fundamentale Kirchenschelte loswerden, wenn er Jesus sagen lässt: „Wirst du, Gott, die Kirchenfürsten vom Thron stoßen und ihre Paläste zertrümmern?“ In dem Machtapparat, Kirche genannt, geschehe zwar gelegentlich caritativ Gutes, meint der Autor; aber von Jesu Kritik an Herrschern und Herrschaften sei nichts mehr zu spüren. Das religionskritische Feuer Philip Pullmans, Mitglied einer humanistisch – atheistischen Vereinigung in England, wird hier besonders greifbar.
Jesus, dieser an Gott verzweifelte Mensch, wird gekreuzigt und stirbt. Und danach? Der Autor greift auf das uralte, man möchte sagen abgegriffene literarische Motiv zurück, demzufolge die Leiche Jesu gestohlen wird und verschwindet. Aber der Glaube an die Auferstehung entwickelt sich trotzdem: Denn, so will es der Autor, zufällig hält sich am Ostermorgen der Zwillingsbruder Christus in der Nähe des Grabes Jesu auf: Und diesen Christus verwechseln die frommen Jünger mit ihrem gekreuzigten Meister. Sie können nun siegesgewiss jubeln: „Der Herr lebt“. Die Auferstehung Jesu – nichts als ein Betrug, ersehnt von den leichtgläubigen Frommen. Christus denkt nicht daran, die Verwechslung der Frommen zu korrigieren; auch deswegen ist er in der Sicht des Autors ein „Schurke“.
Um seine Geschichte halbwegs rund zu beenden, schickt Pullman seinen Christus an einen weit entfernten Küstenort; dort lebt er zurückgezogen, plötzlich verheiratet, mit seiner Frau Martha zusammen. Ob er eine „Himmelfahrt“ erlebt, wird nicht verraten.
Eine gewisse Bedeutung hat dieser in England gefeierte Besteller vielleicht, weil er das Interesse wecken könnte, die vier so unterschiedlichen Geschichten von Jesus, Evangelien genannt, in der Bibel wieder einmal zu lesen. Sie sind allemal vielschichtiger und spannender. Oder man beginnt, seine eigene, persönliche Jesus Geschichte zu schreiben. Schließlich hat jeder Mensch das gute Recht, eigene Bilder und Vorstellungen von dem Mann aus Nazareth zu entwickeln. Sie wecken die Lust zu fragen: Wer war der historische Jesus denn nun wirklich? Immerhin bietet die historisch – kritische Forschung da einige sichere Hinweise.
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Philip Pullman, Der gute Herr Jesus und der Schurke Christus,
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 2011. 240 Seiten,
18,95 Euro.

Geistliche Gemeinschaften: Wie geistlich sind sie wirklich?

Der folgende Text ist die noch ungekürzte Fassung einer Ra­dio­sen­dung des Deutschlandfunks. Wir bieten das Manuskript (in der für Hörfunkproduktionen üblichen Form) zum privaten Gebrauch. Das Thema berührt auch religionsphilosophisch Interessierte wegen der Beziehungen zu aktuellen Themen der Religionskritik. C.M. Siehe auch den Kommentar am Ende des Beitrags.

DEUTSCHLANDFUNK – Köln
Redaktion Religion und Gesellschaft
Tel.: 0221 / 345 1580
Redaktion: Hartmut Kriege
STUDIOZEIT
Aus Religion und Gesellschaft
Die hochgelobten „Geistlichen Gemeinschaften“ werden mehr und mehr zur Belastung der Katholischen Kirche
Von Christian Modehn

Sendung : 23. Februar 2011
Uhrzeit : 20.10 – 20.30 Uhr Weiterlesen ⇘

Anpassung statt Résistance. Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.

Anpassung statt Résistance
Zur Kollaboration der katholischen Kirche in Frankreich.
Anlässlich des Kinofilms „Die Kinder von Paris“
Von Christian Modehn

Diesem Beitrag liegt ein Kommentar für den NDR vom 13. 2. 2011 zugrunde. Einige FreundInnen wünschten etwas ausführlichere Informationen, deswegen dieser (immer noch knappe) Text zu einem weithin unbekannten Thema….

Seit dem 10.Februar läuft in den Kinos ein bewegender, ja durchaus: ein „anrührender“ Film. Er erzählt die Geschichte jüdischer Familien, die am 16. Juli 1942, während der Nazibesetzung, in Paris verhaftet wurden. In einer Art Zwischenlager, der Halle der Radrennbahn, trieb die französische Polizei 13.000 Juden, darunter 4.000 Kinder, zusammen, bevor sie in die KZs im Osten transportiert werden.
Den Film „La Rafle“, die Razzia, haben in Frankreich bis jetzt 3 Millionen Menschen gesehen, ein riesiger Erfolg! In Deutschland wird er unter dem Titel „Die Kinder von Paris“ gezeigt.

„Ich will mit meinem Film Mitleid und Mitgefühl wecken“, betont die Regisseurin Rose Bosch, durch Emotionen könnten vor allem jüngere Menschen dazu bewegt werden, sich mit dem Grauen der Judenvernichtung gründlicher als bisher auseinanderzusetzen. Denn ganz selbstverständlich sonnen sich die meisten Franzosen noch immer in dem Glauben, ihre „Grande Nation“ habe im ganzen tapfer Widerstand geleistet gegen die Nazis und ihre Kollaborateure. Die Realität ist anders. Erst 1995 fand sich der französische Staatspräsident Jacques Chirac bereit, die von den meisten Franzosen still geduldete und akzeptierte Judenverfolgung öffentlich als die “große Schande unseres Landes“ zu nennen. Der „glorreiche General de Gaulle“ wurde also in seinem Londoner Exil nicht von einer großen Volksbewegung unterstützt, die meisten Franzosen waren Mitläufer, und oft auch Mittäter.
Es ist also höchste Zeit, die viel beschworene „Résistance“, den Widerstand gegen das nazifreundliche Regime des General Pétain realistisch wahrzunehmen; auch dazu fordert der Film auf: Da kümmert sich etwa die historisch verbürgte Gestalt der Krankenschwester Annette Monod um die drangsalierten Juden in der Radrennbahn. Ausdrücklich wird sie in dem Film als Protestantin vorgestellt; ein Hinweis, dass sich die kleine Kirche der Calvinisten viel deutlicher als die Katholische Kirche den Nazis und ihren Kollaborateuren widersetzte. General de Gaulle lobte schon im Juni 1945 die Protestanten, sie hätten „die klare Vision für die Interessen der Nation bewahrt und Widerstand geleistet“.
In der katholischen Kirche gab es auch einige Mitglieder der Résistance, wie den späteren, weltberühmten Sozialpriester „Abbé Pierre“ oder den Jesuiten Pierre Chaillet, der mitten in der Résistance die (immer noch bestehende) Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“ gündete.
Aber es ist doch bezeichnend, dass sich die Bischöfe Nordfrankreichs eine Woche nach der Verhaftung der Juden in Paris ausdrücklich weigerten, gegen die Deportationen zu protestieren. So wollten sich die Oberhirten das Regime bei Laune halten, hatte sich doch Staatschef Pétain als Förderer der katholischen Schulen gezeigt; Kreuze hingen wieder in öffentlichen Gebäude: Welch ein Erfilg! Hatte Pétain doch versprochen, den antiklerikalen, den so genannten freimaurerischen und sozialistischen Ungeist der Republik zu vertreiben. Pétain mit seiner Nazi – freundlichen Regierung in Vichy wurde katholischerseits ganz offiziell als Geschenk der Vorsehung gepriesen, „Pétain arbeitet an der Auferstehung Frankreichs“, betonte etwa der Erzbischof von Aix en Provence. Die Katholiken hatten endlich ihre eigene, ihre klerikal gefärbte Revolution, nach der Abgrund tiefen Ablehnung der „großen Revolution von 1789“ war Pétain und co. ein Lichtblick. Der Publizist Jacques Duquesne nennt in seiner Studie „Les catholiques francais sous l occupation“ zahllose ähnliche Beispiele: In der Wallfahrtskirche von Annonay wurde gar ein Bild Pétains aufgestellt; in einer katholischen Schule im Département Lot begann der Unterricht mit einem Gebet: „Unter den Augen Gottes unseres Vaters, gehorsam den Weisungen des Marschalls Pétain gehen wir Kinder Frankreichs an die Arbeit – für die Familie, das Vterland“. Der katholische Dichter Paul Claudel schrieb gar eine Ode an den Marschall, darin heißt es u.a. „Frankreich, höre diesen alten Mann, der sich mit dir befasst und der zu dir spricht wie ein Vater…“ Kardinal Baudrillart, Chef der Katholischen Universität on Paris, lobte gar die Kollaboration mit den Nazis, weil nur so der Kommunismus besiegt werden könnte. Und Monsignore Moncelle scheute sich nicht, Marschall Petain und sein Regime, in den Worten des Johannes Evangeliums „als Weg, Wahrheit und Leben“ zu rühmen.
Das autoritäre und antisemitische Regime wurde allgemein mit einem Glorienschein ausgestattet. So ist es kein Wunder, dass nach der Befreiung durch de Gaulle lange Listen unerwünschter (weil kollaborierender) Bischöfe verbreitet wurden, auch der Name des Pariser Kardinals Emmanuel Suhard stand darauf. Aber weil sich der Papst einschaltete, wurden letztlich nur neun von 20 Bischöfen ihrer Ämter enthoben. Eine wirkliche „Reinigung“ der katholischen Kirche vom antisemitischen und antirepublikanischen Ungeist hat nicht stattgefunden. Es gab nur zwei Bischöfe, die mit der Résistance zusammenarbeiteten: Erzbischof Saliège von Toulouse und Bischof Théas von Montauban, er war einer der Mitbegründer der katholischen Friedensbewegung Pax Christi.
Einige tausend französische Juden haben ihr Leben retten können; couragierte Nachbarn fanden sich bereit, sie zu verstecken. Aber dieser Widerstand der kleinen Leute, vielleicht auch der Katholiken an der Basis, widersprach der offiziellen bischöflichen Linie. Die globale Sympathie der katholischen Kirchenführung für Pétain und seine Nazi-Freunde ist um so erstaunlicher, als der viel geliebte Marschall alles andere als ein – in offizieller Sicht – vorbildlicher Katholik gelten konnte. Er war mit der von den Päpsten verbotenen „Action Francaise“ verbunden und mit deren Chefideologen Charles Maurras. Die Spezialisten für diese Fragen, die Historiker F. und R. Bédarrida, schreiben: „Die Hierarchie ging das Wagnis ein, als eines der wichtigsten Elemente im Vichy – Regime zu erscheinen. Die Katholiken sollten dem Programm der „Nationalen Revolution“ zustimmen. In der Praxis lief diese Haltung auf eine gleichsam unbedingte Unterwerfung der Kirche unter die Macht Pétains hinaus“.

Bis heute sind in dem weiten Sympathisantenumfeld der so genannten Piusbrüder die Freunde Pétains und seiner Nazi – Kollaborateure zu finden. Diese Kreise sollen, so will es ausdrücklich Papst Benedikt XVI. mit der römischen Kirche wieder voll versöhnt und integriert werden. Einen der deutlichsten Sympathisanten dieser Kreise, den einstigen Pius Bruder Abbé Laguerie, hat Benedikt XVI. wieder in die offizielle römische Kirche aufgenommen und ihn einen eigenen Orden, die Brüder vom Guten Hirten ( L institut du Bon Pasteur) in Bordeaux gründen lassen. Der Papst ist glücklich: Diese „guten Hirten“ stellen jetzt viele junge Priester, das ist ja für den Papst bekanntlich am aller wichtigsten…(Hübsche Bilder dieser Herren findet man im Internet).

Zahlreiche Informationen zu diesem Text beziehen sich auf mein Buch „Religion in Frankreich“, Gütersloher Verlagshaus, 1993. Das Buch kann noch antiquarisch bezogen werden.